Chapter 6 of 24 · 3880 words · ~19 min read

Part 6

Zwei Tage später bekam ich vierzehn Tage Gefängnis wegen Eisenbahnbetrugs. Hätte ich gesagt Amerikaner, so würden sie vielleicht herausgekriegt haben, daß ich bereits vorbestraft war wegen Eisenbahnbetrugs, und dann wäre es teurer geworden. Aber meinen Namen erzählte ich ihnen ja auch nicht. Es hat seine Vorteile, wenn man keinen Paß und keine Seemannskarte hat, die jemand in den Taschen finden könnte.

Als die Tage der Vorbereitungen abgelaufen waren, wurde ich der Arbeitskolonne zugewiesen. Da waren kleine merkwürdige Dinger, die aus Weißblech gestanzt waren. Wozu die gebraucht wurden, wußte kein Mensch, nicht einmal die Aufsichtsbeamten wußten es. Manche behaupteten, es sei ein Teil eines Kinderspielzeugs, andre sagten, es sei ein Teil eines Panzerschiffes, wieder andre waren überzeugt, daß es zu einem Auto gehöre, und einige schworen und verwetteten hereingeschmuggelten Tabak, daß dieser Blechschnipsel ein wichtiges Stück von einem lenkbaren Luftschiff sei. Ich war der festen Meinung, daß es zu einer Taucherausrüstung gehören müsse. Wie ich zu dieser Auffassung kam, weiß ich nicht. Aber die Idee hatte sich in mir festgesetzt, und ich hatte auch irgendwo einmal gelesen, daß an Taucherausrüstungen eine ganze Anzahl von Dingen gebraucht würde, die man sonst nirgends gebrauchen könne.

Von diesen merkwürdigen Blechschnipseln hatte ich immer hundertvierundvierzig abzuzählen und auf einen Haufen zu legen. Wenn ich einen Haufen fertig abgezählt und neben mir liegen hatte und einen andern Haufen anfangen wollte, kam der Aufsichtsbeamte und fragte mich, ob ich auch ganz genau wüßte, daß dies hundertvierundvierzig Schnipselchen seien, und ob ich mich auch ja nicht etwa verzählt hätte.

„Ich habe ganz genau gezählt, es sind genau hundertvierundvierzig.“

„Ist das auch ganz bestimmt, kann ich mich ganz bestimmt darauf verlassen?“

Er sah mich so sorgenvoll an, als er diese Frage an mich stellte, daß ich aufrichtig zu zweifeln begann, ob das auch wirklich und wahrhaftig hundertvierundvierzig Schnipselchen seien, und ich sagte, es sei vielleicht doch besser, ich zähle sie nochmal nach. Darauf sagte der Beamte, das sollte ich nur tun, es sei auf jeden Fall besser, damit auch ja kein Irrtum vorkomme; denn wenn sie nicht ganz genau gezählt seien, so gäbe das eine Mordsschweinerei, und er könnte vielleicht gar seinen Posten hier verlieren, was ihm sehr unangenehm wäre, weil er drei Kinder und eine alte Mutter zu versorgen hätte.

Als ich nun das Häufchen das zweite Mal durchgezählt hatte und gefunden hatte, daß die Summe stimmte, kam gerade wieder der Beamte heran. Ich sah, daß er sein Gesicht wieder in besorgte Falten legte, und um ihm den Kummer zu sparen und ihm zu zeigen, wie sehr ich an seinen Sorgen teilnahm, sagte ich, ehe er Zeit hatte, den Mund aufzutun: „Ich glaube, ich zähle lieber noch mal nach; ich könnte mich vielleicht doch um einen oder gar zwei verzählt haben.“

Über sein sorgenvolles Gesicht huschte da ein so verklärtes Lächeln, als ob ihm jemand erzählt hätte, er bekäme in vier Wochen eine Erbschaft von fünfzigtausend Franken ausgezahlt.

„Ja, tun Sie das nur, um Gottes willen, zählen Sie lieber nochmal genau nach. Denn wenn da ein Schnipsel zu viel wäre oder eines zu wenig und der Herr Direktor würde mich zum Rapport kommandieren, ich weiß nicht, was ich da täte. Ich würde ganz sicher meinen Posten verlieren, und da sind die armen Würmer, und meine Frau ist auch nicht ganz wohlauf, und da ist noch meine alte Mutter. Oh, zählen Sie nur ganz genau hundertvierundvierzig, genau zwölf Dutzend. Vielleicht zählen Sie die Schnipselchen überhaupt Dutzendweise, da können Sie sich nicht so leicht verzählen.“

An dem Tage, als ich entlassen wurde und meine Zeit abgedient hatte, hatte ich alles in allem drei Häufchen Schnipselchen gezählt. Ich weiß heute noch nicht, ob ich mich nicht doch vielleicht bei einem verzählt haben mag. Aber ich hege die stille Hoffnung, daß der treue Beamte und brave Versorger seiner Familie die drei Häufchen noch einmal zwei Wochen lang hat nachzählen lassen, so daß ich also nicht die Verantwortung zu tragen habe, wenn der Mann vielleicht doch zum Rapport kommandiert wird.

Ich bekam vierzig Centimes Arbeitslohn ausbezahlt. Eins ist sicher, wenn ich noch zweimal ohne Fahrkarte auf einer französischen Bahn fahre und erwischt werde, muß der französische Staat unweigerlich bankrott machen. Das hält kein Staat aus, auch wenn er viel günstiger dastände als Frankreich.

Das möchte ich diesem Staate auch nicht antun, und ich möchte mir auch nicht nachsagen lassen, daß ich vielleicht gar schuld sei, wenn der französische Staat seine gepumpten Gelder nicht verzinsen kann.

Darum mußte ich raus aus diesem Lande.

Das heißt, ich will nicht verschweigen, daß es nicht nur meine Sorge um das Wohlergehen und das geregelte Zinsenbezahlen des französischen Staates war, was mich veranlaßte, an eine beschleunigte Abreise zu denken. Bei meiner Entlassung war ich wieder einmal verwarnt worden. Diesmal sehr ernsthaft. Wäre ich innerhalb vierzehn Tagen nicht raus aus dem Lande, dann bekäme ich ein Jahr und Deportation nach Deutschland. Das hätte den armen Staat wieder allerlei gekostet, und ich bekam aufrichtiges Mitleid mit diesem geplagten Lande.

13

Ich wanderte südlich, auf Pfaden, die so alt sind wie die Geschichte der europäischen Völker. Ich blieb nun bei meiner neuen Nationalität. Und wenn mich jemand fragte, sagte ich ganz trocken: „Boche.“ Es nahm mir niemand übel, ich bekam überall zu essen und überall ein gutes Nachtquartier, bei jedem Bauern. Es schien, daß ich instinktiv das Richtige getroffen hatte. Niemand konnte die Amerikaner leiden. Jeder schimpfte und fluchte auf sie. Sie seien die Räuber, die aus dem Blute französischer Söhne ihre Dollar gemünzt hätten, und sie seien die Halsabschneider und Wucherer, die nun aus den Sorgen und Tränen der übriggebliebenen Väter und Mütter abermals Dollar herausmünzen wollen, weil sie nie den Rachen vollkriegen könnten, obgleich sie im Golde schon erstickten. Wenn wir nur einen hier hätten, einen von diesen amerikanischen Wucherern, wir schlügen ihn mit dem Dreschflegel tot wie einen alten Hund, weil er wahrhaftig nichts Besseres verdient.

Verflucht nochmal, da habe ich aber Glück gehabt.

„Dagegen die Boches. Gut, wir haben Krieg mit ihnen gehabt, einen ehrlichen und richtigen Krieg. Wir haben ihnen Elsaß wieder abgenommen. Da sind sie auch ganz damit einverstanden, das haben sie eingesehen. Nun aber geht es den armen Teufeln genau so dreckig wie uns. Auch die hat der amerikanische Hund am Schlafittchen und holt noch den letzten abgenagten Knochen heraus. Die verhungern ja alle, die armen Boches. Wir würden ihnen so gern etwas abgeben, aber wir haben ja selber nur noch das nackte Leben, weil der Teufel von Amerikaner uns schon das Hemd vom Leibe gezogen hat. Warum ist er überhaupt rübergekommen nach Europa? Uns zu helfen? Prost Mahlzeit! Um uns den letzten Faden noch vom Leibe zu ziehen. Denn wir müssen ja alles bezahlen. Wir und die armen Boches.“

„Sieht man ja an Ihnen, wie dreckig es den armen Boches geht. Ganz verhungert sehen Sie aus. Essen Sie nur tüchtig, langen Sie zu. Nehmen Sie sich das beste Stück. Wenn es Ihnen nur schmeckt. Wenn sie drüben alle so verhungert sind wie Sie, dann gute Nacht. Aber wir haben ja selber nicht viel. Wo wollen Sie denn nun hin? Nach Spanien? Das ist recht. Das ist vernünftig. Die haben noch etwas mehr als wir. Die haben keinen Krieg gehabt. Aber die hat ja der Amerikaner auch so reingelegt mit Kuba und mit den Philippinen. Da sehen Sie es ja schon wieder. Immer stiehlt er uns arme Europäer aus. Als ob er drüben nicht genug hätte. Nein, er muß hier stehlen und wuchern kommen. Langen Sie nur tüchtig zu. Lassen Sie sich durch uns nicht stören, daß wir schon aufhören. Wir haben ja noch ein bißchen was und können uns wenigstens hin und wieder mal satt essen. Aber, ihr armen Boches da drüben, euch verhungern ja die kleinen Würmchen in der Wiege.“

„Und wenn nun gar hier ein armer Teufel sich das Geld zusammengespart hat und will rüber zu den Amerikanern, um sich ein paar Dollar zu verdienen, die er seinen Eltern schicken will, da machen sie die Türe zu, diese Banditen. Erst stehlen sie das Land von den armen Indianern, und wenn sie es haben, dann lassen sie keinen mehr rein, nur damit sie ja ganz im Fett ersticken können, die verfluchten Hunde. Als ob sie dem, der überfährt, was schenken würden. Arbeiten muß er, aber feste. Die schlechteste Arbeit, die kein Amerikaner anfassen will, die können dann unsre Jungens machen.“

„Wissen Sie was, Sie könnten eigentlich hier ein paar Wochen ganz gut arbeiten. Da können Sie sich ordentlich herausfüttern, daß Sie wieder zu Kräften kommen, denn Spanien ist noch weit. Mon dieu, viel bezahlen können wir ja nicht, dreißig Franken den Monat, acht Franken die Woche und die Kost und das Schlafen. Vor dem Kriege war der Lohn nur drei Franken die Woche, aber es ist ja jetzt alles so sündhaft teuer. Wir haben auch während des Krieges einen Boche hier gehabt. Einen Kriegsgefangenen. Er war ein so fleißiger Mann, wir waren alle recht traurig, als er wieder heim mußte. Sag, Antoine, der Wil’em, der Boche, der war doch ein sehr fleißiger Mann. Der hat tüchtig gearbeitet. Wir haben ihn auch alle sehr gern gehabt, und die andern Leute haben auch immer geredet, daß wir ihn zu gut behandeln, aber wir haben ihm doch alles gegeben, was wir konnten. Er hat dasselbe Essen gehabt wie wir, da haben wir keinen Unterschied gemacht ...“

Da arbeitete ich also nun, und ich lernte bald erfahren, daß der Wil’em wirklich ein tüchtiger Arbeiter gewesen sein muß. Denn ich hörte jeden Tag ein halbes dutzendmal: „Ich weiß nicht, der Wil’em muß aus einer ganz andern Gegend gewesen sein als Sie. So können Sie nicht arbeiten wie der Wil’em. Habe ich nicht recht, Antoine?“

Und Antoine bestätigte: „Ja, er ist sicher aus einer ganz andern Gegend, denn so kann er nicht arbeiten, wie der Wil’em es konnte. Aber es gibt wohl auch unter den Boches Unterschiede, genau so wie bei uns.“

Der ewige Vergleich mit dem tüchtigen Wil’em, der sicher mehr von der Landwirtschaft verstand als ich, und der gewiß auch darum so „tüchtig“ arbeitete, weil er lieber hier bei den Bauersleuten blieb als in das Internierungslager zurückgeschickt werden oder in Algier Straßen pflastern wollte, fiel mir bald auf die Nerven. Selbst wenn ich nur halb soviel gearbeitet hätte, wäre es noch um das Dreifache zuviel gewesen. So billig bekam der Bauer nie wieder einen Arbeiter. Acht Franken in der Woche. Andre Bauern hatten zwanzig, fünfundzwanzig, dreißig Franken die Woche zu zahlen. Ich bekam acht. Ich war ja auch der verhungerte Boche, der herausgefüttert werden sollte.

Als ich dann abzog, weil ich erklärte, ich müßte nun unbedingt nach Spanien, ich könne auf keinen Fall mehr länger warten, und vielleicht käme gar noch die Polizei, die es mir verbieten würde, hier zu arbeiten, da bekam ich für meine Arbeit von sechs Wochen im ganzen zehn Franken. Der Bauer sagte mir, daß er nicht mehr Geld habe. Wenn ich vielleicht nach Neujahr zurückkommen wolle, dann könne er mir den Rest zahlen, weil er dann das Geld bekäme für die Ernte, aber jetzt habe er weiter kein Geld. Ich sähe jetzt auch wieder ganz gesund aus, es habe mir doch gut getan, dieses kräftige Essen, das ich hier bekommen habe, und totgearbeitet hätte ich mich ja auch nicht, der Wil’em –.

„Ja,“ sagte ich darauf, „der Wil’em war auch aus Westfalen, ich bin aber aus Südfalen und da braucht man nicht so hart arbeiten, weil alles von selbst wächst, da ist man so schwere Arbeit nicht gewöhnt.“

„Das ist ja dann ganz verständlich“, sagte der Bauer. „Von Südfalen habe ich auch schon viel gehört. Das ist doch das Großherzogtum, wo die vielen Bernsteinbergwerke sind?“

„Richtig,“ sagte ich, „das ist der Landesteil, wo die vielen Hochöfen sind, in denen der Königsberger Klops geschmolzen wird.“

„Was? Der Königsberger Klops wird aus Eisen gemacht? Ich habe immer geglaubt, der wird aus gemahlener Steinkohle hergestellt.“

„Das ist der gefälschte. Der wird allerdings aus gemahlener Steinkohle gemacht“, erwiderte ich. „Da haben Sie durchaus recht, aus gemahlener Steinkohle mit eingedicktem Schwefelteer. Aber der richtige, der echte Königsberger Klops, der wird in Hochöfen geschmolzen, der ist viel härter als der härteste Stahl. Damit haben ja unsre Generale die Torpedos gefüllt, mit denen sie die Panzerschiffe versenkten. Ich habe selbst an einem solchen Hochofen gearbeitet.“

„Ihr seid doch schlaue Leute, das muß ich schon sagen“, erwiderte der Bauer. „Wir haben ja nun den Krieg gewonnen, und das nehmen wir euch nicht übel. Und der Krieg ist ja jetzt auch vorbei. Warum sollen wir da noch böse miteinander sein. Dann lassen Sie es sich nur recht gut gehen in Spanien.“

Gelegentlich will ich doch einen Deutschen fragen, was eigentlich Königsberger Klops ist. Jeder, den ich gefragt habe, hat mir immer etwas andres erzählt, aber freilich keiner war ein Deutscher.

14

Die Gegend wurde ziemlich einsam, alles Gebirgsland. Klettern und Klettern. Die Bauern wurden immer geringer und die Hütten immer ärmlicher. Wasser reichlich und das Essen knapp und dürftig. Nachts recht hübsch kalt und selten eine Decke und oft nicht einmal einen Sack. Der Einmarsch in Sonnenländer ist immer mühselig, das haben nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Völker erfahren. „Die Grenze ist jetzt nicht mehr weit“, war mir am Morgen gesagt worden, als ich den Hirten verließ, in dessen elender Hütte ich geschlafen hatte, und der sein bißchen Käse, Zwiebeln, Brot und dünnen Wein mit mir geteilt hatte.

Dann war ich auf einer Straße, die an den Bergen hochklomm und wieder hinunterging in die Täler, nur um abermals hochzuklimmen und wieder hinunterzuführen.

Und auf dieser Straße kam ich endlich an ein großes hochgewölbtes Tor, das sehr altertümlich aussah. Zu beiden Seiten des Tores zog sich eine Mauer hin, die ebenso graugelb und alt aussah wie das Tor. Es schien, daß diese Mauer ein großes Gut einschlösse. Die Straße führte direkt unter dem Torbogen her.

Um auf der Straße weiterzukommen, gab es gar keinen andern Weg, als durch das Tor zu gehen. Ich hoffte, daß die Straße über den Gutshof führe, an der gegenüberliegenden Seite ein ähnliches Tor sein werde, durch das man dann wieder auf die Straße komme.

Ich ging drauf los, ging durch das Tor und wanderte geradeaus weiter, ohne jemand zu sehen.

Plötzlich aber kommen zwei französische Soldaten mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett aus irgendeinem Winkel hervor, kommen auf mich zu und fragen mich nach einem Paß. Hier scheinen also sogar die Soldaten nach der Seemannskarte zu fragen.

Ich erkläre ihnen, daß ich keinen Paß hätte. Dann sagen sie aber, daß sie nicht meinen Reisepaß sehen wollten, der kümmere sie nicht, sie möchten lediglich meinen Paß sehen, der vom französischen Kriegsministerium in Paris ausgefertigt sei und mir das Recht gebe, hier in den Festungswerken ohne Begleitung herumzulaufen.

„Das habe ich nicht gewußt, daß dies hier Festungswerke sind“, sage ich, „ich bin immer auf der Straße geblieben und habe geglaubt, das sei der Weg zur Grenze.“

„Die Straße zur Grenze biegt eine Stunde vorher rechts ab. Da war ein Schild. Haben Sie das nicht gesehen?“

„Nein. Das Schild habe ich nicht gesehen.“

Ich erinnere mich jetzt, daß ich eine Straße rechts abbiegen sah. Ich erinnere mich aber auch, daß ich eine ganze Anzahl von Straßen in den letzten Tagen rechts und links abbiegen sah. Aber ich hielt es für besser, immer in der geraden Richtung fortzugehen, die nach Süden führt. Das war für mich die Zielrichtung. Ich habe so viele Schilder gesehen. Aber was gingen mich denn die Schilder alle an? Wenn sie die Namen eines Ortes nannten, so wußte ich ja nicht, ob der Ort näher zur Grenze lag oder weiter. Am Ende wäre ich immer im Kreise herumgelaufen und nie nach Spanien gekommen, wenn ich allen Schildern nachgelaufen wäre. Eine Karte, auf der ich die Ortsnamen hätte ablesen können, besaß ich ja nicht.

„Wir müssen Sie zum wachthabenden Offizier bringen.“ Die beiden Soldaten nahmen mich in ihre Mitte und führten mich ab.

Der wachthabende Offizier war ein noch junger Mann. Er wurde sehr ernst, als er hörte, was los sei.

Dann sagte er: „Sie müssen erschossen werden. Innerhalb vierundzwanzig Stunden. Laut Kriegsgrenzgesetz. Artikel –“, hier nannte er eine Nummer, die mich nicht interessierte.

Als der junge Offizier das sagte, wurde er ganz bleich und konnte kaum die Worte hervorbringen. Er mußte sie hervorwürgen.

Ich durfte mich setzen, aber die beiden Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett blieben neben mir stehen. Der junge Offizier nahm einen Bogen Papier her und versuchte zu schreiben. Aber er war zu aufgeregt und mußte es sein lassen. Endlich nahm er sich aus seinem silbernen Etui eine Zigarette. Er wollte sie in den Mund stecken, aber sie fiel ihm herunter, und ich sah, wie seine Hände zitterten. Um es zu verbergen, nahm er abermals eine Zigarette heraus und brachte sie nun mit einer ganz steifen langsamen Armbewegung in den Mund. Das Zündholz ging ihm dreimal aus. Ehe er das vierte anstrich, fragte er mich: „Rauchen Sie?“ Dann drückte er auf einen Knopf, und es kam eine Ordonnanz, der er den Befehl gab, zwei Pakete Zigaretten aus der Kantine zu holen, auf seinen Namen. Ich bekam dann die Zigaretten und durfte rauchen, während die beiden Soldaten neben mir standen wie Götzenbilder und sich nicht rührten.

Als sich der Offizier beruhigt hatte, nahm er ein Buch, suchte darin herum und las einzelne Stellen. Dann nahm er wieder ein andres Buch und las auch in diesem, verschiedene Stellen aufsuchend und sie mit andern vergleichend.

Es war merkwürdig. Ich, der ich doch das Opfer war, empfand nicht eine Spur von Aufregung. Als der Offizier mir sagte, daß ich innerhalb vierundzwanzig Stunden erschossen werden müsse, machte das auf mich keinen tieferen Eindruck, als ob er gesagt hätte: „Machen Sie, daß Sie hier herauskommen, aber schleunigst.“

Es ließ mich kalt wie Pflasterstein.

Im Grunde und ganz ohne Scherz gesprochen, war ich ja schon lange tot. Ich war nicht geboren, hatte keine Seemannskarte, konnte nie im Leben einen Paß bekommen, und jeder konnte mit mir machen, was er wollte, denn ich war ja niemand, war offiziell überhaupt gar nicht auf der Welt, konnte infolgedessen auch nicht vermißt werden. Wenn mich jemand erschlug, so war kein Mord verübt worden. Denn ich fehlte nirgends. Ein Toter kann geschändet, beraubt werden, aber nicht ermordet.

Das freilich sind konstruierte Einbildungen, die gar nicht möglich, ja sogar ein Zeichen von Wahnsinn wären, wenn es keinen Bureaukratismus, keine Grenzen, keine Pässe gäbe. Im Zeitalter des Staates sind noch ganz andre Dinge möglich und können noch ganz andre Dinge aus dem Universum ausgewischt werden als ein paar Menschen. Die intimsten, die ursprünglichsten Gesetze der Natur können ausgewischt und abgeleugnet werden, wenn der Staat seine innere Macht vergrößern und vertiefen will auf Kosten des einen, des einzelnen, der das Fundament des Universums ist. Denn das Universum ist aufgebaut aus Individuen, nicht aus Herden. Es besteht durch das Gegeneinanderwirken von Individuen. Und es bricht zusammen, wenn die freie Beweglichkeit der einzelnen Individuen beschränkt wird. Die Individuen sind die Atome des Menschengeschlechts.

Vielleicht auch blieb die angekündigte Erschießung darum ohne jeden Eindruck auf mich, weil ich das schon einmal durchgekostet hatte und damals mit allen Grauen, die damit verknüpft sind. Aber Wiederholungen schwächen ab, selbst wenn es sich um wiederholte Todesurteile handelt. Einmal davongekommen, kommst du immer davon.

Was auch das Motiv meiner schwachen Empfindung gegenüber der angedrohten Todesstrafe sein mochte, jedenfalls war es mir ganz ausgelaugter Kaffeesatz.

„Haben Sie Hunger?“ fragte jetzt der Offizier.

„Aber tüchtig, das können Sie mir glauben“, sagte ich.

Der Offizier wurde über und über rot und fing laut an zu lachen.

„Sie haben Nerven!“ sagte er unter Lachen. „Haben Sie geglaubt, ich scherze?“

„Womit?“ fragte ich. „Doch nicht etwa mit dem angebotenen Essen? Das wäre mir gar nicht lieb.“

„Nein,“ antwortete der Leutnant, und er wurde ein wenig ernster, „mit dem Erschießen.“

„Das habe ich so ernst genommen, wie Sie es meinten. Wortwörtlich. Wenn das in Ihrem Gesetz steht, dann müssen Sie das auch tun. Aber Sie haben doch auch gesagt, laut Gesetz innerhalb vierundzwanzig Stunden. Jetzt ist doch erst eine Viertelstunde um, und Sie denken doch nicht etwa, daß ich die übrigen dreiundzwanzig und dreiviertel Stunden hungere, nur des Erschießens wegen. Wenn Sie mich erschießen wollen, können Sie mir auch etwas Gutes zu essen geben. Das will ich Ihrem Staat denn doch nicht schenken.“

„Sie sollen was Gutes zu essen haben. Werde ich anordnen. Sonntagsessen für Offiziere, Doppelportion.“

Da will ich doch sehen, was französische Offiziere Sonntags essen. Mich zu vernehmen oder mich nach meiner Seemannskarte zu fragen, hielt der Offizier für nicht nötig. Endlich hatte ich einmal einen Menschen getroffen, der nichts über meine Privatverhältnisse wissen wollte. Nicht einmal meine Taschen wurden durchsucht. Aber der Leutnant hatte recht, wenn das Erschießen feststand, so lohnte es nicht die Mühe, Vernehmungen zu machen und Taschen durchzuwühlen. Das Resultat war ja immer dasselbe.

Es dauerte eine gute Weile, ehe ich mein Essen bekam. Dann wurde ich in einen andern Raum geführt, wo ein Tisch stand, der mit einer Tischdecke bedeckt war, auf der die Gerätschaften in verlockender Weise aufgestellt waren, die mir das Essen erleichtern und verschönern sollten. Es war nur für eine Person gedeckt, aber Teller, Gläser, Messer, Gabeln und Löffel waren in einer solchen Menge vorhanden, daß sie gut für sechs Personen reichen konnten.

Meine Wachtposten waren inzwischen abgelöst worden; ich hatte zwei neue bekommen. Einer stand jetzt an der Tür und einer hinter meinem Stuhl. Beide mit aufgepflanztem Bajonett, Gewehr bei Fuß. Draußen vor den Fenstern sah ich aber auch noch zwei auf und ab patrouillieren mit geschultertem Gewehr. Ehrenwachen.

Sie brauchten keine Angst zu haben, sie hätten ruhig Karten spielen gehen können in die Kantine; denn solange ich nicht das Sonntagsessen für Offiziere, Doppelportion, innerhalb meines Leders hatte, wäre ich nicht einen Schritt fortgegangen.

Nach den vielen verschiedenen Messern, Gabeln, Löffelchen, großen Tellern, kleinen Tellern, Glastellerchen und großen und kleinen Wein- und Likörgläsern zu urteilen, die vor mir standen, mußte ich ja etwas erwarten, wovon mich auch eine dreifache Todesstrafe nicht hätte verscheuchen können. Verglichen mit jenem Napf, in dem ich meine belgische Henkersmahlzeit vorgesetzt bekommen hatte, stand mir hier kein Kartoffelsalat mit Leberwurst bevor. Ich hatte nur eine einzige Sorge, und das war die, ob ich auch alles werde essen können, ob ich nicht etwa werde irgend etwas liegen lassen müssen, das mir die letzte Stunde meines Daseins mit den Folterqualen bitterer Reue anfüllen könnte, weil ich unausgesetzt daran denken müßte, wie es nur möglich war, daß ich gerade das liegen ließ.

Endlich wurde es ein Uhr und endlich auch einundeinhalb Uhr. Und da tat sich die Tür auf und das Fest begann.

Zum ersten Male in meinem Leben lernte ich erfahren, was für Barbaren wir sind, und was für kultivierte Leute die Franzosen sind, und ich lernte ferner erfahren, daß die Nahrungsmittel des Menschen nicht gekocht, gebraten, geschmort, geröstet oder gebacken werden dürfen, sondern daß sie zubereitet werden müssen, und daß dieses Zubereiten eine Kunst ist, ach nein, keine Kunst, es ist eine Gabe, die einem Begnadeten und Auserlesenen in die Wiege gelegt wird, wodurch er Genie wird.

Auf der Tuscaloosa war das Essen gut, vorzüglich. Aber nach dem Essen konnte ich immer sagen, was es gegeben hatte. Das konnte ich hier nicht. Was es hier gab, und wie es schmeckte, das war wie ein Gedicht, bei dem man träumt, und bei dem man in Seligkeiten versinkt, und wenn man später gefragt wird: „Wovon handelte es denn?“ man zu seinem größten Erstaunen bekennen muß, daß man darauf nicht geachtet habe.