Part 17
Das Sprachengewirr unter den Angehörigen der verschiedenen Nationen, die auf der Yorikke fuhren, machte eine gemeinsame Sprache notwendig. Da jeder, wenn er nur ein paar Wochen fährt, einige englische Brocken weiß und gleich mitbringt, so ergibt sich ganz von selbst das Englisch als Kommando- und Umgangssprache.
Da ist das Wort First-Mate, Erster Offizier, das die meisten wissen, und da ist das Wort Money, das jeder weiß.
Nun aber kommt die lebendige Entwicklung, eine Sprachentwicklung, wie sie sich nicht nur auf der Yorikke zeigte, sondern wie sie sich in ganzen Völkern zeigt und von jeher gezeigt hat.
Mate wird in London-West ganz anders ausgesprochen als in London-Ost, und der Amerikaner spricht achtzig Prozent der Worte anders aus als der Engländer, und sehr viele schreibt er auch ganz anders und verwendet sie in ganz andern Ideenverbindungen.
Der Zimmermann hat das Wort First-Mate nie in England gehört, sondern von einem Schweden, der das Wort von einem Seemann aus London-Ost gehört hatte. Der Schwede konnte es schon selbst nicht richtig aussprechen, außerdem hatte er es noch in dem üblen Petty-coat-lane oder Cockney-Dialekt gehört, den er für die richtige und allein gültige Aussprache halten mußte, weil er ja das Wort von einem Engländer vernommen hatte. Wie das Wort nun von dem Zimmermann ausgesprochen wurde, kann man sich vielleicht vorstellen. Ein Spanier bringt die Aussprache des Wortes Money, ein Däne bringt Coal, ein Holländer Bread, ein Pole Meal, ein Franzose Thunder und ein Deutscher Water.
Das Wort First-Mate läuft durch alle Stadien der Laute, die ein Mensch geben kann: Feist-Moat, Fürst-Meit, Forst-Miet, Fisst-Määt und noch so viel mehr als Leute auf der Yorikke sind. Nach einer kurzen Zeit aber schleifen sich die verschiedenartigen Aussprache-Färbungen gegeneinander ab und es kommt zu einer einheitlichen Aussprache, in der sich alle die Tonfarben wiederfinden in abgeschwächter Form. Wer neu hinzukommt, selbst wenn er genau weiß, wie das Wort richtig ausgesprochen wird, ja selbst wenn er Professor der Phonetik in Oxford wäre, muß das Wort Yorikkisch aussprechen, wenn er zu jemand den Befehl bringen soll, daß der First-Mate ihn zu sehen wünsche, weil der Mann sonst gar nicht wüßte, was man von ihm wolle. Der Professor merkt nach kurzer Zeit gar nicht mehr, daß er die Worte Yorikkisch ausspricht, weil er sie nur in dieser Form hört und sie sich in dieser Form in sein Gedächtnis einprägen. Von den Vokalen bleibt nicht viel an richtiger Aussprache übrig, aber von den Konsonanten bleibt genug übrig, um das Wort nach einigem Hinhören doch zu verstehen. Dadurch bleibt die Sprache immer Englisch in ihrem Skelett und kann auf jedes andre Schiff übertragen werden. Gäbe es keine Buchdruckerkunst, so würde es so viele ganz selbständige Sprachen geben wie es Dialekte gibt. Hätten die Amerikaner nicht die gleiche Schriftsprache wie die Engländer, würde heute die Sprache der beiden Völker ebenso verschieden sein wie die Sprache der Holländer und der Deutschen.
Der Seemann ist, soweit die Sprache in Frage kommt, nie verlegen. An welche Küste er auch geworfen werden mag, er kann sich zurechtfinden und kann sich verständlich machen. Und wer eine Yorikke überwinden und überleben kann, den kann nichts mehr in Schrecken versetzen, für ihn ist nichts unmöglich.
36
Stanislaw wurde nur von mir und den Heizern Stanislaw oder Lawski gerufen. Alle übrigen, auch die Offiziere und Ingenieure riefen ihn Pole, manche Pollack. Die Mehrzahl der Leute wurden nach ihrer Nationalität gerufen: He, Spanier oder Russ oder Holländer. Und das war ein ironischer Witz des Schicksals. Ihre Nation verleugnete sie und stieß sie von sich, auf der Yorikke war ihre Nation ihre ganze Persönlichkeit. Jeder, der auf einem Schiff angezeichnet werden soll, wird zum Konsul gebracht, zum Konsul jenes Staates, unter dessen Flagge des Schiff fährt. Der Konsul hat die Anmusterung zu bestätigen und zu registrieren. Er prüft die Papiere des Seemanns, und wenn ihm die Papiere nicht gefallen, verweigert er die Registrierung, und der Mann kann nicht mustern. Die Anmusterung vor dem Konsul muß im Hafen erfolgen, ehe der Mann seine Arbeit beginnt.
Yorikke hätte auf diese Art nie einen Mann bekommen, vielleicht nicht einmal Ingenieure und Offiziere; denn wer mit seinen Papieren in Ordnung war, ging der Yorikke in weitem Bogen aus dem Wege. Die Yorikke verdarb die besten Papiere eines Mannes, und ein Mann, der von der Yorikke abzeichnete, hatte ein oder zwei Jahre dreiviertel und halbe Yorikken erst zu fahren, ehe er sich wieder beim Skipper eines ehrlichen Schiffes sehen lassen konnte, falls er überhaupt je auf eine dreiviertel Yorikke kommen konnte. Denn selbst da war der Skipper mißtrauisch. „Auf der Yorikke haben Sie gefahren? Wo werden Sie denn verlangt? Was haben Sie denn ausgefressen?“ Das sagt der Skipper.
Und der Mann sagt: „Ich konnte kein andres Schiff kriegen und nahm deshalb die Yorikke für eine Reise.“
„Ich will keine Scherereien haben mit der Polizei oder mit den Konsuln. Ich möchte nicht gern, daß es heißt, auf meinem Schiff haben sie unter der Mannschaft einen Raubmörder verhaftet, der in Buenos-Aires verlangt wird“, sagt der Skipper.
„Aber, Skipper, wie können Sie denn das sagen? Ich bin ein ganz ehrlicher Mann.“
„Ja, ja. Aber von der Yorikke. Ich kann doch nicht von Ihnen fordern, daß Sie mir von allen Ländern der Erde ein polizeiliches Leumundszeugnis beibringen, nicht älter als vier Wochen. Da haben Sie zwei Schillinge, für ein gutes Abendessen, aber Anmusterung? Ich möchte doch lieber nicht das Risiko übernehmen. Vielleicht kriegen Sie ein andres Schiff, liegen ja eine Masse hier. Gehen Sie mal zu dem Italiener da drüben. Kann sein, er nimmt es nicht so hart.“
Der Skipper der Yorikke konnte mit keinem seiner Leute zum Konsul gehen, wahrscheinlich nicht einmal mit seinem Ersten Offizier, und ich würde mich nicht wundern, wenn er sich selbst nicht beim Konsul sehen lassen dürfte, ohne daß der Konsul sofort den Hörer abnimmt und zum Skipper sagt: „Setzen Sie sich, bitte, Herr Kapitän, nur einen Augenblick, dann stehe ich zu Ihren Diensten.“
Diese Dienste würde der Skipper vielleicht nicht abwarten, sondern etwas andres tun; rin ins Auto, rauf auf die Yorikke, Anker gehievt und abgesurrt mit hundertfünfundneunzig und zugeschraubten Tränendrüsen.
Die Yorikke bekam alle Leute unter dem Schiffsnotgesetz. Sie kamen rauf, wenn der Blaue Peter eingezogen wurde und der Lotse schon an Bord war. Kein Konsul der Erde wird dann verlangen, daß der Skipper nun wieder anhalten und mit einem Mann zum Konsul gehen soll. Das verlangt noch viel weniger irgendeine Hafenbehörde. Früher konnte man den Mann nicht anmustern, weil keiner da war, und weil man nicht wußte, daß von der Mannschaft sich einer besaufen und achtern abkanten würde. Das merkte man erst, als das Lotsensignal gepfiffen wurde und der Mann nicht an Bord war.
Selten verriet jemand auf der Yorikke einem andern seinen wahren Namen und seine wahre Nationalität. Ebenso selten erfuhr man, unter welchem Namen und unter welcher Nationalität jemand angemustert hatte. Kam jemand neu, so fragte ihn der Offizier oder der Ingenieur oder ein Mann, eben irgendeiner, der mit ihm zuerst zu tun hatte: „Wie heißen Sie?“ Darauf sagte der Gefragte: „Ich bin Däne.“ Damit hatte er zwei Fragen beantwortet und nun hieß er Der Däne oder nur Däne. Mehr zu fragen, hielt man für überflüssig. Man wußte meist oder glaubte meist, daß Däne schon gelogen war, und sich mehr anlügen zu lassen, darauf ging man nicht aus. Willst du nicht belogen werden, dann darfst du auch nicht fragen.
Um uns an einem faulen Abend, während wir auf der Reede lagen, die Zeit zu vertreiben, erzählte mir Stanislaw seine Geschichte und ich ihm meine. Ich erzählte ihm nicht meine wahre Geschichte, sondern eben eine Geschichte. Ob er mir eine wahre Geschichte erzählte, weiß ich nicht. Wie kann ich das wissen? Ich weiß ja nicht einmal, ob das Gras grün ist, es kann ja nur in meinen Augen eine grüne Täuschung verursachen.
Aber gute Gründe machen mich glauben, daß die Geschichte, die mir Stanislaw erzählte, der vollen Wahrheit entsprach, weil sie den Geschichten aller Reisenden auf Totenschiffen so ähnlich war.
Sein Name, den ich, wie die ganze Geschichte, auf dem Eimer nicht verraten durfte, war Stanislaw Koslowski. Er war geboren in Posen und dort bis zu seinem vierzehnten Jahre in die Schule gegangen. Indianer- und Seegeschichten verlockten ihn, er rannte von Hause fort, kam nach Stettin, verbarg sich dort auf einem dänischen Fischkutter und fuhr mit ihm nach Fünen. Dort fanden ihn die Fischersleute in ihrem Kutter halberfroren und halb verhungert. Er sagte, er sei aus Danzig, borgte sich von seinem Buchbinder, wo er die Seegeschichten zu kaufen pflegte, den Namen aus und gab ihn als seinen Namen an. Er erzählte weiter, daß er ein Waisenkind sei und von den Leuten, bei denen er in Pflege sei, so schlecht behandelt und so verprügelt werde, daß er ins Meer gesprungen sei, um sich zu töten. Da er aber schwimmen könne, so habe er zu schwimmen angefangen und sich auf dem Kutter versteckt. Er schloß seine Erzählung unter Tränen mit den Worten: „Wenn ich zurück nach Deutschland muß, binde ich mir Hände und Füße zusammen und springe sofort ins Meer. Zu den Pflegeeltern gehe ich nicht zurück.“
Die Fischersfrauen weinten alle herzzerbrechend über das traurige Schicksal des kleinen deutschen Jungen und nahmen ihn auf. Zeitungen lasen sie nicht, und in die dänischen Zeitungen kam es wohl auch nicht, daß ganz Deutschland nach dem Jungen abgesucht wurde und die gräßlichsten Geschichten in Umlauf waren, was wohl alles mit dem Jungen geschehen sein könne.
Bei den Fischersleuten auf Fünen mußte er schwer arbeiten, aber es gefiel ihm hundertmal besser als in den Straßen von Posen; und wenn er daran dachte, daß man ihn zu einem Schneider hatte in die Lehre geben wollen, so verging ihm alle Lust, seinen Eltern auch nur das kleinste Zeichen zu schicken, daß er am Leben sei. Die Furcht, Schneider werden zu müssen, war größer als die Liebe zu Vater und Mutter, die er ganz niedlich hassen konnte für ihre Absicht, ihn zu einem tüchtigen Schneider ausbilden zu lassen.
Mit siebzehn Jahren verließ er die Fischersleute mit deren Segenswünschen, um nach Hamburg zu gehen und für große Fahrt zu mustern. In Hamburg war kein Schiff zu haben, und er nahm für einige Monate Arbeit bei einem Segelmacher. Er meldete sich vorschriftsmäßig unter seinem richtigen Namen an, bekam seine Invalidenkarte und ließ sich endlich ein gutes deutsches Seemannsbuch ausstellen.
Dann fuhr er los auf große Fahrt auf ehrlichen deutschen Schiffen. Dann wechselte er und fuhr auf einem Holländer. Und dann kam der blutige Tanz ums goldene Kälbchen. Als das los ging, war er mit seinem Holländer im Schwarzen Meer. Auf der Heimfahrt passierte das Schiff den Bosporus, wurde von den Türken untersucht, und er mit noch einem Deutschen wurde herausgeholt und in die türkische Kriegsmarine gesteckt, unter anderm Namen, weil er seinen richtigen nicht angab.
Dann kamen zwei deutsche Kriegsschiffe nach Konstantinopel, die in einem italienischen Hafen gelegen hatten und dort den Engländern, die ihnen auflauerten, entwischt waren. Stanislaw kam nun auf eines dieser Schiffe und diente weiter unter türkischer Flagge, bis er eine passende Gelegenheit fand, den Türken den Abschied zu geben.
Er fand Heuer auf einem Dänen. Der Däne wurde von einem deutschen Unterseeboot durchsucht, und ein Schwede, der auf dem Schiff fuhr, und dem er erzählt hatte, daß er nicht Däne, sondern Deutscher sei, verriet ihn an die Offiziere des Unterseebootes. Stanislaw kam nach Kiel und wurde unter falschem Namen in die deutsche Kriegsmarine gesteckt. Artilleriedienst.
In Kiel traf ihn ein andrer Kuli, mit dem er früher auf einem deutschen Handelsschiff gefahren war. Durch den kam der richtige Name heraus, und Stanislaw wurde nun mit seinem richtigen Namen in der deutschen Kriegsmarine geführt.
Stanislaw war dabei, als in der Nähe von Skagen zwei sich bekämpfende Nationen, die Engländer und die Deutschen, zu gleicher Zeit Sieger wurden und die Engländer mehr Schiffe verloren als die Deutschen und die Deutschen mehr als die Engländer. Stanislaw wurde von dänischen Fischerbooten aufgepickt und ins Dorf gebracht. Da er mit dänischen Fischersleuten umzugehen verstand und hier ein Bruder jener Frau war, die ihn in Fünen aufgenommen hatte, so lieferten ihn die Fischer nicht ab an die dänische Regierung, sondern versteckten ihn und brachten ihn endlich als Dänen auf einem guten Schiff in Esbjerg unter, mit dem Stanislaw wieder auf große Fahrt kam. Diesmal hütete er sich, zu verraten, daß er Deutscher sei, und so konnte er allen Unterseebooten, englischen und deutschen, ins Gesicht lachen.
Die Regierungen vertrugen sich, die großen Räuber setzten sich alle zu einem fetten Versöhnungsbankett nieder, und die Arbeiter und kleinen Leute in allen Ländern hatten die Unfallkosten, die Hospitalrechnungen, die Beerdigungskosten und das Versöhnungsbankett zu bezahlen. Dafür durften sie den einziehenden Heeren, die „im Felde gesiegt“ hatten, mit kleinen Fähnchen und Taschentüchern zuwedeln und den übrigen Heeren, die „im Felde nicht besiegt“ waren, mit brausender Begeisterung zurufen: Macht nischt, das nächste Mal! Und als den Arbeitern und den Kleinen schwindlig wurde von der Höhe der Rechnungen, die sie bezahlen sollten, weil die großen Räuber nichts verdient und sogar das noch für die Wohltätigkeit geopfert hatten, da führte man die kleinen Leute an das Grab des „Unbekannten Kriegers“, wo sie so lange standen und man so lange auf sie einredete, bis sie dran glaubten, an die Pflicht des Bezahlens und an die Echtheit des Unbekannten Kriegers. Wo man sich keinen Unbekannten Krieger leisten konnte, weil man keinen hatte, da schläferte man das Denken der Arbeiter damit ein, daß man ihnen den Dolch im Rücken zeigte und sie raten und streiten ließ, wer ihn reingesteckt habe.
Dann kam die Zeit, wo in Deutschland ein Zündholz zweiundfünfzig Billionen Mark kostete, während die Herstellung jener zweiundfünfzig Billionen Mark in Nicht-Billionen-Scheinen mehr kostete als ein ganzer Eisenbahnwaggon voll Zündhölzer. Da fand es die dänische Kompanie an der Zeit, ihre Schiffe nach Hamburg ins Trockendock zu schicken zum Überholen. Die Mannschaften wurden entlassen und in ihre Heimat geschickt. Stanislaw war mit dem Schiff nach Hamburg gekommen und war nun gleich in seinem Heimatlande.
37
Das dänische Heuerbuch war nicht viel wert. In Dänemark lagen so viele Schiffe auf, daß man kaum auf Musterung rechnen konnte. Und Stanislaw wollte endlich wieder einmal ein richtiges Seemannsbuch haben.
Er ging zum Seemannsamt, wo er dachte, das Buch zu bekommen.
„Müssen Sie erst eine Bescheinigung von der Polizei beibringen.“ – „Ich habe hier mein altes Seemannsbuch.“
„Das ist ein dänisches. Wir sind hier nicht in Dänemark.“
Das dänische Seemannsbuch trug einen andern Namen, nicht den richtigen Namen Stanislaws.
Er ging zur Polizei, sagte seinen richtigen Namen und wollte eine Bescheinigung haben, damit er ein Seemannsbuch bekommen könne.
„Hier gemeldet?“ wurde er gefragt.
„Nein. Bin gestern erst angekommen. Mit einem Dänen“, sagte Stanislaw.
„Dann lassen Sie sich erst Ihren Geburtsschein schicken, sonst können wir Ihnen keine Bescheinigung geben“, sagte die Polizei.
Stanislaw schrieb nach Posen, um seinen Geburtsschein zu bekommen. Er wartete eine Woche. Der Geburtsschein kam nicht. Er wartete zwei Wochen. Der Geburtsschein kam nicht.
Nun schrieb Stanislaw einen Einschreibebrief und packte fünfzig Billionen Mark bei für Unkosten.
Stanislaw wartete drei Wochen. Der Geburtsschein kam nicht. Er wartete vier Wochen. Der Geburtsschein kam nicht. Was kümmert man sich in Polen um den Geburtsschein eines Mannes, der in Deutschland wohnt. Man hat andre Sorgen. Da ist erst mal Oberschlesien. Und da ist erst mal Danzig. Und wer weiß, wo die Geburt registriert ist. In diesem Kram können wir uns nicht zurecht finden. Das ist alles nichts für uns. Das Geld, das Stanislaw mitgebracht hatte, ein hübsches Päckchen dänischer Kronen, war längst über alle Berge. Berge? Nein, war längst über ganz St. Pauli. In St. Pauli kennt man dänische Kronen und weiß sie zu schätzen, sind beinahe ebenso gut wie Dollar. „Was willst du machen, wenn da die Mädels sind? Kannst doch nicht gut abwinken. Sieht ja aus, als ob du nicht mehr –. Ja, da waren halt die Kronen im –.“
„Verhungern und Kohldampf schieben tun nur die Dussel und Idioten“, sagte Stanislaw. „Ein ehrliches Handwerk ernährt immer seinen Mann.“
Da fiel schon mal eine Kiste auf dem Güterbahnhof aus einem Güterwagen, wo die Tür zu leicht aufging. „Mußt bloß da sein, wenn sie fällt, und mußt sie nicht liegen lassen. Das ist der ganze Witz an der Geschichte“, sagte Stanislaw.
Dann gingen auch schon mal ein paar Zuckersäcke im Hafen auf. „Wenn du da mit einem leeren Rucksack gehst“, sagte Stanislaw, „und es geht ganz von allein so ein Zucker- oder Kaffeesack auf, und der ganze Brassel rutscht dir in den Rucksack, da machst du doch nicht den Rucksack los, schüttest den Kaffee wieder aus und gehst deiner Wege. Das wäre ja Gottversuchen. Wenn du den Kaffee wieder ausschüttest und es sieht einer, denkt er gar noch, du hättest ihn gestohlen, und er läßt dich hochgehen.“
Es gab auch Salvarsan und Koks. „Für die arme leidende Menschheit muß man ein Herz haben, da kannst du nicht drum rum. Weißt nicht, wie es dir tun kann, wenn du Salvarsan nötig hast und kannst es nicht kriegen. Mußt nicht nur immer an dich denken, mußt auch mal an andre denken, wenn es dir gut gehen soll.“
„Siehst du, Pippip,“ ergänzte Stanislaw seine Erzählung, „jedes Ding hat seine Zeit. Da kommt dann eine Zeit, wo du dir sagen mußt, nun trachte aber nach etwas anderm. Das ist der Fehler, daß die meisten nicht zur rechten Zeit sagen können: Nun aber runter von der Ella, sonst kommst du nicht mehr raus und die Olsche schnappt dich. Und da sagte ich mir, jetzt mußt du einen Kasten kriegen, und wenn du ihn stehlen sollst, sonst sitzt du fest.“
Als Stanislaw zu dieser Überzeugung gekommen war, ging er wieder zur Polizei und sagte, daß sein Geburtsschein nicht gekommen sei.
„Die verfluchten Pollacken,“ sagte der Inspektor, „das machen sie aus Niedertracht. Wir werden ihnen schon noch die Hölle heiß machen, lassen Sie nur erst mal die Franzosen in Afrika und die Engländer in Indien und China die Hände voll Dreck haben, dann werden wir schon was pfeifen.“
Stanislaw, den die politische Meinung des Inspektors nicht interessierte, der aber aus Höflichkeit zugehört, genickt und mit der Faust auf den Tisch geschlagen hatte, sagte nun: „Wo krieg ich denn nun mein Seemannsbuch her, Herr Inspektor?“
„Haben Sie denn nicht schon mal in Hamburg gewohnt?“
„Natürlich. Vor dem Kriege.“
„Lange?“
„Über ein halbes Jahr.“
„Gemeldet gewesen?“
„’türlich.“
„Welchen Bezirk?“
„Hier in diesem Bezirk. Auf diesem Revier.“
„Dann gehen Sie nur einmal rasch zur Hauptmeldestelle und lassen Sie sich einen Meldeauszug geben. Dann kommen Sie damit her und bringen Sie zwei oder drei Photographien mit, die ich Ihnen stempeln kann.“
Stanislaw bekam den Meldeauszug und eilte zurück zu dem Inspektor. Der Inspektor sagte: „Der Auszug ist richtig, wenn ich nur genau wüßte, daß Sie auch der sind, der hier im Auszug genannt ist?“
„Das kann ich beweisen. Ich kann ja den Segelmacher Andresen, bei dem ich gearbeitet habe, herbringen. Aber da steht ja ein Wachtmeister, der mich vielleicht noch kennt.“
„Ich? Sie kennen?“ fragte der Wachtmeister.
„Ja. Ihnen habe ich neun Mark Ordnungsstrafe zu verdanken, die Sie mir eingebracht haben, wegen einer Prügelei. Damals hatten Sie noch eine Fliege an der Unterlippe, die Sie jetzt abrasiert haben“, sagte Stanislaw.
„Ja–a–a–! Jetzt kann ich mich auf Sie besinnen. Richtig, Sie arbeiteten bei dem Andresen. Wir hatten ja noch die Geschichte mit Ihnen. Posen suchte Sie, weil Sie als Junge zu Hause durchgebrannt waren. Wir ließen Sie dann hier, weil Sie ja hier anständig in Arbeit waren.“
„Dann stimmt das alles“, sagte nun der Inspektor. „Jetzt kann ich Ihnen die Bescheinigung geben und die Photographien stempeln.“
Am nächsten Tage ging Stanislaw mit der Bescheinigung zum Amt.
„Die Bescheinigung stimmt. Der Inspektor bestätigt, daß er Sie persönlich kennt. Aber. Aber die Reichsangehörigkeit bezweifeln wir noch. Da steht Deutsche Reichsangehörigkeit. Das müssen Sie uns beweisen.“
Das sagte man ihm auf dem Amt.
„Ich habe doch in der K. M. gedient und bin am Skagerrak verwundet worden.“
Der Beamte zog die Augenbrauen hoch und machte eine Gebärde, als ob von dem, was er jetzt sagen wolle, der Weiterbestand der Erde abhängig sei. „Als Sie in der Kaiserlichen Marine dienten und am Skagerrak verwundet wurden, wo wir es den scheinheiligen Hunden aber gründlich gegeben haben, da waren Sie deutscher Reichsangehöriger. Das wird nicht in Zweifel gestellt. Aber ob Sie heute noch deutscher Staatsangehöriger sind, das ist von Ihnen zu beweisen. Solange Sie uns das nicht beweisen können, sind wir nicht in der Lage, Ihnen ein Seefahrtsbuch auszustellen.“
„Wo muß ich denn da hingehen?“
„Da müssen Sie zum Polizeipräsidium gehen. Abteilung Staatsangehörigkeit.“
38
Stanislaw mußte doch wieder nach seinem ehrlichen Handwerk sehen, um nicht zu verhungern. Da half nichts. Seine Schuld war es nicht. Arbeit gab es nicht einen Brocken. Alles saugte an der Arbeitslosenunterstützung. Stanislaw machte keinen Versuch, sie mitzunehmen. Ehrliches Handwerk war ihm lieber.
„Es drückt einen so nieder, wenn man immer zwischen Arbeitslosen steht und dort der paar Pfennige wegen halbe Tage in Reih und Glied anstehen und jeden Tag hinlaufen muß. Dann schon lieber Schmalmachen nachts auf der Straße oder aufpassen, ob nicht jemandem die Brieftasche juckt“, sagte Stanislaw. „Meine Schuld ist es nicht. Hätten die mir ein Buch gegeben, als ich das erstemal da war, wäre ich längst fort. Ich kriege schon einen Kasten.“
Auf dem Polizeipräsidium fragte man ihn: „Sie sind in Posen geboren?“
„Ja.“
„Geburtsschein?“
„Hier ist die Quittung vom Einschreibebrief. Schicken keinen.“
„Die Bescheinigung von dem Inspektor in Ihrem Revier genügt mir. Es ist nur die Staatsangehörigkeit. Haben Sie für Deutschland optiert?“
„Ob ich was habe?“
„Ob Sie für Deutschland optiert haben? Ob Sie, als die polnischen Provinzen abgegeben werden mußten, vor einer deutschen zuständigen Behörde die Erklärung persönlich zu Protokoll gegeben haben, daß Sie deutscher Staatsangehöriger bleiben wollen?“
„Nein“, sagte Stanislaw. „Das habe ich nicht getan. Davon habe ich gar nichts gewußt, daß man das tun müsse. Ich habe geglaubt, wenn ich Deutscher einmal bin und nichts andres werde, daß ich dann auch Deutscher bleibe. Ich war doch in der K. M. und habe Skagerrak mitgekämpft.“
„Damals waren Sie Deutscher. Damals gehörte die Provinz Posen noch zu Deutschland. Wo waren Sie denn, als die Optionen gemacht werden mußten?“
„Auf großer Fahrt. Draußen.“
„Da hätten Sie zu einem deutschen Konsul gehen müssen und dort Ihre Option zu Protokoll geben müssen.“
„Aber ich habe doch gar nichts davon gewußt“, sagte Stanislaw. „Wenn man draußen fährt und hat seine verfluchte schwere Arbeit, dann hat man keine Zeit, an solche dummen Sachen zu denken.“
„Hat Ihnen denn Ihr Kapitän nichts gesagt?“
„Ich fuhr einen Dänen.“
Der Beamte dachte eine Weile nach und sagte dann: „Da ist nichts mehr zu wollen. Sind Sie vermögend? Haben Sie Landbesitz oder Hausbesitz?“
„Nein, ich bin Seemann.“
„Ja, wie gesagt, da ist nichts mehr zu wollen. Alle Fristen, sogar die Versäumungsfristen sind abgelaufen. Und Sie können sich nicht einmal berufen darauf, daß Sie irgendwo durch höhere Gewalt gehindert worden seien, zu optieren. Sie waren nicht schiffbrüchig in irgendeinem Lande, das außerhalb des üblichen Verkehrs liegt. Sie konnten zu jeder Zeit einen deutschen Konsul oder den Konsul einer andern Macht, der uns vertrat, aufsuchen. Die Aufforderung zur Option ist in der ganzen Welt bekanntgemacht worden, und das ist wiederholt geschehen.“
„Wir kommen nicht dazu, Zeitungen zu lesen. Deutsche sieht man nicht, und andre versteht man nicht. Und wenn man eine Zeitung wirklich mal kriegt, da steht es dann nicht drin, weil das nicht in jede Nummer eingesetzt wird.“
„Ich kann nichts machen, Koslowski. Es tut mir leid. Ich möchte Ihnen ja gerne helfen. Aber ich habe nicht die Vollmachten. Sie können sich noch an das Ministerium wenden. Aber das dauert lange, und ob Sie Erfolg haben, ist noch sehr fraglich. Die Polen kommen uns in keiner Weise entgegen. Warum sollen wir dann ihre Stuben rein fegen. Vielleicht kommt es noch so weit, daß sie in Polen alle, die für Deutschland optiert haben, ausweisen, und dann tun wir das natürlich auch.“