Chapter 7 of 24 · 3978 words · ~20 min read

Part 7

Der Künstler, der dieses Gedicht geschaffen hatte, war fürwahr ein großer Künstler. Er ließ kein Gefühl der Reue übriggebliebener Verszeilen wegen in mir zurück. Jedes Gericht war so sorgfältig abgewogen und abgeschätzt in allen seinen Nähr- und Genußwerten, daß man kein Gabelspitzchen voll übrigließ, den nächsten Gang mit erhöhtem Genuß erwartete, und wenn er kam, mit Fanfaren zu begrüßen gedachte. Dieses Fest dauerte etwa einundeineviertel Stunde oder mehr, es hätte dauern können vier Stunden lang, und ich hätte nichts übriggelassen. Immer wieder kam noch ein solcher Bissen, dann noch ein solcher Happen, dann wieder eine solche kandierte Frucht, dann wieder eine Creme, und nach jedem Gang wollte man einen weiteren sehen. Als aber dann endlich alles vorüber war – Schönes geht ja viel schneller zu Ende als Trübes – als auch alle die Liköre, Weine, Weinchen und Tröpfchen den Weg aller guten Tropfen gegangen waren, als endlich der Kaffee, süß wie ein Mädel am ersten Abend, heiß wie sie am siebenten und schwarz wie die Flüche der Mutter, wenn sie es erfährt, vorüber war, fühlte ich mich aufgefüllt wie ein Sack, aber ich fühlte mich wohlig und paradiesisch satt mit einer leisen, zart angedeuteten Sehnsucht auf das Abendessen. Meine Herren! Das war ein Essen, das nenne ich Kunstwerk. Dafür lasse ich mich jeden Tag zweimal mit Freuden erschießen.

Ich rauchte eine Importe, aus der ich alle Düfte und Sonnentänze Westindiens sog. Dann legte ich mich auf das Feldbett, das in dem Raume stand, und sah den blauen Wolken nach.

Oh, was ist das Leben schön! Wunderschön! So schön, daß man sich mit einem dankbaren Lächeln auf den Lippen erschießen läßt, ohne durch Murren oder Wimmern die Harmonie des Lebens zu stören.

15

Einige Stunden waren vergangen, als der Leutnant hereinkam. Ich stand auf, aber er sagte mir, daß ich nur ruhig liegen bleiben möge, er wolle mir nur mitteilen, daß der Kommandant nicht erst morgen abend zurückkommen werde, wie er angesagt hätte, sondern schon morgen früh, also vor Ablauf meiner vierundzwanzig Stunden. Er habe dadurch die Möglichkeit, die Angelegenheit dem Kommandeur selbst zu übertragen. – „Freilich“, fügte er hinzu, „an Ihrem Schicksal ändert das nichts. Das Kriegsgesetz ist hier sehr eindeutig und läßt keine Lücke offen.“

„Der Krieg ist doch aber vorbei, Mr. Leutnant“, sagte ich.

„Gewiß. Aber wir befinden uns noch im Kriegszustande, und wahrscheinlich solange, bis alle Verträge endgültig geregelt sind. Unsre Grenzforts haben ihre Reglements noch nicht um einen Punkt geändert, sie sind zur Stunde genau noch so, wie sie während der Dauer des Krieges waren. Die spanische Grenze wird wegen der bedrohlichen Verhältnisse in unsrer nordafrikanischen Kolonie augenblicklich vom Kriegsministerium als größere Gefahrzone bezeichnet als unsre östliche Grenze.“

Mich interessierte das sehr wenig, was er mir über Gefahrzonen und Reglements erzählte. Was kümmerte mich denn die französische Politik. Mich interessierte nach meinem gesunden Mittagsschlaf ganz etwas andres, und das wollte ich ihn auch gleich wissen lassen.

Er wollte gehen, sah mich aber noch an und fragte dann lächelnd: „Ich hoffe, Sie fühlen sich den Umständen angemessen entsprechend wohl. Ist Ihnen das Essen bekommen?“

„Ja, danke.“

Nein, ich konnte es nicht ungesagt lassen:

„Verzeihen Sie, Herr Leutnant, bekomme ich auch wieder Abendessen?“

„Natürlich. Glauben Sie denn, wir lassen Sie verhungern. Selbst wenn Sie auch ein Boche sind, verhungern lassen wir Sie doch nicht. In wenigen Minuten bekommen Sie Ihren Kaffee.“

Ich druckste ein wenig, man möchte doch gegen seinen Gastgeber nicht unhöflich sein. Aber schiet, was braucht ein zum Tode Verurteilter noch länger höflich sein.

„Entschuldigen Sie, Herr Leutnant, bekomme ich wieder Offiziersessen. Doppelportion?“

„Selbstverständlich. Was dachten Sie denn? Das ist in der Verordnung. Es ist Ihr letzter Tag. Wir werden Sie doch nicht mit einem schlechten Andenken an unser Fort zu – zum – also hinwegschicken.“

„Seien Sie unbesorgt, Herr Leutnant, ich behalte das Fort in gutem Andenken. Sie können mich ruhig erschießen. Nur nicht gerade in dem Augenblick, wo das Offiziersessen, Doppelportion, auf dem Tisch steht. Das wäre eine barbarische Handlung, die ich Ihnen nie vergessen würde, und die ich oben auch gleich bei meiner Ankunft melden müßte.“

Eine Weile sah mich der Offizier an, als hätte er mich nicht richtig verstanden. Es war ja auch nicht so leicht, sich aus meinen Brocken klarzumachen, was ich meinte. Aber plötzlich begriff er und verstand er. Und da lachte er so, daß er zum Tisch kommen mußte, um sich festzuhalten. Die beiden Soldaten hatten wohl etwas verstanden, jedoch den wahren Sinn nicht begriffen. Sie standen ganz starr da wie Puppen. Aber von dem Lachen ihres Leutnants wurden sie schließlich doch angesteckt und lachten mit, ohne zu wissen, worum es ging, und wer die Kosten dieses Lachens trug. –

Der Kommandeur war sehr früh zurückgekommen, und um sieben Uhr morgens wurde ich ihm vorgeführt.

„Haben Sie denn die Schilder nicht gesehen?“

„Was für Schilder?“

„Nun, jene Schilder, auf denen geschrieben steht, daß dies hier militärisches Gebiet ist, und daß, wer innerhalb dieses Gebietes angetroffen wird, nach Kriegsrecht behandelt wird. Das bedeutet, daß Sie ohne Gerichtsverhandlung zum Tode verurteilt sind und erschossen werden.“

„Das weißt ich bereits.“

„Also die Schilder haben Sie nicht gesehen?“

„Nein. Und wenn ich sie gesehen habe, so habe ich nicht darauf geachtet. Ich kann auch gar nicht lesen, was darauf steht. Lesen kann ich es zwar, aber nicht verstehen.“

„Sie sind Holländer, nicht wahr?“

„Nein, ich bin ein Boche.“

Wenn ich gesagt hätte, ich bin der Teufel und komme soeben auf direktem Wege aus der Hölle, um den Kommandanten persönlich abzuholen, er hätte kein erstaunteres Gesicht machen können.

„Ich habe geglaubt, Sie seien Holländer. Sie sind Offizier in der deutschen Armee oder sind es wenigstens gewesen, nicht wahr?“

„Nein, ich war nie Soldat in der deutschen Armee.“

„Warum nicht?“

„Ich bin ein C. O., ein Mann, der die ganze Zeit, während der Krieg dauerte, im Gefängnis saß.“

„Wegen Spionage?“

„Nein, weil die Deutschen glaubten, ich würde den Krieg nicht erlauben. Und da hatten sie solche Angst, daß sie mich und noch ein halbes Dutzend Leute, die den Krieg auch nicht erlauben wollten, ins Gefängnis steckten.“

„Da hätten Sie und das halbe Dutzend Ihrer Mitgefangenen den Krieg also verhindern können?“

„Wenigstens die Boches glaubten das von mir. Vorher hatte ich nicht gewußt, daß ich ein so starker Mann bin. Aber dann erfuhr ich es, weil sie mich ja sonst nicht hätten einsperren brauchen.“

„In welchem Festungsgefängnis haben Sie denn da gesessen?“

„In – in – in Südfalen.“

„In welcher Stadt?“

„In Deutschenburg.“

„Den Ort habe ich nie gehört.“

„Ja, da wird nur wenig davon gesprochen. Das ist eine ganz geheime Festung, die sogar die Boches selber nicht kennen.“

Der Kommandant wandte sich nun an den Leutnant: „Wußten Sie, daß der Mann ein Deutscher ist?“

„Jawohl, er hat es mir sofort gesagt.“

„Sofort gesagt, ohne erst Ausflüchte zu machen?“

„Jawohl.“

„Hat er einen photographischen Apparat gehabt, Karten, Bilder, Zeichnungen, Pläne oder etwas derart?“

„Nein, offen nicht. Ich habe ihn nicht durchsuchen lassen, er war immer unter Aufsicht und konnte nichts verbergen.“

„Das war richtig. Wir werden sehen, was er hat.“

Nun kamen zwei Korporale, und die durchsuchten mich. Aber sie hatten kein Glück. Alles, was sie fanden, waren ein paar Franken, ein zerrissenes Taschentuch, ein kleines Kämmchen und ein Stück Seife. Die Seife trug ich bei mir als Legitimation, daß ich einer zivilisierten Rasse angehöre, denn an meinem Äußern hätte man das nicht immer erkennen können. Und eine Legitimation mußte ich ja schließlich doch wohl haben.

„Schneiden Sie die Seife auf,“ wurde dem Korporal angeordnet. Aber auch inwendig war nichts andres als Seife. Der Kommandant hatte offenbar geglaubt, daß innen Schokolade wäre.

Dann mußte ich Stiefel und Strümpfe ausziehen, und die Sohlen meiner Stiefel wurden durchsucht.

Aber wenn schon alle die vielen Polizisten das nicht gefunden hatten, was die Leute alle gern von mir haben wollten, und die hatten doch auch gut verstanden, wie durchsucht werden muß, so fanden es die Korporale noch viel weniger. Wenn die Leute doch nur sagen wollten, was sie immer suchen, dann würde ich ihnen ja gern sagen, ob ich es habe oder nicht. Dann könnten sie sich die Mühe sparen. Freilich dann hätten sie wieder keine Arbeit.

Es muß ein sehr wertvolles Ding sein, was die in allen Ländern in meinen Taschen suchen. Vielleicht die Pläne einer verschütteten Goldmine oder eines versandeten Diamantenfeldes. Der Kommandant hätte sich beinahe verraten, denn er sprach schon von Plänen; aber rasch fiel ihm ein, daß er das große tiefe Geheimnis, das nur Cops und Soldaten wissen dürfen, nicht verraten darf.

„Ich verstehe nur eins nicht,“ wandte sich der Kommandant wieder an den Leutnant, „wie es möglich war, daß er die Posten an den Außenwerken passieren konnte, ohne gesehen zu werden und ohne aufgehalten zu werden?“

„Um diese Stunde ist nur wenig Verkehr auf den zuführenden Straßen. Ich hatte, dem Befehl des Herrn Kommandanten Folge leistend, für die Zeit Exerzieren in einem gegenüberliegenden Werk angeordnet, und es blieben hier nur Patrouillen zurück, die an den Straßen die Zugänge zu beobachten haben. Er ist dann sicher zwischen zwei Patrouillen durchgeschlüpft. Wenn ich mir erlauben darf, möchte ich aus dieser Erfahrung heraus dem Herrn Kommandanten den Vorschlag unterbreiten, die Übungen nur in drittel Formationsstärke abzuhalten, um die Wachen nicht zu schwächen.“

„Wir hatten geglaubt, es sei keine Annäherung möglich. Ich hatte mich an die gegebenen Vorschriften zu halten, deren Lücken ich, wie Sie sich wohl erinnern, rapportiert habe. Ich habe nun eine starke Stellung, unsern Entwurf durchzudrücken. Das ist etwas wert. Meinen Sie nicht?“

Was mich das eigentlich anging, welchen Entwurf sie für besser hielten. Warum sie nur das alles in meiner Gegenwart ausmachten? Aber warum sollten sie auch ein Blatt vor den Mund nehmen, vor einem Toten?

„Wo kommen Sie denn her?“ fragte mich nun der Kommandant.

„Von Limoges.“

„Wo sind Sie denn über die Grenze gegangen?“

„In Straßburg.“

„In Straßburg? Das liegt doch gar nicht an der Grenze.“

„Ich meine da, wo die amerikanischen Truppen liegen.“

„Sie meinen im Moselgebiet? Dann sind Sie also im Saargebiet herübergekommen?“

„Ja, das wollte ich sagen. Ich habe Straßburg mit Saarsburg verwechselt.“

„Was haben Sie denn hier die ganze Zeit in Frankreich gemacht? Herumgebettelt?“

„Nein. Ich habe gearbeitet. Bei Bauern. Und wenn ich wieder ein wenig Geld hatte, habe ich mir eine Fahrkarte gekauft und bin wieder ein Stück weitergefahren, bis ich wieder bei einem Bauern gearbeitet habe und wieder eine Fahrkarte kaufen konnte.“

„Wo wollten Sie denn jetzt hin?“

„Nach Spanien.“

„Was wollen Sie denn in Spanien?“

„Sehen Sie, Herr Kommandeur, nun kommt bald der Winter, und ich habe kein Feuerungsmaterial angespart. Da habe ich denn gedacht, ich gehe besser beizeiten nach Spanien, da ist es auch im Winter schön warm, und da braucht man kein Feuerungsmaterial, da kann man sich ruhig in die Sonne setzen und den ganzen Tag Apfelsinen und Weintrauben essen. Die wachsen da ja wild im Chausseegraben, man braucht sie nur abzupflücken, und die Leute sind froh, wenn man sie abpflückt, weil das für die Spanier nur Unkraut ist, das sie nicht haben wollen.“

„Also nach Spanien wollen Sie?“

„Wollte ich. Jetzt geht es ja nicht mehr.“

„Warum?“

„Weil ich doch erschossen werde.“

„Wenn ich Sie jetzt nicht erschießen lasse und Ihnen sage, Sie gehen auf dem schnellsten Wege zurück nach Deutschland, und Sie können frei gehen unter der Bedingung, daß Sie sofort nach Deutschland zurückkehren, würden Sie mir das versprechen?“

„Nein.“

„Nein?“ Er sah den Leutnant merkwürdig an.

„Lieber erschießen. Nach Deutschland gehe ich nicht. Ich bezahle keine Schulden mit. Aber davon abgesehen. Ich habe mir vorgenommen, daß ich nach Spanien gehen will, und ich gehe nach Spanien und nirgendwo anders hin. Wenn ich wohin gehen will, gehe ich da hin. Wenn ich erschossen werde, kann ich nicht hingehen. Spanien oder den Tod. Nun können Sie mit mir machen, was Sie wollen.“

Nun lachte der Kommandant, und auch der Leutnant lachte. Und der Kommandant sagte lachend: „Lieber Junge, das hat Sie gerettet. Ich will Ihnen nicht sagen, warum, damit es nicht mißbraucht wird. Aber Sie haben mich davon überzeugt, daß ich Sie frei gehen lassen darf, ohne daß ich meine Pflicht verletze. Was sagen Sie, Leutnant?“

„Ich halte die Auffassung des Herrn Kommandanten für die allein richtige, und ich finde nichts, was mein Gewissen oder meine Ehre belasten könnte.“

Der Kommandant sagte nun: „Sie werden jetzt sofort unter Bedeckung zur Grenze gebracht und der spanischen Grenzwache übergeben. Ich brauche Sie wohl nicht noch ausdrücklich darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn Sie je wieder hier in der Nähe, auch wenn es nicht auf rein militärischem Gebiete ist, gesehen werden sollten, daß dann keine Frage mehr besteht, in welcher Form sich Ihr Schicksal innerhalb der nächsten zwei Stunden nach dem Ergreifen gestaltet. Haben Sie genau verstanden, was ich damit meine?“

„Jawohl, Herr Kommandant.“

„Gut, das ist alles. Sie gehen sofort.“

Ich blieb aber stehen und trat von einem Fuß auf den andern.

„Noch was?“ fragte der Kommandant.

„Darf ich eine Frage an den Herrn Leutnant richten?“

Nicht nur der Kommandant schien zu erstarren, sondern erst recht der Leutnant. Der Kommandant warf einen Blick auf den Leutnant, als ob er ihn schon vor dem Kriegsgericht sähe. Er vermutete richtig: der Leutnant war in der Tat im Bunde mit mir.

„Bitte, richten Sie Ihre Frage an den Herrn Leutnant.“

„Verzeihen der Herr Leutnant, ich habe noch nicht gefrühstückt.“

Der Kommandant und der Leutnant platzten in ein schallendes Gelächter aus, und der Kommandant brüllte rüber zum Leutnant: „Nun ist wohl kein Zweifel mehr, daß der Mann unverdächtig ist.“

„Der Zweifel war mir gestern schon geschwunden,“ sagte der Leutnant, „als ich ihn fragte, ob er Hunger habe.“

„Gut, Sie sollen auch ein Frühstück haben“, sagte der Kommandant noch immer lachend.

Aber ich hatte noch etwas auf dem Herzen.

„Herr Leutnant, da es doch schon mein letztes Essen, mein Abschiedsessen ist, darf ich um Offiziersfrühstück, Doppelportion, bitten? Ich möchte doch das Fort so gern in einem recht guten Andenken behalten.“

Der Kommandant und der Leutnant brüllten vor Lachen, daß das ganze Fort zu erzittern schien.

Und unter seinem bärenhaften Lachen schrie der Kommandant die Worte hervor, die er nur mühselig in Reihe halten konnte, weil sie immer wieder von seinem schreienden, brüllenden Lachen abgehackt wurde: „Das ist der echte verhungerte Boche, wenn er schon am Ersaufen ist, wenn ihm schon der Strick um den Hals gelegt ist, will er erst noch essen und essen und nochmal essen. Diese verfressene Teufelsbrut kriegen wir nie unter.“

Ich hoffe, daß die Boches für diese gute Meinung, die ich zwei französischen Offizieren über sie eingeflößt habe, mir ein anständiges Denkmal errichten werden. Nur nicht in der Siegesallee, dann lieber nicht. Da würde ich den schlechten Geschmack im Munde nie los, und unzulängliche Revolutionen würden mir als Gespenster erscheinen.

16

Zwei Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr begleiteten mich. So wanderte ich in das sonnige Spanien ein. Mit allen militärischen Ehren. Die Soldaten brachten mich zur Grenzwache, und dort wurde ich den spanischen Grenzbeamten übergeben.

„Papiere hat er keine“, sagte der mich begleitende Korporal. – „Es aleman?“ fragte der Spanier.

„Si, Senjor,“ sagte ich. „Seien Sie willkommen!“ antwortete darauf der Spanier, und zu dem Korporal sagte er, es sei gut, er würde mich hierbehalten. Der Korporal sah nach seiner Uhr und schrieb dann etwas auf einen Rapportzettel. Dann machten die beiden Soldaten kehrt und zogen ab. – „Good-bye, France!“

Die Grenze Frankreichs entschwand meinen Blicken.

Der spanische Beamte schleifte mich nun gleich in die Wachtstube, wo ich von allen Beamten sofort umringt wurde, die mir alle die Hand schüttelten und mich umarmten. Einer wollte mich sogar auf die Backen küssen. „Mach Krieg mit dem Amerikaner, und du findest keinen bessern Freund auf der ganzen Erde als den Spanier!“ Hätten sie gewußt, wer ich bin, daß ich ihnen Kuba und die Philippinen abgenommen und manches andre zugefügt habe, würden sie mich zwar nicht erschlagen, und sie würden mich auch nicht zurückgeschickt haben in jenes Fleckchen, wo ich mich nie wieder sehen lassen durfte, aber sie wären kühl gewesen wie nasse Jacken und gleichgültig wie altes Bettstroh.

Erst kriegte ich einmal Wein eingeschenkt, dann gab es Eier und feinen Käse. Dann gab es zu rauchen und wieder Wein zu trinken und wieder Eier und feinen Käse, und dann wurde mir gesagt, nun gäbe es bald Mittagessen. Die Beamten, die draußen im Dienst waren, kamen nach und nach herein. Und nun ging keiner mehr hinaus. Ganze Schmugglerzüge hätten jetzt kommen können, das wäre ihnen ganz gleichgültig gewesen. Hier war ein Deutscher, und dem hatte man zu zeigen, was man von Deutschland und den Deutschen dachte. Und um das auch ganz genau zu zeigen, wurde ihm zu Ehren aller Dienst eingestellt.

Äußerlich betrachtet, war ich kein glorreiches Beispiel des so sauberen und adretten deutschen Landes und seiner so frischgewaschenen und adretten Bewohner. Seit meine Tuscaloosa abgesegelt war, hatte ich weder meinen Anzug, noch meine Stiefel, noch meinen Hut gewechselt, und meine Wäsche sah so aus, wie sie eben aussehen kann, wenn man sie an Bächen und Flüssen, an denen man vorüberkommt, mit mehr oder weniger Seife mehr oder weniger sorgfältig wäscht, dann auf einen Strauch hängt, selbst ein Bad nimmt und endlich so lange wartet, bis die Wäsche wieder trocken ist, oder bis man sie noch naß anziehen muß, weil es zu regnen anfängt.

Mein Aussehen schien aber der beste Beweis für sie zu sein, daß ich direkt ohne Aufenthalt von Deutschland kam. So hatten sie sich vorgestellt, wie ein Deutscher, der den Krieg verloren hat, den die Amerikaner bis aufs Hemd ausgeplündert und die Engländer ausgehungert haben, aussehen müsse. Und meine Erscheinung deckte sich mit ihren Vorstellungen so vollkommen, daß, wenn ich gesagt hätte, ich bin Amerikaner, sie mich für einen unverschämten Lügner angesehen hätten, der sie zum Narren halten wolle.

Daß jemand, der direkt ohne Aufenthalt aus Deutschland kommt, einen entsetzlichen Hunger haben muß, der sich nicht innerhalb fünf Jahre stillen läßt, war ihnen klar. Beim Mittagessen bekam ich so viel aufgehäuft, daß ich die fünf Jahre Hungerns ohne Mühe einholen konnte.

Dann brachte einer ein Hemd, einer Stiefel, einer einen Hut, einer ein halbes Dutzend Strümpfe, einer Taschentücher, einer Kragen, einer seidene Schlipse, einer eine Hose, einer eine Jacke, und so ging das in einem fort. Ich mußte alles annehmen und mußte alles, was ich bis jetzt besessen hatte, fortwerfen.

Nachmittags wurden Karten gespielt. Diese Karten kannte ich nicht, aber sie lehrten es mich, und ich spielte bald so gut, daß ich ihnen ein hübsches Sümmchen abgewann, was sie sehr erfreute und sie veranlaßte, immer weiterzuspielen.

Durch diese Station war noch nie ein Deutscher gekommen, und deshalb wurde ich als der Vertreter, als der erste echte Vertreter jenes hier so sehr beliebten Volkes entsprechend gefeiert.

O sonniges Spanien! Das erste Land, das ich traf, wo man nicht nach meiner Seemannskarte fragte, wo man nicht meinen Namen, mein Alter, meine Körperlänge, meine Fingerabdrücke wissen wollte. Wo man nicht meine Taschen durchsuchte, wo man mich nicht bei Nacht zu einer Grenze schleppte und mich hinausjagte wie einen ausgedienten Hund, wo man nicht wissen wollte, wieviel Geld ich habe, und wovon ich die letzten Monate gelebt hätte.

Nein, sie steckten mir die Taschen noch voll, damit endlich einmal jemand in meinen Taschen etwas finden möge. Den ersten Tag war ich in der Wache, die erste Nacht mußte ich im Hause des einen Beamten schlafen, den darauffolgenden Tag wurde ich in seinem Hause verpflegt. Am Abend wurde ich von einem andern abgeholt. Und nie wollte mich einer herausgeben, bei jedem sollte ich eine Woche bleiben. Das gab aber der, der jetzt an der Reihe war, nicht zu. Und als die Reihe herum war und wieder von vorn anfangen sollte, kamen die Bewohner des ganzen Grenzörtchens der Reihe nach an und erhoben Anspruch auf mich, und ich hatte jeden Tag bei einem andern Bürger zuzubringen. Die Konkurrenz, daß ich von jedem fortgehen sollte mit dem Gefühl, er habe mich bei weitem besser bewirtet als der Nachbar, zwang mich, eines Nachts die Flucht zu ergreifen. Ich bin fest davon überzeugt, die Leute alle behaupten heute, eine solche Undankbarkeit hätten sie nicht von mir erwartet. Aber der Tod durch Erschießen oder Erhängen war ja ein Lustspiel gegenüber dem qualvollen Tode, der mich hier erwartete, und dem ich durch nichts andres als durch eine nächtliche Flucht entgehen konnte. Durch solche Mißverständnisse werden Menschen verdorben. Ich lebe in ihrer Erinnerung als jemand, der sicher ein entlaufener Zuchthaussträfling gewesen sein müsse, weil er sich so heimlich zur Nachtzeit aus dem Staube machte. Es ist durchaus möglich, wenn wieder ein fremder Mann dorthin kommt, diesmal vielleicht ein echter Deutscher, daß ihm kaum eine warme Suppe vorgesetzt wird, oder wenn sie ihm gegeben wird, dann mit hochgezogenen Augenbrauen und mit einer Miene, die deutlich sagt: Verhungern lassen wir keinen, und wenn es der Satan selber wäre. Aus Liebe kann nicht nur Haß werden, sondern, was viel schlimmer ist, aus Liebe kann Sklaverei werden. Hier war sie Sklaverei mit Totschlag. Nicht einmal auf den Hof konnte ich gehen, ohne daß mir sofort ein Familienmitglied nachgelaufen kam mit der besorgten Frage, ob ich auch weiches Papier hätte. Yes, Sir.

Das kann kein Mensch ertragen oder nur ein Paralytiker. Hätte ich eine Andeutung gemacht, daß ich abreisen wolle, die Leute hätten mich in Ketten gelegt. Ich denke, daß ein Vernünftiger unter jenen Leuten lebt, der meine Untat in einem milderen Lichte sehen wird.

17

Sobald es mir in Sevilla zu langweilig wurde, zog ich ab nach Cadiz, und sobald mir in Cadiz die Luft nicht mehr bekam, wanderte ich wieder nach Sevilla, und wenn mir in Sevilla die Nächte wieder nicht gefielen, machte ich mich auf nach Cadiz. Dabei verging der Winter, und meine Sehnsucht nach New Orleans konnte ich glatt für einen Quarter verkaufen, ohne daß ich Gewissensbisse empfunden hätte. Warum muß es denn gerade New Orleans sein?

Ich hatte auch nicht ein winziges Papier mehr in der Tasche als an jenem weit zurückliegenden Tage, an dem ich in dieses Land eingezogen kam. Und nie interessierte sich jemals ein Cop um meine Papiere oder um mein Woher, Wohin oder Wozu. Die hatten andre Sorgen. Paßlose arme Teufel waren ihre geringste Sorge. Wenn ich kein Schlafgeld für die Herberge hatte und mich in irgendeine Ecke legte, so lag ich am andern Morgen genau noch so ruhig und unschuldig da, wie ich mich am Abend hingelegt hatte. Und hundertmal war der Cop vorbeigewandert, und hundertmal hatte er gut aufgepaßt, daß mich auch niemand etwa aus Versehen stehlen möchte. Ich wage gar nicht daran zu denken, was aus andern Ländern wohl werden würde, wenn ein armer Bursche oder gar eine ganze Familie in einem Torweg schliefe oder auf einer Bank die Nacht verbrächte, ohne verhaftet zu werden und wegen Herumtreibens und Obdachlosigkeit im Gefängnis oder im Arbeitshaus zu verschwinden. Deutschland würde sicher sofort von einem Erdbeben und England von einer Sintflut vernichtet werden, wenn der Mann, der es wagt, obdachlos zu sein, nicht verhaftet und ordentlich verknackst wird. Denn es gibt eine ganze Anzahl von Ländern, wo obdachlos und mittellos zu sein ein Verbrechen ist; und es sind zufällig dieselben Länder, wo ein tüchtiger Raubzug, bei dem man nicht erwischt wird, kein Verbrechen ist, sondern die erste Stufe, um ein geachteter Bürger zu werden.

Es kam vor, daß ich auf einer Bank lag und ein Cop mich aufweckte, um mir zu sagen, daß es gleich regnen würde, und daß ich besser täte, unter jenen Torweg da drüben zu gehen oder in den Schuppen am andern Ende der Straße, wo Stroh sei, wo ich besser schlafen könnte, und wo es nicht hineinregne.

Wenn ich hungrig war, ging ich in einen Bäckerladen und sagte dem Manne oder der Frau, daß ich kein Geld hätte, dafür aber um so mehr Hunger, und ich bekam Brot. Niemand verekelte mir das Dasein mit der langweiligen Frage: „Warum arbeiten Sie nicht, Sie sind doch ein starker gesunder Bursche!“

Das hätten sie als grobe Unhöflichkeit angesehen. Denn wenn ich nicht arbeitete, so mußte ich wohl meine guten Gründe dafür haben; und diese Gründe aus mir herauszuforschen, hielten sie für unanständig.