Part 5
Der Sekretär tastete nun mit seinen Händen auf dem ganzen Tisch herum, um irgendein Blatt Papier zu suchen, das er weit verlegt haben mußte. Endlich hatte er das Blatt gefunden, und da die Dame inzwischen auch wieder aufgepudert war, nahm sie die Tasche an sich, steckte das Puderdöschen hinein und knipste die Tasche abermals so zu, daß die Tasche denselben gellenden Schrei ausstieß wie kurz vorher.
Die Dürren auf den Bänken hatten den gellenden Schrei nicht gehört. Sie alle schienen Auswanderungslustige zu sein, die die Weltsprache des Knipsens noch nicht verstanden, weil sie nichts zum Knipsen hatten. Deshalb mußten sie ja auch auf den Bänken sitzen. Deshalb wurde ihnen ja auch kein Stuhl angeboten unter Verbeugungen. Deshalb mußten sie ja auch warten, bis sie an die Reihe kamen, genau nach der Nummerfolge.
„Können Sie in einer halben Stunde noch mal hier vorsprechen, M’me oder sollen wir den Paß zu Ihrem Hotel schicken?“
Höflich ist man auf einem amerikanischen Konsulat.
„Ich komme vorgefahren in einer Stunde. Unterschrieben habe ich den Paß ja schon drin.“
Die Dame stand auf. Als sie nach einer Stunde wiederkam, saß ich immer noch da. Aber die fette Dame hatte ihren Paß.
Hier endlich bekam ich meinen Paß. Das wußte ich. Der Sekretär brauchte ihn mir nicht in mein Hotel schicken, ich würde ihn gleich selber mitnehmen. Und hatte ich erst wieder einen Paß, so bekam ich auch wieder ein Schiff, wenn kein heimatliches Schiff, dann sicher ein englisches oder holländisches oder dänisches. Wenigstens bekam ich wieder Arbeit und hatte die Aussicht, doch mal ein heimatliches Schiff in irgendeinem Hafen anzutreffen, wo ein Deckarbeiter gebraucht wurde. Ich konnte ja nicht nur anstreichen, ich verstand auch Messing zu putzen; denn wenn man nichts anstreichen kann, dann wird immer Messing geputzt.
Ich war wirklich zu voreilig in meinem Urteil. Die amerikanischen Konsuln sind besser als ihr Ruf, und was mir die belgische, die holländische und die französische Polizei über die Konsuln gesagt hatte, war nichts als nationale Eifersucht.
Endlich kam dann doch der Tag und die Minute, wo meine Nummer fällig war und ich gerufen wurde. Meine dürren Bankgenossen hatten alle durch eine andre Tür zu gehen, um den Todesstreich zu empfangen. Ich machte eine Ausnahme. Ich wurde zu Mr. Grgrgrgs oder wie der Mann heißen mochte, gerufen. Das war der Mann, den ich in meinem Herzen zu sehen gewünscht hatte; denn er war der, der die Nöte eines Menschen, dessen Paß verlorenging, zu würdigen weiß. Wenn mir niemand auf der ganzen weiten Welt helfen würde, er wird es tun. Er hat der Goldbehangenen geholfen, um wieviel mehr und rascher wird er mir helfen. Es war ein guter Gedanke, der mich verleitet hatte, mein Glück doch noch einmal zu versuchen.
11
Der Konsul ist ein kleiner, hagerer Mann, ausgetrocknet im Dienst.
„Setzen Sie sich“, sagt er und deutet auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Womit kann ich dienen?“
„Ich möchte einen Paß haben.“
„Haben Sie Ihren Paß verloren?“
„Nicht meinen Paß, aber meine Seemannskarte.“
„Ah so, Sie sind ein Seemann?“
Mit diesem Satz hat er seinen Ton geändert. Und dieser neue Ton, der mit einem so merkwürdigen Mißtrauen gemischt ist, hält nun eine Weile an und bestimmt den Charakter unsrer Unterhaltung.
„Ich habe mein Schiff verloren.“
„Wohl betrunken gewesen?“
„Nein. Ich trinke nie einen Tropfen von diesem Gift. Ich bin knochentrocken.“
„Sie sagten doch, Sie seien Seemann?“
„Das bin ich auch. Mein Schiff ist drei Stunden früher abgefahren als angesagt war. Sie sollte mit der Flut rausgehen, aber weil sie keine Ladung hatte, so brauchte sie auf die Flut keine Rücksicht nehmen.“
„Nun sind Ihre Papiere also an Bord geblieben?“
„Ja.“
„Das konnte ich mir denken. Welche Nummer hatte Ihre Karte?“
„Das weiß ich nicht.“
„Wo war sie denn ausgestellt?“
„Das kann ich so genau nicht sagen. Ich habe Küstenschiffe gefahren, Bostoner, N’Yorker, Balter, Philier, Golfer und sogar Wester. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wo die Karte ausgestellt war.“
„Das konnte ich mir denken.“
„Man guckt sich doch seine Karte nicht jeden Tag an. Ich habe sie nie angeguckt, solange ich sie hatte.“
„Ja.“
„Sie hat immer in meiner Tasche gesteckt.“
„Naturalisiert?“
„Nein. Im Lande geboren.“
„Registriert worden, die Geburt?“
„Weiß ich nicht, da war ich noch zu klein, als ich geboren wurde.“
„Also nicht registriert.“
„Das weiß ich nicht, habe ich gesagt.“
„Aber ich weiß es.“
„Dann brauchen Sie mich doch nicht fragen, wenn Sie alles wissen.“
„Will ich vielleicht einen Paß haben?“ fragt er darauf.
„Das weiß ich nicht, Sir, ob Sie einen Paß haben wollen.“
„Sie wollen doch einen haben, nicht ich. Und wenn ich Ihnen einen geben soll, so werden Sie mir doch wohl erlauben müssen, daß ich Fragen an Sie stelle. Nicht wahr?“
Der Mann hat recht. Die Leute haben immer recht. Das ist auch ganz leicht für sie. Zuerst machen sie die Gesetze, und dann werden sie hingestellt, um den Gesetzen das Leben einzuflößen.
„Haben Sie eine feste Adresse drüben?“
„Nein. Ich wohne auf meinen Schiffen oder, wenn ich keine habe, wohne ich in den Seemannsheimen und Herbergen.“
„Also keine feste Wohnung. Mitglied eines eingetragenen Klubs?“
„Wer, ich? Nein.“
„Eltern?“
„Nein. Gestorben.“
„Verwandte?“
„Dank dem Himmel, nein. Wenn ich welche hätte, würde ich sie abschwören.“
„Haben Sie gewählt?“
„Nein. Nie.“
„Stehen Sie also auch nicht in den Wähler-Registern.“
„Sicher nicht. Ich würde auch nicht wählen, wenn ich an Land wäre.“
Er sieht mich nun eine ganze Weile an, ziemlich dumm und sehr ausdruckslos. Die ganze Zeit hat er gelächelt und, wie sein Kollege in Rotterdam, mit einem Bleistift gespielt. Was würden die Leute nur machen, wenn es keine Bleistifte mehr gäbe? Aber dann gibt es sicher ein Lineal, oder einen Löscher, oder die Telephonstrippe, oder die Brille, oder ein paar Blätter Papier oder Formulare, die man auf- und zufaltet. Eine Amtsstube hat ja so gut vorgesorgt, daß der Insasse sich nie langweilt. Gedanken, mit denen er sich beschäftigen kann, hat er nicht; und wenn er welche bekommt, hört er für gewöhnlich auf, Beamter zu sein und wird ein umgänglicher Mensch. Könnten die Finger eines Tages nicht mehr mit den Utensilien spielen, die auf der Inventarliste stehen, würden sie vielleicht an den Fundamenten spielen und bohren und das möchte den Fundamenten nicht bekommen.
„Also ich kann Ihnen keinen Paß geben.“
„Warum nicht?“
„Auf was denn? Auf Ihre bloßen Aussagen hin? Das kann ich nicht. Das darf ich nicht einmal. Ich muß doch Unterlagen vorweisen können. Ich muß doch Rechenschaft ablegen, auf Grund welcher Beweise ich den Paß ausgestellt habe. Wie können Sie denn beweisen, daß Sie Amerikaner sind, daß ich überhaupt verpflichtet bin, mich mit Ihnen hier zu befassen?“
„Aber das können Sie doch hören?“
„Woran? An der Sprache?“
„Natürlich.“
„Das ist kein Beweis. Nehmen Sie hier den Fall Frankreich. Hier leben Tausende, die Französisch sprechen und keine Franzosen sind. Hier gibt es Russen, Rumänen, Deutsche, die ein besseres und reineres Französisch sprechen als der Franzose selbst. Hier sind Tausende, die hier geboren sind und keine Staatsbürger sind. Anderseits sind drüben Hunderttausende, die kaum Englisch sprechen können und über deren amerikanische Staatsbürgerschaft auch nicht der geringste Zweifel besteht.“
„Aber ich bin doch im Lande geboren.“
„Dann freilich können Sie Bürger sein. Aber auch dann müßten Sie erst noch beweisen, ob nicht Ihr Vater für Sie eine andre Staatsbürgerschaft vorbehalten hat, die Sie nicht abgeändert haben, als Sie volljährig wurden.“
„Meine Urgroßeltern waren schon Amerikaner und deren Eltern auch schon.“
„Beweisen Sie mir das, und ich bin verpflichtet, Ihnen einen Paß auszustellen, ob ich will oder nicht. Bringen Sie die Urgroßeltern oder nur die Eltern her. Ich will aber viel näher kommen, beweisen Sie mir, daß Sie drüben geboren sind.“
„Wie soll ich denn das beweisen, wenn die Geburt nicht registriert worden ist.“
„Das ist sicher nicht meine Schuld.“
„Vielleicht bestreiten Sie mir gar, daß ich überhaupt geboren bin?“
„Richtig. Das bestreite ich. Die Tatsache, daß Sie hier vor mir stehen, ist kein Beweis für mich, daß Sie geboren sind. Ich habe es zu glauben. Wie ich zu glauben habe, daß Sie Amerikaner sind, daß Sie Bürger sind.“
„Also Sie glauben nicht einmal, daß ich geboren bin? Das ist aber doch die Grenze alles Möglichen.“
Der Konsul lächelte sein schönstes Amtslächeln: „Daß Sie geboren sind, muß ich ja wohl glauben; denn ich sehe Sie hier mit meinen Augen. Wenn ich Ihnen nun einen Paß ausstelle und ihn der Regierung daheim damit rechtfertige, daß ich in meinen Bericht schreibe: Ich habe den Mann gesehen und glaube, daß er Bürger ist! so kann es leicht geschehen, daß ich gesackt werde. Denn was ich glaube, will die Regierung daheim nicht wissen. Sie will nur wissen, was ich bestimmt weiß. Und was ich bestimmt weiß, muß ich immer beweisen können. Ihre Staatsbürgerschaft und Ihre Geburt kann ich nicht beweisen.“
Man möchte manchmal bedauern, daß wir noch nicht aus Papiermaché gemacht sind; denn dann könnte man an dem Stempel sehen, ob man in der Fabrik U. S. A. oder in der Fabrik Frankreich oder in der Fabrik Spanien angefertigt worden ist, und den Konsuln wäre die Mühe erspart, ihre wertvolle Zeit mit so törichten Dingen zu vertrödeln.
Der Konsul hat den Bleistift hingeworfen, ist aufgestanden, geht zur Tür und ruft einen Namen hinaus. Ein Sekretär kommt herein, und der Konsul sagt zu ihm: „Sehen Sie mal nach. Wie ist der Name?“ Er wendet sich mir zu. „Ach ja, es fällt mir schon wieder ein, Gale, richtig. Ja, sehen Sie also nach, sofort.“
Der Mann läßt die Tür halb offen, und ich sehe, daß er an einem Schranke, wo Tausende von gelben Karten aufgestapelt sind, das G heraussucht und nach meinem Namen forscht. Die Karten der Deportierten, der Unerwünschten, der Pazifisten und der bekannten Anarchisten.
Der Sekretär kommt wieder zurück. Der Konsul, der während der Zeit am Fenster gestanden hat und hinuntergesehen hat, dreht sich um:
„Na?“
„Ist nicht drin.“
Das wußte ich vorher. Jetzt kriege ich meinen Paß. So schnell nicht. Der Sekretär ist wieder gegangen und hat die Tür hinter sich zugemacht. Der Konsul sagt nichts, setzt sich wieder an seinen Schreibtisch, sieht mich eine Weile an und weiß nicht mehr, was er fragen soll. Seine Prüfungsaufgaben scheinen nur bis hierher gereicht zu haben. Nun steht er auf und verläßt das Zimmer. Jedenfalls holt er sich Rat aus einem der andern heiligen Räume.
Ich habe nichts weiter zu tun und sehe mir die Bilder an der Wand an. Alles bekannte Gesichter, mein eigner Vater ist mir nicht so vertraut in seinem Gesicht als diese Gesichter. Washington, Franklin, Grant, Lincoln. Männer, denen Bureaukratismus so verhaßt war wie einem Hunde die Katzen. „Das Land soll für immer sein das Land der Freiheit, wo der Verfolgte und der Gehetzte Zuflucht findet, sofern er guten Willens ist.“ „Dieses Land soll gehören denen, die es bewohnen.“
Aber freilich, das kann ja nicht so fort gehen bis in alle Ewigkeit. „Das Land soll gehören denen, die es bewohnen.“ Das puritanische Gewissen ließ nicht zu, daß kurz und bündig gesagt wurde: „Das Land gehört uns, den Amerikanern.“ Denn da waren die Indianer, denen das Land von Gott gegeben war, und Gottes Gesetz hat der Puritaner zu beachten. „Wo der Verfolgte und der Gehetzte Zuflucht findet.“ Ganz gut, wenn alle, die da wohnen, Verfolgte und Gehetzte sind aus allen möglichen Ländern. Und die Nachfahren jener Verfolgten und Gehetzten sperren das Land ab, das allen Menschen gegeben wurde. Und um die Absperrung ganz vollkommen zu machen, damit auch nicht eine Maus durchschlüpfen kann, sperren sie die eignen Söhne ab. Denn es könnte ja unter der Verkleidung des eignen Sohnes sich der Sohn eines Nachbars einschleichen.
Der Konsul kommt zurück und setzt sich wieder. Er hat eine neue Frage gefunden.
„Sie können ja vielleicht ein entwichener Sträfling sein oder jemand, der eines schweren Verbrechens wegen gesucht wird. Und ich würde Ihnen einen Paß ausstellen auf den von Ihnen genannten Namen und würde Sie durch den Paß vor der gerechten Verfolgung schützen.“
„Ja, das würden Sie. Ich sehe nun ein, daß mein Kommen ganz und gar zwecklos war.“
„Es tut mir wirklich leid, Ihnen nicht helfen zu können. Meine Machtbefugnisse sind nicht weitreichend genug, um Ihnen den Paß oder irgendein Papier, das Ihnen zur Legitimation dienen könnte, auszustellen. Sie hätten mit Ihrer Seemannskarte vorsichtiger sein müssen. Solche Dinge verliert man nicht in dieser Zeit, wo der Paß notwendiger ist als sonst irgend etwas.“
„Nun möchte ich aber doch gern eins wissen.“
„Ja?“
„Da war hier eine sehr dicke Dame mit vielen Brillantringen, die sie kaum noch schleppen konnte, die hatte ihren Paß doch auch verloren und Sie haben ihr sofort einen gegeben. Das hat nur eine halbe Stunde gedauert.“
„Aber das war doch die Frau Sally Marcus aus New York, werden Sie doch schon gehört haben den Namen. Das große Bankgeschäft,“ sagte er mit einer Geste und einer Betonung, als ob er gesagt hätte: Das war doch der Prince of Wales und nicht ein Seemann, dem das Schiff fortgefahren ist.
Er mußte wohl an meinem Gesichtsausdruck erkennen, daß ich das nicht so schnell fassen konnte, denn er fügte hinzu: „Sie werden den Namen doch schon gehört haben? Das große Bankgeschäft in New York?“
Ich zweifelte noch immer und sagte: „Ich glaube aber kaum, daß die Dame Amerikanerin ist, ich würde viel eher glauben, daß sie in Bukarest geboren ist.“
„Woher wissen Sie das? Die Frau Marcus ist allerdings in Bukarest geboren worden. Aber sie ist amerikanischer Bürger.“
„Hatte sie denn ihren Bürgerbrief bei sich?“
„Natürlich nicht. Warum?“
„Woher haben Sie denn dann gewußt, daß sie Bürger ist? Richtig sprechen hat sie noch nicht gelernt.“
„Da brauche ich keinen Beweis. Der Bankier Marcus ist doch bekannt. Sie ist doch Luxuskabine auf der Majestic herübergekommen.“
„Jetzt endlich verstehe ich. Ich bin nur in einer Forecastle-Bunk, auf einem Frachteimer herübergekommen als Deckarbeiter. Und das beweist gar nichts. Großes Bankgeschäft und Luxuskabine beweist alles.“
„Der Fall liegt eben ganz anders, Mr. Gale. Ich habe Ihnen gesagt, ich kann nichts für Sie tun. Ich darf nicht einmal etwas für Sie tun. Papiere darf ich Ihnen nicht geben. Ich persönlich glaube Ihnen, was Sie mir gesagt haben. Aber wenn die Polizei Sie hierher bringen sollte, damit wir Sie anerkennen und aufnehmen sollen, leugne ich Sie glatt ab und bestreite Ihre Staatsangehörigkeit. Ich kann nichts andres tun.“
„Dann kann ich hier einfach untergehen in fremdem Lande.“
„Ich habe nicht die Machtvollkommenheit, Ihnen beizustehen, selbst wenn ich persönlich gern möchte. Ich werde Ihnen eine Karte für ein Hotel geben für drei Tage mit voller Verpflegung. Sie dürfen sich nach Ablauf eine zweite und auch eine dritte holen.“
„Nein, ich danke sehr. Bemühen Sie sich nicht.“
„Vielleicht ist Ihnen besser gedient mit einer Fahrkarte nach der nächsten größeren Hafenstadt, wo Sie vielleicht ein Schiff bekommen können, das unter andrer Flagge fährt.“
„Nein, danke. Ich hoffe, meinen Weg allein zu finden.“
„Ja dann –. Good-bye und viel Glück!“
Aber da sind wieder die großen Gegensätze zwischen den amerikanischen Beamten und den Beamten andrer Länder. Als ich auf der Straße war und nach einer Uhr blickte, sah ich, daß es fünf Uhr vorbei war. Die Geschäftsstunden des Konsuls waren um vier Uhr zu Ende; jedoch er hatte nicht ein einziges Mal irgendein Zeichen von Ungeduld geäußert oder fühlen lassen, daß seine Zeit längst vorüber war.
Nun erst hatte ich mein Schiff wirklich verloren.
Ade, mein sonniges New Orleans. Good-bye and good luck to ye!
Mädel, mein liebes Mädel in New Orleans, jetzt kannst du warten auf deinen Jungen; auf dem Jackson Square kannst du sitzen und heulen. Dein Junge kommt nicht mehr heim. Das Meer hat ihn verschluckt. Gegen Sturm und Wellen konnte ich kämpfen, mit Farbe und mit harten Fäusten; gegen Paragraphen, Bleistifte und Papier nicht. Nimm dir beizeiten einen andern, Liebchen. Verplempere deine rosige Jugend nicht mit Warten auf den Vaterlandslosen und Nichtgeborenen. Leb’ wohl! Süß waren deine Küsse und glühend, weil wir keine Heiratslizenz geholt hatten.
Schiet das Mädel. Hoiho! Wind kommt auf. Boys, get all the canvas set. Alles, was Leinwandfetzen heißt, raus damit und hoch.
12
Express Paris-Limoges. Ich sitze drin und habe keine Karte. Diesmal wurde kontrolliert. Aber ich verschwand spurlos. Limoges-Toulouse. Ich sitze drin und habe auch keine Karte.
Was die nur immerfort zu kontrollieren haben. Es muß doch in der Tat zu viele Eisenbahnschwindler geben, daß so oft kontrolliert wird. Aber die haben ganz recht, wenn jeder ohne Karte fahren wollte, wer sollte denn dann die Dividenden bezahlen. Das geht doch nicht. Ich verschwinde spurlos. Als die Kontrolle vorbei ist, setze ich mich wieder auf meinen Platz. Plötzlich kommt der Kontrolleur zurück, geht entlang und sieht mich an. Ich sehe ihn auch an. Ganz dreist. Er geht weiter. Man muß nur wissen, wie man Kontrolleure anzusehen hat, dann hat man auch schon gewonnen. Er dreht sich um und kommt auf mich zu.
„Bitte, wo wollten Sie umsteigen?“
Ein ganz gerissener Bursche, dieser Kontrolleur.
Ich verstehe nur das Umsteigen in diesem Augenblick, weil ich die übrigen Worte erst in Gedanken übersetzen muß. Aber dazu komme ich gar nicht, denn er sagt gleich darauf: „Bitte, lassen Sie doch mal Ihre Karte sehen, wenn ich sehr bitten darf.“
Na, Freund, wenn du noch so höflich bist und noch so höflich bittest, es tut mir sehr leid, ich kann dir deinen Wunsch nicht erfüllen.
„Ich habe es gewußt“, sagt er ganz ruhig und unauffällig. Ich bin überzeugt, die übrigen Fahrgäste haben gar nicht beachtet, was für eine Tragödie sich hier abspielt.
Der Mann nimmt sein Notizbuch, schreibt etwas und geht dann weiter. Vielleicht hat er ein gutes Herz und vergißt mich. Aber in Toulouse auf dem Bahnhof werde ich schon erwartet. Ohne Blechmusik, aber mit einem Auto.
Es ist ein sehr gutes Automobil, feuer- und einbruchsicher, und ich kann während der Fahrt nicht hinausfallen und sehe von meinem Fenster nur einen Teil der obersten Stockwerke der Häuser, an denen wir vorübersausen. Es ist ein Spezialauto für Gäste, die man hier bewillkommnen möchte, denn aller Verkehr hat meinem Auto Platz zu machen, so daß es unbehindert durchfahren kann. Auf jeden Fall sind die Autos in Toulouse eine Marke, die ich noch nicht kenne. Weder Ford noch Dodge Brothers werden hier auf Absatz rechnen können, oder sie müßten sich den hiesigen Ansprüchen besser anpassen.
Aber ich weiß schon, wo ich landen werde. Wenn mir irgendetwas merkwürdig vorkommt an den Sitten und Gebräuchen in europäischen Ländern, dann bin ich immer auf dem Wege zu einer Polizeistation oder unter den Fittichen von Cops. Ich habe daheim nie in meinem Leben je etwas mit der Polizei oder mit dem Gericht zu tun gehabt. Hier kann ich ruhig auf einer Kiste sitzen oder unschuldig im Bett liegen oder über eine Wiese spazierengehen oder in einem Eisenbahnzuge fahren, immer lande ich auf einer Polizeistation. Kein Wunder, daß Europa vor die Hunde geht. Die Leute haben ja gar keine Zeit zu arbeiten, sieben Achtel ihres Lebens haben sie auf Polizeistationen oder mit Polizisten zu vergeuden. Darum sind die Leute auch immer so gereizt und machen so gern Krieg, weil sie sich ewig mit der Polizei herumzanken müssen und die Polizei sich mit ihnen herumzankt. Wir sollten den europäischen Ländern keinen Nickel mehr pumpen, sie geben es ja doch bloß aus, um ihre Polizei noch weiter zu vermehren. Keinen Nickel mehr, no, Sir.
„Von wo kommen Sie?“
Der Hohepriester sitzt wieder vor mir. Sie sind alle gleich. In Belgien, in Holland, in Paris, in Toulouse. Immer müssen sie fragen, und immer wollen sie alles wissen. Und selber begeht man immer wieder den großen Fehler, daß man überhaupt antwortet. Man sollte ganz still sein, gar nichts sagen und die raten lassen. Dann kämen sie alle bald ins Irrenhaus, oder sie würden die Folter wieder einführen. Aber würde man nie antworten, dann würden die Cops ja noch dümmer werden, als sie schon sind.
Das soll man aber auch erst aushalten, da zu sitzen oder zu stehen und immerfort gefragt werden und nichts antworten. Das verfluchte Maul redet ganz von selbst, sobald einem eine Frage entgegengeschleudert wird. Das macht die lange Gewohnheit. Es ist unerträglich, einen Fragesatz schwebend in der Luft hängen zu lassen, ohne ihn durch eine Antwort wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Eine unbeantwortete Frage läßt einem keine Ruhe, läuft immer hinter einem her, drängt sich in die Träume und raubt einem die Ruhe zum Arbeiten und zum Denken. Das eine Wort „Warum?“ mit einem Fragezeichen dahinter ist der Zentralpunkt aller Kultur, Zivilisation und Entwicklung. Ohne dieses eine Wort sind die Menschen nichts weiter als Affen, und wenn man den Affen dieses Zauberwort gibt, werden sie sofort Menschen. Yes, Sir.
„Von wo Sie kommen, will ich wissen!“
Da habe ich nun mal den Versuch gemacht, nicht zu antworten, aber jetzt halte ich es schon nicht mehr aus. Ich muß ihm etwas erzählen. Soll ich nun sagen, daß ich von Paris käme? Oder soll ich lieber sagen, ich käme von Limoges. Wenn ich Limoges sage, machen sie es vielleicht acht Tage billiger, weil Limoges ja nicht so weit ist wie Paris.
„Ich bin in Limoges eingestiegen.“
„Das ist nicht richtig, Mann, Sie sind in Paris eingestiegen.“
Sieh mal an, wie gut die raten können.
„Nein, ich bin nicht in Paris eingestiegen, sondern nur in Limoges.“
„Aber Sie haben doch hier eine Bahnsteigkarte von Paris in der Tasche.“
Da haben sie also schon wieder meine Taschen durchsucht. Ich habe das gar nicht gemerkt, weil ich schon so daran gewöhnt bin, daß es mir gar nicht mehr auffällt.
„Oh, die Bahnsteigkarte habe ich schon lange.“
„Wie lange?“
„Sechs Wochen wenigstens.“
„Das ist aber merkwürdig. Die Karte hat das Datum von gestern vormittag.“
„Dann ist sie irrtümlicherweise vordatiert worden“, sage ich.
„Offenbar. Also Sie sind in Paris eingestiegen.“
„Aber von Paris bis Limoges habe ich bezahlt.“
„Jedenfalls. Und Sie sind ein so guter Bezahler, daß Sie außer Ihrer Fahrkarte auch noch die Bahnsteigkarte gekauft haben, die Sie gar nicht brauchten, wenn Sie eine Fahrkarte hatten. Wenn Sie aber eine Karte bis Limoges hatten, wo ist dann diese Karte.“
„Die habe ich in Limoges abgegeben,“ antworte ich.
„Dann hätten Sie aber doch eine Bahnsteigkarte von Limoges haben müssen. Aber lassen wir das. Wollen wir erst einmal die Personalien festhalten.“
Gut, wenn sie nur die Personalien festhalten, das ist mir lieber, als wenn sie mich mit festhalten.
„Nationalität?“
Eine heikle Frage jetzt. Ich habe so ein Ding nicht mehr, seitdem ich nicht beweisen kann, daß ich geboren bin. Ich könnte es eigentlich mit Franzose versuchen. Der Konsul hat mir ja erzählt, daß es Tausende von Franzosen gäbe, die nicht französisch sprechen können und doch Franzosen sind, soweit ihre Staatsangehörigkeit in Frage kommt. Glauben wird er es mir ja sicher nicht. Er wird ja auch Beweise sehen wollen. Wissen möchte ich nur, für wen es billiger ist, ohne Fahrkarte auf der Eisenbahn zu fahren, für Franzosen oder für Ausländer? Aber der Ausländer kann ja denken, in Frankreich brauche man keine Fahrkarten und er habe in gutem Glauben gehandelt. Geld haben sie in meinen Taschen aber nicht gefunden, und das ist dann schon verdächtig.
„Ich bin ein Deutscher“, platze ich nun raus; denn mir kam ganz plötzlich die Idee, daß ich doch mal sehen möchte, was sie mit einem Boche machen, wenn sie ihn ohne Paß und ohne Fahrkarte in ihrem Lande finden.
„Also ein Deutscher. Sieh an. Wohl auch noch von Potsdam?“
„Nein, nur von Wien.“
„Das ist Österreich. Aber das ist ja alles dasselbe. Also Deutscher. Warum haben Sie denn keinen Paß?“
„Den habe ich verloren.“
Nun ging die ganze Reihe wieder herunter. In jedem Lande haben sie genau dieselben Fragen. Hat einer vom andern abgeschrieben. Erfunden wurden sie wahrscheinlich in Preußen oder in Rußland, denn alles, was sich um Einmischung in die Privatverhältnisse eines Menschen handelt, kommt aus einem der beiden Länder. Da sind die Leute am geduldigsten und lassen sich alles gefallen, und vor einem blanken Knopf nehmen sie die Mütze ab. Denn in jenen Ländern ist der blanke Knopf der böse Gott, den man verehren und anbeten muß, damit er sich nicht rächt.