Chapter 23 of 24 · 3981 words · ~20 min read

Part 23

Da mußte ich aber doch lachen: „Habe nur ja keine Bange, Stanislaw, wir beide kommen nicht da rein. Wir haben ja keine Papiere. Und kannst dich heilig drauf verlassen, die verlangen da oben auch Papiere, Pässe und Taufzeugnisse von dir, und wenn du die nicht beibringen kannst, machen sie dir die Türe vor der Nase zu. Frag’ nur den Pfaffen, er wird es dir sofort bestätigen. Mußt Heiratslizenz beibringen, kirchlichen Trauschein, Taufschein, Konfirmationsschein, Firmungsschein, Kommunionsstempel und Beichtzettel. Ginge das da oben so glatt ohne Papiere, wie du dir das zu denken scheinst, brauchten die hier unten ja keine ausstellen. Auf die Allwissenheit scheinen sie sich nicht zu verlassen, besser ist es schon, man hat es schwarz auf weiß und ordnungsmäßig abgestempelt. Wird dir jeder Pfaff erzählen, daß der Torwächter da oben ein großes Bund mit Schlüsseln hat. Wozu? Zum Abschließen der Türen, damit nicht doch vielleicht einer ohne Visa über die Grenze schleichen kann.“

Stanislaw saß eine Weile still und sagte dann: „Merkwürdig, daß ich gerade so drauf komme, aber die ganze Geschichte hier will mir nicht recht gefallen. Es geht uns viel zu gut. Und wenn es einem so ganz ausnahmsweise gut geht, so ist etwas nicht in Ordnung. Ich kann das nicht vertragen. Es ist immer, als ob man auf Mastkur geschickt wird, weil eine besonders schwierige Sache auf einen wartet, die man ohne jene gute Vorbereitung und Erholung sonst nicht bewältigen kann. War bei der K. M. auch so. Immer wenn was Besonderes bevorstand, gab es vorher ein paar gute Tage. War auch so, ehe wir rauf nach Skagen glitschten.“

„Da redest du aber nun einmal richtigen Kohlgulasch“, sagte ich zu ihm. „Wenn dir ein gebratenes Hühnchen ins Maul fliegt, dann spuckst du es wieder aus, nur damit es dir nicht gut gehen soll. Die schwierige Sache kommt ganz von selbst, verlaß dich drauf. Um so besser, wenn du vorher in der Sommerfrische warst. Wenn du eine Mastkur hinter dir hast, dann kannst du die schwierige Sache unterkriegen, andernfalls kriegt sie vielleicht dich unter.“

„Verflucht, du hast recht“, rief Stanislaw nun wieder gutgelaunt. „Ich bin ein altes Schaf. Ich habe sonst auch noch nie solche blöden Gedanken gehabt. Gerade heute. Es kam mir so, als ich dachte, vorn im Quartier, oder ich muß ja eigentlich sagen: da unten zu unsern Füßen, da liegen die Burschen alle schwimmend hinter der Tür, auf demselben Kasten wie wir. Weißt, Pippip, man soll keine Leiche auf einem Kasten fahren, das bringt den Gast herbei. Ein Schiff ist lebendig, das mag keine Leichen in der Nähe haben. Als Fracht, meinetwegen. Das ist etwas andres. Aber nicht so herumliegende, so herumschwimmende Leichen.“

„Können wir doch nicht ändern“, sagte ich.

„Das ist es gerade, was ich meine“, antwortete Stanislaw. „Wir können es nicht ändern. Und das ist das Schlimme. Alle die andern sind abgerasselt. Wir beide sind allein noch übrig. Da stimmt etwas nicht.“

„Nun will ich dir etwas sagen, Stanislaw, wenn du mit dieser blöden Pinselei nicht aufhörst, dann – nein, runterschmeißen will ich dich nicht, wirst es dir ja auch nicht gefallen lassen. Aber dann rede ich mit dir keine Silbe mehr, und wenn ich dadurch meine Sprache verlernen sollte. Dann wohnst du im Steuerbordschacht und ich im Backbordschacht und jeder geht seine eignen Wege. Solange ich am Leben bin, will ich mir nichts vom Gast vorjaulen lassen. Da habe ich später, wenn es mal so weit ist, noch Zeit genug dazu. Und wenn du nun meine Meinung wissen willst, warum wir beide gerade übriggeblieben sind, so ist das ganz klar und zeigt wieder einmal, wie gerecht alles zugeht in der Welt. Wir gehörten nicht zu der Mannschaft. Wir waren gestohlen. Wir haben der Empreß von Madagaskar nie etwas getan und wollten ihr auch nie etwas tun. Niemand weiß das so gut wie sie. Das ist der Grund, warum sie uns nicht mitgenommen hat.“

„Warum hast du mir denn das nicht gleich gesagt, Pippip?“

„Ja, was denkst du denn von mir, ich bin doch nicht dein königlicher Ratgeber. So etwas weiß man doch von selbst und hat es im Gefühl.“

„Jetzt gehe ich mich besaufen“, sagte nun Stanislaw. „Ist mir ganz egal. Na, ich will ja nicht sagen besaufen, aber doch einen gesunden hieven. Wer weiß, vielleicht kommt doch bald ein Kasten vorbei und holt uns über. In meinem Leben könnte ich es mir dann nicht vergeben, daß ich hier das alles zurückgelassen habe, ohne es mal durchzukosten.“

Warum sollte denn Stanislaw das Vergnügen allein genießen?

Es begann jedenfalls jetzt eine Schlemmerei, die sich selbst der Skipper nie auf einen Sitz erlaubt haben würde.

Es war ja alles so schön da in Büchsen. Salm von British Columbia, Wurst von Bologna, Hähnchen, Hühnerfrikassee, Pasteten, Zungen aller Art, ein Dutzend verschiedene eingemachte Früchte, zwei Dutzend verschiedene Sorten Jam, Biskuits, Gemüse der besten Auslesen, Liköre, Schnäpse, Weine, Ales, Stouts, Pilsener. Die Kapitäne, Offiziere und Ingenieure wissen sich das Leben angenehm zu machen. Aber wir waren jetzt die Besitzer und die Esser, während die früheren Esser jetzt schwammen und gegessen wurden, um die Fische fett zu machen.

Den folgenden Tag war es sehr diesig und dunstig. Wir konnten kaum eine halbe Meile weit sehen.

„Wir kriegen schweres Wetter“, sagte Stanislaw.

Am Abend kam es auf. Schwerer und schwerer.

Wir saßen in des Skippers Kabine bei einer Petroleum-Notlaterne.

Stanislaw machte ein besorgtes Gesicht: „Wenn die Empreß abhaut oder runterbricht vom Riff, dann sind wir geliefert, Junge. Wir wollen uns mal schon beizeiten umsehen.“

Er fand etwa drei Meter Tauende, das er sich um den Leib band, um es zur Hand zu haben. Alles, was ich finden konnte, war eine halb aufgebrauchte Rolle Bindfaden, kaum so stark wie ein Bleistift.

„Wir klettern besser den Schacht hoch“, schlug Stanislaw vor. „Hier drinnen sitzen wir in der Falle, wenn der Rummel losgeht. Oben hat man immer noch eine Möglichkeit, abzukommen.“

„Wenn du oben in die Wicken gehen sollst, dann gehst du oben, und wenn du unten vor die Fische gehen sollst, dann unten“, sagte ich. „Eins wie das andre. Wenn du vom Auto überfahren werden sollst, dann springt es rüber zum Schaufenster, vor dem du stehst, brauchst dem Auto gar nicht nachzulaufen oder in den Weg zu rennen.“

„Du bist mir einer. Wenn du im Wasser ersaufen sollst, dann kannst du ruhig deinen Hals auf die Eisenbahnschienen legen und der Expreß springt über dich weg wie ein Luftschiff. Daran glaube ich nicht. Ich lege meinen Hals nicht auf die Schienen. Ich gehe rauf und sehe zu, was geschieht.“

Er kletterte den Korridorschacht hinauf, und da mir einleuchtete, daß er recht habe, kletterte ich hinterher.

Dann saßen wir wieder oben auf der Achternwand von Mittschiff, dicht nebeneinander. Wir mußten uns an den Beschlägen festhalten, sonst hätte uns der Sturm hinuntergeschleudert.

Immer mehr kam das Wetter in Aufruhr. Schwere Brecher wüteten gegen die unter uns liegende Vorfront von Mittschiff und brandeten gegen die Skipperkabinen.

„Wenn das die ganze Nacht so fortgeht“, sagte Stanislaw, „dann ist morgen früh von der Kabine nichts mehr übrig. Ich glaube sogar stark, die Brecher holen das ganze Mittschiff ab. Dann bleiben uns nur noch die Kammern im Stern und der Maschinenraum, wo die Rudermaschine steht. Dann gute Nacht Essen und Trinken. Da findet keine Maus was.“

„Vielleicht besser, wir klettern jetzt schon rauf“, riet ich, „denn wenn das Mittschiff abrasselt, haben wir keine Zeit mehr. Dann schwimmen wir auch schon.“

„So mit einem Hieb haut das Mittschiff nicht ab,“ erklärte nun Stanislaw, „das geht in Stücken zum Teufel. Und wenn unten eine Wand losbricht, haben wir Zeit genug, raufzuklettern.“

Stanislaw hatte recht.

Aber das Recht ändert sich durch wechselnde Verhältnisse. Es gibt nichts, das nicht einmal Recht gewesen ist. Man darf das Recht nur nicht einpökeln wollen und erwarten, daß es in hundert Jahren noch immer Recht, vielleicht gar dasselbe Recht sein werde.

Stanislaw hatte ganz gewiß recht. Aber einige Minuten später hatte er schon nicht mehr recht.

Drei gigantische Brecher, von denen jeder folgende immer zehnfach schwerer und stärker zu sein schien als der vorangegangene, wüteten mit donnerndem Gebrüll, als wollten sie die ganze Erde verschlingen, gegen die Empreß.

Das tobende Gebrüll der Brecher und der nachziehenden Brandungswogen war ein drohendes Wutgeheul gegen die Empreß, die es wagte, ihnen auf diesem Riff so lange Trotz zu bieten.

Der dritte Brecher brachte die steil hochgeworfene Empreß zum Schwanken. Aber sie stand noch. Doch wir beide hatten es im Gefühl, sie ist los, sie steht nicht mehr fest wie ein Turm.

Die Brecher ebbten ab, um auszuholen für die nächsten drei.

Der tosende Sturm jagte die schweren Wolken gleich Fetzen am Nachthimmel dahin. Zuweilen öffnete sich ein Loch in diesem schweren Wolkentoben, und man erblickte für einige Sekunden ein paar klare glänzende Sterne, die in diesen schwarzen, heulenden, brüllenden, tobenden und brandenden Aufruhr empörter Elemente herunterriefen:

„Wir sind Friede und Ruhe für dich, für uns aber sind wir umlodert von den Flammen des Schöpfens, des Gebärens und der Rastlosigkeit. Fliehe nicht zu den Sternen, wenn du Ruhe suchst und Frieden. Was du nicht in dir trägst, wir können es dir nicht geben!“

„Stanislaw!“ schrie ich laut, obgleich er doch an meiner Seite saß, „die Brecher kommen zurück. Jetzt gilt’s. Die Empreß fegt ab.“

Ich sah den ersten Brecher in dem schwachen Sternenlicht herankommen wie ein unmeßbar riesenhaftes schwarzes Ungetüm.

Er peitschte hoch und peitschte mit seinen nassen Tatzen über uns hinweg.

Wir hatten gut festgehalten, aber die Empreß hob sich und wand sich in den Krallen des Riffs, als ob sie schwere Schmerzen erdulde.

Der zweite Brecher kam auf, nahm uns den Atem weg für eine lange Zeit, und ich hatte das Empfinden, ich sei ins Meer geschleudert. Aber ich saß noch fest.

Die Empreß jedoch kreischte, als ob sie zu Tode verwundet würde. Sie drehte sich noch weiter herum in ihrem Schmerz und schwankte im Stern zurück, krachend, polternd und dröhnend, bis sie nicht mehr steil stand, sondern schräg. Außerdem legte sie sich auch noch nach Steuerbord über.

Mittschiff war durch die Brecher jetzt so voll Wasser gelaufen, daß alles verdorben sein mußte, was nicht in Büchsen eingelötet war. Aber, was in Mittschiff vor sich ging, war in mir nur wie ein ganz ferner dünner Gedanke.

„Stanislaw, Junge!“ brüllte ich.

Ob er ebenfalls gebrüllt hatte, weiß ich nicht. Sicher hatte auch er es getan. Aber zu hören war ja nichts.

Der dritte Brecher, der schwerste dieses Zuges, war herangestürmt.

Die Empreß war bereits verschieden, als wäre sie vor Schreck gestorben. Der dritte Brecher, obgleich er mit donnerndem Branden herangejagt kam, nahm den Leichnam der Kaiserin von Madagaskar leicht auf wie eine leere Seidenhülle. Er tat es trotz seines rauhen Tobens kosend und streichelnd. Er hob den Leichnam hoch, drehte ihn der ganzen Länge nach in einem Halbkreise herum und ohne ihn noch einmal auf den Fels krachen zu lassen und sich an dem Brechen der Knochen zu erfreuen, legte er ihn sanft und zärtlich auf die Seite.

„Spring weg und schwimm, Pippip, sonst kommen wir in den Schlucker,“ schrie Stanislaw.

Schwimm mal, wenn du eben eins über die Arme gekriegt hast von einem herumpfeifenden Lademast oder was es sein mochte.

Aber ob ich schwimmen konnte oder nicht wollte, kam gar nicht in Frage. Der Nachzieher des letzten Brechers hatte mich abgeschwemmt und weit genug, um nicht vom Schlucker gefaßt zu werden. Ein paar Minuten würde die Empreß ja noch machen, ehe sie endgültig wegschluckt und strudelt. Das Achterschiff hat ja noch kaum Wasser gekriegt.

„Hoiho!“ hörte ich jetzt Stanislaw schreien. „Wo steckst du?“

„Komm, hier. Ich klebe gut. Platz genug“, brüllte ich hinaus in die Finsternis. „Hallo. Hier. Hoiho!“ Immer wieder rief ich es, um Stanislaw die Richtung zu geben.

Er kam auch immer näher. Endlich hatte er gepackt und kletterte hoch.

48

„Was ist denn das, wo wir drauf sind?“ fragte Stanislaw.

„Weiß ich selbst nicht. Mit einemmal war ich drauf, weiß gar nicht, wie es zuging. Ich denke, daß es eine Wand vom Ruderhaus ist. Hier sind die Haltegriffe überall.“

„Sicher. Ist vom Ruderhaus“, bestätigte Stanislaw.

„Gut, daß die Esel noch nicht alles aus Eisen machen und manchmal noch ein paar Stückchen Holz übriglassen. In den alten Schwarten siehst du immer den Schiffsjungen an einen Mast angeklammert, auf dem er sich rettet und mit dem er losschwimmt. Das ist heute aus. Die Masten sind auch schon aus Eisen, und wenn du dich dran festklammerst, kannst du dir auch ebenso gut einen Stein an den Bauch hängen. Wenn du wieder mal so ein Bild siehst, dann sag ruhig, der Maler ist ein Schwindler.“

„Du hast aber einen Redefluß unter diesen verdammten Umständen hier“, kritisierte Stanislaw.

„Ja, du Esel, soll ich denn hier jammern und Trauer flöten? Wer weiß, ob ich dir in einer Viertelstunde noch erzählen kann, daß man sich heute nicht mehr auf Maste verlassen darf. Und das muß gesagt werden, denn das ist wichtig.“

„Bürsten und Bimsstein, da sind wir ja nochmal glatt davongekommen“, rief er nun.

„Kreuzverhagelt nochmal“, schrie ich ihn an. „Halt dein gotteslästerliches Maul, verflucht nochmal. Schreist ja das ganze Gesindel heran. Wenn du im Trocknen sitzt, dann freu’ dich im stillen, aber schrei es nicht raus so unverschämt. Ich gebe mir die größte Mühe, das in unauffälliger und höchst eleganter Form zu sagen und vornehm zu umschreiben, was ich meine, und du Prolet brüllst das glatt hinaus.“

„Rede nicht so große Töne. Jetzt ist doch alles egal, ist doch alles im –.“

Mit diesem Stanislaw ist nichts zu erreichen, die Redewendungen, die er zuweilen braucht, werden mich noch veranlassen, seine Gesellschaft zu meiden.

„Alles egal?“ wiederholte ich. „Ich denke ja gar nicht dran. Alles egal ist blöd. Es ist nie etwas egal. Jetzt geht das Vergnügen ja erst richtig los. Bisher haben wir uns nur um Papiere herumgeschlagen, dann mit dem Rattenfraß, dann wieder mit den verfluchten Rosten. Jetzt geht es endlich um den letzten Atemzug, mit dem wir uns herumzuschlagen haben. Alles übrige, was ein Mensch haben kann, ist weg. Alles, was wir noch haben, ist der Atem. Und so schnell und willig laß ich mir den nicht auch noch wegnehmen.“

„Ein Vergnügen denke ich mir aber anders“, sagte Stanislaw.

„Sei nicht undankbar, Lawski. Ich sage dir, es ist ein höllisches Vergnügen, sich mit den Fischen um den Bissen zu prügeln, wenn man der Bissen sein soll.“

Stanislaw hatte natürlich durchaus recht. Es war kein Vergnügen. Man mußte sich ankrallen an den Handgriffen wie toll, um nicht runtergeschwemmt zu werden. Die Brecher fühlte man nicht so hart auf der schwimmenden Wand hier wie auf dem Schiff, weil die Brecher die Wand mit hoch nahmen und nicht in voller Wucht darüber hinwegbrandeten. Aber getaucht wurden wir doch oft genug, damit wir auch nicht vergessen sollten, wo wir waren.

„Ich denke, wir müssen nun etwas tun“, sagte ich. „Meine Arme sind so zerknüppelt, ich kann nicht mehr lange halten.“

„Wollen wir festlegen“, sagte Stanislaw. „Ich gebe dir hier mein Tauende, und ich nehme deinen Bindfaden. Ich kann schon besser halten. Der Bindfaden ist ja lang genug, daß man ihn dreifach nehmen kann.“

Stanislaw half nun, mich mit dem Tau festzuholen; ich konnte es mit meinen lahmen Armen nicht gut allein tun. Dann band er sich ebenfalls fest, und wir warteten nun auf die Geschehnisse.

Keine Nacht ist so lang, daß sie nicht endlich doch vorübergeht und dem Tage weichen muß.

Mit dem neuen Tage ließ das schwere Wetter nach, aber der hohe Seegang blieb.

„Siehst du was von Land?“ fragte Stanislaw.

„Nein. Ich wußte es ja, so leicht werde ich kein Entdecker neuer Erdteile. Wenn nichts vor der Nase liegt, sehe ich keins.“

Plötzlich sagte Stanislaw: „Mensch, ich habe ja den Kompaß. War gut, daß du ihn fandest.“

„Ja, ein Kompaß ist eine feine Sache, Lawski. Können wir immer sehen, in welcher Richtung die afrikanische Küste liegt. Aber ein Segel wäre mir lieber als zehn Kompasse.“

„Kannst nichts mit einem Segel machen auf dem Brett.“

„Warum nicht? Wenn Seebrise auf Land geht, gehen wir mit.“

„Wir werden wohl woandershin mitgehen, Pippip.“

Am Nachmittag wurde es wieder diesig und ein leichter Nebel legte sich über die See. Er wirkte beruhigend auf das Toben des Meeres.

Die unermeßliche Weite der See wurde immer kleiner. Bald hatten wir die Täuschung, daß wir nur auf einem Binnensee seien. Dann wurde auch der See kleiner und kleiner und endlich glaubten wir, auf einem Flusse dahinzugleiten. Es schien, als ob wir die Ufer mit den Händen ergreifen könnten, und ehe wir einschliefen, sagte bald Stanislaw, bald ich: „Da ist das Ufer, laß uns runtergehen und das kleine Stückchen rüberschwimmen. Kannst es ganz deutlich sehen, es sind noch keine hundert Schritt.“

Aber wir waren zu müde, um uns loszubinden und diese hundert Schritte zu schwimmen.

Wir sprachen dann kaum noch und schliefen ein.

Als ich erwachte, war es Nacht.

Der dunstige Nebel lag noch immer auf dem Meer. Aber hoch in den Lüften sah ich Sterne funkeln. Zu beiden Seiten sah ich die Ufer des Flusses, auf dem wir hinglitten. Zuweilen wurde an einem der Ufer der Nebel dünner, und ich sah die tausende funkelnden Lichter des nahen Hafens. Es war ein großer Hafen. Er hatte hohe Wolkenkratzer und Miethäuser, deren Fenster alle erleuchtet waren. Und hinter den Fenstern saßen die Leute traulich beisammen und wußten nichts davon, daß hier auf dem Flusse zwei Tote dahinglitten.

Und die Wolkenkratzer und die hohen Wohnhäuser wuchsen und wuchsen. Welch ein gewaltiger Hafen war es, an dem wir vorüberglitten. Immer höher und höher wuchsen die Wolkenkratzer bis sie endlich den Himmel erreichten. Und die tausende funkelnden Lichter des Hafens, der Wolkenkratzer und der traulichen Wohnhäuser, wo man nichts wußte von den vorübergleitenden Toten, waren wie Sterne des Himmels. Und oben steil über meinem Haupte trafen die Wolkenkratzer zusammen, und ich sah ihre Fenster leuchten, und ich hoffte, die Gebäude möchten zusammenbrechen und mich unter sich begraben. Es war die große Sehnsucht des Toten, begraben zu werden und nicht mehr wandern zu müssen.

Ich bekam Angst und rief: „Stanislaw. Da ist ein großer Hafen. Sieht aus wie New York.“

Stanislaw wurde munter, guckte sich um, sah durch den dünnen Nebel zu den Ufern des Flusses, rieb sich die Augen, guckte hoch über sich und sagte dann: „Du träumst, Pippip, die Lichter des großen Hafens sind Sterne. Da ist auch kein Ufer. Wir sind auf hoher See. Spürst du doch an den langen Wellen.“

Er konnte mich nicht überzeugen. Ich wollte nun doch zum Ufer schwimmen und den großen Hafen erreichen. Aber als ich das Tau lösen wollte, fielen mir die Hände schlaff herunter, und ich schlief ein.

Durst und Hunger machten mich wach. Es war Tag.

Stanislaw sah mich an mit verquollenen Augen. Mein Gesicht war verkrustet von dem Salzwasser. Ich bemerkte, wie Stanislaw würgte, als wollte er seine eigne Zunge kauen oder als sei sie ihm im Wege und lege sich vor die Luftröhre.

In seinen Augen glomm Wut auf, und er rief mit rauher Stimme: „Du hast immer gesagt, das Wasser auf der Yorikke stinkt. Das ist nicht wahr. Das ist Quellwasser, ganz frisches, klares Quellwasser aus dem Tannenwalde.“

„Das Wasser stank nie,“ bestätigte ich, „das Wasser war Eiswasser. Und der Kaffee war guter Kaffee. Ich habe nie etwas gegen den Kaffee auf der Yorikke gesagt.“

Stanislaw schloß die Augen. Doch nicht lange darauf schreckte er zusammen und schrie: „Zwanzig vor fünf, Pippip, raus. Hol’ das Frühstück. Hiev die Asche. Das Frühstück zuerst. Pellkartoffeln und Rauchhering. Den Kaffee. Viel Kaffee. Bring Wasser mit.“

„Ich kann nicht aufstehen“, gab ich ihm zur Antwort. „Bin gebrochen. Zu müde. Mußt heute allein hieven. Wo ist denn der Kaffee?“

Wie war das? Ich hörte Stanislaw schreien, aber er war zwei Meilen fort. Und meine Stimme war auch zwei Meilen weit fort von mir.

Nun brachen auch noch drei Feuertüren auf und die Hitze war nicht zu ertragen. Ich lief zur Windhuze, um Atem zu schöpfen. Aber der spanische Heizer schrie: „Pippip, die Feuertüren zu, der Dampf fällt.“

Aller Dampf fiel in den Kesselraum, und es wurde immer heißer. Ich lief zum Trog, wo das Schlackenlöschwasser drin war, um meinen Durst zu löschen, aber es schmeckte salzig und widerlich. Ich schnappte und schnappte und trank es wieder, und der Feuerungskanal stand ganz weit offen über meinem Kopfe am Himmel und war die Sonne, und ich trank Seewasser.

Dann schlief ich wieder ein und die Türen der Feuerkanäle waren geschlossen und der Heizer goß den Trog mit dem Schlackenwasser über den Kesselraum, und ich war auf dem offnen Meer und ein Wellenkamm war über die Wand hinweggebrochen.

„Da ist die Yorikke!“ schrie Stanislaw viele Meilen weit fort von mir. „Das ist das Totenschiff. Der Hafen. Der Norweger liegt da. Er hat Eiswasser. Siehst du nicht, Pippip?“

Mit beiden Armen, die Fäuste geballt, deutete Stanislaw über das weite Meer.

„Wo ist die Yorikke?“ rief ich.

„Siehst du sie denn nicht, Mensch? Da liegt sie ja. Sechs Roste sind rausgefallen. Verflucht. Jetzt acht. Himmelkreuzdonnerwetter! Wo ist der Kaffee, Pippip? Habt ihr wieder alles weggesoffen. Das ist keine Schmierseife, du Hund, das ist Butter. Gib den Tee jetzt her, verflucht nochmal.“

Stanislaw fuhr herum, bald zeigte er in diese Richtung, bald in jene. Immer fragte er, ob ich denn die Yorikke und den Hafen nicht sähe.

Aber mir war das gleichgültig. Es tat mir weh, den Kopf nach dem Hafen zu drehen.

„Wir kommen ab! Wir kommen ab!“ brüllte nun Stanislaw. „Ich muß rüber zur Yorikke. Die Roste sind alle raus. Der Heizer liegt im Kessel. Wo ist das Wasser? Habt ihr denn keinen Kaffee mehr für mich gelassen? Ich muß rüber, rüber, rüber.“

Er zerrte nun an dem Bindfaden, um ihn zu lösen. Er konnte aber die Knoten nicht öffnen. Er drehte wie unsinnig an den Knoten und verknotete sie immer mehr.

„Wo ist die Schaufel?“ rief er. „Ich muß das Tau kappen.“

Aber der Bindfaden hielt nicht lange. Stanislaw zerrte, riß und scheuerte mit solcher Kraft an den dreifach gedrehten Verschnürungen, daß er sich immer weiter daraus hervorwinden konnte. Die letzten Stringe riß er durch.

„Die Yorikke fährt weg. Schnell, Pippip. Der Norweger hat Eiswasser. Er winkt mit der Kanne. Ich bleibe nicht auf dem Totenschiff.“

Immer wilder brüllte Stanislaw.

Er hing nur noch am Fuß fest, und jetzt zerrte er auch dort die Stringe los.

Ich sah das alles in meilenweiter Ferne, wie auf einem Bilde oder durch ein Fernrohr.

„Da ist die Yorikke. Der Skipper tippt an die Mütze.“ Stanislaw rief es und sah mich an mit starren Augen. „Komm rüber, Pippip. Tee und Rosinenstollen mit Kakao und Wasser.“

Ja, da lag die Yorikke. Ich sah sie deutlich liegen. Erkannte sie an ihrem bunten närrischen Kleide und an ihrer Brücke, die immer in der Luft hängen blieb und von irgendeinem Schiff zurückgelassen worden war, das sie nichts anging.

Da war die Yorikke, und jetzt hatten sie Frühstück oder Abendessen oder Pflaumen in blauem Stärkeschleim. Der Tee war nicht schlecht. Das war Lüge und Verleumdung. Der Tee war gut auch ohne Zucker und Milch. Und das Trinkwasser stank nicht.

Ich begann, an meinem Tau zu knoten. Aber ich bekam den Knoten nicht auf. Dann rief ich Stanislaw, er möge mir helfen, den Knoten aufzuziehen. Aber er hatte keine Zeit. Er wurde mit seinem Fuße nicht fertig und arbeitete wie toll, um den Fuß loszukriegen. Nun gehen auch noch die Wunden auf, die man ihm auf dem Kopfe geschlagen hatte. Das Blut sickert über sein Gesicht, aber er läßt sich nicht stören.

Und ich zerrte und zerrte an meinen Banden. Aber das Tau war zu dick. Ich konnte es nicht durchscheuern und konnte meine Glieder nicht herauswinden. Ich verstrickte mich immer mehr. Dann suchte ich nach der Axt, nach dem Messer und endlich nach der Schaufel, die wir glatt geklopft hatten, um einen hölzernen Mast daraus zu machen, aber der Kompaß fiel immer wieder ins Wasser, und ich mußte ihn mit dem durchgebrannten Rost fischen. Das Tau gab nicht nach. Der Knoten zog sich immer fester. Das versetzte mich in namenlose Wut.

Stanislaw hatte seinen Fuß jetzt los.