Part 21
„Weiß ich,“ sagte Stanislaw, „wir sind mal rübergefahren über den Äquator, da war es gerade Weihnachten. Da war doch der immer noch so heiß, daß du die dicken eisernen Bordwände man bloß so mit dem Finger durchbohren konntest. Brauchtest gar nicht bohren. Bloß so mit dem Finger antippen, da war schon ein Loch drin. Wenn du gegen die eiserne Bordwand spucktest, flog die Spucke durch wie nichts, war gleich wieder ein Loch. Der Skipper sah das von der Brücke und schrie: ‚Ihr wollt wohl hier ein Kaffeesieb aus dem Schiff machen. Sofort die Löcher wieder zugemacht.‘ Und da wischten wir so ein klein wenig mit der Hand rüber oder mit dem Ellbogen und da waren die Löcher wieder zu. Es war ja gerade so weich wie Kuchenteig. Die eisernen Masten hatten sich ganz umgebogen, so wie ein langes Wachslicht, das du auf einen heißen Kochherd stellst. Es war eine Schweinerei, bis wir sie wieder gerade hatten. Mit dem Äquator darf man nicht spaßen.“
„Ganz gewiß nicht,“ gab ich zu, „darum hat man ja zu beiden Seiten des Äquators rund um die Erde einen Lattenzaun gemacht mit Warnungsschildern dran. Kannst du ja schon auf der Landkarte sehen, den Zaun. Ihr habt den dummen Fehler gemacht, ihr seid drüber weggefahren. Wir waren schlauer. Wir sind durch die Unterwassertunnel drunter hergefahren. Da ist es schön kühl. Merkst gar nicht, daß du unter dem Äquator herfährst.“
„Die Äquatortunnel kenne ich. Aber die Kompanie wollte nicht die Tunneldurchfahrtkosten bezahlen. Die berechnen pro Tonne einen Schilling Tunnelkosten. Wie geht es denn da rein in den Tunnel?“
„Aber Mensch, das ist doch ganz einfach,“ erwiderte ich, „da ist ein großes Loch im Meer und da geht das Schiff eben rein, mit dem Bug zuerst, fährt durch und kommt an der andern Seite wieder raus, da ist auch so ein Loch im Wasser.“
„Ist tatsächlich ganz einfach,“ gab Stanislaw zu, „das hätte ich mir viel komplizierter gedacht. Ich habe gedacht, das Schiff wird in eine Art Taucheranzug gesteckt und dann runtergezogen. Unten ist eine Maschine, die da zieht, und dann geht es unten lang auf Zahnradschienen und an der andern Seite wird das Schiff dann wieder hochgezogen.“
„So hätte man das natürlich auch machen können,“ sagte ich, „aber das ist zu umständlich. Könnten sie auch gar nicht machen für einen Schilling die Tonne.“
„Zum Kreuzdonnerwetter nochmal, wird das Geschwätze da drin im Kessel nun bald aufhören oder nicht“, schrie der Zweite Ingenieur in den Kessel, während er den Kopf zum Mannloch durchsteckte. „Wenn da in einem fort erzählt wird, kann der Kessel nicht rein werden.“
„Komm doch rein, du Hund, wenn du den Hammer an den Schädel haben willst.“ Ich schrie es wie wild, halbverrückt von der Hitze. „Klopp dir den Kessel allein, du Roßtäuscher, du verfluchter. Dir werde ich ja überhaupt noch was erzählen.“
Ich wollte ja gern, daß er mich rapportiert und daß ich rausgefeuert werde. Dann hätte ich ein Quittungsbuch kriegen müssen und mein Geld. Aber dazu waren die ja viel zu schlau. „Ebenso wie die Offiziere im Kriege. Kann man noch so beleidigen und in die Fresse hauen, melden dich nicht,“ sagte Stanislaw, „haben dich lieber draußen als daß du im Gefängnis im Trocknen sitzt.“
Kesselreinigen am Äquator, wenn das Feuer nur knapp einen Tag gelöscht ist und der Nachbarkessel unter Dampf liegt. Meine Herren! Wer nie sein Brot mit Tränen aß, der trinkt es jetzt wie Himbeerlimonade. Wir saßen nackt drin, aber die Wände waren so glühend heiß, daß wir uns anziehen mußten und dicke Polster aus Sacklumpen unter die Knie zu legen hatten, um nicht anzubrennen.
Dann klopfen. Und was der Kesselstein für einen Staub macht. Das ist, als ob man die Lunge, den Schlund, die Kehle mit Glas abkratzt. Wenn man den Mund bewegt, knirscht es zwischen den Zähnen, als ob man Sand mahlt, und es kriecht einem am ganzen Rückenmark ein entsetzliches Empfinden hoch, als würde das Rückenmark von einem Ende aus herausgebohrt.
Der Kessel ist an sich schon nicht allzu geräumig. Nun liegen auch noch die Feuerzüge drin, und man muß auf dem Rücken liegen, auf dem Bauche, um überall hinzukommen. Wie eine Schlange windet man sich in den Zügen herum. Wo man mit der bloßen Hand hinfaßt, ist es so heiß, als fasse man auf eine heiße Herdplatte.
Dann springt einem Kesselstein in die Augen. Und das harte scharfe Körnchen bereitet einem Schmerzen, daß man glaubt, wahnsinnig zu werden. Dann wird es mit dreckigen und schweißigen Händen herausgefischt und das Auge rötet sich von den Martern, die man ihm angetan hatte. Eine Weile geht es gut, und ratsch: wieder ist ein scharfer Splitter drin, und die Marter geht von neuem los.
Schutzbrillen? Die kosten Geld. Für solchen Unfug hat die Yorikke kein Geld. So wurde es vor tausend Jahren gemacht, und so wird es heute gemacht. Meist sind die Brillen auch nicht viel wert. Entweder man sieht nichts durch oder sie drücken oder der Schweiß läuft einem zwischen die Plüschdichtungen und frißt sich in die Augen.
Hätte man elektrische Lampen gehabt, wäre das ja eine kleine Erleichterung. Aber nun die Lampen aus Karthago. In fünf Minuten ist der Kessel schwarz und dick von Rauch. Aber es muß geklopft werden.
Und die Hämmer dröhnen innerhalb des Kessels, als ob tausend Donner einem unmittelbar auf das Trommelfell pauken. Es ist keine federnde Resonanz, sondern ein hart vibrierendes gell-kreischendes Pochen.
Fünf Minuten, dann müssen wir raus, um Luft zu holen. Wir kochen in Schweiß, die heißen Lungen fliegen und flattern, das Herz tobt, als wollte es die Brust durchsprengen, und wir zittern in den Knien.
Luft, nur Luft. Koste es, was es wolle. Und wir stehen in der Meeresbrise, die auf uns wirkt, als wäre sie ein Schneesturm in Saskatchewan. Ein breites hartes Schwert stößt durch unsern Körper in seiner ganzen Länge. Wir frieren und beben und sehnen uns zurück in die heiße Glut des Kessels.
Wieder fünf Minuten, und wir schreien: Luft. Alle drei, die wir drin sind, drängen wir an das kleine Mannloch, durch das wir uns zwängen müssen. Nur einer kann zu gleicher Zeit durch und muß sich wie eine Katze drehen und winden, um herauszukommen. Während der Zeit, wo er sich durch das Mannloch zwängt, kommt auch nicht ein Hauch von Luft in den Kessel. Mit Mühe kriege ich, der ich Zweiter bin am Loch, die Arme durch und zwänge mich hinaus. Der Heizer fällt innen um und schlägt hart auf. Er ist besinnungslos.
„Stanislaw, der Heizer muß raus, hat schlapp gemacht“, rufe ich mit letztem Atem. „Wenn wir ihn nicht holen, zockt er ab und erstickt.“
„Ei–ei–ne Mi–nu–te, Pip–, Hab’ noch keine Luft wieder.“
Es dauert nicht lange, und das Schwert sitzt uns wieder im Körper und wir sehnen uns nach der kochenden Hitze des Kessels.
Wir nehmen ein Tau. Ich winde mich wieder durch und hole den Heizer fest. Und nun arbeiten wir, ihn hinauszukriegen. Das ist das Schwerste. Hineinwinden und herauswinden kann man sich. Aber einen leblosen Menschen da durchzuziehen, das erfordert unendliche Geduld und Geschicklichkeit und Kenntnisse in der Anatomie. Der Kopf ist rasch durch. Aber die Schultern.
Endlich schnüren wir die Schultern zusammen wie ein Paket, ganz fest und dann können wir ihn hieven und er kommt.
In den Schneesturm bringen wir ihn nicht, sondern wir lassen ihn im Kesselraum und legen ihn sogar dicht in die Nähe der Feuer des Nachbarkessels. Wir binden seine Schultern los.
Der Atem ist weg. Ganz weg. Aber das Herz pocht. Leise, doch regelmäßig. Wir gießen ihm Wasser über den Kopf und pressen einen nassen Sack aufs Herz. Dann fächeln wir ihm Wind ins Gesicht, blasen ihn an wie Holzkohlen und tragen ihn endlich unter die Windhuze.
Stanislaw muß rauf und die Windhuze in den Wind stellen, damit frische Luft auf den Heizer fällt.
Jetzt läßt sich der Hund von einem Roßtäuscher natürlich nicht sehen; aber wir brauchen uns nur etwas im Kessel erzählen, dann ist diese widerwärtige Fratze gleich am Mannloch und stopft uns die Luft ab mit seiner klobigen Knochenbeule. Er kriegt doch noch den Spitzhammer an den Kadaver geworfen. Möchte er wenigstens ein Wasserglas Rum für den Heizer bringen, der Schuft. Wir wollen ihn ja gar nicht trinken. Nur ein Schlückchen, um den Glasstaub aus der Kehle und aus den Zähnen zu kriegen.
Der Heizer ist unter der Windhuze, und ich fange mit Armbewegungen an. Allmählich kommt er. Und er kommt immer besser. Als wir ihn hoch haben, auf den Kohlenhaufen setzen und in die Ecke drücken, damit er einen Halt hat, kommt der Zweite Ingenieur.
„Was ist denn das, zur Hölle nochmal,“ schreit er gleich, „werdet ihr bezahlt für Faulenzen oder für was?“
Stanislaw oder ich oder wir beide hätten ja nun sagen können: „Der Heizer war ...“
Aber wir hatten beide dasselbe Gefühl, und unser Instinkt war wieder einmal richtig. Arbeiter brauchen nur auf ihren Instinkt hören, dann handeln sie schon ganz richtig.
Gleichzeitig, ohne ein Wort zu sagen, hatten wir uns gebückt, in jede Hand einen sauberen dicken Brocken Kohle genommen und noch in derselben Sekunde dem Zweiten an seine Knochenbeule und an seinen Kadaver gefeuert.
Die Arme um den Kopf herum, rannte er davon. Stanislaw lief ihm ein paar Schritte nach und schrie: „Du Giftkröte, wenn du einen halben Schilling für den Pfeffer abziehst, den du erwischt hast, kommst du auf der nächsten Fahrt in den Feuerkanal und dann in die Aschkanne und du sollst mich ins Gesicht spucken dürfen, wenn ich dich nicht in die Feuerung schiebe. Biest von einem Ingenieur.“
Das Biest machte keine Meldung beim Skipper. Wäre uns auch ganz egal gewesen. Wir wären mit Wonne in Dakar ins Gefängnis gegangen. Hat auch keinen Penny Strafe abgezogen. Solange wir Kessel reinigten, und das dauerte ein paar Tage, ist er nie wieder in die Nähe gekommen. Von dem Tage an behandelte er uns wie rohe Eier und bekam mehr diplomatische Fähigkeiten, als der Erste sie besaß. Wirkt Wunder, wenn man Kohle oder einen Hammer oder eine Schürstange zur Hand hat, und man weiß sie am rechten Orte zu gebrauchen.
Als der Kessel sauber war, bekamen wir zwei Glas Rum und Vorschuß. Wir in die Stadt und rumgeguckt. Man denkt ja immer, man könnte einen treffen, den man nicht erwartet. Ich hätte wegpacken können auf einem Franzosen, der nach Barcelona ging. Aber ich wollte meine vier Monate Heuer dem Skipper nicht schenken. Warum sollte ich denn umsonst arbeiten? So ließ ich den netten Franzosen allein. Stanislaw hätte mit einem Norweger stauen können, der nach Malta ging. Aber er hatte dieselben Gründe. Die Heuer. Er hatte viel mehr stehen als ich.
So trieben wir uns im Hafen herum. Stanislaw ging auf den Norweger und ich schlenderte für mich weiter.
44
Da lag weit draußen die Empreß of Madagascar, die Kaiserin von Madagaskar, ein Engländer, neun Tausend Tonnen, vielleicht noch mehr. Das wäre so ein Eimerchen, um damit abzuflippen und zu versuchen, für eine Weile aus dem Grabe aufzustehen und einen Spaziergang zu machen. Feines neues Bötchen. Wie lackiert, so sauber. Sogar das Gold ist noch nicht mal abgewettert. Funkelfarbenneu. Aber da ist keine Schanz, da ist nichts frei, auf so einem pfirsichweichen Backfischlein. Lächelt so kokett rüber, zwinkert mit den angefärbten Wimperchen und flickert mit den unterstrichenen Augäpfeln, daß es eine wahre Freude ist. Muß mal rüber und das holde Geschöpfchen aus der Nähe besehen.
Verflucht nochmal, wenn nur die Heuer nicht wäre, ich würde wahrhaftig mal anklingeln. Aber die Heuer lasse ich nicht im Stich. Wenn ich den Zweiten nur dazu kriegte, daß er mich rausfeuert. Vielleicht einen Brocken Bolschewistenhetzerei machen. Aber die pfeifen drauf. Hetz’ so viel du magst, kommst nicht runter. Und machst du es zu bunt, zieht er dir zwei Wochen Heuer ab. Arbeitest umsonst.
Wenn die Kaiserin früher abfährt als die Yorikke und ich bin darauf mit Notheuer, ist nichts mehr zu wollen. Aber wo ladet mich die Empreß wieder ab? Nach England darf sie mich nicht mitnehmen, wird mich nicht los. Loswerden muß sie mich. Aber wo? Schiebt mich ab auf ein Totenschiff, irgendwo unterwegs oder in irgendeinem Hafen, wo gerade ein Schuppen steht.
Aber fragen kostet ja nichts. – „Hallo!“
„Hallo! What is up?“ Er hat eine weiße Mütze auf, der es runter ruft.
„Ain’t no chance for a fireman, chap? Ist bei euch keine Stelle frei für einen Heizer?“ rufe ich hinauf. „Papiere?“ „No, Sir.“
„Sorry. Bedaure, nichts zu machen.“
Habe ich ja gewußt. Ist ein sauberes Fräuleinchen. Muß alles in Ordnung sein. Heiratslizenz notwendig. Hat noch eine Mutter, die die Hand drauf hält. Mutter Lloyd in London.
Ich gehe lang runter an dem Eimer. Auf dem Achterdeck sitzt Mannschaft. Spielen Karten. Verflucht nochmal, was reden denn die für ein Englisch. Das ist ja Yorikkisch. Und das auf einem glattlackierten Engländer, wo das Gold noch nicht mal abgeblättert ist? Da stimmt etwas nicht. Spielen Karten, aber zanken sich nicht und lachen nicht.
Laß mal sehen. Klingelfisch und Haifischflosse, die sitzen da herum und spielen, als ob sie auf ihrem eignen Grabhügel sitzen und um ihre Maden spielen. Zu essen haben sie gut, sehen gutgemästet aus. Aber das traurige Kartenspiel und die trüben Gesichter, und das alles auf einem brandneuen Engländer? Da stimmt etwas nicht. Was tut denn der überhaupt hier in Dakar-Hafen? Was hat er denn geladen?
Eisen, Alt-Eisen. An der Westküste Afrikas? Gleich beim Äquator? Alt-Eisen? Well, die Dame Kaiserin geht in Ballast heim und nimmt das Alt-Eisen mit. Nach Glasgow. Bezahlt wenigstens die Fahrt zur Hälfte. Alt-Eisen ist besser als Sand und Steine.
Nichtsdestoweniger. Das schöne neue Schifflein Empreß und kann keine Ladung kriegen von Afrika nach England?
Wenn ich hier an der Beach liegen würde, hätte ich es in drei Stunden raus, was da los ist mit der blanken Kaiserin. Sie wird doch nicht etwa –? Na, bist auch schon eingetrant, siehst auch schon in allen Ecken Gespenster. Die Empreß of Madagascar, dieser pfirsichweiche und schwellende Backfisch aus Glasgow sollte hier bereits auf den Strich gehen? Aufgeschminkt?
Nein, sie ist nicht geschminkt. Alles Natur. Sie ist keine drei Jahre alt. Alles echt. Noch nicht einmal eine Niete abgeschliffen am Röckchen. Alles wie geleckt und duftet gesund oben und unten. Aber die Mannschaft, die Mannschaft. Da ist etwas nicht in Ordnung.
Was geht es mich an. Jedes Kind will seine Freude haben.
Ich gehe zurück zum Norweger.
Ich setze rauf. Stanislaw ist noch da. Sitzt im Quartier und schnackt mit ein paar Dänen. Hat eine Büchse guter dänischer Butter in der Tasche und ein Stück Prachtkäse.
„Pippip, kommst gerade zur Zeit, kannst Abendbrot mitmachen, ein treues dänisches Abendbrot, vollwertig und echt“, sagt Stanislaw.
Wir lassen uns nicht nötigen und machen das Abendbrot mit.
„Habt ihr den Engländer da drüben gesehen, die Empreß?“ frage ich, während wir alle im Meßraum sitzen und futtern.
„Liegt schon eine Weile hier“, sagt einer.
„Feines Mädchen“, forsche ich nun.
„Oben Seide, unten meide“, sagt einer von den Dänen.
„Na?“ frage ich, „meiden? Warum meiden? Ist doch ganz echt.“
„Freilich ist sie echt“, ruft ein andrer dazwischen. „Kannst du notmustern wenn du willst. Mit Honig und Schokolade. Kriegen jeden Tag Henkersmahlzeit. Pudding und Braten.“
„Kreuzdonnerwetter nochmal, komm endlich klar“, sage ich nun. „Was ist los? Ich habe doch wegen Schanz gefragt, ist nichts zu machen.“
„Lieber Freund, siehst doch nicht so aus, als ob du gestern zum erstenmal Seewasser geschluckt hast. Sie ist ein Leichenwagen.“
„Du bist wohl verrückt und mit Teer gepinselt?“ rufe ich.
„Ein Leichenwagen, sage ich dir“, wiederholt der Däne und gießt sich Kaffee ein. „Willst du auch noch Kaffee? Wir brauchen mit der Milch, mit dem Zucker und der Butter nicht sparen. Wir können wühlen. Kannst eine Büchse Milch mit heimnehmen. Willst du?“
„Die Frage allein rührt mich zu Tränen“, sage ich und fülle mir meine Tasse mit Kaffee, mit richtigem Bohnenkaffee. Ich hatte vergessen, wie das schmeckt, denn Yorikke gab nur Kaffee-Ersatz mit zwanzig Prozent Kaffee, damit unser Herz nicht beschädigt würde.
„Ein Leichenschiff, sage ich dir noch einmal.“
„Wie meinst du das? Leichen von Frankreich nach Amerika, daß sie drüben die Mütter in den Blumentopf pflanzen können, um sich an der Ehre zu erfreuen und sich am Kriege zur Beendigung aller Kriege begeistern zu können?“
„Rede doch nicht so ausländisch, Mensch.“
„Sie fährt Leichen, aber keine Kriegerleichen aus Frankreich.“
„Sondern?“
„Kleine Engelchen. Seemanns-Engelchen. Seemanns-Leichen, du Sägefisch, wenn du das nicht endlich verstehst.“
„Hat die Kaiserin die an Bord?“
„Mensch, mit dir kann man ja Bunkerwände einrennen.“
„Natürlich hat die Tante sie an Bord. Siebenachtel fertig. Können zu Hause in ihrer Dorfkirche schon ruhig in die Gedenktafel für Seeleute eingekratzt werden. Braucht nicht mehr ausradiert werden. Wenn du deinen Namen auch auf der Gedenktafel in deiner Dorfkirche haben willst, brauchst du nur mitgehen. Sieht überhaupt sehr vornehm aus, wenn du neben deinem Namen stehen hast ‚Empreß of Madagascar‘. Klingt doch nach etwas. Sieht doch besser aus, als wenn da nur daneben steht Berta oder Emma oder Nordkap. Man muß auch daran denken, wen du als Nachbar kriegst auf der Tafel. ‚Empreß of Madagascar‘, da ist Schwung drin, Junge.“
„Warum soll denn die schon Versicherung fahren?“ Das leuchtete mir nun durchaus nicht ein. Das war wieder nur so Gerede. Blasser Neid, weil sie nicht selber drauf waren, auf dem neuen Eimer.
„Kinderleichte Sache.“
„Ist doch höchstens drei Jahre aus den Windeln“, warf ich ein.
„Endlich beweist du, daß du länger aus den Windeln bist. Sie ist genau drei Jahre alt. War für große Fahrt gebaut, Ostasien und Südamerika. Sollte zwölf Knoten machen. War Bedingung. Als sie losackerte, machte sie vier und wenn es gut ging vier und einen halben. Das kann sie nicht aushalten, dabei geht sie pleite.“
„Können sie doch umbauen.“
„Schon zweimal versucht. Wird immer schlechter. Hat ursprünglich sogar sechs Knoten gemacht, nach dem Umbau nur noch vier. Die muß runter vom Wasser, muß die Versicherung bringen. Haben die Versicherung sicher fein gedreht, daß sie Lloyd passieren konnte. Aber geht ja alles zu schieben.“
„Und nun soll sie abrasseln?“
„Sie hat schon zweimal gebrummt. Hat aber nicht gefleckt. Das erstemal saß sie auf Sand. Sauber wie hingestreichelt. Haben sicher schon in Glasgow darauf gezecht. Kam aber Schwerwetter hoch mit Mordsflut und die hob die edle Dame runter vom Sand wie Himmelfahrt mit Trompeten und Pauken. Und sie schwenkte lustig ab. Da mag der Skipper schön geflucht haben. Beim zweitenmal, das war vorige Woche, wir lagen schon hier, da ist sie draußen zwischen Klippen gefegt. Saß fein fest. Drahtlose Station war zerhauen. Natürlich. Mußte der Skipper Flaggen setzen. Anstandshalber. Sind doch immer Zeugen rum. Da kam ein französisches Patrouillenboot, gerade wo der Skipper schon so ganz gemütlich ausbooten ließ. Die Patrouille flaggte rüber: „Warten. Hilfe unterwegs!“ Da hat der Skipper aber geflucht. Möchte nur wissen, wie er das Journal wieder in Ordnung gebracht haben mag. Er hatte es doch schon aufgezaubert. Wird schön radiert haben, Junge, Junge. Er hatte einen Fehler gemacht. Heißt, es ging wohl nicht anders. War bei Ebbe aufgesessen. Nun kamen drei Schlepper und hoben ihn ab von den Klippen bei Flut. Ganz elegant. Hatte nicht mal eine Schramme abbekommen. Das ist Pech. Muß nun auch die Bergungskosten bezahlen. Geht alles runter von der Versicherung. Fragt sich, ob die Versicherung die ganzen Kosten trägt. Hängt vom Journal ab.“
„Und was nun?“
„Jetzt macht er den Verzweifler. Muß er machen. Dreimal kann er nicht abkommen. Dann macht die Versicherung eine Untersuchung und streicht die Versicherung. Verlangt einen andern Skipper drauf, der treu fährt. Dann ist es aus. Dann muß die Empreß zum Abwracken. Fahren kann sie nicht.“
„Warum liegt sie denn da so lange, wenn sie keine Reparatur hat?“
„Kann nicht raus. Hat keine Heizer.“
„Das ist Unsinn. Hätte er mich doch nehmen können. Ich sagte ihm doch rauf, ich sei Heizer.“
„Hast du Papiere?“
„Sei nicht so albern, Mensch.“
„Wenn du keine Papiere hast, nimmt er dich nicht. Er muß ein vornehmes Gesicht behalten. Tote wären für ihn verdächtig. Aber ob du Zulukaffer bist oder Hottentotte oder taubstumm, das ist ihm gleichgültig. Mußt nur Papiere haben und mußt befahren sein. Unbefahrene Leute ist nicht gut, da kann die Versicherung mauern und Geschichten machen. Die Heizer haben sich rausgemacht. Haben sich verbrannt und liegen im Hospital, sonst hätten sie ja nicht fortgekonnt. Die Heizer sind am schlimmsten dran, die kommen nicht raus, wenn es ein verzweifelter Aufbrummer ist. Da ist gleich Wasser vor den Kesseln, und die Kessel gehen auch gewöhnlich gleich hoch, wenn sie so plötzlich kalte Dusche kriegen. Die haben gleich die explodierende Lungenentzündung weg.“
„Wartet er jetzt ab, bis die Heizer wieder raus sind aus dem Hospital?“
„Das nützt ihm nichts. Die brauchen nicht mehr rauf, wenn sie nicht wollen. Können sauber abmustern. Haben feine Papiere und können in Ruhe auf einen andern warten.“
„Wie denkt die Tante denn fortzukommen?“
Die Leute lachten in sich hinein, und der, der diesen Fall am besten studiert zu haben schien, sagte: „Die sind auf Kindsraub aus. Auf Shanghaien. Kann ich dir zuflüstern, Junge. Ja, eine feine elegante Dame, die Kaiserin von Madagaskar. Oben Seide, unten meide. Meide, in die Nähe zu gehen.“
Dagegen ist die Yorikke ja eine hochachtbare Dame. Sie täuscht nichts vor. So wie sie aussieht, so ist sie. Ehrlich bis auf das Gerippe. Beinahe fange ich an, Yorikke zu lieben.
Ja, Yorikke, ich muß es dir gestehen: Ich liebe dich. Liebe dich aufrichtig um deiner selbst willen. Habe an meinen Händen sechs schwarzblaue Fingernägel und an den Zehen vier schwarzgrünblaue Zehennägel. Alles um deinetwillen, geliebte Yorikke. Auf die Zehen sind Roste geschlagen, und jeder Fingernagel hat seine eigne schmerzhafte Geschichte. Meine Brust, mein Rücken, meine Arme, meine Füße haben Narben von bösen Brandwunden. Jede einzelne Narbe wurde geboren unter einem Schmerzensschrei, der dir galt, Geliebte.
Dein Herz heuchelt nicht. Dein Herz weint nicht, wenn es nicht zum Weinen fühlt, es jubelt nicht, wenn es keine Freude fühlt. Dein Herz heuchelt nicht, es ist rein und lauter wie pures Gold. Wenn du lachst, Herzliebste, so lacht deine Seele, lacht dein Leib und lacht dein lustiges Zigeunerkleid. Und wenn du weinst, Herzallerliebste, dann weint selbst das kalte Riff, an dem du vorübergehst.
Ich will dich nimmermehr verlassen, Geliebte, nicht um alle Schätze der Welt. Ich will mit dir wandern, mit dir singen, mit dir tanzen und mit dir schlafen. Ich will mit dir sterben, in deinen Armen meinen letzten Seufzer tun, du Zigeunerin der Meere. Du protzest nicht mit deiner glorreichen Vergangenheit und deinem uralten Stammbaum bei Tantchen Lloyd in London. Du protzest nicht mit deinen Lumpen, und du spielst nicht mit ihnen. Sie sind dein rechtmäßiges Gewand. Du tanzest in deinen Lümpchen froh und stolz wie eine Königin und singst dein Zigeunerlied, dein Lumpenlied:
DAS TANZLIED DES TOTENSCHIFFES
Was gehn euch meine Lumpen an? Da hängen Freud’ und Tränen dran. Was kümmert euch denn mein Gesicht? Ich brauche euer Mitleid nicht.
Was kümmert euch, was mir gefällt? Ich lebe mich, nicht euch, in dieser Welt. In euren Himmel will ich gar nicht rein, Viel lieber dann schon in der Hölle sein.
Ich brauch’ gewiß nicht eure Gnaden, Und selbst wenn Tote ich geladen, Wenn Schimpf und Schand’ sind an mir dran, Euch geht das einen Sch...dreck an.
Ich pfeife auf das Weltgericht. An Auferstehung glaub’ ich nicht, Ob’s Götter gibt, das weiß ich nicht, Und Höllenstrafen fürcht’ ich nicht.
Hopla he, auf weiter See, Hopla, hopla, he!
DRITTES BUCH
ES FÄHRT SO MANCHES SCHIFFLEIN DA DRAUSSEN KREUZ UND QUER; DOCH KEINS KANN SO VERRUFEN SEIN, DASS NICHT MANCH ANDRES SCHLIMMER WÄR’.
45
Mag sein, daß man seine Frau nicht zu sehr lieben darf, wenn man sie behalten will. Sie langweilt sich sonst und läuft zu einem andern, um geprügelt zu werden.
Es war verdächtig, sehr verdächtig, daß ich die Yorikke plötzlich so innig zu lieben begann. Aber wenn man soeben die gräßliche Geschichte eines Kindsräubers vernommen hat, in der einen Tasche eine Büchse Milch, in der andern eine Büchse guter dänischer Butter trägt, kann man wohl Liebesgedanken bekommen und diejenige lieben, die in ihren Lumpen liebenswerter ist als Leichenräuber in seidenen Kleidern.