Chapter 14 of 24 · 3900 words · ~20 min read

Part 14

Wäre ich über die Reeling gesprungen, dann würde ich jetzt nicht in einer Hölle sein, wo es selbst die Teufel nicht aushalten können. Aber ich sprang nicht und habe nun kein Recht, mich zu beklagen oder gar andre anzuklagen. Laß den Bettler verhungern, wenn du den Menschen in ihm achtest. Ich habe kein Recht, mein trauriges Schicksal zu beklagen. Warum sprang ich nicht? Warum springe ich jetzt nicht? Warum lasse ich mich peitschen und martern? Weil ich hoffe, ins Leben zurückkehren zu können. Weil ich hoffe, New Orleans wiederzusehen. Weil ich hoffe, und weil ich lieber durch die Schiet schwimme, als meine gehätschelte und getätschelte Hoffnung in die Schiet zu werfen.

Imperator, du wirst niemals um Gladiatoren verlegen sein; die schönsten und stolzesten Männer werden dich anflehen: „O angebeteter, o bewunderungswürdiger Imperator, laß mich dein Gladiator sein!“

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Natürlich kann ich hier arbeiten. Da arbeiten ja auch andre. Das sehe ich ja mit eignen Augen. Was ein andrer kann, das kann ich auch. Der Nachahmungstrieb des Menschen macht Helden und macht Sklaven. Wenn der nicht an den Peitschenhieben stirbt, dann werde ich sie wohl auch überleben können. „Siehst du, der da, der geht direkt drauf los auf das Maschinengewehrfeuer, Donnerwetter nochmal, das ist ein Kerl, verflucht nochmal, vor dem muß man Achtung haben, das ist ein Kerl, der hat Mumm in den Knochen.“ Natürlich kann ich das auch. So geht der Krieg voran, und so fahren die Totenschiffe, alles nach demselben Rezept. Die Menschen haben nur eine Schablone, nach der sie alles machen; das geht so glatt, daß sie ihr Hirn gar nicht anstrengen brauchen, um ein andres Rezept auszudenken. Man geht nichts lieber als ausgetretene Pfade. Da fühlt man sich so schön sicher. Der Nachahmungstrieb ist schuld daran, daß die Menschheit innerhalb der letzten sechstausend Jahre keine Fortschritte gemacht hat, sondern trotz Radio und Fliegerei in derselben Barbarei lebt wie am Anfang der europäischen Periode. So hat es der Vater gemacht, und so hat es der Sohn nachzumachen. Schluß. Was für mich, den Vater, gut genug war, wird für dich, du Rotznase, wohl erst recht gut genug sein. Die heilige Konstitution, die für George Washington und die Revolutionskämpfer gut genug war, ist erst recht gut genug für uns. Und die Konstitution ist gut, denn sie hat hundertfünfzig Jahre schon ausgehalten. Aber auch Konstitutionen, die einmal junges feuriges Blut in den Adern hatten, bekommen mit der Zeit Adernverkalkung. Die beste Religion ist eines Tages heidnischer Aberglaube, und keine Religion macht hiervon eine Ausnahme. Allein das, was anders gemacht wurde, als bisher, allein das, was unter Protest der Väter und Heiligen und Verantwortlichen anders gedacht wurde, hat der Menschheit neue Ausblicke verschafft und ihr den Glauben gegeben, daß eines fernen Tages doch ein Fortschreiten wird beobachtet werden können. Dieser ferne Tag wird in Sicht sein, wenn die Menschen nicht mehr an Institutionen glauben und nicht an Autoritäten ...

„Was stehst du denn rum? Wie heißt du überhaupt, Schlepp?“

Mein Heizer war runter gekommen und brummte übelgelaunt herum.

„Pippip ist mein Name.“

Das schien seine Laune ein wenig zu verbessern.

„Dann bist du wohl ein Perser?“

„Nein, ich bin Abessinier. Meine Mutter war Parse. Die werfen ihre Leichen den Geiern vor.“

„Wir den Fischen. Da scheint deine Mutter eine ganz anständige Frau gewesen zu sein. Meine war eine alte verfluchte Hure. Aber wenn du Hurensohn zu mir sagst, dann gibt es eins in die Fresse.“

Also er war Spanier. Wenn die drei Worte sprechen, dann sind zwei davon „Hurensohn“. Es kommt auf den Grad der Freundschaft an, ob man zu jemand sagen darf, daß seine Mutter eine Groschenhure war. Je näher man dabei der Wahrheit kommt, desto mehr Aussicht hat man, sich plötzlich ein Messer aus den Rippen ziehen zu können. Je weiter man von der Wahrheit entfernt ist, desto früher hört man die Antwort: „Muchas gracias, Senjor, vielen Dank, bitte, genieren Sie sich nicht, stets zu Ihren Diensten.“ Niemand hat ein so zartes und so albernes Ehrgefühl wie der dreckigste Prolet. Und wenn die dreckigen Proleten eines Tages das Ehrgefühl dort haben werden, wo es wirklich hingehört, dann sind sie die Lacher. Heute haben sie ihr Ehrgefühl da, wo es die andern bei ihnen gerne sehen, weil sich dann so gut damit spielen läßt, zum Vorteil der andern. Was brauchst du Ehre, Prolet? Lohn brauchst du, guten Lohn, dann kommt die Ehre von selbst. Und wenn du auch noch die Fabrik hast, dann kannst du die Ehre ruhig den andern dauernd überlassen; dann erst wirst du erfahren, wie wenig sich die draus machen ...

Der Heizer der Vorwache zog jetzt einen glühenden dicken Bolzen aus dem Feuer und steckte ihn in einen Eimer mit Frischwasser. In Seewasser kann man sich ja nicht waschen, das ist kaum gut genug zum Schlackenkühlen. Dann begann er sich zu waschen mit Sand und Asche, weil er ja keine Seife hatte.

Der Kesselraum war durch zwei Lampen erhellt. Eine dieser beiden Lampen hing vor dem Dampfmeter, damit der Dampfdruck gelesen und von dem Heizer geregelt werden konnte. Die andre Lampe hing in einer Ecke und wartete auf den Schlepp. In dieser Welt der Toten wußte man nichts von einer Erde, wußte man nichts davon, daß es Azetylenlampen, Kunstgaslampen, Gasolinlaternen, Spirituslaternen gab, gar nicht zu reden von Elektrizität, die sich durch Ankoppelung einer Dynamo leicht hätte erzeugen lassen. Aber jeder Cent, ausgegeben für die Yorikke, war verschwendetes Geld. Die Fische mit Geld zu füttern, wäre närrisch, sie sollen zufrieden sein mit der Mannschaft. Diese Lampen hier waren bei den Ausgrabungen des alten Karthago gefunden worden.

Wer die Form dieser Lampen kennen lernen will, gehe in ein Museum, sehe sich die römische Abteilung an, wo er unter den Töpferwaren auch diese Lampen, die wir hatten, finden wird. Es war ein Gefäß mit einer Tülle. In der Tülle steckte ein Ballen Putzwolle. Das Gefäß wurde gefüllt mit jener Flüssigkeit, die auch für die Jungfrauenlampe im Quartier zu dienen hatte, und die den auf Irrwege führenden Namen Petroleum trug. Viermal in einer Stunde mußte die Putzwolle weiter herausgezerrt werden, weil sie kohlte und den Kesselraum mit einem undurchsichtigen dicken schwarzen Rauch erfüllte, in dem die Rußflocken so dicht flogen wie Heuschrecken in Argentinien während einer Plage. Die Putzwolle mußte man mit den bloßen Fingerspitzen herauspulen, deshalb hatte man nach der ersten Wache abgeschmorte Fingernägel und angeschmorte Fingerspitzen. Wenn man mit seiner Lampe in den Kohlenbunkern saß, konnte man nicht die Lampe erst ausmachen, weil man ja sonst in den Kesselraum runter gemußt hätte, um sie wieder anzustecken.

Stanislaw hatte heute bereits eine Doppelwache gerissen. Was das bedeutet, wird noch klar werden. Trotzdem er kaum noch kriechen konnte, blieb er doch mit mir noch eine volle Stunde im Kesselraum, um mir beizustehen.

Neun Feuer mußten von dem Heizer bedient werden. Und um diese neun Feuer zu füttern, hatte der Schlepp die Kohle heranzuschaffen. Ehe aber mit dem Heranschaffen der Kohle begonnen werden konnte, waren andre Arbeiten zu verrichten. Da die Feuer selbst auf diese Arbeiten keine Rücksicht nahmen und sie jede Vernachlässigung sofort am Meter herausbrüllten oder gar auf der Brücke herausheulten, so mußte ein erheblicher Vorrat von Kohle im Kesselraum angeschichtet sein, der für diese Zeit der Nebenarbeiten langte. Diesen großen Vorrat mußte die abzulösende Wache für die neuantretende Wache hinterlassen, und diese neue Wache hatte, wenn sie abgelöst wurde, einen gleichen Vorrat der nächsten zu übergeben. Dieser Vorrat konnte nur geschaffen werden durch eine unmenschlich erscheinende Kraftanstrengung in der Zeit der beiden mittleren Stunden einer Wache, also bei meiner Wache von eins bis drei. Von zwölf bis eins kamen die Vorarbeiten und um drei begann das Aschehieven mit dem Schlepp der neuen Wache. In zwei Stunden also mußte alle die Kohle herbeigeschafft werden, die neun Feuer eines in voller Fahrt befindlichen Dampfers in vier Stunden verschlingen. Liegt die Kohle in den Bunkern in Front der Feuer, so ist das Heranschaffen der Kohle die kräftige Arbeitsleistung eines gesunden, starken und gutgenährten Arbeiters. Liegt die Kohle aber da, wo sie meist auf der Yorikke lag, so ist es die Arbeit von drei oder vier starken Männern. Hier hatte diese Arbeit einer zu tun. Und er tut sie. Er ist ja ein Toter. Der kann alles. Und niemand versteht besser anzutreiben, niemand versteht höhnischer zu sagen: „Schlapper Hund! Solltest mich mal sehen!“ als der Mit-Tote, als der Mit-Prolet, als der Mit-Hungernde, als der Mit-Gepeitschte. Auch die Galeerensklaven haben ihren Stolz und ihr Ehrgefühl, sie haben den Stolz, gute Galeerensklaven zu sein und „nun einmal zu zeigen“, was sie können. Wenn das Auge des Auspeitschers, der mit der Peitsche die Reihen entlanggeht, wohlgefällig auf ihm ruht, so ist er beglückt, als hätte ihm ein Kaiser persönlich einen Orden an die Brust geheftet.

Der Heizer warf drei Feuer auf, immer zwei überschlagend. Dann brach er drei andre Feuer auf, die dazwischen lagen. Über jedem Feuer stand eine Nummer mit Kreide geschrieben, die Nummern von eins bis neun. Als das Aufwerfen und das Aufbrechen vorüber war, kam das Feuer drei an die Reihe. Es war ziemlich niedergebrannt, und er brach mit einer schweren langen Eisenstange die Schlacken von den Rosten. Die Schlacken saßen fest. Und von dem Feuer strömte eine brüllende Hitze heraus. Mit jeder Schlacke mehr, die herausgebrochen und vor das Feuer gezerrt war, wurde die Hitze mächtiger. Denn nun lagen die glühenden Schlacken vor den Feuertüren im Kesselraum und erhitzten ihn wie einen Glutofen. Der Heizer und auch ich, wir hatten nur die Hosen an, nichts weiter. Der Heizer hatte an den bloßen Füßen zerlumpte Tuchpantinen, während ich Stiefel hatte. Ab und zu sprang der Heizer hoch und trampelte die glühenden Schlackenkörner von den Füßen, auf die sie gesprungen waren. Die Schürstange konnte nur gehalten werden, weil der Heizer seine Hände mit Sacklumpen umwickelt hatte und Leder von einem alten Koffer zwischen Hand und Eisen hielt. Endlich wurde die Hitze, die von den Schlacken ausströmte, so gewaltig, daß der Heizer fort mußte vom Feuer. Jetzt wurden die Schlacken mit Wasser, das ich aus einem Bottich nahm, gelöscht. Der explosionsartig hochgehende Wasserdampf ließ uns beide zurück an die Wand springen. Die Schlacken gleich einzeln zu kühlen, wenn sie herauskommen, geht nicht, weil während des Kühlens der Heizer nicht arbeiten kann. Dann dauert das Ausschlacken zu lange, das Feuer fehlt und der Dampf geht so weit zurück, daß eine halbe Stunde wie wahnsinnig gearbeitet werden muß, um den Dampf wieder hochzukriegen. Runter geht er wie nichts, rauf nur langsam und mit mühseliger Arbeit.

Alles, was auf der Yorikke war, diente dazu, der Mannschaft Leben und Arbeit zu erschweren. Der Kesselraum war viel zu schmal. Er war viel schmäler als die Feuerungskanäle lang waren. Wenn die Schürstange also in die Feuerung gestoßen oder herausgezogen werden sollte, so mußte der Mann mit der Stange alle möglichen Wendungen und Drehungen verüben, um die Stange zu handhaben, weil sie immer gegen die Rückwand stieß. Durch diese Tänze, die der Heizer zu machen hatte, kam es nicht selten vor, daß er bald dort stolperte und in einen Kohlenhaufen fiel, bald hier. Bald stieß er sich an der Wand die Knöchel der Finger auf, bald an der Feuertür. Wenn er fiel und instinktiv nach einem Halt griff, so griff er in glühende Schlacken oder er packte die glühende Schürstange an. Es kam auch vor, besonders wenn das Schiff rollte, daß er mit dem Gesicht in die Schlacken oder auf die rotglühende Schürstange oder auf die Feuertür fiel oder mit den bloßen Füßen auf einen herausgenommenen heißen Rost oder auf heiße Schlacke trat. Mein Heizer glitschte einmal bei einem unerwartet schweren Roller des Bootes aus und fiel mit dem nackten Rücken in die weißglühende Schlacke, die vor dem Feuer lag. Totenschiff, yes, Sir. Totenschiffe gibt es, die Leichen drin machen, und Totenschiffe gibt es, die Leichen draußen machen, und Totenschiffe gibt es, die Leichen überall machen. Yorikke machte alles und alle, sie war ein gutes Totenschiff.

War die Schlacke heraus und gelöscht, so wurde frische Nußkohle aufgeworfen. Diese Kohle mußte der Schlepp inzwischen aus der Haufenkohle herausgelesen haben, es mußte gute, nicht zu große Stückkohle sein, damit sie leicht anbrannte und damit das Feuer schnell wieder in Gang kam. Denn die Kohle, die auf der Yorikke verfeuert wurde, war die billigste und schlechteste Kohle, die es nur gab, sie erzeugte nur wenig Hitze; und das war die weitere Ursache, warum der Schlepp unglaubliche Riesenmengen von Kohle herbeischaffen mußte, um den Dampf hochzuhalten. Nun wurden die andern Feuer wieder nachgesehen, während ich die Schlacke nach der Mitte der Kesselwand zu schaufelte, wo sie nicht im Wege lag.

Der andre Heizer hatte sich inzwischen fertig gewaschen, war aber die ganze Zeit über immer in Gefahr gewesen, von dem glühenden Schüreisen gestoßen und angeschmort zu werden oder von einer springenden Schlacke verbrannt zu werden. Aber das kümmerte ihn nicht sehr, er war tot. Man konnte es jetzt auch sehen. Gesicht und Körper waren von dem Waschen mit Sand und Asche ziemlich rein geworden. In die Augen konnte er aber nicht gut mit Sand und Asche gehen, darum hatten die Augen breite schwarze Ringe. Das gab dem Gesicht das Aussehen eines Totenschädels, um so mehr, als die Backen vor schlechter Ernährung und vor übermäßiger Arbeit tief eingefallen waren. Er zog sich seine Hose an und sein durchlöchertes Hemd und kletterte die Leiter hoch. Ich hatte gerade Zeit genug, einmal einen Blick nach oben zu werfen, als ich ihn die Schlange machen sah.

Stanislaw schaffte indessen Kohle heran, damit ich wenigstens den Vorrat bekam. Es kamen dann die Feuer sechs und neun an die Reihe. Als sechs ausgeschlackt und aufgeschüttet war und die übrigen Feuer soweit vorbereitet waren, um auch neun ausschlacken zu können, kam Stanislaw und sagte zu mir: „Nun bin ich fertig. Ich kann nicht mehr. Es ist eins. Ich habe fünfzehn Stunden jetzt ununterbrochen gewürgt. Um fünf muß ich schon wieder Asche hieven. Es ist ja gut, daß du da bist, wir hätten das nicht mehr länger machen können. Ich will dir nur jetzt gestehen, wir sind nur zwei Schlepps, wenn du eingerechnet bist. Wir haben also nicht zwei Wachen jeder, sondern drei, und dazu kommt zu jeder Wache eine Stunde Aschehieven extra. Und morgen haben wir, auch noch extra, die Berge von Asche, die auf Deck liegen, weil im Hafen ja keine Asche ausgeworfen werden darf, abzuschaufeln. Wird für jeden vier Stunden extra machen.“

„Das sind doch dann alles Überstunden, die Doppelwachen, das Abschaufeln der Deckasche und das Aschehieven“, sagte ich.

„Ja, das sind alles Überstunden. Wenn es dir Vergnügen macht und du gerne schreibst, kannst du dir die ganzen Überstunden anschreiben. Aber bezahlen tut sie dir keiner.“

„Das ist mir aber bei der Heuer ausgemacht worden“, antwortete ich.

„Was ausgemacht wird, hat keine Geltung bei uns. Nur was du in der Tasche hast, das hat Geltung. Und in die Tasche kriegst du immer nur Vorschuß, Vorschuß, Vorschuß. Immer soviel, daß es zum Besaufen gerade langt und vielleicht für ein Paar Pantinen oder ein Hemd, aber nicht mehr. Denn wenn du anständig aussiehst und ruhig durch die Straße gehen kannst, könntest du ja vielleicht wieder lebendig werden. Verstehst du jetzt den Dreh? Kannst nicht fort. Mußt Geld haben, mußt eine ganze Hose, eine ganze Jacke, ganze Stiefel und Papiere haben. Kriegst du nicht. Kannst nicht lebendig werden. Wenn du aussteigst, läßt er dich einfangen, wegen Desertion. Die haben dich gleich mit deinen Lumpen und keinen Papieren. Dann zieht er dir zwei oder drei Monatsheuern ab wegen Desertion. Kann er. Tut er. Dann bettelst du wegen eines Schillings auf den Knien für Schnaps. Schnaps mußt du haben. Tot sein tut manchmal doch weh, auch wenn man sich schon lange daran gewöhnt hat. Gute Nacht. Waschen tu ich mich nicht, ich kann nicht mehr die Hand heben. Laß dir keine Roste durchfallen, das kostet Blut, Pippip. Gute Nacht.“

„Heilige Maria, genotzüchtigter Gabriel, Joseph und Arimathia, Eberklöten und Bockpinnen, Himmelkreuzdonnerwetter – –“

Der Heizer schrie wie besessen und nahm einen gewaltigen Anlauf, um eine neue Serie von Flüchen und Verwünschungen loszulassen, daß die Bewohner aller Höllen schamrot werden mußten. Von der Erhabenheit seines Gottes, von der jungfräulichen Reinheit der Himmelskönigin, von der Würde der Heiligen blieb nichts mehr bestehen. Sie sanken in den Kot der Straße und wurden durch die Jauche der Gosse geschleift. Die Hölle hatte ihre Schrecken für ihn verloren, ihn konnte kein noch so fürchterlicher Bannstrahl des Himmels mehr treffen, denn als ich fragte:

„Heizer, was ist denn los?“ da heulte er wie eine blutdürstige Bestie:

„Sechs Roste sind rausgefallen. Heilige verhur – –“

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Stanislaw hatte beim Raufgehen gesagt, daß das Herausfallen der Roste Blut kostet. Damit meinte er, wenn einer rausfällt. Jetzt waren sechs raus. Sie einzusetzen kostete nicht nur Blut und nicht nur abgestoßene Fleischstücken und abgeschmorte Hautfetzen, das kostete blutendes Sperma, herausgezerrte Sehnen, das Mark floß einem wie wäßrige Lava aus den Knochenröhren, die Gelenke krachten wie Holz, das gebrochen wird. Und während wir arbeiteten wie verblödete Maden, fiel der Dampf und fiel und fiel. Und wir sahen die Arbeit, die uns bevorstand, den Dampf wieder hochzubringen. Sie kroch und würgte sich in unsre Kadaver, während wir mit den Rosten würgten. Seit jener Nacht stehe ich über den Göttern. Ich kann nicht mehr verdammt werden. Ich bin frei, darf unbekümmert tun und lassen, was ich will. Ich darf Götter verfluchen, darf mich verwünschen, darf handeln, wie es mir gefällt. Kein menschliches Gesetz, kein göttliches Gebot mehr kann meine Handlungen beeinflussen, denn ich kann nicht mehr verdammt werden. Die Hölle ist ein Paradies. Keine menschliche Bestie kann Höllenqualen ausdenken, die mich erschrecken könnten. Wie immer auch die Hölle beschaffen sein mag, sie ist Erlösung. Erlösung vom Einsetzen rausgefallener Roste auf der Yorikke.

Der Skipper ist nie im Kesselraum gewesen und keiner der beiden Offiziere. Freiwillig ging niemand in diese Hölle. Sie machten sogar einen Umweg, wenn sie am Einsteigschacht vorbei mußten. Die Ingenieure wagten sich in den Kesselraum nur, wenn die Yorikke sanft im Hafen lag und der Kesselbums Reinigungsarbeiten machte, Rohre ziehen, Maschinenhalle putzen und ähnliche dreckige Tagesarbeiten. Selbst dann hatten die Ingenieure diplomatisch mit den Schwarzen Banditen umzugehen. Denn die waren immer und immer in einem Zustande, dem Ingenieur einen Hammer an den Schädel zu pfeffern. Was bedeutete dem Kesselbums Gefängnis, Zuchthaus oder der Henker? Nicht einen Pfifferling machten die sich daraus.

Von der Maschinenhalle aus führte ein schmaler niedriger Gang zwischen dem Steuerbordkessel und der Steuerbordwand zu dem Kesselraum. Dieser Gang war von der Maschinenhalle durch eine schwere eiserne kleine Tür, die wasserdicht war – was auf der Yorikke wasserdicht genannt werden konnte – abgetrennt. Kam jemand von der Maschinenhalle, und hatte er die Luke passiert, so mußte er mehrere Stufen hinuntergehen, um den Gang zu erreichen. Dieser Gang war drei Fuß nur breit und so niedrig, daß man ganz gebückt gehen mußte, um sich nicht den Kopf an den eisernen, scharfkantigen Querstreben einzurennen. Der Gang war, wie alles auf der Yorikke und wie auch der Kesselraum, stockdunkel bei Tage und bei Nacht. Zudem war der Gang heiß wie ein Hochofen. Wir, die Schlepps, fanden uns in dem Gange mit verbundenen Augen zurecht, denn er gehörte mit zu den Spezialmarterwegen. Durch diesen Gang hatten wir einige hundert Tonnen Kohle nach den Kesseln zu schaufeln und zu quetschen, von den Bunkern, die neben der Maschinenhalle lagen. Wir kannten diesen Martergang und seine labyrinthischen Rätsel. Andre Leute kannten ihn nicht so gut.

Fiel nun der Dampf erheblich, weit unter hundertdreißig, dann mußte der wachhabende Ingenieur etwas tun. Dafür wurde er ja bezahlt. Der Erste kam auch nicht in den Kesselraum. Auf Fahrt nie. Ein zerschlagenes Schulterblatt hatte ihn gelehrt, daß man den Kesselbums auf Fahrt nicht belästigen darf. Er rief nur von oben, vom Deck aus, den Schacht hinunter: „Der Dampf fällt!“ Dann war er aber auch schon weg. Denn von unten kam das Gebrüll: „Du gottverfluchter Hurenhund, das wissen wir selber. Komm runter, du Schwein, wenn du was willst.“ Dabei flogen aber auch schon Kohlenstücken gegen die Einsteigluke.

Man rede dem Arbeiter nichts von Anstand, Höflichkeit und guten Sitten, wenn man ihm nicht gleichzeitig die Bedingungen geben will, daß er anständig und höflich bleiben kann. Dreck und Schweiß färben ab, nach innen mehr als nach außen.

Der Zweite Ingenieur war noch verhältnismäßig jung, vielleicht sechsunddreißig. Er war ein großer Streber und wollte gern Erster werden. Er glaubte, seine Strebsamkeit am besten beweisen zu können dadurch, daß er den Kesselbums herumjagte, besonders wenn Yorikke im Hafen lag, denn dann hatte er das Maschinenkommando. Er war kein guter Lerner und lernte schwer, eigentlich nie, mit dem Kesselbums der Yorikke umzugehen. Es gibt Ingenieure, die vom Kesselbums angebetet werden. Ich habe einmal einen Skipper gekannt, der vom Kesselbums wie ein Gott verehrt wurde. Der Skipper ging jeden Tag persönlich in die Galley: „Koch, ich will das Essen sehen, das meine Heizer und Kohlschlepps heute kriegen. Will ich kosten. Das ist Dreck. Das geht über Bord. Die Heizer und Kohlschlepps fahren einen Dampfer, niemand sonst.“ Und wenn er einen Schlepp oder einen Heizer auf dem Deck traf: „Schlepp, wie war das Essen heute; genug Fleisch? Wie kommt ihr mit der Milch zurecht? Abends kriegt ihr eine Extraration an Eiern und Speck. Bringt euch der Junge auch regelmäßig den kalten Tee runter, der angeordnet ist?“ Und merkwürdig, die Heizer und Schlepps auf jenem Eimer hatten ein Benehmen, daß sie zum Gesandtschaftsball hätten eingeladen werden können.

Als beim Einsetzen der Roste der Dampf fiel und fiel, kam der Zweite, der die Wache hatte, durch den Gang, lugte um die Kesselecke und sagte:

„Was ist mit dem Dampf los? Der Kasten wird gleich stehenbleiben.“ Der Heizer hatte in dem Augenblick gerade die rotglühende Schürstange in der Hand, mit der er einen Rost vom Aschenzug aus einzustützen versucht hatte. Mit einem fürchterlichen Geheul, mit blutunterlaufenen Augen und schäumendem Munde richtete er sich auf und raste wie ein Irrsinniger mit der glühenden Stange auf den Ingenieur los, um ihm die Stange durch den Leib zu rennen. Aber wie ein Funke war der Ingenieur hinter der Ecke verschwunden und sauste den Gang zurück. In der Schnelligkeit, mit der er floh, maß er die Höhe des Ganges nicht genügend und schlug sich den Schädel an einer der Querstreben auf. Der Heizer hatte die Stelle, wo der Ingenieur gestanden hatte, getroffen. Der Stoß war so gewaltig, daß ein Fladen von dem Mauerwerk, das den Kessel gegen Hitzeverlust schützte, absprang und die Stange sich oben verbog. Doch der Mann gab die Verfolgung nicht auf. Er raste hinter dem Zweiten her mit der Stange, und er hätte ihn mitleidlos erschlagen und zermanscht, wenn der Ingenieur nicht rechtzeitig, blutüberströmt von dem Gegenrennen an den Eisenstreben, die Stufen erreicht und die Luke hinter sich zugeschlagen und verrammelt hätte.

Der Ingenieur rapportierte den Fall nicht, wie kein Unteroffizier oder Offizier, der von einem gemeinen Soldaten unter vier Augen gebackpfeift wurde, die Backpfeifen rapportieren würde, um nicht zugeben zu müssen, daß ihm das geschehen konnte. Hätte der Ingenieur den Fall rapportiert, so hätte ich als Zeuge geschworen, daß der Ingenieur hereingekommen sei und den Heizer mit einem Schraubenschlüssel habe erschlagen wollen, weil angeblich nicht genügend Dampf gewesen sei und der Heizer ihm gesagt habe, er möge machen, daß er rauskäme, er sei ja besoffen, und da ist er in seiner Trunkenheit rausgetorkelt und hat sich den Kopf aufgeschlagen. Das ist nicht gelogen. Abgesehen von allem andern, der Heizer ist mein Leidensgefährte. Und wenn die andern blöken: „Right or wrong, my country! Recht oder Unrecht, mein Vaterland!“, so habe ich, verflucht nochmal, Recht und Schuldigkeit, zu rufen: „Right or wrong, my fellow-worker! Recht oder Unrecht, meine Mitproleten!“