Chapter 15 of 24 · 3899 words · ~19 min read

Part 15

Am nächsten Tage fragte der Erste den Zweiten, wie er zu dem Loch im Schädel gekommen sei. Der Gefragte erzählte die Wahrheit. Aber der Erste, ein schlauer Bursche, rapportierte nichts, sondern sagte zum Zweiten: „Da haben Sie verteufelt Glück gehabt, Mensch. Machen Sie das nicht nochmal. Wenn Roste raus sind, lassen Sie sich nicht sehen, gucken Sie zum Einsteigeschacht rein, aber melden Sie sich mit keinem Atemzuge, daß Sie da sind. Lassen Sie den Dampf runtergehen, soviel er will, und wenn der Kasten stehenbleibt. Wenn Sie runtergehen, solange Roste raus sind und die nächste halbe Stunde danach, werden sie mitleidlos totgeschlagen und in den Feuerungskanal geschoben. Kein Mensch erfährt je, wo Sie geblieben sind. Ich warne Sie.“

So ein Streber war der Zweite doch nicht, daß er sich diese Warnung nicht zu Herzen genommen hätte. Er ist nie wieder in den Kesselraum gekommen, wenn Roste gefallen waren, und wenn er sonst kam, weil der Dampf büßte und nicht hochkommen wollte, dann kam er wohl rein, sagte keine Silbe, sah nach dem Dampfmeter, stand eine Weile, bot dem Heizer und dem Schlepp eine Zigarette an und sagte dann: „Wir haben ludermäßige Kohle, da kann ein Heizer von Gold gemacht sein und er kann keinen Dampf halten.“

Heizer sind ja keine Idioten und verstehen natürlich sofort, was der Ingenieur will, und tun das Beste, was sie können, um den Dampf hochzukriegen. Denn nicht nur andre Leute, sondern auch Proleten haben Sportgefühl. Aber es soll sich kein Arbeiter über seine Vorgesetzten beschweren, er hat immer die, die er verdient, und die er sich macht. Ein gutgezielter und gutsitzender Hieb zur rechten Zeit ist besser als ein langer Streik oder ein langes Herumärgern. Ob man die Arbeiter als „Rohlinge“ bezeichnet, kann ihnen gleichgültig sein. Respektieren soll man sie, das ist die Hauptsache. Nur nicht schüchtern sein, Prolet. Was Übles man der Yorikke auch immer sonst nachreden konnte, in einem Dinge verdiente sie, mit Lorbeer gekrönt zu werden: Sie war ein vortrefflicher Lehrmeister. Ein halbes Jahr Yorikke, und man hatte keine Götzen mehr. Hilf dir selbst und verlaß dich nicht soviel auf andre. Gefallene Roste einsetzen, ist selbst auf einem gesunden Eimer kein Vergnügen, wie ich später erfuhr. Es ist immer eine sehr ärgerliche Sache. Doch nicht mehr als das. Auf der Yorikke aber war es Blutarbeit.

Jeder Rostbarren wog etwa vierzig bis fünfzig Kilo. Diese Barren lagen mit ihren Nocken auf einer Querleiste vorn und auf einer Querleiste am Ende des Feuerungskanals. Die Querleisten waren einmal gut und neu gewesen, zu der Zeit, als der große Streik ausbrach beim Bau des Turms von Babel und jene Sprachverwirrung eintrat, die auf der Yorikke ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Kein Wunder, daß in der langen Zwischenzeit jene Querleisten ihre stützende Wirkung verloren hatten. Die Leisten waren verschmort. Die Roste lagen mit ihren Nocken nur auf winzigen Narben jener abgeschmorten Querbalken. Beim Aufbrechen der Schlacke brauchte man nur einen Millimeter zu unvorsichtig sein, oder die Schlacke brauchte nur sehr fest sitzen, dann rutschte ein Rostbarren ab und fiel hinunter in den Aschfall. Der Rostbarren war glühend und mußte aus dem Aschfall herausgefischt werden mit einem merkwürdigen Instrument, das Rostzange hieß und etwa zwanzig Kilo wog. Hatte man den Barren gefischt, so mußte er in den Feuerungskanal gehoben und in seine alte Lage gebracht werden. Da die Querbalken abgeschmort waren im Laufe der Jahrtausende, so waren die verschrumpelten und verbrannten Narben, auf denen der Barren ruhen sollte, weniger als einen halben Zoll breit. Hatte man den Barren vorn glücklich drin, rutschte er hinten ab und fiel wieder in den Aschfall zurück, wo er abermals herausgefischt werden mußte, um das Einsetzen ein zweitesmal zu versuchen. Diesmal lag er hinten glücklich in der Narbe, aber er erreichte vorn nicht den Rest des Balkens und fiel nun vorn in den Aschfall. Fiel der Barren an einem Ende in den Aschfall, so gab auch das andre Ende nach, und der ganze Barren fiel runter. Dieses Herausfischen und Wiedereinheben mußte so lange versucht werden, bis der Barren durch ein glückliches Zusammentreffen mehrerer glücklicher Umstände an beiden Enden diesen knappen halben Zoll von Auflagefläche gewonnen hatte.

Handelte es sich nur um einen Barren, so war das schon das Schlimmste, was man sich nur an Arbeit vorstellen kann. Aber durch das Fischen und durch das Einlegen stieß man zuweilen einen Nachbar-Barren an und der folgte dem Rufe und fiel gehorsam auch nach in den Aschfall, dabei seinen nächsten Nachbar mit sich reißend. Beim Einlegen des letzten Nachbars fiel ein weiterer Nachbar herunter, der an und für sich schon nur noch einen Millimeter auflag und schon eine Stunde sehnsüchtig darauf gewartet hatte, daß ihn doch jemand berühren möge, damit er endlich einen Grund habe, auch in den Aschfall rutschen zu können und den Tanz mitzumachen.

Während dieser Fischzeit und Einlegezeit brannte das Feuer in dem Kanal natürlich lustig weiter, die Barren waren glühend, die Zange war glühend, das Schüreisen, mit dem die Barren während des Einlegens von unten aus gestützt wurden, war glühend und die Barren hatten ein Gewicht, daß sie selbst dann eine ansehnliche Last darstellten, wenn sie eiskalt waren und man sie in den Armen vor sich tragen konnte. Ununterbrochen durfte man nicht an den Barren arbeiten, weil die übrigen Feuer bedient werden mußten, damit sie nicht verlöschten. Alles, was an vorrätiger Kohle im Kesselraum lag, wurde in der Zeit aufgefressen und mußte nachgeschleppt werden.

Als wir endlich die sechs Roste drin hatten und keiner es wagte, in der Nähe der Feurungstür fest aufzutreten, um die Barren nicht zu erschüttern und sie von ihren Millimeterstütznarben abzuwerfen, fielen wir beide leblos in einen Kohlenhaufen. Leblos ist die richtige Bezeichnung; denn jegliches Leben in uns war für eine halbe Stunde erloschen. Wir bluteten, aber wir fühlten es nicht, unsre Haut war in Streifen und großen Flecken von Armen, Händen, Brust und Rücken abgeschmort, aber wir fühlten es nicht. Wir hatten nicht mehr die Kraft, zu atmen.

Ein Hauch des Lebens kam endlich zurück, und wir hatten den Dampf wieder hochzubringen. Aus den fernsten Winkeln des Schiffes mußte die Kohle geschleppt werden, denn die Kohlenbunker lagen da, wo sie am wenigsten Laderaum wegnehmen konnten. Die Laderäume waren die Hauptsache. Ihretwegen fuhr die Yorikke, ihretwegen fährt jedes Schiff. Die Kohle, das Essen für das Schiff, war Nebensache, wie das Essen für die Mannschaft Nebensache war. Wo ein Winkel frei war, der als Laderaum nicht verwendet werden konnte, da wurde Kohle verbunkert, und da mußte sie weggeschleppt werden. In einer Wache von vier Stunden verbrauchten die neun Feuer der Yorikke mehr als vierzehnhundertfünfzig volle schwere Schaufeln Kohle. Diese vierzehnhundertfünfzig Schaufeln mußten herbeigeschleppt werden. Und das mußte getan werden neben dem Ausschlacken, neben dem Aschfallziehen, neben dem Aschehieven und, in gebenedeiten Wachen, neben dem Rosteeinsetzen.

Das mußte getan werden von nur einem Kohlenschlepp, dem dreckigsten Mann der Mannschaft, dem verachtetsten, der weder Matratze hatte, noch eine Decke, noch ein Kissen, noch einen Teller, noch eine Gabel, noch eine Tasse, mußte getan werden von einem Manne, dem satt zu essen zu geben nicht durchführbar war, weil die Kompanie behauptete, sonst nicht konkurrenzfähig zu sein. Und daß Kompanien konkurrenzfähig sein müssen, darauf achtet sogar der Staat. Dafür achtet er um so weniger darauf, daß die Menschen konkurrenzfähig bleiben. Beide, Kompanien und Arbeiter, können nicht gleichzeitig konkurrenzfähig gemacht werden.

Um vier wurde mein Heizer abgelöst. Ich nicht. Ich ging meine Ablösung, den Stanislaw, um zwanzig vor fünf wecken, zum Aschehieven. Ich mußte ihn aus der Bunk ziehen. Er war wie ein Klotz.

Er war schon lange auf der Yorikke. Er war daran gewöhnt. Wenn jemand, vielleicht der Passagier einer Luxuskabine, durch Neugier getrieben, an dem Kesselschacht vorbeikommt, so ist sein erster Gedanke:

„Wie ist es möglich, daß da Menschen arbeiten können?“

Aber da flüstert ihm sofort der, der immer zur Hand ist und ihm das Leben erträglich macht, ins Ohr: „Das sind die gewöhnt, die merken davon nichts.“

Damit kann man alles entschuldigen, und damit entschuldigt man alles. So wenig wie sich ein Mensch an Lungentuberkulose gewöhnt, so wenig wie er sich daran gewöhnt, dauernd zu hungern, so wenig kann sich ein Mensch daran gewöhnen, etwas zu ertragen, was am ersten Tage körperliche und seelische Qualen bereitet, die man niemand gönnen mag, der Menschenantlitz trägt. Mit der nichtswürdigen Ausrede: „Die sind daran gewöhnt!“ entschuldigt man auch das Auspeitschen der Sklaven.

Stanislaw, ein robuster Bursche, hatte sich nie daran gewöhnt, ich habe mich nie daran gewöhnen können, und ich habe nie einen Menschen gesehen, der sich an Qualen je gewöhnt hätte. Weder Tiere noch Menschen können sich an Qualen gewöhnen, nicht an körperliche, nicht an seelische. Sie werden nur abgestumpft, und das nennt man Gewöhnung. Doch ich glaube nicht, daß je ein Mensch so abgestumpft werden kann, daß er sich nicht nach Erlösung sehnt, daß er nicht in seinem Herzen den ewigen Schrei trägt: „Ich hoffe, daß mein Befreier kommt!“ Nur der allein hat sich gewöhnt, der nicht mehr hofft. Die Hoffnung der Sklaven ist die Macht der Herren.

„Ist das schon fünf?“ sagte Stanislaw. „Ich habe mich doch soeben erst hingelegt.“ Er war noch so dreckig wie er raufgegangen war. Auch jetzt konnte er sich nicht waschen. Er war zu müde.

„Ich will dir sagen, Stanislaw, ich halte es nicht aus. Ich kann um elf nicht Asche hieven und um zwölf ablösen. Ich gehe über die Reeling.“ Stanislaw saß auf der Bunk, guckte mich verschlafen an, gähnte und sagte: „Tu das nicht. Ich kann nicht deine Wache auch noch machen. Ich mache auch über die Reeling. Gleich hinterher. Nein. Mache ich nicht. Dann schon lieber Pflaumenmus unter den Kessel. Dann geht alles mit und die können keinen mehr fangen. Das ist eigentlich ein Spaß. Das mit Pflaumenmus.“

Der arme Stanislaw war noch ganz im Dusel. Dachte ich.

32

Um sechs Uhr morgens war meine Wache zu Ende. Ich hatte dem Stanislaw keinen Kohlenvorrat hinterlassen können. Ich konnte die Schaufel nicht mehr halten. Ich brauchte keine Matratze, keine Decke, kein Kissen, keine Seife. Ich fiel in meine Bunk, dreckig, ölig, fettig, verschwitzt wie ich war. Meine Hosen waren für dauernd verdorben, auch mein Hemd und meine Stiefel. Dick verschmiert mit Öl, Kohlenstaub und Petroleum. Löcher reingebrannt, versengt, zerrissen. Wenn ich nun an der Reeling der Yorikke stand im nächsten Hafen, in Reih und Glied der übrigen Taschendiebe, Einbrecher und entlaufenen Sträflinge, dann war ich nicht mehr zu unterscheiden. Ich hatte nun auch meine Sträflingskleidung, in der ich nicht mehr aussteigen konnte, ohne sofort gefaßt und zurückgeliefert zu werden. Ich war jetzt ein Teil der Yorikke geworden, mußte mit ihr gehen auf Tod und Verderben. Es gab kein Entrinnen mehr.

Jemand riß mich auf und schrie mir ins Ohr: „Frühstück ist da.“ Es kann kein Frühstück auf der Welt bereitet werden, das imstande gewesen wäre, mich aus der Bunk zu bringen. Was war mir Frühstück, was war mir Essen? Ein schwarzes, dickes, dunstiges, schwerwuchtendes Etwas. Manch einer sagt: „Ich bin so müde, daß ich keinen Finger mehr rühren könnte.“ Der das sagen kann, weiß nicht, was Müdesein bedeutet. Fingerrühren? Nicht einmal die Augendeckel schlossen ganz, vor Müdigkeit. Meine Augen waren halb geöffnet, und ich empfand das trübe Tageslicht wie einen lastenden Schmerz, aber ich konnte und konnte die Augenlider nicht schließen. Sie schlossen nicht selbsttätig und sie schlossen nicht auf meinen Willen. Denn den Willen konnte ich nicht aufbringen. Ich hatte nicht den Wunsch, sondern nur ein lastendes Unbehagen: „Möchte doch das Tageslicht weggehen.“

Und als ich nicht dachte, sondern widerstandslos empfand: „Was kümmert dich das Tageslicht?“, da riß mich der schwere eiserne Haken eines Ladekrans hoch, dem Kranführer flitschte der Hebel aus der Hand, ich sauste aus dreißig Meter Höhe hinunter, klatschte flach auf den Ladekai und ein dicker Schwarm von Leuten stürmte auf mich los und schrie:

„Raus, zwanzig vor elf, Asche hieven.“

Nachdem die Asche gehievt war, holte ich das Mittagessen aus der Galley, hatte mit meinen Kumpen die Leiter Mittschiffs raufzugehen und die Leiter zum Vordeck wieder runterzuklimmen. Ich aß ein paar Pflaumen, die „Der Pudding“ hießen, und die in einem blauen Stärkeschleim steckten. Etwas andres und mehr zu essen war ich zu müde. Ich wusch mich nicht, sondern trat so meine Wache an. Als ich um Sechs abends wieder abgelöst wurde, war ich zu müde, um mich zu waschen. Das Abendessen war kalt und steif. Das rührte mich nicht. Ich schlug in meine Bunk.

Das ging drei Tage und drei Nächte. Ich hatte keinen andern Gedanken als nur: Elf bis sechs, elf bis sechs, elf bis sechs, elf bis sechs. In diesem Begriff sammelte sich für mich der Weltbegriff und das Persönlichkeitsbewußtsein. Ich war ausgelöscht. An Stelle des Ichs stand nichts andres als elf bis sechs. Zwei unsagbar wehe Schreie schnitten sich mir mit Grausamkeit in das, was Hirn, Fleisch, Seele, Herz gewesen war. Sie bereiteten einen Schmerz, der gellend scharf war. Mag sein, daß man einen ähnlichen kreischenden Schmerz empfindet, wenn einem das nackte Gehirn mit einer Stahlfeder gekitzelt wird. Die Schreie kamen immer von weit her, waren immer dieselben, immer gleich grausam und schmerzhaft: „Raus, zwanzig vor elf!“ – – „Heilige genotzüchti – Roste durchgefallen!“

Als vier Tage und fünf Nächte um waren, bekam ich Hunger, aß und begann, mich daran zu gewöhnen.

„So schlimm ist das eigentlich gar nicht, Stanislaw“, sagte ich, als ich ihn ablösen kam. „Die Frikandellen schmecken ganz gut. Wenn man nur etwas mehr Milch bekäme. Na, der Vorrat, den du mir hinterläßt, ist auch nicht gerade berühmt. Das stochern wir in einen hohlen Zahn vom Feuer eins. Wie kann man denn beim Ersten einen Rum rausschinden?“

„Spielend, Pippip. Siehst ja klapprig genug aus. Glaubt er dir. Gehst jetzt gleich rauf und sagst, hast dir den Magen verdorben und mußt immerfort kotzen. Sagst, kannst nicht auf Wache gehen, kotzt grün. Gleich hast du ein Weinglas weg. Zweimal die Woche kannst du drauf reiten auf das Rezept. Wenn du mehr kommst, zieht es nicht mehr. Dann gießt er dir unversehens halb Rizinus mit ein, merkste erst, wenn du geschluckt hast. Und kannst ihm doch nicht gut in die Kabine spucken, mußte dann aufscheuern. Also schluckste. Gib das Rezept nicht weiter. Ist bloß für uns beide. Die Heizer haben ein separates. Pfeifens aber nicht, die Gauner.“

Ich gewöhnte mich immer mehr.

Dann kam die Zeit, wo ich schon wieder Nebengedanken bekam, wo ich nicht in einem ermüdeten Dämmerzustande, sondern ganz trocken dem Zweiten zuschrie, wenn er nicht sofort den Kesselraum verließe, er nicht nur einen Hammer, sondern auch noch einen Knebelbolzen an den Schädel kriegen würde, und daß er mich wehrlos über Bord schmeißen dürfe, wenn ich ihm nicht ganz gewiß mit dem Hammer die Vorderfront und mit dem Bolzen die Hinterpartie seines Idiotenschädels einschlüge, und daß er uns diesmal nicht durch den Gang entkommen würde.

Er hätte in der Tat nicht entkommen können. Er hatte wohl auch das Gefühl. Wir hatten in dem Gange eine Stange aus Eisen so angebracht, daß sie in der Schwebe hing. Von der Rückwand des Kesselraumes aus führte eine Schnur zu jener Eisenstange. Wollte er entfliehen, so sprang einer sofort zu der Schnur und zog sie an. Dadurch wurde die Stange aus der Schwebe ausgelöst und fiel so in seinen Weg, daß er in der Falle war. Ob er lebend herausgekommen wäre oder mit kurz und klein geschlagenen Gliedmaßen nur, hing lediglich von der Anzahl der rausgefallenen Roste ab.

Es vergingen manchmal fünf Wachen, ohne daß auch nur ein Rost herausfiel. Aber die Roste brannten ja auch durch und mußten durch neue ersetzt werden, weil sonst die Feuer durchbrachen. Zuweilen hatte man so viel Glück, daß bei dem Neueinsetzen nur ein Nachbar mitging, und daß man die beiden mit Geduld und Blut so andächtig behandeln konnte, daß es bei den beiden blieb. Dafür aber kamen dann auch die Prüfungen um so schärfer, daß nicht nur sechs fielen, sondern acht, und nicht nur in einem Feuerzug, sondern in zwei oder drei in derselben Wache. Fürwahr, es wurde einem nichts geschenkt.

Als wir Goldküste machten, kamen wir in Wetter, und was für ein Wetter! Ehre sei Gott in der Höhe, und blas’ mir die Trompeten! Das war ein Lüftchen. Da bring mal die Kumpen mit Suppe und Schneidergulasch heil über Mittschiff zum Quartier. Fleckenseife und Benzin nochmal! Das will gelernt sein.

Nun das Aschehieven. Da hat man die schwere Aschkanne ausgehängt und trägt sie warm im Ärmchen rüber über das Gangdeck zum Ascheschacht. Aber ehe man mit seiner geliebten Kanne dort ankommt, hat Yorikke übergerollt und man saust mit seiner holden gefüllten Kanne das ganze Gangdeck entlang und sauber zur Gangstieg. Kachelt Yorikke achtern aus, landet man mit seiner Aschkanne immer noch fest im Arm unten auf dem Vordeck, läßt Yorikke vorn die blanken Oberschenkel sehen, rasselt man mit der Kanne nach achtern und rollt das ganze Achterdeck rauf und runter und der Erste Offizier schreit von der Brücke herunter: „He, Schlepp, wenn Sie über Stag gehen wollen, man immer los, es hält Sie niemand, aber die Aschkanne lassen Sie gefälligst hier. Die können Sie beim Fischen nicht gebrauchen.“

Unten vor den Kesseln ist es dann auch viel gemütlicher als sonst. Wenn der Heizer gerade mit einem schön einstudierten Schwung eine volle Schaufel aufschmeißen will, dreht er sich plötzlich und schmeißt einem die Schaufel voll Kohlen klatschend ins Gesicht oder zwischen die Eingeweide. Beim nächsten Überholer kommt er gar nicht zum Schwunge, sondern fliegt mit seiner Schaufel in einen Kohlenhaufen, in dem er verschwindet und aus dem er erst hervorkraucht, wenn Yorikke wieder hier überlegt.

In den Bunkern, wenn es Oberbunker sind, die auch mit Gut beladen werden können, ist der Spaß noch größer, weil man mehr Spielraum hat. Man hat glücklich am Steuerbordschacht zweihundert Schaufeln aufgeschichtet und beginnt gerade damit, sie nach dem Kesselschacht abzuwerfen.

Ratsch! legt Yorikke über nach Backbord. Und Schlepp, seine Schaufel und seine schönen zweihundert Würfe Feuergut rutschen in einem wilden Gemengsel über nach Backbord und steigen an der Backbordwand hoch. Yorikke macht nun einen Längser, man kommt ins Gleichgewicht und beschließt die zweihundert Würfe am Backbordschacht abzuwerfen. Eine Schaufel hat man gerade unten, da legt sich Yorikke zur Abwechslung nach Steuerbord über und das Gemengsel, mit dem Schlepp in der Mitte, rasselt nach Steuerbord, wo es ursprünglich herkam. Jetzt aber überlistet man die gute Yorikke. Man überlegt nicht lange, prasselt gleich zehn, fünfzehn Schaufeln runter in den Steuerbordschacht, dann rennt man noch rechtzeitig rüber nach Backbord, und wenn die Lawine dort nachkommt, gleich wieder fünfzehn Würfe den Backbordschacht runter, und wie der Satan rüber nach Steuerbord, schon ist die Lawine hinterher, fünfzehn Würfe hier in den Schacht und so kriegt man seine Kohle vor die Kessel, wenn sie in den Oberbunkern lagern.

Ein Kohlschlepp muß ebensoviel von Navigation verstehen wie der Skipper, sonst würde er zu manchen Zeiten nicht ein Kilo Kohle vor die Kessel kriegen. Natürlich ist der Schlepp am ganzen Körper braun und blau, die Nase zerschunden, die Schienbeine aufgeschlagen, die Hände und Arme abgeschunden. Lustig ist das Seemannsleben, hoiho!

Und lustiger noch ist es, daß Hunderte von Yorikken, Hunderte von Totenschiffen auf den sieben Meeren fahren. Alle Nationen haben ihre Totenschiffe. Die stolzesten Kompanien, die die schönsten Flaggen protzig wehen lassen, schämen sich nicht, Totenschiffe zu fahren. Wozu zahlt man denn Versicherungsprämien. Nicht zum Vergnügen. Alles muß seinen Profit abwerfen.

Es fahren viele Totenschiffe auf den sieben Meeren, weil es viele Tote gibt. Nie gab es so viel Tote, als seit der große Krieg für die Freiheit gewonnen wurde. Für jene Freiheit, die Pässe und Nationalitätsnachweise der Menschheit aufzwang, um ihr die Allmacht des Staates zu offenbaren. Das Zeitalter der Tyrannen, das Zeitalter der Despoten, der absoluten Herrscher, der Könige, Kaiser und deren Lakaien und Maitressen ist besiegt worden, und der Sieger ist das Zeitalter eines größeren Tyrannen, das Zeitalter der Landesflagge, das Zeitalter des Staates und seiner Lakaien.

Erhebe die Freiheit zu einem religiösen Symbol, und sie wird leicht die blutigsten Religionskriege entfesseln. Wahre Freiheit ist relativ. Keine Religion ist relativ. Am wenigsten relativ ist die Profitgier. Sie ist die älteste Religion, hat die besten Pfaffen und die schönsten Kirchen. Yes, Sir.

33

Wird man so zuschanden gearbeitet, daß man nicht einmal mehr „pip“ sagen kann, so kümmert man sich um nichts, was um einen herum vor sich geht. Laß geschehen was da will, nur in die Bunk und geschlafen. Man kann so müde gearbeitet werden, daß man aufhört, an Widerstand zu denken, daß man aufhört, an Flucht zu denken, daß man aufhört, an Müdigkeit zu denken. Man wird Maschine, man wird Automat. Um einen herum darf nun geraubt oder gemordet werden, man sieht nicht hin, man hört nicht hin, nur schlafen, schlafen, nichts weiter.

Dösig stand ich an der Reeling und schlief im Stehen. Eine gute Anzahl von Feluken mit ihren merkwürdigen spitzen Segeln waren in der Nähe. Aber das fiel nicht auf. Die waren immer herum. Fischer und Schmuggler, und was sie sonst für Geschäfte haben mochten, Geschäfte, an die man zu denken nicht wagen würde.

Ich ruckte zusammen und wurde völlig wach. Ich konnte nicht begreifen, was es war, das mich so aufriß. Es schien ein mächtiges Getöse zu sein. Aber als ich mich auf das Getöse eingestellt hatte, kam mir zum Bewußtsein, daß es kein Getöse war, das mich so überwach gemacht hatte, sondern daß es eine schwere Ruhe war. Die Maschine hatte aufgehört zu arbeiten, und das verursacht merkwürdige Gefühle. Tag und Nacht hört man das Stampfen und Dröhnen der Maschine, es dröhnt im Kesselraum wie ein rollendes Donnern, in den Bunkern wie ein dumpfes schweres Hämmern, im Quartier wie ein drehendes, ratterndes Keuchen und Pumpen. Es kriecht einem in Fleisch und Hirn. Man hat es in allen Fibern seines Körpers. Der ganze Körper wird ein holpriges Stampfen. Der ganze Mensch fällt in den Rhythmus der Maschine ein. Er spricht, er speist, er liest, er arbeitet, er hört, er sieht, er schläft, er wacht, er denkt, er fühlt und lebt in diesem Rhythmus. Und plötzlich hört das Stampfen der Maschine auf. Man empfindet einen eigentümlichen Schmerz. Man wird leer in sich, als ob man in rasender Geschwindigkeit in einem Aufzuge hinuntersause. Die Erde versinkt einem unter den Füßen, und man empfindet, daß der Boden des Schiffes herausgefallen ist, und daß man auf den Boden des Meeres sinkt.

Yorikke stand und wogte leicht auf dem glatten ruhigen Meer. Die Ketten rasselten und der Anker fiel.

Stanislaw kam in dem Augenblick vorbei mit der Kaffeekanne.

„Pippip,“ rief er mich an und sagte halblaut, „jetzt haben wir unten aber zu hopsen, ei verflucht nochmal. Müssen den Dampf hochpfeifen auf hundertfünfundneunzig.“

„Du bist wohl verrückt, Stanislawski,“ sagte ich, „da fliegen wir ja gleich ohne Aufenthalt durch bis auf den Sirius. Bei hundertsiebzig klappern uns ja schon die Eingeweide.“

„Deshalb drücke ich mich ja hier oben rum, so viel ich kann“, griente Stanislaw, „da rennt man mit dem Schädel nicht erst lange gegen die Platte. Man geht dann gleich wie ein Gummiball ab, und ehe die Brocken nachkommen, schwimmt man schon. Als ich die Feluken so verdächtig in der Nähe sah, habe ich wie ein Wahnsinniger Vorrat gemacht, um nur recht viel Gelegenheit zu haben, raufzukommen. Dem Heizer habe ich gesagt, ich habe Durchfall. Das nächstemal mußt du dir was andres aussuchen, man kann nicht immer den gleichen Hanfsamen erzählen, sonst will er selber raufgehen und schmeckt die Pomeranzen.“

„Was ist denn los?“

„Na, du bist mir ein Schaf. Es wird geblendet. Skipper zieht die Prozente ein für die Versicherung. So einen Esel, wie du bist, habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Was denkst du denn, wo du drauf bist?“

„Leichenwagen.“