Part 12
„Das haben Sie ja nicht gefragt“, widerspricht der Roßtäuscher.
Eine feine Gesellschaft. Schmuggeln, Deklarierungen fälschen, Häfen täuschen, Kurse schwindeln und Totenschiffe fahren. Denen gegenüber ist ein zünftiger Seeräuber ein Edelmann. Einen Seeräuber fahren, ist keine Schande, da würde ich weder Namen noch Nationalität abschwören. Seeräuber fahren, ist Ehrensache. Diesen Eimer fahren, ist eine Schmach, an der ich lange zu würgen haben werde, bis sie geschluckt und verdaut sein wird.
„Wollen Sie hier Ihren Namen untersetzen.“
Der Skipper reicht mir einen Federhalter.
„Darunter? Nie! nie!“ Ich rufe es in Empörung.
„Wie Sie wollen. Mr. Dils, bitte, schreiben Sie hier als Zeuge hin.“
Dieser Taschendieb, dieser Roßtäuscher, dieser Gauner, dieser Betrüger, dieser Shanghaier, dieser Mann, für den der Strick, mit dem zwei Dutzend Raubmörder gehenkt worden sind, zu anständig und zu ehrenhaft wäre, soll da für mich unterschreiben. Dieses Aas soll nicht einmal unter meinem ausgedachten Namen seine aussätzige Hand hinlegen dürfen.
„Geben Sie her, Skipper, ich unterschreibe selbst, es ist ja nun doch alles schon Schiet mit Rotz.“
„Helmont Rigbay, Alexandria (Ägypten).“
Da steht es. Fest und sicher. Nun, Yorikke, hoiho! Geh’ zur Hölle meinetwegen. Jetzt ist alles, alles egal. Ausgelöscht aus den Lebenden. Verweht. Kein Hauch von mir ist mehr in der Welt.
Holla–he! Holla–he! Hoiho! Ich liege nicht an einem Riff, Ich fahre auf dem Totenschiff So fern vom sonn’gen New Orleans, So fern vom lieben Louisiana.
Holla–he! Morituri salutant! Die modernen Gladiatoren grüßen dich, o Cäsar Augustus Capitalismus. Morituri salutant! Die Totgeweihten grüßen dich, o Cäsar Augustus Imperator, wir sind bereit zu sterben für dich, für die heilige und glorreiche Versicherung.
O Zeiten, o Sitten! Die Gladiatoren zogen in glänzenden Rüstungen in die Arena. Fanfaren schmetterten und Zimbeln klangen. Schöne Frauen winkten ihnen zu von den Brüstungen und ließen ihre goldgestickten Tüchelchen fallen; die Gladiatoren hoben sie auf, preßten sie an ihre Lippen, atmeten den berückenden Hauch, und ein süßes Lächeln dankte ihnen und grüßte sie. Unter dem begeisterten Beifallsgeschrei einer erregten Menge, unter den Klängen rauschender Kriegsmusik, hauchten sie ihren letzten Atem aus.
Wir aber, die Gladiatoren von heute, wir verkommen im Dreck. Wir sind zu müde, um uns zu waschen. Wozu auch waschen? Wir verhungern, weil wir vor der Schüssel einschlafen. Wir verhungern, weil die Kompanie sparen muß, um die Konkurrenz auszuhalten. Wir sterben in Lumpen, schweigend, auf einem gesuchten Riff, tief im Kesselraum. Wir sehen das Wasser kommen, und wir können nicht mehr rauf. Wir hoffen, daß der Kessel explodiert, um es kurz zu machen, weil die Hände eingeklemmt sind, die Feuertüren aufgerissen sind und die glühende Kohle an unsern Füßen und Schenkeln langsam frißt. Der Kesselbums? Der ist dran gewöhnt. Dem macht das Verbrennen und Verbrühen nichts aus.
Wir sterben ohne Fanfarenmusik, ohne das Lächeln schöner Frauen, ohne das Beifallsrauschen einer erregten, festlich gestimmten Menge. Wir sterben schweigend und in Lumpen, für dich, o Cäsar Augustus! Heil dir, Imperator, wir haben keinen Namen, wir haben keine Nationalität. Wir sind niemand, wir sind nichts.
Heil dir, Cäsar Augustus Imperator, du hast keinen Witwen und Waisen Pension zu zahlen. Wir, o Cäsar, sind die getreuesten deiner Diener. Die Totgeweihten grüßen dich!
27
Es war halb sechs, als ein Neger das Abendbrot in das Quartier brachte. Das Abendbrot war in zwei verbeulten und fettigen Blechkumpen. Eine dünne Erbsensuppe, Pellkartoffeln und heißes braunes Wasser in einer zerhämmerten Emaillekanne. Das braune Wasser hieß: Der Tee.
„Wo ist denn das Fleisch?“ fragte ich den Neger.
„Nichts von Fleisch heute“, sagte er.
Ich sah ihn an und bemerkte, daß er kein Nigger war, sondern ein Weißer. Er war der Kohlenzieher einer andern Wache.
„Abendessen holen ist deine Sache“, wandte sich der Mann mir zu.
„Ich bin hier nicht als Meßboy, als Moses, damit du das nur gleich weißt“, sagte ich darauf.
„Hier gibt es keine Meßboy.“
„Na?“
„Das müssen hier die Kohlenzieher machen.“
Die Hiebe setzen schon. Das kann ja nett werden. Ich sehe schon, warum und wozu. Das Schicksal will seinen Lauf haben.
„Abendessen holt der Kohlenzieher der Rattenwache.“
Der zweite Hieb. Jetzt zähle ich nicht mehr die Hiebe. Laß sie kommen und fallen. Mach das Fell dick.
Also Rattenwache. Das war ja vorauszusehen. Wache von zwölf bis vier, die niederträchtigste Wache, die erfunden wurde, um Seeleute zu martern. Um vier kommt man von Wache. Man wäscht sich. Dann holt man Abendessen für die ganze Bande. Dann wäscht man das Geschirr für die ganze Bande, weil ja kein Meßboy da ist und die Kohlenzieher alles mitzumachen haben. Dann legt man sich in die Bunk. Da es bis zum nächsten Morgen um acht nichts mehr zu essen gibt, man aber in der Nacht auf Wache zu gehen hat und nicht nur zu gehen, sondern zu arbeiten und wie, so muß man tüchtig Abendbrot reinhauen, weil man sonst in der Nacht klappt. Mit dem vollen Magen kann man aber nicht schlafen. Bis um zehn manchmal sitzen auch noch die Freiwachen auf und spielen Karten oder erzählen sich etwas. Da sie keinen andern Raum haben, wo sie hingehen können, so sitzen sie hier. Man kann ihnen das Geplauder doch nicht verbieten, sie verlernen ja sonst die Sprache, und sie reden doch schon leise, um den schlafenden Mitarbeiter nicht zu stören. Aber das leise Reden stört noch mehr als das laute. Um elf fängt man an, einzuschlafen. Zwanzig vor zwölf kommt die Wecke. Raus und runter. Um vier kommt man von Wache. Wäscht sich. Vielleicht. Man fällt in die Bunk. Um halb sechs geht der Tageslärm auf dem Boot schon los. Um acht wird man aus dem Schlaf gerissen: „Frühstück ist da!“ Den ganzen Vormittag wird auf dem Boot gehämmert, genagelt, gesägt, kommandiert. Um zwanzig vor zwölf kommt keine Wecke, weil ja nicht angenommen wird, daß jemand um diese Zeit schlafen könne. Man ist schon auf und fällt in seine Wache. Und so fort, um vier – ja und immer so weiter.
„Wer wäscht denn das Geschirr, wenn kein Meßboy da ist?“
„Die Kohlenzieher.“
„Wer scheuert denn die Aborte?“
„Der Kohlenzieher.“
Das ist ja eine durchaus ehrenwerte Beschäftigung, wenn man sonst nichts weiter zu tun hat. In diesem Falle ist es Schweinerei. Und wer die Aborte gesehen hätte, der würde gesagt haben: „Das ist die größte Schweinerei, die ich je in meinem Leben oder in einem Schützengraben gesehen habe.“ Aber ich habe erfahren gelernt, daß die Schweine saubere Tiere sind, die dem Pferde an Sauberkeit nichts nachgeben. Wenn ich den Bauer oder den Schweinezüchter in einen finstern Stall stecke, der zwei Schritte lang und zwei Schritte breit ist, ihn überfüttere, nie hinauslasse, nur ab und zu ein paar Hälmchen Stroh hinwerfe und die alten vermanschten nicht oder nur selten herausnehme, weil er sich ja in dem Mist so wohl fühlt, dann möchte ich einmal sehen, wie der Bauer in diesem Stall nach zwei Wochen aussieht, und wer das größere Dreckschwein ist, der Bauer oder sein Dickerchen. Unbesorgt, alles wird an den Menschen heimgezahlt werden, alles, was er Pferden, Hunden, Schweinen, Fröschen und Vögeln angetan hat. Dafür wird er einmal mehr büßen müssen, als was er seinen eignen Mitmenschen tat. Man kann keinen Abort scheuern, wenn man zu müde ist, um den Löffel mit Reis in den Mund zu bringen, no, Sir.
Sonniges Spanien, das ist die Strafe, weil ich dich, du freundliche Wirtin, verließ!
Auf einem guten Schifflein ist ein Nauke; ein Tagarbeiter, der so als Knochenbeilage mitgenommen wird, sich nie überarbeitet, immer überall da sein soll, um zuzufassen, seinen Deckarbeiterlohn bekommt und im großen und ganzen ein ganz angenehmes Leben führt. Nauke ist der Mann für alles. Und alles, was verkehrt geht, wird stets auf Nauke zurückgeführt. Er ist an allem schuld. Wenn in den Bunkern Feuer ausbricht, Nauke ist schuld, obgleich er nie in die Bunker darf, aber er hat die Luken nicht regelmäßig gehoben. Wenn dem Koch das Essen anbrennt, Nauke kriegt den Krach, obgleich er nie in die Küche darf, aber er hat an den Wasserkränen geschraubt, als er sie putzte. Wenn das Schiff untergeht, Nauke ist schuld, weil er, weil er – nun ja, weil er Nauke ist.
Auf der Yorikke waren die Kohlenzieher die Nauken, und der Nauke der Nauken war – richtig geraten: der Kohlenzieher der Rattenwache. Wenn irgend etwas Dreckiges, Unangenehmes, Lebensgefährliches zu tun war, sagte es der Erste Ingenieur dem Zweiten, daß er es tun solle. Der sagte es dem Donkeyman, der dem Putzer und Öler, der dem Heizer und der Heizer sagte: „Das ist keine Heizerarbeit, das ist Kohlenziehers Sache.“ Und der Kohlenzieher der Rattenwache tat es, weil er es tun mußte.
Kam der Kohlenzieher dann heraus mit blutenden und aufgeschlagenen und zerschrammten Knochen und mit zwanzig Brandwunden bedeckt, und hatte er an den Beinen hervorgezogen werden müssen, weil er sonst verbrüht worden wäre, dann ging der Heizer zum Öler und sagte: „Ich habe es getan.“ Der Öler zum Donkeyman: „Ich.“ Der Donkeyman zum Zweiten Ingenieur: „Ich.“ Und der Zweite zum Ersten, und der Erste Ingenieur ging zum Alten und sagte: „Ich möchte das im Journal rapportiert haben: ‚Der Erste Ingenieur hat, während die Kessel über vollen Feuern lagen, um die Fahrt nicht nachzubüßen, unter Lebensgefahr einen Rohrbruch ersten Grades ausgeheilt. Schiff konnte ungeschwächte Fahrt beibehalten‘.“ Die Kompanie liest das Journal, und der Direktor sagt: „Wir müssen dem Ersten Ingenieur der Yorikke ein größeres Schiff geben, der Mann ist Besseres wert.“ Der Kohlenzieher hat die Narben, die er nie wieder los wird, und ist gekrüppelt. Aber warum mußte es denn der Kohlenzieher tun? Er konnte doch auch sagen wie die andern: „Das tu ich nicht, da komme ich nicht mehr lebendig heraus.“ Aber das konnte er eben nicht sagen. Er mußte, mußte es tun. „Ja, Mann, wollen Sie denn das ganze Schiff untergehen lassen und alle Ihre Kameraden dabei ertrinken lassen? Können Sie das vor Ihrem Gewissen verantworten?“ Die Deckarbeiter konnten es ja nicht tun, die verstanden ja nichts von Kesseln. Der Kohlenzieher verstand auch nichts von Kesseln, er verstand nur Kohle zu schleppen. Der Ingenieur verstand etwas von den Kesseln, er wurde dafür ja als Erster Ingenieur bezahlt, weil er etwas von Kesseln verstand und bei seinen Prüfungen solche Dinge machen mußte. Aber der Kohlenzieher arbeitete vor den Kesseln und neben den Kesseln und hinter den Kesseln, und er war der Kohlenzieher, und er war der Mann, der die Verantwortung für den Tod so vieler Menschen nicht tragen wollte, auch wenn sein Leben dabei in die Kehrichttonne ging. Das Leben eines dreckigen Kohlenziehers ist kein Leben, niemand zählt es. Es ist weg und Schluß, reden wir nicht mehr davon. Eine Fliege kann man ja schließlich aus der Milch fischen und ihr das kleine Leben schenken, aber ein Kohlenzieher ist nicht einer Fliege gleich. Der Kohlenzieher ist Dreck, Staub, Scheuerlappen; er ist eben gerade gut genug, die Kohle zu ziehen.
„Kohlenzieher, he!“ ruft der Erste Ingenieur, „wollen Sie einen Rum trinken?“
„Ja, Chef.“
Aber das Schnapsglas fällt ihm aus der Hand, der Rum ist weg. Die Hand ist verbrüht, yes, Sir.
Das Abendessen stand auf dem Tisch. Hungrig war ich inzwischen auch geworden, und ich dachte, daß ich ganz gut etwas essen könnte. Das war meine Absicht. Aber die Absicht haben und die Absicht ausführen, sind zwei Dinge. Ich sah mich nach einem Teller und nach einem Löffel um.
„Laß den Teller stehen, das ist meiner.“
„Ja, wo kriege ich denn da einen Teller her?“
„Wenn du dir keinen mitgebracht hast, dann wirst du wohl ohne Teller hier leben müssen.“
„Wird denn hier kein Geschirr geliefert?“
„Nur was du selber hast, das kannst du dir liefern.“
„Wie soll ich denn da essen, ohne Teller, ohne Gabel und Löffel?“
„Deine Sache.“
„Höre, du Neuer,“ rief einer aus seiner Bunk heraus, „du kannst meinen Teller, meine Tasse und mein Geschirr haben. Hast es aber immer zu putzen dafür.“
Da war einer, der hatte nur einen zerbrochenen Teller, aber keine Tasse; ein andrer eine Gabel, aber keinen Löffel. Wenn nun das Essen ins Quartier kam, entstand zuerst immer ein Streit darüber, wer zuerst den Löffel oder die Tasse oder den Teller gebrauchen dürfe; denn wer zuerst in den Besitz des Tellers oder des Löffels gelangte, fischte sich natürlich das Beste heraus. Niemand kann es ihm übelnehmen.
Das, was Tee genannt wurde, war heißes braunes Wasser. Oft war es nicht heiß, sondern lauwarm. Das, was Kaffee genannt wurde, gab es zum Frühstück und um drei Uhr. Diesen Drei-Uhr-Kaffee habe ich nie gesehen. Grund: Rattenwache. Von zwölf bis vier war ich auf Wache. Um drei gab es den Kaffee. Um vier, wenn ich abgelöst wurde, war auch nicht ein Tropfen mehr von diesem Kaffee vorhanden. Manchmal war noch heißes Wasser in der Galley, aber wenn man keine eignen Kaffeebohnen hatte, so konnte man sich keinen Kaffee bereiten.
Je weiter Kaffee oder Tee von wahrem Kaffee oder Tee entfernt sind, desto mehr hat man das Bedürfnis, ihn mit Zucker und Milch zu verschönern, um die Phantasie anzuregen. Alle drei Wochen erhielt jeder Mann eine kleine Büchse kondensierte und gezuckerte Milch und jede Woche ein halbes Kilo Zucker; denn Kaffee und Tee wurden von der Galley schlicht geliefert, also ohne Milch und Zucker.
Hatte man die Milch gefaßt, so öffnete man die Büchse und nahm als sparsamer Mensch ein Löffelchen voll heraus, um dem Tee ein Wölkchen zu geben. Dann stellte man seine Büchse sorgfältig fort, um sie erst wieder beim nächsten Kaffee zu gebrauchen. Aber während man sich auf Wache befand, wurde die Büchse nicht gestohlen, aber von andern aufgebraucht bis auf den letzten Rest. Da die sichersten Verstecke am leichtesten gefunden werden, passierte mir das nur beim erstenmal, daß meine Milch verschwand. Als ich das zweitemal Milch faßte, löffelte ich sie auf einem Sitz völlig aus, das einzige Mittel, meine Ration zu retten, ein Mittel, das alle anwandten.
Mit dem halben Kilo Zucker machte man es genau ebenso, er wurde sofort nach dem Fassen auf einen Ruck aufgegessen. Wir kamen einmal zu einer Einigung. Der Zucker des ganzen Quartiers wurde in eine gemeinsame Büchse geschüttet, und jeder sollte sich einen Löffel herausnehmen, wenn der Kaffee oder Tee kam. Die Folge dieser Einigung war, daß der ganze Zucker am zweiten Tage verschwunden war und mich nur die leere Büchse angähnte.
Frisches Brot gab es jeden Tag. Und jede Woche bekam das Quartier eine Büchse Margarine, die gut reichen konnte. Aber niemand konnte sie essen, weil Schmierseife besser schmeckte.
An Tagen, wo wir das Maul zu halten und die Augen zuzumachen hatten, gab es für jeden Mann zwei Glas Rum und eine halbe Tasse Marmelade. Das waren die Tage, an denen geblendet wurde.
Zum Frühstück gab es Graupen mit Pflaumen oder Reis mit Blutwurst oder Kartoffeln und Hering oder schwarze Bohnen und Salzfisch. Alle vier Tage fing das wieder mit Graupen und Pflaumen an.
Sonntag gab es zum Mittag Rindfleisch mit Mostrichsoße oder Cornedbeef mit Wasserbrühe, Montag Salzfleisch, das nie jemand aß, weil es nur Salz und Schwarte war, Dienstag getrockneten Salzfisch, Mittwoch Trockengemüse und Backpflaumen in einer blauwäßrigen Schleimerei aus Kartoffelstärke. Die Schleimerei hieß: Der Pudding. Donnerstag begann es wieder mit Salzfleisch, das nie jemand aß.
Das Abendessen war eines der genannten Frühstücke oder Mittagessen. Zu jeder Mahlzeit gab es Pellkartoffeln, von denen nur die Hälfte gebraucht werden konnten. Der Skipper kaufte nie Kartoffeln. Sie wurden aus der Ladung genommen, wenn wir Südkartoffeln fuhren. Solange sie neu und jung waren, machten diese Kartoffeln einem Spaß und waren Leckerbissen, aber wenn wir lange keine Kartoffeln gefahren hatten, dann kamen die an die Reihe, von denen ich sprach.
Als Blendladung fuhren wir manchmal nicht nur Kartoffeln, sondern auch Tomaten, Bananen, Ananas, Datteln, Kokosnüsse. Diese Ladungen allein machten es möglich, daß wir bei dem Essen bestehen konnten und nicht an Eßekel verreckten. Wer einen Weltkrieg mitgemacht hat, der hat vielleicht gelernt, was ein Mensch ertragen kann, ohne zu krepieren, wer aber auf einem echten Totenschiff oder auf einer echten Blendlaterne gefahren ist, der weiß es ganz sicher, wieviel ein Mensch aushalten kann. Das Ekeln gewöhnt man sich bald ganz ab.
Das Geschirr, das mir so opferwillig zum Gebrauch angeboten wurde, war nicht ganz komplett, es bestand nur aus einem Teller. Als ich das notwendige Geschirr beisammen hatte, gebrauchte ich die Gabel von Stanislaw, die Tasse von Fernando, das Messer von Ruben, und den Löffel hätte ich von Hermann haben können, aber einen Löffel besaß ich selbst. Für diese Opferwilligkeit hatte ich das Geschirr aller hübsch sauber zu putzen, zweimal für jede Mahlzeit. Zuerst, wenn ich es übernahm, und dann, nachdem ich es gebraucht hatte.
Als das Abendessen vorüber war, hatte ich die Kumpen zu waschen, also die verbeulten Blechwaschbecken, in denen das Essen aus der Galley geholt wurde. Zu diesem Waschen brauchte weder ich noch sonst jemand Seife, Soda oder Bürste, weil solche Dinge nicht vorhanden waren. Wie die Kumpen dann aussahen, wenn wieder das frische Essen hineingeschüttet wurde, braucht nicht erzählt zu werden.
In diesem Dreck konnte ich nicht leben. Ich ging daran, das Quartier zu scheuern. Die Burschen waren nach dem Essen sofort in ihre Bunks gefallen wie tot. Während des Essens war kaum gesprochen worden. Es ging zu, als ob Schweine an einem Trog stehen. Drei Tage später erkannte ich diesen Vergleich nicht mehr. Die Fähigkeit, Vergleiche zu ziehen oder deutliche Erinnerungen aus einem früheren Leben zu erwecken, war erloschen.
„Seife wird nicht geliefert“, wurde mir brummend aus einer Bunk zugerufen. „Schrubber oder Bürsten auch nicht. Und nun halte Ruhe mit deinem Herumwirtschaften, wir wollen schlafen.“
Ich sofort mittschiffs und zur Ingenieurskabine, wo ich anklopfte.
„Ich will das Quartier scheuern und verlange Seife und eine kräftige Schrubberbürste.“
„Was denken Sie denn von mir? Sie wollen doch nicht damit sagen, daß ich Ihnen Seife oder Bürsten zu kaufen habe? Nichts zu machen.“
„Ja, aber nun ich selbst. Ich habe keine Seife für mich selbst. Und ich soll doch vor den Kesseln arbeiten.“ Das wollte ich doch sehen, ob ich keine Seife bekäme.
„Das ist Ihre eigne Sache, wenn Sie sich waschen wollen, müssen Sie auch Seife haben. Seife gehört zu einer anständigen Seemannsausrüstung.“
„Kann sein, mir ist das neu. Toiletteseife ja, aber nicht Arbeitsseife, und für Kesselbande hat der Ingenieur die Seife zu stellen oder der Skipper oder die Kompanie. Das ist mir gleichgültig, wer die Seife zu stellen hat. Ich will aber Seife haben. Was ist das überhaupt für eine Sauerei? Auf jedem anständigen Eimer wird alles gestellt, Matratze, Kissen, Bettuch, Decke, Handtuch, Arbeitsseife und vor allem Eßgeschirr. Das gehört zur Ausrüstung des Schiffes und nicht zur Ausrüstung des Mannes.“
„Nicht bei uns. Wenn es Ihnen hier nicht gefällt, können Sie ja gehen.“
„Sie unverschämter Patron, Sie.“
„Raus aus meiner Kabine oder ich rapportiere zum Skipper und laß Sie festlegen.“
„Das wäre mir ganz recht.“
„Nicht wie Sie denken, Mann. So besoffen sind wir nicht. Ich brauche den Kohlenschlepper. Nein, ich lasse Sie festlegen mit einer vollen Monatsheuer, wenn Sie mir noch mal so kommen.“
„Feine Leute, das muß ich sagen. Auch noch die paar Groschen abtricken.“
Der Gauner saß da und grinste. Bei Klopperei kommt nie etwas heraus, und er trickt mir zwei Monatsheuern ab.
„Erzählen Sie doch das alles Ihrer Urgroßmutter“, sagte er. „Sie wird sich das ruhig mit anhören. Aber ich nicht. Raus jetzt, aber flott. Vorwärts ins Bett, um elf haben Sie auf Wache zu gehen.“
„Meine Wache fängt um zwölf an. Zwölf bis vier.“
„Nicht bei uns und nicht mit den Kohlschleppern. Die Kohlschlepper fangen um elf an und ziehen von elf bis zwölf Asche, und um zwölf fängt die Arbeitswache an.“
„So. Von elf bis zwölf ist wohl keine Arbeitswache?“
„Asche ziehen, das haben die Kohlschlepper bei uns nebenbei zu machen.“
„Aber Überstunden werden angeschrieben.“
„Nicht bei uns. Und nicht für Ascheheben.“
In welchem Jahrhundert lebte ich denn? Unter welche Menschenrasse war ich geraten? Halb im Dusel torkelte ich zum Quartier.
Da war das Meer, das blaue herrliche Meer, das ich so sehr liebte, und in dem als anständiger Seemann zu versinken ich nie mit Grauen angesehen hatte. War es doch die große festliche Vermählung mit dem Weibe, das so launenhaft war, das so wütend rasen konnte, so viel herrliches Temperament hatte, das so berückend lächeln, so bezaubernde Schlaflieder singen konnte und so wunderschön, ach, so über alle Maßen schön war.
Es war dasselbe Meer, auf dem tausende und tausende ehrlicher, gesunder Schiffe fuhren. Und nun hatte mich das Schicksal ausersehen, mich ein Schiff fahren zu lassen, das an Lepra erkrankt war, und das nur noch fuhr mit der Hoffnung, daß das Meer Erbarmen mit ihm haben möge. Aber es sah ganz so aus, ich hatte es im Gefühl, daß die See das mit Lepra behaftete Schiff nicht aufnehmen wollte, um sich nicht verpesten zu lassen. Noch nicht. Seine Zeit war noch nicht gekommen. Noch wartete das Meer, noch hoffte es, daß es diese Pest nicht zu erdulden haben werde, das dieses Meeresgeschwür irgendwo auf dem Lande oder in einem verschmierten Winkelhafen zerplatzen und vergehen würde. Noch war Yorikkes Zeit nicht gekommen. Ich hatte noch kein Todesahnen, an meine Bunk hatte der Gast noch nicht geklopft. Denn als ich jetzt an der Reeling stand, über mir den sternenblinkenden Himmel und vor mir das grünlich flickernde Meer, an mein verlorenes New Orleans und an mein sonniges Spanien dachte, da überkam es mich: Hopp drüber Junge, schiet sie an mit dem Kohlschlepper und mach ein flottes sauberes Ende, damit du nicht deinen Rest verlierst. Aber dann war ja nur ein andrer armer müder, verlumpter, verhungerter, verdreckter und gehetzter Kohlschlepper, der Doppelwache bekam und mir die letzte Reise so schwer machte und ich immer wieder hoch kommen mußte.
Ei zum Teufel nochmal, beiß zu und schiet. Die Yorikke kann dich, mein Junge, nicht unterkriegen. Nicht die Konsuln. Nicht die Yorikke. Nicht der Taschendieb. Bist ja von New Orleans, Junge. Rin in die Schiet und durchgeschwommen. Es gibt auch wieder mal Wasser und Seife. Der Gestank ist nur äußerlich. Patsch rin, daß es spritzt. Weg von der Reeling, und dem Biest, das dich unterkriegen will, eins in die Zähne gehauen! Spuck noch mal runter und nun weg in die Bunk!
Als ich weg war von der Reeling, wußte ich, daß ich zwar auf einem Totenschiff und auf einer Blendkaroline war, aber daß es nicht mehr mein Totenschiff war. Mit der Yorikke half ich keine Versicherung fahren. Auf ihr wurde ich kein Gladiator. Ich spucke dir ins Gesicht, Cäsar Augustus Imperator. Spare deine Seife und fresse sie, ich brauche sie nicht mehr. Aber du sollst mich nicht mehr winseln sehen. Ich spucke dir ins Angesicht, dir und deinem Gezücht.
28
Einschlafen konnte ich nicht. Ich lag auf den blanken Brettern meiner Bunk wie ein eingelieferter Spitzbube auf der nackten Pritsche in einer Polizeiwache. Die schmökende Petroleumlampe füllte den Raum mit einem Dunst, daß Atmen eine Qual wurde. Da ich ja keine Decke hatte, fröstelte ich, denn die Nächte auf dem Meere können ganz verteufelt kalt werden. Gerade war ich in einen dämmernden Halbschlaf gefallen, als ich plötzlich mit kräftigen und ungeduldigen Händen so gerüttelt und gestoßen wurde, als sollte ich durch die Wand geworfen werden.
„Raus du. Ist halb elf.“
„Halb erst? Warum kommst du nicht um dreiviertel?“
„Ich bin gerade oben, weil ich für den Heizer Trinkwasser hole. Ich kann nicht nochmal raufkommen. Mußt raus. Zehn vor zwölf weckst du deinen Heizer und holst ihm Kaffee.“
„Kenn ihn nicht. Weiß seine Bunk nicht.“
„Komm raus. Ich zeig dir.“
Ich stand auf, und mir wurde die Bunk des Heizers gezeigt, der zu meiner Wache gehörte.
„Mach voran. Rasch. Geh gleich zu der Aschenwintsche. Wir haben verflucht viel Asche.“ Der Mann verschwand wie ein Geist.
Es war fast finster in dem Quartier, weil die Lampe kein Licht gab.
Beim Licht einer zerbrochenen kleinen verräucherten Laterne zeigte mir der Kohlenzieher der Vorwache, es war Stanislaw, wie die Wintsche gehandhabt werden muß.
„Höre mal, Stanislaw, das verstehe ich nicht“, sagte ich. „Ich kenne doch nun auch etwas von Salzkrusten, aber das habe ich noch nicht erlebt, daß die Kohlschlepper Wache aufzubüßen haben. Warum?“