Chapter 19 of 24 · 3731 words · ~19 min read

Part 19

Es ist nur so ungemein schwer, einem nichttürkischen Mohammedaner das begreiflich zu machen, daß einer Deutscher ist. Er denkt sich die Deutschen ganz anders aussehend als die verhaßten Franzosen und Engländer, und wenn er nun sieht, daß der Deutsche auch nicht viel anders aussieht, so glaubt er es ihm nicht und denkt, der Mann will ihn beschwindeln. Wenn er nun gar als Deutscher in der Fremdenlegion dient, um die Mohammedaner dort zu bekämpfen, so glaubt es ihm selbst der nicht mehr, der vielleicht zuerst ihn für einen Deutschen gehalten hätte. Denn ein Deutscher kämpft nicht auf seiten der Franzosen gegen die Mohammedaner, die um ihre Freiheit kämpfen, weil die Deutschen das selbst wissen, was es bedeutet, wenn man um die Freiheit und Unabhängigkeit seines Landes gegen Franzosen und Engländer zu kämpfen hat.

Wie es geschah, niemand kann es sagen. Durch ein unbegreifliches Gefühl, das in den Marokkanern plötzlich auftauchte, glaubten sie ihm, daß er Deutscher sei, und daß er nie gegen Marokkaner gekämpft habe. Sie nahmen ihn auf, pflegten ihn, fütterten ihn gut und gaben ihn von Sippe zu Sippe und von Stamm zu Stamm weiter, bis er an der Küste landete und dort mit den Pflaumenmushändlern auf die Yorikke gebracht wurde.

Der Skipper nahm ihn mit Freuden auf, weil er einen Kohlschlepp brauchte, und Paul war glücklich, unter uns zu sein.

Aber nach zwei Tagen schon, obgleich er mit Rosten kein Pech hatte und die Kohlen damals gut zur Hand lagen, sagte er: „Ich wollte, ich hätte die Fremdenlegion nicht gekippt. Das hier ist zehnmal schlimmer als die böseste Kompanie in unsrer Division. Wir lebten demgegenüber ja wie die Fürsten. Hatten menschliches Essen und menschliche Quartiere. Ich gehe hier in die Wicken.“

„Mach keine solchen Töne, Paul“, sagte Stanislaw, um ihn aufzurichten. Aber Paul, der vielleicht auch durch die Strapazen der Flucht schon etwas abgekriegt hatte, fing an Blut zu spucken. Immer mehr. Dann kotzte er Blut in großen Fladen. Und eines Nachts, als ich ihn ablösen kam, lag er auf einem Kohlenhaufen oben im Bunker im dicken Blut. Tot war er nicht. Ich schleife ihn ins Quartier und packte ihn in seine Bunk da oben. Früh als ich ihn wecken kommen wollte, war er tot. Um acht kam er über Bord. Der Skipper nahm nicht mal die Mütze ab, er tippte bloß so an den Rand. Eingewickelt wurde er auch nicht. Er hatte nur Lumpen, die vom Blut verkleistert waren. Ans Bein kriegte er einen dicken Klumpen Kohle. Ich glaube, selbst diesen Klumpen Kohle gönnte ihm der Skipper nur mit schiefem Maul. Ins Journal ist Paul nicht gekommen. Luft, verwehte Luft.

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Paul war nicht der einzige Schlepp, den die Yorikke verschluckt und verdaut hat, während Stanislaw drauf war. Da war der Kurt, ein Junge von Memel, auch nicht optiert. Zu der Zeit trieb er sich in Australien herum, wurde aber nie erwischt, um interniert zu werden. Schließlich kriegte er namenloses Heimweh und mußte nach Deutschland. Irgendwo in Australien hatte er was ausgefressen. Eine Streikbrechergeschichte mit Streikbrecherverholzen, und einer von diesen Lumpen war liegengeblieben und nicht mehr aufgestanden. Kurt konnte nicht zum Konsul gehen, um auf treuem Wege wegzukommen, denn wenn es sich um Streik handelt oder um Geschichten, die nach Kommunismus riechen, dann bocken die Konsuln gleich alle zusammen, auch wenn sie ein paar Monate vorher sich noch anspucken wollten. Der Konsul hätte ihn sicher der Polizei verwinkt, und Kurt hätte seine zwanzig Jahre machen müssen. Ein Konsul ist immer auf seiten des Staatsgedankens. Des Staatsgedankens, dieses großen erlauchten Wortes, das nichts als Unfug stiftet und die Menschen zu Nummern macht. Und diese Staatsidee ist so stark in den Konsuln entwickelt, daß sie zugunsten der Staatsidee ihre eignen Söhne verkaufen, nur damit der Staat recht behalten kann. Streik ist ja gegen den Staat gerichtet. Manchmal, wenn er ein treuer und nicht ein geschobener Streik ist.

Es gelang Kurt, ohne Papiere bis nach England zu kommen. Aber England ist eine böse Sache. Eine Insel ist immer bös. Man kann rauf, aber nicht mehr runter. Kurt konnte nicht mehr runter. Er mußte zum Konsul. Der Konsul wollte wissen, warum er von Brisbane in Australien fort sei, warum er dort nicht den deutschen Konsul aufgesucht habe, und warum er auf illegalen Wegen nach England gekommen sei.

Kurt konnte das nicht erzählen und wollte es auch nicht erzählen, weil ja England für ihn auch nicht sicherer war als Australien. Die Engländer hätten ihn sofort an Australien zur Aburteilung ausgeliefert.

Auf dem Konsulat in London oder in Southampton oder in welcher Stadt in England es sein mochte, bekam Kurt in dem Bureau des Konsuls, wo alles an die Heimat erinnerte, ein so übermächtiges Heimwehgefühl, daß er bitterlich zu weinen anfing. Darauf schrie ihn der Konsul an, er möge hier kein Theater machen, sonst schmisse er ihn raus, solche Vagabunden kenne er schon zur Genüge. Kurt gab ihm die einzige richtige Antwort, die ein echter Junge für solche Gelegenheiten auf Lager hält, und um der Einladung den gehörigen Nachdruck zu verleihen, ergriff er einen Sandstreuer oder was es war und feuerte es dem Konsul an den Kopf. Der fing gleich an zu bluten und an zu schreien, aber Kurt war raus wie der Teufel.

Er hätte sich den Weg zum Konsul sparen können, denn da er von Memel war und nicht optiert hatte, konnte ihm der Konsul ja doch nicht helfen. Dazu reichten dessen Vollmachten nicht aus. Wie gewöhnlich. Er war ja nur Diener des Götzen.

Dadurch war Kurt nun endgültig tot und konnte die Heimat nicht wiedersehen. Es war ihm ja durch eine Amtsperson bestätigt worden, daß sein Heimweh nur Theater war. Was weiß eine Amtsperson davon, daß ein Vagabund, ein zerlumpter Weltherumtreiber auch Heimweh bekommen kann? Solche Gefühle sind nur denen vorbehalten, die weiße Wäsche haben und jeden Tag ein reines Taschentuch aus der Kommode nehmen können. Yes, Sir.

Ich habe kein Heimweh. Ich habe gelernt, daß das, was Heimat, was Vaterland sein sollte, eingepökelt und in Aktenmappen eingeheftet ist, daß es in Gestalt von Staatsbeamten repräsentiert wird, die einem das treue Heimatsgefühl so sicher austreiben, daß nicht eine Spur davon mehr übrigbleibt. Wo meine Heimat ist? Da, wo ich bin und wo mich niemand stört, niemand wissen will, wer ich bin, niemand wissen will, was ich tu, niemand wissen will, woher ich gekommen bin, da ist meine Heimat, da ist mein Vaterland.

Der Junge von Memel kriegte einen Spanier und kam schließlich auf die Yorikke als Schlepp.

Schutzvorrichtungen gab es auf der Yorikke nicht, erstens kosten sie Geld und zweitens hindern sie an der Arbeit. Ein Totenschiff ist keine Kleinkinderbewahranstalt. Mach die Augen auf, und wenn was abgeht, so ist das nur faules Fleisch oder ein fauler Finger, der doch nicht arbeiten wollte.

Das Wasserstandglas an den Kesseln hatte weder ein Schutzglas, noch ein Drahtgitter. Eines Tages platzte es, als Kurt auf Wache war. Es war auch kein Langhebel dran, wodurch das Rohr, das zum Wasserstandglas führte, von einem sicheren Platz aus hätte abgedrosselt werden können. Das kochende Wasser strahlte heraus, und der Kesselraum war in dichten heißen Dampf gehüllt.

Das Rohr mußte abgedrosselt werden. Mußte gemacht werden. Aber der Drosselhahn war direkt unter dem gebrochenen Glas, zwei Zoll von der Strahlöffnung entfernt. Es mußte abgedrosselt werden, sonst lag der Eimer einen halben Tag fest, und wenn schweres Wetter aufkam, konnte das Schiff nicht manövrieren und wurde gepfeffert, daß kein Splitter mehr heil blieb.

Wer drosselt ab? Der Schlepp natürlich. Der Vagabund opferte sein Leben, damit Yorikke manövrierfähig blieb und erst dann zu den Fischen ging, wenn es befohlen wurde.

Und Kurt drosselte ab. Dann brach er zusammen und wurde von dem Ingenieur und dem Heizer in seine Bunk getragen.

„So etwas von Schreien“, erzählte mir Stanislaw, „kannst du dir nicht denken. Auf dem Rücken konnte er nicht liegen und nicht auf dem Bauche und nicht auf den Seiten. Die Haut hing ihm in Fetzen herunter wie ein zerrissenes Hemd, alles Blasen und Blasen, dick wie ein Kopf, und eine neben der andern. Hätte man ihn in ein Hospital gebracht, ich weiß ja nicht, vielleicht hätte man ihm helfen können mit Hauteinsetzen. Aber man hätte schon eine ganze Kalbshaut gebrauchen müssen, um ihn wieder zurechtzuflicken. Und geschrien und geschrien und geschrien! Ich wünsche nur, daß der Konsul ihn im Schlafe gehört hätte, er wäre den Schrei nicht mehr los geworden. Die sitzen am Tisch und schreiben Formulare voll. Hundert Meilen hinter der Front des nackten Lebens.

Tapferkeit im Kriege? Quatsch! Tapferkeit auf dem Felde der Arbeit. Aber da kriegst du keinen Orden. Da bist du kein Held. Er hat sich totgeschrien. Abends kam er über Bord, der Junge von Memel. Na, Pippip, ich muß die Kappe abnehmen, guck mich nicht so an. Da mußt du Präsentiert das Gewehr! machen. Kannst nicht anders. Über Bord, mit einem Klumpen Kohle am Bein. Sah aus wie ein Sträfling. Der Zweite Ingenieur sah hinterdrein und sagte dann: „Verfluchte Geschichte, jetzt haben wir wieder keinen Schlepp.“ Das war alles, was er sagte. Und gerade er war der Mann, der es hätte machen müssen; denn es war eine Reparatur, und solche Reparaturen gehen den Schlepp gar nichts an. Ja, das war der Kurt. Steht auch nicht im Journal. Der Zweite Ingenieur steht drin. Der Koch hat es gesehen, als er Seife stehlen ging in die Kabine vom Skipper. Na, was sich unsereiner dafür schon kauft.“

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Mit den übrigen Mannschaften redete ich sehr wenig. Sie waren meist brummig, übelgelaunt und schläfrig, wenn sie nicht besoffen waren, was in jedem Hafen vorkam. Aber, wenn ich ganz ehrlich sein soll, so waren es eigentlich sie, die nicht mit uns redeten. Ich war ja nur Schlepp, ich und der Stanislaw. Und der Schlepp ist ja nicht, bei weitem nicht so viel wie ein A. B., nicht einmal so viel wie ein Deckarbeiter. Das sind alles Herren im Vergleich zum Schlepp. Der Schlepp wühlt im Dreck und in der Asche und ist erst recht Dreck und Asche. An ihm kann man sich ja die Finger dreckig machen. Und nun gar erst der Zimmermann oder gar, um noch höher zu gehen, der Bootsmann. Denen gegenüber ist man nur ein Würmchen. Niemand versteht es so gut, feine und allerfeinste Rangunterschiede zu machen wie der Arbeiter.

Nun erst in der Fabrik. Der die Schrauben drehen darf, tausendweise, alle nach Schablone, was ist der für ein großer Mann gegenüber dem, der die Schrauben in einem Korbe wegschleppen muß. Und der die Schrauben wegschleppen darf, was ist der für eine unerreichbare Größe gegenüber dem, der die Säle ausfegen darf. Und der, der ausfegen darf, wirft sich in die Brust und sagt: „Ach der, der sucht ja bloß den Dreck durch, der muß ja die Messingspäne aussuchen, mit dem kann ich doch nicht verkehren. Wie sieht denn das aus?“

Unter den Toten hört der Rangunterschied nicht auf. Er wird noch größer beinahe. Wer da hinten an der Mauer nur gerade so verscharrt ist, weil er ja irgendwo liegen muß, der ist nichts. Der in einem Tannensarg begraben wird, ist schon mehr. Nachts, wenn sie tanzen, guckt er den Verscharrten mit keiner Miene an, sondern sieht sehnsüchtig rüber zu denen, die mit ihrem Eichensarg tanzen. Zu denen, die mit einem Metallsarg mit goldenen Ecken gravitätisch herumwandern, wagt er gar nicht aufzusehen; das würden die sich auch sehr verbitten. Damit man das alles gleich von vornherein klarstellen kann, darum werden ja die einen in Metallsärgen mit vergoldeten Ecken begraben und die andern in einer viereckigen Holzkiste in einem Winkel verscharrt. Erst die Würmer und die Maden, diese revolutionären Aufräumer und Umwälzer, die machen sich nichts aus Rangunterschieden. Die sind alle gleich weiß und alle gleich groß und sie wollen fressen; und das Fressen nehmen sie sich, wo sie es kriegen, sie holen es sich aus dem Metallsarg mit vergoldeten Ecken ebenso rasch wie aus der Kiste.

Der Herr Zimmermann und der Herr Bootsmann und der Herr Donkeyman waren Petty-Offiziere, Unteroffiziere. Sie waren genau so dreckig wie wir, waren auch nicht länger befahren als wir, waren für den geregelten Gang der Yorikke viel weniger wichtig als wir, aber die Schlepps mußten den Herrn Donkeyman bedienen. Mußten ihm das Essen aus der Galley holen, auf den Tisch stellen und wieder abservieren. Damit der Rangunterschied gewahrt blieb. Der Donkeyman ist der Wintschenmaschinist, und wenn das Schiff im Hafen liegt und die Heizer und Schlepps haben Tagarbeit, dann muß er die Kessel heizen, auch des Nachts. Auf der Fahrt murkst er im Wege herum, putzt an den Maschinen hier ein wenig, dort schmiert er ein Lager, dann muß er einen Selbstöler auseinandernehmen und auswaschen und dann wieder da ein wenig Dreck wegnehmen und ihn hier hinlegen. Dafür braucht er nicht in den großen Quartieren schlafen, sondern in kleinen, wo nur zwei oder drei Bunks sind, und dafür bekommt er Sonntag Grießpudding mit Himbeersaft und in der Woche zweimal Backpflaumen in blauer Stärke, während wir keinen Pudding am Sonntag und nur einmal in der Woche Backpflaumen in blauer Stärke fassen. Wenn wir aber zweimal Backpflaumen kriegen mit versteinertem Salzfisch, dann bekommt er dreimal Backpflaumen. Er, der Bootsmann, der Zimmermann, die Unteroffiziere. Dafür hat er hinter uns her zu sein und aufzupassen, daß wir nicht etwa einen Kesselbunker aufschrauben, wenn schweres Wetter ist und die Achterbunker noch ein paar Kilogramm haben. Was würde Cäsar mit seinen Armeen machen, wenn er keine Unteroffiziere hätte, die auf der ersten Sprosse der Leiter zum Generalfeldmarschall stehen? Unteroffiziere, die von oben kommen, sind nicht zu gebrauchen; sie müssen von unten kommen, gestern noch geprügelt worden sein, dann sind sie gut zu gebrauchen, die können am besten prügeln.

Dann kamen die A. B.s und dann die Deckarbeiter. Stanislaw konnte mehr als alle drei A. B.s zusammen, aber er war nur Dreck. Sie hätten sich erst wohlgefühlt, wenn angeordnet worden wäre, daß die Schlepps, wenn sie an dem Donkeyman vorbeigehen wollten, zu fragen hätten, ob es ihnen auch erlaubt sei, an ihm vorbeizugehen.

Dennoch waren sie alle Tote, und dennoch waren sie alle auf dem Wege zu den Fischen.

Soweit das Erhabenheitsgefühl bei ihnen nicht verletzt wurde, konnte man mit ihnen umgehen, und sie fühlten sich durchaus im gleichen Schiethaufen mit uns. Die weniger Befahrenen unter den Deckarbeitern waren noch zu unsicher unter uns alten Seehunden, um irgendwelchen Sprossensinn uns gegenüber zu entwickeln. Mit der Zeit kam dann doch ein Zusammengehörigkeitsgefühl heraus, das seinen Grund in der uns allen gemeinsamen Schicksalslage hatte. Wir alle waren Verwehte, wenn es auch keiner für sich zugeben wollte und immer noch auf ein Entspringen hoffte. Uns allen drohte das gleiche Schicksal der Gladiatorenopferung, was wir alle wußten, ohne es offen auszusprechen. Seeleute sprechen nicht von Schiffbruch und nicht von Untergang, das ist nicht gut. Lockt nur den Gast aufs Schiff. Aber gerade dieses wartende Wissen, dieses bebende Zählen der Tage von einem Hafen zum andern, dieses verhaltene Nichtaussprechen der Tatsache, daß, wie lange es auch immer dauern möge, wir doch mit jedem Tage näher und sicherer dem letzten Tage kommen, wo es um den brutalen Kampf, ums nackte Leben gehen würde, knüpfte uns mit einem merkwürdigen Band zusammen.

Es ging nie einer allein in den Hafen, immer zu zweien oder dreien. Seeräuber konnten nicht ein Viertel so schlimm aussehen wie wir. Wir kamen nie in Händel mit den Mannschaften andrer Schiffe. Zum Teil waren wir ihnen zu dreckig und zu zerlumpt, zum Teil hakten sie nicht ein. Wir konnten sagen, was wir wollten, sie taten, als hörten sie es nicht, tranken ihren Wein aus oder ihren Schnaps und gingen ihrer Wege. Sie waren die ehrliche Arbeiterklasse, der vierte Stand; wir waren der fünfte, der noch lange nicht dran ist, solange nicht der vierte erst einmal an der Krippe sitzt. Vielleicht waren wir gar der sechste und hatten noch ein paar Jahrhunderte zu warten.

Die vom vierten, dem ehrlichen Stand, ließen sich auch darum nicht mit uns ein, weil sie uns für Desperados hielten. Das waren wir ja auch. Uns war alles gleichgültig. Was immer auch geschah, es konnte uns nichts Schlimmeres geschehen. Also los, weg mit ihm.

Wenn wir in eine Seemannskneipe kamen, war der Wirt immer ängstlich darauf bedacht, uns nur ja recht schnell heraus zu haben, obgleich wir alles über die Kante hauten, was wir in der Tasche hatten oder im Munde, weil die Taschen zerrissen waren, oder auch im Mützenleder, wenn es noch vorhanden war. Wir waren gute Kunden, aber solange wir in der Taverne waren, ließ der Wirt kein Auge von uns und beobachtete jeden Schritt und jeden Blick. Schien es ihm, daß einer mit den Augen zuckte und einen vom ehrlichen Stand zu deutlich anguckte, ging der Wirt sofort zu dem Manne hin, der angeguckt worden war, und bearbeitete ihn, daß er das Lokal verließe. Er mußte ihn ja vorsichtig und zart behandeln, denn hätte der Betreffende gemerkt, was los war, so hätte er vielleicht doch einmal gelippt, und dann war die Appelsoße im Gange.

Wahrscheinlich hatte sich mit der Zeit durch die übermäßige Arbeit, die wir zu leisten hatten, durch die seltsame, verlorene Lage, in der wir uns alle befanden, durch die unaufhörliche Spannung vor dem krachenden Schrei der aufgebrannten Yorikke, die nicht zu den Fischen wollte, in unsre Gesichter etwas eingegraben, das alle Menschen, die nicht auf der Yorikke fuhren, mit unsagbarem Grauen erfüllte. Es mußte etwas in unsern Gesichtern und in unsern Augen liegen, das Frauen manchmal erbleichen und aufschreien machte, wenn wir unerwartet in ihren Gesichtskreis traten. Selbst Männer sahen uns scheu an und drehten und wendeten sich, um einen andern Weg zu machen, damit sie nicht an uns vorbei brauchten. Die Polizei folgte uns mit den Augen, solange sie auch nur ein Zipfelchen von uns sah. Merkwürdig war es mit Kindern. Manche fingen an zu schreien, wenn sie uns sahen, und liefen fort wie gehetzt, manche wieder blieben stehen, rissen die Augen weit auf, wenn wir vorüber kamen, manche wieder folgten uns atemlos, als hätten sie Traumgestalten verwirklicht gesehen, und manche, und das war recht seltsam, kamen auf uns zu, gaben uns die Hand, lachten uns an und sagten: „Guten Tag, Mann!“ oder „Guten Tag, Seemann!“ oder so etwas. Unter denen, die uns die Hand gaben, waren aber wieder einige, die, nachdem sie uns die Hand gegeben hatten, aufblickten mit großen Augen, uns mit offnem Munde anstarrten, dann plötzlich wegrannten und sich nicht mehr umdrehten.

Waren wir so tot, daß die Kinderseele den Tod in uns sah und fühlte? Waren wir den Kindern erschienen, als sie noch unter dem Herzen ihrer Mütter träumten? Schlang sich ein geheimnisvolles Band um uns Fortgehende und Totgeweihte und um die Kinderseelen, die gerade über die Schwelle des Lebens getreten sind und noch den Schatten des unbekannten Reiches im Bewußtsein tragen? Wir die Gehenden – sie die Kommenden, die Verwandtschaft lag im Gegensatz.

Richtig sauber gewaschen waren wir nie. Mit Sand und Asche kann man sich nicht sauber waschen. Wenn man in einem Hafen dachte, daß man ja auch Seife haben wollte, war das Geld schon weg für andre Dinge, die einem auch wichtig erschienen, Wein und Gesang und alles das übrige. Singen konnten wir auch. Es war ein Grölen und Heulen, aber niemand rief vom Fenster hinunter, daß wir ruhig sein sollten. Sie hüteten sich. Die Polizei hörte nichts und sah nichts.

Manchmal kauften wir ja auch ein Stück Seife, aber man hatte es nur einen Tag. Dann war es weg für immer. Man kann doch nicht die Seife den ganzen Tag im Munde halten, um sie zu schützen. Und weil man das Geld auch nicht dauernd im Munde halten konnte und es auch nicht gestohlen haben wollte und sich dann noch ärgern mußte, gab man es aus. Das einfachste Ding von der Welt.

Es kam vor, daß wir uns rasieren ließen, wenn wir daran dachten, solange wir noch Geld hatten, oder wenn wir zufällig in eine Schaufensterscheibe guckten und uns selber nicht mehr kannten. Denn einen Spiegel hatten wir nicht. Das war gut, so wußte keiner, wie er selbst aussah im Gesicht. Es war ja immer der andre, der so fürchterlich aussah, daß die Frauen aufschrien und sich in den Häusern versteckten. Nicht rasiert, das Gesicht rot und verschrammt von dem Sand und der Asche, die nackten Arme voll Brandnarben und die Kleidung versengt, verbrannt, zerrissen, verlumpt.

Nach einem englischen, französischen, deutschen, dänischen oder holländischen Hafen gingen wir nie. Da hatten wir nichts zu suchen. Immer an den Küsten Afrikas oder Syriens. Nur selten gingen wir in Spanien oder Portugal an einen Kai, meist blieben wir draußen auf der Reede liegen und nahmen die Ladung von Leichtern und von Booten über. Der Skipper mochte wohl wissen, warum er in manchen Häfen nicht an den Kai ging, sondern sich auf Reede vor Anker legte. Dann signalisierte er nach einem Boot und fuhr hinein zum Hafen, um die Papiere in Ordnung zu bringen beim Konsul oder bei den Hafenbehörden.

Wir gingen unsre eignen Wege. Es gibt keine Totenschiffe. Das sind Dinge der Vorkriegszeit. Es gibt keine, weil man sie in einem Hafen, in einem bekannten Hafen nicht sieht. Sie sind da draußen in der Ferne, wo jede Bucht ein Hafen ist, wenn ein Schuppen hingebaut wird. In den chinesischen Gewässern, in den indischen, in den persischen, den malaiischen, an den Küsten des südlichen und östlichen Mittelmeeres, an den Küsten Madagaskars, an den Westküsten und Ostküsten Afrikas, an den Küsten Südamerikas, in der Südsee. Platz genug für alle und für ein paar Tausend mehr. Sowenig wie man je alle Vagabunden von den Landstraßen der Erde wird vertreiben können, weil ja auch ganz anständige Leute darunter sein mögen, die eben gerade nur mal knapp bei Gelde sind, ebensowenig wird man die Totenschiffe von den sieben Meeren vertreiben können. Wer sie suchen wollte, findet sie nicht. Es gibt ja dreimal mehr Wasser auf der Erde als Land; und wo Wasser ist, da ist auch eine Straße für ein Schiff, aber wo Land ist, da ist noch lange nicht eine Straße für einen Vagabunden.

Die Yorikke hätte nie jemand gefunden. Sie hatte einen Skipper, der sich aufs Handwerk verstand. Er konnte mit Fürsten umgehen, sie würden ihn für ihresgleichen gehalten haben. Kam jemand irgendetwas verdächtig vor, er schlug die Geschicktesten. Seine Papiere waren immer in Ordnung, soweit sie sich auf die Yorikke und auf ihren Mageninhalt bezogen. Kein zehnmal konzessionierter und überwachter Postdampfer konnte bessere Papiere zeigen. Und das Journal? Es stimmte auf die Minute.

Da kam mal ein spanisches Kriegsboot auf, als wir noch innerhalb der Seegrenze waren. Das Boot suchte. Jedes Kind wußte, daß Corned Beef mit Knochen ein gutes Geschäft ist.