Part 4
Als ob man nicht nachts über eine Wiese gehen könnte! Die Leute haben merkwürdige Ansichten. Und immer haben sie gleich einen Verdacht, daß man irgendein Verbrechen begangen haben könnte. Ich erzählte nun, daß ich von Rotterdam käme, und wie ich hierher gekommen sei. Da wurden sie aber wütend und sagten, ich solle sie nicht zum Narren halten, es sei ganz klar, daß ich von Belgien käme und mich nach Holland reinschleichen wolle. Als ich ihnen nun sagte, aber die dreißig Franken bewiesen doch, daß ich die Wahrheit gesagt hätte, wurden sie noch wütender und sagten, das sei eben gerade ein Beweis, daß ich sie anlügen wollte. Die Franken seien ein Beweis, daß ich von Belgien komme, denn in Holland habe man keine Franken. Nun gar noch zu sagen, daß mir holländische Beamte dieses Geld gegeben hätten und mich mitten in der Nacht auf ungesetzlichem Wege abgeschoben hätten, das zwänge sie, mich zu arretieren und mich unter Anklage der Beamtenbeschimpfung zu stellen. Sie wollten aber noch einmal Gnade mit mir haben, weil ich offenbar ein armer Schlucker sei, der nicht die Absicht gehabt habe, zu schmuggeln, und würden mich auf den richtigen Weg führen, auf den ich wieder zurück nach Antwerpen kommen könne.
So gut waren diese Leute zu mir.
Jetzt mußte ich doch nach Belgien gehen, da half nichts. Wenn nur das Lebenslänglich nicht wäre.
Eine Stunde wanderte ich nun in der Richtung nach Belgien.
Ich wurde müde und stolperte vor mich hin. Am liebsten hätte ich mich hier hingelegt und geschlafen. Ich hielt es aber doch für besser, weiterzugehen, um aus dem gefährlichen Bereich, wo geschossen werden darf auf den, der nicht schießen darf, herauszukommen.
Da plötzlich packt mich etwas am Bein. Ich denke, es ist ein Hund. Als ich aber zufasse, ist es eine Hand. Und da flammt auch schon eine Taschenlaterne auf. Dieses Ding ist auch eine Erfindung des Satans, man sieht sie immer erst, wenn sie einem dicht vor Augen ist.
Zwei Mann stehen jetzt auf. Sie haben da in der Wiese gelegen, und ich bin ihnen so schön richtig mitten in die Arme gelaufen.
„Wo wollen Sie denn hin?“
„Nach Antwerpen.“
Sie sprechen Holländisch oder mehr Flämisch.
„Nach Antwerpen wollen Sie? Jetzt zur Nachtzeit? Warum gehen Sie denn nicht auf der ordentlichen Straße, wie es anständigen Menschen gebührt?“
Ich erzähle ihnen nun, daß ich nicht aus freiem Willen käme, und sage ihnen, wie es zugegangen sei, daß ich mich hier herumzudrücken habe.
„Solchen Schwindel können Sie andern erzählen. Nicht uns. So etwas tun Beamte nicht. Sie haben da in Holland etwas ausgefressen und wollen nun hier ’rüber. Aber das gibt es nicht. Wollen wir erst einmal die Taschen durchsuchen, um zu erfahren, warum Sie hier mitten in der Nacht über die Wiesen gehen und immer auf der Grenze.“
Sie fanden in meinen Taschen und zwischen den Nähten meiner Sachen nicht, was sie suchten. Ich wollte gern wissen, was die Leute eigentlich immer suchen und warum sie einem immer die Taschen durchwühlen müssen. Eine üble Angewohnheit dieser Leute.
„Wir wissen schon, was wir suchen. Da brauchen Sie sich gar keine Sorge machen.“
Nun bin ich auch nicht klüger. Aber finden tun sie nichts. Ich bin überzeugt, daß es bis an das Weltende eine Hälfte Menschen geben wird, die immer die Taschen durchsuchen muß und eine andre Hälfte, die sich das Durchsuchen der Taschen gefallen lassen muß. Vielleicht geht der ganze Streit der Menschheit nur darum, wer das Recht hat, die Taschen zu durchsuchen, und wer die Pflicht hat, sich das gefallen zu lassen und noch dafür zu bezahlen.
Nachdem das Amtsgeschäft vorüber ist, sagt der eine zu mir: „So, da drüben ist die Richtung nach Rotterdam, da gehen Sie jetzt immer drauf los und lassen Sie sich hier ja nicht wieder sehen. Und wenn Sie wieder einmal Grenzpolizei treffen, dann halten Sie sie nicht für so dumm, wie Sie uns gehalten haben. Habt ihr denn da drüben in eurem blödsinnigen Amerika nichts mehr zu essen, daß ihr alle hier herüber kommen müßt, um uns das bißchen Essen, das wir für unsre Leute brauchen, auch noch wegzufressen?“
„Ich bin doch aber gar nicht freiwillig hier“, widerspreche ich, und ich weiß am besten, wie recht ich habe.
„Merkwürdig, das sagt jeder von euch, den wir hier aufgreifen.“
Das ist ja ganz etwas Neues. Da bin ich vielleicht noch nicht einmal der einzige, der sich hier auf einem fremden Erdteil herumtreiben muß.
„Nun ziehen Sie ab. Und machen Sie keine überflüssigen Umwege mehr. Es wird bald hell, und dann werden wir Sie gut beobachten. Rotterdam ist ein guter Platz. Da sind viele Schiffe, die immer jemand brauchen.“ Wie oft mir das nun schon erzählt worden ist. Es müßte eigentlich durch das häufige Erzählen nun schon eine wissenschaftliche Wahrheit geworden sein.
Mit den dreißig Franken konnte ich hier in dem kleinen Städtchen nichts anfangen, das wäre sicher gleich aufgefallen.
Aber da kam ein Milchwagen, und der nahm mich eine Strecke mit. Und dann kam ein Lastauto, und das nahm mich eine Strecke mit. Dann kam wieder ein Bauer, der Schweine zu einer Stadt brachte. So kam ich Meile um Meile näher nach Rotterdam. Sobald die Menschen nicht zur Polizei gehören, und sobald sie nicht zur Polizei gerechnet werden wollen, fangen sie an, sehr liebe Geschöpfe zu werden, die ganz vernünftig denken und ganz normal fühlen können. Ich erzählte den Leuten ganz treu, wie es mir ergangen sei, und daß ich keine Papiere hätte. Und sie waren alle so nett, gaben mir zu essen, gaben mir einen warmen, trockenen Winkel, um zu schlafen, und gaben mir gute Ratschläge, wie ich der Polizei am besten aus dem Wege gehen könnte.
Es ist recht sonderbar. Keiner liebt die Polizei. Und man ruft bei einem Einbruch die Polizei auch nur darum, weil einem nicht erlaubt ist, dem Einbrecher das Leder selbst zu versohlen und ihm den Raub wieder abzunehmen.
9
Die dreißig Franken umgewechselt in holländische Gulden gaben nicht viel her. Aber auf Geld kann man sich ja überhaupt nicht verlassen, wenn man sonst nichts nebenbei hat.
Das Nebenbei kam an einem Nachmittag, gleich darauf.
Ich strollte am Hafen entlang, und da sah ich zwei Mann daherkommen. Als sie nahe bei mir waren, schnappte ich etwas von ihrem Geschwätz auf. Es ist ja so urkomisch, wenn man einen Engländer reden hört. Die Engländer behaupten immer, wir könnten nicht richtig Englisch sprechen; aber was die Leute reden, das ist sicher kein Englisch. Das ist überhaupt keine Sprache. Na, ganz egal. Ich kann sie ja nicht riechen, die Rotköppe. Aber uns können sie ja auch nicht verdauen. Da gleicht sich das wieder aus. Das geht nun schon so seit hundertfünfzig und ich weiß nicht wieviel Jahren.
Nun ist natürlich die ganze Suppe erst recht wieder übergekocht, seit die große Schweinerei im Gange war.
Da kommt man nun in einen Hafen, wo sie dicke sitzen wie die Brombeeren. In Australien, oder vielleicht in China oder Japan. Wie es gerade trifft. Man will einen heben gehen und rutscht in eine Hafenschenke. Da sitzen sie und stehen sie nun, und kaum hat man ein Wort ’raus, gleich geht das Vergnügen los: „Eh, Yank.“
Man kümmert sich gar nicht um die Bullköppe, man trinkt seinen Kleinen und will gehen.
Mit einem Male rasselt es aus einer Ecke: „Who won the war? Wer hat den Krieg gewonnen, Yank?“
Möchte wissen, was mich das angeht. Ich habe ihn nicht gewonnen, das weiß ich einmal ganz genau. Und die ihn wirklich gewonnen zu haben meinen, die haben auch nichts zu lachen und wären froh, wenn niemand davon überhaupt sprechen möchte.
„He, Yank, who won the war?“
Was soll man nun sagen, wenn man ganz allein ist, und da sind zwei Dutzend Rotköppe drin? Sagt man: „Wir!“, dann gibt es Senge. Sagt man: „Die Franzosen!“, dann gibt es Senge. Sagt man: „Ich!“, dann lachen sie, aber Senge gibt es trotzdem. Sagt man: „The Dominians, Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika!“ dann gibt es Senge. Sagt man gar nichts, so heißt das: „Wir Amerikaner!“, und es gibt Senge. Zu sagen: „Ihr habt ihn gewonnen!“, das wäre eine unverschämte Lüge, und lügen möchte man nicht. Also gibt es Senge, und da kann man nicht dran vorbei. So sind die Bullen, und dann heißt es immer noch: die „Vettern von drüben“. Meine nicht. Da wundern sie sich noch, wenn man sie nicht riechen kann.
Aber was wollte ich denn machen?
„Auf welchem Eimer seid ihr denn?“ frage ich.
„Na, Yankchen, was machst du denn hier? Wir haben doch gar keinen Yank hier gesehen.“ Sie fühlen sich, weil sie schon Zimt riechen.
„Ich bin achtern abgekantet und kann jetzt nicht Anker hieven.“
„Keine Versicherungspolice, hä?“
„Erraten.“
„Willst du jetzt wegstauen?“
„Muß. Kiel sitzt auf. Brennt.“
„Wir sind auf einem Schotten.“
„Wo geht ihr denn ’raus jetzt?“ fragte ich.
„Boulogne. Bis dahin können wir dich stauen. Weiter geht’s aber nicht. Der Bos’n, der Bootsmann, ist ein Hund.“
„Gut, dann mache ich nach Boulogne. Wann ebbt ihr ab?“
„Am besten, du kommst ’rauf um acht. Da ist der Bos’n saufen. Wir stehen an der Schanze. Wenn ich die Mütze in den Nacken schiebe, ist alles klar; wenn ich nichts mache, wartest du noch eine Weile. Lauf nicht soviel gerade vor der Nase herum. Wenn du aber gewischt wirst, läßt du dir eher das Maul breitschlagen, ehe du sagst, wer dich gelotst hat. Ehrensache, verstanden?“
Um acht war ich da. Die Mütze wurde in den Nacken geschoben. Der Bos’n war besoffen und wurde vor Boulogne nicht nüchtern, und da stieg ich aus und war in Frankreich.
Ich wechselte mein Geld in französische Franken um. Dann ging ich zum Bahnhof, und da stand der Expreß für Paris. Ich nahm eine Karte für die erste Station und setzte mich in den Zug.
Die Franzosen sind zu höflich, als daß sie einen während der Fahrt belästigen würden.
Und da war ich mit einem Male in Paris. Aber da wurden die Karten kontrolliert, und ich hatte keine für Paris.
Wieder Polizei. Natürlich, wie könnte es auch ohne Polizei gehen? Es wurde ein grausames Radebrechen. Ich ein paar Brocken Französisch, die Leute jeder einen Brocken Englisch. Das meiste hatte ich zu erraten. Wo ich herkäme? Von Boulogne. Wie ich nach Boulogne gekommen sei? Mit einem Schiff. Wo meine Seemannskarte sei? Habe keine.
„Was, Sie haben keine Seemannskarte?“
Diese Frage würde ich jetzt sogar verstehen, wenn man sie zu mir Hindostanisch sagte. Denn die Geste und der Tonfall sind so genau die gleichen, daß man sich nie irren könnte.
„Paß habe ich auch nicht. Ich habe auch keine Identitätskarte. Ich habe überhaupt keine Papiere. Nie Papiere gehabt.“
Das sage ich gleich in einem Atemzuge. Nun können sie wenigstens diese Fragen nicht stellen und sich damit die Zeit vertreiben. In der Tat werden Sie ein wenig verblüfft, weil sie nun ganz aus der Reihe gekommen sind. Für eine Weile weiß keiner, was er fragen oder sagen soll. Glücklicherweise bleibt ihnen ja die Fahrkarte, die ich nicht hatte. Und am nächsten Tage ist wieder ein Verhör. Ich lasse sie ruhig verhören und reden und fragen. Ich verstehe nichts. Am Schluß wird mir aber klar, daß ich zehn Tage Gefängnis weghabe wegen Eisenbahnbetrugs oder so etwas Ähnlichen. Was weiß ich. Es ist mir auch gleichgültig. Aber das war meine Ankunft in Paris.
Diese Gefängnislaufbahn war recht drollig.
Erster Tag: Einlieferung, Baden, Untersuchung, Wäscheausteilung, Zellenverteilung. Der erste Tag war vorbei.
Zweiter Tag: Quittieren kommen beim Kassenverwalter über die Summe, die ich bei meiner Verhaftung im Besitz hatte. Abermalige Personenfeststellung und Eintragung in dicke Bücher. Nachmittag: Empfang beim Gefängnisgeistlichen. Er sprach gut Englisch. Behauptete er. Das muß aber das Englisch gewesen sein, als William der Eroberer noch nicht in England gelandet war, denn ich verstand von diesem guten Englisch nicht ein einziges Wort, ließ es mir aber nicht anmerken. Wenn er von Gott sprach, sagte er immer „Goat“, und ich war der Meinung, er rede von einer Ziege. Damit ging auch der zweite Tag herum.
Dritter Tag: Vormittags werde ich gefragt, ob ich schon mal Schürzenbänder angenäht hätte. Ich sagte nein. Nachmittags wurde mir mitgeteilt, daß ich in die Schürzenabteilung eingereiht würde. Damit ging der dritte Tag zu Ende.
Vierter Tag: Vormittags wurde mir Schere, Nadel, eine ganze Nähnadel, Zwirn und ein Fingerhut gegeben. Der Fingerhut paßte nicht. Aber mir wurde gesagt, einen andern hätten sie nicht. Nachmittags wurde mir gezeigt, wie ich die Schere, die Nähnadel und den Fingerhut immer sichtbar auf den Schemel zu legen und den Schemel in die Mitte der Zelle zu stellen habe, wenn ich die Zelle für den Rundgang verlasse. Außen neben der Tür wurde ein Plakat angeschlagen mit der Aufschrift: „Besitzt eine Schere, eine Nähnadel und einen Fingerhut.“ Damit war der vierte Tag herum.
Fünfter Tag: Sonntag.
Sechster Tag: Vormittags werde ich in die Arbeitshalle geführt. Nachmittags wird mir ein Platz in der Arbeitshalle angewiesen. Der sechste Tag ist ’rum.
Siebenter Tag: Vormittags wird mir der Gefangene gezeigt, der mich lehren soll, wie Schürzenbänder angenäht werden sollen. Nachmittags sagt mir der Gefangene, ich solle meine Nähnadel schon mal einfädeln. Der siebente Tag ist ’rum.
Achter Tag: Der Lehrmeister zeigt mir, wie er die Schürzenbänder annäht. Nachmittags ist Baden und Wiegen. Der achte Tag ist rum.
Neunter Tag: Vormittags muß ich zum Direktor kommen. Mir wird mitgeteilt, daß morgen meine Zeit um sei, und ich werde gefragt, ob ich Beschwerden vorzubringen hätte. Dann muß ich meinen Namen ins Fremdenbuch schreiben. Nachmittags wird mir gezeigt, wie ich ein Schürzenband anzunähen habe. Der neunte Tag ist ’rum.
Zehnter Tag: Vormittags nähe ich ein Schürzenband an. Mein Lehrmeister betrachtet sich das angenähte Band einundeinehalbe Stunde und sagt dann, es sei nicht gut angenäht, er müsse es wieder abtrennen. Nachmittags nähe ich wieder ein Schürzenband an. Als ich das eine Ende gerade angenäht habe, werde ich zur Abfertigung gerufen. Ich werde gewogen, untersucht, bekomme meine Zivilsachen, die ich anziehen darf, und kann dann im Hof spazierengehen. Der zehnte Tag ist ’rum.
Am nächsten Morgen um sechs werde ich gefragt, ob ich noch Frühstück haben wolle. Ich sage nein, werde zum Kassenverwalter geführt, wo ich eine Weile warten muß, weil er noch nicht da ist. Dann kriege ich doch Frühstück, und endlich kommt der Kassenverwalter, der mir mein Geld zurückgibt, was ich wieder zu quittieren habe. Dann erhalte ich fünfzehn Centimes für Arbeitsleistung, war entlassen und konnte gehen. Verdient hat der französische Staat nicht viel an mir, und ob die Eisenbahn sich nun einbilden darf, bezahlt zu sein, ist auch noch die Frage. Draußen wurde ich aber gleich wieder von der Polizei in Empfang genommen.
Ich wurde verwarnt. Innerhalb fünfzehn Tagen hätte ich das Land zu verlassen, auf demselben Wege, auf dem ich hereingekommen sei. Würde ich nach Ablauf von fünfzehn Tagen noch innerhalb der Landesgrenzen gefunden, so würde nach Maßgabe der Gesetze mit mir verfahren werden. Also mit mir verfahren werden. Was das bedeutete, war mir nicht klar. Vielleicht hängen oder auf dem Scheiterhaufen schmoren. Warum nicht. In dieser Zeit der vollendeten Demokratien ist ein Paßloser und damit also auch ein Nichtwahlberechtigter ein Ketzer. Jede Zeit hat ihre Ketzer, und jede Zeit hat ihre Inquisition. Heute sind der Paß, das Visum, der Einwanderungsbann die Dogmen, auf die sich die Unfehlbarkeit des Papstes stützt, an die man zu glauben hat, oder man muß die verschiedenen Grade der Folterungen über sich ergehen lassen. Früher waren die Fürsten die Tyrannen, heute ist der Staat der Tyrann. Das Ende der Tyrannen ist immer Entthronung und Revolution, ganz gleich, wer der Tyrann ist. Die Freiheit des Menschen ist zu urwüchsig mit seinem ganzen Dasein und Wollen verknüpft, als daß der Mensch irgendeine Tyrannei lange ertragen könnte, selbst wenn die Tyrannei in dem sammetweichen Lügenmantel des Mitbestimmungsrechtes erscheinen sollte.
„Sie müssen doch aber irgendein Papier haben, lieber Freund“, sagte der Offizier, der mich verwarnte. „Ohne Papier können Sie gewiß nicht immer herumlaufen.“
„Ich könnte vielleicht einmal zu meinem Konsul gehen.“
„Zu Ihrem Konsul?“
Der Ton war mir bekannt. Es scheint, daß mein Konsul in der ganzen Welt bekannt ist.
„Was wollen Sie denn bei Ihrem Konsul? Sie haben doch keine Papiere. Der glaubt Ihnen keine Silbe, wenn Sie keine Papiere haben. Er gibt nur auf Papiere etwas. Besser, Sie gehen gar nicht hin, sonst werden wir Sie nie wieder los und haben Sie für das ganze Leben auf dem Halse.“
Wie sagten die Römer? Die Konsuln sollen darauf bedacht sein, daß der Republik nichts Übles widerfahre. Und es könnte der Republik sicher sehr viel Übles widerfahren, wenn die Konsuln nicht verhindern würden, daß jemand, der keine Papiere hat, sein Heimatland wiedersieht.
„Aber irgendein Papier müßten Sie doch haben. Sie können doch nicht gut den Rest Ihres Lebens ohne Papiere herumlaufen.“
„Ja, das glaube ich auch, daß ich ein Papier haben müßte.“
„Ich kann Ihnen kein Papier geben. Worauf denn? Alles, was ich Ihnen geben kann, ist ein Entlassungsschein aus dem Gefängnis. Mit dem Schein ist nicht viel los. Dann schon besser gar nichts. Und bei jedem andern Papier kann ich nur einsetzen, der Vorzeiger behauptet, der und der zu sein und von da und da herzukommen. Ein solches Papier ist aber wertlos, denn es ist kein Beweis; es sagt nur das aus, was Sie aussagen. Und Sie können natürlich erzählen, was Sie wollen, ob es wahr ist oder nicht. Selbst wenn es wahr ist, es muß bewiesen werden können. Es tut mir sehr leid, ich kann Ihnen nicht helfen. Ich habe Sie amtlich verwarnt, und Sie müssen das Land verlassen. Gehen Sie doch nach Deutschland. Das ist auch ein sehr schönes Land.“
Warum sie mich alle nach Deutschland schicken, das möchte ich wissen.
10
Nun blieb ich erst einmal einige Tage in Paris, um abzuwarten, was geschehen würde. Geschehnisse können einem manchmal besser voranhelfen als die schönsten Pläne. Ich hatte ja jetzt ein gutes Recht, mir Paris anzusehen. Meine Fahrkarte war bezahlt, meine Verpflegung im Gefängnis hatte ich abverdient, so war ich dem französischen Staat nichts mehr schuldig, und ich durfte sein Pflaster ablaufen.
Wenn man nun so gar nichts zu tun hat, kommt man auf allerlei überflüssige Gedanken. Einen so überflüssigen Gedanken bekam ich eines guten Tages, und er führte mich zu meinem Konsul. Daß es ganz hoffnungslos war, wußte ich im voraus. Aber ich dachte, es schadet doch nie etwas, wenn man Erfahrungen über Menschen sammelt. Alle Konsuln sind in dieselbe Form gegossen wie fast alle Beamten. Sie gebrauchen wörtlich denselben Redeschatz, den sie bei ihren Prüfungen vorweisen mußten, sie werden würdevoll, ernst, befehlshaberisch, devot, gleichgültig, gelangweilt, interessiert und tieftraurig bei denselben Gelegenheiten, und sie werden heiter, lustig, freundlich und geschwätzig bei denselben Gelegenheiten, ob sie im Dienste Amerikas, Frankreichs, Englands oder Argentiniens stehen. Zu wissen, genau zu wissen, wann sie eine dieser Gefühlsäußerungen zu zeigen haben, ist die ganze Weisheit, die ein solcher Beamter benötigt. Ab und zu vergißt aber jeder Beamte einmal seine Weisheit und wird für eine halbe Minute Mensch. Dann kennt man ihn gar nicht wieder, dann fängt er an, die innere Haut nach außen zu kehren. Der interessanteste Moment aber ist, wenn er plötzlich empfindet, daß die innere Haut bloßliegt und er sie rasch wieder verkrustet. Um diesen Moment zu erleben, und um eine Erfahrung reicher zu werden, ging ich zum Konsul. Die Gefahr bestand, daß er mich verleugnete, mich der französischen Polizei offiziell übergab und mir dann die Möglichkeit genommen wurde, frei meiner Wege zu gehen, weil ich dann unter Polizeiaufsicht geriet und ich über jeden meiner Schritte, den ich tat oder zu tun gedachte, Rechenschaft abzulegen hatte.
Zuerst konnte ich einmal den ganzen Vormittag warten. Dann wurde geschlossen. Am Nachmittag kam ich auch nicht an die Reihe. Unsereiner muß ja immer warten, wohin er auch kommt. Denn wer kein Geld besitzt, von dem nimmt man an, daß er wenigstens unermeßlich viel Zeit hat. Wer Geld besitzt, kann es mit Geld abmachen; wer kein Geld zum Hinlegen hat, muß mit seiner Zeit bezahlen und mit seiner Geduld. Denn wird man gar aufsässig oder äußert man seine Ungeduld in einer Weise, die unbeliebt ist, so weiß der Beamte so viele Wege zu gehen, daß man viermal mehr an Zeit bezahlen muß. So beläßt man es bei der Zeitstrafe, die einem auferlegt wird.
Es saßen da eine ganze Reihe solcher, die ihre Zeit zu opfern hatten. Einige saßen schon Tage. Andre waren bereits sechsmal hin und her geschickt worden, weil dies fehlte und jenes nicht die vorschriftsmäßige Form oder richtiger Uniform trug.
Da kam eine kleine, unglaublich dicke Dame hereingeschossen. So unglaublich fett. Es war nicht auszudenken, wie fett sie war. In diesem Raume, wo die dürren Gestalten wartend auf den Bänken saßen, mit ihren Hinterköpfen beinahe das an die Wand geheftete Sternenbanner berührend, dessen Dimension so riesenhaft war, daß es die ganze Wand ausfüllte, in diesem Raume, wo unschuldige, willige und arbeitsgewohnte Menschen wartend saßen mit einem Ausdruck auf den Gesichtern, als würden hinter jenen zahlreichen Türen in diesem Augenblick ihre Todesurteile unterschrieben, wirkte die fette Dame wie eine niederträchtige Beleidigung. Sie hatte pechschwarze, ölige, lockige Haare, eine auffallend krumme Nase und sehr krumme Beine. Ihre braunen Augen standen so glotzend in dem fetten Teiggesicht, als ob sie im selben Augenblick aus den Höhlen quellen wollten. Sie war gekleidet in dem Besten, was Reichtum nur kaufen kann. Sie keuchte und schwitzte, und unter der Last ihrer Perlenketten, Goldbehänge und Brillantvorstecknadeln schien sie beinahe zusammenzubrechen. Wenn sie nicht so viele schwere Platinringe an den Fingern gehabt hätte, wären die Finger sicher auseinandergeplatzt.
Kaum hatte sie die Tür aufgemacht, da schrie sie schon: „Ich habe meinen Paß verloren. Wo ist der Mister Konsul? Ich muß gleich einen neuen Paß haben.“
Ei, sieh da, auch andre Leute können ihren Paß verlieren. Wer hätte das gedacht? Ich hatte geglaubt, das kann nur einem Seemann zustoßen. Well, Fanny, du kannst dich freuen, der Mister Konsul wird dir gleich was erzählen, von wegen neuen Paß. Vielleicht nähst du das andre Ende des Schürzenbandes an. So unangenehm mir die Dame war, ihres aufdringlichen Wesens wegen, ich empfand für sie Sympathie, die Sympathie derer, die in derselben Galeere angeschmiedet sind.
Der Empfangssekretär sprang gleich auf: „Aber gewiß, M’me, nur einen Augenblick. Bitte!“
Er nahm einen Stuhl und bat unter Verbeugung die Dame, sie möge Platz nehmen. Er brachte drei Formulare, sprach leise mit der Dame und schrieb in den Formularen. Die dürren Gestalten hatten die Formulare alle selbst ausfüllen müssen, manche vier- oder fünfmal, weil sie nicht gut ausgefüllt waren. Aber die Dame konnte offenbar nicht schreiben, und so war es nur ein Zeichen von Hilfsbereitschaft, daß der Sekretär ihr diese kleine Mühe abnahm.
Als die Formulare ausgefüllt waren, sprang er auf und trug sie durch eine der Türen, hinter denen die Todesurteile unterzeichnet werden.
Er kam sehr rasch zurück und sagte halblaut und sehr höflich zu der Fetten: „Mr. Grgrgrgs wünscht Sie zu sehen, M’me. Haben Sie drei Photographien zur Hand?“
Die fette Schwarzhaarige hatte die Photographien zur Hand und gab sie dem hilfsbereiten Sekretär. Dann verschwand sie hinter der Tür, wo die Schicksale der Welt entschieden werden.
Nur ganz altmodische Leute glauben heute noch daran, daß die Schicksale der Menschen im Himmel entschieden werden. Das ist ein beklagenswerter Irrtum. Die Schicksale der Menschen, die Schicksale von Millionen von Menschen werden von den amerikanischen Konsuln entschieden, die Sorge dafür zu tragen haben, daß der Republik kein Schaden widerfahre. Yes, Sir.
Die Dame war nicht lange in jenem Zimmer der Geheimnisse. Als sie herauskam, schloß sie ihr Handtäschchen. Sie schloß es mit einem starken energischen Knipsen. Und das Knipsen schrie gellend: „Gott, wir haben’s ja dazu, leben und leben lassen.“
Der Sekretär stand sofort auf, kam halb hinter seinem Tisch hervor und rückte an jenem Stuhl, auf dem die Dame gesessen hatte. Die Dame setzte sich nur mit einer Kante auf den Stuhl, öffnete ihre Handtasche, kramte eine Weile herum, nahm ein Puderdöschen hervor und ließ die geöffnete Tasche auf dem Tisch liegen, während sie sich puderte. Warum sie sich schon wieder pudern mußte, obgleich sie sich eine Minute vorher gepudert haben mußte, war nicht ganz klar.