Chapter 22 of 24 · 3957 words · ~20 min read

Part 22

Aber verdächtig war diese aufkeimende Liebe doch. Etwas war nicht in Ordnung. Da war die Aschenhuze gewesen. Und nun war auch noch Yorikke, die ich mit heißer Inbrunst liebte. Das wollte mir nicht gefallen. Da stimmte etwas nicht.

Im Quartier war es nicht auszuhalten. Die Luft stand dick und schwer und drückte auf das Hirn.

„Laß uns wieder rausgehen,“ sagte ich zu Stanislaw, „wir schlendern am Wasser herum bis es kühler wird. Nach neun wird sicher eine Brise aufkommen. Dann gehen wir heim und legen uns aufs Deck.“

„Hast recht, Pippip“, gab Stanislaw zu. „Hier kann man weder schlafen noch sitzen. Wir können mal raufgehen zu dem Holländer, der da oben liegt. Vielleicht sehe ich einen Bekannten.“

„Immer noch Hunger?“ fragte ich.

„Nein, aber vielleicht kann ich ihnen ein Stück Seife abnehmen und ein Handtuch. Wäre ganz gut mitzunehmen.“

Wir trotteten langsam los. Es war inzwischen ganz finster geworden. Die Hafenlampen waren nur spärlich erleuchtet. Es wurde nirgends geladen. Die Schiffe glimmerten schläfrig durch die abendliche Dunkelheit.

„Berühmt ist der Tabak aber auch nicht, den uns die Norweger gegeben haben“, sagte ich.

Kaum hatte ich das ausgesprochen und mich dabei Stanislaw zugewandt, um Feuer von ihm zu kriegen, als ich einen mächtigen Hieb über den Schädel erhielt. Ich fühlte den Schlag ganz deutlich, konnte mich aber nicht bewegen, meine Beine wurden merkwürdig plump und dick und ich fiel hin. Es sauste und brummte entsetzlich um mich herum und es tat drückend weh.

Das dauerte aber nicht lange, schien mir. Ich stand wieder auf aus meiner Betäubung und wollte weitergehen. Aber ich lief gegen eine Wand, gegen eine Holzwand. Wie konnte das sein? Ich ging links, doch auch da war eine Wand. Und rechts war eine Wand und hinter mir war eine Wand. Und alles war finster. Mein Kopf summte und dröhnte. Ich konnte nicht denken, wurde müde und legte mich wieder auf den Boden.

Als ich abermals aufwachte, waren die Wände noch immer da. Aber ich konnte nicht ruhig stehen. Ich schwankte. Nein, das war es nicht, der Boden schwankte.

Himmelkreuzdonnerwetter nochmal, ich weiß jetzt, was los ist. Ich bin auf einem Boot, auf einem Eimer, und der ist auf hoher See. Schwimmt lustig voran. Die Maschinen stampfen und bollern.

Mit beiden Fäusten und endlich auch mit den Füßen hämmere ich gegen die Wände. Es scheint niemand etwas zu hören. Aber nach längerer Zeit, als ich wieder und wieder die Wände bearbeitet und auch mit Schreien mein Trommeln unterstützt habe, wird eine Luke aufgemacht und es leuchtet jemand mit einer elektrischen Taschenlampe herein.

„Haben Sie jetzt Ihren Soff ausgeschlafen?“ werde ich gefragt.

„Scheint, ja“, sage ich.

Es braucht mir niemand etwas erzählen, ich weiß bereits, was los ist. Kindsraub, shanghaied. Ich bin auf der Empreß of Madagascar.

„Sie sollen zum Skipper kommen“, sagt der Mann.

Es ist heller Tag draußen. Ich klettere die Leiter hoch, die der Mann durch die Luke schiebt und bin bald darauf auf dem Deck.

Ich werde zum Skipper geführt.

„Feine Leute seid ihr, muß ich sagen“, schreie ich gleich, als ich in die Kabine komme.

„Bitte?“ sagt der Skipper ganz ruhig.

„Kindsräuber. Shanghaier. Engelmacher. Leichenfledderer. Das ist es, was ihr seid“, schreie ich.

Der Skipper bleibt ungerührt, steckt sich ruhig eine Zigarre an und sagt: „Es scheint, Sie sind noch nicht ganz nüchtern. Wir werden Sie mal in kaltes Wasser tauchen müssen, damit der Rauch abzieht.“

Ich sehe ihn an und sage nichts.

Der Skipper drückt auf einen Knopf, der Steward kommt und der Skipper nennt zwei Namen.

„Setzen Sie sich“, sagt der Skipper nach einer Weile.

Es kommen zwei widerliche Kerle rein. Verbrechergesichter.

„Ist das der Mann?“ fragt der Skipper.

„Ja, das ist er“, bestätigen die beiden.

„Was tun Sie hier auf meinem Schiff?“ sagt der Skipper jetzt zu mir in einem Tone, als ob er Vorsitzender eines Schwurgerichts wäre. Vor sich hat er Papier liegen, auf dem er mit einem Bleistift kritzelt.

„Das möcht ich gern von Ihnen wissen, was ich hier auf dem Schiff mache“, antworte ich.

Nun redet der eine dieser beiden Verbrecher. Sie scheinen Italiener zu sein nach der Art, wie sie die Brocken Englisch herausbringen.

„Wir wollten gerade die Ladekammer elf reinigen, und da fanden wir den Mann hier besoffen in einer Ecke liegen, wo er fest schlief.“

„Also“, sagt darauf der Skipper, „dann ist das ganz klar. Sie wollten sich auf meinem Schiff blind wegpacken, um nach England zu kommen. Sie werden das nun wohl nicht mehr bestreiten wollen. Ich kann Sie leider nicht über Bord werfen, was ich ja eigentlich tun müßte. Verdienten eigentlich, daß ich Sie ein halbes Dutzend mal am Lademast schleifen lasse und Ihnen die Haut ein wenig abschinde, damit Sie dran denken, daß ein englisches Schiff nicht dazu dient, Verbrecher, die von der Polizei verfolgt werden, in Sicherheit zu bringen.“

Was sollte ich da lange reden. Er hätte mir von diesen italienischen Sträflingen die Knochen zerschlagen lassen, wenn ich ihm gesagt hätte, was ich von ihm denke. Er würde es überhaupt tun schon für das, was ich ihm gleich am Anfang erzählt habe. Aber er hat ja nur Interesse an meinen gesunden Knochen und nicht an meinen zerschlagenen.

„Was sind Sie?“ fragte er nun.

„Schlichter Deckarbeiter.“

„Sie sind Heizer.“

„Nein.“

„Sie haben sich doch hier gestern als Heizer angeboten?“

Ja, das hatte ich, und das war mein Fehler. Seitdem haben die mich nicht mehr aus den Augen gelassen. Hätte ich damals gesagt, Deckarbeiter, hätten sie vielleicht kein Interesse an mir gehabt. Heizer waren es, die sie brauchten.

„Da Sie also Heizer sind und Sie Glück haben dadurch, daß mir zwei Heizer krank geworden sind, so können Sie als Heizer arbeiten. Sie bekommen englische Heizerheuer, zehn Pfund zehn ist sie augenblicklich. Aber ich kann Sie nicht heuern. Wenn wir nach England kommen, habe ich Sie den Behörden zu übergeben; und Sie werden, je nachdem der Richter Ihnen geneigt sein wird, zwei bis sechs Monate abmachen müssen und dann natürlich Deportation. Aber hier werden Sie, solange wir auf Fahrt sind, als regelrechtes Mitglied der Mannschaft unsrer Empreß of Madagascar behandelt.

Wir können uns gut vertragen, wenn Sie Ihre Arbeit tun. Wenn wir uns nicht vertragen können, gibt es kein Wasser, lieber Freund. Ich denke also, wir vertragen uns lieber. Um zwölf beginnt ihre Wache. Ihre Wachen sind sechs und sechs Stunden; die zwei Stunden je Wache mehr, werden Ihnen bezahlt mit einem Schilling sechs Pence die Stunde.“

Da war ich nun Heizer auf der Empreß of Madagascar, auf der Fahrt zu dem Gedenkstein in der Dorfkirche. Ich hatte keine Dorfkirche, also blieb mir nicht einmal diese Ehre.

Die Heuer war gut, da ließ sich Geld dabei machen. Aber in England Gefängnis wegen Schiffschleichens und dann vielleicht noch Jahre im Gefängnis warten auf Deportation. Doch das war ja eben die Sache. Die Heuer bekam ich nicht, weil die Fische sie nicht auszahlen werden. Komme ich heil raus, ich kriege keinen Nickel Heuer, ich bin nicht treu gemustert. Kein englischer Konsul erkennt diese Strafmusterung an. Gefängnis und Deportation rühren mich nicht. Wir kommen nicht nach England. Nur ja keine Sorge. Wollen uns doch mal die Boote ansehen. Die Boote sind fertig. Da wird es also in den nächsten Tagen losgehen. Erste Bedingung ist, alles klarmachen, um auf alle Fälle aus dem Kesselraum zu kommen. Beim leisesten Knirscher weg vom Kessel und hoch wie der Satan.

46

Die Quartiere sind wie Salons. Sauber und neu. Stinken nur unerträglich nach frischer Farbe. Matratzen im Bunk, aber kein Kissen, keine Decke, kein Laken. Kaiserin von Madagaskar, bist nicht so reich wie du von draußen aussiehst. Oder die haben schon alles gezockelt und vermünzt, was gerettet werden konnte.

Geschirr gibt es auch nicht. Aber man kann es schon leichter zusammenklauben, weil da was übrig ist und dort was herumliegt. Das Essen wird von einem italienischen Jungen gebracht, damit hat man also nichts zu tun. Das Essen ist ausgezeichnet. Freilich, unter Henkersmahlzeit verstehe ich etwas andres.

Rum gibt es hier überhaupt nicht, wie mir von einem erzählt wird. Der Skipper ist Anti, schon faul.

Schiffe ohne Rum stinken wie Jauche.

Ich sitze im Meßraum des Kesselpersonals.

Der Meßboy ruft die Leute aus den Bunks zum Essen. Es kommen zwei schwere Neger herein, die Kohlschlepps. Und dann kommt ein Heizer herein, der auf Freiwache ist.

Den Heizer kenne ich. Sein Gesicht habe ich schon irgendwo gesehen. Das Gesicht ist aufgeschwommen, und um den Kopf hat er eine Binde.

„Stanislaw, du?“

„Pippip, du auch?“

„Wie du siehst. Mitgegangen, mitgefangen“, sagte ich.

„Du bist ja noch ganz gut davon gekommen. Ich habe mich mit ihnen schwer gekloppt. Ich kam gleich wieder hoch, nachdem ich den ersten Schlag weg hatte. Du lagst fest, hattest gleich einen saftigen gekriegt. Aber als du so plötzlich umknicktest, bückte ich mich nach dir und so kriegte ich nur einen halben. Gleich war ich wieder auf. Und nun ging die Bürsterei los. Waren gleich vier herum. Und ich habe ganz verflucht was auf den Schädel gekriegt.“

„Was haben sie dir denn für eine Geschichte erzählt?“ fragte ich.

„Ich hätte mich gekloppt, hätte einen erstochen und dann hätte ich mich auf dem Eimer versteckt, weil die Polizei hinter mir her gewesen sei.“

„Mir haben sie etwas Ähnliches erzählt, die Kindsräuber“, sagte ich. „Unsre Heuer von der Yorikke sind wir nun auch noch los, und hier kriegen wir nie einen Cent.“

„Dauert ja nur ein paar Tage. Ich denke übermorgen wird es schon soweit sein. Es ist ein Platz, wie er ihn sich nicht besser wünschen kann. Kann sich schön sauber hinlegen wie gemalt. Kommt niemand her und deckt das Gesicht ab. Um fünf ist Exerzieren an den Booten. Merkst was, he? Wir sind nicht dabei, wir sind gerade dann auf Wache. Wir sind beide Boot vier, Heizer von Wache zwölf bis vier. Ich habe die Liste gesehen, hängt im Gangweg.“

„Weißt du schon, wie es vor den Kesseln ist?“ fragte ich.

„Zwölf Feuer. Vier Heizer. Die beiden andern sind Neger. Auch die Schlepps sind Neger. Da die beiden, die am Tisch sitzen.“ Stanislaw deutete rüber zu den starken Burschen, die gleichgültig an ihrem Essen würgten und uns kaum zu bemerken schienen.

Um zwölf traten wir unsre Wache an. Die vorige Wache hatte der Donkeyman mit den Negern gemacht.

Die Feuer sahen bös aus, und wir hatten beinahe zwei Stunden wild zu arbeiten, bis wir sie in Ordnung hatten. Alles war verschlackt; aufzuschmeißen verstanden die schwarzen Heizer auch nicht. Sie pfefferten die Kohle hinein, und damit gaben sie sich zufrieden. Daß Heizen eine Kunst ist, die mancher nie lernt, davon schienen sie nichts zu wissen, obgleich sie offenbar schon einige Jahre vor den Kesseln arbeiteten und sicher schon eine gute Anzahl von Schiffen abgedient hatten.

Mit den Rosten hatten wir hier nur wenig Arbeit. Brannte einer durch, so ließ er sich rasch einsetzen ohne daß er nachfiel oder gar andre mitriß. Die Schlepps, riesenhafte Neger, mit Armen wie Oberschenkel und einem Körperbau, daß man glaubte, sie könnten einen ganzen Kessel auf ihren Schultern fortschleppen, brachten die Kohle verteufelt langsam heran, und wir mußten ihnen ganz gehörig den Marsch blasen, bis sie sich endlich herbeiließen, zu arbeiten. Sie stöhnten in einem fort, daß es zu heiß sei, daß sie keine Luft bekämen, daß sie vor Staub nicht schlucken könnten, und daß sie sicher verdursten würden.

„Na, Pippip,“ sagte Stanislaw, „da mußten wir ganz anders ziehen auf der alten Yorikke. Was tun die Kerle nur mit ihren Knochen? Ehe die eine halbe Tonne heran haben, hole ich sechs und puste noch nicht einmal dabei. Und hier liegen ihnen die Kohlen direkt vor der Nase.“

„Gerade jetzt fing auf der Yorikke wieder eine schöne Zeit für eine Woche an“, sagte ich. „Sie hatte gerade frisch gekohlt und die Schächte und Kesselbunker lagen gepfropft, daß es ein wahrer Spaß hätte sein müssen für die nächste Fahrt. Aus. Schiet Yorikke. Haben jetzt andres zu denken.“

Ich sah mich um.

„Habe auch schon herumgeblickt“, sagte Stanislaw. „Wir müssen Luftlöcher suchen. Zur Leiter kommt man nicht immer. Bricht meist weg, wenn sie richtig aufknallt. Und wenn gar noch die Kessel oder die Rohre anfangen zu summen und zu spucken, dann ist die Leiter eine verfluchte Rattenfalle. Kannst nicht mehr runter, nicht mehr rauf.“

„Der Oberbunker hat eine Luke zum Deck“, sagte ich. Ich war eben oben gewesen und hatte untersucht. „Wir müssen die Luke immer klar haben, wenn wir auf Wache gehen. Dann baue ich eine Lattenleiter, und die halten wir immer hier an der Schachtluke. Wenn es knirscht, sofort raus, rauf, hoch und raus zur Deckluke.“

Wir arbeiteten uns nicht blöd. Es schien den Ingenieuren auch ganz gleich zu sein. Solange die Maschine lief, war es recht. Ob sie große Fahrt machte oder kleine, kam nicht in Betracht.

Es hätte alles ganz nach Vorschrift gehen können. Ein paar Löcher unten in den Mantel gedrillt, nicht größer als einen halben Zoll, und mit ihrer Sargeinlage Alteisen wäre die Empreß sanft und selig eingeschlafen, weggesackt wie ein Stein. Nur noch der Pumpe einen Klaps gegeben. Aber vor dem Seegericht kann das manchmal fehlgehen, und wenn die ganze Mannschaft heil abkommt, so ist das immer verdächtig. Zwei Tage waren es nur. Wir hatten gerade die Wache übernommen und waren mit dem Ausschlacken halb durch, da hörte ich einen furchtbaren Knall und ein Krachen. Ich flog zuerst gegen die Kessel und dann zurück in einen Kohlenhaufen.

Gleich darauf standen die Kessel senkrecht über mir, ein paar Feuerungstüren brachen auf und die Glut fiel in den Kesselraum. Zur Lattenleiter brauchte ich nicht hinaufsteigen, ich konnte auf ebener Fläche zu der Schachtluke gehen.

Stanislaw war schon raus.

Als ich in den Bunker kam, kletterte er gerade durch die Luke.

In diesem Augenblick hörten wir einen gräßlichen Schrei aus dem Kesselraum.

Stanislaw hatte den Schrei auch gehört und drehte sich um.

„Das war Daniel, der Schlepp“, rief ich Stanislaw zu. „Ich glaube, er sitzt fest.“

„Verflucht, runter, aber rasch“, schrie Stanislaw.

Ich war schon wieder drin im Kesselraum. Die Kessel standen noch immer Kopf, und jede Sekunde konnte einer losfahren in die Lüfte. Das elektrische Licht war verlöscht, weil offenbar das Kabel durchgerissen war. Aber die Glut gab Licht genug, wenn es auch recht gespensterhaft aussah.

Daniel, der eine Neger, lag lang und war mit seinem linken Fuß von einer losgelösten Platte eingeklemmt. Er schrie und schrie, weil die Glut ihn schmorte.

Wir versuchten, die Platte zu heben, aber es ging nicht, wir kriegten sie nicht hoch und konnten mit der Schürstange nicht heran, um sie hochzuheben.

„Geht nicht, Daniel, Fuß sitzt fest.“ Ich schrie es in wahnsinniger Eile auf Daniel ein.

Was tun? Sollen wir ihn hierlassen?

„Wo ist der Hammer?“ schreit Stanislaw.

Schon ist der Hammer zur Hand, und in derselben Sekunde haben wir eine Schaufel glattgeklopft, und ohne Besinnen schlägt Stanislaw dem Neger den Fuß ab. Drei Hiebe waren nötig. Wir schleiften Daniel zur Schachtluke, schleiften ihn durch den Bunker und zerrten ihn durch die Deckluke.

Draußen packte der andre Neger unsrer Wache, der sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, sofort zu. Wir überließen ihm Daniel und kümmerten uns nun um uns selbst.

Das Quartier lag bereits im Wasser. Die Empreß ragte mit dem Stern hoch in die Luft. Das war beim Bootsexerzieren nicht ausprobiert worden. Es stand alles ganz anders, als man es gewöhnt war. Eine Weile hatte noch das Licht gebrannt. Der Ingenieur hatte es zu den Akkumulatoren durchgeschaltet. Jetzt verglimmte es langsam, weil die Akkumulatoren wahrscheinlich auszulaufen begannen oder die Kabel irgendwo Widerstände aufnahmen. Elektrische Taschenlampen und Notlaternen mußten helfen.

Vom Quartier sah ich niemand. Die waren schon fertig. Die konnten nicht mehr raus. Gegen die Tür lehnten einige Tonnen Wasserdruck.

Boot zwei riß sich los und war im Augenblick vom Seegang fortgeschwemmt, ohne daß auch nur ein Mann drin saß.

Boot vier war nicht zu holen. Lag nicht klar.

Boot eins war klar, und der Skipper kommandierte die Besatzung. Dann stand es bei und wartete auf ihn, weil er anstandshalber auf Deck blieb. Das Seegericht sieht so etwas gern und lobt es.

Nun kam auch Boot drei klar. Hier flitzten Stanislaw und ich hinein, zwei Ingenieure, der gesunde Negerschlepp und Daniel mit dem abgehackten Fuß, der jetzt mit einem Hemd verbunden war; ferner kriegten wir den Ersten Offizier und den Steward.

Die Kessel schienen brav zu halten und waren vielleicht durch die herausgefallenen Feuer beruhigt worden. Pflaumenmus gab es ja hier nicht.

Wir stießen ab. Der Skipper war inzwischen in Boot eins gesprungen, und auch dieses Boot lief klar ab.

Aber ehe es seine Riemen gestreckt hatte, wurde es von der See heftig gegen den Schiffsleib geschleudert. Immer wieder versuchten sie, klar zu kommen.

Da plötzlich löste sich ein Etwas von dem Schiffe los und schlug mit brechendem und splitterndem Getöse auf das Boot. Man hörte ein Schreien von vielen Stimmen und dann war alles still, als wären Schrei, Boot und Besatzung mit einem Ruck von einem großen Maul verschluckt worden.

Wir waren ganz schön abgekommen und pullten lustig drauf los. Kurs zur Küste.

Große Fahrt machten wir nicht mit den paar Riemen. Die Wogen gingen verteufelt hoch, und wir standen manchmal zwei Bootslängen hoch an einer steilen Wasserwand. Dann spreizten die Riemen in der Luft, konnten nicht einlegen, und wir wurden kreuz und quer geschleudert. Der Ingenieur, der mit an den Riemen saß, sagte da plötzlich: „Wir sitzen ziemlich flach. Kaum drei Fuß. Auf Fels.“

„Nicht möglich“, erwiderte der Erste Offizier. Er tastete nach dem Riemen, lotete und sagte dann: „Sie haben recht. Raus, raus.“

Er hatte den Befehl noch halb im Munde, da gingen wir steil an einer Wand hoch. Die Welle nahm uns wie eine kleine Untertasse und haute das ganze Boot mit solcher Wucht auf den Fels, daß es in tausend Splitter ging.

„Stanislaw!“ schrie ich hinaus in das Toben der Wellen. „Hast du was, wo du kleben kannst?“

„Nicht einen dürren Strohhalm“, schrie er mir zu. „Ich schwimme zurück zum Eimer. Der steht ein paar Tage gut so, wie er da steht. Der fällt dir so leicht nicht auf die Zehen.“

Die Idee war nicht schlecht. Ich versuchte, Kurs auf das schwarze Ungetüm zu halten, das sich gegen den Nachthimmel klar abhob.

Und verflucht nochmal, wir kamen beide ran, obgleich wir einige dutzendmal immer wieder zurückgeschleudert worden waren.

Wir kletterten rauf und suchten in Mittschiff zu kommen. Das war nicht so leicht. Die Achternwand bildete jetzt das Deck oder das Dach für das Mittschiff. Die beiden Korridore waren tiefe Schächte geworden, in die hinunterzukommen während der Nacht nicht gut vollführt werden konnte und selbst bei Tage seine Schwierigkeiten haben würde. Die Wogen gingen außerordentlich hoch und schienen an Wucht noch zuzunehmen. Offenbar waren wir bei Ebbe aufgebrummt, denn das Wasser begann zu steigen.

Die Empreß stand fest wie ein Turm, eingeklemmt in einer Riffspalte. Wie sie in diese unschiffsmäßige Lage kommen konnte, wußte wohl nur sie allein. Sie zitterte kaum und bebte nicht, so fest stand sie. Nur manchmal, wenn ein besonders schwerer Brecher gegen ihren Panzer tobte, zuckte sie mit den Schultern, als wolle sie ihn abschütteln. Sturm war gar nicht. Der Aufruhr lag nur in der schweren See. Es sah auch nicht danach aus, als ob Sturm aufkommen würde. Nicht in den nächsten sechs Stunden.

Dann graute der Himmel. Die Sonne ging auf. Frisch gewaschen stieg sie aus ihrem Seebade empor zu den weiten Höhen.

Zuerst lugten wir aus über die See. Es war nichts zu sehen. Kein Mann schien übrig zu sein. Daß irgendeiner aufgepickt worden war, glaubte ich nicht; auch Stanislaw bezweifelte es. Wir hatten kein Schiff passieren sehen. Außerdem lagen wir nicht in der Route. Der Skipper war herausgegangen, um nicht abermals von Patrouillen oder Passanten gesehen zu werden. Der Spaß war für ihn teuer geworden. Er hatte an eine ruhige friedliche Abwicklung des Geschäfts gedacht. Daß er vom Quartier keinen Mann mitbekommen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Wären die beiden Boote richtig bemannt gewesen, hätte das ein Vergnügen sein müssen, klar abzukommen.

47

Als es völlig hell geworden war, versuchten wir, den Korridorschacht hinabzuklettern. Mit einiger Sorgfalt ging es auch. Wir benutzten die Türen zu den einzelnen Kabinen und die Wandrippen als Sprossen, und so ging es viel rascher und schneller, als wir gedacht hatten.

Auf dem Boden des Schachtes befanden sich die beiden Kabinen des Skippers. Ich fand einen Taschen-Schiffskompaß, den ich gleich mit Beschlag belegte, aber Stanislaw anvertraute, weil ich keine Tasche hatte, wo ich ihn aufbewahren konnte. Es waren auch zwei kleine Wassertanks in der Kabine, einer diente für Waschwasser und einer für Trinkwasser. Um Wasser waren wir nun für einige Tage nicht verlegen, denn ob die Pumpen in der Galley würden Wasser ziehen können, mußten wir erst noch ausprobieren. Vielleicht war der Frischwassertank überhaupt schon ausgelaufen.

Auf der Yorikke hatten wir ja jedes Plätzchen gewußt, wo was zu holen war. Hier mußten wir erst damit beginnen, alles zu suchen. Aber Stanislaw hatte eine gute Nase und hatte die Vorratskammer, die Pantry, im Augenblick entdeckt, sobald nur die Frage nach dem Frühstück auftauchte. Verhungern konnten wir zwei Mann innerhalb der nächsten sechs Monate nicht. Und wenn wir genügend Wasser noch hatten, ließ es sich für eine Weile aushalten. In der Pantry waren mehrere Kasten mit Mineralwasser, Bier und Wein. Ganz schlimm konnte es nicht werden.

Der Kochherd wurde auch wieder aufgerichtet, und so konnten wir auch kochen. Wir probierten die Pumpen für Frischwasser aus. Die eine zog nicht an, dagegen um so besser die andre. Das Wasser war noch etwas trüb von dem aufgerüttelten Schlamm, der sich am Boden festgesetzt hatte, aber das würde sich nach einem Tage schon geben.

Mir wurde übel zumute, und auch Stanislaw zeigte Unbehagen.

„Mensch,“ sagte er mit einemmal, „was sagst du dazu, ich werde seekotzig. Verflucht nochmal, das ist mir denn doch noch nicht passiert.“

Ich konnte mir das nicht erklären, denn mir wurde immer kläglicher zumute, während der Eimer doch ziemlich still stand. Das Herantoben der Brecher und das gelegentliche Erzittern des Eisenkolosses konnte ein so erbärmliches Gefühl doch nicht auslösen.

„Nun kann ich dir sagen, was los ist, Stanislaw“, gab ich nach einer Weile zur Antwort. „Die verrückte Lage der Kabinen ist es, was uns kotzig macht. Alles steht schräg und steil. Da muß man sich erst daran gewöhnen.“

„Ich glaube, du hast recht“, meinte er, und sobald wir draußen waren im Freien, war das üble Empfinden sofort weg, obgleich einem auch die ganze Lage des Schiffes, die so blödsinnig toll zum Horizont stand, auf das Gleichgewichtsempfinden schlug.

„Siehst,“ sagte ich jetzt zu ihm, als wir draußen saßen und des Skippers gute Zigarren rauchten, „es ist nur die Einbildung, nichts weiter. Ich bin sicher, wenn wir einmal heraus haben, was in unserm Leben alles Einbildung und was Tatsache ist, werden wir noch recht sonderbare Dinge lernen und die ganze Welt von einem andern Gesichtswinkel aus betrachten. Wer weiß, welche Folgen das haben kann.“

So sehr wir auch Ausschau hielten, ein Schiff war nicht zu sehen. Nicht einmal eine Rauchfahne konnten wir erblicken. Wir lagen zu weit außerhalb der üblichen Fahrstraßen.

„Wir können hier das schönste Leben führen, das wir je geträumt haben,“ philosophierte Stanislaw, „haben alles, was wir uns nur wünschen, können essen und trinken, was wir wollen und soviel wir wollen, kein Mensch stört uns, und arbeiten brauchen wir auch nicht. Trotzdem möchten wir fort, je rascher, je lieber, und wenn kein Eimer uns abholen kommt, müssen wir doch bald sehen, runter zu kommen und versuchen, die Küste zu machen. Immer jeden Tag dasselbe, das ist es, was man nicht ertragen kann. Ich denke mir manchmal, auch wenn es wirklich ein Paradies geben würde, was ich ja nicht glaube, weil ich mir nicht vorstellen kann, wo die Reichen hingehen, ich würde nach drei Tagen im Paradiese eine gräßliche Gotteslästerung verüben, nur um wieder rauszukommen und nicht immerfort fromme Lieder singen zu müssen und zwischen alten Betschwestern und Pfaffen und Muckern zu sitzen.“