Part 3
„Hier haben Sie eine Verpflegungskarte für drei volle Tage im Seemannshause. Wenn sie abgelaufen ist, können Sie ruhig nochmal wiederkommen. Versuchen Sie nochmal, vielleicht bekommen Sie ein andres Schiff, von einer andern Nationalität. Manche nehmen es nicht so genau. Ich darf Ihnen keine Andeutungen machen. Sie müssen das selbst herausfinden. Ich bin hier ganz machtlos. Ich bin lediglich ein Diener des Staates. ’m sorry, old fellow, can’t help it. Good-bye and g’d luck!“ Möglich, der Mann hat recht. Vielleicht ist er gar nicht so ein Biest. Warum sollen Menschen denn Biester sein? Ich glaube beinahe, der Staat ist das Biest. Der Staat, der den Müttern die Söhne nimmt, um sie den Götzen vorzuwerfen. Dieser Mann ist der Diener des Biestes, wie der Henker der Diener des Biestes ist. Alles, was der Mann sagte, war auswendig gelernt. Das hatte er jedenfalls lernen müssen, als er seine Prüfung ablegte, um Konsul zu werden. Das ging klipp-klapp. Auf jede meiner Aussagen hatte er eine passende Antwort, die mir sofort das Maul stopfte. Aber als er fragte: „Haben Sie Hunger? Haben Sie schon gegessen?“ da wurde er plötzlich Mensch und hörte auf, Biestdiener zu sein. Hunger haben ist etwas Menschliches. Papiere haben ist etwas Unmenschliches, etwas Unnatürliches. Darum der Unterschied. Und das ist die Ursache, warum Menschen immer mehr aufhören, Menschen zu sein, und anfangen, Figuren aus Papiermaché zu werden. Das Biest kann keine Menschen brauchen; die machen zu viel Arbeit. Figuren aus Papiermaché lassen sich besser in Reih’ und Glied stellen und uniformieren, damit die Diener des Biestes ein bequemeres Leben führen können. Yesser, yes, Sir.
6
Drei Tage sind nicht immer drei Tage. Es gibt sehr lange drei Tage und es gibt sehr kurze. Daß drei Tage so kurz sein könnten, wie die drei Tage, wo ich gut zu essen hatte und ein Bett, würde ich nicht geglaubt haben. Ich wollte mich gerade das erstemal zum Frühstück hinsetzen, da waren die drei Tage schon um. Aber selbst wenn sie zehnmal länger gedauert hätten, zum Konsul gehe ich nicht mehr. Sollte ich mir vielleicht wieder seine auswendig gelernten Prüfungsantworten anhören? Etwas Besseres würde er jetzt auch nicht wissen. Ein Schiff konnte er mir nicht besorgen. Also was hätte es für Zweck gehabt, seine Reden über mich ergehen zu lassen? Möglich, daß er mir wieder eine Karte gegeben hätte. Diesmal aber sicher schon mit einer Geste und einer Miene, die mir das Essen in der Kehle hätte festwürgen lassen, ehe ich überhaupt den Löffel in die Suppe steckte. Die drei Tage wären noch viel kürzer geworden als die vorigen.
Der wichtigste Grund war, ich wollte die Kleinigkeit Mensch, die er bei meinem ersten Besuche gewesen war in dem Augenblick, als er sich um mein Wohlergehen kümmerte, nicht aus meiner Erinnerung verlieren. Bestimmt hätte er mir nun die Karte in seiner vollen Überlegenheit als Biestdiener verabreicht und mit moralverbrämten Reden, daß es diesmal das letzte Mal sein müsse, daß zu viele kämen, und daß man sich nicht darauf ausruhen könne, sondern daß man auch selbst etwas dazu tun müsse, um weiterzukommen. Lieber verrecken, als nochmal dahin gehen.
Oh, du geliebte Schneiderseele, was war ich hungrig! So gottserbärmlich hungrig. Und so müde durch das Schlafen in Torwegen und Winkeln, immer gejagt im Halbschlaf von der Nachtpolizei, die in die Torwege und Winkel hineinleuchtete mit den Taschenlampen. Immer auf der Hut sein, im Schlafe die Patrouille auf fünfzig Schritte hören müssen, um sich noch rechtzeitig aus dem Staube zu machen. Denn wenn sie einen erwischen, das heißt Arbeitshaus.
Und kein Schiff im Hafen, das jemand brauchen könnte. Da sind soviele hundert Seeleute des eignen Landes auf den Beinen, die ein Schiff suchen, und die gute Papiere haben. Und keine Arbeit in den Fabriken, keine Arbeit in irgendeinem Geschäft. Selbst wenn da Arbeit wäre, der Mann dürfte sie einem gar nicht geben. Haben Sie Papiere? Nein? Schade, dürfen wir Sie nicht einstellen. Sie sind Ausländer.
Gegen wen sind die Pässe und die Einreisevisen gerichtet? Gegen die Arbeiter. Gegen wen ist die Beschränkung der Einwanderung in Amerika und in andern Ländern gerichtet? Gegen die Arbeiter. Und auf wessen Veranlassung und mit wessen machtvoller Unterstützung sind oft diese Gesetze, die die Freiheit des Menschen vernichten, ihn zwingen, dort zu leben, wo er nicht leben will, ihn verhindern, nach jenem Teil der Erde zu gehen, wo er gern leben möchte, geschaffen worden? Auf Veranlassung und mit Unterstützung der Arbeiterverbände. Ein Biest im Bieste: Ich schütze meine Sippe; wer nicht zu meiner Sippe gehört, der mag zugrunde gehen; geht er zugrunde, um so besser, dann bin ich einen Konkurrenten los. Yes, Sir.
So hungrig und so müde! Dann kommt die Zeit, wo man nicht mehr darüber nachdenkt, ob es einen Unterschied macht, die Börse eines andern, der nicht hungert, mit der eignen Börse, die man nicht hat, zu verwechseln. Man braucht sie nicht verwechseln, man fängt damit an, ohne es zu wollen, an die Börse eines Nichthungernden zu denken.
Ein Herr und eine Dame standen vor einem Schaufenster, als ich vorüberging.
Die Dame sagte: „Sag’ doch bloß mal, Fibby, sind denn diese hübschen Handtäschchen nicht wirklich ganz reizend?“
Fibby nuschelte etwas, das ebensogut eine Zustimmung wie eine gegenteilige Meinung sein konnte, es konnte aber auch ganz gut bedeuten: Laß mich doch in Ruh’ mit deinem Quark!
Die Dame: „Nein, wirklich, die sind zu entzückend, echte altholländische Kleinkunst.“
„Stimmt,“ sagte Fibby nun trocken, „echt altholländisch, copyright neunzehnhundertsechsundzwanzig.“
Das war Sphärenmusik für mich. Jetzt war ich überzeugt.
Ich war nun sehr rasch und verlor keine Sekunde weiter. Da lag ja das blanke Gold vor mir mitten auf der Straße.
Es schien mir, daß Fibby sich über das, was ich ihm erzählte, viel mehr amüsierte, als was ihm seine Frau oder seine Freundin oder seine – well, Sir, das geht mich nichts an, in welchem Verwandtschaftsverhältnis die beiden zueinander standen – ja, jedenfalls amüsierte er sich köstlich über meine Geschichte. Er lächelte, dann lachte er, und endlich brüllte er, daß die Leute stehenblieben. Wenn ich es nicht an seinem „Zat so!“ gleich beim ersten Tonfall gehört hätte, wo er herkam, dann hätte es mir sein unbändiges Lachen verraten. So kann eben nur ein Amerikaner lachen, jawoll, die können lachen.
„Also, Boy, Sie haben Ihre Geschichte großartig erzählt.“ Da lachte er auch schon wieder. Ich hatte gedacht, er würde zu weinen anfangen über meine traurige Geschichte. Na ja, er steckte ja nicht in meiner Haut. Er sah das alles von der komischen Seite.
„Nun sag’ doch, Flory,“ wandte er sich an seine Begleiterin, „hat denn das Vöglein, das da aus dem Nest gefallen ist, seine Geschichte nicht ganz großartig erzählt?“
„Wirklich sehr nett. Wo sind Sie her? Von New Orleans? Das ist ja ganz entzückend. Da habe ich sogar noch eine Tante wohnen, Fibby. Habe ich dir nicht von Tante Kitty aus New Orleans schon erzählt, Fibby? Ich glaube doch. Du weißt doch, die immer jeden Satz anfängt: Als Gra’pa noch in South Carolina wohnte ...“
Fibby hörte gar nicht hin, was seine Flory sagte; er ließ sie reden, als ob sie ein Wasserfall sei, an den er sich gewöhnt hatte. Er kramte in seinen Taschen herum und brachte einen Dollarschein hervor: „Es ist nicht für Ihre Geschichte selbst, Freundchen, sondern es ist dafür, daß Sie die Geschichte so meisterhaft erzählt haben. Eine Geschichte, die nicht wahr ist, gut erzählen zu können, ist eine Gabe, mein Junge. Sie sind ein Künstler, wissen Sie das? Es ist eigentlich schade um Sie, daß Sie sich so in der Welt herumtreiben. Sie könnten viel Geld machen, lieber Freund. Wissen Sie das? Ist er nicht in der Tat ein Künstler, Flory?“ wandte er sich nun wieder an seine – na, meinetwegen Frau, was geht’s mich an, die werden ihren Paß schon so haben, wie sie ihn brauchen. „Aber ja, freilich, Fibby,“ antwortete Flory in Ekstase, „freilich ist er ein großer Künstler. Weißt du, Fibby, frage ihn doch gleich mal, ob wir ihn nicht für unsern Gesellschaftsabend haben könnten. Sicher, da könnten wir die Penningtons übertrumpfen, diese schäbige Bande.“
Also es ist doch seine Frau.
Fibby zeigte dem Wasserfall nicht die geringste Aufmerksamkeit. Er lächelte und lachte weiter. Kramte wieder in seinen Taschen herum und brachte abermals einen Dollarschein ans Tageslicht.
Nun gab er mir beide Scheine und sagte: „Y’see, der eine ist dafür, weil Sie Ihre Geschichte so meisterhaft erzählt haben, der andre ist dafür, weil Sie mir eine glänzende Idee für mein Blatt gegeben haben. Ist fünftausend wert, in meinen Händen; in Ihren nicht einen Nickel. Aber ich bezahle Ihnen hier einen Nickel mit Gewinnanteil. Vielen Dank für Ihre Mühe, good-bye und viel Glück.“
Das war das erste Geld, das ich je für das Erzählen einer Geschichte bekommen hatte. Yes, Sir.
Ich klatterte los zu einer Wechselbank. Für den Dollar ungefähr zweiundeinenhalben Gulden, für die beiden Dollarnoten also rund fünf Gulden. Ganz hübsches Sümmchen. Als ich die Noten dort hingegeben hatte, häufte der Wechsler so ungefähr fünfzig Gulden vor mich hin. Das war eine Überraschung. Fibby hatte mir zwei Zehner gegeben, und ich hatte – weil ich ja in seiner Gegenwart die zusammengeknitterten Scheine nicht neugierig aufmachen wollte – die Scheine für Eindollarnoten gehalten. Fibby ist eine noble Seele. Wall-Street möge ihn segnen. Es ist ganz natürlich, daß zwanzig Dollar sehr viel Geld sind. Wenn man sie besitzt. Wenn man genötigt ist, sie auszugeben, dann lernt man plötzlich, daß zwanzig Dollar gar nichts sind. Besonders noch, wenn man eine Reihe von hungrigen Tagen und bettlosen Nächten hinter sich hat. Ehe ich dazu kam, den Wert des Geldes zu schätzen, war es schon alle. Nur die Leute, die recht viel Geld haben, kennen den Wert des Geldes, weil sie Zeit haben, den Wert abzuschätzen. Wie kann man den Wert eines Dinges erkennen lernen, wenn es einem immer gleich wieder abgenommen wird? Gepredigt aber wird, daß nur der, der nichts hat, weiß, was ein Cent wert ist. Daher die Klassengegensätze.
7
Früher als ich geglaubt hatte, kam ein Morgen, der allem Anschein nach zu urteilen vorläufig der letzte Morgen sein würde, der mich in einem Bett sah. Ich suchte meine Taschen durch und fand, daß ich gerade noch genügend Cents hatte, um ein kurzgehaltenes Frühstück möglich zu machen. Kurzgehaltene Frühstücke finden nicht meinen Beifall. Sie sind immer das Vorspiel von Mittagessen und Abendmahlzeiten, die nicht erscheinen werden. Einen Fibby findet man auch nicht jeden Tag. Sollte ich aber wieder einen antreffen, dann erzähle ich diesmal meine Geschichte so komisch wie nur möglich, vielleicht weint er dann herzzerbrechend und bekommt die Gegenidee zu Fibbys Fünftausend-Dollar-Idee. Aus einer Idee läßt sich immer Geld herausquetschen, ob sie nun zum Weinen ist oder zum Lachen. Es gibt ebenso viele Menschen, die gern weinen und für die Möglichkeit, weinen zu können, ein paar Dollar bezahlen, wie es Menschen gibt, die lieber ihren Lachmuskeln ein Vergnügen gönnen.
– – ein Vergnügen gönn–. Na, was ist denn das nun wieder? Kann man denn für seinen letzten Gulden Schlafgeld, den man bezahlt hat, nicht einmal in Ruhe im Bett noch ein wenig dösen, ehe man es für längere Zeit aufzugeben hat?
„Lassen Sie mich schlafen, verflucht nochmal. Ich habe bezahlt, gestern abend, ehe ich ’raufging.“ Da soll man nicht wütend werden. In einem fort wird an die Tür gebumst.
Und gleich klopft es wieder.
„Kreuzdonnerwetter nochmal, haben Sie nicht gehört, wegscheren sollen Sie sich! Ich will schlafen.“ Wenn die nur die Tür aufmachen möchten, ich würde ihnen den Stiefel mitten in die Fratze feuern. So ein nichtswürdiges und impertinentes Gesindel.
„Machen Sie auf. Polizei ist hier. Wir möchten Sie für einen Augenblick sprechen.“
Ich zweifle ganz ernsthaft daran, daß es überhaupt auf der Welt noch Menschen gibt, die nicht Polizei sind. Die Polizei ist dafür da, um für Ruhe zu sorgen, und niemand macht mehr Ruhestörung, niemand belästigt die Menschen mehr, niemand bringt mehr Leute zum Wahnsinn als die Polizei. Ganz sicher, niemand hat mehr Unheil auf der Welt angestiftet als die Polizei, denn die Soldaten sind ja auch nur Polizisten.
„Was wollen Sie denn von mir?“
„Wir möchten Sie nur einmal sprechen.“
„Das könnten Sie auch durch die Tür tun.“
„Wir möchten Sie persönlich sehen. Machen Sie auf, oder wir brechen die Tür auf.“
Brechen die Tür auf! Und die sollen gegen Einbrecher schützen.
Gut, ich mache auf. Aber kaum habe ich die Tür auch nur einen Ritz auf, da preßt der eine Bursche schon seinen Fuß dazwischen. Der alte Trick, auf den sie sich immer wieder etwas einbilden. Das scheint der erste Trick zu sein, den sie zu lernen haben.
Sie kommen rein. Zwei Mann in Zivilkleidung. Ich sitze auf dem Bettrand und fange an, mich anzuziehen.
Mit Holländisch werde ich ganz gut fertig. Ich bin auf holländischen Schiffen gefahren und habe hier nun wieder etwas dazu gelernt. Die beiden Vögel können aber auch etwas Englisch.
„Sie sind Amerikaner?“
„Ja, ich denke.“
„Zeigen Sie Ihre Seemannskarte.“
Die Seemannskarte scheint der Mittelpunkt des Universums zu sein. Ich bin sicher, der Krieg ist nur geführt worden, damit man in jedem Lande nach seiner Seemannskarte oder nach seinem Paß gefragt werden kann. Vor dem Kriege fragte niemand nach der Seemannskarte oder nach dem Paß, und die Menschen waren recht glücklich. Aber Kriege, die für die Freiheit, für die Unabhängigkeit und für die Demokratie geführt werden, sind immer verdächtig. Verdächtig seit jenem Tage, wo die Preußen ihre Freiheitskriege gegen Napoleon führten. Wenn Freiheitskriege gewonnen werden, dann sind die Menschen nach dem Kriege alle Freiheit los, weil der Krieg die Freiheit gewonnen hat. Yes, Sir.
„Ich habe keine Seemannskarte.“
„Sie ha–a–a–a–ben keine Seemannskarte?“
Diesen entgeisterten Ton habe ich schon einmal gehört, und auch gerade zu einer Zeit, als ich so hübsch an einem frühen Morgen einduseln wollte.
„Nein, ich ha–a–a–a–a–be keine, keine, keine Seemannskarte.“
„Dann zeigen Sie Ihren Paß.“
„Ich habe keinen Paß.“
„Keinen Paß?“
„Nein, keinen Paß.“
„Auch keine Identitätskarte der hiesigen Polizeibehörde?“
„Nein, auch keine Identitätskarte der hiesigen Polizeibehörde.“
„Sie wissen doch, daß Sie sich hier in Holland ohne Papiere, die von unsern Behörden visiert sein müssen, nicht aufhalten dürfen?“
„Das weiß ich nicht.“
„So? Das wissen Sie nicht? Sie haben wohl die letzten Monate und Jahre auf dem Monde gelebt?“
Die beiden Vögel halten das für einen so guten Witz, daß sie laut auflachen.
„Ziehen Sie sich an, und kommen Sie mit!“
Wissen möchte ich, ob man hier auch gehenkt wird, wenn man keine Seemannskarte vorzeigen kann.
„Hat jemand von den Herren nicht vielleicht eine Zigarette?“ frage ich.
„Eine Zigarre können Sie haben, eine Zigarette habe ich nicht. Wir können unterwegs welche kaufen. Wollen Sie die Zigarre haben?“
„Die Zigarre nehme ich lieber als die Zigarette.“
Während ich mich ankleide und wasche, rauche ich an der Zigarre. Die beiden setzen sich hin, aber dicht an die Tür. Ich beeile mich nicht sehr. Aber wenn man auch noch so langsam macht, einmal ist man dann schließlich doch angekleidet.
Wir zogen ab und landeten wo? Richtig geraten. In einer Polizeistation. Nun wurde ich erst wieder einmal gründlich durchsucht. Diesmal hatten sie mehr Glück als ihre Brüder in Antwerpen gehabt hatten. Sie fanden fünfundvierzig holländische Cents in meinen Taschen. Das Frühstücksgeld. Das konnte ich ja nun sparen.
„Was? Mehr Geld haben Sie nicht?“
„Nein, mehr Geld habe ich nicht.“
„Wovon haben Sie denn die ganzen Tage hier gelebt?“
„Von dem, was ich jetzt nicht mehr habe.“
„Da hatten Sie also Geld, als Sie hier nach Antwerpen kamen?“
„Ja.“
„Wieviel?“
„Das weiß ich so genau nicht mehr. Hundert Dollar oder so, es können auch zweihundert gewesen sein.“
„Wo hatten Sie denn das Geld her?“
„Das Geld hatte ich einfach gespart.“
Das war offenbar wieder ein guter Witz; denn die ganze Bande, die da im Vernehmungszimmer um mich herum versammelt war, platzte heraus vor Lachen. Aber alle paßten auf, ob der Hohepriester auch lachte. Und als der anfing, da fingen sie auch an zu lachen, und als der aufhörte, da hörten sie so plötzlich auf, als wären sie vom Schlage getroffen worden.
„Wie sind Sie denn überhaupt nach Holland gekommen? So ganz ohne Paß. Wo sind Sie denn da durchgekommen?“
„Ich bin halt so ’reingekommen.“
„Wie, ’reingekommen?“
Der Konsul hat es mir nicht geglaubt, wie ich hereingekommen bin. Die würden es mir erst recht nicht glauben. Ich kann auch diesen netten Burschen da aus Belgien nicht den Spaß verderben.
Also da sage ich: „Mit einem Schiff bin ich gekommen.“
„Mit welchem Schiff?“
„Mit – mit – mit der George Washington.“
„Wann?“
„Das weiß ich so genau nicht mehr.“
„So? Also mit der George Washington sind Sie gekommen. Das ist eine recht mysteriöse George Washington. Die ist unsers Wissens nie in Rotterdam gewesen.“
„Dafür kann ich nichts. Ich bin für das Schiff nicht verantwortlich.“
„Sie haben also gar kein Papier, gar keinen Ausweis. Nichts. Rein gar nichts, womit Sie beweisen können, daß Sie Amerikaner sind?“
„Nein. Aber mein Konsul ...“
Ich schien gute Witze zu machen. Wieder setzte ein Höllengelächter ein.
„I–h–r Konsul.“
Das Ihr zog er so lang, als ob es für ein halbes Jahr reichen sollte.
„Sie haben doch keine Papiere. Was soll denn da I–h–r Konsul mit Ihnen anfangen?“
„Er wird mir doch Papiere geben!“
„Ihr Konsul? Der amerikanische Konsul? Ein amerikanischer Konsul? In unserm Jahrhundert nicht. Nicht ohne Papiere. Nicht ohne, daß Sie, sagen wir mal, in guten Verhältnissen leben. Nicht so einem ’rumtreiber.“
„Aber ich bin doch Amerikaner.“
„Möglich. Aber das müssen Sie I–h–rem Konsul beweisen. Und ohne Papiere glaubt er es Ihnen nicht. Ohne Papiere glaubt er Ihnen nicht, daß Sie überhaupt geboren sind. Ich will Ihnen etwas sagen, zu Ihrer Belehrung, Beamte sind immer Bureaukraten. Auch wir sind Bureaukraten. Die schlimmsten Bureaukraten aber sind die Bureaukraten, die es erst seit gestern sind. Und die allerschlimmsten Bureaukraten sind die, die den Bureaukratismus von den Preußen geerbt haben. Haben Sie verstanden, was ich meine?“
„Ich glaube ja, mein Herr.“
„Und wenn wir Sie nun dahin bringen, nämlich zu Ihrem Konsul, und Sie haben keine Papiere, dann übergibt er Sie uns offiziell, und wir werden Sie nie wieder los. Haben Sie das auch verstanden?“
„Ich denke ja, mein Herr.“
„Was sollen wir denn mit Ihnen machen? Wer ohne Paß aufgegriffen wird, bekommt sechs Monate Gefängnis und Deportation nach seinem Heimatlande. Ihr Heimatland wird bestritten, und wir müssen Sie in das Internierungslager schicken. Wir können Sie doch nicht totschlagen wie einen Hund. Aber vielleicht kommen solche Gesetze noch heraus. Warum sollen wir Sie durchfüttern? Wollen Sie nach Deutschland?“
„Ich mag nicht nach Deutschland. Wenn den Deutschen die Rechnung vorgelegt ...“
„Also nicht nach Deutschland. Das kann ich begreifen. Gut für jetzt.“
Das war ein Beamter, der offenbar viel gedacht oder viel gute Sachen gelesen hatte.
Er rief jetzt einen Cop herbei und sagte: „Bringen Sie ihn in die Zelle, geben Sie ihm Frühstück, und gehen Sie eine englische Zeitung und eine Zeitschrift für ihn kaufen, damit er sich nicht langweilt. Auch ein paar Zigarren.“
8
Am Spätnachmittag wurde ich wieder vorgeführt, und mir wurde gesagt, ich möge den beiden Beamten in Zivil folgen. Wir gingen auf den Bahnhof und fuhren ab. Auf der Station einer kleinen Stadt stiegen wir aus und gingen in die Polizeiwache der Stadt. Dort saß ich auf der Bank und wurde von allen Cops, die von Ablösung kamen, betrachtet wie ein Tier im Zoologischen Garten. Ab und zu sprach man auch mit mir. Als es gegen zehn Uhr war, sagten zwei Männer zu mir: „Es ist jetzt Zeit. Wir wollen gehen.“
Wir gingen über Felder und gingen auf Wiesenpfaden. Endlich blieben die beiden stehen und einer sprach mit verhaltener Stimme: „Gehen Sie dort in jener Richtung, die ich Ihnen zeige, immer gerade aus. Sie werden niemand treffen. Wenn Sie aber jemand sehen sollten, so gehen Sie ihm aus dem Wege oder legen Sie sich hin, bis er vorüber ist. Wenn Sie eine Zeit gegangen sind, dann kommen Sie zu einer Bahnlinie. Folgen Sie der Bahnlinie, bis Sie zu der Station kommen. Halten Sie sich dort in der Nähe auf bis gegen Morgen. Sobald Sie sehen, daß ein Zug zur Abfahrt fertiggemacht wird, gehen Sie zum Schalter und sagen: ‚Un troisième à Anvers.‘ Können Sie das behalten?“
„Ja, das kann ich. Es ist sehr leicht.“
„Aber reden Sie sonst kein Wort weiter. Sie bekommen dann Ihre Fahrkarte und fahren nach Antwerpen. Dort kriegen Sie leicht wieder ein Schiff, wo man immer Seeleute braucht. Hier haben Sie etwas zum Beißen und auch noch etwas zum Rauchen. Kaufen Sie nichts, bevor Sie in Antwerpen sind. Hier sind dreißig belgische Franken.“
Er händigte mir ein Paket Butterbrote ein, einen Papierbeutel mit Zigarren und eine Schachtel Zündhölzer, damit ich niemand um Feuer anbetteln brauchte.
„Kommen Sie nie wieder zurück nach Holland. Sie bekommen sechs Monate Gefängnis und Internierungskamp. Sie sind also hiermit ausdrücklich verwarnt, vor einem Zeugen. Good-bye und viel Glück.“
Da stand ich in der Nacht auf offnem Felde. Viel Glück!
Eine Strecke ging ich nun in jener Richtung, bis ich überzeugt war, daß die beiden mich nicht mehr sehen konnten, oder daß sie nun fort waren. Dann blieb ich stehen und begann zu überlegen.
Nach Belgien? Da gab es lebenslänglich Gefängnis. Zurück nach Holland? Da gab es nur sechs Monate Gefängnis. Das war schon billiger. Dann kam noch das Internierungskamp für Paßlose. Hätte ich doch nur gefragt, wie lange das Internierungskamp dauert. Wahrscheinlich war das lebenslänglich. Denn aus welchem Grunde sollte es Holland billiger machen als Belgien?
Ich kam zu dem Entschluß, daß Holland auf alle Fälle billiger war. Es war auch darum besser, weil ich dort mit der Sprache zurechtkommen konnte, während ich in Belgien gar nichts reden konnte und noch viel weniger verstehen.
Nun ging ich erst einmal eine Strecke seitlich fort, ungefähr eine halbe Stunde lang. Und dann querfeldein zurück nach Holland. Das Lebenslänglich war doch zu bitter.
Es ging ganz gut. Nur immer tapfer drauf los.
„Halt! Stehen bleiben! Oder es wird geschossen!“ Recht angenehm, wenn plötzlich aus der Finsternis heraus gerufen wird: „Es wird geschossen.“
Zielen kann der Mann ja nicht und sehen kann er mich auch nicht. Aber eine nichtgezielte Kugel kann auch treffen. Und das ist schließlich doch noch schlimmer als lebenslänglich.
„Was machen Sie denn hier?“ Zwei Männer kamen aus der Dunkelheit heraus und auf mich zu. Einer fragte mich das.
„Ich gehe ein wenig spazieren. Ich kann nicht schlafen.“
„Warum gehen Sie denn gerade hier auf der Grenze spazieren?“
„Die Grenze habe ich nicht gesehen, es ist ja kein Zaun da.“
Zwei grelle Taschenlampen waren auf mich gerichtet, und ich wurde durchsucht. Was die Menschen nur immer zu durchsuchen haben. Ich glaube, die suchen überall nach den verlorengegangenen vierzehn Punkten Wilsons. Ich habe sie jedenfalls nicht in der Tasche.
Als sie nun nichts weiter fanden als die Butterbrote, die dreißig Franken und die Zigarren, blieb einer bei mir stehen, während der andre ein Stück des Weges, auf dem ich gekommen war, ableuchten ging. Wahrscheinlich hoffte er, dort den Weltfrieden zu finden, der in der ganzen Welt gesucht wird, seitdem unsre Jungens dafür gekämpft und geblutet haben, daß dieser Krieg der letzte Krieg sei.
„Wo wollen Sie denn hin?“
„Ich will zurück nach Rotterdam.“
„Jetzt? Warum denn gerade um Mitternacht und gerade hier über die Wiese? Warum gehen Sie denn nicht auf der Straße?“