Chapter 18 of 24 · 3981 words · ~20 min read

Part 18

Überall erzählte man dem armen Stanislaw politische Ansichten, anstatt ihm ernsthaft zu helfen. Wenn ein Beamter jemand nicht helfen will, so sagt er, er möchte ja so gerne helfen, aber er habe keine Macht und keine Vollmachten. Wenn man aber laut mit einem Beamten spricht oder ihn nachdenklich ansieht, dann kommt man ins Gefängnis wegen Beleidigung eines Staatsbeamten und wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Dann ist er plötzlich der Staat selbst, ausgerüstet mit allen Vollmachten und allen Gewalten, sein Bruder spricht das Urteil, und sein andrer Bruder schließt einen in die Zelle oder schlägt einem den Knüppel über den Schädel. Was ist der Wert des Staates, wenn er dir nicht helfen kann in deinen Nöten?

„Ich kann Ihnen nur den einen Rat geben, Koslowski,“ sagte der Beamte, während er mit dem Stuhle rückte, „gehen Sie zum polnischen Konsul. Sie sind Pole. Der polnische Konsul muß ihnen einen polnischen Paß ausstellen. Dazu ist er verpflichtet. Sie sind in Posen geboren. Wenn Sie den polnischen Paß haben, dann können wir eine Ausnahme hier machen und Ihnen, weil Sie hier ortsansässig sind und auch schon früher hier gewohnt haben, ein deutsches Seemannsbuch ausstellen. Das ist alles, was ich Ihnen raten kann.“

Stanislaw ging am nächsten Tage zum polnischen Konsul.

„Sie sind in Posen geboren?“

„Ja. Meine Eltern wohnen noch da.“

„Haben Sie in Posen oder in einer der Provinzen, die von Deutschland, Rußland oder Österreich abgetreten werden mußten, zur Zeit der Abtretung gewohnt?“

„Nein.“

„Auch nicht zwischen neunzehnhundertzwölf und dem Tage der Abtretung?“

„Nein. Ich fuhr auf See.“

„Was Sie taten und wo Sie fuhren, will ich jetzt noch nicht wissen.“

„Stanislaw, da war der richtige Zeitpunkt, ihn über die Barriere zu ziehen.“

„Weiß ich, Pippip, aber ich wollte doch erst den Paß haben, dann hätte ich ihm eine auf die Nase gesetzt, eine Stunde ehe mein Schiff abging.“

„Haben Sie bei einer polnischen Behörde innerhalb Polens, die hierfür zuständig war, innerhalb der vorgeschriebenen Frist persönlich zu Protokoll gegeben, daß Sie Pole bleiben wollen?“

„Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich in den letzten Jahren nicht in Posen oder in Westpreußen war.“

„Das ist keine Antwort auf meine klare Frage. Ja oder nein?“

„Nein.“

„Haben Sie vor einem rechtmäßig bestallten polnischen Konsul im Auslande, der ausdrücklich bevollmächtigt war, Willenserklärungen solcherart anzunehmen, persönlich zu Protokoll gegeben, daß Sie polnischer Staatsangehöriger bleiben wollen?“

„Nein.“

„Was wollen Sie denn dann hier? Sie sind Deutscher. Scheren Sie sich zu den deutschen Behörden und belästigen Sie uns ja nicht mehr.“

Stanislaw erzählte das nicht kochend, sondern mehr traurig, weil er aus Gründen andrer Art dem Konsul nicht seine Meinung nach Seemannsart hatte sagen können.

„Sieh mal einer an,“ sagte ich, „was diese neuen Staaten sich leisten. Das ist schon allerhand. Die werden es noch weit bringen. Du solltest nur mal sehen, wie weit es Amerika auf diesem Gebiete schon gebracht hat, und wie es sich abrackert, es noch viel weiter zu bringen und das muffigste und verstaubteste preußisch-kaiserliche Beamtenhirnchen an Muffigkeit und Beschränktheit zu übertrumpfen. Gehe mal nach Deutschland oder nach Polen oder nach England oder nach Amerika und hilf mal deiner Ella mit Rotwein und Zimt und Nelken aus der Appelsoße, da hast du gleich ein Jahr weg, daß es nur so hagelt. Der Staat darf keinen Menschen verlieren. Wenn du aber ausgewachsen bist, dann will dich keiner haben. Du hast ja kein Vermögen, keinen Landbesitz, keinen Hausbesitz. Da geben die Staaten Millionen an Dollar aus, halten Tausende von Vorträgen, machen Filme und drucken Bücher, damit die Jungen nicht in die Fremdenlegion gehen sollen. Aber wenn ein Junge kommt und hat keinen Paß, geben sie ihm einen Tritt in den Hintern. Dann muß er in die Fremdenlegion oder, was viel schlimmer ist, aufs Totenschiff. Das Volk, das zuerst die Pässe aufheben und den Zustand wieder herbeiführen wird, der vor dem Freiheitskriege war, und der niemand schadete und allen das Leben erleichterte, das Volk, das zuerst diese Tat vollführt, wird den Toten der Totenschiffe das Leben zurückgeben und den Besitzern der Totenschiffe den Spaß verderben.“

„Möglich“, sagte Stanislaw. „Von der Yorikke kommt keiner mehr runter. Wie es heute ist, nicht. Er hat nur eine Aussicht, wenn sie abrutscht, und man rutscht nicht mit ab. Aber so sicher ist das auch nicht, man kann leicht auf einer andern Yorikke landen.“

Stanislaw ging nun wieder zum Polizeipräsidium, Abteilung Staatsangehörigkeit.

„Der polnische Konsul nimmt mich nicht auf.“

„Das war vorauszusehen. Was machen wir nun, Koslowski. Sie müssen doch Papiere haben, sonst kriegen Sie kein Schiff.“

„Sicher, Herr Kommissar.“

„Gut, ich gebe Ihnen eine Bescheinigung, und da gehen Sie morgen früh um zehn zum Paßamt. Ist hier gleich dabei, Zimmer dreihundertvierunddreißig. Da kriegen Sie dann einen Paß. Mit dem Paß holen Sie sich dann Ihr Seemannsbuch.“

Stanislaw war froh, und die Deutschen hatten bewiesen, daß sie Leute waren, die noch am wenigsten Bureaukraten genannt werden konnten. Er ging zum Paßamt, gab seine Bescheinigung ab und seine Photographien, unterschrieb seinen schönen Paß, bezahlte vierzig Trillionen Mark und bekam seinen Paß.

Alles stimmte in dem Paß. Es war ein gutes Papier. Stanislaw hatte nie in seinem ganzen Leben je ein so gutes Papier gehabt. Damit konnte er direkt nach New York fahren, so gut war das Papier. Er hätte nicht einmal nach Ellis Island gebraucht.

Alles stimmte, Name, Geburtsdatum, Beruf, Geburtsort. Was ist denn das? „Staatenlos.“ Macht nichts, brauche ich nicht. Kriege ein Seemannsbuch. Und das, was bedeutet das? „Nur für das Inland gültig.“ Wahrscheinlich denken die Beamten, daß man auch in der Lüneburger Heide mit Dampfern fahre, oder daß man auf Elbkähnen rudern wolle.

Wieder ein Tag mehr, und Stanislaw ist auf dem Seemannsamt.

„Seefahrtsbuch? Können wir nicht ausstellen. Sie haben ja keine Staatsangehörigkeit. Und die Staatsangehörigkeit, die Heimatsberechtigung ist für das Seefahrtsbuch die Hauptsache, der übrigen Sachen wegen kann man auch mit der Invalidenkarte auskommen.“

„Wie soll ich denn da ein Schiff kriegen? Sagen Sie mir das bloß.“ Stanislaw war zu Ende mit seiner Weisheit.

„Sie haben ja einen Paß, da kriegen Sie jedes Schiff. Es geht ja aus dem Paß hervor, wer Sie sind, was Sie sind, und daß Sie hier in Hamburg wohnen. Sie sind doch ein alter befahrener Mann, Sie kriegen spielend ein Schiff. Kriegen jeden Ausländer, verdienen Sie mehr als auf deutschen Schiffen bei diesem Tiefstand der Mark.“

Stanislaw bekam ein Schiff. Einen schönen Holländer. Gute Heuer. Als der Heuerbas den Paß sah, sagte er: „Feine Sache“, und als der Skipper den Paß sah, sagte er: „Gute Papiere, das habe ich gern; wir wollen jetzt zum Konsul gehen, anmustern und registrieren, Akten verlesen.“

Der Konsul registrierte und trug den Namen Stanislaw Koslowski ein. Dann sagte er: „Seemannsbuch?“

Und Stanislaw antwortete: „Paß.“

„Ebensogut“, erwiderte der Konsul.

„Paß ist ganz neu, hier vom Präsidium, zwei Tage alt. Alles in Ordnung. Der Mann ist gut.“ Das sagte der Skipper und zündete sich eine Zigarre an.

Der Konsul nahm den Paß, blätterte darin herum, nickte wohlgefällig, weil es ein Meisterwerk gutgeölter Bureaukratie war. Solche Dinge behagten dem Konsul.

Plötzlich hielt er inne und erstarrte zu einer Eiskruste.

„Können nicht mustern“, sagte er.

„Was?“ rief Stanislaw.

Und „Was?“ rief der Skipper und ließ vor Erstaunen die Zündholzschachtel auf den Boden fallen.

„Mustere ich nicht an“, sagte der Konsul.

„Warum denn nicht? Ich kenne ja den Beamten vom Präsidium, der die Unterschrift gegeben hat, persönlich.“ Der Kapitän wurde ungeduldig. „Der Paß ist durchaus einwandfrei. Aber ich kann nicht mustern. Er hat ja keine Staatsangehörigkeit“, ereiferte sich der Konsul.

„Das ist mir ganz Wurscht“, sagte darauf der Skipper. „Ich will den Mann haben, mein Erster kennt ihn, und die Schiffe, auf denen der Mann gefahren hat, sind Topp. Solche Leute, wie den hier, will ich um mich haben.“

Der Konsul hatte das Paßbüchlein zugeklappt und patschte sich damit auf die offne linke Hand.

Er sagte nun: „Sie wollen den Mann gern haben, Herr Kapitän? Wollen Sie ihn adoptieren?“

„Unsinn!“ bellte der Skipper.

„Übernehmen Sie persönlich die Verantwortung dafür, daß Sie den Mann wieder loswerden können?“

„Verstehe ich nicht“, brummte der Skipper.

„Der Mann darf in keinem Lande landen. Er darf an Land gehen, solange das Schiff im Hafen liegt. Wenn das Schiff fort ist, und er wird aufgegriffen, hat die Kompanie oder Sie, Kapitän, den Mann wieder aus dem Lande herauszubringen. Wo wollen Sie ihn hinbringen?“

„Er kann doch hier nach Hamburg jederzeit zurück“, sagte der Skipper.

„Kann. Kann. Nein, er kann nicht. Deutschland kann seine Aufnahme verweigern und gibt ihn der Kompanie zurück oder Ihnen. Deutschland braucht ihn nicht mehr aufzunehmen, sobald er auch nur die Grenze übertreten hat. Er hat einen Weg. Er kann sich eine Bescheinigung verschaffen, daß er jederzeit nah Hamburg oder Deutschland zurück dürfe und da wohnen darf. Aber eine solche Bescheinigung kann nur das Ministerium ausstellen, und das Ministerium wird es kaum so ohne weiteres tun, weil diese Bescheinigung gleichbedeutend ist mit deutscher Staatsbürgerschaft. Und dann kommt es wieder zu dem Ausgangspunkt zurück. Könnte er eine Staatsbürgerschaft erwerben, dann hätte er sie, er ist ja Deutscher, ist in Posen geboren. Aber weder Deutschland, noch Polen erkennen ihn an. Nur wenn Sie oder Ihre Kompanie volle Verantwortung für den Mann übernehmen –“

„Wie kann ich denn das?“ rief der Kapitän unwillig aus.

„Dann kann ich den Mann nicht anmustern“, sagte der Konsul ruhig, strich den Namen aus dem Buche wieder aus und händigte Stanislaw den Paß ein.

„Hören Sie,“ der Skipper drehte sich noch einmal um und sagte zu dem Konsul, „hören Sie, können Sie denn keine Ausnahme machen? Ich möchte den Mann gern haben. Er ist ein vorzüglicher Rudermann.“

„Tut mir leid, Kapitän, dazu reichen meine Vollmachten nicht aus. Ich habe mich an meine Vorschriften zu halten. Ich bin nur ein Diener.“

Der Konsul hob die Schultern hoch bis zu den Ohren, als er das sagte, seine Arme gingen mit hoch, und die Unterarme hingen nun rechtwinklig und wackelnd im Ellbogengelenk. Das sah aus, als ob man ihm die Flügel gerupft und gestutzt hätte.

„Verfluchter Schietkram, verfluchter“, schrie der Skipper, warf seine Zigarre wütend auf den Fußboden, trampelte wie wild darauf rum, ging zur Tür und warf die Tür krachend zu.

Draußen auf dem Korridor stand Stanislaw.

„Was mache ich denn bloß mit dir, Junge“, sagte der alte Skipper. „Ich möchte dich ja so gerne mitnehmen. Aber nun kannst du nicht mal mehr Notmusterung machen, der Konsul kennt deinen Namen. Da hast du zwei Gulden, mach’ dir einen vergnügten Abend. Muß mich nach einem andern A. B. umsehen.“

Skipper und schöner Holländer waren weg.

39

Aber ein Schiff mußte Stanislaw unbedingt haben.

„Ehrliches Handwerk ist ganz gut, für eine Weile. Aber nicht zu lange. So eine Kiste oder so ein Sack, das tut ja niemand weh. Das sind Geschäftsunkosten in einem großen Hause. Die Kiste kann ja auch bei Verladung in die Brüche gehen. Aber man wird das ehrliche Handwerk leid.“

Ich sagte nichts darauf und ließ ihn ruhig reden.

„Ja, man wird es wahrhaftig leid,“ setzte Stanislaw fort, „man kriegt das Gefühl, als ob man jemand auf der Tasche liegt. Eine Zeit, ja, aber dann wird es einem so widerlich, immer auf der Tasche zu liegen. Man will doch auch was tun, was schaffen. Sehen will man, wie das rennt, was man arbeitet. Siehst du, Pippip, so am Ruder stehen, in schwerem Wetter, und den Kurs halten ... Das ist eine Sache, da kann das ganze ehrliche Handwerk nicht mit. Verflucht und zugenäht, nein, da kann es nicht mit. Da stehst du und stehst, und der Kasten will herumhauen und rauswichsen aus dem Kurs. Aber da hältst du ihn an der Kandare. Sieh mal so.“

Stanislaw packte mich beim Gürtel und versuchte mich herumzuwitschen, als ob er das Ruderrad in der Hand hätte.

„Du, ich bin kein Ruder, laß los!“

„Und dann, wenn du es durchhältst im schweren Wetter, und es rutscht dir noch nicht einmal einen viertel Strich ab, Pippip, ich kann dir sagen, da könnte man schreien und brüllen vor lauter Vergnügen, daß man diesen Riesenkasten so an der Schlippe halten kann, daß er tun muß, wie du willst, wie ein junges Lämmchen, weiß wie Schnee. Und wenn dann der Erste oder gar der Skipper auf die Rose guckt und sagt: ‚Kos’ki, Junge, Sie können aber mal Kurs halten, verflucht feine Arbeit, könnte ich selber nicht besser machen. Weiter so, dann halten wir die Karline gut in der Zeit!‘ ja, Mensch, Pippip, da lacht dir das Herz, da könnte man gleich so wegheulen und natschen, daß dir der Rotz die Backen runtertrippt, vor lauter Vergnügen. Siehst du, das kann das ehrliche Handwerk nicht und nie. Lachst ja auch, wenn dir ein Schnapp glückt, aber lachst doch nicht so, lachst mehr scheinheilig und drehst dich immer um dabei, ob nicht schon einer hinter dir her ist.“

„Ich habe ja an dicken Eimern noch nicht gerudert, aber doch schon an kleinen, und ich denke, du hast recht“, sagte ich. „Aber beim Anpinseln geht es einem auch so. Wenn dir eine grüne oder braune Kante so recht fein glückt, ohne zu klecksen und ohne auszurutschen, da hat man auch seinen Spaß.“

Stanislaw schwieg eine Weile, spuckte über die Reeling, schob sich ein neues Dickerchen zwischen die Zähne, den er vor einer halben Stunde von einem Händler, der mit einem Boot herangepullt war, gekauft hatte und sagte: „Wirst vielleicht lachen. Kohlenschleppen, wenn man eigentlich A. B. ist, und ein besserer A. B. als diese Räuber hier, ist ja vielleicht eine Schmach. Aber doch nicht. Hat auch seine Freuden. Auf so einem Kasten ist alles wichtig. Wenn nicht geschleppt wird, kann der Heizer keinen Dampf halten, und wenn der keinen Dampf hält, steht die Karre wie eine Ramme im Lehm. Und mal so fünfhundert Schaufeln in einem Zug auf zehn Schritt Entfernung durch die Schachtluke pfeffern und einen Vorrat hinhauen, daß der Heizer kaum noch treten kann, bloß um mal zu sehen, was du schaffen kannst, wenn du mal rangehst an die Ella, und du siehst dir den Berg an, den du so auf einen Sitz hingehauen hast, da lacht dir auch das Herz im Leibe. Du könntest den Berg wahrhaftig abknutschen vor Vergnügen, wenn er da so dick aufgeschichtet daliegt und dich so verwundert anglubscht, weil er doch eben noch oben in einem Bunker war und nun mit einemmal hier vor den Kesseln liegt. Nein, an Arbeit, an gesunde Arbeit, kann das schönste ehrliche Handwerk nicht ran.

Und warum macht man das ehrliche Handwerk überhaupt? Weil man keine Arbeit hat, weil man keine kriegt. Mußt doch was tun, kannst doch nicht den ganzen geschlagenen Tag im Bett liegen oder dich in den Straßen rumtreiben, wirst ja ganz vertattelt im Kopf.“

„Na und was dann, als du den Holländer nicht kriegtest?“ fragte ich.

„Arbeit mußte ich haben, und ein Schiff mußte ich haben, weil ich sonst verrückt geworden wäre. Den guten Paß, das feine Papier, verkaufte ich für Dollar. Dann platzte wieder ein Sack, und ich hatte ein paar Silberlinge in der Hand. Machte mit ein paar dänischen Fischern ein saftiges Spritgeschäft, das ich ihnen durch den Zoll brachte, na und da hatte ich ja feine Pinke.

Ich mich in den Zug gesetzt und runter nach Emmerich. Komme auch glatt rüber. Drüben aber, als ich mir eine Karte nach Amsterdam kaufen will, werde ich geschnappt, und nachts bringen sie mich über die Grenze und schieben mich rüber.“

„Was?“ fragte ich. „Du willst doch nicht etwa sagen, daß die Holländer Leute nachts über die Grenze bringen, ganz heimlich?“

Ich wollte hören, wie es Stanislaw ergangen war.

„Die? Die?“ sagte Stanislaw, und streckte seinen Kopf weit vor und bohrte mich fest mit seinen Augen. „Die machen noch ganz andre Sachen. Da ist jede Nacht an den Grenzen das schönste Austauschgeschäft mit Menschen. Die Deutschen schleppen ihre lästigen Ausländer und Bolschewisten über die holländische, belgische, französische und dänische Grenze, und das machen die Holländer, die Belgier, die Franzosen, die Dänen. Ich bin sicher, die Schweizer, die Tschechen, die Polen machen es genau ebenso.“

Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Kann ich nicht glauben. Das ist ganz ungesetzlich.“

„Aber sie machen’s. Sie haben es doch mit mir gemacht, und ich habe an der Grenze und in Holland ein paar Dutzend getroffen, mit denen sie es von allen Seiten aus gemacht hatten.

Was wollen Sie denn tun? Totschlagen und eingraben können sie doch die Leute nicht. Sie haben ja nichts verbrochen. Haben bloß keinen Paß und können keinen kriegen, weil sie nicht geboren sind oder nicht optiert haben. Jedes Land versucht, seine Paßlosen und Staatenlosen loszuwerden, weil die Leute ihnen immer wieder Scherereien machen. Wenn sie mit den Pässen aufhören, hört diese Warenverschiebung auch auf. Also, ob du es glaubst oder nicht, mit mir haben sie es getan.“

Stanislaw ließ sich aber nicht einschüchtern weder mit der Drohung Arbeitshaus, noch mit der Drohung Gefängnis, noch mit der Drohung Internierung. Er ging in derselben Nacht wieder rüber nach Holland, machte es klüger und kam nach Amsterdam. Er kriegte einen Italiener, ein ganz schmachvolles Totenschiff, und ging mit ihm nach Genua. Dort segelte er achtern raus, kriegte wieder ein Totenschiff, diesmal einen unmittelbaren Leichenmacher, und ging mit ihm aufs Riff. Er, mit noch ein paar andern, überlebte die Leichen, strolchte sich bettelnd durch zu einem andern Hafen und kam über ein andres Totenschiff, wo er infolge einer gräßlichen Schlägerei abkanten mußte, auf die Yorikke.

Wo bleibt er? Wo bleibe ich? Wo bleiben alle die Toten eines Tages? Am Riff. Früher oder später. Einmal trifft es. Man kann nicht ewig Totenschiffe fahren. Man muß die Fahrerei eines Tages doch bezahlen, ob man noch soviel Glück hat. Und man muß immer auf ein Totenschiff. Kein andrer Ausweg ist einem geblieben. Das feste Land ist mit einer unübersteigbaren Mauer umgeben, ein Zuchthaus für die, die drinnen sind, ein Totenschiff oder eine Fremdenlegion für die, die draußen sind. Es ist die einzige Freiheit, die ein Staat, der sich zum Extrem seines Sinnes entwickeln will und muß, dem einzelnen Menschen, der nicht numeriert werden kann, zu bieten vermag, wenn er ihn nicht mit kühler Geste ermorden will. Zu dieser kühlen Geste wird der Staat noch kommen müssen. Vorläufig aber hat Cäsar Kapitalismus an diesem Mord noch kein wesentliches Interesse, weil er den Kehricht, der über die Zuchthausmauern geworfen wird, noch gebrauchen kann. Und Cäsar Kapitalismus läßt nichts verkommen, solange es noch Profit verspricht. Auch der Kehricht, den die Staaten über die Mauern werfen, hat noch seinen Wert und wirft gute Profite ab, die abzuweisen Sünde wäre, unverzeihliche Sünde.

„In der Bunk über mir,“ sagte ich eines Tages zu Stanislaw, „da ist einer verreckt, wurde mir erzählt. Weißt du was davon, Lawski?“

„Freilich, weiß ich davon. Wir waren ja sozusagen Brüder. Er war ein Deutscher. War aus Mülhausen im Elsaß. Seinen richtigen Namen weiß ich nicht. Kümmert mich auch nicht. Er sagte, er hieße Paul. Gerufen wurde er Franzos oder French eigentlich. War Kohlschlepp. Er hat mir mal in einer Nacht, als wir zusammen im Achterbunk saßen und er wie ein kleiner Junge heulte, erzählt, was mit ihm los war.“

Paul war in Mülhausen geboren und hatte Kupferschmied, glaube ich, gelernt in Straßburg oder in Metz. Ich habe das verwechselt, weil es nur so nebenbei war.

Er ist dann auf die Wanderschaft gegangen nach Frankreich und Italien. In Italien war er interniert, als der Dreck da losging, oder warte mal, nein, es war anders. Er war in der Schweiz gewesen als es losging, hatte kein Geld, wurde rübergeschoben und eingezogen. Dann wurde er auf einem Patrouillengang von den Italienern gefangengenommen. Er brach aus, stahl sich Zivilsachen, grub seine feldgrauen Lumpen ein und trieb sich in Mittelitalien und Süditalien herum. Er kannte ja die Gegenden, weil er da gearbeitet hatte.

Endlich wurde er erwischt. Daß er ausgekniffener Kriegsgefangener war, wußte man nicht, man hielt ihn für einen Deutschen, der sich da während der ganzen Zeit herumgetrieben hatte, und so kam er in ein Internierungslager für Zivilgefangene. So war die Geschichte.

Ehe noch die Zivilgefangenen ausgetauscht wurden, war er schon wieder ausgebrochen und walzte rauf durch die Schweiz. Er wurde abgeschoben nach Deutschland und arbeitete da in einer Brauerei. Dann kam er in revolutionäre Geschichten rein, wurde verhaftet und mit Landesverweis bedacht als Franzose. Die Franzosen nahmen ihn nicht an, weil er schon ewige Zeiten fort war von Mülhausen und weder für Frankreich, noch für Deutschland optiert hatte. Was kümmert man sich als Arbeiter um solchen Quatsch. Da hat man andres zu denken und zu sorgen, besonders wenn man keine Arbeit hat und rumlaufen muß wie verrückt, um wenigstens was für den Magen zu schaffen.

Aber er wurde wegen der bolschewistischen Sachen, von denen er gar nichts verstand, landesverwiesen. Er kriegte zweimal vierundzwanzig Stunden Zeit, sich zu verduften, oder sechs Monate Arbeitshaus. Kam er raus aus dem Arbeitshaus, so bekam er wieder zwei Tage Zeit, und war er nicht weg in der Zeit, dann blühte ihm wieder Arbeitshaus oder Gefängnis oder Internierungslager. Arbeitshaus haben sie ja nicht mehr oder nennen es nicht mehr so, wie er mir sagte. Aber sie haben dafür ähnliche Einrichtungen. Die Brüder finden immer eine neue Schikane, wenn sie mit einer alten aufräumen aus irgendwelchen Gründen. Was wissen die von menschlichen Gründen? Da gibt es bloß Verbrecher und Nichtverbrecher. Wer nicht beweisen kann, daß er bestimmt kein Verbrecher ist, der ist eben einer.

Also raus mußte er. Er war ein halbes Dutzend mal schon beim französischen Konsul gewesen, aber der wollte nichts von ihm wissen, schmiß ihn raus und verbot ihm das Betreten des Konsulats.

Paul walzte nun nach Luxemburg, machte die Grenzen und kam nach Frankreich. Als er geschnappt wurde, sagte der Esel, er sei Franzose. Es blieb ihm ja nichts weiter übrig. Es wurde nachgeforscht, und die fanden raus, daß er sich auf diesem Wege die französische Staatsangehörigkeit in ungesetzlicher Weise habe erschleichen wollen. Das ist ein großes Verbrechen. Ein saftiger Einbruch ist lange kein so großes Verbrechen. Die hätten ihm ein paar Jahre aufgeknackst.

Na, kurz und gut, er kriegte ein Mauseloch, um zu entwischen. Anmusterung für die Fremdenlegion. Da konnte er sich ja ein Zehntel französische Staatsangehörigkeit verdienen, wenn er es aushielt.

Aber er hielt es nicht aus und mußte kippen.

Wie er mir erzählte, ist das ja nun so mit dem Abbrennen. Wo willst du hin? Rüber auf spanisches Gebiet? Gut. Wenn nur der Weg nicht so weit wäre. Aber da kommen Marokkaner, die sich das Kopfgeld verdienen wollen. Man sieht es ihnen nicht an der Nasenspitze an, wenn man sie um ein paar Datteln oder um einen Schluck Wasser anbettelt. Und zurück als Deserteur, dann schon lieber mit einem Stück spitzen Holz erstechen.

Dann wieder trifft man Marokkaner, die ziehen einen aus bis aufs Hemd und lassen einen liegen im Sonnenbrand und im Sande.

Dann trifft man welche, die rauben einen nicht aus, aber schlagen einen tot oder martern einen tot, weil er von der verhaßten Legion ist oder von den verhaßten Christenhunden einer ist.

Da sind auch welche, die verschleppen einen und verkaufen einen tief ins Innere als Sklave zu den Göpelmühlen. Auch ein Vergnügen, lieber die Kaldaunen aus dem Leibe reißen.

Aber der Junge hatte Glück, ein ganz verfluchtes Glück. Er traf Marokkaner an, die ihn erschlagen wollten oder an den Pferdeschwanz binden und abhäuten. Aber er konnte ihnen verständlich machen, noch rechtzeitig genug, denn sie lassen sich für gewöhnlich in keine Diskussionen ein, daß er Deutscher sei. Na, die Deutschen sind ja auch Christenhunde, aber sie haben gegen die Franzosen gekämpft, das wird ihnen hoch angerechnet, wie man in Spanien und in Mexiko es den Deutschen hoch anrechnet, daß sie fünfzigtausend Amerikanern unter die Erde verholfen haben. Bei den Marokkanern haben aber die Deutschen noch einen andern Stein im Brett, sie haben an der Seite der Türken, an der Seite der Mohammedaner gegen die Engländer und Franzosen gekämpft, und sie haben die mohammedanischen Glaubensgenossen, die auf seiten der Engländer und Franzosen kämpften und von den Deutschen gefangen wurden, nicht als Kriegsgefangene, sondern als dreiviertel Freunde behandelt. Das weiß jeder, der Allah und den Propheten anruft, ob er in Marokko wohnt oder in Indien.