Chapter 20 of 24 · 3988 words · ~20 min read

Part 20

Das Boot signalisierte, aber der Skipper pfiff drauf. Dann feuerte das Boot den Stopper. Und Yorikke stoppte. Es hatte nicht mehr gelangt. Sie war noch drin. Na, solche Boote machen sich ja nichts draus. Sie versuchen auch außerhalb der Grenze zu picken. Der Skipper muß vor Gericht beweisen, daß er nicht mehr drin war, sondern schon anderthalb Seemeilen raus. Soll er mal beweisen, das ist nicht so einfach. Es steht kein Grenzpfahl im Wasser. Die Rumjäger in den States kennen überhaupt keine Seegrenze. Manchmal glückt es dem Skipper aber doch, zu beweisen, daß er raus war. Na, dann wird eben bezahlt. Und eine halbe Stunde drauf wird es woanders schon wieder versucht. Nur der Mensch, der kleine, der muß das Gesetz achten, der Staat braucht das nicht. Er ist die Allmacht. Der Mensch muß Moral haben, der Staat kennt keine Moral. Er mordet, wenn er es für gut befindet, er stiehlt, wenn er es für gut befindet; er raubt die Kinder von den Müttern, wenn er es für gut befindet; er zerbricht die Ehen, wenn er es für gut befindet. Er tut, was er will. Für ihn gibt es keinen Gott im Himmel, an den zu glauben er den Menschen bei Leib- und Lebensstrafe zwingt, für ihn gibt es keine Gebote Gottes, die er den Kindern mit dem Knüppel einbläuen läßt. Er macht sich seine Gebote selbst, denn er ist der Allmächtige und der Allwissende und der Allgegenwärtige. Er macht sich die Gebote selbst, und wenn sie ihm eine Stunde darauf nicht mehr zusagen, übertritt er sie selbst. Er hat keinen Richter über sich, der ihn zur Rechenschaft zieht, und wenn der Mensch anfängt, mißtrauisch zu werden, dann fuchtelt er ihm mit der Flagge Rot-Weiß-Blau-Hurra-Hurra-Hurra vor den Augen herum, daß der Mensch ganz duselig wird, und brüllt ihm ins Ohr: „Haus und Herd – Weib und Kind“ und bläst ihm in die Nasenlöcher den Rauch: Blick auf deine ruhmreiche Vergangenheit. Und dann plappern die Menschen alles nach, weil der Allmächtige sie in ausdauernder Arbeit zu Maschinen und Automaten gemacht hat, die ihre Arme, Beine, Augen, Lippen, Herzen und Gehirnzellen genau so bewegen, wie es der allmächtige Staat haben will. Das hat nicht einmal der allmächtige Gott zuwege gebracht, und der konnte doch auch etwas. Aber diesem Ungeheuer gegenüber ist er nur ein armer Stümper. Seine Menschen handelten ganz selbständig, sobald sie erst einmal ihre Arme und Beine bewegen konnten. Sie liefen ihm davon, achteten seine Gebote nicht, sündigten wie toll und setzten ihn endlich ab. Bei dem neuen allmächtigen Gott haben sie es schwerer, weil er noch zu jung ist, und weil sie noch nicht wagen, ihm auf die Füße zu treten und den Apfel vom Baume zu reißen.

Wir stoppten. Blieb uns ja nichts andres übrig. Er hätte uns sonst hochgeblasen. Und dann kamen sie rauf.

„Möchten die Papiere sehen. Ja, danke, die sind in Ordnung. Wir dürfen doch wohl einmal überprüfen. Wir halten Sie nicht auf. Ein paar Minuten nur.“

„Bitte, bitte, meine Herren, aber nicht zu lange. Ich habe Verspätung, oder ich muß Ihre Regierung haftbar machen.“ Der Skipper lacht. Wie der Mann zu lachen verstand. Mit seinem Lachen, das so halb ironisch, so halb ungemein lustig war, leerte er alles aus, was da noch verdächtig sein konnte.

Die guten Leute hatten etwas von Corned Beef mit Knochen vernommen. Wie Ameisen krochen sie in dem Laderaum herum und suchten Corned Beef von Chikago. Und der Skipper lachte und lachte.

Es war kein Corned Beef da. In der Galley waren ein paar Büchsen. Zum Hausgebrauch für das Mitschiff.

Aber da war Kakao. Holländischer, garantiert reiner, entölter, Van Houtens. Kisten und Kisten voll. Aller Kakao in Blechbüchsen. Damit das Aroma nicht verlorengeht.

Der Untersuchungsoffizier tippte auf eine Kiste, die ganz mitten drin lag. Die Kiste kam hoch. Er lief sie öffnen.

Und der Skipper lachte. Und der Offizier wurde nervös. Er wollte es nicht merken lassen, aber er konnte es nicht verbergen. Das Lachen machte ihn halbverrückt.

Schöne große Büchsen. Alle mit Etiketten verklebt. Der Skipper trat an die Kiste, nahm eine Blechbüchse heraus und reichte sie dem Offizier zu, während er seinem Lachen einen ganz unterstrichnen sarkastischen Ton gab. Der Offizier sah den Skipper an, dann sah er die Büchse an und nun trat er mit einem schneidigen Schritt auf die offene Kiste zu und nahm sich selbst eine Büchse heraus, gleich neben der Lücke. Er riß das Etikett hastig ab und öffnete die Büchse. – Kakao.

Der Skipper schüttelte sich vor Lachen.

Plötzlich fiel dem Offizier wieder das Corned Beef mit Knochen ein und er schüttele den Kakao aus der Büchse völlig aus.

Kakao. Da war nichts andres drin. Nichts als garantiert reiner entölter Van Houtens Kakao.

Aber der Offizier, zitternd vor Nervosität, nahm jetzt dem Skipper die Büchse aus der Hand, riß das Etikett ab, hob den Blechdeckel ab und da war – Kakao. Er steckte den Deckel wieder auf und gab die Büchse dem Skipper mit einem „Danke!“ zurück.

Was in dem Skipper vorging, als ihm der Offizier die Büchse aus der Hand nahm, weiß nur er allein. Aber er lachte, daß man es drüben auf dem Kriegsboot, das beigedreht hatte, hören konnte.

Der Offizier entschuldigte sich, gab das Revisionsdokument, in das er das Zeichen der geöffneten Kiste einschrieb mit der Quittung für die beiden verdorbenen Büchsen Kakao, stieg mit seinen Leuten in die Schaluppe und setzte ab zu seinem Boot.

Als er abstieß, rief der Skipper rüber zur Galley: „Koch, heute abend Kakao für die Mannschaft und Rosinenstollen.“

Dann ging er näher zur Kiste, suchte eine Weile herum, bis er fand, was er haben wollte, nahm die gewünschte Büchse heraus und übergab sie dem Koch. Dann ließ er die Kiste wieder zunageln und verstauen.

Ich hatte auf Deck gestanden, als dies geschah. Und da man Gelegenheiten nie verpassen soll, so machte ich mich nachts gleich daran, ein paar Blechbüchsen Kakao flottzumachen. Im nächsten Hafen brachten sie immer ein paar Schillinge ein, oder man konnte sie für Tabak eintauschen.

Fünf zog ich ab und verstaute sie im Bunker.

Bei der Ablösung sagte ich zu Stanislaw: „Hast du schon mal an den Kakao gedacht? Ehrliches Handwerk. Ein paar Schillinge sind drin.“

„Da ist kein Schilling drin. Wenn es Kakao wäre. Aber es sind ja Kakaobohnen, und wenn du nicht die passenden Kakaomühlen dazu verkaufen kannst, kriegst du nicht einen roten Penny dafür.“

Das kam mir verdächtig vor. Stanislaw hatte also schon an das Handwerk gedacht. Wahrscheinlich schon eine Kiste aufgehabt, als die zweite noch am Lademast hing.

Ich kletterte sofort rauf in den Bunker und machte eine Büchse auf. Stanislaw hatte recht. Es waren Kakaobohnen. Sehr harte, mit Messinghülsen. In der zweiten Büchse, dasselbe. In der dritten, vierten, fünften: dasselbe. Ich machte sie wieder schön zu und packte sie zurück in die Kisten. Für arabische und marokkanische Kakaobohnen hatte ich kein Interesse; die passenden Mühlen, falls wir sie an Bord hatten, hätte ich ja doch nicht sicher heruntergekriegt.

Nur der Skipper war fähig, Kakaobohnen in Kakaopulver zu verwandeln. Er konnte es auf zwei Arten. Er konnte das Wunder vollbringen dadurch, daß er die Blechbüchse in der Kiste ließ, er konnte es aber auch dadurch, daß er die Büchse in die Hand nahm. Er war ein Meister in der schwarzen Magie, yes, Sir.

42

Wir machten Tripolis und hatten verteufelt schweren Seegang. Wir wurden im Kesselraum hin und her gepfeffert, und in den Bunkern war es noch schlimmer. Ich betrachtete mir, wenn ich mal ein wenig zum Verschnaufen im Kesselraum auf einem Kohlenhaufen saß, zuweilen das kleine Glasröhrchen, das einen erwachsenen Seemann so martervoll verschlucken kann, wenn es dazu in der Laune ist. Dabei legte ich mir die Frage vor, ob ich das Rohr abdrosseln würde, wenn das Röhrchen zum Tanzvergnügen geht.

Natürlich sagte ich nein. Aber wer kann sagen, was er tun wird, wenn die Frage nicht gestellt wird, sondern wenn die Frage entschieden werden muß und man gar nicht daran denkt, daß die Frage überhaupt existiert? Der Heizer kann ja drunter liegen und kann nicht mehr allein fort. Meinen Heizer im Stich lassen, daß er mir mein ganzes Leben hinterher schreit: „Pippip! Pippip! Ich verbrühe! Hol mich raus, Pippip! Ich kann nicht sehen, meine Augen sind rausgebrüht, Pippip, schnell, es ist gleich vorbei! Pip–pip–p–“

Na, nu laß mal da deinen Heizer liegen. Da gehst du eben, auch wenn du weißt, ihr bleibt beide da liegen.

Vielleicht gehe ich auch nicht. Warum? Mein Leben ist auch etwas wert. Mein Leben –

„Pippip, Schlepp, spring Back, nicht gucken, Backbord und her!“

Der Heizer brüllt es, daß er das Hämmern der Maschine überkreischt.

Ohne aufzugucken, mache ich einen Satz rüber nach Backbord und falle dort in die Knie, weil ich über das Schüreisen falle, das im Wege liegt. Gleichzeitig erfolgt ein Krach und ein Rasseln, das betäubend ist.

Unter seinem schwarzen dicken Kohlenstaub, den er im Gesicht hat, sehe ich, daß der Heizer ganz bleich ist. Auch Tote können noch erbleichen. Ich klaube mich auf mit zerschundenen Schienbeinen und aufgeschlagenen Kniescheiben und drehe mich um.

Die Aschenhuze, die Aschenführung, ist runtergekommen.

Diese Aschenführung ist ein runder Blechkanal, wie ein großer Blechschornstein, mit einem Durchmesser von etwa einem Meter. In ihm werden die Aschkannen hochgehievt, damit sie nicht hin und her schlenkern können, sondern oben in den Aushebeschacht geführt werden.

Die Huze hängt weit in den Kesselraum hinein bis etwa neun Fuß über dem Boden. Oben ist sie an einen Kranz festgenietet. Sie ist sicher dort an den Nieten durchgerostet, und jetzt bei dem Wetter hat sie den Rest bekommen und ist abgebrochen. Wo will sie hin? Sie muß in den Kesselraum. Sie ist senkrecht fallendes, sehr starkes Eisenblech und hat hundert Kilo oder mehr. Schneidet den Kopf und den ganzen Körper der Länge nach durch. Geht wie mit dem Rasiermesser. Oder schlägt den Arm ab und nimmt die eine Schulter mit. Wenn sie Gnade übt, nur den halben Fuß. Wer denkt an die Aschenhuze, daß die einmal abrosten könnte am Kranz. Sie hängt seit der Zerstörung Jerusalems da drin und ist nie runtergefallen. Die ganzen vielen Jahrhunderte nicht. Und nun mit einemmal fällt es ihr ein, runterzukommen.

Seemannslos. Arbeiterlos. Deine Schuld. Geh zur rechten Zeit drunter weg, dann kann dir nichts passieren.

Hallo, Heizer, da bin ich ja nochmal mit einem Sprung davongekommen. Gleich beim ersten Schrei: „Schlepp, Back!“ gesaust wie ein Affe. Nicht erst lange gedacht, was los ist. Die Yorikke entwickelt die Instinkte, sie hält einen in Form.

„Ja, Heizer, verflucht nochmal, das war ein Sprung zur rechten Zeit.“

Danke! ist nicht. Wozu? Morgen dir, übermorgen Stanislaw. Wer weiß, wen die nächste Kugel trifft. Wir sind im Kriege. Kopp weg. Aber ehe du es hörst, ist er schon weg, der Kopp. Der Rest bleibt liegen. Wird nicht bezahlt. Über Bord. Klumpen Kohle ans Bein. An die Mütze getippt. Grabmusik: „Nun haben wir wieder keinen Schlepp.“

Das Glasröhrchen ist heil. Es hat sein Opfer. Der Aschenhuze hat der Heizer den Spaß verdorben. Aber dafür wartet die Rache. Was ist das nächste Glasröhrchen? Wer ist der Nächste? Junge, zieh dir den Gürtel fest. Da ist Warnung in der Luft. Warnung für dich. Es schwirrt der Gast herum, er kriecht in den Winkeln und lauert in den Ecken. Beim nächstenmal macht er bessere Arbeit und läßt nicht gerade den Heizer zufällig nach oben blicken, daß er sieht, wie sich erst die eine Hälfte am Kranz löst und dann die andre. Beim nächstenmal ist es vielleicht das Brett da oben, auf dem du rüberbalancierst zur Bunkerluke.

Mein Junge, ich glaube, du steigst am besten aus in Tripolis. Wenn du auch tot bist, man macht doch gern noch manchmal einen Spaziergang aus den Gräbern und sieht, was draußen los ist, weil man sich so rasch an die stickige Luft im Grabe nicht gewöhnen kann. Mußt ja wieder rein ins Grab oder in ein Totenschiff, aber hast doch eine Nase voll frischer Luft mitgenommen und beim zweiten Male geht es schon besser. Aber Tripolis war nichts mit Aussteigen. Wir konnten keinen Schritt tun ohne Bewachung. Beim geringsten Versuch, achtern abzubleiben, hätten sie uns gepackt und zurückgebracht. Hätten dem Skipper eine Kostenrechnung gemacht, und er hätte sie von der Heuer abgezogen. Es war auch nichts in Syrien. Man konnte nicht abkanten. Wir waren freie Männer, freie Seeleute. Durften in die Häfen gehen, durften in den Kneipen rumsaufen, durften tanzen und unser Geld verspielen oder es uns aus den Taschen räubern lassen. Alles durften wir tun, weil wir ja freie Seeleute und keine Sträflinge waren. Aber sobald Yorikke das Blaue Peterlein flattern ließ, und man drückte sich auffällig weit vom Kai oder von den Molen herum oder gar in verschnörkelten Gäßchen und dunklen Winkeln, da hatte einen auch schon einer am Arm:

„Monsieur, s’il vous plaît, Ihr Schiff wartet, wir werden Sie begleiten, damit Sie nicht den Weg verfehlen.“

Und war man dann erst wieder drauf auf der Yorikke, hatten sie das Recht, draußen am Kai zu stehen und einem das abermalige Verlassen des Bootes zu verbieten, denn Blau Peterlein flatterte, und das hieß, nun hat die Freiheit wieder mal ein Ende.

Stanislaw hatte schon recht gehabt: „Kommst nicht mehr runter. Und wenn du kommst, die kriegen dich und stecken dich auf einen andern Toteneimer, der vielleicht noch schlimmer ist. Denn die Toten nehmen dich immer wieder auf, auch aus den Händen der Polizei. Mit Dank. Drücken dem Engelmacher noch zehn Schillinge in die Hand dafür. Füttern dich sogar, bis sie dich auf ein andres Totenschiff, das hereinkommt, verkaufen können. Müssen dich doch los werden. Können dich doch nicht nach der Heimat deportieren, hast ja keine.“

„Da brauche ich doch aber nicht raufzugehen.“

„Mußt rauf. Der Skipper sagt, er hat dich gezeichnet, auf Handschlag. Dir glaubt man nichts, dem Skipper glaubt man. Er ist ja ein Skipper und hat eine Heimat, wenn es auch nur selbst eine geschwindelte ist und er selber nicht mehr heim darf. Aber er ist der Skipper. Mußt rauf. Er hat dich gemustert. Hat dich nie gesehen. Aber auf Handschlag gemustert. Mußt rauf. Bist Deserteur.“

„Aber, Stanislaw, nun rede mal klar. Da gibt es doch noch Recht“, sagte ich, weil ich glaubte, er übertreibt.

„Das ist doch schon mein viertes. Es ist dein erstes. Und ich bin durch mit allen Zipfeln.“

„Man kann dich doch nicht zwingen. Ich bin doch freiwillig auf die Yorikke gekommen“, wandte ich ein.

„Ja, das erstemal kommt man halb freiwillig. Aber hättest du deine Sachen alle klar gehabt, wärst du nicht freiwillig gekommen. Wenn du deine Sachen in Ordnung hast, kann dir niemand mit solchem Zimt kommen, wie Handschlag, Deserteur und so. Da sagst du, du willst zum Konsul. Da müssen sie dich gehen lassen und können mitkommen. Wenn der Konsul sagt, daß er dich annimmt, daß er dich anerkennt, müssen sie abziehen. Da ist nichts von Handschlag, da heißt es zu dem Skipper: ‚Wer sind Sie? Wann wurde das Schiff zum letztenmal inspiziert? Wie sind die Gebührnisse für die Mannschaft, Essen, Löhnung, Quartiere?‘ Da zuppelt er ab, der Skipper und sagt nichts mehr von Handschlag. Kannst du zum Konsul gehen? Hast du Papiere? Hast du ein Vaterland? Na also. Können sie mit dir machen, was sie wollen. Glaubst du nicht? Steig aus, versuche es.“

„Hast du denn dein dänisches Heuerbuch nicht mehr?“ fragte ich Stanislaw.

„Eine Frage! So eine dumme Frage! Wenn ich das noch hätte, wäre ich doch nicht hier. Ich hab’s doch gleich für zehn Dollar verkauft, als ich den schönen Paß in Hamburg kriegte. Auf einen Dänen darf er nicht damit gehen, auch nicht zu einem dänischen Konsul. Der nimmt es ihm gleich ab, weil es angemeldet ist; es ist doch ein Schwimmer. Lebt doch nicht mehr. Aber für kleine Verhältnisse ist es hundert Dollar wert. Wenn ich es nur hätte. Hab mich doch auf meinen eleganten Paß verlassen. War doch wie eine Festung, so gut und so sicher. Kerngesund. Echt bis auf die Pupille. Besser als zehn Eide. Konnte von der ganzen Erde aus angeklingelt werden in Hamburg, ohne Murren. Bloß die Nummer gewinkt. Schon war die Antwort da: Paß ist klar wie ein Diamant. Aber er war doch bloß Gipsfront. Hatte bloß ein schönes Gesicht und nichts dahinter.“

„Warum hast du es denn nicht noch woanders damit versucht?“

„Habe ich doch, Pippip. Denkst du denn, ich laß so einen eleganten Schwenker gehen, ohne ihn ein halbes Dutzend mal anzuziehen und zu sehen, ob er nicht doch noch paßt? Ich hatte doch auch einen Schweden. Da sind wir gar nicht erst bis zum Konsul gekommen. Der Skipper nahm ihn, guckte rein und sagte gleich: „Nichts zu machen mit uns. Ich werde Sie nicht mehr los.“

„Die Deutschen hätten dich doch aber genommen“, sagte ich nun.

„Zuerst einmal zahlen die ja hundemäßig. Damals wenigstens. Was sie heute zahlen, weiß ich nicht. Ich hätte auch gern einen genommen. War mir ja egal. Aber wenn du da ankamst, gleich sprangen sie dir ins Gesicht: ‚Nehmen keine Pollacken. Pollacken raus. Freßt oberschlesische Steinkohle. Könnt ja euren Pollackenrachen nicht voll kriegen.‘ Und lauter solche Sachen. Das wäre dann die ganze Fahrt so gegangen. Auch wenn ich hätte mustern können. Die andern, die Mannschaften sind ja noch zehnmal schlimmer, noch zehnmal verhetzter. Hältst du gar nicht aus. Geht vom frühen Morgen bis zum Abend: ‚Saupollack. Dreckpollack. Mistpollack. Wollt ihr nicht auch noch Berlin einsacken, ihr Pollackenschweine?‘ Hältst du nicht aus, Pippip. Gehst über die Reeling. Dann schon lieber Yorikke. Da schmeißt keiner dem andern seine Nationalität vor, weil keiner mehr eine Nationalität hat, mit der er protzen kann.“

So verging ein Monat nach dem andern. Ehe ich es mir versah, war ich vier Monate auf der Yorikke. Und ich hatte gedacht, ich könnte dort keine zwei Tage leben.

43

Lasset uns Menschen machen ein Bild, das uns gleich sei, und lasset uns ihnen die Fähigkeit geben, zu glauben und sich zu gewöhnen, damit sie uns nicht eines Tages absetzen. Yorikke war erträglich geworden. War eigentlich doch ein ganz feines Schifflein. Das Essen war gar nicht so schlecht, wie es schien. Es gab ja hin und wieder Nach-Sturm-Frühstück. Auch schon mal Kakao mit Rosinenstollen. Und zuweilen ein halbes Wasserglas Kognak oder ein volles Wasserglas Rum. Manchmal gab der Koch sogar ein halbes Kilo Zucker extra her, wenn man ihm schöne Nußkohle für die Galley aus den Bunkern klaubte.

Der Dreck in den Quartieren war zu ertragen. Wir hatten ja keine Bürste und keinen Feger. Wir fegten mit einem Sacklumpen. Seife hatten wir ja auch keine. Und wenn wir uns ein Stück kauften für den persönlichen Gebrauch, werden wir es doch nicht aufbrauchen für Reinquartier. Wir waren doch nicht verrückt.

Die Bunk war auch gar nicht so hart, wie sie erst erschien. Ich hatte mir aus Putzwolle ein Kissen zurecht gemacht. Wanzen? Gibt es auch anderswo. Nicht nur auf der Yorikke. Es war ganz gut zu ertragen. Es sah auch niemand mehr so dreckig aus und so zerlumpt, wie in den ersten Tagen. Auch die Eßgeschirre waren nicht mehr so schmierig.

Mit jedem Tag war alles ein klein wenig sauberer und besser und erträglicher geworden. Wenn Augen sehr lange dasselbe sehen, sehen sie es nicht mehr. Wenn müde Glieder jeden Tag auf demselben harten Holze ruhen, schlafen sie bald wie auf Daunen. Wenn die Zunge jeden Tag dasselbe schmeckt, weiß sie nicht, wie andres wohl schmecken mag. Wenn alles rundherum kleiner wird, sieht man nicht, wie man zusammenschrumpft, und wenn alles dreckig ist, was einen umgibt, sieht man nicht, wie dreckig man selbst ist.

Die Yorikke war recht erträglich. Mit Stanislaw konnte man sich gut unterhalten. Er war ein kluger und intelligenter Junge, der viel gesehen und alles mit ganz klaren Augen gesehen hatte, und der sich das Hirn nicht so leicht verkleistern ließ. Mit den Heizern konnte man auch sprechen. Wußten auch dies und jenes Neue zu erzählen. Die Deckarbeiter waren auch keine verblödeten Dummköpfe. Dummköpfe kamen nie zu den Toten und nur selten Durchschnittsmenschen. Denn die haben immer alles schön in Ordnung. Die können nie über die Mauer fallen, weil sie nie hochklettern, um zu sehen, wie es auf der andern Seite wohl aussehen mag. Die glauben, was man ihnen darüber erzählt. Die glauben, daß auf der andern Seite der Mauer Mordbrenner sitzen. Die Mordbrenner sitzen immer auf der andern Seite der Mauer. Und wer das nicht glaubt und einmal nachsehen will, ob es wahr ist, auf die Mauer klettert und dabei runterfällt, dem geschieht es ganz recht, daß er draußen bleibt. Und wenn er schon auf die andre Seite will, um den Mordbrennern die überflüssigen Hosenknöpfe zu verkaufen, dann soll er wenigstens durch das Tor gehen, damit man sieht, wer es ist, und damit der Nachtwächter, der über der Haustür den Adler und die Fahnenstange hat, damit man auch gleich weiß, daß er der Nachtwächter seines Landes ist, das Trinkgeld nicht einbüßt. Wer kein Trinkgeld bezahlen kann und keinen Zettel in der Tasche hat, auf dem abgestempelt wurde, daß er der Sohn seiner Mutter ist, soll daheim bleiben. Freiheit ja, aber muß abgestempelt sein. Freizügigkeit der Erdenbewohner ja, aber nur mit Zustimmung der Nachtwächter. Vier Monate Heuer hatte ich beim Skipper stehen. Hundertzwanzig oder einige mehr Pesetas Vorschuß gingen ab. Blieb ein ganz hübsches Sümmchen übrig. War auch dann noch ein ganz nettes Sümmchen, wenn es in Pfunde umgerechnet wurde.

Umsonst wollte ich nun auch nicht gerade gearbeitet haben und das Geld dem Skipper schenken. Und so hatte er mich nur um so fester. Aber wo und wann und wie abmustern? Gab es doch nicht. In keinem Hafen wurde die Abmusterung bestätigt. Keine Papiere, kein Heimatsland. Werden den Mann nie wieder los. Kann nicht abmustern.

Es gab nur eine Abmusterung. Die Gladiatorenabmusterung. Abzeichnung auf dem Riff. Abzeichnung bei den Fischen. Kam man klar, dann flog man auf eine Küste. Da konnten sie einen nicht gleich wieder ins Wasser fegen. Schiffbrüchiger. Es regt sich das Mitleid der Menschen, besonders derer, die in Küstenstrichen wohnen. Mit Toten gibt es kein Erbarmen, mit Schiffbrüchigen ist es etwas andres.

Dann muß sich ja auch der Nachtwächter der Flagge melden, unter der man aufs Riff ging. Er zahlt nicht für den Mann, er zahlt für den Rapport, damit die Versicherung besser geölt wird. Denn wenn der Rapport nicht einläuft, dann kommt die Verschollenwartezeit, und das bedeutet einen erheblichen Zinsverlust. Wenn der Rapport da ist und das Mitleid mit dem Schiffbrüchigen eingetrocknet ist, dann wandert man wieder zu den Toten. Erst ganz langsam, dann schneller und immer schneller. Die Kompanie ist für den Mann haftbar und sie ist verantwortlich für seine Fortschaffung. Wohin mit ihm? Kein Skipper will ihn haben. Er wird ihn nicht mehr los. Auf ein Totenschiff. Er will nicht, weil er genug hat, vom letztenmal. Handschlag, versuchte Desertion, zehn Schilling in die Hand, Blaues Peterlein, rauf. Guten Morgen, da wären wir wieder.

Die Fische können warten. Er kommt. Einmal kommt er. Er kommt, entweder mit dem Glasröhrchen oder mit der Aschenhuze oder mit einer Kohlenlawine im Bunker oder mit dem Riff. Aber er kommt. Er kann nicht pensioniert werden oder ein Weib nehmen und einen kleinen Bootshandel anfangen. Er muß immer wieder in die Arena. Bis er es vergißt, daß er in der Arena ist, yes, Sir ...

Nun lagen wir in Dakar. Ein durchaus anständiger Hafen. Nichts gegen ihn einzuwenden.

Kesselreinigen. Kesselreinigen, wenn die Feuer unter dem zu reinigenden Kessel nur gerade einen knappen Tag aus sind und der Nachbarkessel unter Dampf bleibt. Und dieses Vergnügen in einer Gegend, wo man sagt: „Guck mal da rüber, wo die grünen Zaunpfähle stehen mit dem großen A dran, das ist der Äquator, kannst auch sagen Mittagslinie, dann mußt du aber das A abschrauben und ein Messingschild anhängen mit dem großen M drauf. Aber ob du nun Mittagslinie sagst oder Äquator oder überhaupt nichts, es ist immer egal heiß und glühend. Wenn du den Äquator anfaßt, die Hand ist sofort weg, wie abrasiert, bloß noch ein paar Krümelchen Asche sind übrig. Wenn du ein Stück Eisen auf den Äquator legst, schmilzt das wie Butter. Wenn du zwei Stück zusammenhältst, die schweißen autogen. Glatt ohne Naht, brauchst bloß drücken.“