Chapter 12 of 27 · 3974 words · ~20 min read

Part 12

Dann schlossen die Vorlesungen auf zehn Tage. Zehn goldene Tage war ich einmal die vorgeschriebene Zwangslektüre los und konnte im Lande der „Freiheit“ einmal wieder meiner geistigen Selbstbestimmung leben! Freitag war heiliger Abend. Aber ich sah in Cambridge keinen Christbaum, noch weniger einen Weihnachtsjahrmarkt. In Neuengland herrschen noch ganz die alten +englischen+ Weihnachtssitten. An den Fenstern der Läden und Häuser hingen einige grüne Kränze -- das war alles. Nicht einmal rechte Weihnachtsgottesdienste, wie wir sie gewöhnt sind, gab es, nichts von Metten und Vespern. Das Fest wird auch bloß mit +einem+ Feiertag begangen!

So hatte ich mir selbst am heiligen Abend -- den sie übrigens drüben auch gar nicht feiern! -- einen kleinen Weihnachtstisch zurechtgebaut und schenkte mir selbst ein paar blitzende amerikanische Schlittschuhe, zündete mir einige Kerzen auf dem Kamin an, steckte hinter meine Bilder ein paar Tannenreiser, schichtete ein paar rotwangige Äpfel auf und feierte so still für mich heiligen Abend in der neuen Welt. Als ich die Kerzen angezündet und ihr Schein auf die paar mageren Zweiglein fiel, fiel, glaube ich, auch ein kleines, warmes Tränlein mit darauf. Jetzt wäre ich doch fürs Leben gern die zehn Ferientage einmal schnell zu Hause gewesen und hätte soviel zu erzählen gehabt -- aber das Weltmeer mit seinen 4000 Meilen lag dazwischen! Ich fing nun manchmal schon heimlich die Wochen an zu zählen, wann es wieder heimgehen würde. Bei Wachsduft und Kerzenschein kamen auf einmal alle die Weihnachtsfeste der Kindheit leise zu mir in mein amerikanisches Studierzimmer hereingeschritten, frohe und ernste, und stellten sich wie unsichtbare Engel an den Wänden meines „~furnished room~“ auf und hatten wohl alle auch ein kleines, warmes Tränlein an den Wimpern ... Damit mir es nun aber in meinem Zimmer nicht gar zu einsam werde, holte ich mir einige Kameraden aus unserer Hall herein, von denen die meisten aus dem eigenen Lande auch nicht heimfahren konnten, weil viele weither aus dem Süden oder dem „mittleren Westen“ waren. So kam zu meiner „Weihnachtsfeier“ mein lieber japanischer Freund Ashida, Mr. Moore und der Heidelberger Philologe. Wir lasen deutsche und englische Weihnachtsgedichte zusammen und sangen dann alle miteinander auf +deutsch+ „Stille Nacht, heilige Nacht“, bis die Kerzen langsam herabbrannten. Der Japaner, der Amerikaner und wir zwei Deutschen!

Als sie wieder gegangen waren, packte ich die heimatlichen Weihnachtspakete aus, die vor einigen Tagen angelangt waren; das wollte ich gern ganz allein tun. Da kamen noch allerlei -- aber jetzt echte deutsche -- Tannenzweiglein und duftende rotwangige deutsche Äpfel, Weihnachtskerzen, warme Sachen und vor allem Weihnachtsbrieflein zum Vorschein. Und wie war das alles mit soviel Liebe und weiser Berechnung zeitig aus der Heimat abgegangen ...! Und wie wirkte das alles hier so traulich und wehmütig zugleich! -- --

Der Abend schloß für mich nicht so ganz still und die Nacht nicht so ganz heilig insofern, als sich -- wohl nach einer zugezogenen Erkältung -- in der Nacht Fieber einstellte und ich das Bett hüten und nicht mehr zu Präsident Lowell gehen konnte, der alle Harvardstudenten, die nicht heimfahren konnten, zu einem offenen Weihnachtsabend zu sich eingeladen hatte. Das war schön von ihm! Ich lag derweilen allein fiebrig in der Weihnachtsnacht ... In derselben Nacht gab es auch noch einen riesigen Wasserröhrenbruch in der Stadt, so daß das Wasser in hellen Strömen durch alle Straßen schoß. Da man ein böses Einfrieren befürchten mußte, griffen noch in derselben Nacht die Studenten mit zu, als sie gerade vom Präsidenten kamen, um noch größeres Unglück zu verhüten.

Andern Tags hatte mich Freund W. wieder zu seinen Eltern zusammen mit seinem Stubengenossen R. nach Dorchester zum „Christmas-Dinner“ eingeladen. Wir hatten daselbst wieder „~a very good time~“ (viel Spaß), wie man drüben sagt, und sangen allerlei wehmütige Negergesänge, die ich einige Tage zuvor in einer baptistischen Negerkirche gehört und gelernt hatte. Dort war, als ich eintrat, alles ganz „schwarz“ gewesen, nur die weißen Zähne und Augen ließen erkennen, daß Menschen anwesend waren!! Süßlich-sentimental erklangen die Lieder, aber der Prediger fuchtelte dafür um so gewaltiger mit seinen Armen auf dem Pult. Ein laut schreiendes Kind und ein bellender Hund begleiteten in dieser Negerkirche die Predigt auf ihre Weise! Und überall duftete es eigentümlich ...

Gegen Abend machte mein Freund mit uns noch einen Weihnachtsbesuch in einem sehr reichen Hause im Franklinpark, wo eine sehr wohlhabende Dame, die einst mit ihm -- glückliches Land der Koedukation! -- in die „~high School~“ in Dorchester gegangen war, auf ihrem ländlichen Schlosse wohnte. Wir schritten die tiefverschneiten Parkwege entlang und traten ein. Ein riesiger prächtiger Christbaum stand hier auf spiegelblankem Parkett in der Empfangshalle. Er reichte vom Fußboden bis an die Decke und war über und über mit Hunderten von Kerzen besteckt. So sah ich doch noch einen Christbaum! Feine Herren und Damen verteilten unter ihm an eine Anzahl von all der strahlenden Pracht wie geblendet dastehende arme Kinder der Vorstadtviertel Weihnachtsgaben. Die Dame des Hauses selbst sang am glänzend polierten Flügel allerlei süßtönende Lieder ... Aber trotz allem, dies Weihnachten gefiel mir auch nicht recht. Es war mir zu fein.

Dieselbe Nacht noch vom ersten zum zweiten Feiertag wütete in ganz Neuengland ein furchtbarer Schneesturm, wie man ihn lange nicht erlebt hatte. Die schwersten Äste der alten Harvardulmen lagen am Morgen zerschmettert am Boden. Die Vorstadt Chelsea stand infolge der Sturmflut unter Wasser; viele Schiffe waren gestrandet, Neger wurden erfroren in den Straßen aufgefunden, denen es immer noch schwer fällt, den nördlichen Winter durchzumachen; Seeleute wurden zahlreich vermißt. Auch das kein schönes „Weihnachten“! Und am Morgen lagen, als man erwachte, Schneemassen in den Straßen Cambridges, daß niemand von den Studenten, die früh zu ihrem „~job~“ als Organist oder Prediger aufs Land hinauswollten, auch nur vor die Tür kam!

[Illustration: ~BOSTON~

~Ralph Waldo Emerson’s Haus in Concord (Mass.)~]

[Illustration: ~NIAGARAFÄLLE~

~Links: Der amerikanische Fall~

~Rechts: Der kanadische (Hufeisen-)Fall~]

Als guter deutscher Tourist zog ich trotzalledem nachmittags dicke feste Stiefel an, hing einen tüchtigen deutschen Lodenmantel um und stapfte nach Mount Auburn hinaus, besah mir die einzigartig schöne Winterlandschaft und arbeitete mich bei blendendem Sonnenschein vier Stunden durch den hohen weichen Schnee von Concord nach Belmont durch und fühlte mich bei dieser Wanderung wie in den Schwarzwald oder auf den hohen Westerwald versetzt. Ja, ich hatte Lust, in diesen Tagen nach Kanada zu reisen, wo der Winter meist noch dreimal so dick ist als in Neuengland, aber ich ließ glücklicherweise den Plan einstweilen wieder fallen, denn wer weiß, wo ich in Schnee und Eis stecken geblieben wäre ...

Am letzten Abend des Jahres hatte ich noch Gelegenheit, noch einen Weihnachtsunterhaltungsabend in einem „+~settlement-house~+“ in Boston mitzumachen. In den sogenannten „Settlements“ werden Knaben und Mädchen der ärmsten Viertel von sozialgesinnten Studenten zu Klubs, Spiel, Sport und Vorträgen gesammelt, um geistiges Leben in ihnen zu wecken, Sinn für Anstand, Sitte und charaktervolles Leben in ihnen zu pflegen, ja ihnen nach Möglichkeit alles das zu ersetzen, was sie in ihren elenden und traurigen Verhältnissen daheim entbehren müssen. Also eine Arbeit ähnlich der in den Hamburger Volksheimen, die sich die ~settlement~-Bewegung in England und Amerika in der Tat zum Vorbild genommen haben. Die ~settlement~-Arbeiter oder „Siedler“ wohnen meist -- ein großes Opfer ihres Lebens! -- selbst im Klubhaus mitten in der übelsten Umgebung (dem sogenannten „~slum~“), um daselbst als Salz und Licht ihrer Umgebung zu wirken. Reiche Freunde unterstützen die Arbeit und erstatten den Unterhalt der Siedlung. Nach einer feudalen Schlittenfahrt im „Franklinpark“ dinierten wir mit den feinen Damen der Bostoner Gesellschaft, soweit sie zum Vorstand des Settlements gehörten, und dann ging es -- ein mir nicht gerade angenehmer Kontrast! -- zu den Vorführungen des armen Jugendklubs. Die Knaben und Mädchen boten allerlei hübsche theatralische Aufführungen in niedlichen, selbstgefertigten Kostümen; zum anderen Teil unterhielt die Kinder ein professioneller Komiker, der sprechend allerlei Tiere und Maschinengeräusche nachzuahmen wußte und zuletzt noch als Bauchredner auftrat. Nicht endenwollender Beifall der Kinder lohnte ihn. Zum Schluß gab es das in Amerika immer unvermeidliche „~ice-cream~“ mit Cakes! Ein derber Junge konnte es sich aber nicht versagen -- der Komiker hatte es ihm wohl angetan! -- einem anderen eine Portion des schönen „~ice-cream~“ in den Nacken zu gießen. Mein Freund setzte ihn dafür flugs und energisch an die Luft. Meist waren es Kinder armer eingewanderter Italiener, Iren, Juden und Slawen.

So ging das alte Jahr für mich drüben zu Ende. Am Silvesterabend zündete ich noch einmal meine Kerzen auf dem Kaminsims an und machte schon Pläne zu meiner baldigen großen Fahrt durch die Union, die mich bis zum Stillen Ozean führen sollte ...

Fußnoten:

[Footnote 21: = Cambridge!]

Über den Niagara nach Chikago.

Aber wie zum Stillen Ozean gelangen? Ein reicher Allerweltsreiseonkel war ich ja nicht. Mein mir verliehenes amerikanisches Stipendium reichte kaum für das Studienjahr. Und einen wirklich einträglichen „~job~“ hatte ich nicht, seit jener „Freshman“ behauptete, mein Deutsch striche sein Professor als Fehler an! Da kam eine ernst-frohe Nachricht für mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Es bewahrheitete sich wieder einmal: Was dem einen sein Tod ist, ist dem andern sein Brot. Hatte ich hier in Amerika einem Onkel das Leben wiedergegeben, so starb derweilen mir eine liebe, gute, ferne Tante im Schwabenland, die mich einst als Tübinger Studenten freundlich beherbergt und an mir beifällig zu rühmen wußte, daß ich trotz all meiner ernsthaften Neigungen mit Recht „auch e bissele weltlich“ geblieben sei. Sie hatte mir nun -- dafür sei ihr im Grab noch gedankt! -- eine kleine Erbschaft hinterlassen, die zu einer Fahrt, wenn man es wohl einteilte, an den Stillen Ozean hin und her reichen mochte! So stand ich vor dem Entweder-Oder: Entweder das Geld zu den Wechslern zu tragen und dann mein Pfund einst mit Zinsen wieder heimzunehmen, oder es auf sehr ehrenwerte und anständige Weise hier im Lande Amerika durchzubringen, d. h. die Erbschaft in Geist und unwiedereinbringliche Erlebnisse zu verwandeln. Ich wählte das letztere und habe es noch nie bereut. Wer weiß, ob sie nicht sonst die Inflation verschlungen hätte. So beschloß ich, die Erbschaft zu „verreisen“. Ohne dich, liebe gute Tante, hätte ich wohl nie den Stillen Ozean und das Felsengebirge gesehen!

Nun fing ich alle Tage zu rechnen an, -- aber es wollte nicht recht reichen! Denn die Fahrkarte allein nach San Franzisko und zurück kostete wohl bald dreimal so viel wie die von Hamburg zur See nach Neuyork! Denn von Boston nach San Franzisko +und zurück+ ist ungefähr so weit wie von Berlin in gerader Linie bis nach Kapstadt oder beinahe bis nach Wladiwostock!! Ja, ich überlegte schon, ob es am Ende nicht gar gescheiter sei, von San Franzisko gleich über den Stillen Ozean, durch Japan und auf der sibirischen Bahn heimzufahren. Aber diese Route wäre noch um zwei Drittel Weg weiter gewesen. Freilich hätte ich dann einen „~trip round the world~“ vollendet und auch von dem Felsengebirge, dem Niagara und dem Grand Canyon erzählen können.

Mit diesen rechnerischen Gedanken gehe ich eines Tages durch die „Washingtonstreet“ in Boston und sehe in einem Reisebureau günstige Fahrgelegenheiten für Auswanderer nach Kalifornien in Gestalt von ermäßigten Rundreisescheinen „Chikago-Los Angeles-Frisko-Chikago“ aushängen -- zum halben Preis! Das war etwas für mich! Ich war ja nun zwar kein Auswanderer, aber vielleicht konnte auch ich ein solches Billett kriegen. Dazu kam noch die 20stündige Reise Boston-Chikago und wieder zurück. Aber die konnte allein auch kein Vermögen kosten. So war es. Ich behielt dabei immer noch die Hälfte meines Erbes für den Tagesunterhalt. Lebte ich recht sparsam, so mochte es wohl bis nach San Franzisko reichen. Wieviel konnte ich sehen, wenn ich so die ganze Union in ihrer vollen Breite +zweimal+ durchfuhr! Leuchtend stieg die große Reise vor meiner Phantasie auf! Fuhr ich öfters des Nachts, so blieben die Tage um so freier zu Besichtigungen. Vor meinem geistigen Auge tauchten schon die Niagarafälle, Chikago, die Indianerprärien, der Mississippi, das Felsengebirge, die Wüsten Arizonas und Nevadas, der Grand Cañon des Koloradoflusses, von dem ich schon geradezu faszinierende Bilder gesehen hatte, das paradiesische Kalifornien, der Pazifik, das vom Erdbeben zerstörte San Franzisko selbst, die Mormonenstadt, der Große Salzsee und wer weiß was alles auf! Ohne Zögern schritt ich tapfer in das Reisebureau hinein und erstand das preiswerte „Auswandererbillett“, einen richtigen übermeterlangen Fahrschein mit allen möglichen und unmöglichen Bahnstationen darauf und der Berechtigung auf etwa 12000 ~km~ Eisenbahnfahrt! Mein Herz hüpfte und zersprang fast vor Freuden: Einen ganzen Erdteil sollte ich zweimal durchfahren! Wie viele in der Welt kamen mir gleich? In Harvard staunten sie über meinen kühnen Entschluß. Denn es gab nicht viele Amerikaner in Neuengland, die schon einmal bis nach Kalifornien gekommen waren! Denn wer von uns Deutschen war am Kaukasus oder am oberen Nil?

Mittlerweile war es langsam Frühling geworden. Vom Eise und Schnee befreit waren Ströme und Bäche, als ich zur „Northstation“ in Boston hinausfuhr in Richtung „Buffalo“! Der weitgereiste Freund Moore hatte mir noch viele gute Ratschläge gegeben, Adressen und Reiserouten empfohlen, mein japanischer Freund Mr. Ashida hatte noch einmal in Boston mit mir zu Abend gegessen und gab mir das Geleit bis an den Zug, dann war ich allein, ganz allein und fuhr dem „wilden Westen“ zu! Beide Freunde konnten sich wohl am ehesten in meine Seelenverfassung hineinversetzen, der eine durch seine weiten Fahrten als Dolmetscher und Führer mit Cook bis nach Italien, Griechenland und Konstantinopel, der andere kannte selbst den weiten Weg von Japan über den Stillen Ozean, das Felsengebirge und die Mississippiebene nach Boston herüber ...

Als wir fuhren, schaute ich mich zunächst in dem fürstlich ausgestatteten Pullmannwagen um. Die Decke war wie in einem Salon. Plüsch auf den Sitzen, auf die man zum Ausruhen die Beine legte (soweit hatte ich mich auch schon amerikanisiert!). Hinter jedem Sitz brannte zum bequemen Lesen eine besondere Glühbirne. Der Zug war gar nicht besetzt. Wenige gelangweilte Zeitungsleser saßen auf einigen anderen Plätzen in den Ecken und ließen bald ihre „~papers~“ zu Boden gleiten, um selig zu entschlummern, Kaufleute, Geschäftsreisende, die gewiß wie oft schon diese Strecke gefahren waren. Was ahnten die, was in meiner Brust alles vorging und wie mir das Herz klopfte: „Nun hast du die große Fahrt an den Stillen Ozean angetreten ...!“ An der Tür stand, jedes Winks gewärtig, der Negerschaffner zur Bedienung. Ab und zu kam der „~trainboy~“ und bot seine Postkarten, ein Dollaralbum für einen halben Dollar an, Handschuhe, Süßigkeiten, Zeitschriften wie immer. Langweilig konnte es mir auch ohne ihn nicht werden. Mir war alles interessant, was ich sah; ich schaute gespannt hinaus, solange noch etwas von der Landschaft zu erkennen war ...

Langsam senkte sich die Abenddämmerung nieder. Es war ein Nachtzug. Wir fuhren durch historische Gefilde. Im Rauch der Großstadt und ihrem unübersehbaren Häusermeer versank der schöne Frühlingstag. Wir überquerten den Charles River und rasten zwischen dem langen straßenreichen Sommerville, mit seinen unzähligen freundlichblickenden weißgestrichenen Holzhäusern und ihren offenen Vorhallen und Veranden dahin. Über die Dächer grüßte Fort Prospect Hill mit seinen steinernen Zinnen und seinem wehenden Sternenbanner, ein stolzes Wahrzeichen aus dem Unabhängigkeitskrieg. Der hohe weiße Obelisk auf Bunker Hill, wo einst General Warren und Oberst Prescott vor anderthalbhundert Jahren sich so lange siegreich gegen die Engländer behauptet hatten, blieb zurück. Wir jagten an Arlington, den Arlington Heights und der Gegend von Concord in seiner poetischen Einsamkeit vorüber. Sie waren mir von meinen Fußreisen wohl bekannt. Im Rauch der Fabriken, Schiffe und Bahnen der Boston-Bucht war inzwischen die Sonne hinabgesunken ...

Wir waren über Bostons nächste Umgebung hinaus. Hügel, Wälder und Felder mit Obstbäumen, an denen sich schon das erste Grün hervorwagte, wechselten miteinander. Aber so rechten Mut, hervorzukommen, hatte das Grün an den Bäumen noch nicht. Denn wie oft bricht im April noch Sturm und Schnee aus Kanada über Knospen und Blüten herein, die ebenso schnell ein plötzlicher Sommer ablöst. Wie das Klima drüben die größten Gegensätze aufweist, so sind auch die Menschen voller Kontraste. Das hartwechselnde Klima hat sie rauh, aber auch energisch gemacht. Auch hier machte das Land, wie einst zwischen Neuyork und Boston, vielfach den Eindruck des Unfertigen. Wohlangebaute und wohlausgenutzte Felder in unserem Sinn sah man selten. Wälder wechselten mit öder Steppe. Hier und da tauchten Farmen auf, manchmal auch verlassene, wo die Ausbeute sich nicht mehr lohnte. Aber man muß gerecht bleiben: Was in Europa in einem Jahrtausend erreicht worden ist, dazu war ja hier nur ein Jahrhundert Zeit zu Besiedlung und Urbarmachung eines Kontinents! So sehen wir Europäer, die wir nur an kleine, wohlgeordnete Landschaften gewöhnt sind, wo jeder Fußbreit jemandem gehört und seit Urväterzeiten umgepflügt worden ist, leicht Unordnung, Schmutz, wüstliegendes Land, Steine, verkohlte Baumstämme, unrationell abgeholzte Wälder, an deren Wiederaufforstung man kaum denkt, und übersehen die vollbrachte Leistung. Hier lag eine Mühle und da eine Faktorei, dort eine einzelne Farm und drüben ein abgelegenes Landstädtchen. Der Zug hielt selten, kaum alle dreiviertel Stunden oder alle Stunden einmal, manchmal noch viel länger auch gar nicht ...

Wir fuhren mit etwa 50 Meilen Geschwindigkeit. Die Wagen sind so fest und gutfedernd gebaut, daß man selbst bei langen Fahrten kaum etwas vom Fahren merkt. Nur ein leichtes Rollen und ein leises Ächzen der Wände verrät es. Das ist alles. Die Stationen enthalten zum Teil allerlei Merkwürdiges. Namen: Amsterdam, Utica, Rome, Syrakuse, Genf, Batavia! Alle diese Orte liegen im Staate „Neuyork“! An wundervollen Gebirgsgegenden fuhren wir vorüber, Caatskill-Mountains und Berkshire hills. Ach wer da überall wandern, die Aussichten sehen oder dort ein Zelt für ein paar Wochen aufschlagen könnte! Aber dazu reichte meine Zeit lange nicht. Da wären noch Pumas, schwarze Bären, Wildkatzen, Rotwild, Füchse, Dachse, Adler, Wildenten, Reiher und Haselhühner zu erlegen! Es ist die Gegend, wo einst die Mohawkindianer und Irokesen dem vordringenden Trapper, der mühsam seinen schweren Karren mit seinen Tieren durch die Täler trieb, hemmte, überfiel und erschlug, was ihm der Weiße reichlich vergalt. Aber heute ist weder von Mohawks noch Irokesen etwas zu sehen ... Nur einförmige Rauchwolken lagen über dem Schienenstrang ...

Etwa um zehn Uhr fing der Schlafwagenschaffner, der Neger, in sehr großer Gemächlichkeit und Seelenruhe an, unseren D-Wagen (die keine Abteile haben, um etwaigen Überfällen leichter begegnen zu können!) in einen Schlafwagen zu verwandeln. In äußerst praktischer Weise werden dazu von oben und unten Betten heruntergeklappt und hervorgezogen, und es wird Raum zum Schlaf für 32 Passagiere! Große grüne Vorhänge werden vor die Betten gehängt, hinter denen man sich -- Männlein und Weiblein -- ungeniert entkleidet. Ich klomm wie in der Schiffskabine mittels einer kleinen Leiter wieder in eins der +oberen+ Betten empor. Denn man hat da viel mehr Raum zum Auskleiden, was einem oben sogar im Aufrechtsitzen gelingt. Unten dagegen geht es ohne Kopfanstoßen, vergebliches Hüpfen, Lupfen, Ziehen und Zerren nicht ab. Auch glaubte ich mich oben gegen etwaiges Bestohlenwerden im Schlafe sicherer. Die Wertsachen, Uhr und Scheckbuch, barg ich unter meinem Kopfkissen oder am Fenster ... und legte mich dann ruhig aufs Ohr schlafen.

Bald verrieten rings überall regelmäßige Atemzüge, daß die meisten schon entschlummert waren. Die Glühlampen waren bis auf wenige ausgelöscht ... Einsam rollte unser Zug aufwärts durch die Nacht. Nur hier und dort blinkte ein Lichtlein ... mit Dampf und Gekeuch ging es das Mohawktal hinauf. Mit ziemlicher Gewalt trommelte dabei die aus der schwer arbeitenden Lokomotive geschleuderte körnige Asche auf das Wagendach und ließ noch nicht so bald ruhigen Schlaf aufkommen ... Ich hörte, wie wir in der Hauptstadt des +Staates+ Neuyork, in Albany, hielten am oberen einzig schönen Hudson. Auch hier mußte ich es mir versagen, auszusteigen. Immerfort ging es in die Nacht hinaus! Wie verschieden die Menschen doch zu Zeiten gereist sind! Zu Fuß, zu Pferd, auf dem Esel, in der Sänfte, in der alten rumpelnden Postkutsche, auf dem Segel- und Dampfschiff, und nun im Schlafwagen oder im eigenen Ford-Auto. Es war schön, so ruhend und schlafend durch eine fremde Welt gerollt zu werden! Es war ein eigenartiges Bewußtsein für mich: Da draußen kennt dich kein Mensch, und du da drinnen kennst auch keinen! Wie anders reist der Spekulant, der Geschäftsmann, der Landaufkäufer, der Farmer, der Hochstapler, der Tourist, der Novellist, der Student! Wie schön, mit frohem Gewissen und geschwellter Brust und klopfendem Herzen zu reisen, immer neuer Eindrücke gewärtig ... Um Mitternacht fielen mir endlich doch die Augen zu ...

Als ich wieder erwachte, war es schon heller schöner Morgen. Ich hatte ganz gut eine Reihe von Stunden geschlafen. Nebel wallten im Mohawktal. Wir fuhren jetzt abwärts. Ringsum frühlinghaftes Land und Sonnenschein. Aber im Schlafwagen hatte sich eine recht stickige Luft gesammelt. Einige erhoben sich schon und wandelten mit struppigem Haar oder -- je nachdem -- in langen Zöpfen halb angekleidet zu den Waschräumen am Ende des Wagens, wo einer nach dem anderen recht ungeniert im fahrenden Zug Toilette machte, ähnlich den Polonäsen vor den ~bath-rooms~. Dörfer flogen währenddem draußen vorüber, aber meist wahllos, ordnungslos gebaut. Man sah Holzhäuser, nirgends Backsteinbauten. Auch die Schienen liefen über feste Holzbohlen. Was mußten hier die Wälder einmal alles hergegeben haben! Dürftige Holzgatter hielten das Vieh zusammen. Kleine Tümpel, Wäldchen; kleine äußerst einfache Holzkirchen mit goldenem Kreuz oder Knauf. Häßliche Reklameschilder an den Scheunen ...!

Wir näherten uns Buffalo am Lake Erie, einem jener großen Seen oder besser Binnenmeere, die unserer Ostsee gleichen. 440 Meilen, also etwa die Entfernung Frankfurt-Hamburg, hatte ich schon in der Nacht durchfahren. Gegen acht Uhr früh dampften wir langsam über eine Brücke, deren Einsturz bald erwartet wurde! Die Bahn ist versichert -- das genügte der Bahngesellschaft! Früher hat man Brücken über Schluchten zuweilen einfach auf gekappte Bäume gebaut, solange sie hielten ...

Ich war in der „Büffelstadt“, in der 1901 Präsident McKinley ermordet wurde. Viele Deutsche wohnen in ihr. Nicht ganz ausgeruht, aber froh der allmählich unerträglichen Luft des Schlafwagens entronnen zu sein, verließ ich den Pullmann und reckte die steifen Glieder ...

Buffalo machte auf den ersten Anblick einen etwas düsteren Eindruck. Ich entdeckte nichts Besonderes in ihm. Wer aus dem lärmenden Neuyork und dem gebildeten Boston mit seinem „~fascinating~“ Harvard College, wie mir eine alte weißhaarige Dame, die Mutter eines Privatdozenten in Harvard, begeistert rühmte, kommt, dem haben mittlere Großstädte, wie Buffalo, die reine Geschäftsstädte sind, nicht viel zu sagen.

Kühn kann man behaupten, man mag einen unversehens in eine Geschäftsstraße in Neuyork, Chikago, San Franzisko, Buffalo oder St. Louis stellen -- und er wird kaum zu sagen wissen, wo er sich befindet. Eine ungeheure Gleichförmigkeit liegt über allen amerikanischen Großstädten. Völlig gerade und geradlinig einander schneidende, oft für den Fußgänger schier endlose Straßen, gleich abgezirkelte Häuserblocks mit ihren Warenhäusern und Wolkenkratzern, deren wenigstens ein paar sich in jeder großen Stadt finden, machen jedes Stadtbild zum Schema. Man findet keine individuellen Straßennamen, das macht die Charakterlosigkeit des Städteeindrucks vollkommen. In der Mitte der Stadt liegt stets irgendwo die „City Hall“, das Rathaus, oder auf einer Anhöhe das Staatskapitol mit einer meist stattlichen Kuppel; dazu irgendwo ein größerer Park; in der Stadt selbst sind außer wenigen „Squares“ meist keine größeren öffentlichen Plätze vorhanden, die die Architektur der öffentlichen Gebäude zu voller Wirkung kommen ließen. Die Theater sehen von außen auch oft wenig imponierend aus und sind wie die meisten Kirchen in die Häuserfronten hineingebaut, damit das Riesenschachbrett der Häuserblocks ja nicht irgendeine malerische Unterbrechung erfährt. Fast in allen Hauptstraßen fahren wie bei uns elektrische Straßenbahnen, deren Wagen aber meist länger und schwerer sind als bei uns; irgendwo rasselt auch eine Hochbahn ohrenbetäubend auf ihren Eisengerüsten daher und nimmt das letzte Licht, das die Wolkenkratzer noch in den Straßen gelassen haben, hinweg, oder in unterirdischen Tunneln braust ein ~subway~, der hier und da wie ein geheimnisvoller Maulwurf seine Hügel in den Straßen in Gestalt kleiner gläserner Eintrittshallen zu den unterirdischen Stationen aufgeworfen hat. Zeitungsjungen laufen die Straßen entlang und schreien ihre ~papers~ aus, die in riesigen roten Lettern irgendeinen Streik, ein Schiffsunglück oder einen Mordprozeß ankündigen, meist mit viel Übertreibung. Sind irgendwo ein paar Arbeiter ausständig, so heißt es in der Zeitung „~big strike and riot~“. Ehescheidungsprozesse, Sensationen, Brände, Gesellschaften der Society-Leute, Gerichtsverhandlungen und Sportnachrichten nehmen fast allen Raum ein. Das Politische kommt oft recht zu kurz oder ist in kleine persönliche Geschichtchen zerstückelt. Automobile tuten an allen Ecken, Schutzleute mit Pfeifchen dirigieren den Verkehr an den Straßenkreuzungen. Das ist so der äußere Eindruck der amerikanischen Großstadt, auch Buffalos.