Chapter 7 of 27 · 3860 words · ~19 min read

Part 7

Des Nachmittags findet man aber auch die Redner, religiöse und politische, in den großen öffentlichen Parks am Werke. So erinnere ich mich eines Novembernachmittags in Boston. Der Common lag kalt und herbstlich mit seinen entlaubten Bäumen da. Das stolze Freiheitsmonument schaute über den grünen Rasen. Es bildeten sich einige Menschengruppen in dem Parke. Auf einer Bank stand ein Sozialist; dreißig, vierzig Arbeiter um ihn herum. Mit volkstümlich packenden Worten suchte er seine Hörer für die bald fälligen Staatswahlen in Massachusetts zu gewinnen. „~Higher conditions, better wages!~“[13] war seine Parole. Hier und da warf ihm einer der Umstehenden eine Frage dazwischen. Der Redner wußte immer witzig und treffend zu antworten. Ich ging zur nächsten Gruppe. Sie war kleiner. Ein Heilsarmeesoldat stand dort in der Mitte, vor Kälte waren ihm Hände und Nase rot. Er sang aus einem zerflederten Liederbuche den Umstehenden vor, einige Gleichgesinnte begleiteten ihn, und zwar eine alte verschrumpelte Negerfrau, drei bleiche Männer in armseliger Kleidung, ein hungriger, an einer ~sweetpotato~ (Süßkartoffel) kauender Junge und eine schwarzgekleidete feinere Dame, während ringsumher andere lachten, rauchten und schwatzten. Die frommen Sänger taten mir leid. Nun trat ein weißhaariger Herr auf und erzählte von seiner „Bekehrung“ und seinem erfahrenen seelischen Glück. Man lauschte. Die Heilsarmeeleute bekräftigten seine Worte ständig mit „Amen“ und „Hallelujah“! Nach einem weiteren dünngesungenen Liede trat ein dritter, bleicher, untersetzter Mann auf und hielt die zweite geistliche Ansprache. Das Publikum, das sich angesammelt hatte, wandte sich zum Teil schon wieder zum Gehen. Aber der kleine Bleiche schrie unentwegt aus Leibeskräften: „Das Geld macht nicht selig; die Rockefeller und Vanderbilt fahren alle zur Hölle, wenn sie sich nicht bekehren.“ Seine Augen funkelten dabei, aber man nahm ihn nicht ernst. Als er geendet hatte, knieten die Heilsarmeeleute -- ein peinlicher Anblick -- vor den Umstehenden nieder und beteten laut für das Seelenheil aller Anwesenden, der Soldat mit dem zerflederten Liederbuch, das alte verschrumpelte Negerweib, der hungrige kauende Junge, die feine schwarze Dame, der weißhaarige geistliche Redner und die drei bleichen arbeitslosen Männer. Unwillig wandten sich die letzten weg; einige junge Burschen aber warfen sogar von hinten ihre ausgerauchten Zigarettenstummel auf die Betenden! Nur zwei Damen traten heran und drückten den vom Gebet Aufstehenden dankbar und anerkennend die Hand und beteiligten sich an dem Schlußgesang. Ich ging fort. So geht es der Religion auf der Straße. Mehr Achtung und Anerkennung verdient schon das soziale Wirken der Heilsarmee.

[Illustration: ~BOSTON~

~Washington-Street -- Old South Church~]

[Illustration: ~BOSTON~

~Regierungspalast (State house)~]

Es war schwer, am Sonntag um Mittag eine „~dairy~“ oder einen geöffneten „~lunchroom~“ zur Erquickung zu entdecken. In den Familien saß man jetzt am offenen Kaminfeuer beim traulichen Mittagstisch. Und als ich gar am Nachmittag den Versuch machte, in Ermangelung von Fußwegen auf der Landstraße einen Nachmittagsspaziergang aufs Land hinaus zu unternehmen, überschütteten mich die Autos dermaßen mit Straßenstaub, daß ich grau und weiß wie ein Müllerbursche mit meinen guten dunklen Sonntagskleidern wieder heimkam! Einmal, sagte ich mir, und nie wieder! Für was mich wohl die Insassen der Autos gehalten haben mögen? Gewiß für einen „armen dummen Deutschen“!

Boston mit seinen mancherlei geistigen und philosophisch-religiösen Bewegungen ist auch der Ursprung für die in der Welt so viel von sich reden machende Christian Science (christliche Wissenschaft), die am schnellsten von allen Sekten gewachsen ist. So war ich denn gespannt, auch sie in ihrer Heimat und am Orte ihrer Entstehung kennenzulernen. An einem der nächsten Sonntage besuchte ich ihren „Tempel“. Er ist unstreitig eine der schönsten und großartigsten Kirchengebäude in Amerika. Im Unterschied von den meisten anderen Kirchen ist es eine mächtige, imponierende, etwas an den Berliner Dom erinnernde Kuppelkirche im Barockstil, die an 3000-4000 Menschen faßt. Weißer Marmor verleiht dem Innern großartige Feierlichkeit. Dreifache balkonartige Galerien, wie wir sie in unseren Opern gewöhnt sind, laufen an drei Seiten der Rundung um. Die vierte Seite wird von einer gewaltigen Orgel eingenommen, deren Marmorseiten in mächtigen Lettern an der einen die Bibelstelle von dem Geist als dem Tröster und an der anderen ein entsprechendes Wort der Gründerin der Sekte tragen. Christus und die Gründerin der Sekte, Mrs. Mary Baker-Eddy, stehen in gleichem kanonischen Ansehen, so wie aus der Bibel und dem von ihr herausgegebenen „Textbuch“ stets unmittelbar neben- und nacheinander im Gottesdienst vorgelesen wird.

Bereits einige Zeit vor Beginn füllte sich die mächtige Halle. Im ganzen vorherrschend „die oberen Zehntausend“. Zylinderhut und rauschende Seidentoiletten herrschten durchaus vor. Draußen fuhr ununterbrochen ein Auto nach dem anderen und eine Equipage nach der anderen vor, wie vor kaum einer anderen Kirche der Vornehmen. Als schüchterner Fußgänger ging ich zwischen den Parfümduftenden und Glacébehandschuhten auch hinein. In geräumigen Wandelhallen war Gelegenheit, unentgeltlich wie im Konzertsaal oder im Theater die Garderobe abzulegen. Innen führten feingekleidete Herren mit der wie überall obligaten weißen Nelke im Knopfloch die Besucher zu den mit bequemen Polstern belegten Sitzreihen. (Merkwürdig, daß man ausgerechnet in den freien Kirchen des freien Amerika nirgends sich seinen Sitzplatz selbst wählen darf!) Ich kam so links von einem der Mittelgänge halbwegs nach vorn zu sitzen, von wo ich alles sehr gut übersehen und hören konnte. Während die Orgel machtvoll einsetzte, schritten der erste und zweite Vorleser, ein Herr und eine Dame (!) die goldgeschnittenen Bücher (Bibel und „Textbuch“) feierlich unter dem Arm, zu ihren Predigersesseln im Angesicht der Gemeinde auf einer sehr geräumigen erhöhten Marmorbühne unter der Orgel. Auch eine Sängerin in großer Toilette mit prachtvollem Blumenbukett in der Hand nahm dort Platz. Die Feier begann dann mit gemeinsamem Gesang aus dem eigenen Liederbuch der Christian Science, zu dem auch Mrs. Eddy selbst eine Anzahl Gesänge beigesteuert hat. Dem gemeinsamen Gesange folgte, wie überall, gemeinsames Gebet, dem sich das gemeinsam gesprochene Vaterunser +in szientistischer Umbildung+ anschloß. Dieselbe lautet in deutscher Übersetzung folgendermaßen:

„Unser Vater-Mutter Gott, +allharmonisch+ Und allein anbetungswürdig, Dein Reich ist gekommen, Gott ist allgegenwärtig und allmächtig. Mach uns fähig zu erkennen -- wie im Himmel so auf Erden: Gott ist alles in allem! Gib uns auch heute deine +Gnade+, zu nähren die hungernden Triebe. Und göttliche Liebe strahlt zurück in Liebe. Und Liebe läßt uns nicht in Versuchung sondern befreit uns vom +Übel+: +Sünde, Krankheit und Tod+. +Denn Gott ist alle Substanz der Welt+, Verstand, Leben, Wahrheit und Liebe.“

Ich setze dies Gebet hierher, weil aus ihm recht deutlich die Grundanschauungen der Christian Science erkennbar sind. Der Schwerpunkt liegt in dem Schluß: Weil Gottes geistiges und vollkommenes Wesen alles in allem ist, die alleserfüllende Weltsubstanz, so ist Sünde, Krankheit und Tod nur +Schein+. Wer mit Gottes Liebe verbunden ist, wird von allen Übeln +wirklich befreit+. So legen die Szientisten auch in der Betrachtung des Lebens Christi weit größeren Nachdruck auf seine +Heilungen+ als auf seine +Verkündigung+, z. B. Worte wie Matth. 10, 8: „Machet die Kranken gesund, reiniget die Aussätzigen, wecket die Toten auf, treibet die Teufel aus“ sind für sie geradezu ausschlaggebend. Aber merkwürdig halten sie es nicht mit der unmittelbaren Fortsetzung: „Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebet es auch. Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euren Gürteln haben.“ Wie man hört, lassen sich die Heiler ihre Kunst gut bezahlen, auch das „Textbuch“ ist recht teuer! Von der Allmacht des geistigen Prinzips in der Welt und im Menschen wird alles Heil, vor allem auch die körperliche Heilung von allen Leiden ohne Anwendung medizinischer Mittel erwartet. Darin ähnelt die Christian Science den in jüngster Zeit in Amerika zahlreich erwachsenen Bewegungen der sog. „~mind-cure~“ (Gemütskur), deren auch in Deutschland bekanntester Prophet Ralph Waldo Trine ist. Nach der wechselweisen Vorlesung aus Bibel und „Textbuch“ erhob sich die Sängerin in großer Toilette und sang mit mächtiger Stimme, von den Tausenden bestaunt, in den weiten Dom hinein. Darauf kam, wie überall, die „Predigt“, die aber nicht aus der freien Rede eines religiösen Redners über ein selbstgewähltes Thema, sondern wiederum nur aus einer etwa halbstündigen, auf den Fremden und Nichtgläubigen eintönig wirkenden Vorlesung aus Bibel und „Textbuch“, Vorlesungen, die für alle szientistischen Gemeinden der Welt autoritativ ausgewählt sind, bestand. Sie sollen der Höhepunkt der Versenkung in das alles Übel heilende geistige Weltprinzip sein. Die Lektionen sind nach Themen geordnet und werden quartalweise im voraus publiziert, z. B. 1. „Nichtwirklichkeit“. 2. „Sind Sünde, Krankheit, Tod wirklich?“ 3. „Die Lehre von der Versöhnung“. 4. „Ewige Verdammnis?“ 5. „Adam und der gefallene Mensch“. 6. „Die Prüfung nach dem Tode“. 7. „Sterbliche und Unsterbliche“. 8. „Seele und Leib“. 9. „Gott, die einzige Ursache und der alleinige Schöpfer“. 10. „Ist das All atomistisch entstanden?“ usw. Alle diese Themen spiegeln eine durchaus optimistische und idealistisch-religiöse Weltanschauung. Nach dieser „Predigt“ wurde auch hier die Kollekte gesammelt. Schweigend wurden die offenen Teller durch die Reihen gereicht, und ganze Bündel von Dollarscheinen sah ich darauf niedergelegt! Dann strebten die Tellerträger mit ihnen zur Marmorbühne, wo sie als „Opfer“ niedergesetzt wurden. Nach den Schlußworten geriet die ganze große vornehme Menge wieder in Bewegung, die Galerien leerten sich, die Treppen und Wandelhallen füllten sich; aus den Sonntagsschulsälen strömten die jungen Leute. Draußen tuteten die Automobile, und feine Equipagen fuhren mit Pferdegetrappel wieder die Asphaltstraßen davon. Und das Sonntag für Sonntag mit erstaunlicher Anziehungskraft!

Neben dieser Sonntagsfeier im Christian-Science-Tempel finden jeden Mittwoch Abend sog. „~test-meetings~“ (Zeugnisversammlungen) statt, in denen anstatt der Vorlesungen Gelegenheit zu offener Aussprache über +erfahrene Heilungen+ gegeben wird. Schon in Neuyork hatte ich eine solche Zeugnisversammlung besucht. Es war ein strahlend erleuchteter prunkvoller Kirchensaal, der viele Hunderte faßte und bis auf den letzten Platz gefüllt war, wiederum im besten Teil der Stadt gelegen und von vornehmsten Kreisen besucht. Gesang, Gebet und Vorlesung eröffneten auch hier den Abend. Dann folgten die „~tests~“, auf die ich besonders gespannt war. Zuerst erstaunte mich der Freimut der Damen, mit dem sie hier zumeist -- wie überhaupt auch sonst im amerikanischen Leben -- das große Wort führten, ohne Zögern aufstanden und einige Minuten fließend und überzeugend vor Hunderten von ihren Erfahrungen sprachen, etwa zehn bis zwanzig Personen. Solche „Zeugnisse“ von erlebten Heilungen ohne Anwendung medizinischer Mittel, nur durch Glaube und Gebet, wie sie hier gegeben wurden, können in jeder Nummer des Christian-Science-Journals nachgelesen werden. Viel eindrucksvoller ist natürlich ihre +persönliche+ Wiedergabe in +öffentlicher+ Versammlung. Der Nachdruck lag, wie ich feststellen konnte, bei den meisten auf geheilten Gemütsstörungen und nervösen Leiden, über die schon unser alter weiser Kant geschrieben hat: „Von der Macht des Gemüts, seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden“[14]. Aber immer wird auch von der Besserung und Heilung +akuter+ und +organischer Leiden+ erzählt! Für reine Illusionen tritt gewiß niemand öffentlich auf, mag auch noch soviel Suggestion und Selbsttäuschung manchmal dabei die Hand im Spiele haben. In diesen persönlichen Zeugnissen liegt jedenfalls eine ungewöhnliche Werbekraft. Freilich sind auch Fälle erwiesen -- mir ist selbst ein solcher persönlich bekannt --, wo das überspannte Verschmähen der berufsärztlichen Kunst den Tod herbeigeführt oder mindestens beschleunigt hat. Da der Mensch von genug Krankheiten und Übeln geplagt ist, die Gesundheit jedem über alles geht und schon mancher auch umsonst viel Geld zum Doktor und in die Apotheke getragen hat, so wirkt begreiflicherweise diese Verheißung von geistiger Heilung wie ein unübertroffenes Evangelium. Zweifellos sind auch Erfolge da. Besonders bemerkenswert war mir, in wie vielen „~tests~“ betont wurde, daß die Sprecher erst durch die Christian Science auch ein neues +inneres+ Glück, echte Lebensfreude, ja Kraft, Daseinslust und eine neue inhaltvolle Lebensansicht gewonnen hätten. Das sind gewiß noch die echtesten Zeugnisse früher religiös unbefriedigter oder unangeregter Menschen. Viele suchten hier Heilung des Körpers und fanden Frieden der Seele. Mit solchen Zeugnissen und Erfolgen glaubt die Christian Science ihre spezielle Lehre gleichsam experimentell bewiesen zu haben. Darum ist nach ihrer Ansicht allein ihre religiöse Lehre „Wissenschaft“ (+science+). Krankheit, Sünde und Tod sind Irrtum und Schein. Aber hat sie schon je vom Tode geheilt? Ist nicht auch die hochbetagte Gründerin Mrs. Eddy schließlich gestorben? Merkwürdigerweise hat die Sekte den Tod der Stifterin leicht überstanden. So zählt sie heute etwa 1200 Gemeinden in Nordamerika, England und Deutschland. Das „Textbuch“ hat seit seinem Erscheinen im Jahre 1875 an die 200000 +Auflagen+ (!) erlebt. Die Gemeinden sind straff organisiert und zentralisiert. Bis zu ihrem Tode hatte die gewandte und energische Mrs. Eddy alle Zügel allein in der Hand. Sie ist die Verfasserin des nicht allzu geistvollen „Textbuches“; ein amerikanischer Geistlicher namens Quimby hat es entscheidend redigiert. Es ist etwa so umfangreich wie ein Neues Testament. Seine Ausführungen wiederholen sich endlos. Die Kapitelüberschriften (es ist nur in englischer Ausgabe vorhanden!) lauten in Übersetzung: 1. Wissenschaft, Theologie und Medizin; 2. Physiologie; 3. Fußstapfen der Wahrheit; 4. Schöpfung; 5. Wissenschaft des Seins; 6. Christian Science und der Spiritualismus; 7. Ehe; 8. Tierischer Magnetismus; 9. Beantwortung einiger Einwürfe; 10. Gebet; 11. Versöhnung und Abendmahl; 12. Christian-Science-Praxis; 13. Das Lehren der Christian Science; 14. Zusammenfassung. Anhangsweise folgt noch ein „Schlüssel zur hl. Schrift“, d. h. bezeichnenderweise nur zu dem mystisch-mythologisch erklärten +ersten+ und +letzten+ Buch der Bibel!

So ist der Amerikaner zwar äußerlich kirchlich in eine Unzahl von Kirchengemeinschaften und Sekten geschieden, aber praktisch in den Lebenszielen unendlich viel einheitlicher. Mögen sie Baptisten, Methodisten, Hochkirchliche, Heilsarmee, Quäker oder Presbyterianer heißen, sie wollen alle +dasselbe sittlich-geistige Ideal+ in das amerikanische Volk pflanzen. Sie predigen weder Dogmen noch ethische Prinzipien, sondern gründeten lieber Liga auf Liga zur Bekämpfung +sozialen+ Elends oder der Trunksucht, zur Förderung der Sonntagsheiligung, der Ausbildung der Masse, der Ausbreitung der Sonntagsschulen, der Einbürgerung der Fremdlinge aus dem fernsten Osten ins amerikanische Volk, der Ausbreitung der Mission nach Afrika, China und Japan u. ä. Und zwar genügen dem Amerikaner dabei nicht Vereine mit wohlausgedachten Statuten und einem Häuflein Mitglieder, sondern jedesmal muß es ein „~movement~“ werden, eine Bewegung, die riesenschnell wächst, gleich den Wolkenkratzern ihr Haupt gigantisch in die Höhe reckt und binnen kurzem Millionen Dollars an freiwilligen Spenden flüssig macht. Die Tätigkeit der Gemeinden und Geistlichen ist daher vielfach maßlos. Jeder Tag ist erfüllt mit Geselligkeiten, Vereinigungen, Zusammenkünften und Klubs aller möglichen Altersgruppen. Man ist immer tätig und immer beschäftigt, um des Sonntags auch desto strenger zu feiern und zu ruhen. Über die Möglichkeit der Durchführung solcher Bestrebungen wird auch nicht lange gegrübelt, sondern frisch +probiert+. Glückt es, so ist die Sache „gut“ und in ihrer Wahrheit „erwiesen“. Das und nichts anderes ist zugleich der Kern der modernen, so echt amerikanischen Philosophie des „Pragmatismus“. Freilich ist die Kehrseite dieser Art eine Verschwendung von Kräften. Jeder kann eine Kirche bauen und eine Gemeinde gründen und einen Pastor berufen. Es kann vorkommen, daß ein Städtchen von 1700 Einwohnern sage und schreibe neun(!) verschiedene Gemeinden beherbergt und ernährt, daß an allen vier Straßenecken je eine Kirche einer anderen Denomination steht, so daß schon 50-100 Familien eine „Gemeinde“ bilden und zu ihrer Erhaltung unendliche Opfer bringen müssen, aber auch bringen. Dafür sind sie aber auch Sonntags womöglich zweimal in „+ihrer+“ Kirche. Die Konkurrenz blüht, stachelt, treibt vorwärts und zerreibt zugleich. Der Staat ist nicht berechtigt, irgend jemand nach seinem religiösen Bekenntnis zu fragen. Die öffentliche Statistik ist auf die Angaben der Kirchen selber angewiesen, obwohl auch kein Kongreß oder Senat ohne Gebet eröffnet wird. Ein Spötter könnte kein wichtiges öffentliches Amt bekleiden, so wenig wie in England.

So rastlos der Amerikaner arbeitet und Geschäfte treibt, so ernst nimmt er es mit seiner Religion. Die Opferwilligkeit ist erstaunlich groß, die Unzahl der Kirchen, Gemeinden und Pastoren kostet viel Geld, wenn die Kirchen auch meist kleiner und schlichter gebaut sind als die unseren, und der Missionseifer auch unter den Gebildeten ist gleich groß wie auch in England. Nichts wäre unrechter, als einfach von amerikanisch-religiöser „Heuchelei“ zu sprechen, jedenfalls ganz unrecht von +bewußter+ Heuchelei. Die Moral des Geschäfts und der Frömmigkeit gehen in der anglo-amerikanischen Welt nebeneinander her und ineinander über. Der Anglo-Amerikaner empfindet nicht die Schwierigkeiten, die für uns hier verborgen liegen. Er theoretisiert nicht, wie wir es tun. Er ist praktischer Geschäftsmann und ebenso praktisch tätig in seiner Religion.

Hier können wir uns gegenseitig um unserer verschiedenen Wesensart willen schwer verstehen. Ebenso wie uns die allzu rastlose Betriebsamkeit und Überemsigkeit auf kirchlichem Gebiete schließlich auf die Nerven fällt und uns zur Stille und Keuschheit wahrer Frömmigkeit schlecht zu passen scheint, ist das Drängen auf praktisches kirchlich-religiöses Handeln doch auch vorbildlich; und doch mögen wir es nicht etwa für den Preis tiefgründigen deutschen Weltanschauungsdenkens erkaufen. Daß die Kirche auf sozialem Gebiet oft viel lauter als bisher bei uns in der Öffentlichkeit ihre Stimme hätte erheben sollen, könnten wir von drüben lernen.

So ist es nicht ganz leicht, ein Wort über das innerste Wesen amerikanischer und deutscher Frömmigkeit zu sagen. Der Amerikaner ist froher, heller, tatenreicher. Ist er weniger ernst? Der Erweckungsversammlungen und Gebetsallianzen sind viele, Missionsstudium und Bibelkurse blühen. Und doch will es manchmal scheinen, als reiche amerikanisch-englische Frömmigkeit nicht an den tiefer gehaltenen Ernst derjenigen eines Martin Luther heran. Das Wesen der Frömmigkeit ist schwer zu erlauschen. Die amerikanischen kirchlichen Lieder sind frisch und heiter auch in der Melodie. Aber die ernstesten Gedanken werden dadurch leicht auch zu Spiel und religiöser Unterhaltung. Wie ich es einmal fand, daß man die Choräle mit Händeklatschen begleitete! Das Gemisch von religiöser Erbauung und Geselligkeit im Kirchenleben hat seine Gefahren. Religion gedeiht doch besser in alten Domen und ehrwürdigen gotischen Kirchen als bei Limonade, Schwimmbassins, Turnhallen, Empfangsräumen, Salons u. dgl. Die stets freien Gebete wirken leicht unkeusch; der Bekehrungseifer stößt ab, die Predigten sind oft zu sehr effekthaschend, wenn jedes größere Sportfest u. a. auch sofort seine Resonanz in der Predigt findet. -- -- --

Ende November stand mir in Boston ein weiteres wichtiges geistiges Erlebnis bevor. Der bekannte und große +Neger+führer Booker T. Washington, der noch lebte, sollte in Boston sprechen. Den mußte ich natürlich sehen und hören. Mit den gedrückten und ausgestoßenen Negern hatte ich gleich bei meiner Ankunft in Hoboken Sympathie empfunden. Diese geheime Freundschaft wollte ich ihnen auch bewahren.

Um acht Uhr abends sollte die Versammlung -- bezeichnend! -- in New Old South +Church+ beginnen. Als ich um sieben Uhr auf dem Copley Square ankam, war die weite Kirche schon gefüllt. Ganz hinten erwischte ich gerade noch ein Stehplätzchen. Als die Versammlung begann, geleiteten der Rektor der Kirche D. Gordon und Präsident Lowell von der Harvard-Universität den großen Negerführer auf das Podium. Präsident Lowell -- eine hohe Auszeichnung für den Negerredner -- führte Mr. B. T. Washington, einen breitschulterigen, etwas ergrauten gelblichdunkeln älteren Neger mit einem breiten untersetzten Kopf, der üblichen unschönen Nase und den wulstigen Lippen, mit den Worten ein: „Der große Erzieher, Rasseführer und Bürger!“ Echt amerikanisch! Einst war der bedeutende Mann im Winkel geboren als Sohn eines unbekannten weißen Mannes und einer verführten Negersklavin, Sklave unter Sklaven, nun war er Führer einer ganzen Rasse, Volksbildner, Redner und Schriftsteller, um den das ganze amerikanische Volk sich drängte, wenn er sprach. Ich konnte gerade zwischen zwei riesigen Damenhüten, deren Träger sich mit mir Schulter an Schulter hineingeschoben hatten, noch auf Booker T. Washington hindurchsehen, wenn ich mich auf die Zehen stellte. Rings um mich Kopf an Kopf, meist Weiße, aber auch Schwarze, die nicht in allen Kirchen bei den Weißen gelitten sind. Hinter mir stand noch weiter Mann an Mann bis auf die Straße hinaus.

Atemlose Stille herrschte, als B. T. Washington mit etwas heiserer, aber starker Stimme begann, mit seinem trockenen Humor ein Redner von Gottes Gnaden. Eine volle Stunde verbreitete er sich über die Erfolge des von ihm geleiteten Negerbildungsinstitutes in Tuskegee, seiner eigensten Schöpfung, die 1500 Studenten unter 167 „Instruktoren“ (Lehrern) zählt. Während er, der Neger, zu dem weißen gebildeten Publikum der besterzogenen Stadt der Union redete, sprach seine ganze Lebensgeschichte unbewußt mit, und die Zukunft einer ganzen Rasse schien wie eine Siegeswolke um ihn zu lagern.

Der Sklave.

Sie setzten den Sklaven in Freiheit, Streiften seine Ketten ab ... Da war er noch ebenso sklavisch wie vorher.

Er war noch gekettet an Kriecherei, Er war noch gefesselt an Unwissenheit und Faulheit, Er war noch gebunden an Furcht und Aberglaube, Durch Dummheit, Mißtrauen und Wildheit ... Seine Sklaverei lag nicht in den Ketten, War in ihm selbst ...

Man kann nur Freie in Freiheit setzen ... Und das ist nicht nötig: Freie Menschen machen sich selber frei.

James Oppenheim.

Aus „Neue Welt“. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag, Berlin 1921, S. 50.

Einige Tage zuvor hatte ich B. T. Washingtons „Autobiographie“ und sein Buch über die „Zukunft des amerikanischen Negers“ gelesen und war voll Bewunderung und Enthusiasmus. Jetzt, da ich ihn selbst sah, tauchten alle die anschaulichen Bilder wieder empor, die er gezeichnet hat. Welches Elend hatte ihn doch noch in seiner Jugend in der Sklavenhütte umgeben, welche harte Arbeit nach der Sklavenfreiheitsproklamation in der Salzmine und der Kohlenzeche. Und wie hatte er sich ergreifend danach gesehnt, eine Schule besuchen zu dürfen! Welch ein Reichtum dünkte ihm die erste Mütze, die ihm seine Mutter aus einigen Fetzen zusammennähte, oder das erste Büchergestell, das er sich aus einer Kiste zimmerte! Und als er als kleiner Junge ein neues Hemd bekam, trug es sein älterer Bruder für ihn erst eine Zeitlang, denn es war aus so grobem Stoff, daß es seine zarte Haut wund gerieben hätte. Und als er sich dann nach Jahren mit 50 Cents in der Tasche aufmachte, nach Hampton zu gehen und die von General Armstrong geleitete Negerschule zu besuchen, und auf der Straße schlafen mußte, weil das Hotel ihn als Schwarzen nicht aufnahm, Schiffe ausladen half, um sich ein Frühstück zu verdienen, und sein Schulgeld im Institut damit verdiente, daß er Kohlen trug und die Zimmer fegte, in den Ferien seinen Mantel verkaufte, um sich das Reisegeld nach Hause zu verschaffen und seine Mutter wiederzusehen, da begann langsam die Zeit seines Emporsteigens zu dämmern. General Armstrong schätzte ihn bald sehr hoch und empfahl ihn nach seinen Prüfungen als Lehrer an eine Negerschule und dann später das Negerinstitut in Tuskegee selbst einzurichten, eine Art technische Hochschule für Farbige.

Inzwischen hatte Booker T. Washington seine Ideen zu entfalten begonnen. Nur ein Wunsch beseelte ihn, seiner Rasse aufzuhelfen. Die Tage der Sklaverei wären vergangen, die Freiheit sei da. Die Freiheit aber stelle ungeahnte Aufgaben. Viele Neger betrachteten die Freiheit nur als Erlaubnis zu tun, was sie wollten. Andere suchten es sofort den Weißen in Wissenschaft und Technik gleichzutun, was meist mißlänge. Die meisten seien nach dem Norden ausgewandert und suchten sich eine einträgliche Stellung als Kellner, Portier, Chauffeur, Straßenkehrer oder niederer Arbeiter und Handwerker zu verschaffen. Was sollte geschehen? Booker T. Washington faßte den klugen und volksphilosophisch richtigen Gedanken: Unsere Rasse ist jung und unentwickelt, mittellos und wenig geachtet trotz ihrer Freiheit. Sie muß sich ihre Achtung erst verdienen, sie muß sich ihre materielle Unabhängigkeit dadurch erkämpfen, daß sie sich Eigentum und Handfertigkeit erwirbt, die den Weißen in ihre relative Abhängigkeit bringt, m. a. W. sie muß anfangen, den Weißen im Handwerk und in den technischen Berufen zu überflügeln. Der Neger solle den Weißen nicht nur in der Krawatte und dem Schnitt des Anzuges, den gelben Schuhen und dem steifen Kragen nachahmen, sondern in seiner Tüchtigkeit. Washingtons Absehen ging deshalb allein darauf, den Neger technisch zu trainieren und ihn in den Stand zu setzen, sich vor allem eine ökonomisch und politisch geachtete Stellung zu erwerben. Nie ist Washington -- ein besonders schöner Zug -- ein Wort der Anklage gegen den Weißen entflohen, der lange genug den Schwarzen als Sklaven auf seinen Pflanzungen in den elendesten, aller Kultur und Bildung baren Verhältnissen gelassen hat. Er wollte allein seine Rasse aufrufen, ihre Zukunft in ihre Hand zu nehmen, um sich Achtung und Geltung selbst in der Welt zu erobern.