Part 2
Ich fuhr durch das freundliche hessische Land, wie schon so manches Mal. Die so malerisch gelegene hessische Universitätsstadt Marburg grüßte mit ihrem alten Landgrafenschloß und der feinen Kirche der heiligen Elisabeth mich noch einmal als Marburger. Dort oben bei der hohen Pfarrkirche hatte ich in aussichtsreicher Studentenbude gewohnt. Da drüben hatten wir in den alten gotischen Kreuzgewölben zu Füßen unsrer akademischen Lehrer gesessen, und hier oben am Waldsaum waren wir gar manchmal zum Kaffee zum „Hansenhaus“ hinaufgestiegen. Vor Kassel türmte sich hoch oben auf dem Habichtswald der mächtige Herkules über Schloß Wilhelmshöhe ... In Göttingen kreuzte uns der Gegenzug. Ich kannte die Strecke. Als neunjähriger Junge war ich sie zum erstenmal gefahren, als es zur Hochzeit ins große Hamburg ging. Es war damals ein Freitag, weiß ich noch. Sonntags sollte Hochzeit sein. Und am Sonnabend entgleiste derselbe Zug, mit dem wir tags zuvor fuhren, in der Lüneburger Heide, da ein von einem Güterzug gefallener Querbaum die Geleise verbogen hatte. Ein Freitag soll ja immer ein Glückstag oder ein Unglückstag sein. Und mich hatte es nicht getroffen. Diesmal rasten wir ohne Unfall durch die Lüneburger Heide. Sand, Kiefern, Moore ... Blauäugige, blondhaarige Menschen und rotgedeckte Ziegelhäuser flogen an uns vorüber. Dann donnerten wir über die großen Harburger Elbbrücken. In Rauch und Dunst lag Hamburg da. Hoch überragte der schlanke gotische Turm der Nikolaikirche die mächtige Stadt. Links fauchten auf der breiten Elbe die Ostafrikadampfer der Woermann- und der Levantelinie. Ich stellte mir im stillen ihre Maße vor und wünschte mir unser Schiff noch etwas größer. Alles rauchte, fauchte und tutete, die Sirenen heulten. Kleine Boote und Dampfer schossen hin und her ...
Der Hafen war ein Gewirre von Masten und Schornsteinen, großen und kleinen Booten, Ozeandampfern und Elbschiffen, Schleppern und Passagierdampfern. An dem langen Uferkai Lagerhäuser an Lagerhäuser, Brücken, Krane, Kraftwagen ... Welch mächtiger Verkehr! Dann waren wir in die riesige Halle des neuen Hamburger Hauptbahnhofes eingefahren. Nun gab es kein Zurück mehr. In zwei Tagen ging es über den Atlantischen Ozean ...
Die Abreise.
Wer bei uns einen Vorschmack vom Weltverkehr haben und Luft von Übersee einmal in die Nase ziehen will, muß wenigstens ein paar Stunden in Hamburg herumlaufen ...
Ich trat aus dem Hauptbahnhof und nahm zuerst meinen Weg über die breite Lombardbrücke, die die Innen- von der Außenalster scheidet. Immer aufs neue von hier war der Blick prächtig über die weite von flinken Dampferchen belebte schimmernde Seefläche. Was wäre Hamburg ohne seine Alster und ohne seinen „Jungfernstieg“, die Promenade der feinen Welt an dem kleineren Becken der Innenalster, mit seinen kostbaren Läden und „fashionablen“ Cafés!
Ich suchte mir zunächst Quartier, freilich nicht in einem der großen internationalen Hotels, sondern in einem bescheidenen, sauberen Heim, wo ich mit Stewards, Kellnern aller Art und allerlei anständigen jungen Seeleuten zusammentraf. Es war alles im Hause sauber und gut ...
Ich setzte mich des Abends zu den andern Gästen an den Tisch und ließ mir von ihren Reisen erzählen, von Quebek und Brasilien, von Petersburg und Neuyork! Wo die schon alles in ihren jungen Jahren in der Welt herumgekommen waren! Sie erzählten vom Leben an Bord, von hartem Dienst, von Scherz und Spiel, von Sturm und heiterer Fahrt, von seekranken Damen und trinkgeldgeizigen Herren, von ordentlichen und unordentlichen Kameraden, die ihren Lohn drüben in wenigen Stunden verliedert und verludert hatten, die mit keinem Cent in der Tasche wieder an Bord gingen, ja ihre Uhr als letzten Besitz noch als Pfand dalassen mußten. Zum Schluß setzte sich einer von ihnen ans Klavier und in trefflichem Ton sangen alle die flachsblonden, blauäugigen, hochgewachsenen friesischen jungen Menschen: „Schleswig-Holstein, meerumschlungen ...“, daß es nur so eine Art hatte. Was für ein Unterschied war doch zwischen den Schwarzwälder oder oberbayrischen Bauernburschen und diesen blonden Holsteinern!
Am andern Morgen war mein erster Gang in das mächtige Geschäftsgebäude der Hapag, mein Schiffsbillett zu holen, um dann an den Hafen zu den Gepäckhallen zu gehen und nachzusehen, ob auch mein großer grüner Koffer mit den vielen Büchern wohl angekommen und bereit sei, mit mir nach Amerika zu fahren. Welch ein Getriebe überfiel mich am Hafen! Hatte ich ihn tags zuvor nur flüchtig und aus der Eisenbahn von oben überschaut, so nahm er sich jetzt von unten, wenn man mitten drin war, noch ganz anders aus! Die vielen Boote, Kanäle und Brücken, Krane und Frachtwagen, die himmelhohen Lagerhäuser! Welch ein Durcheinander von Pfeifen, Signalen, Schreien, Rufen, Schelten, Fahren, Rasseln der Ketten ... und über allem dicker Dunst, Rauch und Teergeruch. Wahre Kompanien von Schauerleuten und Lademannschaften und dahinter die Kontore, Bureaus, Magazine und Ladehallen mit einem Heer von Angestellten, Schreibern, Zollbeamten ... Da sah und horchte die Landratte auf: Das war Hamburg! Das war Weltverkehr!
Ich hatte mich glücklich bis zu der richtigen Lagerhalle durchgefunden und durchgefragt. Berge von Koffern türmten sich vor mir auf; es sah aus, als wollte ganz Deutschland mit einem Male auswandern ... Und wirklich -- richtig, da drüben zwischen hundert andern stak auch mein großer grüner mit dem gewölbten Deckel, auf dem die nächsten etwas unsicher balancierten, und lachte mich wie ein guter Kamerad freundschaftlich an. Trotz all seiner Vielbenutztheit und seinem Abgeschabtsein -- er hätte getrost singen können: „Schier dreißig Jahre bist du alt“ -- hätte ich ihm jetzt um den Hals fallen mögen: „Da bist du ja, guter Freund, hab Dank, daß du mich nicht im Stich gelassen hast ... nun wollen wir auch weiter treulich zusammen übers Meer fahren und drüben zusammenhalten ... und gebe Gott, auch beide wieder gesund heimkommen ... vor allem aber, alter Freund, krach’ mir ja nicht unterwegs, der du den Bauch voll vieler schwerer Bücher hast, auseinander!“ --
... „Nein, nein, was du nur von mir denkst, so alt bin ich denn doch noch nicht, hab immer noch Kräfte genug zusammenzuhalten“, schmunzelte er behäbig zurück. „Du kannst dich auf mich verlassen!“ Und er hat seinen Schwur gehalten! Es sei ihm heute noch gedankt. Als ich so beruhigt und vollkommen getröstet aus der Halle wieder hinausging, scholl hinter mir ein erschütterndes Gelächter her. Tiefe Baßstimmen von den schwersten Reisekörben bis zu den hellen hochmütigen Stimmen der feinen Damenkoffer. Oder war es eine Gruppe von Schauerleuten? Was lag mir daran ...
Ich bestieg einen der flinken Hafenrunddampfer von Käses berühmter Hafenrundfahrt und ließ mich ¾ Stunden lang für einen einzigen Groschen in allen Richtungen im Hafen herüber und hinüber, an allen Molen und Landestellen, auf allen Hafenarmen und auch auf der freien Elbe umherfahren. Die Elbe warf dabei oft recht stattliche Wellen. Das kleine hochbordige wackere Dampfboot stieg auf und nieder; aber manchmal brach auch ein tüchtiger Guß über den Bug herauf aufs Vorderdeck und überschüttete die allzuweit Vornanstehenden mit einem nicht gerade immer willkommenen Bade.
An den St.-Pauli-Landebrücken stieg ich aus und klomm zur Seewarte empor und in ihr bis auf das aussichtsreiche Dach. Welch ein majestätischer Rundblick sich von oben bot! Drunten die breiten im Sonnenschein herrlich glitzernden breiten Elbarme mit ihren Hunderten von hin und her schießenden Booten, weiter hinaus die Docks und Werften, die rauchenden Schlote bis hin zu den sanften Linien des grünen Hinterlandes. Über der Stadt selbst der übliche Rauch und Qualm -- darin tut’s Hamburg London gleich --, aus dem richtunggebend hoch und schlank der Nikolaiturm emporstieg. Eindrucksvoll präsentierte sich von hier oben Lederers fast zyklopisches Bismarckdenkmal auf der Elbhöhe, ein unübertreffliches Symbol deutscher Kraft, deutschen schaffenden Willens und hoffnungsfreudigen Blickens in eine neue Zukunft: Deutschland kann seine Söhne allein nicht mehr ernähren, wenn es nicht wieder mit der ganzen Welt handelt und für sie arbeitet. Ist auch das Werk des Alten im Sachsenwalde eingerissen worden, aber sein Geist lebt fort und wird wieder auferstehen.
Ich schlenderte durch St. Pauli, die berüchtigte Schiffer- und Arbeitervorstadt Hamburgs, übel berühmt durch ihr loses und leichtfertiges Vergnügungsleben. Hier will der von schwerer Seefahrt heimgekehrte und entlohnte Matrose sich „erholen“, d. h. austoben und ausleben, nachdem ihn wochenlang harter Dienst und strammes Kommando in Fesseln gehalten hat. Und wie verführerisch lockt des Abends die lichterfüllte, überall orgelnde, tönende, schreiende „Reeperbahn“, an der Kino an Kino, Varieté an Varieté sich reiht mit all ihren dunklen Gassen seitabwärts ...
Aus diesem St. Pauli ging es zurück durch die Stadt und ihre breiten und belebten Geschäftsstraßen, wie sie nun nach gewaltigen Durchbrüchen am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Ich warf einen Blick in die ehrwürdige Nikolaikirche. Vom hohen Turm von St. Nikolai klang um Mittag das melodische Glockenspiel, das bis vor kurzem ein hoch in den siebziger Jahren stehender Onkel von mir zu spielen hatte, der täglich durch Jahrzehnte hindurch die 400 Turmstufen emporstieg, um auf seiner Spielbank da oben im luftigen Reiche Platz zu nehmen. Und er behauptete immer, sooft man ihn begleitete, diese tägliche Turnübung allein habe ihn bis in sein hohes Alter so gesund erhalten ...!
Die herrlichen Säle des Rathauses mit ihren kostbaren Gemälden sah ich gern einmal wieder. So machts doch der gute Deutsche: Wenn er einen einzigen Tag in einer fremden Stadt zubringt, besieht er sich emsig und umsichtig, ein ausführliches und gelehrtes Reisehandbuch in der Hand, alle Sehenswürdigkeiten, und es schmerzt ihn nachher sehr, irgend etwas Wichtiges und Berühmtes vielleicht doch übersehen zu haben. Aber in der Geburtsstadt kann es einem passieren, daß man -- wie mir selbst -- zum +ersten Male+ in Goethes Geburtshaus hineinkommt, wenn man es von auswärts zugereisten Verwandten zu zeigen hat!
Sooft ich in Hamburg war, konnte ich es mir auch nicht versagen, wenigstens einmal über die Alster zu fahren. Eine Alsterfahrt gehört immer zu den idyllischsten Erinnerungen. Die Alster ist immer schön, am strahlenden Sommertag und ebenso im herbstlich früh einbrechenden Abenddunkel, wenn die Alsterboote mit ihren Lichtern wie Leuchtkäfer im Nebel hin und her flitzten. In trauter Erinnerung stand bei mir seit den Kindertagen auch das Uhlenhorster Fährhaus, von dessen herrlicher Terrasse man einen solch entzückenden Blick über das weite Alsterbecken bis hin zu den vielen fern und schlank aufragenden Türmen Hamburgs genießt.
Hinter Uhlenhorst liegt der Vorort Horn. Er war mir auch seit meiner Kindheit bekannt, seit in seiner kleinen Kirche einst mein ältester Bruder getraut worden war ... Ich sehe noch immer die nach Althamburger Sitte lange Wagenreihe vor mir, die da mit der großen Verwandten- und Bekanntenschaft hinausstrebte. Und ich durfte damals als kleiner viel verhätschelter Junge mitten zwischen den Brautjungfern sitzen! Und dann defilierten wir durch die vielen neugierig an der Eingangstür wartenden Vorstadtkinder ... und oben auf der Orgel intonierte der siebzigjährige Onkel L., dessentwegen das kleine Kirchlein zur Trauung gewählt worden war, derselbe, der täglich zum Glockenspiel auf den Nikolaiturm hinaufstieg.
In Horn steht bekanntlich auch Wicherns berühmtes „Rauhes Haus“, darin einst der Kandidat Wichern und seine Mutter Wohnung nahmen, um selbstlos arme verwahrloste Knaben zu erziehen. Jetzt sind es mächtige ausgedehnte Erziehungshäuser der „Inneren Mission“. Die Anstalt erfüllt heute einen gar weiten Komplex, in dem sich aus freundlichem Grün die einzelnen Häusergruppen familiär und traulich erheben. Als „Familien“, von Brüdern und Helfern betreut, leben hier die Zöglinge zusammen. Wie mancher mag hier fürs Leben wirklich „gerettet“ worden sein, so daß die Anstalten mit Recht ihren Namen tragen.
Für soziale Arbeit habe ich mich schon früh immer stark interessiert. Gerade in Hamburgs Straßen blickte ich manchem hungrigen Straßenhändler oder armen streichhölzerverkaufenden elternlosen Kinde in die Augen ... Ich weilte in des gottbegnadeten Pastor Clemens Schulz’ Lehrlingsverein, der dem alten Herrn die Familie ersetzte, und sah mich um in den sozialen „Volksheimen“ und fühlte mich jedem Eckensteher und „Halbstarken“ ein bißchen verwandt. Waren sie nicht alle auch Menschen und Brüder? Was können sie für das Elend, in dem sie aufgewachsen sind, für Not und Irrtum, die sie in Schuld getrieben? Zeitweilig hatte ich einmal ernstlich die Absicht, mich ganz der verwahrlosten Jugend in St. Pauli zu widmen ...
So strich ich damals von Horn aus in Rothenburgsort und Hammerbrook umher. Vor 30 Jahren war hier noch grünes Marschland. Jetzt reihen sich grauschwarz und schmutzigberußt die langen traurig-öden Straßenzeilen mit ihren Mietskasernen, ihren dunklen Höfen und düstern Hinterhäusern aneinander. Hier wohnen die Menschen so dicht, daß oft ein einziger Straßenblock 4000 Menschen mit etwa 1700 Kindern, genug für eine 32-(!)klassige Volksschule, beherbergt. Hier wächst eine Jugend auf, deren Spielplatz die Straße, deren Hauptbildner das Kino ist, die von blauem Himmel, grüner Marsch und singenden Vögeln nur wie von Sagen und Märchen hören. Ihre Ahnen waren einst selbständige wackere Holsteiner Bauern, Handwerker und Fischer; jetzt zerreibt und zermahlt sie die Großstadt zwischen Schloten und Maschinen, zwischen seelenloser Fabrikarbeit und brutalsinnlichen Vergnügungen zu einer einförmigen, grauen Masse, „Proletariat“ genannt, oft ohne jeden Glauben an Innerlichkeit. Denn im Rauch, Getöse und Herdendasein der Großstadt stirbt das Persönliche. Und mit ihm stirbt Lebensfreude und -glück. Aber im „Volksheim“, da suchte man wieder den Menschen zu wecken. Da turnten fröhlich die Knaben, da wurde gutes Theater gespielt; naturwissenschaftliches Kränzchen und Billardklub, Rezitation und Bücherei, Bastel- und Schnitzabend, Schachspiel und Schlagball blühten und gediehen friedlich und fröhlich miteinander. Zeigt nicht ähnliche Zustände die Großstadt überall, sei es Berlin oder Hamburg, Neuyork oder Chikago? Die Großstadt ist am allermeisten und im bösesten Sinne „international“. Überall frißt sie das Land und die Seele der Menschen zugleich.
In die innere Stadt zurückgekehrt, umflutete mich wieder das Leben der großen Geschäftsstadt, die Warenhäuser mit ihren wimmelnden ein- und ausströmenden Menschen, die fliegenden Straßenhändler, die klingelnden Straßenbahnen und tutenden Autos, die Laufjungen und Portiers, all die vielen kleinen Theater und Spielhallen, die Ewerführer auf dem Kohlenkahn die düstern Fleets entlang, die Wirte der Hafendestillen, die Fuhrleute und Packer, die Börsenmänner und Geldleute und endlich im Alsterpavillon die schlemmenden gelangweilten feinen „Damen“. Welch eine gegensätzliche Welt! Welch eine Sachenkultur! Elend und Reichtum, Verdorbenheit und Selbstsucht dicht beieinander.
Aus der stickigen Großstadtluft trieb es mich am Nachmittag mächtig hinaus nach dem Land. Ich fuhr daher nach dem so reizvollen Blankenese an der unteren Elbe, Hamburgs Perle, hinaus. Aus den dunkeln, dumpfigen Winkeln und Kellern, Straßen und Hinterhöfen voll pestilenzialischer Gerüche und verbrauchter Luft ging es zu Schiff hinaus in die frische freie Luft des breiten Stroms und des saftgrünen Landes, dahin, wo einem schon Salzluft der Nordsee entgegenweht. Am alten Michel vorbei, St. Pauli vorüber, entlang den Reihen der vornehmen Landhäuser der Großkaufherren in Kleinflottbeck ... Am Strande des Flusses lagen vergnügte und sorglose Menschen in ihren hellen Kleidern im weißen Sande; Kinder plantschten im Wasser und ließen ihre kleinen Segelboote schaukeln ... In der Sonne gebräunt-leuchtende, badende Jungen, schwammen hinter dem Dampfer her und tauchten fröhlich in seinen spritzenden Wellen ... und drüben lag behäbig und unentwegt das satte, saftige grüne Marschland, und draußen wartete auf uns das blaue Meer.
Oben vom Süllberg aber und seiner weitblickenden Aussicht konnte man sich kaum trennen. Eine Musikkapelle spielte lustige Weisen. Es war prächtig, da oben zu sitzen und über den weiten meerarmartigen Strom und das weite grüne Land zu schauen. Die Musik war die Auslöserin der rechten Abschiedsgefühle. Deutsche Lieder würden wohl sobald nicht mehr an mein Ohr klingen ... Langsam spülte die Flut herein. Allerlei flache Inseln und Sandbänke im Strome tauchten unter. Mit Sonnenuntergang versank für mich auf lange ein letzter Tag auf deutschem Boden ...
* * * * *
Ebenso strahlend brach dann der Augustsonntag an, der mich der alten Welt entführen sollte. Auf dem Hamburger Hauptbahnhof war ein furchtbares Gewühl von Menschen, wie an schönen Sommertagen auf allen deutschen Großstadtbahnhöfen. Tausende von Ausflüglern flohen aus der heißen Großstadt in die Lüneburger Heide, in den Sachsenwald, ins Holsteinische. Dazwischen wimmelten noch die Ozeanpassagiere zu Hunderten. Unser Sonderzug dampfte punkt sieben Uhr zunächst mit den Passagieren der zweiten Kajüte aus der Halle, bis zum letzten Platz besetzt ...
Im hellen Sonnenschein ging es durch die grüne Marsch der Elbe entlang -- doch war sie selbst selten sichtbar -- über Stade nach Kuxhaven. Im Wagen redete alles bereits deutsch und englisch durcheinander. Die echten Deutschamerikaner redeten ihr Deutschamerikanisch: „~Well, think~, wir gehn nach vorn“ u. ä. Deutsche Kinder antworteten ihren deutschredenden Eltern prompt auf englisch. Übrigens war mein letztes deutsches Erlebnis gewesen, daß der Gepäckträger mir schnell noch vor der Abfahrt zu wenig herausgab! Immer noch besser als jenes erste deutsche Erlebnis des Japaners Utschimura, dem auf dem Hamburger Hauptbahnhof gleich sein ganzes Portemonnaie nebst wohlgefülltem Inhalt gestohlen wurde ...!
Nach zweistündiger flotter ~D~-Zug-Fahrt lenkten wir plötzlich wieder der Elbe zu. Die grüne Marsch, die grasenden Rinderherden entwichen ... Dort drüben dicht vor uns strahlend gelb und weiß im hellen Sonnenglanz lag unser Schiff, und hinter ihm dehnte sich bis an den Horizont tiefblau die Nordsee ...
Schon liefen wir in die Bahnhofshalle von Kuxhaven ein. Ich faßte mein Handgepäck. Blaugekleidete Stewards mit goldenen Knöpfen und weißen Handschuhen sprangen uns gar artig bis auf den Bahnsteig entgegen und nahmen uns das Handgepäck ab. Ich hielt aber in übertriebener Vorsicht das meine ziemlich fest in der Hand und schleppte es lieber im Schweiße meines Angesichts und meines Reisemantels am warmen Hochsommersonntagmorgen selbst bis zum Schiff hinauf. Einige Schritte ging es noch durch die langen Zollhallen, dann von der Halle bis an die Kaimauer ... zuletzt an einer Reihe Schutzleute vorüber die Schiffstreppe hinauf: für die Landratte ein eigenartiger Moment! Weil alle es so machten, machte man es auch so. Noch einmal wurde der Fahrschein kontrolliert ... oben an der Schiffstreppe standen die Schiffsoffiziere in weißen Handschuhen, die Hand grüßend an der Mütze. Von der Kommandobrücke sah der Kapitän, eine Menge goldener Streifen um den Arm, prüfend herab ... Hinter einem Seile auf dem Vorderdeck wie Vieh eingesponnen und zusammengedrängt standen die Zwischendecker, darunter Physiognomien wie aus einer Verbrecherkolonie, Russen, Polen, Italiener, Griechen, Juden aller Herren Länder ... Sie waren mit dem Gepäck schon in Hamburg eingeschifft worden.
Durch merkwürdig schmale Gänge wurde man auf dem Schiffe selbst in die Kabine gewiesen. Unser Kabinensteward war ein freundlicher, hilfsbereiter junger Mensch. Die Kabine fand ich recht geräumig; sie enthielt je vier Betten, zwei übereinander, und einen hübschen Waschtisch mit zwei Becken. Man legte schnell ab. Ein Mitpassagier, ein wohlbeleibter Schauspieler aus Philadelphia, Deutscher von Geburt, wurde zunächst mein Berater. Als dritter Kabinengenosse gesellte sich ein stockamerikanischer „Coiffeur“ aus Chikago hinzu, der kein Wort Deutsch verstand. Der vierte war, wie sich nachher zeigte, ein alter Wiener Jude, der seine Tochter, eine Sängerin, in „Neffiorck“, wie er aussprach, besuchen wollte. Um etwaigen üblen Explosionen vorzubeugen, wählte ich ein oberes Bett, das auf einer kleinen Leiter zu ersteigen war.
Wir gingen schnell, nachdem wir abgelegt, wieder nach oben, um ja den reizvollen Augenblick der Abfahrt nicht zu versäumen. Mehr und mehr sammelten sich die Passagiere auf dem Promenadendeck, um sich noch von oben mit ihren Angehörigen auf dem Kai, soweit sie bis nach Kuxhaven mitgekommen waren, möglichst lange zu unterhalten. Jetzt wurde in gewaltigen Netzen unser Gepäck vom Land aufs Schiff balanciert. Dann lief der zweite Sonderzug von Hamburg mit den Passagieren der ersten Kajüte ein. (Vornehme Leute kommen bekanntlich in der Welt immer zuletzt oder sogar, wenn sie besonders vornehm sind, zu spät!) Auch diese dreihundert waren, schnell von hilfreichen Stewards geleitet, an Bord gebracht. Mittlerweile war es ¾12 Uhr geworden!
Immer strahlender schien die Sonne wie mit Festglanz vom Himmel herab. Tiefblau war Himmel und Meer. Nun ertönte ein Kommando; die Haltetaue wurden losgewunden. Die Musik setzte ein: „Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus“ ... Langsam drehte das gewaltige Schiff ein wenig vom Kai ab. Die am Ufer begannen zu winken, Taschentücher flatterten bald hundertfältig oben und unten, herüber und hinüber ... einige Damen schluchzten auf ... da und dort sah man rotgeweinte Augen ... auch ich biß ein wenig die Zähne zusammen, aber das Fehlen von Angehörigen machte den Abschied mir nicht so schwer. Auch war meine Brust geschwellt von all dem Neuen, was da kommen sollte. Immer breiter wurde schon der Wassergraben zwischen Kai und Schiff. Die Schraube arbeitete spürbar, der ganze Schiffsrumpf erbebte unter ihren Drehungen, die Maschinen stampften, durch den ganzen Schiffskörper ging ein leises Zittern ... So löste sich das Schiff langsam vom Lande ... Zehn ... zwanzig Meter rückte es vom Ufer ab ... Alles rief, schrie, winkte, weinte ...! Dann wurden es fünfzig, hundert Meter! Die Menschen wurden immer kleiner ... Kreischend umflogen uns Schwärme von Möwen ... Zuletzt waren Kuxhavens Türme klein wie Spielzeug. Die Musik hatte aufgehört zu spielen ... Alles strömte in die Speisesäle, um sich vom Obersteward einen Tischplatz anweisen zu lassen ...
Ich wählte lieber den „zweiten Tisch“, wie mir der spätaufstehende Schauspieler aus Philadelphia riet, und mußte nun zwölf Tage lang zweimal täglich anderthalb Stunden zusehen, wie bereits der „erste Tisch“ fröhlich speiste. (Bei voller Belegung des Schiffes reichen nämlich die Speisesäle nicht zugleich für sämtliche Passagiere.) Das war bei dem besonderen Appetit auf See und der Langeweile, die am schönsten von den Mahlzeiten unterbrochen wird, jedesmal eine Leistung. Auch sonst war mein wohlbeleibter Berater wie ein böser Dämon neben mir, der für die Rührung der Abschiedsszenen nur Spott hatte und auch schon am ersten Tage mir von Amerika und den Amerikanern fortgesetzt nur Ungünstiges zu erzählen wußte: „Dollarjagd und Bigotterie sei drüben alles. Der Freiheitsstatue hätte man lieber eine Dollarnote statt einer Fackel in die Hand geben sollen u. ä.“, während ich in vollstem Jugendidealismus wie ein kleiner Kolumbus mir eine neue ideale Welt erobern wollte ...
Als man endlich aus den Speisesälen und Schiffsgängen wieder hinaufkam -- schon prägte man sich etwas die Topographie des Ganzen ein -- da schwammen wir bereits mitten auf der weiten, klaren, blauen Nordsee. Von Land war nirgends mehr eine Spur. Aber eine breitaufgewühlte Furche zog das Schiff wie eine Wasserlandstraße hinter sich her, die den zurückgelegten Weg deutlich und lange anzeigte ... Immer noch folgten uns kreischende Möwenschwärme tauchend und elegant die zugeworfenen Brocken auffangend ...
Das Essen mit seinen vielen und reichlichen Gängen mundete stets vorzüglich. Die frische Seeluft tat das ihrige dazu. Vom Schwanken des Schiffs war keine Spur zu merken, obwohl am Nachmittag eine frische Brise eingesetzt hatte und der Wellengang stärker wurde. Gemütlich lag man auf Deck auf seinem gemieteten Deckstuhl wie auf der Veranda eines aussichtsreichen komfortablen Hotels und sah auf die nie ermüdende unendliche Wasserfläche hinaus und fühlte sich glücklich als Weltpassagier ...
Auf dem Atlantischen Ozean.
Es begann das regelmäßige Leben an Bord.
Am Mittag war das Meer tiefblau, am Abend nach Sonnenuntergang aber wurde es tiefgrün. Der aufkommende Wind rüttelte an Tauen und Segeltüchern. Purpurrot war die Sonne im Westen versunken ...
Silberne Streifen warf bald der Mond über das Wasser. Rings ein chaotisches Wasserrund. Welche Fluten erfüllen doch die Erde! Von fern her blitzten die Leuchtfeuer von den deutschen Inseln ...
Wir waren jetzt etwa auf der Höhe von Borkum. Helgoland war zu weit ab und nicht sichtbar. Das Schiff ging noch immer sicher und ruhig, obwohl ringsum schon weiße Kämme aufspritzten. Viele, die bereits mehrmals herüber und hinüber gefahren waren, rühmten unsern „alten Kasten“ sehr, er fahre zwar nicht so rasch wie die großen Schnelldampfer, aber dafür ruhiger und sicherer, zumal wenn er wie diesmal voll und schwer geladen sei ...
Es trompetete zum Abendessen. Nach der salzigen Seeluft schmeckte das Essen jedesmal vorzüglich. Die Stewardbordkapelle spielte dazu flotte Weisen im Speisesaal. Die Stewards erwiesen sich überhaupt als recht vielseitige Burschen. Erst traten sie als galante Pagen und Kofferträger auf, dann waren sie Zimmermädel in Hosen und servierende Kellner, für jeden Wunsch und jede Laune dienstfertig bereit, und zuletzt talentvolle Musikanten. Alle Achtung vor solcher Vielseitigkeit! Aber welche Versuchung zur Unzufriedenheit für sie, während ihrer Arbeit um sich ständig nur nichtstuende, schmausende, scherzende, geldverzehrende und vergnügungssüchtige Menschen zu sehen! Denn daß wir Passagiere vor und nach unsrer Seefahrt auch etwas Rechtschaffenes arbeiteten, das sahen sie ja nicht, und vielleicht glaubten sie es auch nicht. In ihren Augen waren wir alle „reiche“ und nichtstuende Leute.
Als man vom Abendkonzert vor Schlafengehen noch einmal auf Deck kam, rauschte rings um uns ein tiefschwarzes Meer. Man hatte in den erleuchteten Gängen und Sälen fast vergessen, daß man auf dem weiten Meere schwamm ...