Chapter 22 of 27 · 3685 words · ~18 min read

Part 22

Wir treten wieder unter den 44 Backsteinpfeilern, den kurzen Füßen der hölzernen Riesenschildkröte, hervor und begeben uns zum „Tempel“, den wir aber von innen nicht besichtigen dürfen! Kein profaner Blick von „Heiden“ (d. h. Nichtmormonen) darf ihn beschauen, ja selbst nicht einmal jeder Mormone kommt in sein Inneres! Als mächtiger sechstürmiger Bau, dessen höchsten Mittelturm eine große Bronzestatue des Engels „Moroni“ krönt, erhebt er sich -- freilich ohne erkennbaren Stil -- aus dem Grün des schön angelegten Tempelblocks und überragt weithin die Stadt. Er ist keine eigentlich allgemein gottesdienstliche Stätte, sondern dazu bestimmt, der Tempel „des neuen Zion“ zu sein, wo Christus, wenn er in Bälde zum Weltgericht wiederkommt, seinen Thron aufschlagen und das Gericht über die sündige Welt abhalten wird. Etwa vierzig Jahre wurde am „Tempel“ gebaut; vier Millionen Dollar hat er gekostet! Er soll innen aufs prächtigste mit kostbarstem Marmor und edlen Steinen geschmückt sein, erzählte man mir. Je schwieriger es ist, ihn zu betreten, desto geheimnisvoller erscheint das gewöhnlichen Sterblichen verschlossene Bauwerk. Nur Mormonen höheren Grades kommen in ihn anläßlich mormonischer „Versiegelungen“ für die Ewigkeit und „Taufen für Verstorbene“ hinein. Ich hatte vor, -- auch amerikanisch! -- geradewegs dem Präsidenten der Mormonenkirche, also gewissermaßen dem Papst von Salt Lake City einen Besuch zu machen und ihn angesichts meiner weiten Reise um einen Blick in das Tempelinnere zu bitten, aber wahrscheinlich hätte auch das mir nichts geholfen. Aber vielleicht hätte er mich an seine Tafel geladen? Schade, daß ich es nicht versuchte! Da hätte ich alles leicht aus erster und bester Quelle erfahren, was ich zu wissen wünschte.

Unsere gesprächige Führerin, die uns auch noch eine kleinere Mormonenkirche, die sogenannte „~assembly hall~“ aufschloß, die immerhin auch 3000 Personen faßte, und zuletzt uns noch einmal zu einem imponierenden Orgelkonzert ins „Tabernakel“ einließ, hatte natürlich auf recht viele Fragen der Besucher zu antworten. Alles bestürmte sie förmlich um Auskunft über das Wesen und die Lehren des Mormonismus. Ihre Auskünfte waren natürlich nur sehr bruchstückartig und unzusammenhängend, ebenso wie die an sie gestellten Fragen. Aber sie blieb unermüdlich und unerschütterlich: „Der Mormonismus ist wahr! Er ist nicht von Menschen gemacht. Er stammt aus direkter göttlicher Offenbarung. Die christlichen Kirchen sind vom wahren Christentum abgefallen. Die ganze Geschichte der christlichen Kirche ist nichts als ein großer Abfall. J. Smith bekam von Gott durch seinen Engel Autorität, die wahre Religion der Bibel wiederherzustellen und das echte aaronitische Priestertum zu erneuern. Auch die ‚Ordnungen‘ der Ämter hat die Kirche unrechterweise geändert. Die Taufe darf z. B. nicht an kleine Kinder nach mormonischer Meinung erteilt werden! Die Mormonenkirche tauft erst achtjährige Kinder. Es gibt auch eine Taufe für ungetauft Verstorbene. Die Handlung der Buße hat sie erneuert. Die Trauung ist gültig auch für das ewige Leben. Eine Mehrehe -- der große Streitpunkt -- habe auch Jesus nicht ausdrücklich verboten, im Alten Testament wurde sie sogar von den Erzvätern geübt! Seit 1896 ist freilich die Mehrehe durch Aufnahme in die amerikanische Union öffentlich verboten; geübt wurde sie bis dahin auch nur von zwei bis fünf Prozent der Mormonen. Und Salomo hatte doch auch sogar -- darauf wies die Sprecherin nachdrücklich hin -- 1000 Weiber! Jeder Mormone hat an seine Kirche den ‚Zehnten‘ abzuliefern. Gott offenbart sich fort und fort durch Propheten, so war auch Joseph Smith beauftragt, neue Offenbarungen zu geben.“ Das ist einiges von den bruchstückartigen Darlegungen der Führerin auf die an sie gestellten Fragen.

Mir genügte das freilich nicht. Im ~information-bureau~ kaufte ich mir daher zunächst eine Mormonenbibel „~the book of Mormon~“, in dem ich auf meiner Weiterfahrt sehr eifrig las, ein kleines schwarzeingebundenes Buch ungefähr im halben Umfang unserer Bibel. Außerdem eine Darlegung der mormonischen Lehre von einem mormonischen Theologen. Und endlich schenkte mir in demselben Bureau ein alter Mecklenburger, als er mein intensives Interesse wahrnahm und mich als Deutschen erkannte, noch eine Schrift „~the great apostasy~“, in der die Geschichte der Kirche als „der große Abfall“ von dem wahren Evangelium dargestellt wird. Der Mecklenburger schüttelte mir bewegt die Hand, ich möchte auch noch zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, und schloß mit dem Bekenntnis: „~My heart feels satisfied~“. Neuerdings hat Professor Eduard Meyer anläßlich seines Aufenthalts in der Union eingehende Studien über den +Mormonismus+ angestellt und veröffentlicht. Danach ergibt sich geschichtlich das Folgende, das sowohl für die Geschichte und Zustände der Union als auch die religiöse Mentalität drüben im Ganzen äußerst charakteristisch ist:

Der Gründer der Mormonensekte, Joseph Smith, ist am 23. Dezember 1805 als vierter von neun Geschwistern in dem Dorf Sharan im Staate Vermont geboren. Sein Vater war -- echt amerikanisch -- bald Handelsmann, bald auch Schullehrer. Ruhelos zog er von Ort zu Ort und ist nie zu beständigen Verhältnissen gelangt. 1815 siedelte er nach Palmyra im Staate Neuyork über, darauf nach Manchester, N. Y. Die Mutter des Propheten, Lucy Smith, war ebenfalls die Tochter eines Abenteurers namens Salomon Mack, der erst bei einem Bauern arbeitete, dann Soldat und Marketender in den Indianerkämpfen und Religionskriegen des ausgehenden 18. Jahrhunderts war, später als Matrose diente und zuletzt um 1810 als fast Achtzigjähriger in höchst fehlerhafter und unorthographischer Sprache eine Erzählung seines Lebens mit mancherlei Träumen und Visionen herausgab! Dieses Erbteil ging auf die Mutter des Propheten über, die zeitlebens an Visionen litt und ihren Sohn überlebte († 1856). Auch sie gab von ihren inneren Erlebnissen in einer Selbstbiographie Kunde. Religiöse Fragen haben das Elternpaar stets beschäftigt; auch Vater Smith erlebte allein sieben Visionen. Der Eltern äußere Lebensumstände können gar nicht armselig genug gedacht werden, und doch waren in ihrer Hütte wie in den meisten amerikanischen vor über 100 Jahren die Axt und die Bibel die am meisten gebrauchten Gegenstände. Von diesen Eltern, von beiden Seiten her also aufs stärkste visionär erblich belastet, stammte der „Prophet“. Schulbildung hat er bei dem ständigen Umherziehen seines Vaters nur vorübergehend genossen; Lesen und Schreiben konnte er Zeit seines Lebens nur dürftig; an Träume und Visionen glaubte er seit frühester Jugend. Und schon früh bedrückte sein religiöses Gemüt die Frage, welche von den vielen Sekten wohl die rechte sei oder ob sie nicht alle von der Wahrheit abgefallen seien und die rechte Religion erst wieder entdeckt werden müßte ...

An einem schönen Frühjahrsmorgen 1820 -- so heißt es in seiner Lebensbeschreibung -- sei er fünfzehnjährig in den Wald gegangen und habe Gott um Erleuchtung über die Wahrheit angefleht. Da habe ihn zuerst dichte Finsternis umgeben und seine Zunge sei wie gefesselt gewesen, aber dann habe sich eine Lichtsäule auf ihn herabgesenkt, in der zwei verklärte Gestalten sichtbar wurden. Die eine sagte ihm, alle Sekten seien im Irrtum, keiner solte er sich anschließen, vielmehr sei +er+ berufen, die rechte Kirche erst zu gründen. Erwacht fand er sich allein auf dem Boden liegend, die Augen gen Himmel gerichtet ...

Mit 18 Jahren (1823) folgte eine neue wichtige Vision, in der ihm lichtumflossen der Engel „Moroni“, der heute als Bronzefigur den Tempel krönt, erschien und anwies, nach dem Hügel Cumorah bei Manchester, N. Y., zu gehen. Dort werde er beim Graben zwei goldene Platten finden, die mit geheimnisvoller Schrift bedeckt seien. Dreimal erschien ihm der Engel Moroni bei der Nacht, und noch ein viertes Mal am Tage bei der Feldarbeit, wo er neben seinem Vater ohnmächtig wurde. Noch an demselben Tage habe Smith den Hügel aufgesucht, die Platten gefunden, aber der Engel habe ihm verboten, +jetzt schon+ die Platten zu heben!

In den folgenden Jahren verdingte sich Smith zur Feldarbeit wie sein Vater, wird aber als schmutzig, scheu und träge, ja dem Trunk ergeben geschildert. Er benutzt seine visionären Kräfte, um nach Schätzen zu graben, verlorene oder gestohlene Sachen wieder herbeizuschaffen. Dabei diente ihm ein durchsichtiger Kristall („~peek-stone~“), den er in seinen vor die Augen gehaltenen Hut legte, worauf er die gesuchten Dinge in dem Kristall sah[30]. Mit 21 Jahren verheiratete sich Smith und erhielt nun von dem Engel die Erlaubnis, den Schatz zu heben.

Im nächsten Jahr, Februar 1828, beginnt J. Smith mit einigen Freunden, Farmern wie er, Martin Harris, dem Schullehrer Oliver Cowdery und David Whitmer, selber hinter einem Vorhang sitzend (!), das Mormonenbuch, die goldenen Tafeln mit Hilfe seines „Gucksteins“ übersetzend, zu diktieren. 1829 war das Buch fertig und wurde 1830 veröffentlicht. M. Harris, obgleich gewarnt, hatte das Geld zum Druck dazu hergegeben.

Was ist’s nun mit diesen geheimnisvollen Tafeln? Niemand hat sie je mit irdischen Augen gesehen. J. Smith behauptet, daß sie in einer Kiste in seinem Hause gelegen haben. Der Engel aber hatte dem Propheten verboten, sie jemand zu zeigen! Nachdem die „Übersetzung“ fertig war, wurden die Tafeln dem Engel Moroni „zurückgegeben“! Aber die Freunde bestanden darauf, sie zu sehen. So hat J. Smith eines Tages in einer Vision ihren Anblick vermittelt. Das bezeugen sie schriftlich auf der ersten Seite des Mormonenbuches. Aus all dem folgt, daß die Offenbarungstafeln wohl nie existiert haben, daß aber der „Prophet“ visionär sie gesehen und an ihr Vorhandensein geglaubt hat.

Und was ist der Inhalt dieser „Mormonenbibel“? Ich habe mich nach der Abfahrt von der Salzseestadt viele Stunden im Eisenbahnwagen redlich bemüht, ihren Inhalt in mich aufzunehmen, aber über 30, 40 Seiten habe ich es nicht hinaus gebracht, so langweilig, inhaltslos und grotesk und geschichtlich unmöglich ist der Inhalt. Das Mormonenbuch ist wie die Bibel in Bücher, Kapitel und Verse eingeteilt. Sein Stil erinnert stark an das Alte Testament. Im ganzen will es ein Bericht über die Schicksale der bei der Eroberung Samarias 722 v. Chr. verschollenen zehn Nordstämme des Volkes Israel sein, die nach den mannigfachsten Irrfahrten und Kriegszügen nach Nordamerika gekommen seien und deren Nachkommen niemand anders als -- die Indianer geworden wären! Man denke sich, die Indianer Nachkommen der alten Juden!! Das bestätigt gewiß auch die gegenseitige Rasseähnlichkeit!? Auch Christus ist, wie Smith glaubte, nach Ostern auf dem amerikanischen Kontinent erschienen und hatte ihm die Offenbarung der wahren Religion gegeben. Nur sind seine rechtgläubigen Anhänger in Amerika aufgerieben worden, und seine Offenbarung wäre verschollen, wenn nicht der letzte Prophet „Mormon“ und sein Sohn, der Engel Moroni sie auf jene Tafeln aufgezeichnet und vergraben hätten, bis sie J. Smith wieder fände. Diese Bibel des Propheten Mormon, von J. Smith erneuert, sei die Bibel für Amerika, ja für die Welt. Eine ganz abstruse und unmögliche Sache!

Woher aber stammt dieser Inhalt des Mormonenbuches? Das schlechte und fehlerhafte Englisch und die absurden geschichtlichen Ideen lassen niemand anders als J. Smith selbst als Verfasser erwarten. Das Buch ist der Spiegel seines ererbten visionären Fabuliertalents und seiner vollständigen Unkenntnis der wirklichen Geschichte des amerikanischen Kontinents und der Welt. Aber wie ist es möglich, wird man fragen, daß ein solches Buch überhaupt Glauben fand? Nun im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts unter den ungebildeten und schwärmerischen Abenteurern ist es für Amerika nicht unbegreiflich, zugleich in einer Zeit der stürmischsten und die Menschen wie eine Psychose ergreifenden Erweckungsversammlungen (~camp-meetings~, ~revivals~); ebensowenig angesichts der ungeschichtlichen naiven Gläubigkeit des Amerikaners allem gegenüber, was sich als alt und uralt ausgibt, weil man ja selbst in einem fast vollkommen geschichtslosen neuen Lande lebt. Es ist also nicht nötig, zu der Vermutung zu greifen, die man lange geteilt hat, Smiths Buch sei ein Abklatsch eines Romans eines puritanischen Predigers Spaulding, dessen Manuskript wiederum ein Buchdrucker Rigdon dem Propheten in die Hände gespielt habe. Das seit 1885 bekannte Manuskript Spauldings zeigt nur äußere Ähnlichkeiten in Stil und Herkunft, aber gar nicht im religiösen Inhalt.

[Illustration: ~SALT LAKE CITY~

~Der California-Expreß quer durch den Salzsee~]

[Illustration: ~SALT LAKE CITY~

~Salt Lake City mit dem Wasatch-Gebirge~]

Wie ist es danach zu einer eigenen Mormonen+kirche+ gekommen? Unmittelbar nach Fertigstellung des Mormonenbuches begann eine Propaganda für den neuen Glauben im Staate Neuyork. J. Smith war überzeugt, daß seine Anhängerschaft zur Weltherrschaft berufen sei! Ein solch phantastischer Traum ist auf dem amerikanischen Kontinent und auf dem Gesinnungsboden eines „auserwählten Volkes“ durchaus begreiflich. J. Smith verkündete bald die Nähe des „1000jährigen Reiches“ und setzte seine Mission im Staate Ohio fort. Immer neue Orakel verkündete er. Seinen Anhängern wurden auch wunderbare Heilungen nachgesagt. Von Ohio ging ein Teil der Gläubigen bis nach Kansas und Missouri. Aber 1832 begannen auch schon die ersten Verfolgungen der „Heiligen“ durch „die Heiden“. Smith und sein Freund Rigdon wurden in einer Nacht aus dem Bett gerissen, auf die Straße geschleift -- einer der nicht wenigen Fälle von amerikanischer Lynchjustiz -- mit Teer beschmiert und zum Spott mit Federn ausstaffiert! Den Mormonen in Missouri warf man die Fenster ein, zündete ihr Heu an und schoß in ihre Häuser! Die Staatsregierung unternahm zunächst nichts. Aber je mehr die Mormonen verfolgt wurden, desto mehr breiteten sie sich aus. Auch J. Smith machten die Verfolgungen in seiner Überzeugung nicht irre. Im Gegenteil. 1834 forderte der „Prophet“ seine Anhänger zum Abzug auf, er selbst organisierte sie militärisch als ihr „General“! Die Mormonen verschanzten sich gegen anrückende Regierungstruppen in einem festen Lager in Missouri, wurden jedoch umzingelt und mußten sich der amerikanischen Miliz ergeben. Smith wanderte ins Gefängnis. Das Todesurteil wurde über ihn 1838 verkündet, aber nicht vollstreckt! Smith entfloh, seine Anhänger sammelten sich in Nauvoo in Illinois, das damals noch ganz unkultiviert war. Nauvoo sollte nun der Sitz des neuen Zion und des Tempels werden. Aber auch hier war ihres Bleibens nicht lange. Zu großem Anstoß führte die jetzt schon eifrig geübte Polygamie! Seit 1843 rechtfertigte sie der Prophet und übte sie selbst. Die „mit Heiligen versiegelten“ Frauen würden bestimmt des ewigen Lebens teilhaftig! So sollen sich nach Smiths Tod 27 Frauen gerühmt haben, dem Propheten „angesiegelt“ gewesen zu sein! 1844 wurde J. Smith von seinen Anhängern sogar ernsthaft als Kandidat für die Präsidentschaft der Union aufgestellt!! Smith stand auf der Höhe seiner Erfolge. Eine Druckerei, die ihn schmähende Artikel und Zeitungen erscheinen ließ, ließ er zerstören und erklärte der Union den Krieg, die ihn zur Verantwortung ziehen wollte! Dann aber nahm er eingeschüchtert die Kriegserklärung wieder zurück und entfloh ins Felsengebirge. Seine Anhänger verlangten aber von ihm, daß er sich freiwillig den amerikanischen Gerichten stelle! Er tat es und ahnte sein Endschicksal voraus. Er wurde des Hochverrats für schuldig erklärt und eingekerkert. Obwohl das Gefängnis von amerikanischer Miliz bewacht wurde, drangen am 27. 6. 44. nachmittags fünf Uhr 200 abenteuerliche Gesellen mit geschwärzten Gesichtern ein und erschossen den Propheten in seiner Zelle, in der er sich vergebens zur Wehr setzte. Er wurde in Nauvoo begraben und war so, 39 Jahre alt, für seine Überzeugung den Märtyrertod gestorben.

Aber damit ging der Mormonismus nicht unter. Im Gegenteil, er blühte erst recht auf. In Brigham Young, dessen Denkmal mit Recht im Mittelpunkt der Salzseestadt steht, erhielt das Mormonentum einen äußerst tatkräftigen und zielbewußten und vor allem organisatorisch hervorragend begabten Führer, der die Mormonen aus Nauvoo hinweg unter viel Mühsalen und Beschwerden bis in die damals noch völlig unbewohnten Einöden am Großen Salzsee führte. Hier entstand bald mit Hilfe künstlicher Bewässerung ein Kranz blühender und fleißiger Dörfer. Merkwürdigerweise trennte sich Smiths Frau und Mutter mit den Kindern von des „Propheten“ Gemeinde und gründeten eine reformierte Mormonenkirche! Einer der Brüder Smiths wurde sogar aus der Kirche der „Heiligen“ ausgestoßen! Young, vier Jahre älter als der Prophet, leitete die Mormonenkirche bis 1877. Von Hause aus war er Tischler und Glaser. Unter ihm erst wurde das anstößige Dogma von der Polygamie öffentlich verkündet (1852).

Man begnügte sich bald nicht mehr nur mit den Siedlungen am Salzsee, deren Fruchtbarkeit von allen Seiten Landsucher anlockte, sondern schickte auch Sendboten nach Europa! Young verschönte und vergrößerte auch die Hauptstadt, er baute das „Tabernakel“ und legte den Grundstein zum „Tempel“. Mit den umwohnenden Indianern, in denen man ja die Nachkommen des auserwählten Volkes Israel sah, verbündete sich Young und hielt mit ihnen zusammen lange Zeit die amerikanischen Regierungstruppen in Schach. Utah war selbständiges Territorium. Young übte die Rechte eines Gouverneurs aus. Er war zugleich Präsident des Staates +und+ der Kirche. Die Gerichte urteilten nach seinen Weisungen und zuweilen mußten Verbrechen durch freiwilligen Tod gesühnt werden! Von den nach Kalifornien strömenden Goldsuchern erhob man hohe Durchgangszölle. Die Landsuchenden hielt man in Abhängigkeit, indem die Kirche selbst das Land verpachtete. Aber die Einöde um den Salzsee verwandelte sich bald in ein Kulturparadies, das ich selbst mit Augen sah. So wurde Salt Lake City eine der saubersten und schönsten Städte der Union. Die Industrie blieb hier noch lange ganz fern.

Young hielt auch auf straffe sittliche Zucht. Die Stadt wurde in Bezirke eingeteilt, denen Bischöfe und Priester vorstanden. Sie hatten das Leben sämtlicher Familien streng zu kontrollieren. Völlerei, Diebstahl, Betrug, Meineid, Fluchen und Würfelspiel -- sonst vielgeübt -- waren hier Seltenheiten. Als 1867 die Bahn nach dem Stillen Ozean gebaut wurde, hörte Utah auf, von der Welt abgeschnitten zu sein. Der Durchgangsverkehr stieg gewaltig. 1890 erteilte der amerikanische Staat Amnestie an alle Polygamisten. 1896 wurde Utah als Staat der Union eingegliedert. Der Traum eines mormonischen Weltstaates mit Salt Lake City als Mittelpunkt war damit ausgeträumt. Übrig blieb nun der religiöse Mormonismus als Sekte wie der religiöse Katholizismus nach Aufhebung des selbständigen römischen Kirchenstaats. Heute mögen die Anhänger des Mormonismus in aller Welt eine halbe Million betragen. In Salt Lake City selbst haben sie dank der Einwanderung nicht mehr die Majorität. Eine ganze Reihe Kirchen anderer Sekten wie der Presbyterianer, der Methodisten usw. erheben sich auch jetzt daselbst. Aber etwa 2000 mormonische Missionare durchziehen die Welt und werben für J. Smiths Lehre und Sendung. In Deutschland und der Schweiz soll es etwa 5000 Mormonen geben, deren heißeste Sehnsucht es ist, einmal nach Salt Lake City zu kommen und im Schatten des Tempels zu sterben ...

* * * * *

Ich hatte die Stadt durchschritten und stand am sogenannten „Eagle-Gate“ (Adler-Tor), das sich aus vier eisernen Bogen bestehend, vom Unionsadler gekrönt, angeblich über „die längste Straße der Welt“ spannt dicht beim Grab des mächtigen Brigham Young. Salt Lake City ist so modern geworden, daß sich auch schon ein paar stattliche Wolkenkratzer erheben, wenn auch nicht von der Höhe derjenigen Neuyorks. Die Innenstadt ist umkreist von einem Kranz höchst gefälliger und geschmackvoller Landhäuser. Alle Straßen, deren ein großer Teil mit hohen Pappeln bepflanzt ist, machen einen äußerst sauberen und gepflegten Eindruck. Um die Stadt leuchten Schneeberge. In der Tat, eine prächtige Lage für das mormonische Zion! In einigen kleineren Straßen entdeckte ich auch noch recht alte Häuser, darunter ein aus rohen Balken gezimmertes Blockhaus, das erste in Salt Lake! -- --

Wolken hatten sich zusammengezogen. Es fing an zu regnen. Ich flüchtete in die neue stattliche, gotische katholische Marienkathedrale und empfand wieder einmal, daß es doch etwas Schönes um die offenen katholischen Kirchen ist; sie bieten den Fremden und Reisenden stets einen unentgeltlichen Ruhesitz, wo man dem Lärm des Straßenverkehrs und der Nervenanspannung der Besichtigungen auf eine Weile ungehindert entfliehen kann. Ich suche sie daher in fremden Städten immer gern auf und saß auch jetzt eine Weile in Salt Lake so gut in der katholischen Kirche wie in München in der Theatiner Hofkirche, in Venedig in S. Marco oder in Rom in Maria Maggiore. Es ist auch gewiß etwas Großes um das Weltumspannende der katholischen Kirche, die dieselbe in Köln oder in Sevilla, in Dresden oder in St. Marys Kathedrale in Salt Lake ist. Der Katholik kann sich darum überall in der Welt in seiner Kirche sofort daheim fühlen und zurechtfinden ...

* * * * *

Wieder verließ ich wie im Staat Neumexiko in Santa Fé und San Franzisko im Schlafwagen auch das Zion der Mormonen des Abends. Fort ging’s in das Zauberbergland +Kolorados+. Bei der Abfahrt leuchtete mir noch ein strahlendes Alpenglühen auf den Wasatchbergen den Abschiedsgruß ... Ein letzter wundervoller Eindruck!

Ich hatte wieder eine weite Fahrt vor mir, wieder eine ganze Nacht und einen ganzen Tag durch einen großen Teil des Staates Utah über die Kette des Wasatchgebirges hinein in das größte Gebirgs- und Alpenland Amerikas Kolorado bis nach „Kolorado-Springs“ an den Fuß des 4300 ~m~ hohen Pikes Peak, den Eckpfeiler des Felsengebirges am Rande der unendlichen Mississippiebene. War ich wieder soweit, dann hatte ich die ganze mächtige Breite des Felsengebirges wieder hinter mir.

Ich las auf meinem Bett sitzend noch eine Weile in der Mormonenbibel, dann entschlummerte ich in meiner „~upper berth~“, die ich mir wieder rechtzeitig gesichert hatte. Ich war jetzt schon so sehr an das Schlafwagenfahren gewöhnt, daß ich so ruhig und gut wie im schönsten Hotelbett schlief. Dazu hielt der Zug in dieser Nacht wohl gar nicht, und ich wurde so wieder 700 Meilen, also etwa eine Strecke von Königsberg-Basel mühelos weitergerollt. Am „Jordan“ entlang ging es vom Salzsee zum viel kleineren Utahsee und dann keuchend hinauf über die Paßhöhe des Wasatchgebirges (2300 ~m~) und wieder hinab durch das sogenannte „Castle Gate“, an dessen Eingang drohend zwei riesige 150 ~m~ hohe aufragende Sandsteinfelsen stehen und kaum den eingleisigen Schienenweg hindurchlassen, zum Green River, einem Quellfluß des Koloradostromes. Von all dem sah ich freilich wenig, sondern verschlief es; aber am nächsten Tage sah ich dergleichen genug, was den stolzen Namen der Bahnlinie als der „~most scenic line +of the world+~“ rechtfertigte, denn sie geht mitten durch das wildzerklüftete Alpen- und Goldland Kolorado, die „Schweiz“ der Vereinigten Staaten, hindurch.

Ich erwachte am Morgen, als wir schon die Koloradowüste hinter uns und den Green River überschritten hatten und im felsigen Cañon des Grand River, des anderen Quellflusses des Kolorado, fuhren. Aus dem lieblichen Kulturparadies am Salzsee war ich in die wilden Bergschluchten Kolorados, wie aus dem Italien und Spanien Kaliforniens in die Schneewelt der Sierra Nevada und aus dieser wieder in die sengende Wüste Nevadas versetzt. Was für Verwandlungen! So war ich wieder am Koloradofluß, in dessen wilden Großcañon ich vor etwa einer Woche von 2000 ~m~ Höhe geschaut hatte -- freilich mehrere hundert Meilen von hier südlich -- und den wir bei Needles an der Grenze Kaliforniens bei herrlichstem Sonnenuntergang breit wie einen Meeresarm gekreuzt hatten. Jetzt dampften wir seinen Oberlauf aufwärts. Wir hielten in Grand-Junction, wo eine Nebenlinie nördlich durch das Bergland auch nach Kolorado Springs führt. Ich blieb auf der kürzeren Hauptlinie, die ein Umsteigen ersparte. Aber jedem Leser rate ich, im entsprechenden Fall doch lieber die noch viel interessantere Nebenlinie zu benutzen.

Die Farmen in den Hochtälern wie auf Alpenweiden und -matten erwachten! Hunde spielten vor den schweizähnlichen Blockhäusern. Hühner gackerten heimatlich. Hemdärmelig standen in hohen Stiefeln und wollenen Jacken stämmige Menschen vor ihren Blockhäusern, die mich sehr an die am Fuß der San Franziskoberge in Flagstaff erinnerten, und schauten dem Tagesereignis, dem Zug, nach ...