Chapter 27 of 27 · 879 words · ~4 min read

Part 27

Eine breit aufgewühlte Wasserfurche ließ unser Schiff hinter sich. Schwärme von Möwen folgten ihm. Der Himmel behielt unverändert seine strahlende Bläue. Wir näherten uns der großen Insel „Anticosti-Island“. Ein Leuchtturm blinkte herüber. Bei Eisgang nehmen die Schiffe gewöhnlich von hier den weiteren südlichen Kurs um Neufundland herum, wir aber behielten den kürzeren nördlichen bei an der Küste von Labrador hin unter Grönland weg!

Montag morgen passierten wir die Nordküste der wegen ihres Nebels so berüchtigten Neufundlandinseln und fuhren in die Straße von Belle-Isle ein. Labrador schien ganz unbewohnt, trotz seiner ungeheuren Größe, bergig, öde. Es zählt wohl kaum 10000 Einwohner[37]. Es kennt wie Kanada noch große Büffel- und Rinderherden, auch Bären! Als wir den Ausgang der „Belle-isle-Straße“ um Mittag ins offene Meer gewannen, kamen uns -- zu unserer Freude -- richtige Eisberge auf ihrer Wanderung von Grönland südwärts entgegengeschwommen. Wir machten freilich einen recht respektvollen Bogen um sie. Denn die „~ice-bergs~“ ragen oft nur wenige Meter über dem Wasserspiegel, aber um so länger sind sie unter ihm! Im ganzen waren es nur vier dieser Burschen, die wir sahen. Uns interessant, von den Seeleuten gefürchtet. Noch steht in furchtbarer Erinnerung der Zusammenstoß der Titanic mit einem dieser unheimlichen Gesellen 1912. Aber malerisch sehen sie aus, wenn sie so blendend weiß im tiefen Blau des Ozeans dahergeschwommen kommen, lautlos und doch so gebieterisch, ein Stück losgelöstes Nordpolland.

Als wir den offenen Ozean gewonnen hatten, zeigte er weiße Kämme bei schwacher Bewegung ... Das interessantere Stück der Fahrt war nun vorüber. Jetzt folgte wieder das erhabene Einerlei des offenen Ozeans ohne Küstenstrich und Abwechslung für die Augen. Freilich ein strahlender Tag löste den anderen ab. Leicht fuhr das Schiff seine Bahn. Das Meer war kaum bewegt. Es war ein wundervolles Dahingleiten in dieser Juniherrlichkeit der See. Ich saß entweder ganz am Bug vorn und schaute in die unendliche Weite, der wir entgegenfuhren, vorwärts das Land Europas „mit der Seele suchend“ oder ganz auf dem Achterdeck rückwärts gewandt allein mit meinen Gedanken über Amerika und sah der breiten quirlenden und schäumenden Furche nach, die unsere Schrauben hinter uns zurückließen. Es war zu prächtig, nichts zu tun als zu schauen und zu sinnen ... Andere, wie die Missionare, unterhielten sich ständig über Missionsfragen, lasen viel in ihren Büchern oder zankten sich auch über kirchliche Dinge. Merkten sie gar nichts von der Missionspredigt, die ihnen täglich der ewige Ozean Gottes hielt? Dafür nannte mich der französische Missionar, der bei der Fremdenlegion gedient hatte, „~not sociable~“[38]. Meinetwegen! Der beste Sozius in unserem Leben ist doch auch manchmal das eigene sinnende Ich, wenn es sich weitet zu einem Überich und seelische Tiefen aufzubrechen anfangen. Aber mit diesem Ich mögen so wenige allein sein! Sie müssen immer Menschen und „Unterhaltung“ um sich haben, die doch oft so seicht und fade ist ...

An einem der Wochentagabende war wieder nach den vier ~services~ des Sonntags -- „~prayer-meeting~“. Es knieten nebeneinander im Salon die bärtigen Schotten und die glattrasierten Kanadier, und einer nach dem anderen begann ein langes freies und doch gepreßtes Gebet. Ich hielt es lieber mit dem: „Wenn du betest, so geh’ in dein Kämmerlein und schließ’ die Tür zu ...“

Am Freitag regnete es einen halben Tag lang, und wir fuhren in feuchtem Nebelgrau. Passierten wir den Golfstrom? Ich benutzte die Stunden, die man in den Salons zubringen mußte, meine Einführungsrede in mein Amt, das ich sofort nach meiner Ankunft in der Heimat antreten sollte, auf dem freien Ozean auszuarbeiten. Hier war Stille dafür. Salzluft des freien Himmels wehte mit hinein. Plötzlich tutete es zum Rettungsappell. Alles mußte in die Boote. Aber glücklicherweise war es nur Probealarm. Schreckhaft, aber interessant!

Sonnabend nachmittags näherten wir uns der schottischen Küste. Kein einziges Schiff war auf diesem nördlichen Kurs uns auf dem offenen Meer begegnet! Nur fünf Tage hatte die Fahrt auf offener See gedauert; zweieinhalb Tage fuhren wir auf dem St. Lorenz!

Vormittags elf Uhr tauchte zuerst frohbewillkommnet die bergige blaue Küste des grünen Irland auf, an dem wir nördlich vorbeifuhren. Wir hatten also das Ziel richtig gefunden. Möwen umflatterten uns begrüßend wieder zu Hunderten.

Ein letztes Konzert an Bord galt, wie üblich, der Mannschaftskasse. An seinem Ende wurde „~God save the king~“ gesungen! Jeder hatte dabei aufzustehen. Der Speisesalon war reich mit englischen Flaggen dekoriert. Gegen Abend tauchten auch schon die felsigen, unmittelbar aus dem Meer aufsteigenden malerischen Steilküsten Schottlands mit ihren Schlössern und alten Städten auf. Jetzt redete wieder die alte Welt mit tausendjähriger Geschichte zu uns ...

Den letzten Tag wurde unser Schiff noch ganz blank gestrichen. Temperaturmessen, Loten, Flaggenhochziehen war mir als Landratte immer wichtig ... Dann kam ein letzter himmlisch-klarer Abend bei der Durchfahrt durch die felsige Clydebucht, an deren innerem Ende +Glasgow+ liegt. Ihr Eingang wirkt wie ein norwegischer Fjord. Um elf Uhr abends war es in diesen Juninächten Schottlands noch hell genug zum Lesen ...

Als ich Sonntag früh erwachte, lagen wir bereits fest im Dock in Glasgow mitten zwischen Schuppen und Lagerhäusern. Ebenso prosaisch und klanglos wie die Abfahrt in Montreal war die Landung in Glasgow. Ich war auf dem Boden Seiner britischen Majestät!

Kein Empfang, keine Musik!

Ich betrat wieder europäischen Boden ...

Fußnoten:

[Footnote 37: Den Namen soll es von „~terra laboratorum~“, d. h. Land guter Sklavenarbeiter erhalten haben?!]

[Footnote 38: Nicht gesellig.]

[Illustration]

Druck der Roßberg’schen Buchdruckerei, Leipzig.