Chapter 25 of 27 · 3969 words · ~20 min read

Part 25

Ich bin wirklich in Washington! Traumhaft! Etwas wie Ehrfurcht überkommt mich. Vereint sich in Wallstreet und auf dem Broadway in Neuyork das Kapital der Union, so in Washington alle Regierungsmacht. Washington liegt gerade auf der Grenze des Nordens und Südens. So ist es von hier nicht weit nach den Schlachtfeldern von Gettysburg, Harrisburg und dem Hauptquartier der Südstaaten, Richmond. Man ist in Washington ungefähr in der Mitte zwischen Maine und Florida. Es ist auch bezeichnend, daß die Bundeshauptstadt ganz im Osten der Union liegt. Der Osten (außer Chikago und St. Louis) ist Amerika. Im Westen dominiert nur noch das einzige San Franzisko. Aber welche Entfernungen von der Bundeshauptstadt dorthin! Wir sind gewohnt, Hauptstädte in der Mitte des Landes zu suchen. Aber wir dürfen nicht vergessen, noch vor gut einem halben oder Dreivierteljahrhundert war Amerika bloß ein Streifen am Atlantik, dessen Mitte Washington bildete. So erklärt sich noch heute seine Lage.

Der Hauptbahnhof in seinem strahlenden Marmorweiß und seinen unzähligen, zum Teil unbenutzten Geleisen macht einen sehr vornehmen Eindruck. Der Bahnverkehr Washingtons ist freilich, verglichen mit dem Neuyorks und Chikagos, recht gering. Gleichwohl hatte Washington den echt amerikanischen Ehrgeiz, den „größten Bahnhof der Welt“ zu besitzen, selbst auf die Gefahr hin, daß es alle diese Geleise gar nicht ausnutzte!

Washington ist im ganzen eine stille, aber äußerst stattliche und höchst saubere Stadt. Nur zwei Städte machten auf mich diesen Eindruck, Washington und -- Salt-Lake-City. Alles hell, gerade, luftig, grün, weitläufig. Eine wahre fürstliche Platzverschwendung herrscht in Washington überall.

Ich nahm meinen Weg sofort zum Kapitol, das aus dichtem dunklen Parkgrün hervorschaut. Ich war immer aufs neue überrascht von den weiten prächtigen Parkanlagen, von den großen, weiten Plätzen und überaus breiten Straßen, die ich hier sah. Ich hatte sofort den Eindruck, diese Stadt ist die schönste der Union, und sie kann sich wirklich mit den europäischen Hauptstädten messen. Welche königliche Platzverschwendung hat man sich hier erlaubt! Das ganze Gelände vom Kapitol zum Obelisk und von da zum „Weißen Haus“, eine gute halbe Stunde Weges, ist +ein+ Park. Aristokratisch und edel steigt das Kapitol mit seinem weißen Sandstein und seinem Marmor, seinen vorspringenden Flügeln mit ihren klassischen Tempelstilfronten und seiner imponierenden, von der Freiheitsstatue gekrönten Kuppel auf einer kleinen Anhöhe auf, ein wahrhaft majestätischer Bau. Fast erscheint die Kuppel, weniger in Anbetracht der Länge als der verhältnismäßig geringen Höhe des Gebäudes, etwas groß und schwer. Besonders reizvoll sind die Blicke auf sie aus den verschiedenen Parkwegen und von dem unteren Ende der Pennsylvania-Avenue.

[Illustration: ~WASHINGTON~

~Das Weiße Haus~]

[Illustration: ~WASHINGTON~

~„Mount Vernon“, Washingtons Landsitz~]

Am anderen Tag saß ich eine Weile auf der Galerie im Repräsentantenhaus und ebenso eine Weile im Senat und hörte den Debatten zu. Am meisten Eindruck aber machten mir die acht ehrwürdigen Richter des „~Supreme Court~“ in dem kleinen Saale des „obersten Gerichtshofes“, dessen Bedeutung etwa dieselbe wie die unseres Reichsgerichts in Leipzig ist, ja vielleicht eine größere, denn in Amerika wird das Recht nicht so sehr nach festgelegten Paragraphen angewandt, sondern nach dem Rechtssinn und Gewohnheitsrecht +gefunden+. Die Richter, außer denen des ~Supreme Court~, sind nicht vom Staatsoberhaupt ernannt, sondern werden vom Volke erwählt.

Dann stand ich unter der Kuppel unter den großen historischen Gemälden, die von der Landung des Columbus, der Einschiffung der Pilgerväter, Washingtons Übernahme des Oberbefehls über die Revolutionsarmee, von der Entdeckung des Mississippi und der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia 1776 Kunde geben. Eine imposante Halle! Oben in der Kuppel befindet sich eine mächtige Darstellung der Apotheose Washingtons, dessen Name mit diesem Land und seiner Verfassung und dieser Stadt unlöslich verknüpft ist. Kein Name ist berühmter geworden, selbst nicht der Lincolns, mit dessen Namen der Bürgerkrieg und die Sklavenbefreiung unauslöschlich verbunden sind. Als ich dann in den nächsten Saal zur Linken trat und den Marmorstatuen der großen Amerikaner gegenüberstand, deren zwei aus jedem Staat hier aufgestellt sind, drang die Geschichte, Größe und Macht dieses Landes, das einen ganzen Kontinent umfaßt, mächtig auf mich ein. Eine kurze, fast stille Geschichte, und doch bedeutungsvoller als irgendeine der europäischen Dynasten- und Raubkriege. Die Reibereien der europäischen Großmächte, Kolonialkriege, Kaiser- und Papsttum -- alles das blieb hier unbekannt. Alles, was hier geschah, diente der Kolonisation, der wirtschaftlichen und der politischen Einigung. Aus Kolonien ist das Land zu einer selbständigen, an Volkszahl und Reichtum alle europäischen Mächte überbietenden Großmacht ersten Ranges emporgewachsen, die mehr „~world-spirit~“ in sich trägt als vielleicht sogar England, dessen Hauptabkömmling Amerika doch letztlich ist. Der anglikanische Typus ist in Amerika vorwiegend und hat dank der Sprache auch die absolut dominierende Herrschaft erlangt, während die Spanier, obwohl die ersten Ansiedler, die Franzosen am Mississippi in Neuorleans, Louisiana und in Kanada, die Holländer im alten Neuamsterdam, dem heutigen Neuyork, die Deutschen, zerstreut durch das ganze Land, und endlich die romanischen und slawischen Elemente der jüngsten Einwanderung im Anglikanismus Amerikas aufgegangen sind und in ihm wohl aufgehen werden.

Amerikas Geschichte beginnt eigentlich erst mit dem Unabhängigkeitskrieg am Ausgang des 18. Jahrhunderts. Auffassung des Staats, der Kirchen im Verhältnis zu ihm, des Menschentums und der politischen Freiheit sind +Aufklärungs+gedanken. Hier hat Frankreich, das Frankreich der Revolution und der Republik, Pate gestanden (Lafayette!). Aus dieser Zeit stammt sowohl der klassizistische Stil der Staatsgebäude wie die Anlage der Stadt Washingtons. Ein französischer Architekt hat die Pläne seiner Parks entworfen. Frankreich schenkte die Freiheitsstatue für den Hafen von Neuyork, und immer ist die besondere Sympathie Frankreichs für die große Schwester in der neuen Welt wach geblieben. Wundern wir uns also nicht allzusehr, daß der inneren Stimmung nach und nicht nur aus Geschäftsgründen Amerika im Weltkrieg auf seiten Englands und Frankreichs trat. Aber kein anderer als Friedrich der Große ist die Ursache gewesen, daß Frankreich nach dem Siebenjährigen Kriege seine Besitzungen in Amerika an England abzutreten hatte! Der Siebenjährige Krieg war ebenso Kolonialweltkrieg zwischen England und Frankreich als Kontinentalkrieg zwischen Österreich und Preußen. Friedrich der Große war zum Teil Englands Soldat!

Seit dem Unabhängigkeitskrieg gab es nur noch +ein+ Ereignis, das die Union tief erschütterte, den Bürgerkrieg und die Sklavenbefreiung. Durch Kauf wurde später Florida, Louisiana und Alaska erworben; von Mexiko wurden die südwestlichen Territorien Neumexiko, Arizona und Kalifornien an die Union abgetreten; so wuchs allmählich und doch rasch das Riesenland zusammen, bis es im letzten Jahrzehnt anfing, selbst Kolonialmacht und der Erbe Spaniens, das einst den Entdecker Kolumbus aussandte, zu werden.

Diese Macht des Landes hat sich hier in der Hauptstadt ihre Symbole in prächtigen öffentlichen Gebäuden geschaffen. Gegenüber dem Kapitol liegt die Bibliothek des Kongresses, innen überreich mit Marmor ausgeschmückt, wie nur irgendein Palast in Italien, und mit einem über alles prächtigen Lesesaal, der sicher nicht viele Konkurrenten in der Welt hat. Nahe dem „Weißen Hause“ die stattlichen klassizistischen Gebäude des Bundesschatzamts und des Kriegsministeriums. Auf freiem offenen Plan davor ragt der stolze, schlanke, zu Ehren Washingtons erbaute 169 ~m~ hohe Obelisk auf, lange der höchste Steinbau der Welt, bis ihn die Wolkenkratzer überhöhten. Im Morgendunst von fern wie ein mächtiger weißer Spargel aus grünem Gebüsch, abends zart rosa leuchtend anzuschauen. Von seiner Spitze, zu der ein Aufzug -- wie mühselig sind doch die vielhundertstufigen alten Steintreppen in unseren Domtürmen! -- hinaufführt, eine überraschend großartige Rundsicht. Die ganze Stadt, die trotz ihrer verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl doch einen immensen Flächenraum einnimmt, ist eingebettet in Parkgelände. In weitem Bogen bespült sie der Potomac, so breit wie die Elbe bei Hamburg, der sich bald unterhalb der Stadt zu einer langen, tief ins Land einschneidenden Bucht verbreitert. Und jenseits liegt der große, schattige Nationalfriedhof für die Gefallenen aus dem Bürgerkrieg. Ich bedauerte, daß nicht eine gerade stattliche Allee vom Kapitol zum Obelisk führte, mit ständigem Durchblick auf die Kapitolskuppel, und ebenso vom Obelisk zum Weißen Hause. Aber das Weiße Haus wäre in seiner Bescheidenheit gar nicht dazu angetan, den Endpunkt einer stolzen Allee zu bilden, denn hier wohnt ein „Bürger“, von keinem Posten bewacht, von keiner Schloßwache beschützt, ein „Bürger“ in einer besseren Bürgervilla, zu der jeder „Bürger“ Zutritt hat. Es war mir doch seltsam zumute, als ich am Gartengitter stand und in den Garten des Weißen Hauses hineinlugte mit seinem kleinen Springbrunnen in der Mitte, seinem eigenen Tennisplatz und seinen wohlgepflegten, mit gelbem Kies bestreuten Wegen. Um mich herum auf dem offenen grünen Plan am Obelisk spielten Schuljungen und junge Burschen ihren Baseball. Viele Leute, die aus dem Geschäft oder von der Arbeit kamen, Schwarze und Weiße, standen da herum und schrien mit, applaudierten und ermunterten die Spieler. Ich ging ins „Weiße Haus“ hinein, soweit es erlaubt war. Ich erwartete kein Schloß und sollte kein Schloß erwarten. Es will auch absichtlich mit keinem Schloß konkurrieren. In der Vorhalle des Weißen Hauses fand ich eine Galerie von Präsidentenfrauen bis auf Mrs. Roosevelt; auch durfte man in den sogenannten „Eastroom“ eintreten, einen bescheidenen Empfangssaal mit Parkett, goldenen Leuchtern auf den Marmorkaminen, ein paar Blattpflanzen an den Fenstern und drei Kristallkronleuchtern. Das war alles von äußerem Glanz.

Am Nachmittag benutzte ich das Dampfboot und fuhr den Potomac hinunter nach Washingtons Landgut „Mount Vernon“ in Virginia. So bekam ich auch etwas Geschmack vom Süden, in dem einst die großen Negerplantagen waren und die Sklaverei herrschte. Die Sklaverei ist aufgehoben. Aber noch hat der Neger kein volles Recht. Zu Zeiten kommen z. B. noch fürchterliche Lynchgerichte am Neger vor. Und ob man immer den Schuldigen trifft?

Johnson, Neger.

Hinunter steig ich in die Kohlenstadt von Westvirginia. Man hat einen Neger +gelyncht+. Sonnig lächelt die Stadt zwischen Berg und Fluß, Und nachts prunkt ihre Hauptstraße: Aufreizende Läden, elektrisches Licht ... Rauhe Haufen, Bergarbeiter und Bauern suchen Frauen, Trunk und Vergnügen.

Am Tag in der ruhigen Sonne brütete Schrecken und Schuld über der Stadt. Der Sheriff zitterte: „Ich tat, was ich konnte“ sagt er, „Daisy ist 13, Ihr Vater Bergarbeiter. Sie bestellt das Haus. Es war zehn Uhr früh und Daisy allein. Es klopft. Sie öffnet. Ein Vieh von Neger nahm sie bei der Kehle -- sagt sie aus -- Und tat es ihr. Dann ging er weg. Wir stellten fünfzehn Neger in der Runde auf, Den Burschen Johnson unter ihnen. Man holte Daisy. Sie zeigt auf ihn und schreit. Das fällte ihn ...

O ja, ich tat, was ich konnte, nahm ihn hinüber nach Gentryville, Fort aus der Provinz. Ich kann nichts sagen, Ich denke mir mein Teil ...“

Ich weiß, was er dachte. Aus dem Träumer in mir wurde der Neger Johnson. Ich komme ein Fremder in eine fremde Stadt. Ein Mädchen schreit, ich habe sie geschändet. Ich werde festgenommen, ins Gefängnis gebracht ... Es ist eine Heimsuchung von Gott. Ich traure und winsle aus Furcht vor dem Übernatürlichen. Dann Entsetzen: Das große, heulende, knurrende Tier ist vor dem Gitter. Schüsse, niedergerissene Türen, Füßegestampf. Ich kreische. Mitleid! ... O meine Mutter! Meine Mutter! Man schleift mich an einem Seil die Straße entlang, Mein Blut rinnt, Schläge fallen, Ich muß sterben ...

Ich bin schrecklich verstümmelt, Das Seil wird über Telegraphendrähte geschleudert, Man zieht mich hinauf ... Zuletzt Flinten, mitleidige Kugeln ... Ist es zu Ende?

Nein: Noch baumelt der Leib, der nackte schwarze blutige Leib, Man zerreißt ihn in Stücke. Weiber und Männer tragen Finger, Zehen und Knochen als Reliquien heim.

Dies ist heute Amerika! Puritanisches Amerika, moralisches Amerika, freies Amerika ...! Ich ziehe gen Norden, freudloser als ich kam.

James Oppenheim.

Aus: Die neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. S. Fischer, Berlin.

In Mount Vernon verbrachte Washington den Rest seines Lebens, nachdem er zweimal Präsident gewesen und eine weitere Wiederwahl ablehnte, so daß es seitdem für die Präsidenten geradezu Pflicht geworden ist, höchstens acht Jahre die Präsidentschaft inne zu haben. Mount Vernon ist ein reizender lauschiger Landsitz auf einer sanften Anhöhe am Fluß, unter alten, dichtbelaubten Eichen, unter denen Washington und seine Frau auch begraben liegen. Ein paar Minuten standen wir entblößten Hauptes, eine Gruppe College-Studenten um mich herum, vor der schlichten Grotte samt einem Haufen älterer reisender Damen aus Philadelphia, die laut sich unterhaltend die liebliche Stille dieses geweihten Erdenwinkels unliebsam störten. Dann kam man oben zu der einfachen Meierei hinauf mit ihrem Herrenhaus, einem niedrigen zweistöckigen weißen Farmhaus mit offener, sehr simpler Vorhalle und einer Reihe von Ökonomiegebäuden im Hintergrund. Immer war da noch der alte Hausrat in den engen, niedrigen Stuben mit dem blankgescheuerten abgetretenen Holzboden und den großen blankgeputzten Türklinken, den alten runden goldumrahmten Bildern, den weißgetünchten Zimmerdecken, den großen offenen Kaminen und den einfachen Stühlen an dem runden Eichentisch, dem alten Klavierchord im Musikzimmer und den Gardinenbetten im Dachstock mit seinen kleinen „Sparerooms“, in deren einem Martha Washington gestorben ist, weil sie gern einen Blick auf ihres Mannes Grab haben wollte. Es war eine Luft, eine Umgebung und ein Hausrat etwa wie im Frankfurter Goethehaus. Frau Martha Washington schien mir sogar etwas Ähnlichkeit mit der alten Frau Rat Goethe zu haben. Man konnte auch Washingtons Todeszimmer sehen, wo er selbst 1799 starb. Die reisenden Damen aus Philadelphia schluchzten fast vor Vergnügen, daß sie das alles sehen durften, und brachen in jedem Zimmer in juchzende Seufzer aus: „Ach, hier hat er gesessen, ach und hier hat er gegessen und hier in diesem Bett ist sie gestorben -- hier ist sein Degen, den er trug, und hier die Guitarre, die er spielte.“ In hellen Haufen drängten sie sich in dem kleinen Haus und auf den engen Stiegen und in den kleinen Zimmern, rannten über die Höfe und die grünen Grasplätze und erfüllten alles umher mit ihrem Geschwätz. Daß man nicht einmal hier ein stilles Stündchen verbringen konnte! Wie drang hier die alte Zeit auf mich ein, da vor hundert Jahren noch Philadelphia und Boston, die größten Städte der Unionstaaten, kaum ein paar Tausend Einwohner zählten! Wenn Washington heute die Millionen Menschen und die Wolkenkratzer und Chikago, das damals noch ein Sumpf war, und den fernen Westen sähe, an den vor hundert Jahren noch niemand dachte! -- -- --

Aber die Dampfsirene des Schiffes ertönte und mahnte zur Rückkehr. Und nun mußte man dieses stille alte Landgut mit seinen Erinnerungen wieder allein lassen und konnte nicht mehr unter den alten Bäumen sitzen und auf die breite Wasserfläche des Potomac hinunterschauen, wo von ferne die weiße Säule des Obelisk aufragt und die adlige Kuppel des Kapitols, die beide diesen Mann von Mount Vernon ehren. Inzwischen schnatterten die Damen aus Philadelphia wieder durcheinander, Deutsch-Amerikanerinnen anscheinend mit den Fehlern beider Nationen behaftet, ohne ihre guten Seiten zu besitzen, in einem fürchterlichen Sprachmischmasch: „Wollen Sie nicht hier sitzen, Miß Fuchs, ich habe für Sie einen Chair mitgebracht oder ~sit down right here~ ... schade, daß es regnen will, wo haben Sie denn Ihre ~umbrella~ gelassen? ... Wo ist Mrs. Arnold, ~perhaps she is looking for you~ ... Großartige Rosenstöcke, ~did you see them~? Oh, ich bin so ~sorry~, ich war nicht in der ‚~kitchen~‘, ~it makes me mad~. Ich habe auch nicht gesehen, wo Mrs. Washington ~died~ ... Sehen Sie, hier habe ich einen ~spoon~ von dem Holz der Bäume, die er selbst gepflanzt hat, gekauft; sie ~sell~ es nirgends anders ... ~They have the copyright~ ... Und ich habe hier einen Teller gekauft für ~parties~ ... Und ich habe für meinen ~boy~ ein Bild, ~because~ er ist so ~interested in it~ ...“ In diesem Sprachstil ging es fort ...

Es ist schade, daß man ein Glück selten rein genießen darf. Während wir mit dem Dampfboot den Potomac wieder aufwärts fuhren und ich so gern den geschichtlichen Erinnerungen noch nachgehangen hätte, und der Abend langsam über Land und Wasser herabsank, wie damals als ich am letzten Abend auf deutschem Boden von Blankenese nach Hamburg zurückfuhr, schnatterten mir immerzu diese „philadelphischen“ Damen mit ihrem Deutsch-Amerikanisch dazwischen. Immerhin eine Vorbereitung auf Philadelphia, das ich morgen betreten wollte.

Noch einmal schritt ich den Abend durch die fürstlichen und adligen Straßen der Bundeshauptstadt. Eine gemessene Vornehmheit des höheren Beamtentums bewegte sich durch die Hauptstraßen, merklich anders als in Los Angeles und San Franzisko, aber auch anders als in Neuyork und Chikago, am ähnlichsten noch Boston.

Fußnoten:

[Footnote 36: Indianisch.]

Baltimore, Philadelphia.

Es gibt keine Stadt in der Union, die sich mit Washington an Stattlichkeit vergleichen könnte. Seine marmornen Institute und sein Kapitol sah ich noch lange vor Augen.

Es kam der vorletzte Tag meiner Rundfahrt, der mich wieder bis Neuyork zurückbringen sollte. In zwei schnellen Stunden -- wie kurz waren hier im Osten die Entfernungen! -- ging es durch das wohlangebaute Maryland nach dem großen von Schloten und Überseedampfern mächtig rauchenden Baltimore. Baltimore ist nächst Neuyork der größte Überseehafen der Union.

[Illustration: ~PHILADELPHIA~

~Market-Street mit dem 155 m hohen Turm des Stadthauses (City hall)~]

[Illustration: ~LAKE WINNIPESAUKEE~]

Die Millionenstädte des Ostens liegen alle an breiten, tiefeinschneidenden Buchten, in die große Ströme einmünden. Die nördlichste Boston an der kreisrunden Massachusettsbai, in die breit der Charles River strömt, England am nächsten gelegen, daher von den Puritanern auch zuerst erreicht. Es folgt Neuyork an der Mündung des breiten Hudson auf der einst unangreifbareren, langgestreckten Halbinsel Manhattan am inneren Rand der prachtvollen „~upper bay~“, die in den ~narrows~ einen engen, leicht verschließbaren Ausgang nach dem Ozean hat. Dann kommt die früher, ehe Neuyork so fabelhaft anwuchs, größte und bedeutendste Stadt der Union Philadelphia, heute noch immer ihre drittgrößte Stadt, an dem breiten Delawarefluß, der sich in die Delawarebucht ergießt. Philadelphia ist von dem sehr viel jüngeren Chikago, der Hauptstadt des mittleren Westens, schnell überholt worden. Einst war Philadelphia mit Boston die geistige Führerin der Union. Boston als Sitz der Puritaner, Philadelphia als Sitz der Quäker und vieler Deutschen in dem ersten Hauptabschnitt ihrer Einwanderung. Dem Quäkertum verdankt die Stadt auch ihren schönen Namen: „Stadt der Bruderliebe“. Es folgt an der Küstenlinie Baltimore, groß, rauchig und an Seeverkehr ein amerikanisches Liverpool oder Hamburg, an der breiten, fast an 300 ~km~ tief ins Land nordwärts einschneidenden Chesapeakbai, in die der breite Susquehanna River mündet. (Nebenbeigesagt sind in den Flußnamen besonders viele indianische Bezeichnungen erhalten: Susquehanna, Potomac, Monongahela, Shenandoah usw.) Die jüngste Gründung war Washington, eine reine Beamten- und Verwaltungsstadt am breiten Potomac, der auch in die Chesapeakbai fließt. Also fünf riesige Städte wie an eine Schnur aufgereiht in einem Gesamtabstand von Washington bis Neuyork von etwas über 350 ~km~, für die Union eine kleine Entfernung.

Da ich im Grunde meiner Seele die Großstädte hasse -- und ihrer soviele in der Union nur deshalb aufgesucht habe, weil in ihnen das eigentliche amerikanische Leben pulsiert -- so versagte ich es mir entgegen meinem Reiseprogramm nach kaum anderthalb Stunden Fahrt von Washington aus, in Baltimore -- es wäre mein zwölfter Großstadtbesuch gewesen -- schon wieder auszusteigen. Ich war es nun vier Wochen gewohnt, mindestens einen vollen Tag und eine Nacht oder gleich zwei bis drei von ihnen hintereinander durchzufahren, daß es mich ordentlich verwunderte, daß ich „schon“ um Mittag vor der City Hall mitten in Philadelphia stand! Im Osten schrumpfen eben die Entfernungen schnell zusammen, wenn man aus dem Westen kommt und nehmen einigermaßen wieder europäische und menschliche Maße an. So ließ ich mir also am Blick von der Eisenbahn auf die rauchende Hafenstadt Baltimore genügen und dampfte weiter. Baltimore hat gleich Washington -- darin kennzeichnet sich seine südlichere Lage -- nicht bloß sehr viel Farbige -- über ein Zehntel seiner Bevölkerung! -- sondern auch besonders viele Katholiken, denn es geht ja auf die Gründung des katholischen Lords gleichen Namens zurück und war eine Zufluchtsstätte verfolgter englischer Katholiken. So ist hier auch der Sitz des amerikanischen Erzbischofs und Kardinals, einer Person, die sich eigentümlich mit ihrem mittelalterlichen Ursprung in dem übermodernen amerikanischen Leben ausnimmt. Aber gerade in den jüngsten Zeiten der Einwanderung aus Süd- und Osteuropa hat das katholische Element sehr zugenommen.

Die Stadt Baltimore wurde schon 1729 gegründet. Sie ist eine der Veteranen in der Union. Heute ist sie Hauptsitz der Austernkonserven-, der Stahl-, Segeltuch- und Backsteinindustrie, dazu Hauptausfuhrhafen für Getreide. Baltimores Washingtonmonument und seine City Hallkuppel grüßten mich. Die bekannte Universität Baltimores „John Hopkins“ hätte ich gern zum Vergleich mit Harvard aufgesucht, aber es fehlte die Zeit. Wie die großen Städte, so liegen auch die großen geistig führenden Universitäten fast alle wie auf eine Schnur gereiht an der Küste des Atlantischen Ozeans: Harvard bei Boston, Yale in Newhaven (s. S. 70), Kolumbia in Neuyork, Princeton bei Philadelphia, deren Rektor eine Zeitlang niemand anders als Woodrow Wilson war (!), und John Hopkins in Baltimore, Stiftung eines reichen gleichnamigen Handelsherrn.

Währenddem waren wir schon über den mächtig breiten Susquehanna River gesetzt, +Philadelphia+ entgegen. Die rauchige riesige Hafenstadt mit ihrem Wald von Masten und Schloten der Ozeandampfer hatte wieder saftigen Wiesen mit weidenden Viehherden, Wäldern und kleinen idyllischen Bachtälern Platz gemacht. Überall sah man sehr wohlangebautes und wohlgepflegtes Farmland, dem man es ordentlich anmerkte, daß es schon Jahrhunderte alt war. Pennsylvanien ist noch heute einer der bestbesiedelten und bestangebauten Staaten. Fast an norddeutsches Tiefland erinnerten seine gefälligen roten Backsteinbauten mit ihren grünen Fensterläden, die noch in der „Stadt der Bruderliebe“ weit verbreitet und heimisch sind, so daß man in Philadelphia wie etwa heute noch bei uns in Bremen zumeist im eigenen kleinen Heim wohnt statt in riesigen Mietskasernen wie auf dem engbeschränkten Raum Neuyorks. Philadelphia hat sich damit mit Recht den ehrenden Namen einer „~City of homesteads~“ (Stadt der Heimstätten) erworben!

An Wilmington ging es vorüber, der größten Stadt in dem kleinen Staat Delaware, was allerdings nicht viel sagen will. In Delaware besteht übrigens aus früheren Zeiten allein noch die öffentliche Prügelstrafe! Sie könnte auch für manche Roheitsdelikte in der alten Welt noch bestehen! In dieser Gegend, die wir jetzt durchfuhren, landeten zur Zeit des 30jährigen Krieges schwedische Kolonisten und gründeten ihre erste europäische Niederlassung am Delawarefluß. Noch heute steht davon als Wahrzeichen eine kleine, Ende des 17. Jahrhunderts erbaute Schwedenkirche! Weiter ist es hier die Gegend, wo Washington den Delaware im Kampf gegen die Engländer überschritt. Hier war es auch, wo sich die geduldigen, friedliebenden Quäker unter William Penn schon 1682 festsetzten und vertragsmäßig -- nicht wie sonst mit Gewalt und Krieg -- den Indianern das Land mit Verträgen abkauften, die einzig hier in der Welt nicht gebrochen wurden, ohne beschworen zu sein! Bekanntlich verwerfen die Quäker noch heute den Eid.

Allmählich mehrte sich wieder der Rauch. Alle Anzeichen einer nahen großen Stadt meldeten sich. Über einem riesigen Häusermeer erschien bald der 155 ~m~ hohe Turm der City Hall von Philadelphia, lange auch eines der höchsten Bauwerke der Welt. Punkt zwölf stand ich am Ende der 19 Meilen langen „Broad Street“, die mit dem Broadway in Neuyork eifert, an seinem Fuße. Wieder umbrandete mich der typische amerikanische Großstadtverkehr! Es war wieder nicht viel Unterschied, ob man auf der State Street in Chikago oder dem Broadway in Neuyork oder der Broad Street in Philadelphia stand. Freilich am wildesten ist die Tonart des Verkehrs in Neuyork, am sanftesten für die Größe der Stadt noch in Philadelphia; Chikago hält etwa die Mitte. So steht es auch mit den Wolkenkratzern. Neuyork hat weitaus die meisten und höchsten, in Philadelphia sind es im ganzen nur wenige und mäßighohe, die Stadt hat ja nach allen Seiten Ausdehnungsmöglichkeiten genug und hat von ihnen Gebrauch gemacht. Der weißlockige perückentragende William Penn hat sie einst rechtwinklig angelegt wie alle amerikanischen Städte, indem er das riesige Straßenkreuz der Broad und Market Street anlegte, in dessen Mitte genau die City Hall mit ihrem riesigen Turm steht, so daß er gebietend gleichsam über die ganze Stadt sieht. Aber fast kaum glaublich ist, daß noch zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges die heutige Zweimillionenstadt nur etwa 12000 Einwohner zählte, und geradezu rührend wirkt das alte kleine State House, dessen Backsteine man im Fairmountpark wieder aufgebaut hat, das älteste Backsteinhäuschen des ganzen Landes von wenig Quadratmetern Umfang!

Ich fuhr zum Turm der City Hall hinauf und hatte von oben wie vom Obelisk in Washington wieder eine märchenhafte Aussicht über die ganze Stadt und ihre Umgebung. Man stand hier oben dem Menschengewimmel und Geschäftsgetriebe fast so entrückt wie auf dem Metropolitan Tower in Neuyork. Weit sah man zum grünen und hügeligen Fairmountpark, dem Stolz Philadelphias, hinüber und auf der andern Seite zu dem meerarmartigen breiten Delaware. Mitten durch das Riesenschachbrett der Stadt windet sich außerdem noch der weit schmälere Schuylkill-River, der in den Delaware unterhalb der Stadt fließt.