Part 4
Alles, was auf der Landebrücke und an Bord stand, rief, schrie, winkte, lachte und weinte vor Freuden des Wiedersehens und der glücklichen Ankunft. Ich suchte auch meinerseits, wie alle ihre Verwandten, meinen Onkel, der mich abholen wollte und hielt eine ganze Weile einen älteren weißhaarigen Herrn dafür, bis ich auf einmal mit großer Enttäuschung meines Fehlschlusses gewahr wurde. Wie, wenn nun niemand da war --? Die Musik spielte, wie wir in Kuxhaven abfuhren. Mit Tauen wurde jetzt das große Schiff festgemacht. Nun schlugen sie auch die große Brücke hinunter. Die zweite Klasse durfte an Land gehen ... Ich war unter den Ersten.
Eben wollte ich den Fuß auf amerikanischen Boden in die große Zollhalle setzen, als ich auch schon angehalten und zurückgeschickt wurde!! O weh, was hatte ich denn verbrochen? Ich war mir gar keiner Schuld bewußt! Sollte ich etwa wieder unverrichteter Sache heimgeschickt werden? Das wäre ja furchtbar gewesen! Diese Blamage daheim, wenn ich überall gefragt wurde, wie es in Amerika war und wie es mir dort gefallen hätte!! Oder sollte ich etwa vier Wochen mit den Zwischendeckern und Einwanderern nach dem berüchtigten Ellis Island geschickt werden? Ich war doch weder krank noch ein Verbrecher! Mein Onkel war ein unbescholtener ~American citizen~, ich selbst ein wißbegieriger Weltreisender und ein mehrmals akademisch geprüfter Deutscher, vor dem die Amerikaner doch sonst einige Achtung zu haben pflegen! Meine Papiere waren in Ordnung. Ich hatte weder mit dem Kapitän einen Zusammenstoß gehabt noch war ich etwa der Dieb des unglücklichen Mitreisenden. Ich kam auch nicht ganz mittellos, wenn auch gar nicht vermögend. Mein Reisebillett war auch richtig bezahlt ... Was es nur war? So schossen mir blitzschnell hundert Möglichkeiten durchs Hirn, und schon war ich im Begriff, dem kaltherzigen Beamten eine lange Rede zu halten und zu bedeuten, wen er vor sich habe. Freilich, ob mein Englisch in diesem Fall der inneren Aufregung schon zugereicht hätte? Da hörte ich seine Erklärung: Ich sei weder vor dem Doktor noch vor dem Regierungskommissar gewesen, deren Stempel auf meiner Karte fehlten!!
Tausend und Doria, wahrhaftig, ich hatte von Deck aus so genau alle Einzelheiten der Landung und der Einfahrt beobachtet -- damit mir für mein Reisetagebuch ja nichts entgehe -- daß ich es ganz übersehen und überhört haben muß, wann und wo man sich den beiden hohen Herren vorzustellen hatte. Und aus Deutschland hätte ich doch wahrhaftig an Ordnung und Gehorsam gegen die hohe Obrigkeit gewöhnt sein können! Wirklich, die Neue Welt hatte auch ihre Gesetze und Rechte und ließ sie nicht ungestraft übertreten!
So mußte ich zurück -- und wäre doch so gern der erste bei der Landung gewesen! -- durch Gänge und Treppen, davon viele jetzt verschlossen waren, wo man sonst ein- und ausging, bis ich endlich den Arzt und den Regierungsbeamten im Speisesaal fand, noch von einer dichten Menge Passagiere umlagert. Erst wurde hier vom „Doktor“ jedem in die Augen geschaut, ob man auch gesund war. Gottlob, ich war es! Dann fragte die Einwanderungskommission nach Name, Stand, Herkunft, Reiseziel, sogar wieviel Geld man bei sich führe und dergleichen. Wer nicht wenigstens 25 Dollar bar vorzuzeigen hatte -- die Verpflegung für die ersten Tage -- wurde gar nicht ins Land hereingelassen, ebensowenig wer etwa mit einer Frauensperson reiste, die weder seine nahe Verwandte noch seine Frau war. Auch alleinreisende Mädchen kamen nur nach Amerika herein, wenn sie drüben Verwandte besaßen. Glücklicherweise konnte ich auf alle Fragen der Kommission eine befriedigende Antwort geben -- ich radebrechte zum erstenmal kühn auf englisch drauflos -- ich war weder ein alleinreisendes Mädchen noch hatte ich kranke Augen. Ich hatte auch ein bestimmtes Reiseziel, besaß mehrere ~American citizens~ als Verwandte und konnte sogar den letzten Trumpf ausspielen, daß ich 25 Dollars in bar vorzuweisen vermochte. Andernfalls hätte ich wohl noch einige Tage auf Ellis Island sitzen und über die Nützlichkeit und gerechte Weisheit der amerikanischen Einwanderungsgesetze nachdenken können, die unangenehme Gäste aus der Alten Welt und insonderheit aus Osteuropa dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten am liebsten jetzt ganz fernhalten wollen. Kurz, ich kam heil aus dem Fegfeuer, kriegte den ersehnten Stempel und durfte die ersehnte Brücke zum Festland überschreiten und den Boden des gelobten Landes -- zunächst in Gestalt riesiger Zollhallen -- betreten!
Vor den Preis haben die Götter nun einmal den Schweiß -- und auch die Geduld gesetzt. Ich, der ich am liebsten gleich über den Hudson nach Neuyork hineingestürmt wäre, sah von Amerika in den Zollhallen zunächst noch gar nichts weiter als Berge von Koffern meiner Mitreisenden, Hunderte von wartenden Menschen und einige völlig rasierte gum-kauende amerikanische Zollbeamte in Zivil. Am Strohhut die Regierungskokarde war ihr einziges Abzeichen! Jeder Ankömmling hatte sich zunächst bei seinem Buchstaben aufzustellen, die in Riesengröße von den Wänden hingen und dort auf das Heranbringen seiner Koffer geduldig zu warten. Waren sie alle angelangt, so hatte man sich zur „~office~“ zu begeben, sich in sehr langer Polonäse daselbst anzustellen und zu warten, bis man seinen Zollzettel und seinen Zollbeamten kriegte. Der nahm dann genau und gemächlich die Revision vor. Alles, was daheim mit soviel Liebe und Akuratesse zusammengepackt war, flog jetzt gleichgültig durcheinander, die Hemden aus den Falten, die Anzüge zum Teil in den Staub des Hallenfußbodens. Auch war es nachher eine wahre Kunst, alles wieder einigermaßen richtig hineinzupacken und den Deckel wieder richtig zuzukriegen. Zu Hause war das mit vereinten Kräften und in Ruhe erfolgt. Hier mußte alles schnell und allein geschehen. Wie mancher sah sich da hilfesuchend nach mitleidigen Seelen um! Zollpflichtiges wurde bei mir nicht gefunden, ich hatte weder Seide noch Perlen noch Zigarren.
Aber was nun? Manche weinten schon, weil ihre Angehörigen aus Chikago oder wo sonst her noch nicht da waren und sie kein Wort der fremden Sprache verstanden! Wir waren ja einen ganzen Tag zu früh eingetroffen!! Und die Freude darüber verkehrte sich bei vielen jetzt schnell in weinende Wehmut. Als ich gerade darüber nachdachte, was ich nun wohl in dem fremden Erdteil mutterseelenallein in einer mir völlig fremden Sechsmillionenstadt zuerst anfangen würde, entdeckte ich am Eingang einen liebenswürdigen alten Herrn mit goldener Brille, der jemand eifrig zu suchen schien. Ich hätte ihm gleich vor allen Leuten um den Hals fallen mögen. Es war ja Onkel, mein Retter!
Jetzt brauchte ich nicht mehr alle meine englischen Vokabeln und Phrasen zusammenzukramen -- ich konnte erst noch einmal ein paar Tage meinem Herzen auf deutsch Luft machen und alle meine Eindrücke deutsch verstauen und verdauen. Mein Onkel hatte mich auch erst am nächsten Tag abholen wollen -- da las aber zufällig sein Enkel diesen Morgen in der Zeitung, unser Schiff werde wahrscheinlich schon diesen Vormittag docken, läuft zum Onkel, teilt es ihm mit; der stürzt zum „~subway~“ (Untergrundbahn) und versucht mich noch in Hoboken zu erwischen. Und er kam noch gerade recht.
Wir schüttelten uns herzlich und lange die Hände. Die Fremde war mit einem Schlag Heimat geworden! Wie gut, daß ich so lange bei dem Doktor, bei den Koffern und beim Zoll warten mußte, sonst hätte mich Onkel in Hoboken gesucht und ich ihn derweilen in Neuyork! Man sieht wieder, „wozu das Mißgeschick gut war“!
Fußnoten:
[Footnote 1: Engen.]
[Footnote 2: Fähren.]
Neuyork.
Das erste, was mir, als wir nun endlich nach Übergabe meines Gepäckscheins an eine „~Transfer-Company~“[3] die Tore der Zollhalle verlassen konnten, auf dem amerikanischen Pflaster Hobokens auffiel, war -- ein Neger. Bald sah ich sie überall, die man bei uns vielleicht nur einmal in Zoologischen Gärten bestaunt, als Portiers, Gepäckträger, Droschkenkutscher, Handwerker, Hilfsschaffner und dergleichen. Und eine der großen Nationalfragen der Union tauchte schon am Zolltor Hobokens vor mir auf: die Negerfrage. Mitten durch die demokratische Union zieht sich wie ein Riß die Farbenlinie zwischen Schwarz und Weiß. 14 Millionen Schwarze und Farbige gibt es heute in der Union, im Süden noch weit mehr als im Norden. Der große Bürgerkrieg in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war um ihretwillen entbrannt. Ich sah auch bald, wie sich Weiße und „~colored people~“ ängstlich scheiden, wie die Schwarzen vielfach ihre eigenen Bahnabteile, Restaurants, Theater, Varietés -- ja Kirchen haben! ... Und ich sah sie bald, vom Negerbaby mit seinem reizenden schwarzen Stumpfnäschen in seinen blendend weißen Kißchen bis zur behäbigen schwarzen Amme oder dem ergrauten niederen Handwerker, vom tiefsten Tintenschwarz, aus dem nur die Zähne und die Augen hervorleuchten, bis zum häßlichsten hellen Braungelb, je nach der Blutmischung. Ich gedenke aber heute auch noch gern zweier persönlicher Negerfreunde. Der eine war unser getreuer „Jack“ in der großen Universitätsspeisehalle in Cambridge, der uns alle unsere Lieblingsgerichte auf besonderen Wunsch in doppelten Portionen brachte -- die gute Seele! -- und der andere war ein strebsamer Negerstudent, mit dem ich mich manchmal an den Ufern des Charles River in Boston in freien Stunden erging ... Nur ihr Rassenduft war manchmal nicht gerade erwünschteste Beigabe ...
Mamas kleine schwarze Rose.[4]
Eines Tages weinte ein kleiner Schwarzer in Tennessee, Sein kleinesHerz schluchzte, Weil er nicht weiß war. Da küßte ihn seine liebe alte Mutter und sagte, Und sagte zu ihm: Weine nicht, Kind, Weine nicht, mein kleines Kind, Und sie sang ihm ein Schlummerlied:
Trockne deine Tränen, meine kleine schwarze Rose, und weine nicht, Schlaf ein und schließe die Lider. Weine nicht, weil du schwarz bist. Du bist eine Wolke mit silbernem Futter, Wie jeder alte Rabe glaubt, sein Kind sei weiß wie Schnee, So gut weiß deine alte Mutter, daß du eine Rose bist. Und als die Engel dir diese schönen Locken gaben, Mischten sie einen Strahl von Sonne mit hinein. Deshalb, glaube ich, bist du schwarz, Und dein Herz, Liebling, so weiß. Also seufze nicht, weine nicht, Du bist Mamas kleine schwarze Rose.
Nach diesem Empfang umtoste mich nun der Lärm der Weltvorstadt: Autos, Omnibusse, Straßenbahnen, Droschken, Agenten, Schutzleute, Reisende ... alles lief, sprach, klingelte, schrie ... ein sinnverwirrendes Durcheinander. Der gute Onkel geleitete mich sicher zum Tunnel der Untergrundbahn, und mit ihr fuhren wir dröhnend und rasselnd in prächtigen, hellerleuchteten, strohgepolsterten ~D~-Zug-ähnlichen Wagen unter dem breiten Hudsonfluß nach dem eigentlichen Neuyork auf die langgestreckte Insel Manhattan hinüber. Als wir drüben wieder ans Tageslicht stiegen, waren wir mitten auf der Hauptgeschäftsstraße Neuyorks, dem berühmten „Broadway“.
Ich mußte unwillkürlich an die Häuserwand treten, um erst einmal einen ruhigen Standpunkt zu gewinnen. Da waren sie ja nun wirklich dicht vor mir die Wolkenkratzer und erhoben sich mit ihren 24, 30, 40 usw. Stockwerken bis 100, 150 und mehr Meter Höhe! Der an sich breite Broadway wand sich wie eine enge Schlucht zwischen ihnen hindurch. Auf dem Asphalt aber ein unübersehbares Gewühl von Lastwagen, Autos, Straßenbahnen, Hochbahnen auf mächtigen eisernen Gerüsten, und unter uns in der Tiefe raste der „Subway“[5]. Auf den Gangbahnen aber eilten die Menschen geschäftig und unablässig wie in Berlin und Hamburg hin und her. Die Herren waren alle rasiert. Nirgends sah ich einen Schnurr- oder gar Vollbart! Die Gesichter schienen mir etwas eigenartig Scharfkantiges, ja fast etwas Rechteckiges an den Kieferknochen zu haben; auch ihr Blick schien mir starrer und fester als bei uns. Es prägte sich deutlich auf diesen Gesichtern eine noch größere Arbeitsunrast als bei uns aus, ja wie eine Unfähigkeit zum gesunden Genießen: „Taylorsystem!“ Bummelnde Amerikaner habe ich überhaupt nicht gesehen. Selbst im Schaukelstuhl daheim schaukelt man wenigstens noch, um nicht ganz untätig zu sein, und in der Straßenbahn kaut man zur Unterhaltung und Beschäftigung „~Chewing gum~“. Infolgedessen ringsherum auf dem Pflaster ein ständiges unappetitliches Ausspucken. Das Pflaster der Gangbahnen des Broadway war von Hunderten kleiner Spuckpfützchen übersät!!
Nach wenigen Schritten standen wir vor einem riesigen turmartigen Gebäude der Metropolitan-Lebensversicherung und ihrem 48 Stockwerk (über 200 Meter, höher als die höchsten Dome Europas!) hohen „Metropolitan Tower“, den eine vergoldete Kuppel krönte. Den mußte ich bald besteigen und von oben auf das Riesenbabel niederschauen! Das stand mir jetzt schon fest. Aber das hatte noch ein bißchen Zeit. Ihn überragt heute noch das 58 Stockwerk (228 Meter) hohe ~Woolworth building~, dessen Platz allein 4½ Millionen Dollars kostete, wo also jeder Quadratmeter etwa hunderttausend Mark wert war. Daneben ist der Eiffelturm kein Riese mehr! Aber zunächst erst einmal heim zur Tante, die uns gewiß sehnlichst erwartete ...
Wir saßen im ~Broadway subway~, in dem es in der Tiefe ab und zu einmal furchtbare Unglücksfälle gibt; in dem stets aber eine wie im Bergwerk atembeklemmende Luft herrscht! Er hat vier Schienenstränge, in der Mitte für „Schnellzüge“, an den Seiten für „Personenzüge“. Neuyork ist auf der Insel Manhattan an 19 Meilen lang. Zu Fuß würde man 4½ Stunden zum Durchschreiten seiner Länge brauchen. Die Untergrundschnellbahn aber, die nur ein paarmal hält, durchfährt die ganze Strecke in etwa 25 Minuten! Man steigt unterwegs um in den „Personenzug“, um am richtigen Straßenblock aussteigen zu können. Ähnlich dem Betrieb in der Horizontalrichtung in der Stadt ist der in der Vertikalrichtung in den höchsten Wolkenkratzern! Auch hier fährt man erst mit einem Schnellaufzug, der nur jeden 5. Stock hält, etwa bis zum 35., um von da noch mit dem „Personenzug“ etwa bis zum gewünschten 39. Der „Expreß“ aber fährt meist gleich ganz in zwei Minuten bis zum Aussichtsbalkon durch ...
An der 137. Straße stiegen wir aus. Querstraßen in den amerikanischen Städten sind einfach (zwar praktisch, aber höchst prosaisch!) meist nach Nummern benannt, die Längsstraßen werden vielfach als Avenuen u. dgl. gezählt. Daher hat auch die berühmte „~Fifth avenue~“ der Multimillionäre in Neuyork ihren Namen. Die Straßen laufen meist zueinander rechtwinklig, so daß jede große Stadt wie ein Riesenschachbrett erscheint.
[Illustration: ~NEW YORK~
~The West-Street-Building, rechts der Turm des Singer-Gebäudes~]
[Illustration: ~NEW YORK~
~Trinity-Church, gegenüber Wall-Street~]
Tante empfing mich trotz ihrer vorgerückten Jahre, und obwohl wir uns bis dahin im Leben erst einmal gesehen hatten, überaus herzlich und hatte allerlei amerikanische und mir noch nicht geläufige Genüsse zur Erquickung bereitgestellt: ~Grape fruit~, ~ice-cream-soda~, Bananen in Sahne und Zucker aufgeschnitten u. dgl. In der „Halle“ des Hauses unten empfing uns der Hausmann, ein Neger, und fuhr uns im Aufzug ins „flat“ (Wohnung) nach oben. Zeitweilig hielt sich Tante auch ein Negerdienstmädchen, aber .. sie hat es bald aus den erwähnten Gründen wieder abgeschafft. Die Jalousien über den großen Schiebfenstern, die man von unten nach oben öffnet, waren überall sorglich heruntergelassen, denn Neuyork litt trotz der Septembermitte noch unter einer sehr großen lästigen feuchtschwülen Hitze. Die Männer gingen daher ohne Weste und Jacke, meist bloß im Faltenhemd mit Gürtel. Tantes Wohnung glich wie die meisten der amerikanischen Damen einem kleinen Museum oder einer großen niedlichen Puppenstube, als sei sie stets nur zum Ansehen gewesen. Altbremische Sauberkeit und amerikanische Freude an schönen Sachen hatten hier einen Bund geschlossen.
Welch eine Erquickung war es, sich nun des Abends wieder in ein richtiges Bett legen zu dürfen und nicht nur in ein Oberbett der Kabine. Es erscholl kein in Angst versetzendes Nebelhorn mehr, noch stieg die Kabine in den Wänden ächzend langsam auf und nieder oder rollte von einer Seite auf die andere. Und auch am Tisch saß man wieder ganz fest und sicher ... Und nun ging’s ans Erzählen ...
Lange litt es mich nicht im Hause. Anderen Tag schon begann ich meine Wanderungen durch ~New York~, nur mit Reiseführer, Karte und meinen bescheidenen englischen Kenntnissen ausgerüstet. Ich fuhr zuerst mit der Straßenbahn und der Hochbahn, die vor dem Subway den Vorzug der mannigfaltigen Aussicht hatten, wenn sie auch dem Subway sehr an Schnelligkeit nachstehen, zurück ins Stadtinnere, also „~downtown!~“, wie der Neuyorker sagt. An der +City Hall+, dem alten Rathaus Neuyorks, stieg ich zuerst aus. Äußerst bescheiden und klein unter den Riesen steht das Rathaus dieser Riesenstadt mit seinem feinen, weißen Marmor am City Hall Park, einer anmutigen grünen Oase mitten in dem tollen Geschäftstrubel, ein geschichtliches Denkmal dafür, wie es in Neuyork noch im Beginn des 19. Jahrhunderts aussah, als der heute verschwindend kleine zierliche Rathausturm alle anderen Häuser noch stolz überragte und keine Dollarburg ihm das Sonnenlicht verdunkelte. Als Napoleon I. nach Rußland zog, wurde City Hall eingeweiht. Im Empfangssaal des Governors steht noch das Pult, auf welchem Washington einst seine erste Botschaft an den damals in Neuyork tagenden Kongreß geschrieben hat, und auch der Stuhl, der George Washington bei seiner Inauguration zum ersten Präsidenten als Sitz gedient hat ..! Heute wirkt das alles wie ein schlichtvornehmer Gruß aus längst vergangenen Zeiten.
Von der City Hall wanderte ich den Broadway, die einzigartige asphaltierte Wolkenkratzerschlucht, zu Fuß weiter hinunter bis zur Südspitze der Insel Manhattan, also an den südlichsten weitvorgeschobensten Punkt der Stadt, bis zur sog. „+Battery+“. Mich zog es zum geliebten Meer hin. Ich mußte einmal wieder Seeluft in die Nase ziehen. Dabei kam ich an der alten und ehrwürdigen Trinity Church vorüber, die auf ihrem alten Kirchhof mitten zwischen den höchsten Wolkenkratzern steht und zwischen ihnen trotz ihres über 80 Meter hohen Turmes heute völlig verschwindet! Ein höchst instruktives Bild der Stadtentwicklung. ~Trinity church~ stammt mit ihrer Parochie noch aus der holländischen Zeit der Stadt vor über zweihundert Jahren. Die erste Kirche der zweitältesten und reichsten Gemeinde der Stadt wurde hier schon 1697 errichtet! Sie ist also „~old, old, very old~“! Einst gehörte ihr fast das gesamte Areal des umliegenden Hauptgeschäftsviertels! Welche unausdenkbaren Werte! Auf dem Kirchhof -- merkwürdigerweise genau gegenüber dem Eingang zu Wallstreet, als wollte er symbolisch andeuten, daß auch alle Goldjagd zuletzt der Tod endet! -- sind noch Grabdenkmäler zu sehen, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen! Das will in Amerika sehr viel besagen, denn dort ist schon sehr „alt“, was aus der Zeit Washingtons vor hundert Jahren stammt. Die Union hat ja kaum 1½ Jahrhundert Geschichte hinter sich, und jedes Jahr+zehnt+ drüben bedeutet bald soviel wie ein Jahr+hundert+ in Europa, was die Schnelligkeit der durchlaufenen Entwicklungsstufen angeht.
An der Battery -- der Name stammt noch von den ersten holländischen Befestigungswerken aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts -- und ihren „Batterien“ steht man sowohl auf einem historisch als auch geographisch einzigartigen Grunde. Einst war hier an dieser Stelle in der Zeit der englischen Herrschaft vor den Freiheitskämpfen der Mittelpunkt des Neuyorker geschäftlichen Lebens! Heute liegt der weite Platz fast völlig still. Wie haben sich die Zeiten gewandelt! Anfang des 17. Jahrhunderts fuhr hier ein Henry Hudson, der Entdecker des Neuyorker Hafens, im Auftrag der holländischen Ostindienkompagnie auf seinem kleinen Boot dem „Halve Maan“ (Halbmond) unter holländischer Flagge den Hudson hinauf, um die sog. „nordwestliche Durchfahrt“ zu finden. Aber unverrichteter Sache mußte er umkehren. Drei Jahre später wurden hier auf dem Südende von Manhattan die ersten holländischen Blockhütten errichtet und Handel mit den damals noch umwohnenden Mohawkindianern begonnen. Die +ganze Manhattaninsel+, die heute Neuyork mit 2½ Millionen Einwohnern trägt, wurde zu jener Zeit den Indianern für Glasperlen und Knöpfe, im Werte von etwa 60 Gulden (!!) abgekauft und danach noch gratis ein furchtbares Gemetzel unter ihnen veranstaltet! Die neue Siedlung erhielt alsdann zuerst den Namen „Neu-+Amsterdam+“. Noch am Ende des 30jährigen Krieges wohnten hier nicht mehr als 100 Weiße! Erst 1667 wurde die Halbinsel von den Holländern an England abgetreten und erhielt jetzt den Namen +Neuyork+. Am 9. Juli 1776 wurde wiederum die Herrschaft Englands abgeschüttelt und als Zeichen dafür die Reiterstatue Königs Georgs VII. von England von den „Söhnen der Freiheit“ in Neuyork niedergerissen. Am 25. November 1783 mußten die Engländer endgültig Neuyork verlassen. Der erste amerikanische Kongreß trat in der Stadt zusammen und wählte General Washington zu seinem Präsidenten. An der Battery steht noch heute ein hoher Flaggenmast an der Stelle, da die Engländer vor ihrem Abzug zum letztenmal ihre Flagge hißten. Den Fahnenmast schmierten sie dabei so ein, daß es den „Söhnen der Freiheit“ nicht leicht werden sollte, sie herunterzuholen, was auch nur mit sehr großer Mühe gelang. Und so wird heute noch immer zur Erinnerung daran am 25. November hier feierlich das Sternenbanner gehißt. So hat auch die Neue Welt ihre Geschichte! Nur wissen wir meist sehr wenig von ihr.
Noch großartiger als die eigentümlichen geschichtlichen Erinnerungen an dieser Stelle ist von hier der Blick über die gesamte ~upper bay~. Hoch reckt draußen die Freiheitsstatue im Hafen ihre Fackel empor, einer Welt entgegen. ~Ferry-boats~ eilen heulend draußen hin und her und speien alle Augenblicke Hunderte von Menschen samt Wagen und Autos auf einmal an Land oder verschlucken sie wie nichts in ihren doppelstockwerkigen, gewaltigen Leib. Hinter der Freiheitsstatue, die übrigens etwas an die Figur der Germania auf dem Niederwald oder die Bavaria in München erinnert, dehnen sich in der Ferne die grünen villenübersäten Hügelreihen von Staten Island, und weiter hinaus bis an den Horizont glitzert der offene weite Atlantische Ozean ...
Ich begab mich nach diesem wohltuenden und wunderbar erhebenden Blick auf das Wasser und die ~upper bay~ weiter in das Gewühl der Stadt zurück. Geschäftshaus an Geschäftshaus, Bank an Bank, Wolkenkratzer an Wolkenkratzer! Rasselnd sausten die Hochbahnen ihre hochgelegenen Schienenwege entlang. Lustig flatterten aus ihren Fenstern die gelesenen Zeitungen der Fahrgäste auf die Straße hernieder, die viele einfach aus dem Straßenbahnfenster werfen! Die amerikanischen Straßen sind überhaupt im allgemeinen schmutziger und ungepflegter als bei uns. Papierabfälle liegen überall umher. Aber schon durcheilten neue Zeitungsboys, die neuesten Ereignisse laut ausschreiend, mit neuen „~papers~“, die die Hauptereignisse mit wahren Riesenlettern an der Stirn tragen -- u. U. als wichtigstes auch den Sieg einer berühmten Fußballmannschaft samt ihren Bildnissen! -- durch die Straßen. Man abonniert die Zeitungen nicht, sondern kauft sie einzeln auf der Straße. Die Zeitung selbst erscheint dem ruhigen Europäer wie ein wildes und fast kindliches Durcheinander und buntes Allerlei einzelner außen- und innenpolitischer, sportlicher und privater Einzelnotizen in der marktschreieristischen Aufmachung und mit Augenblicksbildern übersät. Das Format ist riesengroß, großmäulig wie alles drüben, voller Interviews der Tagesgrößen auf allen Gebieten in direkter und persönlicher Rede und Gegenwart, alles auf den Augenblick und zu augenblicklichem starken Eindruck berechnet, denn binnen fünf Minuten wirbelt sie erledigt schon wieder aufs Straßenpflaster. Auch die Zeitung spiegelt die allgemeine Hast, Aufgeregtheit und Reklamesucht des amerikanischen Lebens. Reklame und wieder Reklame, wohin man sieht: Auf allen Dächern blitzt es abends in unerhörter Lichtfülle und Buntheit auf und erlischt, in allen Bahnwagen und an allen Haltestellen schreit dich dasselbe Ding, Fleischextrakt oder Mundwasser oder Keks tausendfach an, so daß zuweilen kaum der Stationsname für den Fremden noch zu entdecken ist. An jedem freien Flecke einer großen Hauswand steht es wieder in Riesenlettern, was du kaufen, essen, sehen, wie du kochen, schlafen, reisen sollst.
Lichtreklame[6].
Hört! +Ich bin Amerika.+ Ich komme durch die Nacht. Ich brenne und jage die Dunkelheit fort. Elektrizität bin ich, Wie Blitze die Himmel, Setz ich die Straßen in Feuer. Ob ihr wollt oder nicht, Ihr müßt mich sehn. -- Volk kommt in Scharen zu mir, Reichste und Ärmste -- fröhliche Verbrüderung. Um mich stößt sich die Menge, +Ich bin Broadway+. Ob ihr es braucht oder nicht, Ihr müßt von mir kaufen. Ich verkaufe meinem Lande alle Produkte, Vielformige, zahlreiche, fein erfundene Dinge; Aus meiner Erde, meinen Gebirgen, Aus meinen Seen, meinen Flüssen, Von meinen Sternen, meinen Himmeln. Mein Nachbar dort verkauft dasselbe, Das Beste auf dem Globus -- nach meinem. Rivalen sind wir derselben Ader Pulsenden Lebens. Geboren bin ich in Amerika -- Gemacht ward ich in Amerika -- Und werfe mich in die Schutthaufen Amerikas Platz zu machen einem größern Amerikaner. Prahle ich? Sensitiver, kultivierter, höflicher Fremder, Warum sollte ich nicht? -- Ich bin das Ich der „Neuen Welt“, Afrika -- Asien -- Europa -- Die Alte Welt ist tot, ich bin die Neue! Hört, hört, Ich komme durchs Dunkel -- Zweifelnder Fremder, horch meiner Prahlerei -- Gestern ist schon Geschichte -- Eine neue Seite schlagt auf: Morgen sieht mich Europa.
Alfred Kreymborg.
Auf den Straßen überfällt einen die Menge der Obstverkäufer, der Jungen, die dir, ob man will oder nicht, die Schuhe putzen und dir dazu einfach den Fuß festhalten! Jedermann läßt sich die Schuhe stets auf der Straße oder in einem Laden putzen, wie man bei uns etwa täglich rasieren geht. Billig ißt man in den „~lunchrooms~“ (Frühstücksräumen) und „~dairies~“ (Milchwirtschaften), in den Restaurants zum Selbstbedienen mit und ohne Musik u. dgl. In „Wallstreet“[7] war um zwölf Uhr vor der Baumwollbörse eine riesige Menschenmenge angestaut. In den offenen Fenstern der großen Firmen saßen die Handelsvertreter und tauschten heftig gestikulierend die neuen Kurse aus. Börse wird hier zum Teil noch offen auf der Straße gemacht!