Chapter 23 of 27 · 3894 words · ~19 min read

Part 23

Es ist herrlicher Morgensonnenschein. Aus einem Cañon geht es ohne Unterlaß in den anderen. Meist läßt der Felsabsturz gerade nur noch den Platz für die Bahnlinie frei. Ein Zugzusammenstoß muß hier leicht möglich, aber nicht gerade ungefährlich sein! Bergwerkstollen sieht man bis hoch an die Felswände hinauf. Im Wagen sitzen allerlei -- amerikanisch! -- bibellesende Menschen, darunter auch wieder ein Heilsarmeesoldat. Mit einer ihre Morgenandacht im Wagen haltenden jungen Dame komme ich ins Gespräch. Sie stammt von deutschen Eltern und bekennt sich als eifrige Sonntagsschullehrerin. Sonntags besucht sie zwei- bis dreimal ihre Kirche. Sie liest fast nur in der Bibel, sagt sie. Andere Bücher bedeuten nichts! Meine Morgenandacht bestand im Augenblick im Hinausschauen in die großartige Natur- und Gebirgswelt. Redete nicht auch hier Gott zu mir? Ich brauchte jetzt kein Buch über Gott. Meine Bibel waren im Augenblick die grandiosen Felsabstürze und Schneehäupter und rauschenden Ströme, an denen ich mich nie müde sehen konnte. Und etwa zur Mormonenbibel zu greifen, hatte ich jetzt, obwohl wir kaum aus Utah heraus waren, immer weniger Neigung. Was ging mich jetzt die abstruse und unmögliche Geschichte der Juden auf dem amerikanischen Kontinent vor ein paar tausend Jahren an? Sollten wirklich Juden durch diese Kañons gezogen sein oder auf diesen Almen ihr Vieh geweidet oder an diesen rauschenden Strömen gekämpft und sich ausgerottet haben? Ich bin kein Judenfresser -- aber das auch nur einmal auszudenken, wäre mehr als grotesk. Ärgerlich packte ich diese Art „Bibel“ zu unterst in meinen Handkoffer ... Die junge Dame war auf Deutschland nicht gut zu sprechen, obwohl sie es selbst nie gesehen hatte ...! „Aber es muß doch dort nicht schön sein“, so philosophierte sie zu mir flötend und selbstbewußt, sonst wären doch meine Eltern nicht hierher in die „States“ ausgewandert! Ihr Vater kam aus Elbing in Westpreußen, wo er ein kleines Bauerngütchen besessen hatte, und hier war er allerdings bald Großfarmer geworden. Ich sagte ihr -- und es sollte keine bloße Höflichkeit sein -- daß ich hier am liebsten jetzt ausstiege und durch die Wälder ginge und über die Felsen dem Schnee entgegenstiege! Da sah sie mich ganz entgeistert an und bekam fast einen kleinen Ohnmachtsanfall: „Aber hier gibt es ja nirgends Wege! In diesem Lande geht man nicht spazieren!“ Mehr als mitleidig sah sie mich dabei an, und ich entgegnete ihr ebenso mitleidig in Gedanken: „Armes Land, das zum Wandern zu ungeheuer ist, das man nur im Expreß oder mit dem Auto durchrasen kann. Und selbst das nicht, denn auch dazu fehlen noch die Straßen durch die Rockies. Ihr Amerikaner, dachte ich, müßt doch eine ganz andere Seele haben als wir Deutschen. Bei euch ist alles aufs Riesige, Große, Ungemessene gestellt. Ihr kennt nicht die Kleinszenerie eines deutschen Mühlentälchens oder den lauschigen Sitz an der Quelle und den wohldurchwegten Buchenwald.“ --

Wir waren inzwischen immer höher gekommen und fuhren wieder einmal auf 2000 ~m~ Höhe. Die kleinen Bahnhöfe, die wir zuweilen passierten, an denen manchmal ein einziges Fräulein den ganzen Bahndienst versieht oder ein Bursche mit einer Flagge winkt -- ~NB~ die ganze bahnamtliche Verständigung! -- erinnerten mich lebhaft an Hochtäler in Tirol und ihre grasigen einsamen Weiden. Kühe weideten hier oben wie in den Alpen. Und ringsum grenzten Schneeberge den Horizont.

Ja, jetzt schneite es gar. Wie lustig! Wie warm aber mochte es gleichzeitig auf dem Asphalt des Broadway in Neuyork sein! Nur die Gletscher fehlten hier zur Vervollständigung des alpinen Bildes. Von der Bahn aus wenigstens sah ich keinen. So tief wie in unseren Alpen reicht hier der Schnee nicht in die Täler. Sonst war alles wie in unseren Alpen. Auch wenn ich mir die Menschen hier oben betrachtete, so schienen mir die Bewegungen der Koloradoleute, an Sturm und Schnee gewöhnt, viel stämmiger, gemessener und gewichtiger als der typischen überbeweglichen Yankees. Die Koloradoleute kommen einem recht unamerikanisch vor, so wie etwa bei uns der Schwarzwälder oder Partenkirchener mit dem Berliner auf dem Asphalt der Friedrichstraße auch wenig gemein hat.

Bald sind wir in vollendeter Schneelandschaft. Es schneit hier stark. Bahnrauch, Nebel und Schnee hüllen das Hochtal ein. Noch immer laufen die Gebirgsbäche zum Stillen Ozean. Wir sind in die romantische Schlucht des „~eagle-cañon~“ eingefahren. Die Schlucht ist nur noch wildrauschender Fluß und mehrere hundert Meter hoch aufsteigende Felswände. Die Bahn keucht in Windungen immer höher empor. Endlich in Höhe von 3184 ~m~ (!) -- also z. B. noch 400 ~m~ über dem Stilfser Joch in Tirol, einem der höchsten Alpen+straßen+pässe -- erreicht die Bahn den „Tennesseepaß“, d. h. die +Wasserscheide zwischen Stillem und Atlantischem Ozean+! Der Zug hält, gleichsam stolz auf seine Leistung. Es ist auch eine. Die Lokomotive faßt Wasser und Kohlen und erholt sich von ihrem Rekord, einen ~D~-Zug mit sechs Wagen auf solche Höhe hinaufgebracht zu haben. Für einen Augenblick springen wir Globetrotters von den hohen Trittbrettern aus unseren Pullmann-Wagen, die uns seit Salt Lake City schon wieder etwa 16 Stunden beherbergen. O diese wunderbare köstliche frische Hochgebirgsluft! Wir sind 200 ~m~ +über+ der Höhe der Zugspitze!! So ist es auch draußen recht empfindlich kalt. Das Thermometer zeigt 0 Grad! Rings hüllt uns eine neblige Schneelandschaft völlig ein. Schneehäupter schauen über alle Seitentäler herüber, darunter die stolzen Gipfel der „Sangre de Christo“-Berge[31]. Ach könnte ich ein wenig hierbleiben und die Koloradoalpen ersteigen! Aber die unerbittliche Zeit, Fahrplan, Geld und Arbeitsfrohn treiben mich mit ihrer Geißel und dem Ruf unserer Fronvögte: „~All aboard!~“ in die dumpfen Wagen mit ihrer verbrauchten Stickluft aus Nacht- und Tagkampieren, Speiseresten, Abfällen, weggeworfenen Zigaretten, Zeitungen u. dgl. zurück.

In Station „Buena Vista“ ist da oben wirklich eine Prachtaussicht. Wir fahren eine Zeitlang auf einem Hochplateau in 3000 ~m~ Höhe. Um uns erheben sich die sogenannte „~Collegiate Peaks~“, die nach den großen Universitäten genannt sind: „~Mount Yale~, ~Mount Princeton~ und ~Mount Harvard~“, jeder ein Montblank für sich, an 4300-4400 ~m~ hoch! Nicht weit von hier ist ein Tunnel, durch den die dortige Bahnlinie sogar in 3500 ~m~ (!) Höhe die Wasserscheide der Ozeane überschreitet. Draußen steht -- wie ich beim Hinaussehen feststelle -- wieder einmal bei ein paar Hütten eine kleine Holzbaukastenkirche. Einige weidende Esel zeigen sich uns als die einzigen Lebewesen hier oben, wie auch diese geduldigen Tiere allein bei uns nach den Alpenhütten emportraben. Fast heimatliche Gefühle stellen sich bei mir ein, je öfter ich daran denke, daß es wieder dem Atlantischen, „unserem“ Ozean zugeht! Werde ich noch einmal im Leben am Rande des Pazifik liegen, mich in seinem Sande in der Bucht von Montery wohlig wärmen oder nach der paradiesischen Insel Santa Catalina hinüberfahren oder die Seelöwen gegenüber dem Goldenen Tor der San Franzisko-Bucht brüllen hören? Das alles kam mir jetzt auf diesen hochalpinen Ebenen wie ein sonniges, aber verklungenes Märchen vor samt den Zinnen des Mormonentempels und den weiten glitzernden Fluten des Salzsees ...

Allmählich ging es von der alpinen Hochebene wieder herab in einen neuen schaurigen Cañon. Die Bahntrasse hatte sich beträchtlich gesenkt. Es war wohl der vierte große Cañon dieses Tages, der des „Arkansas-River“, der viele hundert Meilen lang bereits dem „Vater der Ströme“, dem Mississippi, zuströmt. Sein Wasser rauscht frisch und kalt, wie es aus den Bergen kommt. Mächtige Felsblöcke sperren seinen Weg. Immer enger wird der Bahnweg. Wie ein ständig sich krümmender Wurm windet sich der Zug durch die riesige Schlucht. Wirklich, diesmal war der Mund nicht zu voll genommen: Es war „~the most scenic line of the world~“, die ich fuhr. Der Arkansascañon übertraf alle Tiroler, Schweizer und oberbayrischen Klamms zusammen, die ich gesehen hatte. Welche Wildromantik ständig da draußen! Mich beseligte ein eigenartiges stilles Glücksgefühl, das alles einmal sehen zu dürfen. So hätte ich bis ans Ende der Welt fahren können! Nur zu schnell glitt alles vorüber ...

„~Morningpapers~“[32] wurden ausgeboten. Was scherten mich jetzt in dieser Alpenszenerie die Politik der Welt und die Börsenkurse, Theatergrößen und Sporthelden! Wie lächerlich klein, unwichtig und aufgebauscht erscheint all das Menschengetriebe der Kulturgroßstädte hier oben! Andere im Wagen studieren immer von neuem die Fahrpläne, die sie doch bald auswendig können müssen, um die Zeit totzuschlagen, die mir viel zu schnell vergeht. Auch Kartenspiel ist nicht jedermanns Sache und dünkte hier mich Sünde. Ich studiere derweilen immer aufs neue die majestätische Natur draußen und suche die großen Eindrücke recht fest und tief in mich einzusaugen ...

An den kleinen Stationen, wo es etwa alle ein bis zwei Stunden einmal hält, steigt niemand ein und aus. Aber zuletzt, ehe wir aus dem Felsengebirge austreten, kommt noch das Großartigste von allem, die sogenannte „Royal-Gorge“[33]. 800 ~m~ hohe Wände steigen hier fast senkrecht aus der Schlucht empor. Die Schlucht wird jetzt so schmal, daß die Spur für die Bahn zum Teil erst künstlich geschaffen werden mußte. Auf hängender Brücke (!), deren obere Eisenbänder in die Felswände eingelassen sind, überschreitet die Bahn die allerengste Stelle. 13 ~km~ lang ist dieser ganze unbeschreiblich romantische Engpaß. Unter uns oder dicht neben uns tost der Arkansas-River. Hier wächst kein Gräslein mehr in dieser Teufelsschlucht, kein Sonnenschein dringt in die Tiefe ... Der Zug hält einen Augenblick zur Bewunderung der grandiosen Gebirgsszenerie. Dann auf einmal tritt nach nicht allzulanger Weiterfahrt die Bahnlinie urplötzlich ins offene Gefilde hinaus. Wie aus einem Höllental geht es ins Himmelreich, wie aus der Teufelsschlucht des Gotthardpasses in das grüne „Andermatt“. Die Berge treten zurück. Die Baumblüte ist im Gange. Noch erscheinen keine zusammenhängenden Siedlungen, sondern erst nur Einzelfarmen. Berittene Hirten treiben mächtige Kuhherden in die Hürden, denn der Tag neigt sich wieder einmal zum Abend. Wir halten in Cañon-City, dann in Pueblo, das nicht mehr weit von La Junta ist, der Gegend, wo ich mein Scheckbuch verlor und wiederfand. Ich bin also eine riesige Schleife gefahren. Ich steige aus in dem amerikanischen Davos, in „Kolorado-Springs“ am Fuß des 4300 ~m~ hohen Pikes Peak. Der vielbesuchte Badeort liegt selbst 1800 ~m~ hoch, also auf Rigihöhe. Dicht vor sich hat man die Kette des Felsengebirges, das ich einst so sehnsüchtig erschaut und nun zweimal so ausgiebig seiner ganzen ungeheuren Breite nach durchfahren hatte; zur Rechten beginnen die ebenso ungeheuerlichen Mississippiebenen ...

Als ich aus dem Bahnhof trat, fiel schon die Nacht ein. In meinem Logis, das ich bald gewählt, freute es mich doch, nach der 24stündigen Fahrt seit Salt Lake wieder einmal ungerollt und ungewiegt schlafen zu dürfen. Wie in Kalifornien in Los Angeles, Monterey und San Franzisko wollte ich mich auch hier in dem vielgerühmten Klima ein bißchen erholen und es mir auf ein bis zwei Tage gemütlich machen, denn noch immer lagen ungeheure Entfernungen vor mir. Erst ein Drittel der Breite der Union war wieder von Westen nach Osten durchmessen ...

Von Kolorado-Springs, dem Davos oder Luzern Amerikas, kann man viele herrliche Touren machen, aber dazu braucht man Führer, Esel, weitere Bahnfahrten, so in die „Cheyenne Berge“, die Alpenfahrt nach der Goldgräberstadt „Cripple Creek“, vor allem aber zu dem nach dem Indianergott Manitou, dem „großen Geist“ genannten Gebirgsort am Fuß des Pikes Peak, zu dem „~garden of the Gods~“, dem Göttergarten mit seinen grotesken Felsbildungen, und vor allem auf den die ganze Gegend beherrschenden „Pikes Peak“ selbst.

Es war fast immer blendender Sonnenschein, wenn ich aufstand. In Kolorado-Springs regnet es von September bis April überhaupt nicht; selten fällt Schnee! Es ist noch trockener und sonniger als Davos und wird daher viel von Brustkranken, Tuberkulösen und Neurasthenikern in der Union aufgesucht. Von den endlosen Prärien der Mississippiebene weht der reine warme Wind herein. Die hohen Berge der Rockies schützen es gegen Stürme und Kälte. Es war also allein schon ein erhebendes Bewußtsein, an einem so gesunden und paradiesisch-klimatischen Ort zu weilen. Man lebte den ganzen Tag in dem Gefühl, wie von rosigen Engelslüften umgeben zu sein, und war von der fast fixen Idee besessen, daß man nur immer recht tief Atem zu holen brauche und die Lungen davon recht gefüllt mitzunehmen, um gesund zu sein. In der Tat, als ich wieder nach Chikago zu meinen Verwandten kam, waren sie erstaunt, mich trotz der inzwischen geleisteten Bahnfahrt von 5000 Meilen so frisch und rotbackig zu finden. Das hatte ohne Zweifel die Luft von Kolorado-Springs zusammen mit dem sonnigen Sand am Pazifik zuwege gebracht.

So fuhr ich nach dem Frühstück sofort mit der Eisenbahn die nicht allzugroße Strecke über „Kolorado-City“ ins Gebirge hinein nach „Manitou“. Kolorado-Springs war schon still. Denn die großen Hotels waren noch geschlossen. Die Saison war noch nicht angegangen. Aber Manitou war geradezu noch wie ausgestorben. Vielleicht hätte ich hier jetzt noch nicht einmal ein Zimmer bekommen. Denn alle Pensionen und Gasthöfe schienen noch geschlossen zu sein. In Kolorado-Springs dominierte schon einzigartig schön das Montblanchaupt des Pikes Peak, aber in Manitou wirkte es geradezu erdrückend. Man war ihm hier jetzt näher wie in Lautersbrunn oder Wengen in der Schweiz der „Jungfrau“. Manitou liegt verstreut mit Villen und Pensionen in einem alpinen Kessel, etwa 2000 ~m~ hoch. Von hier aus wird die Besteigung des Pikes Peak meist unternommen. Und die hatte ich mir nun einmal schon lange in den Kopf gesetzt. Sie stand als unerschütterlicher Punkt auf meinem Reiseprogramm.

Es geht auf den Pikes Peak eine Zahnradbahn hinauf, die drei Stunden braucht. Aber die hätte ich verschmäht, auch wenn sie gegangen wäre. Gewiß war sie auch für meinen Geldbeutel zu teuer. Ebenso wie ich es für eine Entheiligung unserer Alpen halte, daß sich jetzt jede feiste Madame oder jeder Schieber auf die Jungfrau oder bald auf die Zugspitze hinauffahren lassen kann. Auch auf den Rigi und den Pilatus sind wir seinerzeit ganz zu Fuß hinauf- und wieder hinuntergestiegen. Das war redliche Touristenarbeit. Die Zahnradbahn war aber noch nicht wieder eröffnet! Außer der Zahnradbahn geht eine 27 ~km~ lange Fahrstraße auf den Gipfel! Die kann man hinauffahren. Aber sie war für mich zu weit. Ich wäre auch nie in der Kutsche hinaufgefahren. Zu Fuß wäre ich hinauf-, aber an einem Tage nicht wieder heruntergekommen! Endlich geht ein Fuß- und Reitweg durch den Englemans Cañon hinauf, zu dem man sechs Stunden braucht! Mit dem Fußweg wollte ich es tapfer versuchen. Ausgerüstet war ich zwar gar nicht dafür. Ich hatte weder Bergschuhe noch Alpenstock, auch keine langreichende Wegzehrung! Was hatte ich auf dem Frühlingspflaster in Boston und Chikago auch an Alpentouren im Felsengebirge in Schnee und Eis gedacht! Schon am Niagara war ich höchst überrascht, ihn Anfang April noch völlig vereist anzutreffen ...!

Ich wanderte also zunächst, als ich aus der Bahn stieg, durch den prächtigen Luftkurort Manitou, kam am Bahnhof der Zahnradbahn vorüber und stapfte tapfer, klirrend meinen Stock aufstützend, den Fahrweg zum Englemans Cañon hinauf. Es wurde immer stiller und einsamer um mich. Nur die Sonne schien und war meine treue Begleiterin. Der Fahrweg hörte bald ganz auf und wandte sich rechts ab. Der Fußweg hörte bald auch auf -- nämlich im tiefen Schnee! Nun blieb nur noch die Trasse der Zahnradbahn als Pfad zu erkennen. Der folgte ich. Einige weidende Esel waren die letzten Lebewesen gewesen, die ich sah. Im Sommer trugen sie wohl unermüdlich die Touristen auf den Alpengipfel des Pikes Peak. Nun kam lange gar nichts mehr. Ich setzte immer Fuß vor Fuß, eine tüchtige tiefe Spur hinter mir lassend. Nach einiger Weile hüpfte mal ein graues Eichhörnchen über den Weg, das noch lange nicht daran dachte, sein Sommerkleid anzulegen. Hier und da löste sich im wärmenden Sonnenschein eine Schneelast von den dichtstehenden Tannen und huschte mit gespenstischem Laut zur Erde nieder. Eine reine Luft war rings zum Jauchzen. Ein Himmelblau spannte sich über mir, wie ich es so tief und klar kaum je gesehen hatte. Ich dehnte und weitete meine Brust und füllte die Lungen, als ob es bis ans Lebensende reichen müßte ... So war eine Stunde nach der anderen vergangen. Aber der Pikes Peak erschien mir immer höher und -- ferner! Rings um mich war alles Schnee. Auch die Trasse der Zahnradbahn war jetzt so dicht mit Schnee zugedeckt, daß sie kaum noch zu erkennen war. Jeder Schritt wurde zu einer mächtigen Anstrengung. Lautlos still war alles ringsum. Leise Zweifel begannen in meiner Brust aufzustehen, ob ich wohl heute noch hinaufkäme. Oben sollte ein Gasthaus sein, aber es war gewiß jetzt noch geschlossen! Ein Herr und eine Dame waren mir entgegen abwärts geschritten, wohlausgerüstet wie Alpensteiger. In der Freude, in dieser Hochgebirgseinsamkeit einmal plötzlich Menschen zu sehen, griff ich auf gut deutsch an den Hut und sagte fröhlich, ganz vergessend, wo ich war: „Guten Morgen“! Die Lady sah mich groß an, offenbar sehr erstaunt und beleidigt zugleich, daß ich es wagte, als Mann eine Dame zu grüßen und anzusprechen, und grüßte nicht wieder! Ich hatte im Augenblick auch ganz vergessen, daß ich ja auf amerikanischem Boden eine Dame nicht zuerst grüßen darf! Und selbst auf dem Weg zum Pikes Peak muß man die Form wahren! Der Herr, offenbar, wie ich beim Näherkommen sah, ein Führer, murmelte lächelnd ein paar Worte. Ich rief ihm noch nach, wieweit es noch auf den Pikes Peak sei, da antwortete er: „Bis zum ~half-way-house~ noch eine gute halbe Stunde.“ So stapfe ich weiter, in der Hoffnung, beim „~half-way-house~“ wohl eine trockene und warme Stube zu finden. Dann überließen sie mich meinem Schicksal. Als ich endlich, vom ewigen Schneestapfen und Bis-ans-Knie-Einsinken recht müde geworden, das „~half-way-house~“ erreiche, ist es -- verschlossen! Ich rüttele an allen Türen, es hilft nichts. Die Fensterläden sind zugeschlagen. Kein Lebewesen, weder Mensch noch Tier, regt sich in ihm. Mir wie zum Spott steht bloß groß da angeschrieben: „~Half-way-house~“ -- und droben erhob der Pikes Peak sein Haupt, jedesmal höher, ferner und anscheinend unerreichbarer denn je zuvor!

Ich verzehrte meinen Mundvorrat an Gebäck und Orangen im Stehen. Meine Füße steckten naß in leichten Strümpfen und durchlässigen Schuhen wie in ständigem Schneewasserbad. Ich überlege. Zum Umkehren kann ich mich noch nicht entschließen; aber ob ich heute noch auf den Pikes Peak komme und auch wieder mit heiler Haut bei diesen unerwarteten Schneeverhältnissen herunter, ist mir nun höchst zweifelhaft geworden. Und wenn oben gar auch verschlossen ist wie hier das ~half-way-house~, sollte ich dann die Nacht oben im Schnee zubringen? Das waren keine angenehmen Aussichten! Wie es nur wohl die nicht wiedergrüßende Lady gemacht hatte? Hatte sie vielleicht einen Schlüssel zu dem Unterkunftshaus mitgehabt? Meine Wirtin in Kolorado-Springs hatte es mir nicht sagen können, ob „oben“ offen sei und ob man jetzt schon hinauf könne. Ich müsse es versuchen. Ich las in meinem getreuen Bädeker nach, da fand ich den mir jetzt leider nur allzu wahr erscheinenden Satz: „Die Besteigung des Pikes Peak ist des Schnees wegen nicht vor Juni, nur im Sommer anzuraten!“ Er hatte recht, der treffliche Bädeker, wie immer. Aber da ich im tiefen Schnee so manchen Berg auch im deutschen Winter erstiegen hatte, dachte ich, ich könnte auch den Pikes Peak in Amerika im April zwingen ... Der Mensch denkt! ...

Ich stapfte weiter. Meine Stiefel waren außen Schnee und innen Wasser. Ich gab das Rennen noch nicht auf. Oder sollte ich etwa doch besiegt einen Kompromiß schließen? Kompromisse sind stets vom Übel. Aber manchmal geht es doch nicht anders. Rechts oben über einem steilen Hang schaute ein Aussichtstempel herab: „~Grand-view-rock~“ nannte er sich. Ein Wegweiser, aber jetzt ganz ohne Weg, wies hinauf. Sollte ich mich mit diesem kleinen Pikes Peak begnügen? Schmählich! Aber der Mensch versuche die Götter nicht! Sollte etwa nachher in den amerikanischen Zeitungen stehen: „Am Pikes Peak wurde ein deutscher Tourist erfroren und entkräftet aufgefunden. Aus seinen Papieren ergab sich, daß er usw. ...“ Nein, diese Sensation gönnte ich den so sehr sensationslüsternen „~papers~“ neben alle den anderen auf dem Asphalt Chikagos und Neuyorks denn doch nicht! Dazu war der ~sacro egoismo~ in mir zu lebendig. Also wandte ich mich rechts hinauf und stieg zunächst weg- und steglos durch den Wald und über vereiste Felsen zum „~grand-view-rock~“ hinauf, bis mir das Herz bei dem fast senkrechten Steigen bis zum Halse hinauf klopfte ...

[Illustration: ~SALT LAKE CITY~

~Der Tempel-Block in Salt Lake City~]

[Illustration: ~WASHINGTON~

~Das Capitol~]

Ich hatte ihn erreicht. Auf hohem Felsen thronte ein Holztempelchen. Ich trat ein. Die Aussicht von oben war in der Tat glänzend und „groß“. Unten zu meinen Füßen lag Manitou wie aus einer Spielzeugschachtel aufgebaut, weiter hinaus Kolorado-Springs, und dann ergoß sich die endlose Ebene wie ein Meer bis an den weitesten Horizont; ringsum aber die immer gewaltiger ansteigenden Berge. Über allem das noch immer unbezwingliche Schneehaupt des Pikes Peak! Ich stand wohl jetzt etwa noch knapp 1000 ~m~ unter seinem Gipfel. Es war Mittag. Der Hunger meldete sich. Und der Weg abwärts und zurück war auch noch ein gutes Stück Arbeit. So entschloß ich mich schließlich doch schweren Herzens, die weitere Besteigung des Berges nicht zu versuchen. Aber es hat mich einen Kampf gekostet ...!

An den Felsen des ~grand-view-rock~ waren sehr merkwürdige Inschriften, die zur religiösen Bekehrung riefen, angeschrieben, z. B.:

„~God will save us. The wicked go to the hell. Where will you spend eternity? He that believes, shall be saved. He, that does not, shall be damned.~“[34]

Also Heilsarmeefrömmigkeit bis auf den Pikes Peak hinauf! Ob das hier gerade sehr geschmackvoll wirkte? Ob nicht die grandiose Bergwelt allein dem Menschen mehr wirkliche Gotteserkenntnis predigte als solche Inschrift? Das Holzgeländer des Tempelchens, das vor der Tiefe schützen sollte, war recht morsch. Im Winter mag hier manch schöner Sturm und Frost wüten! Nachdem die letzte Kost verzehrt und der letzte Blick hinauf auf das göttergleiche Haupt des Pikes Peak und hinab in die endlosen Prärien getan war, begann ich innerlich traurig den nicht mühelosen Abstieg nach Manitou ...

In Manitou wieder angekommen, mache ich, ehe ich nach Kolorado-Springs zurückkehre, noch einen weiten Umweg in die „~gardens of the gods~“, d. h. in jenes Gebiet der merkwürdigsten Sandsteinbildungen, noch vielmal absonderlicher als etwa die unserer sächsischen Schweiz, besonders eigenartig durch ihre rotglühende Färbung. So wandle ich am Nachmittag -- die Schneeregion ist wieder verlassen -- zwischen dem „Turm von Babel“, einem mächtigen mehrgipfligen spitzen Fels, den „drei Grazien“, drei steilspitzen Nadelfelsen, den „siamesischen Zwillingen“, zwei eigenartig fast in gleicher Höhe nebeneinander aufragenden und durch ein Felsstück verbundenen Gesteinstürmen, so daß sie wie zusammengewachsen erscheinen, am „Wackelstein“, einem mächtigen auf einer Ecke balanzierenden Felsblock, und dem „Gateway“, einem mächtigen Felsentor, vorbei zu den Höhlen der Felsenbewohner (~cliff-dwellers~) aus vorgeschichtlicher Zeit und den „Titanen“felsen, die fast den Eindruck assyrischer Götterfratzen machen. Und zwischen all diesen seltsam bizarren roten und weißen Sandsteinbildungen blickt immer wieder das majestätische Haupt des Pikes Peak aus der Ferne hindurch wie der schneeige Libanon durch die grandiosen Tempelruinen von Baalbek in Syrien ...

Gegen Abend bin ich wieder in Kolorado-Springs und kann mich auch hier nicht satt sehen an dem dominierenden Schneegipfel.

* * * * *

Nach einer nach diesen Anstrengungen wohldurchschlafenen Nacht entführte mich der Zug in die „Königin des Westens“ Denver. Mein lieber Freund Moore in Harvard, Dolmetsch und Cookführer in Konstantinopel und Griechenland, hatte es mir geradezu auf die Seele gebunden, daß ich seine Heimatstadt Denver besuchen müßte. Die Entfernung von Kolorado-Springs betrug 75 Meilen, also nur ein Katzensprung für amerikanische Begriffe. Während der ganzen Fahrt dorthin hatte man links eine Prachtaussicht auf die Kette des Felsengebirges. Und je weiter wir uns vom Pikes Peak entfernten, desto höher erschien er. Es war wieder ein feiner Frühlingsmorgen. Der Zug hatte mit Tuten öfters Vieh und Spaziergänger vom Bahndamm zu jagen, der auch hier als bequemster Verbindungsweg galt! Rechts dehnte sich der Blick in die endlose Prärie. Die Büffel in ihr sind freilich verschwunden. Die sieht man bloß noch im Golden-Gate-Park in San Franzisko oder in zoologischen Gärten. Auf 2000 ~m~ Höhe, auf der wir hinfuhren, waren die Bäume hier noch unbelaubt, während es in Kalifornien schon wie Sommer gewesen war!