Part 19
Gegen Abend -- wir nähern uns jetzt der Grenze des Staates Kalifornien -- werden die Randgebirge wieder höher. Stundenlang geht es durch dieselbe eintönige Wüste. Leben hier wilde Tiere? Und was für welche? Kein Wölkchen trübt mehr den purpurroten Abendhimmel. Unter einigen Kakteen, Yuccabäumen und Palmen hocken ein paar runzlige Indianerfrauen. Station Kingman. Das Gelände ist jetzt von ganz südlichem Charakter. Was wir daheim in Treibhäusern und Palmenhäusern bestaunen, wächst hier wild. 100 Meilen wieder seit Seligman! Dazwischen haben wir nicht +ein+mal gehalten! Wozu auch? In den namenlosen Bergen und Felscañons? Rötlich schimmern die einsamen Bergketten im Abendlicht. Arizona trägt seinen Beinamen „das Land der schönen Sonnenuntergänge“ nicht umsonst. Sand um Sand, purpurschimmernde Kraterhügel wie von Riesenmaulwürfen aufgeworfen. Wie mit der Schere ausgeschnittene Bergketten, die sich scharf vom blanken Himmel abzeichnen.
Hier könnte man sich, da die Stationen 100 Meilen auseinanderliegen, bei Nacht einen Zugüberfall sehr gut vorstellen. Tatsächlich fand einer gerade in dieser Gegend zwei Tage später, als ich schon in San Franzisko war, in der üblichen Weise statt, über die sich niemand in Amerika mehr aufregt: Schienenaufreißen, falsche Signale, Aufspringen auf die Lokomotive, Überwältigen von Lokomotivführer und -heizer, Durchsuchen des Packwagens, Einschüchterung der schlafenden Reisenden mit vorgehaltenen Revolvern ... Dann geht es wieder weiter. Man rührt sich nicht, und ohne Blutvergießen geht es vorüber! Aber was machen sie hier in den Fällen von Maschinendefekt und ähnlichem? Das mag eine hübsche Zeit dauern, bis hierher eine Reservemaschine kommt!
In dem nahen Flußbett sieht man Wagenspuren. Wüsten um Wüsten. So hätte ich mir Arizona nicht vorgestellt, so einsam und verlassen. Wie völlig anders waren dagegen die Staaten am Atlantik! Und was soll hier wachsen? Endlose purpurn erglühende Bergzüge. Wie Goldkronen liegen die letzten Sonnenküsse auf den rückwärtsliegenden Felsbergen ...
Wir setzen über einen sehr breiten Strom. Es ist der Kolorado River, der den Cañon durchströmt; eine Ebene öffnet sich am Fluß. „Needles“ ist erreicht am Eingang zum Goldland Kalifornien, genannt nach den in der Ferne wie spitze „Nadeln“ aufsteigenden Porphyrketten. Die Bahnlinie hat sich wieder mächtig gesenkt. Die Hochebenen sind verlassen. In eiliger Fahrt war es in mannigfachen Windungen hinab dem Koloradofluß zugegangen, der hier kaum noch 200-300 ~m~ über Seehöhe aus den Bergschluchten tritt! Hier ist alles subtropisch, ja fast tropisch. Kaum aber daß ein bißchen Naß das Land besprengt, da sprießt es auch schon in ungeahnter Üppigkeit. Man sieht die Männer hier auch abends im Frühling nur in Hemdsärmeln.
Es ist Zeit, das Abendessen einzunehmen. Wie ausgehungert eilt alles zu den Fleischtöpfen ... Geradezu mystisch schön sind die Tinten an dem unbeschreiblich kristallklaren Abendhimmel ... Dann geht es nach 25 Minuten Aufenthalt wieder in die Nacht hinein. Die Mondsichel tritt klar und scharf heraus. Wir fahren durch die Mojawewüste. Ich wache in der Nacht einmal auf, als wir in Dudlow halten. Funkelnd steht der Orion am Himmel. Laut zirpen Tausende von Grillen durch die milde südliche Nacht. Von den San Bernhardinobergen sehe ich freilich nichts, auch nichts von den erloschenen Vulkanen und ausgetrockneten Salzseen der Mojawewüste ...
Aber wie verwandelt ist das Bild am Morgen! So wie wenn man durch den Gotthard fährt und auf der anderen Seite des Tunnels, nachdem die Wasserscheide der Alpen durchschritten ist, eine andere Welt findet. So wachen wir in der Frühe, als wir von den San Bernardinobergen (3500 ~m~!) in die Ebene in sausender Fahrt herunterfahren, bei feuchten Morgennebeln auf, die schon vom Stillen Ozean herandringen; das Berg-, Steppen- und Wüstenklima Arizonas ist völlig verschwunden. Es herrscht nebliges Seeklima. Um sechs Uhr rüttelt mich der Neger an der Schulter: Noch 40 Minuten bis Los Angeles! Aufstehen!
Nun, da war es ja Zeit, sich zu erheben und wie immer auf dem Oberbett sitzend anzukleiden und sich fertigzumachen. Für die meisten Mitreisenden bedeutete die Ankunft in Los Angeles viel mehr als für mich! Die meisten kamen jetzt an ihr Lebensziel, in ihre neue Heimat, sowie wir etwa damals in Neuyork nach über 3000 Meilen Seefahrt landeten, so „landeten“ sie jetzt nach einer Bahnfahrt von 4000 ~km~ von Neuyork oder 3000 ~km~ von Chikago -- also fast ebenso großen Entfernungen wie von Europa! -- an der Küste des Stillen Ozeans. Als ich zum Wagenfenster hinausschaute, bot sich ein völlig veränderter, fast märchenhafter Anblick dar. Tagelang waren wir durch grasige Steppen und einsame Hochebenen, über sandige Wüsten und durch felsige Cañons gefahren, und jetzt fuhren wir auf einmal durch die ausgedehntesten prächtigsten Weingärten, vorüber an ganzen Alleen von Pfeffer- und Orangenbäumen, vorbei an den herrlichsten mit hohen Palmen bepflanzten Straßen und den saubersten, malerischsten, von den üppigsten Pflanzungen grünumrankten und unter Blütenpracht förmlich begrabenen Landhäusern und Landstädtchen. Zitronen und Eukalyptus, Orangen, Palmen und Wein, Akazien und Agaven, welche ein märchenhaftes Paradies, noch viel üppiger und blühender als das fruchtbare Oberitalien! Und Los Angeles’ Umgebung ist vielleicht wieder die Krone des ganzen herrlichen Landes. Aber, lieber Leser, sage das nicht laut in San Franzisko! Du könntest auf offener Straße dafür niedergeschlagen werden. Und jedermann würde es recht finden! Denn es gibt auf Gottes Erdenrund kaum zwei aufeinander eifersüchtigeren Städte als San Franzisko und Los Angeles, die beiden ehrgeizigen Königinnen Kaliforniens ... Wir halten. Ich steige aus. Am Ziel! Eine Welt von Bildern und Eindrücken, was mit zum Großartigsten der Welt gehört, war an mir vorübergezogen.
+Los Angeles+ hat einen schönen und stolzen Namen. Als spanische Gründung 1781 wurde es „~La Puebla de Nuestra Señora La Reina de Los Angeles~“ („Stadt unserer Herrin der Königin der Engel“) genannt. Erst seit 1846 ist es bei nur 1600 Einwohnern (!) amerikanisch geworden. Noch 1880 hatte es noch immer kaum 50000 Einwohner, heute bald eine halbe Million. Als ich aus dem Bahnhof trat, sah ich zunächst noch nichts von seiner paradiesischen Herrlichkeit, noch von seinen 130 Kirchen, eher konnte ich an seine 2000 Fabriken glauben. Schmutzig und düster erschien die nächste Umgebung. Der erste Kampf ging wieder einmal darum, mit heiler Haut aus dem Geschrei der Kofferträger, Transferagenten, Hotelportiers, Autos und Kutscher herauszukommen. Lastwagen wirbelten auf den zum Bahnhof führenden Straßen genug Staub auf ... Ich sah japanische, chinesische Anschriften, den Fremden einladende Herbergen der Heilsarmee ... dann schlug ich mich durch bis zur Innen- und Geschäftsstadt. Banken, Läden, Warenhäuser wie überall. Es hielt mich diesmal auch nicht lange in der Stadt. Geschichtliches bietet sie gar nichts. Ich strebte so schnell wie möglich nach dem Stillen Ozean, von dem „die Stadt der Engel“ noch immer 35 ~km~ entfernt liegt!
Möglichst rasch und entschlossen ging ich zu dem Bahnhof der ausgezeichneten elektrischen Lokalschnellbahnen, die nach jeder Richtung von Los Angeles in die Umgebung streben. Ich bestieg sofort einen Zug, der geradewegs nach San Pedro am Pazifik fuhr.
Mit Schnellzugsgeschwindigkeit waren wir in 40 Minuten dort ... Noch war es wolkig, und Morgennebel lag über den Feldern. Erst ging es eine Weile durch weniger reizvolle Vorstädte, Chinesenviertel und Arbeiterquartiere und an allerlei Schuppen und Lagerhäusern vorbei. Dann kam ein Geländestreifen mit reizenden Landhäuschen, tief in das üppigste südliche blühende Grün eingebettet: Palmen, Gummibäume, Eukalyptus, Orangen, Rosen, Geranien, Yuccas und Granatbäume in paradiesischem Wechsel. Danach wieder lange unangebaute grasige Steppen. Die Gegend glich in manchem der zwischen Rom und Ostia in Italien. Zuletzt erhoben sich rechter Hand die San Pedroberge. Und vor uns dehnte sich gewaltig -- der Stille Ozean! Wir hielten in der kleinen Hafenstadt San Pedro an der San Pedrobai.
Grau und etwas wolkig mit mäßigem Wellenschlag lag der Stille Ozean da. Er schien seinem Namen Ehre machen zu wollen! Nun war mir an seiner Küste das Angesicht Asiens, Japans und Chinas zugewendet! Im Hafen lag ein großer Dampfer, der „President“, der gerade nach San Franzisko in See stechen wollte. Ein Stück weiter links schaukelte sich ein kleineres Dampfboot von nur 600 Tonnen, nicht viel größer als unsere Rheinschiffe, zur Abfahrt bereit nach der sonnigen Insel Santa Catalina im Stillen Ozean. Sie ist 25 Meilen von der Küste entfernt, also etwa zwei Drittel soweit wie Helgoland von Cuxhaven. War ich einmal am Stillen Ozean, so wollte ich auch +auf+ den Stillen Ozean! Also schnell ein Billett gelöst und auf der Ozeannußschale, dem „Cobrillo“, eingeschifft!
Nach kaum 20 Minuten stach er mit Menschen wohlgefüllt in See! Er fährt täglich einmal am Vormittag hinüber und am Nachmittag wieder zurück. Ich hatte es gut getroffen. Bald nach der Abfahrt hellte sich der Himmel langsam auf. Nach einer Stunde Fahrt verschwand die kalifornische Küste hinter uns. Man sah nur noch das Wasserrund des Ozeans. Nicht lange danach tauchten vor uns matte Linien ziemlich stattlicher Berge auf, die ersten Wahrzeichen des einsamen Eilandes draußen ...
Die Meerfärbung war noch eintönig grau. Mehrmals hielt ich die Dunst- und Nebelgrenze auf dem Wasser schon für die Küstenlinie, aber so schnell waren wir nicht dort! Die Dünung der See war mäßig, aber für das kleine Boot schon beträchtlich. Wir waren kaum zum Wellenbrecher hinaus, da erbleichten auch schon die meisten Gesichter der mitfahrenden Damen. Der kleine Kasten stieg tüchtig auf und nieder oder rollte rhythmisch von einer Seite auf die andere. Einige Frauen sanken blaß ihren Männern in die Arme, andere stürzten gleich mit dem Deckstuhl um ... Möwen folgten uns noch lange ...
Je näher wir dem Eiland kamen, desto deutlicher wurden seine Umrisse. Jetzt erkannte man auch schon Felsabhänge und kahle und grasige bis zu 600 ~m~ aus dem Meer ansteigende Bergabhänge auf ihm. Wie ein Blinklicht glänzte das helle Dach eines Sommertheaters uns entgegen. Solange wir auf See waren, war es fast kühl. Als wir nach zweieinhalbstündiger Fahrt in die Bucht von Avalon einfuhren, brach die Sonne leuchtend hervor, und eine wohlige Wärme empfing uns auf der basaltischen Insel ...
Recht spaßig war die Landung. Während wir in die Bucht hineindampften, empfing uns eine ganze Menge kleiner Ruderboote, aus denen uns die Bootsführer schon auf ziemlich beträchtliche Entfernung ihre Hotels, Pensionen, Bars, ~lunchrooms~, Wagen, Boote usw. durch das Sprachrohr anpriesen, mit echt südländischer Lebhaftigkeit einer den anderen überschreiend. In gleicher Weise wurden wir einst auf der ähnlich gelegenen und ähnlich anmutenden Insel Capri empfangen. Die meiste Reklame machte ein Boot mit einem „gläsernen Boden“, unter dem ständig ein nackter, brauner Schwimmer einherschwamm, um des Bootes und des Wassers Durchsichtigkeit zu zeigen! Auch ein Sport! Wieder andere tauchten unaufhörlich nach ins Wasser geworfenen Fünfcentstücken, deren sie in wenigen Minuten mehrere schwimmend und tauchend heraufholten und triumphierend und wie Seehunde triefend auf die nasse Ruderbank ihres Bootes zum Beweis und als Lohn niederlegten. Als wir endlich auch noch die prüfenden hämischen Blicke der Badegäste am Landungssteg passiert hatten, hielten wieder die ~porters~, Agenten und Hotelburschen uns mit Geschrei und Anpreisungen auf; eine resolute Wirtsfrau aber übertönte sie alle, indem sie mit einer mächtigen Klingel in der Hand laut schellend vor ihrem ~lunchroom~ auf- und ablief, bis sie ihn voll Ankömmlinge hatte. Und Appetit hatte die Seefahrt ja gemacht ...
Dann erging man sich in den wundervollen sattgrünen und sonnigen Anlagen am Strande des Seebades, wo sich Hotel an Hotel und Villa an Villa reihte. Weit ins Innere begab ich mich nicht. Ich fand es am schönsten, mich an einer etwas abgelegenen und einsamen Stelle am Strande zu lagern und als freies Kind der Natur dem Spiel der ankommenden sich brechenden Wellen zuzuschauen und dem heiseren Bellen der plumpen Seelöwen zu lauschen, die nicht weit vom Strand auf wasserumspülten Klippen ihr lustiges Spiel trieben, bald mit ihrem glatten, geschmeidigen Körper ins Wasser gleitend, bald triefend wieder aufs Trockene emportauchend.
Wie warm schien die Sonne auf Sand und Steine! Einige Möwen kreisten zu meinen Häupten. Ein ganz milder Wind wehte von der See herein: Leicht und klar umplätscherte mich das Wasser des Ozeans. Die Wiese herab blühten unzählige weiß und lila leuchtende Blümlein. Es waren einzige Stunden der Erholung und des Unberührtseins von Welt und Menschen. Nach einer Stunde kam den Weg an den Felsen entlang als einziger Mensch eine alte weißhaarige Dame geschritten, die ihren üblichen Nachmittagsspaziergang machte. Eine schwarze Dienerin trug und hielt ihr den Sonnenschirm über den Kopf. Wie sie mich plötzlich von ferne am Wasser im warmen Sand ruhend erblickte, kehrt sie erschreckt um. Die Taucher und der Glasbodenschwimmer lagen derweilen auch in ihren Bademänteln, auf neue „Arbeit“ wartend, am Strand unter den Hotels. Der „Cobrillo“ rauchte friedlich aus seinem Kamin in der Bucht. Die Seelöwen bellten immer noch, und die resolute Wirtin hatte ihr lautes Schellen eingestellt. Welche paradiesische Ruhe hier! Welche nervenstärkende Stille und wohlige Wärme an diesem glücklichen Strande! Und wie lockend mußte es sein, diese paradiesische Insel wie ein Robinson nach allen Richtungen zu durchstreifen ...
Um dreieinhalb Uhr rief der Cobrillo mit seiner Sirene wieder seine Fahrgäste zusammen, auf daß man noch zum ~dinner~ abends nach Los Angeles kommt. Vier Stunden Aufenthalt waren mir wie ein Tag auf diesem paradiesischen Eiland vorgekommen. Die See war jetzt ganz ruhig geworden. Die ersten Fahrgäste überschritten schon wieder den schwankenden Landungssteg und suchten sich gewitzigt von der ersten Fahrt die Mittelplätze beim Schornstein aus. Die Taucher gingen wieder an ihre „Arbeit“. Der nackte, braune Glasbodenschwimmer ruderte sein Boot hinaus. Da mußte auch ich meinen Strandwinkel verlassen und warf mich wieder in die Tracht des wohlbekleideten Kulturmenschen. Ach, daß das Schönste immer am schnellsten vorübergeht! Und es bleibt allein die Erinnerung ...
Bei völlig ruhiger See und vollem Sonnenschein stachen wir wieder auf dem kleinen Dampfer in See, dem Kontinent entgegen. Die Berge hoben sich in unserem Rücken wieder höher und höher. Eine alte spanische Missionskirche über dem Hotel Metropole und Grand View winkte uns den Abschied zu. Die Möwen flogen auch wieder mit uns heimwärts. Und die Hochzeitspärchen an Bord hatten bei der Rückfahrt keine ungewollten Umarmungen mehr zu befürchten ...
Um sechs Uhr liefen wir wieder in San Pedro ein. In der Abenddämmerung rasten wir die 23 Meilen nach Los Angeles mit der elektrischen Schnellbahn in 40 Minuten zurück. Und als ich wieder nach diesem eindrucksvollen Ausflug die „Main Street“ durchschritt, brannten bereits die vornehm wirkenden Glaskandelaber in den Hauptstraßen von Los Angeles und machten sie zu wahren Wandelgängen unter freiem südlichem Himmel. Alles Volk, besonders die flirtende Jugend, zog die Hauptstraße unter den brennenden Kandelabern auf und ab, eine allgemeine südliche Mode wie in den Hauptstädten Italiens und Spaniens, wo man sich erst abends recht aus den Häusern wagt. Mein Abendessen nahm ich bescheiden in einem sogenannten „~help-yourself~“-Restaurant. Da tritt man zu den langen Büfettreihen selbst mit einem Tablett in der Hand, nimmt sich Teller, Messer, Löffel, Gabel und stellt sich selbst aufs Tablett an Speisen, die ständig am Büfett bereitstehen, was man begehrt. Bei dem letzten Büfettfräulein erhält man dann einen Zettel, auf dem sie alles blitzschnell addierend, angibt, was das selbstgewählte ~Menu~ kostet. Der Preis wird beim Ausgang an einer Kasse entrichtet. Äußerst praktisch wie alles in Amerika und zugleich auch recht appetitanreizend! Außerdem spart man die Ausgabe für Getränke und Bedienung, die ja bei uns oft noch ein Drittel Aufschlag bedeuten. Man ist auch schneller fertig, macht anderen Platz, wischt den Mund, stellt das abgegessene Geschirr zur Seite, bezahlt und geht, denn „~time is money~“. Ja hier gab es sogar noch Abendmusik gratis dazu!
Dann ging ich auch einmal in ein „~show~“, ein einfaches Theater, um den Abend nützlich zu verbringen. Es hatte drei Ränge, die an fast gefängniskahlen Wänden umliefen. Der Vorhang war, ehe er aufging -- echt amerikanisch! -- mit Reklamen bedeckt! Das Theater saß ziemlich voll junger Leute, Weiße und auch Chinesen! Der Eintrittspreis war nicht gering. Das Spiel dauerte zweieinhalb Stunden. Aber es wurde dabei geraucht; andere aßen Orangen und Bananen. Die Schalen warf man einfach unter die Sitze! Erst kamen allerlei recht üppige Balletts, die anscheinend besonders den anwesenden Halbwüchsigen gefielen, dann trat eine tauchende Dame in schwarzem Trikot auf, zuletzt kam ein amerikanisches Drama: „Die City“, in dem die Gefahren und die schließliche Verzweiflung eines von der City Zermalmten geschildert wurden. Die Taucherin sprang und hüpfte und schwamm wie ein Aal; behend und schlank war sie wie ein Reh. In dem Drama wurde eine wohlhabende Bankierfamilie einer Landstadt geschildert: Sohn und Tochter streben nach Neuyork. Der konservative Vater warnt vergeblich. Ein natürlicher Sohn desselben fordert Geld von ihm und droht ihm im Weigerungsfall mit Erschießen. Das erregt den Alten so, daß er darüber stirbt, nicht ohne seinem rechten Sohn den Grund offenbart zu haben. Zehn Jahre später steht dieser vor seiner Wahl zum Gouverneur in Neuyork. Seinen Halbbruder hat er zu seinem Sekretär gemacht. Seine Schwester will sich von ihrem trunksüchtigen Mann scheiden lassen, weil sie ihren Halbbruder liebt, ohne um sein Geheimnis zu wissen. Ihr echter Bruder offenbart ihr, daß ihre mit ihm bereits heimlich geschlossene Ehe nichtig ist. Daraufhin erschießt verzweifelt der Halbbruder die Gattin, die seine Schwester ist. Er wird verhaftet und dem Gericht übergeben. Die Sünde der Väter rächt sich an den Kindern! Der Held des Stückes schließt: „Nicht die City verdirbt den Menschen, sondern der Mensch die City. Die City offenbart nur, wer sich in ihr zu behaupten vermag und wer nicht.“ Man ging ergriffen. Draußen umwogte einen die wirkliche „City“ mit ihrer Dollarjagd und ihren Versuchungen. Welch erschütternde Bekenntnisse hatten mir Freunde anvertraut! Es menschelt überall sehr und immer in gleicher Weise in der Welt, aber im ganzen scheint man in Amerika schamhafter und „moralischer“ zu sein, wenn auch oft prüder. Die Witzblätter dürfen nicht so offen geil wie zuweilen bei uns sein. Die Prohibition hat sicher auch hier ihre unschätzbaren Verdienste ...
* * * * *
Am anderen Tag hoffte ich, Kalifornien, das allein so groß ist wie unser jetziges Deutsches Reich, zu durchqueren. Die Luftlinie von Los Angeles bis Frisko mißt etwa 600 ~km~! Die Gesamtlänge des amerikanischen Kaliforniens beträgt aber etwa 1500 ~km~ oder die Entfernung von Memel bis Basel! Freilich beträgt die Breite durchschnittlich nur 300-400 ~km~. Danach kann man sich ungefähr von seiner Größe eine Vorstellung machen. Die Einwohnerzahl beträgt freilich noch nicht zwei Millionen, von denen die reichliche Hälfte in den beiden wetteifernden Großstädten wohnt! Man fährt von Los Angeles 15-16 Stunden mit dem Expreß nach San Franzisko. Ich teilte mir deshalb diese Strecke lieber, um unterwegs noch allerlei mitzunehmen.
Volles sonniges, warmes Wetter begünstigte die Fahrt. Man bedauerte es fast, wieder in den Pullmann steigen zu müssen. Draußen lagen die pinienbewachsenen Berge im hellsten Sonnenschein; ihnen zu Füßen reifende Getreidefelder im April! Viermal wird hier im Jahr Gras geschnitten und Heu gemacht!
Von der Fruchtbarkeit und Üppigkeit Kaliforniens machen wir uns in Deutschland ebensowenig eine zureichende Vorstellung wie von der Wüstenhaftigkeit des Felsengebirges und der Unendlichkeit der Mississippiebenen. Ich fuhr mit der „~Line of the thousand wonders~“ (Linie der 1000 Wunder) und war auf die „Wunder“ wirklich gespannt. Wie in Italien schimmerten von allen Höhen weißgestrichene Häuschen. Durch die Felder zogen Pflüge, von acht Maultieren gezogen. Rechts grüßten die Berge, links dehnten sich die strotzenden Felder, ganz leicht blau drüben lockte die Linie des Ozeans! Ganze Haine voller Oliven, als ob es graue Weiden wären, flogen vorüber.
Neben mir sitzt, wie ich bald herausbekomme, ein alter Schleswig-Holsteiner, der als Junge in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts schon herübergekommen war. Jetzt war er gut ein Fünfundsiebziger geworden! Er war nicht zurückgekehrt, weil er Preußen haßte und nicht beim Militär dienen wollte. Da ich ständig mit Notizbuch und Bleistift in der Hand zum Wagenfenster hinausstarrte, fragte er mich, ob ich Land kaufen wollte. Daß man bloß zum Vergnügen und zum Studium durch die ganze Union reisen könne, begriff er nicht, am allerwenigsten aber, daß ich wieder in die alte Heimat zurückwollte. Spöttisch fragte er mich -- die typische Frage alter verbissener Deutschamerikaner -- ob es jetzt in Deutschland auch Straßenbahnen, elektrisches Licht und Dampfheizung gebe, oder ob wir noch Petroleumlampen brennten und mit der Postkutsche führen? Er war nie wieder, verbittert wie er war, in die Heimat zurückgekehrt und konnte sich kaum vorstellen, daß auch bei uns jetzt modernes Leben herrschte. Vielleicht überzeugt ihn unser Zeppelin ~Z III~, falls er ihn noch erlebte, wenn er als „Los Angeles“ die „Stadt der Engel“ besucht.
Bald trat die Bahnlinie ganz dicht und höchst malerisch an den Ozean heran. Die felsigen Berge ließen nun kaum noch Raum für ihre Trasse. 160 ~km~ lang fuhren wir an der kalifornischen „Riviera“ hin, die in der Tat der italienischen und französischen nichts nachgibt. Drüben über dem St. Barbara-Kanal sah man die felsige Insel Santa Cruz, die Hänge der Berge über und über mit Blumen übersät, als herrsche hier ewiger Frühling. Schäumend brachen sich die anrollenden Wogen des Ozeans an der Steilküste wie in Rapallo oder Nervi. Auf hoher See zog ein Dampfer mit langer Rauchfahne. War es der „President“ von gestern aus San Pedro? Wo sich das Land wieder ein wenig öffnete, zeigten sich goldgelbe Senffelder, in denen braune Spanier arbeiteten. Von ihnen stammt die Landbevölkerung vielfach besonders um die alten Sitze der spanisch-mexikanischen Missionen herum ab. Dann sah man wieder Gummibäume, Eichen, Oliven und weite Weidetriften. Und so oft die Bahn stieg, weiteste Aussicht über den blauen Ozean! Man wurde die Illusion nicht los, als ob man etwa zwischen Pisa und Genua fahre. Gelb und blau sind die Meeresabhänge in unbeschreiblich prächtigem Blumenflor. Es waren wirklich die „~thousand wonders~“ keine Phrase! Dann drängten uns mächtige Dünen vom Meer ab. Asphalt- und Petroleumquellen an und in demselben mit den die Landschaft entsprechend verunzierenden Essen und Fördertürmen tauchten auf ...
[Illustration: ~SANTA BARBARA~
~Alte spanische Franziskaner-Mission~]
Wir hielten in Santa Barbara, 100 Meilen von Los Angeles, dem amerikanischen „Mentone“, einem der Glanzpunkte der kalifornischen Riviera, zugleich einem der mildesten und geschütztesten Winterkurorte der Union, wo man keinen Winter kennt und auch keinen unerträglich heißen Sommer, eingebettet in Rosen und überragt von der alten historischen und höchst malerischen 1786 gegründeten Franziskanermission des berühmten Padre Junipero Serra. Die Bilder des Klostergartens mit seinem Kreuzgang, dem Refektorium, der weißgestrichenen Kirche und den braunen Kutten der Franziskaner zauberten ein volles Stück Mittelalter mitten in das modernste Land der Erde. Noch hatte kein Erdbeben es verwüstet.
Weiter geht es an der Riviera entlang in 100 Meilen nach San Luis Obispo in einem weiten Wiesental. Es wird allmählich warm. In einem von der Mittagssonne blendenden Steinbruch arbeiten halbnackte, braunschwarz gebrannte Arbeiter. Denken wir im Anblick der Kapitols, ~state-houses~ und ~skyscrapers~ immer daran, wer ihre weißen Blöcke gebrochen und ihre Quadern behauen hat? Wieviel Menschenschweiß klebt doch an jedem Stein der Großstadt! Die Bahn steigt in mächtigen Kehren vom Ozean ab über das Gebirge der Luciaberge 400 ~m~ hoch durch sieben mit Holzplanken gestützte und ausgebaute Tunnels hinüber in das Salinastal, wo in weiten wegelosen Eichenhainen halbwilde Rinderherden fröhlich ihr Leben genießen. Ab und zu tutet die Lokomotive mächtig in die Welt hinaus, um Gegenzüge zu warnen, oder klingelt, um Wanderer von dem Schienenweg zu scheuchen. Die weitesten Strecken liegen hier noch unangebaut! Der alte Schleswig-Holsteiner hatte nicht so unrecht. Hier könnte man gut nach Land ausschauen. Was könnte hier aus den Weidetriften noch für ein Etschtal werden!
Wie aus einem Kinderspielzeugkasten tauchten weißgestrichene Landhäuser zwischen dunklem Grün auf. Kleine, schwarze, scheinbar unansehnliche Schweine, halb verwildert, tummeln sich an einem kleinen Sumpf. In Salinas steige ich aus, um Monterey, die älteste Stadt Kaliforniens, einst vor San Franzisko und Los Angeles des Landes Hauptstadt, aufzusuchen. Heute ist Monterey ein ganz stilles Landstädtchen von kaum 2000 Einwohnern an der entzückenden, paradiesischen Montereybucht. Ein Wagen bringt uns auf herrlicher Straße zu einem der komfortabelsten und prächtigsten Hotels der Welt, Hotel del Monte. Seine Gärten und Parks sind weltberühmt, sie bergen in sich alle Pflanzenwunder Arizonas und Kaliforniens zugleich. Man wandelt unter Palmen und riesigen Kakteen, in Alleen von Rosen und Eukalyptus, unter immergrünen Steineichen, Pinien und Zypressen. Es dunkelte schon, als wir aus der Heide wieder ans Meer kamen. Geheimnisvoll tauchte wieder der Ozean, unser Begleiter, auf. Einsame Vögel kreisten am Abendhimmel. Schwarz zogen sich im Dunkel die Dünen am Strande hin. Letzte Lichter tanzten auf dem Wasser ...