Part 21
Nachmittags unternahm ich noch einmal eine aussichtsreiche Überfahrt mit dem Fährboot an den Fuß des Tamalpais am Rande des „Goldenen Tors“ nach dem ganz italienisch anmutenden Sausalito. Weißschimmernd leuchteten Oakland und Berkeley mit der Kalifornia-Universität herüber. Rings umher steile Felsenufer. In südlicher Vegetation versteckt baut sich das Villenstädtchen das felsige Ufer hinauf wie nur die alten Städtchen an den oberitalienischen Seen.
Das Wetter war stets bei allem angenehm sommerlich warm, aber nie heiß, obwohl San Franzisko auf der geographischen Breite Palermos liegt! Doch nirgends fand ich trotz all der Naturschönheiten einen rechten Ruheplatz. Der Amerikaner braucht kein Ausruhen. Es fehlen die Bänke oft sogar in den Parks und an Aussichtspunkten. Man kennt kein stillsinnendes Naturgenießen. Auf den Bahnhöfen umbranden einen die Agenten, Schuhputzer und Kofferträger. Die ~bars~ und ~lunchrooms~ sind nicht immer offen, Gartenwirtschaften gibt es in der ganzen Union nicht. Als Fremder ist man daher drüben richtig auf die Straße gesetzt. Ganz anders der Chinese -- den ich auch diesen Abend zum Abschied noch einmal aufsuchte; denn wann würde ich wohl einmal nach China kommen, zumal seit mein einziger treuer Studienfreund ~Dr.~ Moses Chiu, den ich noch von Halle her kannte, zu früh in seiner Heimat in Amoy hatte sterben müssen.
Wie seelengemütlich saßen die gelben Zopfträger jetzt wieder vor und in ihren Häusern! Warum? Weil sie mit wenigem zufrieden und weil sie Kinder einer jahrtausendalten Kultur und Schulung sind. Ihr gerades Gegenteil ist der Yankee. Nie zufrieden mit dem Erreichten, ein steter rastloser Vorwärtser und ein Sohn der reinen Gegenwart. Wie behäbig, wie beleibt, wie runzelig neben ihm mancher Chinese, aber auch wie gutmütig aus den Augen schauend, so ungefähr wie eine blinzelnde Katze im Sonnenschein ... --
Nun hieß es allmählich das noch immer halbmeterlange Zettelbillett +zur Rückfahrt+ stempeln lassen und Abschied nehmen vom Stillen Ozean. Es war mir ein bißchen weh ums Herz. Aber selbst ein Alexander der Große mußte aus Indien umkehren! Mit ihm konnte ich mich trösten, daß es jetzt für mich nicht gleich noch eine Erdhälfte zu durchqueren gab! Ich hätte ja fürs Leben gern jetzt einen der unter Dampf liegenden Japansteamer bestiegen und wäre über Yokohama, Hongkong, Kalkutta oder Wladiwostok, Moskau heimgereist, aber was hätten sie in Harvard gesagt, so ohne Abschied auf und davon zu gehen! Und auch auf der Rückfahrt durch die Union würde es ja noch manches zu sehen geben: Die Salzseestadt, die Wüsten Nevadas, den Pikes Peak bei Denver, Pittsburg, Washington, Baltimore, Philadelphia ...
So setzte ich zum dritten Male abends neun Uhr über die weite Bai. Die Lichter der Stadt funkelten im Wasser. In Oakland stieg ich zehn Uhr abends in den bereitstehenden Chikagoexpreß. Der Schlafwagen war international überfüllt: Auch Japaner, auch Damen ... Aber ich hatte mein Oberbett fest und zeitig bestellt und ließ es mir auch nicht wieder rauben, obwohl nicht alle unterkamen. Wir setzten uns in Bewegung. Bald lag man wieder oben und rollte durch die Nacht. -- -- --
Um Mitternacht passierten wir Sacramento, die eigentliche Regierungshauptstadt des ganzen Staates Kalifornien mit einem gebieterisch ausschauenden Staatskapitol inmitten herrlichster Anlagen, nach fast 90 Meilen Fahrt und dem Überqueren ausgedehnter Sumpfgegenden und erneutem Übersetzen über einen Buchtarm. Die Bahnlinie überschreitet darauf den Sacramentofluß und sein breites Tal und keucht dann in mächtigen Windungen stundenlang zu den Pässen der Sierra Nevada hinauf. Es wurde nun eine richtige Alpenfahrt wie über den St. Gotthard, nur doppelt so hoch! Schade, daß das nächtliche Dunkel uns die zauberischsten Rückblicke auf die San Franziskobucht verwehrte ...
[Illustration: ~SAN FRANCISCO~
~Das Geschäftsviertel nach dem Erdbeben~]
[Illustration: ~SAN FRANCISCO~
~Abbruch nach dem Erdbeben~]
Fußnoten:
[Footnote 25: Amerikanische Armee. Junge Leute gesucht. Gute Bezahlung! Keine Ausgaben! Ungewöhnliche günstige Gelegenheit für Reisen, Ausbildung und Beförderung!]
[Footnote 26: 17 Meilen-Fahrweg.]
[Footnote 27: Der Leser kann sich die Zerstörung gar nicht groß genug vorstellen, sie ist nur mit der Niederlegung und Beschießung ganzer Städte im Weltkrieg annähernd zu vergleichen.]
Am Großen Salzsee und in Kolorado.
Am Abend waren wir von der subtropischen Küste des Stillen Ozeans weggefahren, am Morgen wachten wir nach völliger Verwandlung in Höhe von 2000 ~m~ in prächtigster Alpenschneelandschaft der Sierra Nevada wieder auf. Die Sierra Nevada ist ein etwa über 700 ~km~ langer bis über 4000 ~m~ ansteigender schneebedeckter Alpengebirgszug des Felsengebirges, der Kalifornien von der Union so stark trennt, daß diesseits und jenseits des Gebirges völlig anderes Klima herrscht. Die kühlen und feuchten Seewinde dringen nicht bis in die unfruchtbaren heißen Wüsten Nevadas, und das milde gleiche Klima Kaliforniens kennt nicht den stürmischen Wechsel auf den Hochflächen des Felsengebirges und in der nördlichen Mississippiebene.
Erstaunt sah man aus dem Fenster. Auch zwischen den Schienen lag wirklich Schnee! Und noch tags zuvor hatte ich mich wohlig in dem durchsonnten Sand des Ozeans gebräunt. Die Paßhöhe war eben überschritten. In vielen Windungen an steilen Felshängen entlang in schwindelnder Höhe über tiefeingeschnittenen Tälern mit herrlichem dunklen Fichtenbestand, aus dem blinkende Bergseen wie in der Schweiz und dem Schwarzwald heraufschauten, eilte unser Zug, der den stolzen Namen: „~China and Japan fast-mail~“ trug, auf der ältesten seit 1869 eröffneten Pazifiklinie in eiligem Tempo wieder abwärts.
Viele hundert Meter lange künstliche Holztunnels sicherten die Bahn gegen Schneeverwehungen. Aber aus den Aussichtslöchern boten sich köstliche Blicke in die Bergwelt ...
Im Wagen machte gerade alles Morgentoilette. Und einige der alten Damen packten schon aus ihren Reisekörben ein leckeres Frühstück aus, das in mir so etwas wie Appetit weckte. Auf sauberem Tafeltuch stellten sie Tassen zurecht; dann folgte ein Gang dem andern: Belegte Brötchen, Käse, Obst, kaltes Geflügel, Sardinen, kalter Braten und zuletzt Rotwein! Wer hätte da nicht mittun wollen? Sie hatten sich gut vorgesehen, weil sie wußten, was ihnen bis Chikago bevorstand! Ich aber hatte übersehen, daß zwar unser „~China and Japan fast mail~“ „~the best dining-car-service of the world~“ besaß, aber dafür auch keine Frühstücks- und Lunchstationen innehielt wie der Santa Fé- und Los Angeles-Expreß. Und da nun der „beste Speisewagendienst der Welt“ auch offenbar die „besten Preise der Welt“ hatte -- z. B. ein Beefsteak einen Dollar! -- so war ich diesmal ziemlich aufs Hungern angewiesen, denn meine Reisekasse schmolz und mein Speisevorrat bestand aus -- drei Apfelsinen, von denen ich alle drei Stunden eine zu verzehren beschloß, dann würde es gerade noch bis zur Mormonenstadt reichen, wo man wieder zivilen Boden und menschliche Preise unter die Füße bekam. Nachts brauchte man ja glücklicherweise keine Nahrung. So mußte ich mich also diesen Tag mit dem Anschauen der interessanten Gegenden „sättigen“ und mein Getränk dem unentgeltlichen Eiswasserfaß am Wagenende entnehmen. Das tat ich ebenso oft wie jene Kinder, die ein paar Sitze weiter plötzlich in unverfälschtem Dialekt ihren Vater laut fragten: „Du, Pape, ist do’ Wasser in de’ Pump?“, was der Vater mit einem beifälligen lauten Gähnen quittierte. Man war also nie allein, immer wieder unter „Landsleuten“, auch wo man es gar nicht vermutete. Auf der Straßenbahn in Buffalo ebenso wie auf dem Bahnsteig in Flagstaff am Fuße der schneebedeckten himmelaufragenden San Franziskoberge, in Oakland so gut wie in dem Expreß auf 2000 ~m~ Höhe in der Sierra Nevada. Also war man nicht nur unter Japanern, die jetzt mir gegenüber in einem blaueingebundenen Buch mit wunderlichen Schriftzeichen lasen -- war das eine buddhistische oder taoistische Morgenandacht? -- und nicht nur unter Chinesen, die sichtlich als nicht ganz vollwertig von den übrigen Mitreisenden gemieden wurden (Neger wagten sich schon gar nicht in den Wagen) und den breitgesichtigen, stets wohlrasierten Amerikanern. Leid tat mir eine Lady, die in der Nacht, wie ich vor Syrakuse mein Scheckbuch, so jetzt ihr meterlanges Zettelbillett bis Neuyork eingebüßt hatte! Ich kann auch nicht sagen, ob sie es wiedergefunden hat oder noch an ihr Ziel gekommen ist. Helfen konnte ich ihr auch nicht -- als allein mit innigem Mitgefühl.
Im Waschraum schwamm es indes förmlich bei so ausgiebiger Benutzung und so völliger Besetzung des Wagens! Es war auch nicht ohne Interesse, daselbst die verschiedenen Rassen und Nationalitäten bei der Eigenart ihrer Morgentoilette und halb im Naturzustande zu beobachten ...! Aber ich hätte einen Dollar geopfert, wenn ich dafür den nachtdurchschlafenen Wagen, der sich nun wieder in einen fahrenden „Salon“ verwandelte, gründlich hätte durchlüften können, eher als für ein Dollarbeefsteak im Speisewagen ...
Es war wieder ein ganz wundervoller Morgen geworden. Warm und freundlich grüßend schien die helle Sonne vom blauen Himmel auf den frischen weißen Schnee herab. Rauschend brausten in der Tiefe der Täler die Gebirgsbäche und schäumten donnernd über die Felsbänke. Die Szenerie glich durchaus der von Göschenen vor dem Gotthardtunnel. Dann und wann schauten Hochgipfel aus den Seitentälern. In unzählig vielen Windungen ging es rollend und bremsend im ganzen etwa 800 ~m~ Gefälle abwärts, also ungefähr so viel wie vom Gotthardtunnel hinab zum Vierwaldstätter See, durch zahllose Tunnels mit ihren langen Holzdächern bis zur „Hauptstadt“ des Staates Nevada, +Reno+, mit seinen 5000 Einwohnern!
Reno liegt ganz an der Grenze des Wüstenstaates Nevada, der bei 300000 ~qkm~ (Größe Preußens!) nur 50000 Einwohner zählt, also erst auf 6 ~qkm~ einen Menschen! Reno hat zwei Merkwürdigkeiten. Erstens ist es Sitz einer „Staatsuniversität“, die aber so geringwertig ist, daß man +nach+ ihrer Absolvierung kaum fähig wird, in Harvard ins Kollege aufgenommen zu werden, d. h. von vorne zu studieren! Die zweite noch größere Merkwürdigkeit ist, daß man in Reno in zwei Minuten geschieden werden kann, so daß von 20 Ehepaaren im Staat Nevada etwa 13 (!) wieder auseinanderlaufen. Günstiger liegt das Verhältnis sonst in der ganzen Union, wo erst (!) auf 10 Ehen +eine+ Scheidung kommt. Das liegt an der gesetzlichen Leichtigkeit der Scheidungen. Schon beiderseitige gänzliche Abneigung genügt zur Trennung. Meist dringen mehr die amerikanischen Frauen auf Scheidung als die Männer. Und doch haben die Frauen es drüben viel leichter im häuslichen Leben als bei uns. Keiner Frau mutet man in Amerika schwere körperliche Arbeit zu. Kein weißes Dienstmädchen braucht drüben Kohlen zu tragen, Teppiche zu klopfen, Stiefel zu putzen u. dgl., erst recht nicht die Hausfrau. Selbst den Kinderwagen schiebt stets der Mann, ebenso trägt und hebt der Mann stets das Kind. Der Mann ist der Frau Knecht. Und sie ist drüben mehr sein Gespiele, seine schöngekleidete und wohlgepuderte Puppe als seine harte Mitarbeiterin. Sie gebietet, und der Mann führt vielfach nur ihren Willen aus. +Sie+ redet, predigt, organisiert, lenkt auch das Automobil! Fast der gesamte Unterricht der Jugend liegt in Händen von Frauen! Im öffentlichen Vereinsleben geistiger und wohltätiger Art spielt sie die durchaus tonangebende Rolle. Die Prohibition war auch wesentlich ein Sieg der Frauen. Sehr groß ist daher auch die öffentliche Rücksichtnahme auf die Frau überall. Ihr wird es +nie+ drüben begegnen, daß sie z. B. je in einem Straßenbahnwagen stehen muß. Auch der älteste Herr macht ohne weiteres der jüngsten Dame Platz! Anders und eigenartig sind auch die Grußverhältnisse. Männer untereinander nehmen nie Hut oder Mütze ab, auch nicht Schüler vor dem Lehrer, denn auch er ist nur ein älterer „~boy~“. Aber im Gruß zwischen Herr und Dame grüßt der Herr nicht zuerst die Dame, sondern hat zu warten, ob sie ihm mit ihrem Gruß ihre Gunst bezeigt! Eine Dame zuerst zu grüßen würde als so unschicklich gelten, als wenn man bei uns eine fremde Dame ohne weiteres anspräche. Stets geht auch der Herr auf der Außenseite des Fußsteigs, so der Dame die geschütztere Innenseite überlassend. Ja manche reden schon von einem fast femininen Einschlag in der amerikanischen Kultur, deren äußeres Kennzeichen auch das sehr große Wertlegen der Herren auf „~style~“ (Mode) und ihre Vorliebe für -- Süßigkeiten ist. In diesem Licht sind die vielen Ehescheidungen begreiflich. Sie sind nicht Zeichen sittlichen Verfalls, sondern nur der Ausdruck der hohen Ansprüche der Frauen an Leben und Wertschätzung und eines hochgespannten Idealismus, der sofort Verbindungen löst, die dem Ideal nicht mehr entsprechen. Bedenklicher ist schon der Rückgang der Geburten in stockamerikanischen Ehen, so daß sich fortgesetzt das Ursprungsverhältnis der Bevölkerung zugunsten der erst kürzlich eingewanderten ungebildeten Schichten aus Osteuropa verschiebt ...
Wir fuhren indessen in der warmen hügeligen Nevadawüste, die an Einsamkeit, Verlassenheit und Grenzenlosigkeit mit Arizona wetteifern kann. Stationsnamen, wenn der Zug einmal hielt, fand ich selten angeschrieben. Ohne den Ruf: „~All aboard!~“ setzte sich der Zug langsam wieder in Bewegung. Man mußte dabei zusehen, daß man noch rechtzeitig auf das Trittbrett kam. Auf einer der verlassenen Stationen erstand ich mir eine Tafel Schokolade, die ich mir in die Tasche steckte. Als ich sie aber nach qualvoller längerer Zeit der Selbstverleugnung wieder hervorzog, war sie unter Nevadas Wüstensonne in braunes Wohlgefallen zerflossen und hatte das Rockfutter hübsch braun gefärbt und durchsalbt ... Es war um Mittag heiß geworden. Der Gang zum Eiswasserfaß wurde zur Polonäse!
Immer eintöniger wurde die Landschaft. An einem einfachen Fluß stehen ein paar Kinder und schauen stumm dem Zug nach. Wo ein bißchen Gras sprießt, weiden ein paar Pferde. Sonst sieht man nur Sand und wieder Sand, und zwar so grell und weißleuchtend, daß er im Wagen einen richtigen Widerschein an die Decke wirft und in der Ferne sich spiegelnd gar wie lockende Seen erscheint. Am Horizont prangen in der Ferne blaue Randgebirge. Näherbei sieht man nur Föhrengestrüpp und Wermutgesträuch ...
Im Zug schliefen sie jetzt wie die Fliegen an warmer Wand ihren Nachmittagsschlaf. Ich bin der einzige, der noch krampfhaft und interessiert hinaus ins Land schaut. Auch der Japaner hat längst sein blaugebundenes Buch mit den seltsamen Runen zugeklappt. Die weißhaarigen Damen haben längst den Rest ihrer opulenten Mahlzeiten in ihre Körbe versteckt und die Rotweinflaschen wieder zugekorkt. Auch die Chinesen lehnen gedrückt und müde in einer Ecke. Die Lady, die ihr Billett verloren, hat resigniert die Augenlider heruntergelassen wie müde Fensterläden, hinter denen Lebensverdrossenheit wohnt. Die deutschen Buben, die nach dem „Wasser in de’ Pump’“ frugen, spielen auch schon lange nicht mehr. Alles schläft. Es ist ja auch nichts zu versäumen. Es steigt niemand weder aus noch ein. Der Zug schlingert so durch die Sandwüste wie ein Schiff bei Windstille über das Meer. Man weiß es eben wieder nicht mehr anders, als daß man fährt und fährt und immer wieder fährt. Jeder hat sich in seiner Weise in sein Eisenbahnschicksal ergeben ...
Es ist Goldgräberland, das wir jetzt durchfahren. Verlassene Minen und Bergwerke wechseln mit neuaufblühenden. Manchmal ist eine Siedlung schon auf den Sand hingestellt, aber es sind noch keine Menschen da, drin zu wohnen! Alles sieht aus, wie aus einer Holzbaukastenschachtel putzig, schematisch aufgebaut bis auf die kleine weiße Holzkirche, die nicht fehlen darf. Im ganzen wohnt hier ein robustes und skrupelloses Geschlecht, die Nachkommen echter Abenteurer, wilder Spekulanten, denen Spiel um Geld Sport war und noch ist und der Revolver oft gar leicht und lose im Gürtel sitzt ...
Wer hier zu Fuß gehen wollte! Er könnte wie durch die Sahara waten und verdursten. Den einzigen Schatten wirft weite Strecken nur der Zug. Rötlich schimmern die Felsengipfel. Dann wieder einmal ein paar armselige Hütten mit Menschen darin. Station Paran. Auf dem „Bahnsteig“ am Zug spielen hemdärmlig einige Burschen Fußball! Er ist der einzige planierte Platz. Der Bahn entlang reitet durch den Sand ein Herr und eine Dame im Tropenhelm! Die Sonne steht hoch, die Berge werden immer höher und steiler. Immer neue Berge und Wüsten tauchen im Vorblick auf. Kein Europäer hat ja eine Ahnung, wieviel Tagefahrten +breit+ „das Felsengebirge“ ist, welche riesigen Hochebenen zwischen den drei Hauptgebirgszügen desselben liegen, deren Streifen scheinbar schmalfurchig von Norden nach Süden ziehen! Wieviel Schweiß muß es hier einst gekostet haben, diese Bahn durch die Einöden zu bauen!
So kommt wieder der Abend heran. Wir fahren unentwegt. Wir haben längst schon wieder „~Mountain-time~“ und die Uhr eine Stunde vorgerückt. Der erste Abend bricht an, da uns die Sonne nicht mehr im Rücken, sondern wieder im Angesicht aufgeht -- eine Weissagung auf Heimkehr! Die sandige Wüste färbt sich abendlich graugrün. Die Chinesen sind in ihrer Ecke erwacht und kauderwelschen laut miteinander in der stolzen Sicherheit, daß sie niemand versteht. Mein Japaner liest seinem Kind aus dem blauen Buch vor. Die ältlichen Damen breiten zum Abendessen wieder ihre saubere Serviette aus und entkorken wieder die Rotweinflaschen. Unentwegte Raucher suchen für eine Weile das kleine Rauchabteil auf. Wem es nicht aufs Geld ankommt, der folgt jetzt dem „~last call for dinner~“[28] des Kellners in den Speisewagen. Die Kinder balgen sich wieder im Mittelgang. Mit dem Abend erwacht alles Leben ...
Wir halten an einer Bahnkreuzung. Eine Reihe immer dünner werdender Telegraphenstangen weist durch die Wüste gegen die Berge ins Wegelose ... Der Lehmboden rings ist trocken und rissig. Jeder Zentimeter Regen und Schnee bedeutet hier Brot. Allmählich bricht Dunkelheit an. Wir fahren immer noch in einer Höhe von 1000 bis 1500 ~m~. In der Dämmerung sehe ich noch durstiges Rindvieh in einem trockenen „~creek~“ stehen. Niedrige Büsche werfen lange dunkle Schatten. Einige weiße Zelte leuchten im grellen Mondschein. Sind es Bahnarbeiter, Hirten, Goldgräber?
Dann klettere ich -- zum wievielten Male? -- wieder einmal in meine „~upper berth~“. Der Salonwagen hat sich wieder in einen Schlafsaal schnarchender Nasen verwandelt.
* * * * *
Am zweiten Morgen wieder eine völlige Verwandlung! Als ich erwacht bin und aus dem Fenster sehe, ist es lichter Morgen. Vom blauen Himmel scheint helle Morgensonne, die noch nicht lange aufgegangen sein kann, und -- ist es Traum, Vision oder Wirklichkeit? -- wir fahren, obwohl noch immer im Eisenbahnzug, mitten durch einen herrlich weiten glänzendblau schimmernden See, der sich bis an die schneebedeckten Berge der Wasatch Mountains verliert. Rechts und links spülen die Wasser an den mäßig über dem Wasserspiegel erhöhten Bahndamm. Er scheint künstlich aufgeworfen, auf Pfählen und Holzbrücken errichtet. Stundenlang rollen wir so im glitzernden Morgensonnenschein mitten über den großen Salzsee! Vor einigen Jahren hat nämlich die Southern Pacific-Eisenbahn, um die Route nach Kalifornien um 70 km abzukürzen, den Schienenweg auf 37 ~km~ langer Holzbrücke mitten durch den an seinen tiefsten Stellen nur 11 ~m~ tiefen, aber 6000 ~qkm~ großen[29], etwa 100 ~km~ langen und 60 ~km~ breiten Salzsee (~Great Salt Lake~) gelegt. Sein Wasserspiegel liegt immer noch 1280 ~m~ über dem Meere! Wir befinden uns also wiederum auf einer der riesigen Hochebenen zwischen den Hauptgebirgszügen des Felsengebirges, dem Zentrum des Mormonenstaates „Utah“, eines Staates, der selbst halb so groß wie Kalifornien ist. Als wir den See überquert haben, eilt der Zug durch die lachendsten und wohlangebautesten Fluren und Felder, die den denkbar stärksten Gegensatz zu den unfruchtbaren Wüsten Nevadas bilden.
Ein wahres Kulturparadies breitete sich auf einmal um uns aus, das einem wie einst das „gelobte Land“ den Israeliten erschien, als sie aus der Sinaiwüste heranzogen. Der Schöpfer dieses Paradieses, das vor dreiviertel Jahrhunderten genau so trostlose Wüste wie der größte Teil Nevadas war, ist die eigenartige Sekte der „Mormonen“ oder, wie sie sich selbst nennen, der „Heiligen Jesu Christi der letzten Tage“. Wir hielten zuerst in der ein wenig vom See landeinwärts gelegenen mittelgroßen Mormonenstadt Ogden. Hinter uns lag der schimmernde Salzsee, vor uns wie ein Schweizer Bild die schneebedeckten Wasatch Mountains. In Ogden verließ ich die Hauptroute nach Chikago, um nach der Hauptstadt der Mormonen, der Großen Salzseestadt umzusteigen. Auf sie war ich allerdings schon lange sehr gespannt. Da ich eine Stunde Aufenthalt in Ogden hatte, ging ich etwas in das Städtchen hinein. Nichts Sonderliches war außer einer Mormonenkirche zu bemerken. Überall ruhige Sauberkeit und breite Straßen.
Nach einer weiteren Stunde südlicher Fahrt war Salt Lake City erreicht. Auch zwischen Ogden und Salt Lake City liegen prächtige Feldfluren zwischen wohlgepflegten Pappelreihen, unter denen wohlgebaute gerade Landstraßen hinführen. Allen Reisenden, die einstiegen, und denen, die man draußen erblickte, schaute ich immer mit der stillen Frage ins Gesicht: „Bist du ein Mormone oder nicht? Sehen so die Mormonen aus?“ Ich meinte immer, man müßte es ihnen von außen schon an einer Art sonderbaren Wesens ansehen. Aber das war keineswegs der Fall.
So war es morgens acht Uhr geworden. Klopfenden Herzens steige ich in Salt Lake City aus. Mir war es, als käme ich jetzt in die Stadt des Dalai Lama. Die Lage ist ja derselben nicht so ganz unähnlich. Ich empfand so, wie wir uns in Rom aufmachten, um über den Tiber in das Trastevere zu gehen und in das heilige Viertel des Vatikans und der Peterskirche einzudringen. Mußte nicht dort, so dachte ich, jeder Stein im Pflaster von besonderer Heiligkeit reden und die Luft rings gleichsam geschwängert sein von Andacht? Mit ähnlichen Spannungsgefühlen trat ich aus dem Bahnhof in Salt Lake City auf die sehr breite Hauptstraße und hatte sofort nach wenigen Minuten nach Durchschreitung einiger Bahnhofsquartiere den Eindruck, zum ersten Male in einer peinlich sauberen und trotz ihrer 100000 Einwohner stillen und ruhigen amerikanischen Stadt zu sein, dazu in malerischster Umgebung. Von gesteigerter Heiligkeit war noch nichts zu bemerken! Die Menschen kauften und verkauften, gingen, fuhren, redeten genau wie in anderen Städten der Weltkinder. Heilig schienen mir die schneebedeckten Berge, die hier wie in Innsbruck die Schneehäupter zur Maria-Theresienstraße hereinschauen. So endet auch in dieser Stadt der Blick meist an den schneebedeckten Wasatch, die südlich bis zum Grand Cañon reichen! Schon in Ogden hatte mir ein eifriger Postkartenverkäufer auf der Straße seine Karten von den Wasatch Mountains mit den Worten angepriesen: „~The finest mountain-view +in the world+!~“ Selbstverständlich!
Ich schritt indessen in das Stadtinnere bis zu dem gebietenden Denkmal Brigham Youngs, des kraftvollen Nachfolgers des „Propheten“ Joseph Smith, des Gründers des Mormonismus. Dann stehe ich in dem heiligen Bezirk der Mormonen, dem „Tempelblock“ selbst, der von einer langen quadratischen Mauer umgeben ist. Aus ihrem Innern erhebt sich mächtig der vieltürmige Tempel und das riesenschildkrötenartig gewölbte Dach des sogenannten „~tabernacle~“. So stehe ich jetzt an der Stelle, die den Mormonen so heilig und zentral ist wie Rom den Katholiken, wie die Kaaba den Mohammedanern, der Tempelplatz in Jerusalem den Juden und Olympia den Griechen. Aus dem nahegelegenen Mormonenkollege aber strömen gerade die Schüler aus der Morgenandacht.
Echt amerikanisch begibt man sich zur Besichtigung des Tempelbezirks zunächst in das „~information-bureau~“, wo die Einlaßkarten und Führer zur Besichtigung der Sehenswürdigkeiten zu haben sind. Geld und Geschäft hat bis jetzt keine heilige Stätte der Welt verschont, auch die der Mormonen nicht. Christus schwingt noch immer seine Geißel umsonst.
Unter einem Stimmengeschwirr von Menschen werden wir dann in das „Tabernakel“ geleitet. Wir treten durch die niedrigen Backsteinpfeiler ein; treppauf geht es auf die Galerie in das Innere. Es öffnet sich ein kahler Riesenraum, den eine einzige Deckenwölbung überspannt und der an 10000 Sitzplätze faßt! Den einzigen Schmuck des Raumes bildet eine mächtige Orgel, an der ein großer Stern mit der Umschrift „Utah 1896“ angebracht ist. Denn in diesem Jahr wurde das bis dahin mehr oder weniger unabhängige Mormonenterritorium als Staat in die Union aufgenommen. Von der Orgel reichen etwa 500 Personen fassende Sitzreihen die Orgelbühne herab, die nur Sitze für Priester und mormonische geistliche Würdenträger enthalten. Denn unter den Mormonen hat fast jeder zehnte Mann irgendeine priesterliche Würde. Das Tabernakel dient zu Gottesdiensten und auch für große Konzert- und Vortragsveranstaltungen. Die Akustik ist trotz des riesigen Raums dank seiner ovalen Anlage und seiner ungestützten hölzernen Wölbung vorzüglich. Man hört auch nur leise gesprochene Worte bis in entfernte Ecken! Das Tabernakel wurde bereits in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts erbaut, ein Zeugnis des Selbstbewußtseins der Mormonen, deren Stadt damals kaum soviel Einwohner zählte als der Raum Sitze! Am Tempel selbst aber baute man von 1873 an Jahrzehnte hindurch.