Chapter 5 of 27 · 3976 words · ~20 min read

Part 5

Als ich mich etwas mehr auf die Ostseite der Stadt begab, kam ich in die ärmeren Viertel, wo mehr Italiener als in Mailand, mehr ostgalizische Juden als in Lemberg und sogar haufenweise Chinesen wohnen. Da hausen zuweilen zwei kinderreiche Familien in einem einzigen Zimmer! Auf den eisernen Balkons hängt die Wäsche, liegen die roten, unüberzogenen Betten aus. Hier wohnen die Armen, die in der schwülen Sommerhitze es vorziehen, lieber am Strand oder in Parks zu nächtigen als in jenen menschenüberfüllten Straßen, von denen die eine genau aussieht wie die andere. Dazwischen finden sich auch noch unbebaute Plätze, wo gehämmert und geklopft wird, wo auf mächtigen Gerüsten sich gewaltige Krane drehen. Aber wie Felsen in der Brandung stehen mitten im größten Gewühl und Verkehr die stattlichen „~police-men~“ meist irischer Herkunft, mit einem tropenartigen Helm, den starken, weißbehandschuhten Händen und dem praktischen Gummiknüppel. Sonst Häuser an Häuser, Blocks an Blocks, Straße an Straße, ein höllisches Straßen- und Menschenschachbrett ... Mir brummte der Schädel und brannten die Füße, als ich nach dem ersten erlebnisreichen Tage heimkam, und noch abends, als ich Schlaf suchte, flimmerten mir Menschen und Häuser vor der erregten Phantasie .....

Am zweiten Tag regnete es und zwang mich wohltätig, daheimzubleiben. Am dritten begann ich meine Stadtwanderungen aufs neue. Der Subway brachte mich zunächst zum Washingtonsquare (Washingtonplatz). Der in römischem Stil erbaute Washingtonbogen auf dem Platz trägt die Inschrift: „~Let us raise a standard to which the wise and honest man can repair. The event is in the hand of God~“. Praktisch und fromm zugleich! Die englisch-amerikanische Frömmigkeit versteckt sich nicht und ist immer aufs praktische Handeln gerichtet, daher weniger spekulativ wie die deutsche. Ein rechtes Leben steht dem Amerikaner über dem frömmsten Glauben. An dem Bogen konstatierte ich auch, wie doch die klassischen Bauformen bis nach Amerika gedrungen sind! Gerade die Zeit der Gründung und des ersten Ausbaus der amerikanischen Union war die Hochblüte klassizistischer Baukunst. Oder zog es auch die junge Republik bewußt zu den Formen des Vorbildes aller Republiken, dem alten Rom? So ist auch General Grants imposantes Totenmal im „Riverside-Park“ am Hudson eine getreue Nachbildung der römischen Kaisergräber, erinnert an die Engelsburg und die Rotunde der Caecilia Metella in Rom an der Appischen Straße ...

Dann fuhr ich -- einer Sehnsucht seit Tagen -- zum Metropolitan Tower hinauf, um einen vollen Überblick über die Stadt in Ruhe von oben zu genießen. Es war ein blendend schöner Nachmittag, als ich da oben als im Augenblick einziger Besuch eine unvergeßliche Stunde erlebte. Wohl in zwei Minuten war ich bis zum Aussichtsbalkon im 45. Stockwerk(!) emporgefahren und trat nun, etwa 200 Meter hoch über dem Straßenniveau, hinaus auf den Balkon dicht unter den Uhrglocken und der vergoldeten Kuppel. Man stand damit so hoch, daß man sich dem Verkehr der Riesenstadt vollständig entrückt fühlte, als ginge einen das da unten gar nichts mehr an. Auch recht hohe Häuser wie das bekannte spitzwinklige, einem „Bügeleisen“ gleichsehende „~flat-iron-building~“ erschienen von hier oben nur klein.

Ein ungeheures Häusermeer, bald hoch, bald niedriger, ohne Stil und Plan, erstreckte sich gen Nord und Süd. Im Süden stieg die Hauptmasse der Wolkenkratzer drohend und rauchend auf, mit dem Singergebäude ungefähr in seiner Mitte wie einem Festungsturm. Dahinter glitzerte die ~upper bay~ mit der Freiheitsstatue. Drüben im Osten reckten sich die gewaltigen Brücken über den Meeresarm des „East River“ nach der dunstigen Millionenstadt Brooklyn hinüber. Das offene Meer sah man dort nicht deutlich, aber hell beleuchtet lag Long Island mit seinen einladenden Siedlungen da. Im Norden verschwamm das Stadtbild am Ende des Zentralparks in der Gegend der St. Johns Kathedrale. Im Westen säumte der breite Hudson, von vielen kleinen Dampfern belebt, das grandiose Stadtbild. Aus seinen vielen Piers an seinen Ufern schauten die Schornsteine der Ozeandampfer aller Herren Länder hervor. Ganz drüben lag in Rauch und Dunst gehüllt Hoboken, weiter nördlich grün und felsig die sog. „Palisaden“ am Hudsonfluß.

Aus der Vogelschau dehnte sich die Sechsmillionenstadt so tief zu meinen Füßen, als wenn Ameisen in ihr umherliefen. Kaum drang ein deutlicher Laut herauf, sondern nur ein allgemeines Summen, Surren, Klingeln, Hämmern, Pochen und Tuten. Welch ein Millionengetriebe da unten! Was haben doch Menschen in hundert Jahren da unten alles gebaut! Wie alle diese Menschenhirne da unten täglich sinnen, planen, hoffen, sorgen, grübeln, arbeiten. Für was? Um das bißchen täglich Brot auf Erden! Nirgends regiert so das Geld und die Arbeitshetze die Welt wie da unten! Ein paar hundert Menschen werden da unten täglich geboren oder sterben. Wer weiß es oder kümmert sich viel darum? In gut einem halben Jahrhundert ist von all den Millionen Menschenameisen da unten, die jetzt um Verdienst täglich rennen, kaum einer noch da! Aber das gefräßige Ungeheuer selbst, die Millionenstadt, wird weiter rauchen und fauchen und schaffen, sich recken und dehnen ruhelos Tag und Nacht!

Welch eine Unsumme menschlicher Arbeitskraft, menschlichen Arbeitswillens und -fleißes ist da unten aufgehäuft, aber auch ebenso sehr Schmutz, Not, Krankheit, Schande und zerbrochenes Glück ...! Wer das mit einem Male alles sehen könnte! Ob er es ertrüge? Und doch hat alles seinen Gang, seinen Weg und seine Ordnung. Jeder weiß, wohin er gehört und wo sein Platz ist, was er will und was er zu erreichen gedenkt! Man möchte sich hier oben angesichts dieses Menschenmillionenhaufens die Posaune eines Erzengels wünschen, um einmal in das Geldbabel die Botschaft vom Wert der geistigen Menschenseele hineinzurufen. Wie viele würden sie hören und verstehen? ... Können Menschen in solcher Atmosphäre wie da unten je eine andere Lebensanschauung gewinnen als die, daß Geld und Verdienen einziges Ziel und Bestimmung unseres Lebens ist?

Ich habe auf manchem hohen Turm in Deutschland gestanden und bin auf manchen hohen Berg gestiegen, aber selten hat mich die Frage nach dem Sinne des großstädtischen Menschenlebens der Gegenwart so gepackt wie in der einsamen Stunde an jenem sonnigen Septembernachmittag allein zweihundert Meter über Neuyork, der Metropole des gesamten amerikanischen Kontinentes.

Dann trieb es mich aus dieser grotesken Einsamkeit mitten unter und über Millionen Menschen über der Stadt in eine ganz andere idyllische Einsamkeit mitten +in+ ihr. Im Zentrum Neuyorks liegt, ähnlich wie in der Sechsmillionenstadt London der Hydepark, der lang hingestreckte „Zentralpark“, eine prachtvolle, stundenweit ausgedehnte riesige grüne Oase, ein Eldorado von alten Bäumen, feinen Spazierwegen, wohlgepflegten Rasenflächen, gleichsam mitten aus dem tosenden Verkehr herausgeschnitten, von entzückenden und erquickenden kleinen Teichen und ihren leise hingleitenden Booten unterbrochen. Wir kennen solche ausgesucht schönen Parke auch im Berliner Tiergarten, dem Dresdner Großen Garten und etwa auch dem Bremer Bürgerpark, aber mitten in Neuyork empfindet man den Zentralpark doppelt und dreifach wie ein Paradies, weil man plötzlich aus dem Weltverkehr ruhig auf einer stillen Bank sitzend die Eindrücke sammeln und seine Nerven erholen kann. Hätten mich nicht die einfachen Inschriften auf englisch, deutsch, italienisch und hebräisch (!)[8] daran erinnert, ich hätte unter den alten Eichen vergessen können, in Neuyork zu sein.

Auch die geistigen Schätze der Weltstadt ließ ich mir nicht entgehen. Hat zwar die Union bis heute noch keine eigentlich bodenständige geistige Kultur hervorgebracht, sondern noch immer im wesentlichen von den geistigen Brocken gelebt, die von Europas überreichem Tisch fielen, besonders in Malerei und Musik, so ist doch das Amerikanisch-Geschichtliche und -Geographische trefflich zusammengefaßt im „~Museum of natural history~“, und Teile der Schätze Europas, bald als Original, bald als Nachbildungen, finden sich neben einzelnem amerikanischen Gut im „~Museum of art~“. In dem Mittelraum des letzteren standen die Hauptwerke aus Italien und Nürnberg in Nachbildungen eigenartig durcheinander: Notre Dame, Parthenon, das Sebaldusgrab, der Gattamelata, alles einträchtig nebeneinander. Im Obergeschoß fesselten mich neuere amerikanische Gemälde. Heiße Sehnsucht erweckte in mir, wie ich mich noch deutlich entsinne, ein großes Gemälde aus dem Felsengebirge mit Schneegipfeln bis in die Wolken und im Tal Indianerzelte! Wer dahin könnte! Und ich sollte noch hingelangen! Imponierend fand ich auch das Kolossalgemälde von Washingtons entscheidendem Übergang über den Delaware, dessen Darstellung ein wenig an den Blüchers bei Kaub erinnert. Ebenso fesselte mich wegen seines historischen Inhalts das Bild: Kolumbus’ Landung; Schwert und Kreuz zum Himmel erhoben setzen Kolumbus und seine Mannschaft ihren Fuß auf das Land des Urwaldes und der Indianer. Aber auch gute echte Niederländer waren da, und wie manche Schätze sind erst seit der Inflationszeit hinübergewandert! Dazu war die ganze griechische Kunst im Abguß vorhanden, allerlei feine Vasen und Steine, Musikinstrumente, Gold- und Silberarbeiten u. dgl.

In dem fast noch interessanteren, weit originelleren „~Museum of natural history~“ war die gesamte amerikanische Baum- und Tierwelt zu schauen samt der Eskimo- und Indianerkultur. Und das alles ausgezeichnet praktisch und höchst geschmackvoll und anziehend zusammengestellt und angeordnet und durch ausführliche Karten und Beschreibungen erklärt. Da sah man gewaltige Mammutgerippe, Wale, Eisbären und ausgestopfte Elche, springende Delphine in den Wellen, Eskimos und Indianer am Herde im Zelte, bei ihrer Arbeit, samt ihren Waffen und Booten. Frappiert hat mich dabei manche Indianermaske mit ihrer scharfen Nase und dem charaktervoll geschnittenen Kinn, die mich stark an den echt amerikanischen, früher beschriebenen Typ im Straßenbild erinnerten.

Welche Geschichte hat sich doch auf diesem Kontinent abgespielt! Von den Sauriern und den 30 Meter im Umfange messenden Urwaldriesen, durch die bequem ein Wagen hindurchfahren könnte und die sechs Männer nicht zu umspannen vermögen, bis zu Henry Fords Autos und den Subways in Neuyork! Welches Völkergemisch ist hier zusammengekommen und geht in der Riesenretorte des amerikanischen Bürgertums fast restlos auf: Holländer, Engländer, Deutsche, Franzosen, Iren, Schweden, Italiener, Polen, Juden, Armenier und nicht zuletzt die Neger. Seit zwei Jahrhunderten hat sich die abendländische Kultur hier Eingang verschafft, hat alles Quantitative maßlos gesteigert, und von der Art der Pioniere hat das Angesicht Amerikas das Kühne, Vorwärtsdrängende, Schaffensfrohe übernommen. Freilich, der rote Mann ist dabei fast ganz der Raublust und Profitgier, dem Betrug und dem Mordgeist der Waldläufer und Goldsucher zum Opfer gefallen, und was von ihm übrigblieb, ist der geistigen Überlegenheit der abendländischen Einwanderer vollständig erlegen, aber aus der Retorte der Völker, Rassen und Religionen ist hier -- mit Ausnahme der Neger -- doch ein neuer, eigenartig geschlossener Menschentypus emporgestiegen, der „Amerikaner“ .....

Nach dem Besuche der Museen bin ich in den nächsten Tagen einmal aus der Stadt hinausgefahren, um Neuyork auch an seinen äußeren Punkten kennenzulernen. So ging und fuhr ich zunächst über die mehr als kilometerlange riesige Brooklynbrücke, die ein deutscher Ingenieur (John A. Roebling) erdacht hat[9] und die so hoch (etwa 40 Meter) den Meeresarm des East River überspannt, daß die höchsten Masten darunter hinwegfahren können. Dann ging es durch das etwas düstere, dunstige Brooklyn, das für sich allein über eine Million Menschen beherbergt. Einzigartig ist von der Brücke der Blick rückwärts auf das dampfende Wolkenkratzerviertel. Sonst ist Brooklyn und das anschließende Williamsburg mit seinem wimmelnden Menschen- und Geschäftsverkehr das getreue Abbild der größeren Mutter. Weiter hinaus geht es auch in stille Wohn- und Villenviertel über, bis man endlich auf langen Alleen zuletzt den tollen Vergnügungspark „+Coney Island+“ am Strande des Atlantischen Ozeans erreicht.

Man denke sich alle Jahrmärkte, Juxplätze, Vogelwiesen, Oktoberfeste usw. bei uns auf +einem+ Haufen samt all ihren Achterbahnen, Kinos, Singspielhallen, Berg- und Rutschbahnen, Geheimkabinetten, Schaukeln und Karussells, kleinen Theatern, Musikkapellen, Drehorgeln und Varietés samt all der dazugehörigen, aber noch verzehnfachten ohrenbetäubenden Musik in allen Tonarten und das noch einmal vielfach vergrößert durcheinander, dazwischen aber auch noch allen Auswurf, Mob, Hefe, Faulenzer und Tage- und andere Diebe Neuyorks in einem Haufen zusammen -- dann hat man „Coney Island“, das Paradies unzähliger vergnügungslüsterner Neuyorker! Coney Island ekelte mich bald an; ich vermochte kaum noch eine halbe Stunde dort zu verweilen, dann zog es mich wieder an das geliebte rauschende Meer. Ein frischer Wind fegte über leicht schäumende Wellen, die weißkämmig zum Strande heranrollten. Einige Badeschönen, die hier in echt amerikanischer Prüderie in vollständigem Badekostüm, d. h. mit mehreren (!) Baderöcken, -blusen, -strümpfen, -schuhen und Badesonnenschirmen sich ergingen, störten freilich das Bild. Dort feiert der Abschaum des Unrats, hier der Gegenpol der prüden Unnatur seine Triumphe! Da lobe ich mir doch lieber unsere nordgermanischen Vettern und ihre unbekümmerte und unberührte und ungeschminkte volle Natürlichkeit.

Auch dem Süden der Stadt stattete ich einen Ausflug ab. Für 5 Cent fährt man von der Battery mit dem Ferry in einer halben Stunde nach dem grünen „Staten Island“ hinüber und ist auch hier Neuyork auf eine Weile völlig entrückt. Dicht an der Freiheitsstatue fährt man vorbei, die immer aufs neue stolz und imponierend ihre Fackel hochschwingt. Mit Recht hat sie unser wackerer ~Z III~ bei seiner ruhmvollen Erstlingsfahrt gebührend gegrüßt und umflogen. Sie verkörpert weithin sichtbar alle amerikanischen Ideale und Aspirationen. Mit dem Sockel ist das Denkmal etwa 100 Meter hoch! Im Innern der bronzenen Figur führt eine Treppe bis in den Kopf wie bei der Bavaria in München. Aus ihren Augen kann man heraussehen. Bei Nacht ist die Fackel, die die Freiheitsfigur in der Hand hält, weithin strahlend elektrisch erleuchtet. Die Figur selbst hat einst dem sie schenkenden Frankreich eine Million Franks gekostet. Links liegen blieb Ellis Island, die Wehmutsinsel der Auswanderer. Rechts passierten wir eine Reihe englischer Schulschiffe, die gerade in der ~upper bay~ festgemacht hatten. Wie Möwen saßen die Seekadetten in ihren weißen Anzügen aufgereiht in den Raen der Masten und sahen nach Neuyork hinüber. Diesen Weg fuhr einst auch unser wackeres Handelsunterseeboot „Deutschland“ mit Kapitän König herein, dem die Engländer bei seiner kühnen Wiederausfahrt vergeblich auflauerten. Auf Staten Island angekommen stieg ich zur Anhöhe hinauf und genoß von dort oben wieder einen einzigartig bezaubernden Blick über Bucht, Hafen und Stadt ...

Dann flog ich ein andermal über den Hudson westwärts aus. Ich hatte ja beim Abschied vom Dampfer dem munteren Badenser Fräulein, das zu seinem Onkel fahren und ihm die Wirtschaft führen wollte, versprochen, es einmal in Hoboken zu besuchen. Das Versprechen mußte ich dem lieben Geschöpfchen doch auch einlösen, das gewiß schon auf meine Ankunft sehnlichst wartete. Ich meldete mich wohlweislich nicht an. Vermutlich war dann der Onkel nicht zu Hause! Denn der interessierte mich weniger. So riskierte ich einen unerwarteten Besuch. Aber Strafe folgt der Missetat oft auf dem Fuße! Ich verfehlte zwar „sie“ nicht, aber gründlich zunächst die Palisade Avenue in Hoboken, wo sie wohnte. Als ich nämlich glücklich über dem Hudson drüben war, fuhr ich mit der „~car~“[10] fröhlich nördlich fast eine Stunde gen Englewood ins frische grüne Land hinaus statt südwärts nach Hoboken, bis ich auf einmal Verdacht schöpfte und mich erkundigte. Da mußte ich zu meinem Schrecken hören, daß ich von meinem Ziel etwa zwölf Meilen entfernt war, aber derselben Avenue in Englewood recht nahe. So mußte ich den ganzen langen Weg wieder rückwärts nach Hoboken reisen, und kostbare Stunden des Nachmittags waren verstrichen. Aber es schadete nichts; ich hatte eine schöne Fahrt gemacht, an reizenden Landsitzen und leuchtenden Sommervillen hatte ich ein Stück „~country~“ gesehen. Wenn „sie“ nur da war! Und sie war es!

Ich traf sie sehr hausfraulich in der Küche. Allein! Ihr Onkel hatte ihr zwar streng verboten, einen Fremden hereinzulassen. War ich ein Fremder? Sie bereitete dem gestrengen Herrn Onkel das Dinner, wenn er von der City mit dem „~ferry~“ heimkäme. Das mußte allerdings bald sein. Aber er kam glücklicherweise noch nicht so bald. Arglos und fröhlich, wie es ihre Art war, zeigte sie mir unterdessen die ganze Villa des Onkels von außen und von innen, von oben und von unten, während ich stets ein bißchen ängstlich lauschte, ob man schon die Tritte des Herrn Onkels höre. Als wir nach der Hausbesichtigung wieder in der Küche angelangt waren -- schon damit auch der Braten ja nicht anbrenne -- und noch eine gute Weile geplaudert hatten, hielt ich es für diesmal geraten, mich zu entfernen. Wer konnte wissen, wann der Herr Onkel erschien und was er sagen würde, und würde nicht auch +meine+ Tante zürnen, wenn +ich+ zu spät zum Essen zu ihr kam? Und mit ihr durfte ich es doch, solange ich in Neuyork weilte, keinesfalls verderben. Als ich schied, brachte sie mich bis ans Gartenpförtchen. Wollte sie sehen, ob der Onkel schon kam? Oder ... Das gute Geschöpf hatte von Neuyork noch gar nichts zu sehen bekommen, und wie hatte sie aufhorchend meinen Schilderungen und Erlebnissen gelauscht! Aber der Onkel hatte gesagt, Neuyork wäre nichts für junge Mädchen! Sie sah mir lange nach. Ich glaube gar, ein kleines Tränchen hing in ihrem Auge ... Sie sollte sich ja in Amerika gut verheiraten, hatte ihre Mutter gesagt. Gewiß hat sie einen viel besseren als mich bekommen! --

Auch den Norden der Stadt durchwanderte ich in der Richtung nach Bronx, an den Harlem River und auf seine Höhen. Der Harlem River verbindet den East River mit dem Hudson, so daß strenggenommen der Hauptteil Neuyorks auf einer langgestreckten Insel liegt. Ganz im Norden fand ich noch Reste ursprünglichen Waldgebietes mit einer geradezu subtropisch üppigen Vegetation. Man darf ja nicht übersehen, daß Neuyork auf der geographischen Breite von Neapel (!) liegt, wenn auch sein Klima im ganzen kühler ist als das Süditaliens. Am Fort George, das ich nach mehrstündiger Fußwanderung erreichte, war ich erstaunt über die sonnigen dichtbewachsenen grünen Hügelreihen, die trotz des zu Ende gehenden September noch viel üppigeres und frischeres Laub zeigten als bei uns in der gleichen Jahreszeit. Von den „Washington Heights“ hatte man einen geradezu herrlichen Blick auf die „Palisaden“, d. h. die felsigen Ufer des waldumsäumten breiten Hudsonflusses, der an manchen Stellen mit unserem Rhein an Schönheit wohl wetteifern kann. Freilich fehlen ihm die malerischen Burgruinen und des Rheins ganze romantisch-geschichtliche Vergangenheit.

[Illustration: ~NEW YORK~

~Das „Palisaden“-Ufer am Hudsonfluß~]

[Illustration: ~NEW YORK~

~City hall (Rathaus)~]

Neben der Natur zog mich auch immer der Stadt volles Leben an, so auch die Theater! Ich sah den „Parsifal“ im ~Metropolitan opera house~ deutsch. Ich saß in Kinos und kleinen Theatern der Italiener und Juden. Höchst volkstümlich und derb! Wieviel wäre zu erzählen vom Sport, von städtischer Verwaltung und Verfassung, vom Militär, zu dessen Eintritt auf vielen verlockenden Plakaten ständig geworben wird, von der Polizei, von der berühmten Neuyorker Feuerwehr, von den Schulen, den glänzend ausgestatteten, öffentlichen Bibliotheken und den 1100 (!) Kirchen der verschiedensten Denominationen in der Riesenstadt, den Hospitälern und Friedhöfen. Aber ich bin kein wandelnder Reiseführer. So habe ich auch keineswegs alle die einzelnen großen Banken und Börsen, alle die staatlichen Ämter, die großen Plätze und Denkmäler aufgesucht, noch will ich sie alle beschreiben. Ich habe nicht die Absicht, mit meinem persönlichen Reisetagebuch Bädeker, Führer und Karten überflüssig zu machen. Einiges davon hole ich bei anderer Gelegenheit nach.

Aber ehe ich von Neuyork weiterreiste, erlebte ich noch den Anfang einer phänomenalen Jahrhundertfeier in Erinnerung an Hudsons und Fultons erste Fahrten. Alle Bekannten und Verwandten in Neuyork hatten mich schon immer beschworen, die müsse ich unbedingt noch mitmachen, sie sei das „Ereignis“ dieses Jahres. Also war ich aufs äußerste gespannt und lief sogar Gefahr, das andere „phänomenale Ereignis“ in Boston zu versäumen, das ich auch unbedingt mitmachen mußte, nämlich die feierliche Einführung des auf Lebenszeit neugewählten Universitätspräsidenten von Harvard, eine Feier, der man in manchen Kreisen mehr Bedeutung beimaß als dem Einsatz des Unionspräsidenten in Washington! So war ich auch darauf aufs äußerste gespannt, denn mein akademisches Fühlen war trotz meiner fortgeschrittenen Semester noch sehr lebendig.

Am letzten Sonnabend des September begannen die Jahrhundertfestlichkeiten und dauerten vierzehn Tage bis in den Oktober. Alles zur Erinnerung der beiden großen Seehelden, des Henrik Hudson, der vor 300 Jahren den Hudson auf seinem „~Half-moon~“[11] entdeckte, und des Robert Fulton, der ihn mit dem ersten +Dampfschiff+ „Clermont“ befuhr. Vorgesehen waren Gottesdienste -- die in Amerika bei öffentlichen Feiern nie fehlen! --, Flottenparaden aller Länder, Riesenfeuerwerk, fünf Denkmalsenthüllungen, Opernvorstellungen, Parkeröffnungen, große Sportveranstaltungen, glänzende Bankette, Truppenparaden, Kinderfeste, wetturnerische Vorführungen, „Karnival“ genannt (!), Massenausflüge den Hudson hinauf u. dgl. Also ein Heidenrummel!

Tatsächlich strömte schon am ersten Festsonntag eine wahrhaft ungeheure, nach Hunderttausenden zählende Menschenmenge auf dem Riverside-Drive am Hudsonufer zusammen. Herrlicher blendender Sonnenschein lag auf Stadt und Strom. Tausende von Ansichtskarten-, Album-, Bild- und Fähnchenhändlern bearbeiteten das Publikum ständig mit allen Mitteln ihrer Rhetorik. Nur +zwei+ Worte schwirrten noch in tausendfacher Variation an allen Orten, in allen Tonlagen und Stimmungen, anpreisend, schreiend, rufend, schnarrend ans Ohr bei drei- bis vierstündigem Stehen auf einem Fleck, zwischen Menschenmauern eingekeilt: „Hudson-Fulton, Hudson-Fulton, Hudson-Fulton“!

Alle Nationen der Welt hatten Kriegsschiffe zur Feier abgeordnet. Auf dem Hudson lagen sie in langer Reihe friedlich nebeneinander, die braunschwarzen Dreadnoughts und Kreuzer Englands, Frankreichs, Deutschlands, Italiens, Japans usw. Wie Lämmer bei Löwen und Tigern. Was sind doch alle internationalen Höflichkeitsbesuche und Vereinigungen anders als Schein und Heuchelei? Zwischen den großen schossen kleine Boote hin und her, die Ferries heulten und tuteten unablässig. Von halb elf Uhr ab -- um elf Uhr sollten die Feierlichkeiten beginnen -- hatte ich wartend und völlig eingekeilt mit hungrigem Magen bis halb vier Uhr nachmittags auf demselben Fleck gestanden, ohne mich auch nur einen Fußbreit vor-, rück- oder seitwärts bewegen zu können. Endlich um drei Uhr nachmittags begann der Auftakt der Flottenparade. Ich dachte, nun würde sich wohl die ganze stolze internationale Kriegsflotte rauchend und fauchend in Bewegung setzen und allerlei erstaunliche Manöverbewegungen auf dem Hudson ausführen, aber sie blieben alle unbeweglich und wie angenagelt auf ihrem Flecke liegen und fingen nur alle miteinander an, greulich zu schießen und zu donnern, daß man jedesmal nur so zusammenfuhr, wenn ein Feuerstrom, den man zuerst sah, aus ihren Mündungen gerade auf uns herüber zuschoß ... Dann hallte der Donner lange nach. Schließlich erschien aus Rauch und ohrenbetäubendem Gedröhn eine nicht sehr imponierende Festflottille von kleineren und einigen größeren Booten, die die neuerbauten Nachahmungstypen des alten Hudsonseglers „Halfmoon“ mit seinen hohen Schnäbeln und das noch kleinere Fultondampfschiff „Clermont“ mit seinen hohen Schaufelrädern und seiner wie ein Gänsehals hohen und unförmigen Esse feierlich geleiteten. Die Hunderttausende am Ufer brachen in einen nicht endenwollenden Jubel aus, als die rührend kleinen und reichlich unbeholfenen Schiffchen an den dröhnenden und feuerspeienden Riesen der fremden Kriegsschiffe vorüberglitten ... In der Tat, in einem Jahrhundert welche Entwicklung seit Fulton bis zu den modernen Ozeandampfern von 55000 Tonnen und gar bis zum ~Z. R. III~ und seinem Siegesflug! Und seit Hudson, der mit den Indianern über den Kauf Manhattans verhandelte, welche Geschichte in diesem Lande! Als die Schiffchen vorübergeglitten waren, verlief sich die nach Hunderttausenden zählende Menge, denn wohl nicht nur mein Magen und meine Füße revoltierten energisch. Man war richtig steckesteif geworden. Gehen war ein Genuß.

Abends wurde dann noch ein riesiges Feuerwerk abgebrannt. Von den Palisaden herüber warfen mächtige Scheinwerfer ihre riesigen Lichtstrahlen über die Stadt. Und nach einem Kanonenschuß erglühten die Konturen sämtlicher Kriegsschiffe auf dem Hudson bis an die Masten und Schornsteine mit Tausenden von elektrischen Birnen -- wirklich ein märchenhafter Anblick. Aber das Abendrot des nächsten Sonnenunterganges dünkte mich doch noch großartiger ... Das war mein Abschied von der Riesenweltstadt .....

Fußnoten:

[Footnote 3: Transportgesellschaft.]

[Footnote 4: Aus: Die Neue Welt, eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik, herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag, Berlin. 1921. S. 75.]

[Footnote 5: Untergrundbahn.]

[Footnote 6: Aus: Neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag, Berlin 1921, S. 30.]

[Footnote 7: Sie hat wohl ihren Namen daher, daß einst nur bis dahin von der Battery sich die Stadt erstreckte, ¹⁄₁₀₀ ihrer heutigen Länge!]

[Footnote 8: Neuyork zählt ja auch mehrere Hunderttausende Juden!]

[Footnote 9: Erbaut 1870-83.]

[Footnote 10: Straßenbahn.]

[Footnote 11: Halbmond.]

Boston.

Am nächsten Morgen schon führte mich vom „Grand-Zentral-Depot“ der Expreß nach Nordosten. Aber vorher gab es erst noch einen kleinen Anstand, denn das Reisen, erst recht in fremden Ländern, hat nun einmal seine Tücken. Obwohl 14 Tage seit meiner Landung in Hoboken vergangen waren, hatte die Transfer-Company, der ich vertrauensvoll meinen Gepäckschein übergeben hatte, mir noch immer nicht meinen großen grünen Koffer, der doch mit soviel gelehrten Büchern vollgeladen war und in den Gepäckhallen der Hapag in Hamburg mich so kameradschaftlich getröstet hatte, von Hoboken herübergebracht. So blieb mir nichts anderes übrig, als das schwer fortbewegliche und vollgefüllte und immer mit Zerfall und schnellem Abgang drohende Ungetüm selbst zu holen. Vielleicht wartete es auf diesen Freundschaftsdienst. Was das nach Gewicht und bei entsprechender Sommerhitze aber für mich bedeutete, mag sich der Leser selbst etwas ausmalen. Aber „selbst ist der Mann!“ ist ja gerade echt amerikanischer Grundsatz. Danach handelte ich entschlossen ...