Chapter 13 of 27 · 3886 words · ~19 min read

Part 13

Darüber hinaus weiß ich von Buffalo nicht viel Individuelles zu erzählen. Alles Historische fehlt ja in Amerika, zumal wenn man den Osten verläßt. Dann steht man überall auf allerjüngstem Boden. Man kann in Amerika nirgends nach alten Schlössern und malerischen Stadtumwallungen, nach zackigen Türmen oder gotischen Kathedralen, nach historischen Gebäuden und alten Rathäusern, selbst nicht überall nach Kunstgalerien und weltberühmten Museen forschen. Alles das fehlt! All der historische und geistig kulturelle Zauber, wie ihn eine tausendjährige Geschichte über die Städte Europas gebreitet hat, fehlt: Hier ist weder ein Florenz noch Rom, weder Straßburg noch Nürnberg, weder Paris noch London. Eins ist hier allbeherrschend, das ist der „~Busineß~-Geist“. Hier ist Pionierland und immer noch quantitative Anfangskultur. Die amerikanischen Großstädte, vielleicht eine einzige, Washington ausgenommen, sind Geschäftsstädte.

So war in Buffalo selbst nicht viel, was mich anzog. Ungeheuer schnell ist es in wenigen Jahrzehnten emporgewachsen. Vor dreißig Jahren sind noch viele Deutsche hier eingewandert. McKinley wurde, wie gesagt, hier ermordet, und ein Indianerhäuptling hat hier ein Denkmal in einem Friedhof der Stadt. Das ist seine Geschichte. Ich nahm deshalb am Bahnhof sofort die Straßenbahn, um hinaus zu den +Niagarafällen+ zu fahren. Einkehr hielt ich nahe den Fällen in einem schlichten deutschen Pastorat, wo deutsche Familiengemütlichkeit mich wundersam in der amerikanischen Umgebung umfing. All das Unruhige der reklameschreierischen Großstadt, alle die Läden und Banken, Trust-Compagnies und Warenhäuser samt den Alleen der Vorstädte und ihren oft hübschen Wohnsitzen blieben hinter mir, und ich suchte meine Zuflucht für einige Stunden wieder einmal auf einem Fleckchen Deutschland, wo ein deutscher Professorensohn und eine deutsche Professorentochter als deutscher Pfarrer und Pfarrfrau neben ihrer netten, aber doch bescheidenen Holzkirche hausten ...

Die beiden Pfarrersleute sind auf eine merkwürdige Weise dahingekommen. Er hatte nie in Deutschland richtig sein Abitur gemacht, sondern war nach seiner Ausbildung auf einem Seminar (um zuerst Missionar zu werden) „hinüber“ gegangen samt seiner Braut, der einzigen Tochter eines bekannten Nationalökonomen in einer Universitätsstadt Mitteldeutschlands, so wie er auch der Sohn eines bekannten Universitätstheologen derselben Stadt war. Sie hatten von Jugend auf in derselben Straße miteinander gespielt und sich früh kennen und lieben gelernt. Die Eltern wollten die Verbindung beider erst nicht recht zugeben. Auch daß der Heidenmissionar zum smarten Amerikaner wurde, paßte ihnen gar nicht. Aber allemal ist der Wille der Kinder ja stärker als der der Eltern. So fuhren sie ohne große Mittel und ohne zu wissen, wohin und wo bleiben, übers große Wasser und fanden wie alle drüben ihren Platz. Erst wurde er Pastor einer deutschen Gemeinde in Illinois, dann in Iowa mit nur etwa 250 Dollar Jahresgehalt. Und nun hier am Niagarafall. Eine solche kleinere Gemeinde setzt echt amerikanisch voraus, daß ihr trotz seiner kleinen Gemeinde viel beschäftigter Pastor noch allerlei Nebenerwerb betreibt, mit dem er das Fehlende seines Gehalts selbst dazu verdient, wobei kein Arbeitszweig schändet.

Traulich war es wieder einmal an einem deutschen Familientisch zu sitzen und wieder einmal deutsch zu reden. Freilich die in Amerika geborenen Kinder des Pastors empfanden ganz amerikanisch und sprachen untereinander nur englisch; nur den Eltern antworteten sie noch aus schuldiger Rücksicht deutsch. Aber auch der Hausfrau entschlüpften dann und wann in ihrer deutschen Unterhaltung die englischen Fachausdrücke: „Bitte, kommen Sie in den ~parlor~!“ (Empfangszimmer). -- „Hier hat uns der Maler die Stube gepaintet“ (~paint~ malen). -- „Wünschen Sie noch etwas ~jam~?“ (Gelee). -- „Nicht wahr, in Buffalo ist auf den Straßen immer ein mächtiges ~crowd~?“ (Gedränge). In diesem Stil ging es fort. Aber wie erfreut waren sie doch, daß ich, obwohl so ganz unangemeldet, zu ihnen kam! Ich kannte des Hausherrn Schriften und konnte ihm erzählen, daß ich noch bei seinem Vater an der Universität Vorlesungen gehört hatte! Dann tauschten wir gemeinsame Erinnerungen an Saalefahrten, deutsche Studentenverbindungen, und über Deutschland im allgemeinen aus. Er wußte nicht genug die Treue und Anhänglichkeit seiner Gemeindeglieder, die alle aus einfachem Stande waren, deutsche Holzarbeiter, Zimmerleute, Straßenbahner usw., zu rühmen, etwa 150 Familien, die die ganze Kirche samt Pastor unterhielten. So hatte ich auch in dem Schaffner der Straßenbahn, die mich hinausführte, einen alten Württemberger entdeckt. Aber keiner von ihnen allen wollte wieder in die alte Heimat zurückkehren!

Als ich mit dem deutschen Pastor in seiner kleinen hölzernen Kirche stand, wie rührend überkam mich da die Schlichtheit, die mich umfing! Die einfachen Bänke und die Kanzel und der Sonntagsschulsaal und die bescheidenen Gemeinderäume ...! Sogar eine große Küche war hinten angebaut, wo allmonatlich eines Abends für Arme eine eigene „patentierte“ dicke Suppe gekocht wurde, die außen an der Kirche durch ein aushängendes Schild der Gemeinde und den Umwohnenden angezeigt wurde. Sie war außerordentlich beliebt und wurde gern gegessen und gekauft. Aus diesem Suppenabend sprang dann meist noch ein beträchtlicher Gewinn für die Gemeindekasse heraus! Die Gemeinden drüben fühlen sich viel mehr als Familie als bei uns. Man kennt einander genau. Man pflegt aber auch öfter die Kirche zu wechseln. Die Kirche ist oft der einzige Zusammenschluß, den man hat; sie vertritt die Gesellschaft. Nun ist aber die Erhaltung speziell der deutschen Kirchen ein großes Problem. Die zweite und dritte Generation ist ja fast immer schon völlig amerikanisiert und versteht oft kaum noch Deutsch. Die „deutschen“ Kirchen können auf die Dauer daher nur als Missions- und Übergangskirchen für die Einwandernden angesehen werden. Denn alle Nationalitäten amerikanisieren sich hier über kurz oder lang völlig. Der deutsche Charakter, Gemüt und Tüchtigkeit mag sich auch unter der englischen Zunge erhalten oder ein Ferment in dem sich bildenden amerikanischen Nationaltypus sein. Aber ausgeprägtes Deutschtum als solches und als Bestandteil für sich hat auf die Dauer im amerikanischen Volkskörper wenig Zukunft. Nicht anders ergeht es dem Irischen, Italienischen oder Griechischen drüben.

Am Nachmittag machte mein Gastgeber sich mit mir auf den Weg, mir eines der imposantesten Naturschauspiele der Erde zu zeigen, die es gibt, den +Niagarafall+. Der Niagara selbst ist ein breiter, nur einige Meilen langer Flußkanal, der den Eriesee mit dem Ontariosee verbindet. Auf halbem Wege stürzt dabei der imposante Fluß über eine fast anderthalb Kilometer breite und 50-60 Meter hohe Felsenwand hinab in zwei durch eine breite Insel geschiedenen nebeneinanderliegenden Fällen. Seit meiner Jugend klang mir das alte indianische Wort „Niagara“ wie ein Zauber im Ohr. „Niagara“, Donner der Gewässer, ist nicht das einzige indianische Wort, das sich erhalten hat.

Wie würde der Niagara wohl aussehen? Ich erinnere mich wohl, Bilder von ihm in früheren Jahren gesehen zu haben, aber sie waren mir doch nicht mehr ganz deutlich in Erinnerung. Nun sollte ich ihn selbst in Wirklichkeit sehen. Sagenumwoben sind seine „donnernden Gewässer“; jährlich verschlingen sie zwei Opfer nach der indianischen Sage, und jährlich muß nach altem Glauben ein reines Mädchen im gebrechlichen Kanoe den Fall hinuntergesandt werden, aus dem sie nimmer lebend entrinnt, um die Geister des Stromes günstig zu stimmen! Jährlich -- aber das ist die rauhe Wirklichkeit -- verschlingt der Niagara mehrere Menschen, die in ihm verzweifelt den Tod suchen und von seiner schauerlichen Macht magisch sich angezogen fühlen. Die Geliebte eines modernen deutschen Dichters und Dramatikers stand am Rand des Falls und war so in seine brausende Gewalt versunken, daß man sie mit Gewalt davor bewahren mußte, sich nicht auf der Stelle in ihm den Tod zu geben. Andere fühlten sich zu den tollsten Wagnissen gereizt; auf Drahtseilen haben Seiltänzer die Fälle überschritten, in einem Faß hat sich einer die Stromschnellen hinabtreiben lassen und ist mit dem Leben davongekommen, und hat fortan seinen Lebensunterhalt damit verdient, daß er sich mit seinem Faß für Geld sehen ließ!

Wir hatten uns erst durch die Stadt „Niagara Falls“, die sich dicht an den Fällen angebaut hat, samt all ihren Hotels, Basaren, Ständen, Droschken, Autos, Führern und Händlern durchzuwinden, -- ach, daß in aller Welt Händler und Marktleute die gewaltigen Naturschönheiten gerade als ihren besonderen Raub betrachten und, während man sich von dem „Donner der Gewässer“ betäuben lassen möchte, einem unaufhörlich mit Donnerstimme ihre oft unschönen Ansichtskarten anpreisen und einem als Führer fast den Weg versperren! -- bis wir auf einmal wunderbar frische Luft atmeten, ein feiner Wasserstaub herübersprühte, ein ungeheures Donnern, das mit jedem Schritt zunahm, sich hörbar machte, -- wir waren in den Anlagen dicht an den Fällen! Noch ein paar Schritte, und links bot sich der erste Blick auf den amerikanischen kleineren Fall. Von oben gesehen übt er nicht seine volle Wirkung. Geht man aber tief bis auf das Niveau seines unteren Endes hinunter, so spürt man erst die erdrückende Gewalt der herniederdonnernden Wassermassen.

Nun bot sich uns bei unserem Besuch noch ein besonders eigenartiges Schauspiel. Es war Anfang April. Die Sonne schien freundlich warm. Rings sproßte es in tiefem, frischem Grün an Baum und Strauch: Weite Wiesenflächen zwischen Baumgruppen in entzückendem Grün -- aber im Niagarastrom war noch Eis und Schnee. Wie ein mächtiger Gletscher türmten sich die Schnee- und Eisschollen vom noch weithin zugefrorenen Flußbett den donnernden, schäumenden Wassern entgegen. Man konnte sich auf dem Eis am Ufer ein Stück weit auf den Fluß hinauswagen und trotz der warmen Frühlingssonne eine Schnee- und Gletscherpartie unternehmen, Schneehügel emporklimmen und sich von den Wolken voll Wasserstaub überschütten lassen und von unten hinaufsehen zu den unablässig herniederstürzenden und wieder aufschäumenden Wogen. Es gibt viele großartige Wasserfälle in der Welt, in der Schweiz und in Italien; aber der Niagara übertrifft sie doch alle weit mit der ungeheuren Masse seines Wassers. Den überwältigendsten Eindruck macht der kanadische Fall, der noch dreimal so breit als der amerikanische und von ihm durch die breite Felseninsel völlig geschieden ist.

Aus der Gletscherregion stiegen wir wieder empor in die Frühlingssonnenwärme und zu den frischen grünen Wiesen hinan -- ein Kontrast, wie man ihn nur an einzelnen Punkten in den Alpen erleben kann, wo ziemlich plötzlich der letzte Schnee den grünen Matten Platz macht. Wir nahmen unseren Weg nun hinüber auf die breite, waldige, jetzt wohlgepflegte Insel „Goat Island“, die die beiden Fälle voneinander scheidet. Auf sanften Wegen kann man hier sich jetzt zu Fuß und Wagen ergehen. Aber wie muß es einst hier gewesen sein! Als noch keine Eisenbahnbrücke den Strom überspannte, noch keine Geschäftsstadt sich am Fall angebaut hatte, noch keine Fabriken ihre rauchigen Schornsteine über die Felsen reckten, gierig, die unausschöpfbaren Urkräfte zu nutzen, als dichter, schier undurchdringlicher Urwald die Ufer und diese Insel säumte, die wohl vermutlich nie ein menschlicher Fuß betrat, als nur hin und wieder ein Indianer scheu das Dickicht durchbrach und mit Entsetzen diese donnernden Gewässer erschaute und zitternd die Kunde ins Dorf und zu dem Stamm brachte und man dann in Haufen aufbrach, die Wunder der Götter und Geister zu schauen und den Donner ihrer Stimme zu vernehmen, und der Häuptling, am Fluß angekommen, in vollem Schmuck die Zweige auseinanderbog und der Majestät der Natur ins Auge schaute ...

Das obere Ende dieser „Ziegeninsel“, der vier kleine Felsinselchen vorgelagert sind mit den poetischen Namen „~Three Sisters and little Brother~“, eröffnet einen ganz unerwarteten Blick auf den riesig breiten Niagarafluß oberhalb der Fälle, wo er mehrere Kilometer breit mit seinen schäumenden, rauschenden Stromschnellen und seinen darüber kreisenden Möwen fast den Eindruck eines wogenden Meeres macht. Rollend und brausend rauscht der gewaltige Strom, mit Eisschollen bedeckt, die in den Fällen an den Felsen zerschellen, daher, ein tobendes Gewässer. Nur noch wenige hundert Meter -- und die Wasser neigen sich über die Felskanten hinab im tosenden Fall ...

[Illustration: ~NIAGARA~

~Der amerikanische Fall, vereist~]

[Illustration: ~CHICAGO~

~Chicago’s Wasserfront am Michigansee~]

Den Niagarafluß, oder besser gesagt die Niagaraschlucht, unterhalb der Fälle entlang hat man auf beiden Seiten eine elektrische Ringbahn gebaut, die auf gefährlichem Pfad, dicht zwischen dem tosenden Fluß und den steil abstürzenden Felsrändern hinführt und den besten Blick auf die Stromschnellen unterhalb der Fälle gewährt. Der oben mehrere Kilometer breite Strom wird unterhalb der Fälle in eine enge, noch nicht hundert Meter breite Felsschlucht zusammengezwängt, in der er eine furchtbare Tiefe annimmt und in der sich die Wasser mit unablässigem Schäumen und vielen mächtigen wilden Strudeln fast konvex zusammentürmen und -zwängen, bis sie in einen fast kreisrunden Teich gelangen, den sogenannten „Whirlpool“, wo sie ans Land spülen, was sie in ihrer tollen Fahrt über die Fälle mit heruntergerissen haben, es seien Baumstämme oder Menschenkörper. Auf leichtbeschwingter Brücke -- es führen deren einige in mehr oder weniger vollendeter Eisenkonstruktion über die Felsschlucht -- setzt die Gürtelbahn über den Strom und führt durch schöne Haine von hohen Lebensbäumen, aus denen sich ein entzückender Rückblick auf den sich wieder in sanfterem Hügelland verbreiternden Fluß und die in duftigem Dunst leise sich andeutenden Uferlinien des Ontariosees ergibt, hinauf zu der stolzen Denksäule des im amerikanischen Krieg 1812 gefallenen englischen Generals Brockes. Auf der wohlangelegten, von der amerikanischen wohl abstechenden kanadischen Seite geht es dann durch gut gepflegte Parkanlagen, die noch manchen reizvollen Blick hinunter auf die Stromstrudel und hinüber auf die amerikanischen Felsen mit ihren wie Hephästus’ Werkstätten rauchenden und feuerspeienden Eisenwerken bietet, zurück zum kanadischen Fall. Je näher ich ihm wieder kam, bis ich seine ganze ungeheure, an einen Kilometer fast fassende Breitseite, die mit immer neu aufsteigenden, fast undurchdringlichen Wasserstaubwolken geheimnisvoll verhüllt ist, vor mir hatte -- da war ich von der Macht der brausenden, mit ihrem verhaltenen gebrochenen, wie von Bergsprengungen herrührenden Donner doch überwältigt. Was ich beim amerikanischen Fall noch vermißte, das fand ich hier alles. Diese ungeheuren Gewalten, die sich hier entfalten, lassen sich nicht beschreiben. Unausstehlich war nur das Gehämmer der Bohrarbeiter in der Nähe an den Felsen herum, ihre schrillen Pfiffe, das Surren der Maschinenräder, fortgesetztes Hämmern und Klopfen. Aber was bedeutet all dies menschliche Kratzen und Pochen an dem Urgestein gegenüber der Macht, die da drüben seit Jahrtausenden täglich sich frei auswirkt?

Man kann auch in die Felshöhlen unter dem amerikanischen Fall mit Führer auf schwankenden Treppen und Stegen gelangen, wobei die Teilnehmer ganz in Gummi gehüllt sich -- soweit schwindelfrei -- an den Händen fassen. Aber erstens war zu meiner Zeit noch alles vereist, und zweitens hätte ich mir doch überlegt, ob ich meine Nerven riskieren soll. --

So fuhren wir wieder heim ins Pastorat. Auf der Elektrischen traf ich am Bahnhof einen Westpreußen aus Elbing. Er fragte mich, wie mir die Fälle gefallen hätten? Aber diese Frage war immer noch verständiger als die andere, ob man in Deutschland auch schon Dampfheizung oder elektrisches Licht und Straßenbahnen und Automobile habe, ob auch hohe Häuser und große Läden da seien, und wie schnell die Bahnen führen, ob sie so gut und bequem seien wie in Amerika, und ob man im Winter auch wirklich warme Zimmer habe! Die ausgewanderten Deutschen kennen oft nur noch ihr Deutschland von vor fünfzig Jahren, da man bald noch mit der Post fuhr und Petroleumlampen brannte, und nun meinen sie, das gelobte Land Amerika allein besitze Technik und Kultur in der Welt!

Die nächste Nacht schlief ich wieder einmal in einem weißüberzogenen Bett bei den gastfreien gütigen Landsleuten. Mit dem Frühesten ging es wieder nach Buffalo hinein, wo gegen acht Uhr der Zug nach Chikago abging, der über Detroit dort abends um elf Uhr (!) eintreffen sollte! Diesmal bestieg ich nicht den Pullmann, wo man Bad, Schreibtisch, Telephon, Barbiersalon usw. benutzen kann, sondern einen Auswandererzug der billigeren Wabashlinie, deren große D-Wagen mit auszieh- und drehbaren plüschbezogenen Lehnstühlen auch noch bequem genug ausgestattet waren. Auch in ihm konnte man nach Belieben sitzen, liegen, essen und schlummern. Die Fahrt war dementsprechend billiger, zwar auch dafür ein klein wenig langsamer. Aber ich hatte ja Zeit. Also in fünfzehn Stunden von Buffalo nach Chikago! Die Mitreisenden waren aus einfacheren aber mir interessanten Ständen: Einige handfeste Schweden mit Familien saßen im Wagen. Den großen starken Menschen hing zwar -- wenig amerikanisch! -- hinten das Blusenhemd aus dem Hosengürtel. Das kümmerte mich aber wenig. Neben mir aßen sie faustdicke Brotscheiben mit fingerdickem Käse darauf. Das kümmerte mich schon ein wenig mehr! Obwohl Amerika vom schönsten Obst förmlich birst, kosteten doch zwei Äpfel im Zuge beim ~trainboy~ 10 Cent (50 Pf.)! An jeder Wegkreuzung prustete die Lokomotive keuchhustenartig ihr Warnungssignal in die Ferne. Auch dieser Zug hielt selten, die Stationsbahnhöfe -- natürlich Detroit ausgenommen -- waren merkwürdig primitiv.

Die donnernden Gewässer des Niagara lagen hinter mir. Langsam rollten wir über die lange Brücke, die den Strom überspannt, ins englische Kanada hinein. Von einer Zollrevision merkte man fast nichts. Dann gings durch unendliche Ebenen, die sich nun ohne Unterbrechung Tausende von Meilen weit bis an die Rocky Mountains erstrecken. Diese unendlichen Ebenen des Mississippistromgebietes sind die Quellen von Amerikas Reichtum. An den Seen gibt es Kohle, Eisen, Kupfer und Blei, in den „Weizenstaaten“ vermag soviel Korn zu wachsen, um die ganze Menschheit zu ernähren. Farmland an Farmland. Hier besitzt man nicht zwei, drei Äcker, sondern 500 bis 1000 „~acres~“, deren jeder einen halben Hektar ausmacht. Wie muß sich hier der deutsche Bauer fühlen, der aus den engen Grenzen seiner alten Heimat kommt! Eins ist es hier vor allem, das jeden Fremdling in Erstaunen setzt, die Ungeheuerlichkeit des Landes; wohl an zwanzig Deutschland gehen ja auf den Flächenraum der Vereinigten Staaten, die eher mit einem Kontinent denn mit einem einzigen Land verglichen werden müssen. Der Staat Texas allein übertrifft unser Deutsches Reich an Größe, und viele der großen westlichen Staaten kommen ihm an Größe fast gleich. Reist man bei uns Stunden, um das halbe Land zu durchqueren, so hier Tage. Und doch zählt die Union erst hundert Millionen Einwohner. Welche Zukunft und welches Bevölkerungswachstum mag ihr noch bevorstehen! So wächst hier der Unternehmungsgeist und die Energie ins Fabelhafte. Ungeahnte Möglichkeiten und Chancen tun sich überall auf. Alles das ist faszinierend für den Auswanderer, der sich hier ein neues Leben und sein Glück sucht. Die alten Brücken zur Heimat werden zunächst abgebrochen. Der Anfang ist zwar schwer, bis man sich in die neuen Verhältnisse und die neue fremde Sprache eingelebt hat, aber dann, nach fünf, zehn Jahren beginnt man Boden unter den Füßen zu fühlen. Stolz sucht man jetzt von dem Erfolg in die Heimat zu berichten, die alten Fäden wieder anzuknüpfen. Bald geht man ein-, zweimal selbst wieder übers Meer, die alten Verwandten wieder zu sehen, und ihre eisernen Öfen, die harten Holzbänke in der langsamen Eisenbahn und das Fehlen des Badezimmers mit warmem und kaltem Wasser zu verspotten und sich zu freuen, wenn man wieder in den blauen Hafen Neuyorks einfährt, die Wolkenkratzer ihre Konturen am Himmel abzeichnen, die Freiheitsstatue ihre Fackel über die Bai reckt und man den Fuß wieder in das gelobte Land des Dollars setzen kann.

Das amerikanische Leben ist ja auch ungeheuer beweglich. Der Vater war vielleicht noch deutsch und ein rechter Bauer, der Sohn geht schon aufs Kollege, ist Amerikaner und siedelt sich in der Großstadt an oder geht weiter westwärts. Typisch ist dieser Zug für Amerika „westwärts“ zu gehen. Von Anbeginn ging man „westwärts“, erst den Hudson hinauf, dann über die Berge an die Seen, dann bis Chikago, dann schritt man über den Mississippi, und dann wagte man sich in die Rockies, und schließlich faßte man Fuß in Kalifornien. Scherzweise hat man gesagt, der Amerikaner will in keinen Himmel kommen, wo man nicht weiter „westwärts“ gehen kann. Das 18. Jahrhundert lebte im wesentlichen noch im Osten in den dreizehn alten Staaten, das neunzehnte faßte Fuß in den ungeheuren Mississippiebenen, das zwanzigste wird den Westen kultivieren. In Ägypten schauen vergangene Jahrtausende von den Pyramiden auf ein starres Land herab, in Amerika schauen +kommende+ Jahrtausende von den Wolkenkratzern auf ein ungeheuer bewegliches und vielgestaltiges Leben. Hier ist alles anders als in den alten Ländern. Hier genoß kein König und Kaiser Ehrerbietung, hier war keine Kirche, die vom Staat ihre Steuern eintreiben läßt, hier waren keine Stände mit besonderen Vorrechten, keine Orden, die den Beamten schmücken. Frei war das Volk, frei der Mann in seiner Selbstachtung und der Achtung anderer, völlig auf sich selbst und seine Arbeit angewiesen und darauf, wieviel er selbst aus sich machen kann ohne Pension und Altersversorgung. Daher auch die Jagd nach dem Geld. Selbst die Politik und die öffentlichen Ämter sind oft ein Spielball in der Hand derer, die möglichst viel für die eigene Tasche herauszuschlagen suchen. Ungeheurer Reichtum überall. Schnellste Lebenskarrieren, vom Straßenjungen, der Zeitungen verkauft, auf zum Inhaber der größten Zeitung in einer Großstadt, vom Farmerkind zum Professor in Harvard. War nicht Roosevelts Karriere eine der typischsten? Kaum vom Kollege graduiert, ist er schon Magistrat in Neuyork; wenige Jahre später ohne jede militärische Laufbahn Reiteroberst und Sekretär der Marine und bald darauf Präsident des Landes! Man wechselt und wandert, wie es die Gelegenheit gibt, heute Student, morgen Professor, heute ~clerk~ und morgen ~trustee~, bald im Osten, bald im Westen. So hat sich in den Vereinigten Staaten kein Provinzialismus und wenig Gauindividualität entwickeln können, und Dialektunterschiede existieren fast nicht oder sind wenigstens mit den ausgeprägten in den europäischen Ländern gar nicht zu vergleichen. Die ganze Union spricht +eine+ Sprache.

Indessen fuhren wir durch die sich überall ungeheuer gleichenden Ebenen Stunden für Stunden. Eine Abwechslung bot nur der kleinere Lake St. Clair mit seinen gelbbraunen, sich ins Uferlose erstreckenden Wasserflächen, über denen schwere Regenwolken hingen. Ein paar Fischerhütten am Strand, eine kleine Steinkirche zeigte sich; unter grünen Pappeln ein steinernes Häuschen. Am Strand ein altes Kanoe und ein paar Männer, die ihre Netze ausgeworfen hatten. Auf dem Flurland dicht neben der Bahn ein Farmer mit seinem Pflug. Die Pferde bäumten sich wild auf, als der Zug vorbeibrauste. Indessen turnte der schwarze Kellner aus dem Speisewagen den Mittelgang der Wagen entlang und rief monoton sein ~first call for „luncheon“~ aus. So kamen wir um Mittag nach Detroit. Die amerikanischen Zolloffiziere gingen durch den Zug. Auf einem Trajekt setzten wir über den Endzipfel des Sees. Dann ging es wieder weiter durch endlose Strecken Michigans und Indianas gen Chikago, wieder auf amerikanischem Boden.

Hie und da lag eine einsame Station, alle halbe oder ganze Stunden. Überall war fruchtbares Ackerland, das wohlgepflegter aussah, als um Buffalo. Es wohnen hier viele Deutsche. Hie und da an der schlechten Landstraße, die neben der Bahn herlief, ein Blechpostkasten einer entfernten Farm, der als Briefablage und -aufgabe zugleich dient. Kleine Haine, übel zugerichtet. Hier existiert ja keine Forstpolizei, und erst neuerdings gibt es Staatsschutz für den Wald.

So wurde es Mittag und Nachmittag und Abend, und noch immer dieselbe Landschaft. Fast alles noch braun und dürr, weil es noch früh in der Jahreszeit war. Hie und da ein blühendes Bäumchen auf der Flur wie ein Kuß Gottes auf die Frühlingserde. So wurde es Abend und Nacht. Am Himmel standen hell und klar die Sterne, dieselben Sterne, die jetzt auch über Deutschland standen. Im Wagen schliefen schon die meisten; die bequemen Chairs gestatten es, sich weit zurückzulehnen. Und als wir uns endlich nach fünfzehnstündiger Fahrt Chikago näherten, war es fast Mitternacht geworden. Viele hellerleuchtete Vororte flogen an uns vorüber. Elektrische Lampen erhellten die Bahnhöfe, Straßen und Fabrikviertel -- und ein brennendes Haus, in das die Feuerspritzen ihre Wasserstrahlen sandten, leuchtete wie eine Riesenfackel schaurig durch die Nacht. So tüchtig und ausgezeichnet die amerikanischen Feuerwehren sind, so oft brennt es hier; manchmal sind schon halbe Städte einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen, so Chikago 1872.

Und nun kam ich wirklich in die Stadt, deren Namen eine so eigenartige Nuance des typischsten unbegrenztmöglichen Amerikanertums für unser Ohr bekommen hat. Chikago zählte 1831 noch hundert Einwohner! Einst war es ein Fort gegen die Indianer, und heute ist es mit bald vier Millionen die viertgrößte Stadt der Welt, an Flächenraum viermal größer als Berlin, mit einer Wasserfront von 35 Kilometern Länge am See Michigan, der uferlos wie das Meer aussieht. 40 Sprachen werden in Chikago gesprochen. Etwa 600000 Deutsche leben in der Stadt, und vielleicht nur ein Zehntel ist in Chikago selbst geboren.