Part 20
Im kleinen Städtchen mit seinen alten, krummen und primitiven Straßen, deren Häuser meist nur ein- oder zweistöckig sind wie in Santa Fé, fühlt man sich bald nach Mexiko und bald nach China versetzt. Chinesischen Wäschern und Fischern begegnet man dort ebenso zahlreich wie den spitzhütigen Mexikanern. Und das Bild wird noch bunter durch die Uniformen der zahlreichen Soldaten des „~presidio~“. Abends promenierten sie alle durcheinander an den wenigen Läden, den einfachen ~dairies~, ~drug-stores~ und ~bars~ entlang, die aber nicht viel mehr als erleuchtete hölzerne Buden waren. Besonders viele Aushängeschilder, mit denen zum Eintritt in das Heer aufgefordert wurde, sah man hier:
„~U. S. Army. Young men wanted! Good pay! No expenses! Unusual opportunity for travel, education and advancement!~“[25]
Nach einem Abendimbiß trete ich in ein Lokal der „Bethlehem-Mission“, in der gerade eine „Erweckungsversammlung“ stattfindet. Sie verläuft ganz heilsarmeemäßig. Zwar ist sie nur halbgefüllt mit einfachen Frauen und Männern; auch Soldaten sind da. Eine Prediger+in+, eine verhältnismäßig noch junge Dame, steht am Pult und redet unter Singen und Händeklatschen, wozu sie auch bei Haupt- und Kraftstellen die Anwesenden animiert, von der Notwendigkeit der sofortigen Bekehrung. Die Soldaten hörten ganz andächtig zu. Zur Bußbank kam freilich keiner. Da ich es nicht über mich brachte, meine religiösen Gefühle rhythmisch mit anderen zusammenzusprechen und unter Händeklatschen den Takt angebend zu begleiten, entfernte ich mich recht bald wieder. Die geistige Kultur, auch die religiöse, erschien mir zuweilen drüben noch recht primitiv! Vielleicht hätte die Predigerin auf Neger und Navajo-Indianer mehr Eindruck gemacht als auf mich. Freilich war ihr Eifer und sittlicher Ernst höchst anerkennenswert. Man stelle es sich etwa so vor: „~God is love~“ (klatsch, klatsch!) -- „halleluja, halleluja, halleluja!“ (klatsch, klatsch!) usw. Das lag mir noch lange, aber nicht gerade angenehm im Ohr. Hier wirkt mehr das Exerzitium, die Routine und die Suggestion als freie Überzeugung. So preßt und knetet man Seelen, aber gewinnt sie nicht.
Ein herrlicher Morgen brach anderen Tags an, wie es der vorige war am Santa Barbara-Kanal und der kalifornischen Riviera. Strahlendes Blau spannte sich über dem blendend weißgelben Strand und den sanft anrollenden Wogen mit ihrem ewigen Anprallen und Zurückschlürfen. Die chinesischen Fischer wuschen schon ihre Netze, als ich mich auf die Wanderung begab, den herrlichen und berühmten ~seventeen-miles-drive~[26] entlang zu gehen. Bei Pazifik Grove nahm mich ein kühler schattenspendender Fichtenwald auf, in Amerika eine Seltenheit. Mir gingen Schillers Zeilen im Kopfe um:
„Und in Poseidons Fichtenhain, Tret’ ich mit frommem Schauder ein ...“
Immer üppiger wurde der Forst. Auch hier hätten Räuber kommen können und den deutschen Götterfreund erschlagen. Ob mich auch Kraniche oder die Möwen der Monterey-Bucht gerächt hätten? Ich bin die komfortable Straße nicht ganz entlang gewandert, denn 17 Meilen wäre eine Tagesleistung gewesen, und ich wollte den Nachmittag noch nach San Franzisko. So strebte ich aus dem Waldesdickicht nach einiger Zeit wieder heraus und quer hinüber nach dem Strand des Pazifik. Denn der Ozean hatte es mir nun einmal angetan, so oft ich seiner habhaft wurde, ob es auf Coney Island oder an der Battery in Neuyork, in Shirley Point bei Boston oder an der Wasserfront in Chikago, in San Pedro oder auf Santa Catalina war. Das Meer übt seine magische Gewalt über den Menschen. Fast noch mehr als das Hochgebirge hat es etwas Feierlich-Erhabenes und Grenzenloses. Damit wird es zum Auslöser der größten Sehnsucht in uns. Am Meer umspannen wir mit der Phantasie gleichsam das Ganze der Welt: Was liegt da drüben hinter der letzten Wasserlinie? Es zieht uns mit seinen ewig gleichen Wellen weiter und weiter in die Welt hinaus. So lockte es alle Seehelden, daß sie Leben und Wohlfahrt in die Schanze schlugen und sich auf gebrechlichem Fahrzeug der ungewissen Weite anvertrauten, um neues Land zu erobern. Aber das Meer übt auch eine wunderbar gemütheilende Wirkung. Nicht bloß seine reine salzige Luft, sondern ebenso seine Weite und Größe. Sie macht alles Kleine unseres Lebens klein und alles Große groß:
Im Grenzenlosen sich zu finden Wird gern das einzelne verschwinden, Da löst sich aller Überdruß. Statt heißem Wünschen, wildem Wollen, Statt läst’gem Fordern, strengem Sollen, Sich aufzugeben ist Genuß.
Diese Goetheworte durchlebte ich, als ich wieder am Strande lag, mich ganz der großen Natur hinzugeben. Ich wollte ja auch nicht einen Rekord des Rasens durch einen Kontinent aufstellen, sondern zugleich mitten in allem Schauen und Lernen mich noch ein wenig selbst finden. Freilich war weder Boston noch Buffalo, weder Chikago oder sonst eine große Stadt erholsam, aber um so mehr der Tag am Grand Cañon, die Stunden auf Santa Catalina und nun an der prachtvollen Bucht des für Amerika uralten Städtchens Monterey in Kalifornien. Schon 1602 waren hier die Spanier gelandet, als es noch kein Neuyork noch Boston gab, und nannten die Siedlung, die sie schufen, nach dem damaligen Vizekönig von Mexiko, dem Grafen von „Monte Rey“. Und so blieb „Monterey“ Hauptstadt des Landes bis zur amerikanischen Besitzergreifung 1846, zweieinhalb Jahrhunderte lang, denn lange gab es weder ein San Franzisko noch ein Los Angeles! Dann aber mit dem plötzlichen fabelhaft schnellen Aufschwung dieser beiden Handels- und Hafenstädte versank Monterey in seinen Dornröschenschlaf, aus dem es wohl nie wieder erwachen wird. Nur die „Kurgäste“ und Globetrotter, die die Bucht, das Hotel del Monte und Pazifik Grove besuchen wollen und den „~seventeen-miles-drive~“ unter viel Getute und Benzingestank entlang kutschieren, bringen etwas Leben und Geld in den stillen malerischen Erdenwinkel, der noch immer mit seinem alten Zollhaus, seinen alten Forts und seiner katholischen Missionskirche ungefähr ein Bild der Zustände vor zwei, ja fast drei Jahrhunderten zu bieten vermag.
Da wo ich mich in den feinen weißen Sand der Bucht, noch fast zwei Stunden vom Städtchen, einwühlte, war niemand als die goldene Sonne, die so warm und wohlig die in Tropfen blinkende Haut entlang rieselte und so sanft trocknete. Einige dicke Algen lagen angespült neben mir am Strand, so dick und hart wie Schiffstaue oder Gummischläuche; von den Seelöwenfelsen hörte man das heisere Bellen der spielenden glatten Tiere. Nautische Signalglocken erklangen melodisch unter Wasser, die bei Nebel den Schiffer vor den Klippen warnen sollen; Pinguine watschelten behäbig mit ihren leuchtenden weißen Westen auf den Felsenkanten und erhoben ein mörderisches Geschrei, als ich ihnen ähnlich froh und frei in die sacht anrollenden Wogen entgegenschritt. Gibt es einen herrlicheren Naturgenuß, als wenn die goldene Sonne uns auf Brust und Schulter küßt, wenn die reine Ozeanwoge spritzend uns umspült und wenn nur blauer Himmel Dach unserer Zelle ist? Warum wird uns solch Glück so selten zuteil? Warum hüllen wir törichten Kulturmenschen uns auch im heißesten Sommer in so viel unnütze Kulturhäute? Wer vermag schneller und voller zu heilen als Licht, Luft und Sonne?
Aber auch diese goldenen Stunden verrannen nur zu schnell. Ein paar Ruderboote nahten mit ächzenden Schlägen und scheuchten mich aus meinem sonnigen Bade. Auf der Düne lag das verlassene Wrack eines Segelbootes. Ein großer Dampfer zog am Horizont mit langer Rauchfahne vorüber. Kam er von Frisko und fuhr nach Los Angeles? Als ich mich angekleidet und wieder nach Monterey zurückkehrte, kam ich wieder an allerlei Fischerdörfern vorüber, wo die Chinamen ihren Fang sortierten, ihre Netze wuschen und mir recht erstaunt nachsahen. Auf einem Sandplatz übten die Soldaten ...
* * * * *
Damit mußte ich der schönen Bucht von Monterey Lebewohl sagen. Ein Eilpersonenzug führte mich am Nachmittag nach San Franzisko. Mein meterlanges Rundreisebillett war nun allmählich schon recht klein geworden.
Wieder ging es durch blühendes Obst- und Weingelände. Das scherte einige Gemütsmenschen im Wagen nicht, den Handkoffer auf den Knien als Tisch benutzend Skat zu spielen! Von der Kreuzung Pajaro ging es hinüber an den Santa Cruz-Bergen vorbei, die man auch in der Bucht von Monterey sich erheben sieht, in das Tal des Guadeloupe River. Wieder welch ein breites, schönes, wohlangebautes Tal! Etschtalerinnerungen! Die üblichen weißen Holzdörfchen mit ihren weiß angestrichenen Kirchlein erschienen.
Golden stand die Abendsonne im Westen. Der ~brakeman~, d. h. der farbige Bremser oder Hilfsschaffner, schreit mechanisch die Stationen aus. Es steigen nur immer Leute zu, die „~to the city~“, nach „Frisko“ wollen. Es ist, obwohl April, so warm wie bei uns im Juli! Bei Santa Cruz, am anderen Ende der Montereybucht, steht noch ein Rest vollkommen vorgeschichtlicher Urwälder, ein Hain von 20 Riesenbäumen der sogenannten „~big trees~“, die zum Teil einen Umfang von 21 ~m~ und einen Durchmesser von 7 ~m~ erreichen! Kaum sechs Männer können sie umspannen! Ihre Höhe mißt 100 ~m~ und darüber! Ihr Alter wird zum Teil bis auf 3000 Jahre geschätzt! Manche sind so mächtig, daß Wagen bequem durch sie hindurchfahren oder 12 bis 14 Personen auf ihrem Stumpf Platz haben können!
Unser Zug eilte das Guadeloupetal hinab gen San José, an die Südspitze der 35 Meilen langen San Franzisko-Bai. Rechts hoch oben zeigte sich im Abendlicht scharf vom Himmel abhebend auf dem Mount Hamilton, der mit seinen 1354 ~m~ über der Bucht bald wie der Rigi über dem Vierwaldstätter See ragt, die berühmte Lick-Sternwarte wie ein weißer Punkt, eine der größten Sternwarten der Welt. Der Bürger James Lick hinterließ nämlich bei seinem Tode 1876 in San Franzisko ein Vermächtnis von 700000 Dollars zur Begründung einer Sternwarte. So wurde sie eine der ersten und bestausgestatteten der Welt. Die Linse des großen Refraktors hat heute einen Durchmesser von 100 ~cm~! James Lick selbst hat sich -- höchst originell -- im Fundament des Fernrohrs beisetzen lassen, so daß man also buchstäblich auf seinen Schultern stehend den Himmel beobachtet! Die Aussicht soll, wie sich denken läßt, überaus großartig sein, nicht weniger großartig als einer der unvergleichlichen Blicke durch das Rohr selbst.
Bald tauchte auch links eine Merkwürdigkeit auf. Wieder eine echt amerikanische hochherzige Stiftung! So wie Rockefeller die gesamte Universität Chikago, eine der besten und großartigsten der Union, gestiftet und Carnegie fast jeder amerikanischen Stadt eine Volksbibliothek geschenkt hat, so hat nicht weit von der Station „Palo alto“, wiederum nach einem mächtigen Rotholzbaum so benannt, das Ehepaar Leland Stanford aus San Franzisko zum Gedächtnis an ihren einzigen früh verunglückten Sohn eine Universität mit einem Grundkapital von nicht weniger als 30 Millionen Dollars gestiftet; sie heißt daher „Leland-Stanford-Junior-Universität“. Man kann vor diesen großzügigen amerikanischen Stiftungen nicht Achtung genug haben. 1891 wurde die Hochschule in prächtigster Umgebung und mit den prächtigsten und stilvollsten Gebäuden eröffnet. Man fühlt sich in ihren herrlichen Hallen und Gängen nach Athen zu Platos und Sokrates’ Zeiten versetzt. Das Gelände selbst gehörte einst dem Stifter und war ein über 3000 ~ha~ großes Gestüt. Heute ergehen sich dort an 2000 Studenten, darunter Hunderte studierender Damen!
Während unserer Weiterfahrt nahmen die Reklamen und die Besiedlung ständig zu, ein Beweis, daß wir uns einer Großstadt näherten ... Um acht Uhr mit Einbruch der Dunkelheit waren wir nach 137 Meilen Fahrt in San Franzisko, der „Stadt des Erdbebens“! Das war fast das einzige Konkrete, was ich von Frisko bis dahin wußte, und daß es der amerikanische Überfahrtshafen nach Japan ist, auch daß es am sogenannten „Goldenen Tor“ liegt.
Ich trat aus dem Bahnhof. Das erste, was mir im Schein der Bogenlampen in der Stadt auffiel, war noch stark unebenes Pflaster und allerlei Unebenheiten in der Fahrbahn. Ja, manchmal waren ganze Buckel auf dem Bürgersteig, da und dort nur notdürftig mit Brettern und Steinen Löcher im Fahrdamm zugeflickt. Das waren die Spuren des Erdbebens! Zum ersten Male im Leben sah ich mit eigenen Augen seine Wirkungen und Verwüstungen. Aber sie waren doch noch viel größer als ich geahnt hatte ...
Nachdem unschöne Viertel mit allerlei ~bars~ und ~shows~ durchschritten waren, wo des Abends hier ein Heilsarmeesoldat und dort eine Negerfrau und hier sogar ein Chinese auf der Straße predigte -- ausgerechnet in der einstigen Stadt der Goldsucher, Abenteurer, Verbrecher und der schlimmsten Korruption -- bog ich in die glänzend erleuchtete und von Menschen nur so wimmelnde Market Street ein, wo sich alles erging wie in Los Angeles unter den erleuchteten Kandelabern der Mainstreet. Mächtige Geschäftshäuser, Banken und Hotels erhoben sich da. Nach der Stille der Monterybucht und dem Idyll auf Santa Catalina, den Santa Cruz-Bergen und dem Tal des Guadeloupe River umlärmte mich hier wieder die typische Großstadt, ja Weltstadt. Wenn auch San Franzisko Neuyork an Größe noch weit nachsteht -- es hat nur ein Zehntel seiner Einwohner -- so ist es doch mit seinem weltmännischen Gebaren das Neuyork des Westens. Schaut man von Neuyork nach Europa, so schaut man von hier nach China und Japan. Der Blick ist beide Male gleich groß und weit übers Weltmeer gerichtet. Freilich trennt von Yokohama beinahe die doppelte Zeit und Strecke als wie von Southampton ...
Aus dem Bezirk der blendenden Lichtreklame, der ~shows~ und ~moving pictures~ strebte ich quartiersuchend in stillere Straßen. Bald stand ich fast völlig im Dunkeln, wo es nur noch bergauf und bergab ging. Rollende Drahtseilbahnen strebten zu steilen Hügeln hinauf, auf denen San Franzisko gebaut ist. Mein getreuer Bädeker, der noch im Jahre des Erdbebens erschienen war, ließ mich jetzt ziemlich grausam im Stich! Teils waren die Straßen, die ich suchte, vom Erdboden verschwunden, teils waren sie neu- oder anders angelegt. An ganzen Vierteln kam ich vorbei, wo Block an Block noch eine Wüstenei war. Den vollen Umfang der fast unvorstellbaren Katastrophe aber übersah ich erst im Hellen am anderen Tage. Und doch hatte die Energie und die Tatkraft der Amerikaner schon so viel wieder aufgebaut. Aber stärker noch als das Erdbeben hatte wie immer das ausgebrochene Feuer gewütet, das nicht zu löschen war, weil mit den entzündeten Gasrohren auch die Wasserleitungsrohre zerborsten waren und kein Wasser zum Löschen hergaben. Die Einwohnerschaft war in die Parks geflüchtet und mußte Häuser und Besitz ihrem furchtbaren Schicksal überlassen ...
Als ich schließlich in einem sehr sauberen und ordentlichen Privatlogis im Bett lag, konnte ich noch lange keinen Schlaf finden. Immer war mir’s, als bewege sich der Fußboden und das Bett wanke, denn zu unheimlich war der erste Eindruck all der Bodenerhebungen und geflickten Straßenstellen und der zerstörten Stadtviertel im Dunkeln auf mich als Fremdling gewesen ...
Anderen Tages, als die Sonne schien, war es mir fast wie eine Beruhigung. Das Haus stand noch fest, auch die Stadt lag noch ruhig wie tags zuvor. Ich bestieg einen der echt amerikanischen „~observation-cars~“, der Stadtbesichtigungsautomobile, die ja auch zu uns herübergekommen sind, und ließ mich mit einer ganzen Schar auf den amphitheatralisch angeordneten Sitzen durch die Stadt fahren. Vorn stand der Ausrufer mit dem Schalltrichter, der uns genau erklärte, wo und wie das Feuer ausbrach, und zeigte, wie weit es um sich gegriffen hatte. Man sah noch immer deutlich die Feuerlinie und die Stellen, wo es zum Stillstand gekommen war. Gerade das Zentrum der Stadt war heimgesucht worden; die äußeren Wohnviertel blieben verschont. Aber keineswegs waren alle Wolkenkratzer zuerst eingestürzt. Im Gegenteil, manche hatten gerade dank ihrer festen Konstruktion aus Eisen und Beton standgehalten. Aber das Stadthaus, die prunkvolle kuppelgeschmückte ~city-hall~ war trotz ihrer sechs Millionen Dollar Baukosten in 20 Sekunden ein Opfer ihrer zum Teil betrügerischen Konstruktion geworden. Denn sie stammte noch aus der Zeit der Korruptionswirtschaft. Nach dem „Feuer“ -- davon spricht man in der Stadt selbst viel mehr als von dem „Erdbeben“, wovon man Stöße wohl öfter verspürt, ohne sie sonderlich zu achten -- baute man das Geschäftszentrum zuerst in eingeschossigen Baracken und Holzgeschäftsbuden notdürftig wieder auf und es hieß: „~business as usual~“. Aber bald begann die Periode des völligen Wiederaufbaus ...
Geradezu ungeheuer war der Ausblick auf die Zerstörung im ganzen. So furchtbar hatte ich es mir nicht gedacht![27]
Allmählich fuhr uns das Besichtigungsauto aus der Stadt heraus -- die wie immer die amerikanischen Großstädte außer Hotels und Geschäftshäusern sonst wenig Originelles und Bemerkenswertes bietet -- zu dem berühmten Goldengatepark, der zwischen der Stadt und der Steilküste des offenen Ozeans liegt. Die Stadt selbst ist nicht unmittelbar am offenen Pazifik gebaut, sondern an der Bucht, die sich durch die etwa 1½ ~km~ breite Öffnung des „Goldenen Tors“ einzigartig 10 ~km~ breit und bis 85 ~km~ lang ins Land hinein erstreckt. Sie erinnert an Konstantinopel und den Bosporus. Im Norden wird sie malerisch von dem fast 900 ~m~ hohen Mount Tamalpais und im Osten von der Schneekette der Sierra Nevada (über 4000 ~m~!) überragt. Von Süden schaut auf sie der Mount Hamilton mit der Lick-Sternwarte von fern hernieder. Ein herrliches Landschaftsbild, groß und glänzend in seinen Ausmaßen!
Hatte der Ausrufer uns bisher unter anderem „~the largest apartement-store +in the world+~“ gezeigt, so hieß es jetzt „~the most beautiful park in the +world+~, ~the prettiest and largest tennis-lawns in the +world+~“. Am Golden Gate selbst wartete auf uns gar „~the largest salt-water-bath-house +in the world+~“. Je weiter man in Amerika nach Westen kommt, desto voller wird der Mund genommen und desto überzeugter ist man, das Größte und Beste von allem „+in der Welt+“ zu besitzen. Höchst spaßhaft war es für mich als Deutschen, als wir im Goldengatepark an einer Nachbildung von Rauchs Weimarer Goethe-Schiller-Denkmal vorbeifuhren und der Ausrufer durch den Trichter uns anbrüllte: „~Mister Gois änd Mister Skill~ (so ausgesprochen!!), ~two German poets!~“. Die anderen Amerikaner, Japaner, Engländer und was sonst da oben saß, nahm auch davon wohlgefällig Kenntnis wie von einem ~drug-store~ oder einem neuen Hotel.
An den Felsen des einstigen stolzen „~Cliff-house~“, eines höchst komfortablen und aussichtsreichen, aber kürzlich auch durch Feuer zerstörten Strandhotels rollte der offene pazifische Ozean an. Ein dumpfes Brausen, in das sich wieder das heisere Bellen großer Scharen mächtiger Seelöwen mischte, die drüben auf den „~seal-rocks~“ ihr Wesen hatten. Leider war es etwas unsichtiges Wetter; aber um so geheimnisvoller rollten aus dem Nebel die mächtigen Wogen heran. Am Strande lagen viele einfache Familien mit Kind und Kegel und genossen hier ein billiges Sonntagvormittagsvergnügen. Nur flogen zu hunderten und tausenden ihre Butterbrotpapiere höchst malerisch am Strande herum! Einige Sandplastiker formten berühmte Köpfe wie Washington, Lincoln, Grant, Garfield, auch so mancher eine von der See mit ihrem Kind ans Land gespülte ertrunkene Frau, ja den berühmten Löwen aus dem Gletschergarten von Luzern höchst treffsicher und eigenartig aus dem Sand ... Aber der immer stärker einsetzende kühle und feuchte Nebel lud heute nicht zu allzulangem Verweilen ein. Merkwürdig, über dem Park und der Stadt schien die Sonne, aber vom Ozean heran kroch der Nebel, über dem das Haupt des Mount Tamalpais wie eine sagenhafte Insel schwamm ...
* * * * *
Am Nachmittag setzte ich mit einer der großen und trefflichen Ferrys über die weite seeähnliche Fläche der blauen Bai hinüber nach Oakland, dem Brooklyn San Franziskos, der Stadt der schönen „Eichen“alleen, von denen die Stadt den Namen hat, um Berkeley, den Sitz der prachtvollen staatlichen Berkeley-Universität, zu besichtigen. Auf einem Gartenpavillon wehte eine deutsche Flagge -- wie das anheimelte! -- und auf der Straße hörte ich einen Mann ganz unverfälscht schwäbeln. Gern hätte ich auch den Mount Tamalpais bestiegen, aber in Berkeley hatte ich es übernommen, Verwandte meines guten Harvardfreundes W. zu besuchen. Ich hatte den Besuch auch nicht zu bereuen, denn die Tochter des Hauses, selbst Studentin, führte mich in der wundervoll in Parks und Gärten gelegenen Berkeley-Universität überall kundig umher. Durch die märchenhaftesten südlichen Haine von Sykomoren, Oliven, Palmen und Kakteen wandelten wir in sinnende wissenschaftliche Gespräche vertieft zu dem prächtigen, in griechischem Stil erbauten „Theater“, in dessen offenem Halbrund ein ausgezeichnetes auch überall sehr gut wahrnehmbares Sonntagskonzert gegeben wurde. Von den Parkhügeln aber ergoß sich ein bezaubernder Rückblick auf die weite blaue Bucht und die ferne Stadt ... Freund W.s Verwandte hätten mich gern gleich da behalten, und ich hätte gleich von Oakland die Weiterreise fortsetzen können, aber einmal hatte ich mein Gepäck nicht da, und dann gab es in Frisko noch manches andere zu sehen. Auch wollte ich die Gastfreundschaft völlig Unbekannter doch nicht zu sehr in Anspruch nehmen und fuhr noch vor Abend mit dem Fährboot wieder herüber. Schon die Fahrt lohnte sich! Mit voller Glut sank die Sonne über dem Goldenen Tor, es wahrhaft vergoldend, während sie früh über den hohen Schneehäuptern der Sierra Nevada heraufzusteigen pflegt. An den Molen und Bahnlinien blitzten die ersten Lichter auf ...
Ich wollte von Frisko nicht abfahren, ohne daß ich auch seiner ~chinatown~ einen Besuch abgestattet hätte. Den Abend pilgerte ich daher ein wenig in das Chinesenviertel der Stadt, das von etwa 10000 Gelben bewohnt wird. (Mit dem Einwanderungsverbot hat ihre Zahl stark abgenommen. Sie war früher viel höher.) Man soll zwar abends nicht ohne Geheimpolizist sich dorthin begeben! Aber so wie ich mich in Santa Fé arglos ohne Weg und Steg auf einen Berg der Rockies begab, so bummelte ich auch hier des Abends gemächlich ~tutti solo~ in die ~chinatown~ hinein. Was für ein enges und wimmelndes Leben herrschte da mit eigenen chinesischen Läden, Restaurants, Teestuben und kleinen primitiven Theatern! Die meisten der Gelben saßen allerdings mit ihren weiten schwarzen Blusen und Hosen, ihren Schlitzaugen, dem glattrasierten Schädel feiernd und pfeiferauchend auf Stühlchen in Pantoffeln vor ihren Häusern. Man sah in die offenen Läden, in die sonderbaren Apotheken und Werkstätten hinein. Frauen und Mädchen bügelten Wäsche; Schreiber schrieben Briefe ... alle aber blickten mir verwundert nach. In einem kleinen Basar kaufte ich mir ein paar chinesische Deckchen zum Andenken. Aber nirgends hatte ich den Eindruck, daß man hier einen eindringenden Europäer etwa umbringen wollte. Auch die Chinesen schienen mir im Grunde ein gutmütiges Völkchen zu sein wie die Neger und Indianer. Ja, sind nicht alle Menschen im Grunde gutmütig, wenn man sie nicht gerade reizt oder aufhetzt? In der ~chinatown~ traf ich aber auch Araber im weißen Turban und braune Hindus, auch massenhaft Japaner. In Frisko landen Schiffe aus aller Herren Länder; es ist wirklich eine Weltstadt. Der seltsamste Anblick aber war wohl ein Chinese -- in Heilsarmeeuniform! Man sieht, wie weltumspannend diese seltsame, aber so rührige und soziale „~army of salvation~“ ist!
Anderen Tages früh stieg ich in der Stadt zum sogenannten „Telegraphenhügel“ hinauf, eine der höchsten und aussichtsreichsten Anhöhen Friskos. Von oben lag die erhaltene und zerstörte Stadt wie ein Riesenschachbrett vor mir, auf dem ein unartiges Riesenbaby sich ein Vergnügen daraus gemacht zu haben schien, Häuser umzustürzen. Von der Stadt schweifte der Blick zur immer aufs neue schönen blauen Bucht und zu dem Durchlaß des „Goldenen Tors“ mit dem Tamalpais im Hintergrund. Ich hätte ihn gar zu gern doch noch bestiegen -- aber woher zu allem die Zeit nehmen? So bin ich auch nicht mehr in den „versteinerten Forst“ bei Calistoga gekommen. Aber ist es nicht auch ratsam, sich auch noch etwas für den -- zweiten Besuch aufzusparen? Sonst fehlte ja jeglicher Anreiz und jede logische Begründung für ihn?!
Dicht beim Telegraphenhügel war eine Negerkleinkinderschule, wo die putzigen kleinen Negermädchen und -knaben mit ihren breiten Stumpfnasen und schwarzkrausigen Wollköpfen wie andere Kinder sangen, spielten und lernten ... Nicht sehr weit davon stieß ich auf eine kleine protestantisch-italienische Kirche. Auf was man in amerikanischen Städten nicht alles stößt! Auch die alte spanische Missionskirche „~San Francisco de Dolores~“, 1776 erbaut, steht noch, die den Anfang des mexikanischen San Franzisko bildete, das noch 1850 nur 500 Einwohner hatte! 1847 wurde es von einem amerikanischen Kriegsschiff für die Union in Besitz genommen. So wurde der ferne Westen eher amerikanisch als die Territorien im Felsengebirge.
Die den steilen Hügel hinabführende Kabelbahn brachte mich wieder hinab zum Hafen. Ein wimmelnder Obstmarkt hatte sich aufgetan! Was für Unmassen Orangen, Bananen, Spargeln wurden hier zu Bahn und Schiff verfrachtet! Dazu die Ausfuhr des feurigen kalifornischen Weins, den auch zuerst spanische Missionare aus Europa einführten. In der neueren Zeit pflanzten Deutsche dazu rheinischen Weißwein. Aus französischen Reben zog man bald auch den vorzüglichsten Bordeaux, Medoc, Portwein und Sherry. Die letzteren freilich südlicher um St. Barbara und Los Angeles.
Frisko ist eine eigene Stadt! Viel Kirchtürme sieht man nicht, aber hier konnte einer, wie mir erzählt wurde, vom „~newsboy~“, einem armen auf der Straße Zeitungen verkaufenden Jungen bis zum Inhaber einer der größten Blätter sich emporschwingen. Freilich diese Hoch-Zeit der Gründungen ist längst vorüber; das Goldfieber ist längst erloschen. Und der Friscoman steht an Überlegsamkeit heute in nichts dem Neuyorker nach, ja er fühlt sich als sein westliches Gegenstück. Und Los Angeles ist geschlagen! Aber sage es ja nicht in +seinen+ Straßen!