Part 9
In meinem „~furnished room~“ fand ich alles zum Leben Notwendige beisammen, einen großen behaglichen Kamin, den ich aber selbst zu heizen hatte! In Amerika gilt ja überall: „Selbst ist der Mann! Da tritt kein andrer für ihn ein, auf sich selber steht er da ganz allein!“ Ich habe das Heizen des offenen Kamins auch redlich oft drei- bis viermal versucht, die aufgeschichteten Holz- und Kohlenstöße kunstgerecht zu entfachen und dann hübsch in Brand zu halten, aber der ungewohnte amerikanische Kamin hatte seine Tücken und wollte sich wahrscheinlich auch von so einem „~damned German~“ nicht ohne weiteres anheizen lassen. Aber auch in der deutschen Universitätsstadt Tübingen ging es zu meiner Zeit einem sehr gescheiten Stiftler ebenso, so daß er schließlich dem dortigen Hausmann verzweifelt sein Leid klagte. Der kam und sagte lakonisch: „Wenn i das Fujer’ wär’, i ging au aus!“ So kam auch hier schließlich ein rettender Engel und half dem unpraktischen Deutschen aus der kalten Hölle. Aber noch öfters saß ich ungeheizt, natürlich gerade dann, wenn etwa einer der Herren Professoren mir seinen liebenswürdigen Gegenbesuch machte, so daß mir noch heute der alte weißhaarige, in Samaria eifrig ausgrabende Professor Lyon leid tut, der so fröstelnd in meinem hohen strohgepolsterten Lehnstuhl saß und sicher mit wissenschaftlicher Schärfe im Stillen die Ursache der Kälte in der sonst warmen Hall zu ergründen suchte. Bei mir lagen eben die mächtigen Holzklötze, die sonst in den offenen Kaminen schwelen, meist nur angekohlt und fröhlich rauchend, aber ohne zu wärmen hinter ihrem Gitter, obwohl ich nachher so ziemlich die höchste Rechnung für Heizmaterial am Ende des Semesters zu begleichen hatte!! Wenn nicht in dem Januarblizzard, der einen meterhohen Schneefall brachte und -20° ~R~ ein anderer weit herumgekommener amerikanischer Freund, Mr. Moore, der besonders für Konstantinopel, die Türken und die Griechen schwärmte, sich meiner erbarmt oder mein japanischer Freund Mr. Ashida, heute in Kyoto Dekan der Doshisha-Hochschule, mich in sein wohlgewärmtes trauliches japanisches Zimmer mit hinübergenommen hätte, wäre ich wohl eines Tages eines seligen Kältetodes gestorben ...
Weiter enthielt mein „~furnished room~“ einen sehr schönen Schreibtisch mit jenem obenerwähnten strohgepolsterten Lehnstuhl, einem Schaukelstuhl, zugleich Ehrensitz für hohen Besuch, zwei Bücherregale, ein paar einfache Stühle und einen kleinen Alkoven, in dem das Bett stand, und von dem aus ich den schönsten Blick in die malerischen und träumerischen Universitätsanlagen hatte. Hier sah ich das letzte goldene Herbstlaub des „~indian summer~“ zu Boden wirbeln, hier sah ich den feuchten Novembernebel um die Bäume rieseln, hier sah ich den Schnee in wilden Massen niederwirbeln und auf leisen Sohlen den amerikanischen Frühling sich nahen ...
Mein großer grüner Koffer war zuerst noch nicht da. So legte ich mich die ersten Nächte im Mantel zu Bett. Meine Photographien von den Lieben und Freunden daheim stellte ich auf das Kamingesims mit der merkwürdigen Empfindung, an 4000 Meilen von ihnen entfernt zu sein. Einige deutsche Kunstwartbilder hing ich mir als Schmuck an die Wand. Drüben und neben mir zogen in ähnlicher Weise meine studentischen Nachbarn ein. Es entwickelte sich bald zwischen uns ein recht freundschaftlicher Verkehr. So war ich wieder einmal Student. An Semestern war ich wahrscheinlich der älteste im Hause, wenn auch nicht an Jahren. Denn die amerikanischen Studenten haben oft schon merkwürdige Lebensläufe hinter sich, ehe sie zu studieren anfangen.
Nach meiner Ankunft in Cambridge machte ich sogleich meinen schuldigen Antrittsbesuch beim Herrn Dekan der Fakultät („~School~“), einem äußerst liebenswürdigen älteren Herrn mit weißem englischen Schnurrbärtchen, der mein zum Teil noch sehr fehlerhaftes Englisch „~marvellous~“ nannte und bedankte mich für die gütige Einladung nach Harvard. Überall fand ich eine sehr große Liebenswürdigkeit, Höflichkeit, Gastfreundschaft und ein unbeschränktes Entgegenkommen, obwohl ich selbst mit Kritik und recht freimütiger Beurteilung amerikanischer Verhältnisse gar nicht zurückhielt, aber überall stieß ich auch auf einen höchst ausgeprägten Nationalstolz. Davon könnten wir mehr haben! Man war stets in allen Dingen moralisch, technisch, politisch, wirtschaftlich wie selbstverständlich überzeugt, das Beste und Größte „in der Welt“ zu besitzen. An +Quantität+ aller Verhältnisse überragt ja auch in der Tat die Union alle Länder der Welt. Vor Deutschlands Wissenschaft neigte sich drüben alles in Ehrfurcht!
Am anderen Tag begab ich mich zu den Mahlzeiten zum ersten Male nach einer der gemeinsamen Universitätsspeisehallen. Studenten als Kellner weiß gekleidet -- in Amerika gar nichts Ungewöhnliches! -- bedienten selbst, nahmen die „~down-stairs-orders~“[16] entgegen, die man auf kleine Kärtchen schrieb, und brachten binnen wenigen Minuten von unten herauf alles Gewünschte. Längst vor dem Krieg war in Amerika der „Werkstudent“ schon fast die Regel. Auch für den wohlhabenden Studenten galt es schon immer drüben als unvornehm, sein Studiengeld vom Vater zu fordern statt selbst zu beschaffen! So arbeitete in der Universitätsdruckerei nachts als Setzer ein Millionärssohn! Die meisten „arbeiteten“ in den langen akademischen Sommerferien, die drüben etwa ein volles Vierteljahr umspannen, als Kellner in den großen Sommerhotels auf dem Lande, oder als Sprachlehrer, Bankangestellter, Straßenbahner, Organist, Hotelportier u. dgl. Ich kannte einen Studenten, der tagsüber Vorlesungen hörte und nachts als Nachtpförtner in seinem Bostoner Hotel seine griechische Grammatik lernte! So wurde auch ich öfters gefragt, ob ich nicht einen „~job~“ (Arbeitsstelle) anzunehmen wünsche. Ich habe mir dann auch neben meiner Universitätsarbeit mit deutschen Stunden u. a. noch etwas Taschengeld verdient, bis einer der „~freshmen~“ (unterster Jahrgang im „College“), den ich unterrichtete, mir eines Tages erklärte, „mein Deutsch sei nicht richtig; was ich ihn gelehrt, habe ihm der amerikanische Professor als Fehler angestrichen“!! Da habe ich diesem „Frechmän“ beinahe eine ... -- erklärt, daß er nicht wiederzukommen brauche! Und verzichtete auf solchen „~job~“!
Am gemütlichsten und besten aß man in der prächtigen, gotischen „Memorial Hall“, die mit ihrem hohen Glockenturm wie eine große Kirche alle anderen Universitätsgebäude überragte. Dafür hielt ich sie zuerst auch, bis ich über ihre wahre Bedeutung aufgeklärt wurde. Man saß hier an kleinen Klubtischen zu vieren oder sechsen -- gegen tausend Studenten aßen hier täglich! -- und konnte nach Herzenslust für einen festen Wochenpreis von nur 5 Dollar bestellen und essen, besonders wenn man sich mit dem Neger gut stellte (das war hier unser alter guter Jackson), was und wieviel man begehrte. Und ich stellte mich daher immer besonders gut mit ihm! Da reichte mir seine braungelbe Hand unermüdlich hin, wonach das Herz verlangte. Was für fröhliche Stunden haben wir in Memorial Hall verlebt! Mittags um zwölf Uhr zum „~lunch~“ und abends fünf oder halb sechs zum „~dinner~“, der Hauptmahlzeit. Da fand sich an unserem Tisch ein deutscher Student der Philologie aus Heidelberg ein, von dem man rühmte, daß seine englische Aussprache besser sei als die der Eingeborenen! Mit dem Grad eines ~A. M.~ (~Master of arts~) kehrte er in die Heimat zurück. Weiter verkehrte bei uns ein Privatdozent der Chemie aus Prag, der heute ordentlicher Professor in München ist, dazu drei bis vier junge smarte Amerikaner, ein Pflanzerssohn aus dem Südstaat Carolina, dessen Devise war: „Wenn dir einer dumm kommt, box ihn nieder!“; ferner der gereifte Bruder eines angesehenen Baptistenpredigers in Boston und endlich ein dritter Schmächtiger auch aus dem Süden, der ungeheuer viel Pfeffer auf seine Speisen warf und dazu unbändig rauchte und dessen Losung war: „Was sich dir in den Weg stellt, schieß nieder!“ Typisch für die aus den Pflanzer- und Südstaaten! Alle meine Bekehrungsversuche, seine Sitten und Anschauungen zu mildern, scheiterten. Unsere Sprache untereinander war nur englisch. Und das war gut. Nur der Prager Chemiker -- ein echter Deutschösterreicher -- konnte es nicht lassen, wenn er den Heidelberger und mich einmal allein am Tisch traf, doch mit seinem urgemütlichen wienerischen Dialekt herauszurücken, was dort drüben doppelt heimatlich klang ... Auch fand er, die amerikanischen Girls, auf die er manchmal ein Auge warf, „fräßen einem richtig aus den Händen“ ...
Ich gewöhnte mich schnell an die amerikanisch-akademische Tageseinteilung. Früh acht Uhr besuchte ich gern der Sitte gemäß die „~morning prayers~“ in Appleton Chapel, der traulichen Universitätskapelle. Hier gab es -- echt amerikanisch -- „~five-minutes-addresses~“! (Ob wir Deutsche das auch fertig brächten?) Dann sang ein kleiner melodischer Studentenchor. Von da ging man zum Frühstück, das in Amerika mit Früchten beginnt und mit Koteletts endigt. Von neun bis zwölf hörte man Vorlesungen. Punkt zwölf erschien man wolfshungrig zum „~lunch~“, daran schloß sich ein kleiner Spaziergang am Ufer des Charles River oder ein Tennisspiel. Von zwei bis fünf Uhr war man wieder entweder im Colleg oder Seminar, übte oder las in der Bibliothek, falls man nicht einen Klubvortrag besuchte. Ehe man zum ~dinner~ ging, ging es in die akademische Turnhalle[17], um rasch einige „~physical exercises~“ in der ganz vorzüglich mit den raffiniertesten Geräten ausgestatteten Universitätsturnhalle vorzunehmen. Danach nahm man allgemein ein sehr ungeniertes Bad, das dem lateinischen Namen der Turnhalle voll entsprach. Nach solchen wohlberechneten Vorbereitungen schmeckte das ~dinner~ in Memorial Hall einzigartig prächtig. Um sieben Uhr rief die Hausglocke der ~hall~ zum „~evening-prayer~“ und danach war noch etwa drei bis vier Stunden stille Arbeitszeit, um Bücher zu lesen, Referate anzufertigen u. dgl. Ich bekam vor der Quantität geistiger Arbeit der amerikanischen Studenten allen Respekt!
Gleich zu Anfang des Semesters fanden die großen offiziellen Feierlichkeiten der +Einführung des neuen Universitätspräsidenten+ statt. Die „Registration“ (bei uns „Immatrikulation“) war hingegen sehr einfach und unformell. Man wurde schnell mit seinen Personalien in ein Buch geschrieben. Das war alles. Aber die Inauguration des Präsidenten war höchst feierlich und großartig. Vierzig Jahre lang hatte der ehrwürdige, wohl über achtzigjährige ~Dr.~ Eliot das Universitätszepter geführt. (Die Universitätsrektoren amtieren drüben auf Lebenszeit!) Nun galt es seinen Nachfolger auf Lebenszeit einzuführen, ~Dr.~ Lowell. Über 200 Professoren aus dem ganzen Land waren dazu zusammengeströmt, Harvard zu Ehren. Vor der Haupthalle der Universität, einem schlichten hellen Gebäude im Universitätspark, war ein Podium aufgeschlagen, auf dem alle die Ehrengäste und der eigene Lehrkörper in ihren feierlichen Doktortalaren unter freiem Himmel Platz nahmen. Über der ganzen Feier lag blendender Sonnenschein, und zu vielen Hunderten füllte die akademische Jugend vom jüngsten „~freshman~“ bis zu den gereiften „~graduates~“ den weiten Park. Unter den Gästen wurde besonders der neuangekommene deutsche Austauschprofessor, ein berühmter Berliner Historiker, geradezu überschwänglich begrüßt als „~not surpassed by living men~“[18]. Der neue Präsident hielt eine lange Ansprache über Aufgaben und Ziele der amerikanischen Universitätsbildung und trat ein für freiere Wahl der Vorlesungen und bessere Vorbildung der Studenten nach -- deutschem Muster!
Denn der amerikanische Lehrbetrieb ist in vielen Stücken ein sehr anderer als bei uns. Im selben Alter, in dem wir in Deutschland in die Schule eintreten, tritt zwar auch der Amerikaner in die Schule ein, und zwar jeder, so will es die jegliche Klassenunterschiede verabscheuende Demokratie, die auch in der Eisenbahn nur eine Klasse erlaubt, in die Volksschule (~public~ oder ~grammar school~), die gewöhnlich sechs Jahrgänge umfaßt. Freilich erlaubt es das amerikanische System den Begabteren und Fleißigen, Klassen zu überspringen und so in wenigen Jahren das Ziel zu erreichen, das zur nächsthöheren Schulgattung, der Oberschule (~high school~), die etwa unserer Realschule oder den mittleren Klassen des Gymnasiums entspricht, hinführt. Erst im Alter von dreizehn, vierzehn Jahren beginnt der Amerikaner Sprachen zu lernen. Bereits die ~High school~-Kurse sind „wahlfrei“, und so steht die Wahl zwischen Deutsch, Französisch, Latein oder Griechisch oder mehreren von diesen zusammen offen. Nach vierjährigem ~High school~-Besuch wird der Amerikaner reif, die Aufnahmeprüfung zum „~college~“ zu bestehen. Das ~college~ bildet den Grundstock der Universität und kann eigentlich mit keiner deutschen Einrichtung verglichen werden. Das „~college~“, englischen Ursprungs, dient keineswegs dazu, auf die sogenannten „akademischen“ Berufe, wie wir sagen, vorzubereiten, sondern den Amerikaner zum „Gebildeten“ und „~gentleman~“ in wissenschaftlicher und persönlicher Hinsicht heranzubilden. Die Lehrgegenstände des ~college~ sind völlig wahlfrei und entsprechen ihrem Gehalt nach ungefähr dem, was wir in den Oberklassen des Gymnasiums und in den ersten Semestern auf der Universität lernen. Nur darf nie vergessen werden, daß nirgends in Amerika genau der gleiche Maßstab, dieselben Anforderungen und die gleiche Güte vorherrscht. Die Teile des Riesenlandes sind so ungeheuer voneinander verschieden, vor allem der Westen und Süden vom Osten, den alten Neuenglandstaaten mit dem geistigen Zentrum Boston und der Harvard-Universität, daß die qualitative Gleichheit der Schulen und ~colleges~ ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Ein kleines ~college~ des Westens lehrt vielleicht nicht mehr, als was bei uns ein Tertianer oder Untersekundaner lernt, während der ~college~-Student in Harvard Zutritt zu Kursen hat, die keiner deutschen Universität Schande machten. Der ~college~-Student, der im gleichen Alter das ~college~ bezieht, wie wir etwa die Universität, obwohl er noch nicht dieselbe wissenschaftliche Höhe erreicht hat, kann, weil er völlig freie Hand in der Wahl seiner Vorlesungen hat, schon auf dem ~college~ spezialisieren, wenn er später in eine Fachschule (~Graduate school~), die am ehesten unseren Fakultäten entspricht, einzutreten gedenkt. Die meisten aber halten sich nur im ~college~ auf, um eine „~liberal education~“ zu gewinnen, um ihre Allgemeinbildung zu vollenden, d. h. sie haben kein spezielles wissenschaftliches Interesse, hören Literatur, Geschichte, Philosophie und suchen nach vierjährigem Lehrgang den Grad eines ~B. A.~ (~Bachelor of arts~) zu erhalten, der für eine bestimmte Anzahl (17 oder 18 dreistündiger) tüchtig durchgearbeiteter Vorlesungen verliehen wird. Diejenigen, die den ~A. B.~ haben, sind die „Gebildeten“, in welchem Beruf, Geschäft, Technik oder wo sonst sie sich auch später befinden mögen. Diejenigen, die Rechte, Philologie, Theologie und Medizin, Mathematik und Naturwissenschaft eingehend studieren wollen, um Richter, Prediger, Professor u. dgl. zu werden, treten in die „~graduate school~“ ein, die allein denen, die den ~degree~ des ~B. A.~ besitzen, offen steht. In der ~graduate school~ (~Law School~, ~Medical and Divinity School~ und ~Faculty of Arts and Sciences~), die unseren mittleren und letzten Semestern entspricht, wird etwa drei bis vier Jahre gearbeitet und der Doktorgrad erreicht. Aber das Studentenbild in der ~graduate school~ ist von dem unseren auch wieder recht verschieden. Der ~college~-Student ist zwar in dem Alter unserer Studenten, es fehlt ihm aber manchmal an dem eigentlichen „wissenschaftlichen“ Interesse, dafür ist sein ganzes Gehaben vielleicht ein ganz Teil jugendlicher als das unserer Studenten. Der ~graduate~-Student aber in der ~graduate school~ übertrifft meistens unser Studentenalter beträchtlich; denn durchaus nicht alle treten sofort nach Vollendung ihres ~college~-Studiums in eine Fakultät ein, sondern viele arbeiten zuerst eine Zeitlang in einem praktischen Berufe und verdienen sich das teure Studiengeld erst selber. So kann das für uns merkwürdige Verhältnis eintreten, daß z. B. einer bereits eine eigene Pfarrstelle auf dem Lande inne hat, die ihm mit der sonntäglichen Predigt den Unterhalt für sein theologisches Studium gibt, das er jetzt erst eigentlich beginnt (!!). Andere sind in einem Geschäft gewesen oder haben an einer Schule bereits einige Zeit +gelehrt+; andere sind während ihres Studiums noch in allerlei Nebenberufen tätig. Ein „Instruktor“ in Nationalökonomie spielte gar in einem Professorenhause den Hausmeister, versorgte morgens um sechs Uhr im Winter die Dampfheizung des Hauses mit Kohlen; wieder ein anderer war Organist in einer Kirche!
Es existierte nie Klassengeist; der Student bildete nie eine soziale Sonderschicht. „Arbeit“ war drüben immer ein allgemeiner sittlich-demokratischer Begriff, der für den Studenten sich keineswegs auf wissenschaftliche allein beschränkte. Andererseits ist auch die wissenschaftliche Arbeit nicht höher eingeschätzt als andere. Jede Arbeit ist „~work~“, gleichgültig, was für eine; ausgenommen vielleicht Stiefelputzen, das für den Amerikaner einen antidemokratischen Geruch mit sich führt. Nur der, der arbeitet, ist geachtet. Die Achtung bezieht sich aber fast allein auf die Quantität der geleisteten Arbeit und die mit ihr verbundenen Einnahme, nicht so sehr auf ihre qualitative Eigenart! Die Art des Studiums ist daher von der unseren recht verschieden. Während wir kein höheres Ideal als das der „akademischen Freiheit“ kennen, d. h. der völligen Selbstbestimmung in wissenschaftlicher und persönlicher Hinsicht, ist dieser Begriff der amerikanischen Universität, mit Ausnahme der Wahlfreiheit der einzelnen Fächer, völlig fremd. Das ~college~ und die ~graduate school~ ist eine höhere und höchste Art „Schule“, nichts anderes. So hat der einzelne Student seinen vorgeschriebenen (!) Platz im Kolleg, er hat seine genau bis auf Stunde und Seite „vorgeschriebene“ Lektüre zu jeder Vorlesung aufzuarbeiten; er hat oft wöchentliche, monatliche oder mindestens halbjährliche Prüfungen zu bestehen, wöchentliche oder monatliche schriftliche Referate und Aufsätze oder größere Arbeiten einzuliefern, die vom Professor korrigiert und zensiert werden! Fernbleiben vom Kolleg ist völlig unbekannt, Bummeln ausgeschlossen. Der Student sucht nicht seinen eigenen Weg in der Wahl seiner Lektüre, in seiner Privatarbeit und in seinen Spezialstudien, die ihn vielleicht dieses Semester dahin und das nächste dorthin führen, sondern mit der Wahl eines Kollegs ist sein Weg Schritt für Schritt genau vorgezeichnet. Eine solche Fülle der Lektüre und Aufsätze überschüttet ihn, daß kaum ein Quentchen Zeit für eigene Wege übrig bleibt. So rechnet man konsequent sehr genau mit der Seitenzahl (!) der Lektüre, die in diesem und jenem Kolleg vorgeschrieben ist; die Aufsätze werden nach der Vielstelligkeit der Zahl ihrer Worte von den Studenten taxiert und mit Mindestforderungen der Zahl der Seiten und Worte abgegrenzt(!); das Interesse richtet sich auf die +Anzahl+ der dreistündigen Vorlesungen, die einer bewältigt, die +Zensuren+, die er für seine „~papers~“ davonträgt, und den „~degree~“ (akademischen Grad), den er zu bestimmter Zeit mit der Aufarbeitung einer +Anzahl+ von Vorlesungen erlangen kann, und ~last not least~ -- das Einkommen der Stelle, die er mit einem ~Harvard-degree~ zu erlangen hofft! Ich will nicht zu schwarz malen. Aber dasselbe quantitative Urteil, das hier von jedem neuen Gebäude oder kostbaren Gemälde vor allen Dingen den Preis zu nennen weiß, das jede neue gute Institution mit dem Titel „~the best and highest in the world~“ belegt, breitet seine unheilvollen Schwingen auch über die Wissenschaft. Es war für mich ein sehr eigentümlicher Eindruck, als ich zum erstenmal in den Lesesaal der Universitätsbibliothek trat und die langen Reihen Bücher sah, -- genau bezeichnet für jeden Kurs, keins weniger und mehr als vorgeschrieben (!) -- und eine Fülle lesender Studenten -- aber nur in „vorgeschriebener“ Lektüre von Seite soundsoviel bis Seite soundsoviel, kein Wort mehr oder weniger -- da ist der Geist freier, ungebundener, eigener kritischer Wissenschaft erstickt im Staub pedantischen Schulgeistes, der rechnet, statt wägt, ißt, aber nicht selbst verdaut, „lernt“, aber nicht „studiert“, eine Menge Bücher kennt und doch kein Forschungsfeld überschaut, der nichts ahnt von der unendlichen Weite und Tiefe wirklich eigener selbständiger, kritischer, wissenschaftlicher Arbeit; der nie recht wissenschaftlich arbeiten lernt trotz mehrjährigen täglichen zehn- oder zwölfstündigen Fleißes! Der ganze amerikanische Universitätsgeist leidet an seiner Schulmäßigkeit: Auch die Dozenten müssen fast soviel Stunden in der Woche wie unsere Schullehrer geben. Der Universitätsprofessor ist mehr Lehrer als Gelehrter. Auch seine Bezahlung steht nicht im Verhältnis zu dem Reichtum des Dollarlandes, und sein Ansehen ist nicht mit dem eines deutschen akademischen Professors zu vergleichen. Alles dies soll keineswegs in Abrede stellen, daß auch Amerika sehr tüchtige Gelehrte und kritisch begabte Studenten hervorbringt, aber mehr trotz als infolge seines Systems. Und doch ist es auffällig, in welcher Überfülle die Übersetzungen deutscher wissenschaftlicher Bücher in Gebrauch sind, und geradezu rührend ist es zu beobachten und zu hören, mit welch aufrichtiger und uneingeschränkter Bewunderung der gebildete Amerikaner immer wieder zu dem Land der Dichter und Denker hinaufschaut.
So hatte also auch ich meine liebe Not, genügend freie Zeit für meine eigenen Studien zu behalten, Land und Leute kennenzulernen u. dgl., wenn auch ich mit einem „~degree~“ geschmückt Harvard wieder verlassen wollte. Und ohne ~degree~ gilt man ja drüben in akademischen Kreisen gar nichts. Und ohne ~degree~ zu scheiden, hätte mich in amerikanischen Augen als Faulpelz gekennzeichnet ...
Die Inaugurationsfeier schloß mit dem üblichen Gebet, Musikchören und dem Jubel der „~college-men~“. Anderntags war noch einmal große Vorstellung aller fremden Gäste in der Repräsentationshalle der Universität, in „Sanders Theatre“, das seinen Namen von seiner theaterähnlichen Rundung hat. Der neue Universitätspräsident, vom Stab seiner Dekane begleitet, begrüßte feierlich jeden fremden Gast, indem er ihn mit allen seinen Titeln und Verdiensten ausführlich der Studentenschaft vorstellte. Jedesmal antwortete wüstes Beifallsgeschrei. Es waren auch zwei weibliche Professoren und die Spitzen von Heer und Marine unter ihnen, die von den Studenten besonders brüllend bejubelt wurden. Alle anderen wurden laut und immer lauter beklatscht beinahe zwei Stunden lang. Langsam defilierten sie auf dem Podium vorüber, zum Teil ehrwürdige Gestalten und noch junge Doktoren aus der Nähe und der Ferne, ja sogar auch aus Kalifornien und Texas, die geistige Elite der Union.
Abends brachten die „~fresh-men~“ dem neuen Präsidenten einen Fackelzug im „Stadium“ dar. Das Stadium ist ein ungeheurer, etwa 40000 Personen fassender, elliptischer offen amphitheatralischer römischer Zirkusbau, der den großen Universitätsfußballspielen dient. Heute lag er im Dunkeln. Nach dem Einlaß kletterte alles affenähnlich über die weiten und hohen Betonsitzreihen, die stumm dalagen und sich hell vom klaren Nachthimmel abhoben, bis das schier unermeßliche Rund doch nur zum kleinsten Teil mit Menschen gefüllt war. Dann nahten in langem feierlichen Zug die ~fresh-men~ mit ihren Fackeln, d. h. sie trugen auf Stangen kleine Töpfe mit brennendem Öl, an 1200 Mann zu je zweien nebeneinander, ein wirkungsvoller Zug. Im Stadium führten sie allerlei Reigen und Freiübungen aus, die sich mit den Lichtern im Dunkeln außerordentlich eindrucksvoll ausnahmen. Den Schluß machte ein Buntfeuerwerk, das zu allerletzt die Namen des Präsidenten und des ~college~ zeigte. Der also gefeierte Präsident hielt eine kurze Dankesansprache, die in dem großen Rund ausgezeichnet zu verstehen war. Mit einem an Indianergeheul erinnernden vieltausendstimmigen „Ra-Ra-Ra-Ra ...“, dem traditionellen studentischen Ruf, endete die Feier. Die Zeitungen waren noch Tage und Spalten lang voll davon ...
„~Vivat academia, vivant professores~“ heißt es in dem alten deutschen Studentenlied. So kommen nun nach der ~academia~ die Professoren daran, mit denen ich drüben zusammen sein konnte. Ihr allzeit so sehr gefälliges Entgegenkommen habe ich schon gerühmt und verdient auch hier eigenen Dank. „~What can I do for you?~“ war die ständige Redensart der höflichen Menschen drüben. Der erste, der mich freundlich empfing, war der auch in Deutschland als erster Austauschprofessor und durch seine Schriften bekanntgewordene Sozialethiker Francis G. Peabody, ein Typus des hochgebildeten und vornehmen Neuengländers. Er hatte ein prachtvolles und nach jeder Seite hin ausgezeichnetes sozialethisches Seminar eingerichtet, wie drüben überhaupt alle Seminare, Bibliotheken, Laboratorien an Reichtum der Mittel dank der großen Stiftungen der Millionäre die unseren oft weit überragen. So findet man drüben in den Bibliotheken nicht bloß die gesamte amerikanische und englische Fachliteratur, sondern auch die deutsche, französische und italienische, so daß ich meinen schweren grünen Koffer mit den vielen Büchern hätte ruhig zu Hause lassen können und mir manche Kosten und Ärger ersparen. Freilich Peabodys Vorlesung enttäuschte mich. Gewiß ließ der Vorlesungsraum nichts zu wünschen übrig. Auf was für vorsintflutlichen Bänken hatte man einst im Tübinger Stift gesessen. Hier feine bequeme Subsellien, aufklappbare Halbtische, so daß man bequem die Beine beim Schreiben noch übereinanderschlagen konnte, wie es der Amerikaner liebt. Nur Gelegenheit, Hüte usw. aufzuhängen, sah ich nicht. Die Studenten steckten ihre Mützen in die Tasche oder brachten gar keine mit. Freilich die Beine +auf+ den Tisch legte im Kollegraum niemand, wie ich das in den Klubzimmern täglich und reichlich zu sehen Gelegenheit hatte. Als der Professor eintrat, erhob sich niemand; niemand trampelte oder gab sonst ein Zeichen studentischer Begrüßung, vielmehr wurde lustig weitergeschwatzt und gelacht! Die erste Stunde bestand fast nur in Ankündigungen des Semesterpensums, Aufgabe der „vorgeschriebenen“ Lektüre, Verteilung von gedruckten Dispositionen, zwar alles klar und praktisch -- aber eben auch reichlich schulmäßig. Ich empfand gar nicht, auf einer Universität zu sein.