Part 24
Denver liegt wie München auf einer Hochfläche vor den Alpen. Rings ist wohlangebautes Farmland. Aber nirgends entdeckte man in ihm so etwas wie Volkstracht. In der Stadt selbst, die sauber, aber mir auch recht windig vorkam, empfangen mich wieder endlose Straßenzeilen. Nachdem ich einen Lunch eingenommen habe, gehe ich zu dem erhöht liegenden Staatskapitol der Stadt, um von oben recht die Aussicht über die Stadt und auf das Felsengebirge zu genießen. Aber es ist Sonnabendnachmittag, und ich werde nicht mehr zur Kuppel heraufgelassen, es sei schon „für Sonntag gekehrt“! Das tut man also auch in Amerika! So konnte ich die schöne Aussicht, die das Felsengebirge hier in einer Ausdehnung von 270 ~km~ zeigt, nicht bewundern und mußte mich mit Streifen durch die Stadt begnügen. So ging ich unter anderem in den Stadtpark und treffe auf ein Denkmal des Dichters Burns mitten zwischen Kanonen! Geschmackvoll! Die Zeitungsbureaus sehe ich umlagert von Massen, die auf die neuesten Nachrichten über den Ausgang der Sonnabendnachmittags-Fußball- und -Baseballkämpfe warten! So war auch Denver typisch amerikanisch. Das amerikanische „Gesicht“ ist überall gleich ...
Denver ist Hauptstadt des Staates Kolorado und dank der reichen Goldfunde und Minen äußerst schnell gewachsen. Erst 1858 wurde es von Goldgräbern gegründet, 1870 war es noch eine unbedeutende Stadt, heute zählt es schon 300000 Einwohner!
Abends sitze ich schon wieder in meinem Schlafwagen, um in einer Nacht, einer Tagesfahrt und einer Nacht über Kansas City und den Mississippi wieder Chikago zu erreichen. Dann wird mein verbilligtes meterlanges Auswandererzettelbillett abgefahren und die große Schleifen-Westreise vorläufig vollendet sein. Stiller Mondschein liegt über den unendlichen Gefilden der Prärie. Ich war froh, in zwei +Nächten+ sie zu durchfahren. Denn sie noch einmal ganz bei Tageslicht in ihrer grenzenlosen Einförmigkeit zu durchleben, wäre fast eine zu große Nervenbelastung gewesen. Die Seele war nun aus Neu-Mexiko, Arizona, Kalifornien, Nevada, Utah, Kolorado zu sehr mit immer wechselvollen und romantisch-anziehenden Bildern gesättigt, um jetzt noch für die monotone Öde der Mississippi-Ebene empfänglich zu sein und sie etwa 36 Bahnstunden lang hintereinander in sich aufzunehmen. Die Abspannung war aber auch sowieso noch groß genug. Ich fuhr also die Nacht zum Sonntag, den ganzen Sonntag und die Nacht zum Montag ohne Unterbrechung! Am Sonntag war der Zug sehr leer. Denn vielen Amerikanern ist es einfach Sünde, am Sonntag zu reisen. Die Zahl der Züge ist auch beschränkt.
An wie vielen kleinen Städten, einsamen Farmen, kleinen Kirchen fuhren wir in den 36 Stunden vorüber! Und dazwischen Land, Land und immer wieder unendliches Land. In Kansas und Illinois fing es auch erst ganz schüchtern an, Frühling zu werden. Es ist die Gegend der furchtbaren Frühlingsorkane, der gefürchteten Tornados, die sich bilden, wenn die südlich warmen und nördlich kalten Luftströme ungehindert aufeinanderstoßen. Die Natur war noch keinen Schritt weiter wie vor zweieinhalb Wochen.
Nachdem man viele Stunden lang nichts Besonderes gesehen hatte, zeigten sich einmal drei Jäger zu Pferde mit Flinten in der Steppe -- welch ein Ereignis! Ein andermal standen ein paar Männer an einem kleinen Bahnhof und sahen dem Zug nach -- ein Ereignis! Im Zuge selbst wurde es beim langen Fahren einer Dame übel. Bleich sank sie auf ihrem Stuhl zusammen -- ein Ereignis! Ich wundere mich überhaupt, daß es bei dem endlos langen Bahnfahren nicht noch mehr Menschen übel und ohnmächtig wird. Aber sie haben offenbar hier von Jugend an andere Eisenbahnnerven als wir! Ich wunderte mich auch manchmal über mich selbst, daß ich die 12000-~km~-Bahnfahrt so gut überstanden habe! Aber nun kommt angesichts der ohnmächtigen Lady ratlos der Neger-Wagenhilfsschaffner auf mich zu -- was hat er nur mit mir vor? Erfolgt etwa ein neuer Angriff auf mein Scheckbuch? Er fragt mich, ob ich vielleicht ein „~physician~“[35] sei, und ob ich der bleichen Dame beistehen könne. Beschämt muß ich meine vollständige medizinische Unkenntnis eingestehen. Wie kam er auf mich? Hat er mir mit hellseherischen Augen die Verwandtschaft mit meinem Onkel, dem Doktor in Boston, angesehen? Immerhin riet ich, die Dame sanft zu lagern, ihr ein Kopfkissen unterzuschieben und etwas Wasser zu holen und dann sie sich selbst zu überlassen, bis sie wieder zu sich käme. Das geschah auch bald, genau nach meinem medizinischen Rat! Und ich war zum Glück weiterer medizinischer Künste enthoben. Für was man mich drüben alles gehalten hat! Bald war ich Landaufkäufer, Reisender, Zeitungsschreiber, Stundengeber, Student, Arzt, nur nicht das, was ich wirklich war ...
Am Arkansasriver entlang ging es stracks gen Osten. Farmer stiegen ein, die nach Chikago wollten oder nach Neuyork zum Einkaufen! Welcher pommersche Bauer fährt bei uns nach Frankfurt am Main, Basel oder Mailand zum Einkaufen? Alle waren hier in der gleichen einförmigen städtischen amerikanischen Kleidung, auch die Farmer. Bauerntracht gibt es nicht. Man unterscheidet am Rock drüben niemand, keinen Kaufmann, Beamten, Farmer, Schreiber oder was sonst. Sie sind alle „~citizens~“, sitzen in derselben Eisenbahnklasse und treten gleich als „Bürger“ auf ...
In Kansas City hatte ich umzusteigen. Wie primitiv sind die Wartesäle selbst in einer so großen Stadt! Bloß Bänke in einer großen Vorhalle! Ich habe Zeit, gegenüber dem Bahnhof auf eine Felsenterrasse zu steigen. Rauchig und düster kommt mir an diesem Abend die Stadt vor.
Wieder geht es hinein in den „~sleeper~“ nach Chikago, und ich schlafe dem Lake Michigan entgegen. Nächtlich prasselt beim Fahren tüchtig die Asche aus der Lokomotive auf das Dach. Der Zug fährt schlecht, ruckt, zieht an, stöhnt, pfeift, steht und fährt wieder. Ist etwas nicht im Lote? Ich denke an die dreimal mehr Eisenbahnunfälle in Amerika als in Deutschland, und es ist mir etwas ungemütlich. Aber wohlbehalten rollen wir früh in Chikago ein. Gott sei dank, einmal wieder auf festem Erdboden! Mein Billett ist abgefahren! -- --
Diesmal langte ich in der Morgenfrühe in Chikago an, das war besser. Zwei Tage vorher hatte ein von Kanada einbrechender Schneesturm auch Chikagos Asphalt in Schnee gehüllt und weithin in Illinois, Wiskonsin, Michigan die Baumblüte „vernichtet“. So beuteten die Zeitungen schnell das unerwünschte Ereignis aus und kabelten, was für ein nationales Desastre führende Männer über Illinois prophezeiten! So daß man als naiver Mensch wirklich zuerst glaubte, die Union stehe am Vorabend des Hungertodes! Aber das diente wohl nur im voraus dazu, die amerikanische Menschheit auf höhere Obstpreise gefaßt zu machen, so daß der „Blizzard“ den Obstmagnaten nicht ganz ungelegen kam.
In Wolken, Regen, Schnee und Nebel wirkten die Wolkenkratzerschluchten diesmal noch düsterer und grandioser als sonst. In den unteren Stockwerken brannte den ganzen Tag Licht. Bei Marshall, Field & Co. sah ich das alte wahnsinnige Getriebe und Gewimmel im Ein- und Ausgehen. In den Straßen wie immer die ~policemen~ und Negerfuhrleute. Zum Brechen voll waren die ~moving pictures~, Theater, Zirkusse. Man will Geld machen und sich vergnügen. Sonst will man in Chikago nichts ...
Luft bekam ich erst am stürmisch erregten Michigansee mit seiner weiten, meerähnlichen Wasserfläche. Von ihr aus kann man durch die anderen Seen und den Lorenzstrom zu Wasser bis nach London fahren! Die „~stockyards~“ widerten mich an. Die Clowns und Akrobaten bei Barnum und Bailey lockten mich nicht mehr. Das Geschrei an der Börse hielt mich keine Minute. Auch nicht das römische Wagenrennen der Cowboys noch die Todesspringer aus der Kuppel des Zirkus scheuchten mich aus dem Schaukelstuhl meiner Verwandten, aus dem ich der lieben Kusine meine gesamte Rundreise nach Kalifornien zu schildern suchte. Mein Vetter wollte es gar nicht glauben, daß man in verhältnismäßig so kurzer Zeit solche Entfernungen durchmessen und soviel sehen könne und dabei noch Nerven behalten und gesund bleiben, ja gesünder wiederkommen könne als man fortfuhr. Ich freute mich, als ~German~ selbst den Yankees zu imponieren! Und das ist nicht immer ganz leicht.
So nach einem zweiten Aufenthalt in der drittgrößten Stadt der Welt dampfte ich eines Morgens wieder im Pullman davon, aber nicht geradeswegs über den Niagara nach Boston zurück, wie ich gekommen war -- das wäre ja nichts Neues gewesen -- sondern nach einem neuen leuchtenden Stern in meinem Reiseprogramm, nach +Washington+. Hatte ich soviel in der Union gesehen von Osten bis zum äußersten Westen, so wäre es schon ein Akt internationaler Unhöflichkeit gewesen, wenn ich nicht auch der Hauptstadt meinen respektvollen Besuch gemacht hätte. Freilich von Chikago nach Washington fahren, das bedeutete noch einmal tief nach Süden ausbiegen und dann wieder weit hinauf nach Norden. Also auf nach Washington!
Fußnoten:
[Footnote 28: Letzter Ruf zum Abendessen.]
[Footnote 29: Also etwa zwölfmal so groß wie der Genfer See!]
[Footnote 30: Solche Dinge sind psychologisch möglich durch Zurücktreten des Wachbewußtseins und Hervortreten des Unterbewußtseins, das sich Dinge erinnert, die das Wachbewußtsein „vergessen“ hat.]
[Footnote 31: „Blut Christi“-Berge von ihrer rötlichen Sandsteinfarbe.]
[Footnote 32: Morgenzeitungen.]
[Footnote 33: Königliche Schlucht.]
[Footnote 34: Gott will uns retten. Die Bösen gehen zur Hölle. Wo willst du die Ewigkeit zubringen? Wer glaubt, wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.]
[Footnote 35: Ein Arzt.]
Über Pittsburgh nach Washington.
Ich schickte mich an, noch zwei mächtige Katheten eines riesigen rechtwinkligen Dreiecks abzufahren statt der viel näheren direkten Hypotenuse. Das hatte aber auch den Vorteil für mich, daß ich auf diese Weise nicht nur nach Washington kam, sondern zugleich die große Hafenstadt Baltimore und die „Wiege der Freiheit“, die „Stadt der Bruderliebe“, die Millionenstadt Philadelphia berührte, ja zuletzt auch noch einmal durch Neuyork kam. War ich dann wieder in meiner „Heimat“ Boston, so hatte ich im ganzen eine riesige Acht gefahren, deren Schnittpunkt Chikago, deren bei weitem größerer unterer Teil gen Westen und der kleinere obere nach Osten lag. Immerhin waren es von Chikago nach Washington noch 650 ~km~ und von da nach Boston zurück weitere 400, also wiederum über 1000 ~km~. Endlich aber kam ich unterwegs durch den großen Eisen- und Kohlenbezirk Pittsburgh, das amerikanische Essen, wo ich einen alten Großoheim eines meiner besten Jugend- und Schulfreunde besuchen und begrüßen sollte, der dort schon ein halbes Jahrhundert als Prediger einer kleinen Arbeitervorstadtgemeinde wirkte.
So wallte ich wieder durch den amerikanischen Kontinent lotrecht auf die Küste des „heimatlichen“ Atlantischen Ozeans zu. Erst ging es durch den Staat „Indiana“, dann nach „Ohio“ hinein, das ich nicht allzu weit vom Südende des Lake Erie in seiner ganzen Breite durchfuhr. Ohio war mir seit Kindheit an ein vertrautes Wort samt seiner Aussprache „Oheio“, denn in meiner Kindheit wohnte Onkel E. mit seiner Musikschule in der Hauptstadt dieses Staates, dem durch seine Schweinezucht berühmten Cincinnati. Die Stadt selbst ist nach dem agrarischen Römer Cincinnatus, der vom Pfluge weg zum Diktator berufen wurde, wie wir als Quintaner schon lateinisch zu übersetzen hatten, benannt. Und wenn in meiner Kindheit an den Onkel geschrieben wurde, so wußte ich schon als Kind, daß das stets hieß: „Cincinneti, Oheio“. Aber nie hätte ich es damals für glaublich gehalten, daß ich einmal selbst in dies mysteriöse „Oheio“ (das uns Kinder immer ein bißchen an „heio, popeio“ erinnerte) verschlagen würde. Cincinnati berührte ich allerdings in dieser Nacht direkt nicht. Es ist berüchtigt wegen seiner fürchterlichen häuserumstürzenden und dächerabdeckenden Tornados. So vermieden wir beides und durchfuhren schlafend und seelenruhig den ganzen Staat „Ohio“. Die strahlenden Bogenlampen über den vom Regen nassen glänzenden Schienen des Central Union Depots in Chikago waren einer der letzten Eindrücke meines Wachbewußtseins, ehe ich in das andere Land der Träume hinüberschlief ...
Am Morgen fuhren wir mitten durch grünes, ansprechendes Hügelland. Überall sahen frische grüne Halmspitzen hervor. Es wollte mit Macht auch hier Frühling werden. Wir hatten wieder „~eastern time~“ nach der „~mountain time~“ des Felsengebirges und der „~central time~“ von Chikago. Das Land war wieder bedeutend dichter besiedelt als in den Ebenen westlich Chikago. Den Ohiofluß aufwärts ging es gen Allegheny und Pittsburgh. Die einstigen Indianertäler sind heute voll Fabriken. Welche Wandlungen!
Dicker Rauch lagerte über der industriereichen Gegend. Man glaubte um Birmingham oder an der Ruhr zu sein. Aus dem Sonnenschein des grünen Landes umfing es uns bald mit dunkelgelber Finsternis der Wälder von Fabrikschloten. Einst war Pittsburgh, das heute die amerikanische Metropole für Eisen und Kohle ist, einst nichts als ein kleines Fort namens Duquesne gegen die Indianer am Zusammenfluß des Allegheny River und des Monongahela gelegen. Heute ist es eine halbe Millionenstadt zwischen beiden. Schon ist der Ohio hier am Oberfluß fast so breit wie unser Rhein. Sein ganzer Lauf bis zum Mississippi aber gibt dem Missouri an Länge nicht viel nach.
Wir fahren über den breiten Strom in die rauchende, stampfende, dampfende und dröhnende Stadt ein, wo auch schon genügend Wolkenkratzer ihren steilen Hals aus der City recken. Ja, das Flußtal des Ohio ist so sehr mit Rauch gefüllt, daß man kaum bis zur nächsten Brücke sehen kann! Ehe wir in den Bahnhof einlaufen, umkreist der Zug fast die ganze Stadt.
Ich kann nicht sagen, daß mich Pittsburgh anzog, ebenso wie ich bis jetzt den Rauch der Ruhr mied und den englischen Industriebezirk um Manchester und Birmingham so schnell wie möglich wieder floh. Denn ich halte es viel lieber mit grünen Wiesen, blauen Seen und schneegipfligen Bergen und bin der altmodischen Meinung, daß Fabrik und Industrie, Kohle und Eisen die Menschheit zwar reicher, aber nicht glücklicher gemacht haben. Freilich muß ich zugeben, daß ich ohne Dampf und Eisen nicht nach Frisco und nicht nach Pittsburgh gekommen wäre.
Die Stadt und ihre Schwesterstadt Allegheny, die wie Elberfeld und Barmen zusammenliegen, wird von steilen Hügeln umkränzt, so daß sie des Malerischen nicht ganz entbehrt. Neben Eisen und Kohle ist die Gegend ebenso reich an Petroleum und dem der Erde entströmenden geruchlosen Naturgas. Ich hatte keine Neigung, eins der riesigen Stahlwerke „Edgar Thomson“ oder die „Homestead Steel Works“, das älteste Werk Carnegies, oder die „Duquesne Steel Works“ zu besuchen, wenn es auch sicher höchst eindrucksvoll gewesen wäre. Den Lärm der Eisenhämmer und das Surren der Treibriemen kann ich, wenn ich will, auch bei uns genießen. Viel mehr zogen mich die Menschen an, ihre Meinungen und Schicksale. So pilgerte ich durch die Straßen nach Allegheny hinüber, zunächst einmal den achtzigjährigen Großoheim unangemeldet und überraschend aufzusuchen. Hoffentlich war er nicht etwa gerade kürzlich verstorben ...
Unterwegs traf ich auf allerlei Anschläge: „~Vote for socialism!~“ Der Aufschrei einer geknechteten und entwürdigten Menschheit! Wie viele Deutsche mögen unter den amerikanischen Arbeitern sein, die den amerikanischen Stahlmagnaten, Trusts und Milliardären fronen! In Pittsburgh soll es keine 24 Stunden ohne einen Streik abgehen! Wie viele deutsche Abkömmlinge haben hier Granaten im Weltkrieg gegen die deutschen Stammesbrüder gedreht! An einer anderen Ecke mitten zwischen den Wolkenkratzern ein Arbeitervermittlungsbureau mit der heimatlichen Anschrift: „Hier wird deutsch gesprochen.“ Wie mancher mag hier schon hoffnungsvoll eingetreten und furchtbar enttäuscht wieder gegangen sein!
Aus: Rauchnächte.
I.
Feuer rennt heraus, rennt herein, rennt überallhin, Und der Stahlbarren wird zur Kanone, zum Rad, zum Nagel, zur Schaufel, Zum Ruder unterm Meer, zum Steuer der Luft. Dunkel ist das Herz des Eisens, Durch Dampf und Menschenblut. Pittsburgh, Youngstown, Gary -- sie machen aus Menschen ihren Stahl.
Mit Blut der Menschen und Tinte der Kamine Schreibt der nächtliche Rauch seinen Fluch: Dampf in Stahl, Blut in Stahl. Homestead, Braddock, Birmingham -- sie machen aus Menschen ihren Stahl, Dampf und Blut ist die Mischung des Stahls. Der Vogelmensch summt Im Blauen; Stahl singt Ein Motor und surrt. -- -- --
II.
Schicksalsmonde kommen und gehen: Fünf Männer schwimmen in einem Kessel aus rotem Stahl. Ihre Knochen sind geknetet in den Teig des Stahls: Ihre Knochen sind zerbrochen in Spulen und Amboß Und in saugende Taucher meerkämpfender Turbinen. Sieh sie im verworrenen Gerüst einer drahtlosen Station.
Einer von ihnen sagt: „Ich liebe meine Arbeit, die Gesellschaft ist gut zu mir. Amerika ist ein wundervolles Land.“ Einer: „Jesus, meine Knochen schmerzen. Die Gesellschaft ist eine Lügnerin. Das und ein freies Land -- wie die Hölle!“ Einer: „Ich hab’ ein Mädel, einen Pfirsich! Wir sparen zusammen und gehen fort auf eine Farm. Ziehen Schweine und sind unsre eigenen Herren.“ Und die andern, rauhe Sänger der langen Heimwege. Sieh dich um nach ihnen dort am stählernen Gruftgitter.
Sie lachen auf eigene Kosten. Sie halfen dem Vogelmenschen ins Blaue. Stahl singt ein Motor und surrt.
Carl Sandburg.
Aus: Die Neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag. Berlin.
So komme ich hinüber in die ansteigenden Straßen Alleghenys. In einem graudüsteren Arbeitervorstadtviertel klingle ich neben einer kleinen, fast baufälligen Kapelle an einem niedrigen einstöckigen Haus mit blanken Türgriffen. Mir klopft ein wenig das Herz. Wer wird öffnen? Lebt der alte treue Mann noch? Ein breitschultriger, weißbärtiger, freundlich blickender alter Herr von etwas gebückter Haltung in schwarzem Rock öffnet. Ohne Zweifel der alte Prediger! Er fragt englisch nach meinem Begehr und öffnet sofort weit die Tür zum Eintreten. Was er wohl von mir denken mag? Ob ich als Bräutigam eine Trauung bestellen will? Aber dazu sehe ich wohl nicht festlich und strahlend genug aus. Ob ich gar ein Begräbnis vermelden will, aber dazu lachen meine Augen doch zu hell. Dann bin ich sicher ein bettelnder, hilfesuchender Einwanderer und „Landsmann“? Das ist nicht so ganz falsch! Und ich? Ich kauderwelsche gar nicht erst englisch, sondern sage frisch und fröhlich auf deutsch: „Guten Tag, lieber Herr v. d. L., ich soll Sie bestens von Ihrem Großneffen Alexander P. in Deutschland grüßen.“
Der alte Mann fuhr unwillkürlich einen Schritt zurück und sah mich groß wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt an. „Habe ich recht gehört?“ redete er jetzt auch gut deutsch, „Alexander P.?“ -- „Jawohl, wir haben neun Jahre zusammen auf der Schulbank gesessen, dann sind wir ein paar Jahre zusammen Studenten gewesen, und bei Ihrer Nichte, Frau Professor P., ging ich ein und aus.“ -- „Es ist nicht möglich? Aber wenn Sie es sagen, muß ich es schon glauben. Aber wo kommen Sie denn her?“ Wir standen immer noch zwischen Tür und Angel. „Gerade aus San Franzisko oder aus dem Mormonentempel in Salt Lake oder vom Pikes Peak herunter, wie Sie wollen.“ Jetzt machte er ein noch erstaunteres Gesicht und zog fast die Hand schon wieder zurück, die mich schon ins Zimmer zu bitten schien: „Da bin ich alter Mann von 80 Jahren, obwohl ich dort drüben an dieser Kapelle schon 53 Jahre predige“ -- sein Finger wies auf die stark berußte alte steinerne Kapelle -- „noch nicht gewesen.“ Wir traten ins Haus, und ich mußte erzählen. Stundenlang saßen wir einander gegenüber, und ich erzählte von Deutschland, von seinen Verwandten und von meiner Reise durch die Union, von Neu-Mexiko und dem Grand Kañon und dem Stillen Ozean. Und dann fing er an, aus seinem Leben zu erzählen; fast ein Jahrhundert sprach aus seinen durchfurchten Zügen und mannigfachen Erlebnissen. Er war in Rom als Sohn eines bekannten deutschen Bildhauers v. d. L. geboren. Sein Vater starb früh. In meiner Heimatstadt besuchte er das alte städtische Gymnasium und konnte auch den Frankfurter Dialekt noch recht unverfälscht nachahmen. Ach, da mußte ich nun genau beschreiben, wie es jetzt auf dem Römerberg, am Dom und auf der „Zeil“ aussehe! Er kannte freilich nur die einstige freie Reichsstadt. Wie anders war seit Jahrzehnten alles geworden! Dann war er als junger Mensch nach Amerika gegangen in den Zeiten, wo Deutschland noch nichts bedeutete!
Drüben wurde er erst Farmer. Die Gelehrsamkeit hatte er an den Nagel gehängt. Vom Farmer avancierte er -- echt amerikanisch -- zum Apotheker! Ohne eigentliche Lehre und viel Ausbildung. Aber dann zog es ihn doch wieder zur wissenschaftlichen Bildung zurück. Er übernahm eine Schullehrerstelle! Und schließlich folgte er dem frommen Sinn seiner künstlerischen Familie, deren Urheimat das Baltenland war, besuchte ein amerikanisches Presbyterianerseminar und wurde an der Kapelle drüben Prediger, der er noch heute, nach 53 Jahren, vorstand! So lernte er nacheinander italienisch, deutsch, englisch und französisch reden und hatte in seinem Leben den Einwanderern auch schon in allen diesen vier Sprachen gepredigt. Als er anfing, brachte seine Gemeinde für ihn gerade 87 Dollars Jahresgehalt durch freiwillige Beiträge zusammen! In seiner ersten Kirchenkollekte fanden sich sieben Cent! Seine Gemeinde blieb immer eine der ärmsten von den armen. Aber er hielt ihr die Treue. Augenblicklich war sie wieder auf 70 Familien zusammengeschmolzen und unfähig, für den alten Herrn ein Ruhegeld aufzubringen. So sah er sich genötigt, bis zum letzten Atemzug zu arbeiten. Und war es zufrieden.
Wir plauderten lange. Ich fühlte mich bald bei dem lieben alten Herrn wie daheim. Er war seit Jahrzehnten Witwer. Aber da allmählich mein Magen etwas knurrte, so wollte ich mich auf eine Weile verabschieden, um irgendwo einen bescheidenen Lunch einzunehmen. Aber das litt der alte Herr nicht, sondern nötigte mich an seinen peinlich sauber gedeckten bescheidenen Tisch. Nach dem Essen mußte ich allerlei alte Familienbilder, Lebenserinnerungen, Bilder aus Rom, das ich aus eigener Anschauung kannte, ansehen. Und wie interessierte es ihn, zu hören, wie es heute beim Pantheon, auf dem Forum, auf dem Kapitol und in St. Peter aussehe! Mit einem gemütlichen Spaziergang über die Höhen der Stadt beschlossen wir den Tag. -- --
Andern Tags fuhr ich nach Washington.
53 Jahre hätte ich nicht gerade in Pittsburgh oder Allegheny wohnen mögen, wo man die längste Zeit des Lebens in Rauch und Qualm verbringt; aber die Treue und Genügsamkeit des alten Predigers war doch ein Stück stillen Heldentums. Ich lechzte derweilen wieder nach freier Sonne und grünen Wiesen und Feldern. Sie sollten auch nicht lange auf sich warten lassen ...
Lotrecht fuhren wir südöstlich auf das Alleghenygebirge zu, das als einziges den amerikanischen Osten unterbricht. An Ausdehnung und Höhe ist es mit dem Felsengebirge nicht entfernt zu vergleichen, sondern erinnert seiner ganzen Art nach vielmehr an unsere deutschen Mittelgebirge.
Stark stieg die Bahn an. Hell und freundlich schien wieder die Sonne. Wohlangebaute Fluren dehnten sich rechts und links. Man sah es den Feldern und Siedlungen an, daß sie weit älter sein mußten als die um Chikago oder gar westlich davon. Auch merkte man sichtlich die ständig wachsende Dichte der Besiedlung. Immer höher kamen wir in das Bergland hinein. Es schäumten die Bäche lustig und rasch vom Gebirge herab. Da und dort sah man wieder verwüstete und abgebrannte Wälder. Felstäler taten sich auf wie in der Schwäbischen Alb. Immer romantischer wurde die Landschaft und immer sonniger und grüner, je weiter wir südlich kamen und je näher dem Ozean. Als wir gar jenseits des Passes das Tal des Potomac River hinabfuhren, lachte uns geradezu ein jauchzender Frühling entgegen mit keimenden Saaten und herrlichstem Himmelblau. Anmutig leuchteten zartrosa die Apfelbäume in ihrer ersten schüchternen Blüte. Welche klimatischen Unterschiede auch hier wieder! Die großen Ebenen um Chikago sind schutzlos den kanadischen Froststürmen, die über die großen Seen hereinbrechen, preisgegeben. Aber das Land östlich und südlich der Alleghenies ist durch sie gegen die kalten Nordwinde wie durch eine Mauer geschützt, so daß man in Washington schon den Geschmack der warmen Süd- und Plantagenstaaten empfindet, den warmen Hauch Virginias, des „Landes der jungfräulichen Königin“ (Elisabeth) und Carolinas, des Staates Karls I. von England, der alten Hauptsklavenstaaten.
Bei „Harpers Ferry“ mündet fast wie in einer Neckarlandschaft der „Shenandoah“-Fluß[36] in den größeren Potomac. Links und rechts begleiteten uns die lieblichsten Hügelreihen. Es war ein lachendes Flußtal, das gerade für Bahn, Straße und schmale Siedlungen Raum läßt. In Harpers Ferry ist man an einer historischen Stelle. Nicht nur daß hier mancherlei Schlachten im Bürgerkrieg geschlagen wurden -- denn in diesen Strichen lief die Grenze zwischen Nord- und Südstaaten, zwischen Sklavenbefreiungs- und Sklavenhalterstaaten -- sondern Harpers Ferry ist die denkwürdige Stelle, wo schon 1859 John Brown mit wenigen entschlossenen Abolitionisten in das Städtchen eindrang, um die Sklaven zum Aufstand zu veranlassen. Aber die Neger folgten seinem Ruf noch nicht. John Brown wurde umzingelt, besiegt und schließlich von den Sklavenhaltern gehängt. Sein letzter Widerstand erfolgte in einem kleinen, scheunenartigen Haus, jetzt „John Browns Fort“ genannt, das heute noch steht. Die Bahn fährt dicht daran vorüber.
Als wir eine geraume Strecke weiter aus den Bergen in die Ebene hinausgefahren sind, ragt mit einem Male ein hoher Obelisk aus tiefem buschigen Grün, das Washington-Monument, empor. Bald darauf schwebt über der Landschaft eine hohe, stolze adlige Kuppel wie St. Peter über der Campagna bei Rom -- das Kapitol der Bundeshauptstadt.