Chapter 26 of 27 · 3952 words · ~20 min read

Part 26

Dann trieb es mich vor allem zu den historischen Stätten, die einem anwehen wie etwa die Faneuil Hall in Boston, z. B. zur „Independence Hall“. Am 5. September 1774 versammelte sich hier in Philadelphia als der damals durchaus geistigführenden Stadt der erste Kongreß, der hier am 4. Juli 1776 die berühmte Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von England erließ, noch heute die Magna Charta der Union. Und noch immer ist der „~fourth of July~“ der größte nationale Feiertag, an dem die Begeisterung für das Banner „der Sterne und Streifen“ auch in Philadelphia keine Grenzen kennt. Freilich fiel damals vorübergehend die Stadt noch einmal in die Hände der Engländer, aber als sie wieder erobert war, tagte hier der Kongreß bis 1797. Dazu war sie zugleich der Sitz des ersten Präsidenten. In der „Halle der Unabhängigkeit“ wird noch heute als Hauptheiligtum der bescheidene Sitzungssaal mit den alten Möbeln und dem Tisch gezeigt, auf dem die denkwürdige Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde. Jene Männer vor 150 Jahren konnten freilich nicht im entferntesten ahnen, welche beispiellose Entwicklung diesem Lande bevorstehen sollte. Auch die Glocke, die zuerst nach der Unabhängigkeitserklärung als Zeichen der errungenen Freiheit geläutet wurde, die sogenannte „Liberty bell“, ist noch vorhanden. Zwar hat sie Mitte des vorigen Jahrhunderts einen Sprung bekommen und wird seitdem nicht mehr benutzt. Aber ihr ehrwürdiges Dasein genügt. Im oberen Stock sind Erinnerungen an die Hauptgröße Philadelphias, den Gründer der Stadt, den Quäker William Penn, dazu ein Stück der Ulme, unter der er den denkwürdigen Vertrag mit den Indianern -- ein Vorgang, der so oft gemalt wurde -- abschloß. Endlich redet in Philadelphia zu dem Besucher noch eine dritte Berühmtheit, Benjamin Franklin, der den Blitzableiter hier erfand (1752). Stattlich sitzt er vor dem Hauptpostamt, während Penn seinen Ehrenplatz hoch auf dem Turm der City Hall gefunden hat.

Zum Fairmountpark kam ich leider nicht hinüber, auch nicht zur Kathedrale „Peter und Paul“ des römischen Kardinals, noch zu dem Waisenhaus „Girard College“, zu dem Geistlichen -- wohl einzig in seiner Art in der Welt -- der Zutritt ausdrücklich verboten ist! Einen Blick warf ich in die Universität, weil ich einen ihrer Lehrer, den bekannten babylonischen Ausgrabungsforscher Prof. Hilprecht schon in meiner Jugend in Deutschland einmal hatte sprechen hören. Dicht bei Philadelphia liegt auch die von Deutschen einst gegründete Vorstadt „Germantown“, wo sich schon 1683 niederrheinische aus der Heimat vertriebene Mennoniten niedergelassen hatten. Germantown war die allererste deutsche Siedlung in Amerika überhaupt! Von hier ging auch schon 1688 der erste Protest gegen die Sklaverei aus, freilich wirkungslos für noch fast zwei Jahrhunderte! So war das pennsylvanische Deutschtum das alteingesessenste! Mein Magen fing bei all dem „Besichtigen“ einmal wieder an zu knurren und erhob einen nicht ganz erfolglosen Protest gegen weitere Stadtdurchstreifungen.

Ich fuhr gen Neuyork zurück. Erst ein Stück am Delaware hin. Bei Trenton setzten wir über den mächtigen Fluß. Die letzten Berge zur Linken entschwanden. In den Staat Neujersey gelangt, näherten wir uns bald der weiten blauen, fast heimisch wirkenden Newarkbai, deren Hauptstadt Newark, obwohl an 300000-400000 Einwohner zählend, doch ganz im Schatten Neuyorks steht und daher nichts bedeutet, ja wohl noch nicht einmal dem Namen nach in der Welt bekannt ist! Dann ging’s ein Stück an der blauen, herrlichen ~upper bay~ entlang, und die Wolkenkratzer tauchten auf! ... Wie sie jetzt auf mich wirkten, wie alte gute Bekannte! Mit durchaus heimatlichen Gefühlen langte ich wieder in Neuyork an. Mir war es, als wäre ich erst gestern von dort weggefahren, obwohl die mannigfachsten Erlebnisse von nicht weniger als von acht Monaten dazwischen lagen!

Da ich nun einmal wieder in Neuyork war, so faßte ich schnell den Entschluß, ehe ich wieder Onkel und Tante in der 137. Straße guten Tag sagte und mit dem ~subway~ hinausraste und ihnen vom Felsengebirge und dem Stillen Ozean erzählte, schnell noch einen Besuch in Westhoboken in der Palisade Avenue zu machen, die aufzufinden ich einst vor acht Monaten jene weite Irrfahrt ins grüne Land hinaus bis nach Englewood gemacht hatte! Pochenden Herzens sprang ich wie ein gewisser Goethe in Sesenheim durch die niedrige Gartenpforte nach der Haustür. Aber sie war und blieb diesmal festverschlossen! Ich hätte so gern meinen ersten Bericht von Indianern und Mormonen, dem Niagara und dem Grand Cañon der kleinen Badenserin vorgetragen und in der Küche wieder einmal bei ihr geplaudert, während sie dem Onkel das Essen rüstete. Aber es war und blieb das Gartenpförtlein verschlossen ... Wie schmerzlich! Gerade für diesen Abend hatte der ängstliche und vorsichtige Onkel sein Nichtchen einmal mit in die Oper nach Neuyork genommen, wie ich später erfuhr ... Wir sahen uns nur noch einmal im Leben, aber nicht in Hoboken ...

Bei Onkel und Tante tat ich in aller Unschuld so, als käme ich geradewegs vom Bahnhof der Pennsylvaniaeisenbahn! So oder ähnlich machen es ja wohl alle jugendlichen Neffen in ähnlichen Fällen. Es wurde Abend, der rasende und donnernde ~subway~ hatte mich wieder in die 137. Straße hinausgebracht. So war ich wieder „daheim“!

Ich brauchte diesen Abend in keine „~upper berth~“, in die ich so oft geklettert war, zu kriechen und mich halb liegend auszuziehen, noch wähnte ich in Traum und Schlaf mit dem Bett auf dem schwankenden Boden hin und her zu fahren wie auf dem erdbebendurchrüttelten Pflaster San Franziskos, noch hatte ich es nötig, mich im Dunkel der Mitternacht einem wildfremden Mann für ein Nachtlogis anzuvertrauen wie in Santa Fé und vorsorglich die Tür zu verbarrikadieren. Keine Fahrpläne und Hotelpreise ängstigten mich mehr, keine Reisepeitsche, alles Wichtigste auf die rascheste und billigste Weise mitzunehmen, wurde über meinem Haupt mehr geschwungen. Ich hatte mein Werk getan. Neuyork kannte ich gut; es brachte mich also auf keine Stunde früher aus dem Bett am anderen Morgen als notwendig. Am Abend aber gab es noch ein Erzählen ohne Ende ... Ich war doch weiter in den wenigen Wochen herumgekommen als alle meine amerikanischen Verwandten zusammen in den 40 Jahren ihres Dortseins!

Andern Tags war Sonntag. Ich fühlte so etwas wie ein Bedürfnis, eine deutsche Kirche -- die es ja in dem stockenglischen Boston nicht gab -- aufzusuchen und ein stilles „Nun danket alle Gott“ für mich allein zu singen. Denn es war wirklich ganz wider alle Wahrscheinlichkeitsrechnung gewesen, daß ich auf amerikanischen Bahnen gegen 12000 ~km~ gefahren war, ohne einen einzigen Unfall zu erleben. Ich hatte viel gesehen, mehr wie in vielen Jahren meines Lebens. Ich war mehr Eisenbahn gefahren als vielleicht bisher und später in meinem ganzen Leben. Aber gleich dieselbe ganze Fahrt noch einmal zu machen, hätte ich doch nicht für 1000 Taler getan.

In der deutschen Kirche, die ich aufsuchte, amtierte -- ein schönes Zusammentreffen -- ein in Deutschland geborener Pastor, der auf derselben Universität wie ich studiert hatte, ja derselben Studentenverbindung angehörte wie ich einst. So wurde es ein besonders traulicher Abschied aus der Weltstadt Neuyork. Werde ich sie im Leben noch einmal wiedersehen, die Dollarburgen und die blaue ~upper bay~, die Freiheitsstatue und die Brooklynbrücke? -- --

Ich fuhr wieder nach Boston. Ich wollte nicht meine Gänge durch das Dollarbabel von vorne beginnen und der lieben alten Tante auch nicht noch einmal länger zur Last fallen. Wie bekannt kam mir jetzt die Strecke über Newhaven, am blauen Long-Island-Sund hin vor! Überall blühte es jetzt in Connecticut, dem „Kastanienstaat“. Wie oft hatte ich auf meiner weiten Reise schon den Frühling erlebt und war immer wieder in den Winter zurückgeschleudert worden! In Kalifornien war es schon fast Sommer; auf der Sierra Nevada, in Kolorado und Chikago schneite es! Hinter Pittsburgh jenseits der Alleghenies war der Frühling um Washington gerade mächtig im Kommen, und hier zwischen Neuyork und Boston setzte er gerade erst langsam ein, während in Arizona und Nevada die Sonne schon wie im heißesten Sommer gebrannt hatte und in Santa Fé sich gar schon heftige sommerliche Gewitter entluden. Es kam einem dieser ständige Wechsel wie ein einziger Traum vor ...

Am Abend in der Dämmerung lief unser sehr leerer Zug in Boston ein. Ich gottloser Mensch hatte es gewagt, am heiligen Sonntag auf der Eisenbahn heimzukehren! An einem Sonntag abend war ich vor Wochen klopfenden Herzens abgefahren, ungewiß einem Kontinent mit seinen unermeßlichen Entfernungen entgegen, ein über meterlanges Reisebillett in der Tasche. Wohlbehalten und mit wohlgefülltem Geist -- freilich auch wohlgeleerter Tasche -- kehrte ich „heim“, denn auch Boston und erst recht mein Harvard- = „~furnished room~“ kamen mir jetzt wie traute Heimat vor. Wie mußte ich meinem japanischen Freund Mr. Ashida danken, der mir, so oft ich vorher wieder schwankend werden wollte, stets zugeredet hatte, die Fahrt auf jeden Fall zu unternehmen. Wie ein Traum war mir jetzt das Ganze, als ich wieder unter Harvards Ulmen hinschritt, daß ich in den vorweltlichen Schlund des Grand Cañon geschaut, über den Salzsee gefahren, auf Santa Catalina im Stillen Ozean gelegen und versucht hatte, den Pikes Peak, den amerikanischen Montblanc, zu besteigen! Noch manchmal glaubte ich im Bett liegend zu fahren -- und saß doch still hinter den Büchern. Noch manchmal glaubte ich den Bädeker für morgen genau studieren zu müssen -- und hörte derweilen Professor Josiah Royces schwere philosophischen Gedanken des englisch-amerikanischen Hegelianismus ...

* * * * *

Meines Bleibens war aber in Harvard nun auch nicht mehr sehr lange. Seit ich den Paß in den Koloradobergen von der Wasserscheide herabgefahren war, wo der Arkansas die Richtung zum Atlantischen Ozean weist, hatte ganz leise der Zug zur Heimat zu arbeiten begonnen. Nur noch einen reichlichen Monat hielt ich es drüben aus, dann schloß ich, einen wohlerworbenen amerikanischen „~degree~“, den ich mir mit nicht leichten Prüfungen ehrlich verdient hatte, in der Tasche, die Koffer zur Heimfahrt. Ich wartete den Semesterschluß der Universität gar nicht erst voll ab, sondern beschloß meine Studien zum Erstaunen der Herren Professoren, die drüben solch akademische Freiheit gar nicht gewöhnt sind, schon vier Wochen vor der der übrigen Studenten. Ich hatte ja in Deutschland längst ausstudiert. Und alles Arbeiten auf amerikanischem Boden war für mich nur „überflüssig gutes Werk“.

So kamen die Abschiedsbesuche bei all den wohlwollenden Herren und sonstigen lieben Menschen, die sich meiner so freundschaftlich angenommen hatten. Ich bin ihnen allen noch heute sehr verbunden und verpflichtet. Dann fiel der Deckel auf den großen graugrünen Hochzeitskoffer meiner Eltern mit den Büchern und all den vielen Siebensachen, die sich nun noch reichlich vermehrt hatten, zur Fahrt +durch Kanada+ heimwärts. Ob er wohlbehalten mit mir die Heimat erreichte? Ich hoffte es.

Kanada.

Kanada ist ein ganz riesiges Land, +noch viel riesiger als die amerikanische Union+! Es ist wenig kleiner als ganz Europa einschließlich Rußland! Ich hatte natürlich nicht vor, etwa auch noch dies Land seiner ganzen Breite nach zu durchfahren, seine unermeßlichen Prärien und unerschöpflichen Wälder zu erforschen, die die Bevölkerung trotz der ungeheuren Landfläche auf ein Zehntel der der Union beschränken. Dazu fehlte völlig die Zeit. Mir sollte es genügen, wenigstens einen Blick in das Land hineinzuwerfen und einen Abschiedshauch von ihm mitzunehmen.

Kaum +eine+ namhafte Großstadt gibt es auf kanadischem Boden. Ein äußerst kalter und rauher Winter läßt das Land monatelang erstarren, obwohl seine Südgrenze etwa in der Höhe von Mailand läuft! Gar tief schneidet die Hudsonbai, die das ganze Jahr mit Treibeis (!) gefüllt ist, in das Land ein. Eisig sind die Stürme, die von Grönland und dem Eismeer herein und von hier bis in die obere Mississippiebene hinabbrausen. Es war mir möglich, den einzig wichtigen Osten zu durchfahren, wo vor England einst Frankreich Fuß faßte, das zu Zeiten von Neuorleans über Saint Louis bis Quebec gebot! Welch eine Koloniallinie! Im Siebenjährigen Krieg verlor ja Frankreich dank der Siege Friedrichs des Großen ganz Kanada, dessen Wert damals niemand ahnte, an England, und das Mississippital verkaufte Napoleon I. an die Union, auch seine Bedeutung nicht für möglich haltend, für ein Butterbrot! (15 Millionen Dollars). Von Ostkanada, Montreal und Quebec, wollte ich den mächtigen Lorenzstrom hinunter über den nördlichen Atlantischen Ozean nach Schottland hinüberfahren und noch England durchstreifen. Das waren wieder neue Erlebnisse! Der Plan, gar über Japan heimzukehren, war für mich leider unausführbar; so hielt ich mich dafür an den kanadischen Weg, sintemal die Route Kanada-Schottland die kürzeste Überfahrt auf offener See bietet!

So ging es durch Massachusetts, das liebliche Neuhampshire und Vermont gen Quebec. Ich sagte dem Charles River Lebewohl, der golden leuchtenden, so oft geschauten Kuppel des State House auf dem Boston Common, dem schönen Renaissanceturm der ~New old South~, auch all den vertrauten Collegegebäuden von Harvard, in denen ich so oft ein- und ausgegangen war.

Wir hielten in der rauchenden über 100000 Einwohner zählenden Fabrikstadt Lowell. Ein Mönch in brauner Kutte stieg ein. Wie sich das in Amerika ausnimmt zwischen all den rasierten ~gentlemen~! Er wollte offenbar nach dem katholischen Kanada reisen! Auch schon in Lowell gibt es genug französisch redende kanadische Arbeiter, die in den nördlichen Industrien der Union Verdienst suchen.

Dann kam rings schöne grüne Heide, je weiter wir nach Neuhampshire hineinfuhren. Flüsse, Seen und sanftgewellte Hügel bestimmten den Charakter der Landschaft. Alles alte Indianergründe! Davon zeugen noch heute die Namen der Flüsse, Seen und Berge, wie z. B. der Name des äußerst lieblichen, an den mittelenglischen Seendistrikt erinnernde Lake Winnipesaukee. Birkenbepflanzte Fahrwege säumen ihn, kleine Dampfer eilen über seine spiegelglatte Fläche. Waldige Mittelgebirge überhöhen ihn rings sanft ansteigend. Unverwandt schaute ich wieder hinaus in diese liebliche einsame Landschaft. Wieviel Raum und Platz ist hier noch für wanderlustige und siedlungsbereite Menschen! Der Zeitungsboy wanderte indessen wie immer durch den Bahnwagen und bot Ansichtskarten und Albums aus. Auch er hatte schon einen etwas fremdartigen Akzent ...

Die Stationsnamen hatten oft puritanisch-biblischen Klang: „Bethel, Kanaan, Lebanon“, wie man auch heute noch viel biblisch-alttestamentliche Vornamen unter den Amerikanern und Engländern findet: +Abraham+ Lincoln, +David+ Jefferson, +Isaak+ Newton, +Jonathan+ Eduards, +Josiah+ Royce usw. -- und waren doch alle beileibe keine Juden! Die Bahnhöfchen wurden immer unansehnlicher, je weiter wir nordwärts kamen.

Den See Winnipesaukee samt den malerischen White-Mountains ließen wir zur Rechten und fuhren nach dem Staat Vermont hinüber und dann den langen, vielverzweigten und vielbesuchten „Lake Champlain“ entlang. Er ist über 150 ~km~ lang, d. h. also mehr als doppelt so lang als unser Bodensee, wenn auch nicht von seiner Breite. Ein Kanal verbindet ihn mit dem Hudsonfluß. Immer aufs neue werden alle unsere deutschen Maßvorstellungen über den Haufen geworfen. Und dabei zählt dieser See samt dem Salt Lake in Utah durchaus zu den „kleinen“ Seen. Es war äußerst erfrischend und erquickend an ihm entlang zu fahren. Wir hatten eben einen 300 ~m~ hohen Paß mit der Bahn überschritten und senkten uns nun in seine liebliche Niederung. Auch an Joseph Smiths, des Mormonenpropheten Heimat, Dorf Sharon, eilten wir vorüber. Also in dieser träumerisch-idyllischen Landschaft hat der Prophet seine ersten seelischen Eindrücke empfangen! Sie ist freilich der denkbar größte Gegensatz zu den Einöden und Steppen um den Salzsee.

Je weiter wir an dem Lake Champlain nordwärts kamen, desto ebener und flacher wurde das Land wieder. Die freundlichen Berge Vermonts blieben zurück. Vor St. John erreichten wir die Grenze der Union und fuhren nun nach Kanada hinein. Es war für mich nicht das erstemal, daß ich englischen Boden berührte. Schon vom Niagara bis Detroit hatte ich das südlichste kanadische Gebiet durchfahren. Der Lake Champlain fließt ab im „Richelieu River“, der so breit ist wie ein Meeresarm. Schon der Name belehrte mich, daß sich hier eine alte geschichtliche Welt auftat, die noch heute neben 100000 Indianern über eine Million französisch redende Kanadier bewohnen. Dünn ist das Land besiedelt. Ungeheure Ebenen bis an den Horizont taten sich auf, die an Weite und Unfaßlichkeit noch die Ebenen des Mississippi übertreffen! Auf weiten grünen Weiden tummelten sich Pferde und Rindvieh. Von Zollrevision merkte ich nichts. Freut sich etwa ~The Dominion of Canada~ über jeden Menschen und jedes Stück Ware, was in sein ungeheuer aufnahmefähiges Land hineinkommt? Oder spart man Beamte? Die Bauart der Häuser zeigte hier einen anderen Stil als in der Union. Es sind im östlichen Kanada meist Steinhäuser mit flachem oder französischem Doppeldach. Verschwunden sind die typischen amerikanischen hölzernen Farmhäuser. Auch die meisten Stationsnamen sind jetzt französisch, z. B. „Brosseau“!

Es dunkelte. Über den ungeheuren Grassteppen war westwärts die Sonne versunken. Von einer Reihe abendlich beleuchteter Hügel blitzten Lichter auf. Wir näherten uns den Ufern des St. Lorenzstromes, der kaum noch ein Strom zu nennen ist, der als der breite Abfluß des Ontariosees, einer der großen, ostseeähnlichen Seen, wie der Niagarafluß der Abfluß des Eriesees seeartig daherströmt. Er ist fast so lang wie die Wolga und schon 400 ~km~ vor der Mündung 20 ~km~ breit!

Einen ganzen Tag war ich wieder gefahren, als wir endlich zwischen neun und zehn Uhr abends in Montreal (frz.: „Königsberg“, aber hier meist englisch ausgesprochen: „~montrioll~“) eintrafen. Auf mächtiger Brücke setzen wir über den St. Lorenz, der hier so breit wie die Unterelbe ist. Montreal liegt auf einem unmittelbar am Fluß hoch ansteigenden Berg. Daher trägt es auch seinen Namen zu Recht. Es übertrifft an Alter, wenn auch keineswegs an Größe und Bedeutung, die meisten seiner viel jüngeren amerikanischen Schwesterstädte. 1608 wurden schon die ersten französischen Niederlassungen am St. Lorenzstrom gegründet! Heute zählt Montreal über 200000 Einwohner. Es besitzt eine alte prächtige Kathedrale in französischer Gotik. Im Winter stauen sich die mächtigsten Eisschollen zu Bergen am Flußkai vor ihr. -- Ich war der letzte, der aufs Schiff kam, das am Landungssteg schon ein geraumes Stück stadtabwärts abfahrtbereit lag. Ich nahm mir im Dunkeln eine Droschke. Wie hätte ich sonst im Dunkeln, eben erst in Kanada eingetroffen, nachts zehn Uhr durch die bergig gelegene Stadt das Schiff finden sollen? Mit der Straßenbahn, auf der viele Fahrgäste französisch wie in Straßburg sprachen, war ich nicht recht vorwärts gekommen. Ich mußte im Oberstübchen erst tüchtig umräumen und umschalten, bis ich nach dem vielen Englisch die richtigen französischen Worte fand! Gegen elf Uhr betrat ich das Deck, von den Passagieren neugierig angestaunt, und verstaute mich selbst auf dem „~Royal-mail-twin-screw-steamer Jonian~“, wie er offiziell hieß!

Der Dampfer selbst kam mir in seinen Ausmaßen recht klein vor, als ich ihn betrat, im Vergleich mit den Ozeanriesen, die man aus den Docks in Neuyork gewöhnt war. Aber solcher Riesen brauchte es ja auch zwischen Kanada und Schottland nicht. Er hatte immer noch 8000 Registertonnen und gehörte der englischen Allan-Linie. Angenehm war es, daß er nur II. Klasse führte, so daß einem auch als Menschen „zweiter Klasse“ und von minderem Geldbeutel doch einmal das ganze Schiff mit allen Decks und Salons bis hinauf aufs Oberdeck zur Verfügung stand; ferner war angenehm, daß im ganzen nur etwa 150 Passagiere mitfuhren. Es waren diesmal ein gut Teil Missionare darunter, die zu einer großen Missionskonferenz nach Schottland wollten. Die Besatzung aber betrug dennoch allein 180 Mann! Die wenigen Passagiere machten aber die ganze Fahrt recht familiär.

Müde von den langen Eisenbahnfahrten ging ich bald in meine Kabine, die ich für mich allein hatte. Zum Schlaf sollte es doch noch nicht sobald kommen, denn um Mitternacht begann ein wahrhaft höllisches Gepolter. Die großen Schiffskrane versenkten nämlich sämtliches große Gepäck und sonstige Ladung in die tiefen Laderäume im Bauch des Dampfers. Das gab ein Rasseln der Ketten, ein Drehen der Krane, ein Rufen, Pfeifen, Rollen, Schieben, Fallen ohne Aufhören. Erst etwa gegen drei Uhr nachts hörte es auf. Die Augen fielen mir zu ... Die Ankerketten wurden hochgezogen. Das war englische Rücksichtslosigkeit und Nüchternheit -- wir fuhren! Ohne Sang und Klang ging es ab -- auch englisch -- ohne den ganzen schönen theatralischen Abschied wie in Kuxhaven. Kein Winken, auch kein Weinen! Der Engländer ist nicht so sentimental und melancholisch wie wir.

Als ich morgens erwachte, mir die Augen rieb und durch die Luke hinausschaute, schwammen wir mit unserer „Jonian“ auf einem breiten, schimmernden Strom, den liebliche grüne Ufer und sanft geschwellte Hügel begrenzten, sacht und ohne jede Erschütterung abwärts. So sollte es zweieinhalb Tage fortgehen, bis wir in den offenen Ozean hinauskamen. Ich hätte so bis ans Ende der Welt fahren mögen ... Gegen Vormittag zehn Uhr kamen wir an Quebec, der anderen alten französischen Gründung, vorbei. Quebec war mir zum ersten Male in der Kindheit in einem Gedicht Seumes begegnet, aber wie in völlig nebelhafter Ferne. Jetzt sah ich es wie Montreal auf noch steilerem Berg herrlich und gebietend über dem St. Lorenz thronen als natürliche starke Festung. Festungsmauern und drohende Kasematten säumten die Zitadelle, aber auch riesige Hotels mit gewiß prächtiger Aussicht haben sich den Berg hinangebaut. Quebec erinnerte mich stark an unseren Ehrenbreitstein am Rhein gegenüber Koblenz.

Hinter Quebec wurde der St. Lorenz noch zwei- bis dreimal so breit als bisher. Er weitete sich mehr und mehr und wurde fast wie zu einer tiefeingeschnittenen Bucht. Die in der klaren Luft wie gemalt ausschauenden Berge begleiteten ihn noch lange. Dann und wann passierten wir buschige Inseln mitten im Strom wie am Niederrhein. Nach Stunden begegnete uns auch das schönere und neuere Schwesterschiff, die „Virginian“, die von Schottland kommend und derselben Linie angehörend stattlich den St. Lorenz aufwärts dampfte. Lebhaftes Grüßen und Winken und Tücherschwenken hinüber und herüber -- und dann war auch dies „Ereignis“ wieder vorüber! Nach einigen Stunden kam auch noch die „Lake Erie“ von der Dominian-Linie und ein Seedampfer, der der Canadian Pacific-Eisenbahn gehörte. Solche Schiffsbegegnungen sind immer „große“ Ereignisse an Bord und beliebte Ziele für Operngläser und Feldstecher.

Am Rand des Stromes tauchten hier und da kleine weißschimmernde Dörfer auf mit kleinen weißen Kirchtürmen, aber im ganzen doch selten. Sonst machte das weite Gras- und Hügelland links und rechts den Eindruck völliger Unbewohnheit, der uns in Europa -- Rußland ausgenommen -- so ganz fremd ist! Wir nahmen den Kurs nach der „Belle-Isle-Straße“, dem nördlichsten Ausgang aus dem St. Lorenzstrom, so daß wir das eisige Labrador links und „Neubraunschweig“ rechts ließen.

Als der erste Tag der Fahrt auf dem Lorenzstrom zu Ende ging, wich die Helligkeit abends nur sehr langsam. Es war ja Juni und ging dem hellsten Tag entgegen. Mit jedem Tag aber kamen wir in nördlichere Breiten. Ja es blieben zuletzt breite helle Streifen die ganze Nacht am dunklen Himmel stehen, die uns entweder als Reflexe des Eises im nördlichen Labrador oder als Nordlicht gedeutet wurden! So kriegte man fast ein bißchen Geschmack wie von „Grönland“ und „Nordpol“. Von der Südspitze Grönlands trennten uns nachher ja auch nur noch etwa 600 ~km~, also etwa eine Entfernung wie von Edinburg zur Südküste Englands. Labrador allein ist so groß wie ganz Skandinavien und Spanien zusammen!

Aus einem buntfarbigen Abend tauchte ein strahlender Sonntagmorgen. Ruhig und gelassen glitt unser Schiff wie ein Riesenschwan den viele Kilometer breiten blauen Strom abwärts. Wir waren jetzt in den St. Lorenz+golf+ eingetreten, der sich in zwei Straßen nördlich und südlich der Neufundlandinseln zum Atlantischen Ozean öffnet. Wie mit dem Messer geschnitten zeichnete sich die Wasserfläche in der völlig staubfreien, herrlich-klaren frühlingshaften salzigen Seebucht vom Horizont ab. Von den aus dem warmen Golfstrom so oft aufsteigenden Nebeln war diesmal nichts zu merken. Rechts glitt eine längliche bergige Insel vorüber. Zum ersten Male begann sich jetzt unser Schiff dank der vom offenen Ozean nun seitlich hereindringenden Wellen ein wenig zu heben und zu senken. Der erste Gruß des offenen Atlantik!

Im Speisesaal fanden heute Sonntags auf dem englischen Dampfer nicht weniger als vier (!) Gottesdienste nacheinander statt, bei denen zumeist die mitreisenden Missionare predigten und aus ihrer Arbeit in Japan, auf den Philippinen und in Indien erzählten. Einer von ihnen, ein französischer Missionar, berichtete in mangelhaftem Englisch von seinen Erlebnissen bei der Fremdenlegion. Ehe sie redeten, wurden sie jedesmal mit Namen und Wirkungskreis vorgestellt! Auf einem mit dem englischen Union Jack umwundenen Pult lag eine große vergoldete Schiffsbibel. Das war die Kanzel. Die Mannschaft nahm, soweit frei, auch an dem „~worshipping the Lord~“ teil. Ich kann mich nicht entsinnen, daß wir auf dem Hapagdampfer bei der Hinfahrt Sonntags je irgendeine religiöse Veranstaltung gehabt hätten. Sonntags spielte hier auch die Schiffskapelle nicht einmal zu den Mahlzeiten! Kein Spiel, erst recht nicht Karten, wurde auf Deck veranstaltet oder geduldet, auch kein Tanz u. dgl. Rauch- und Biersalon blieben heute unbesucht! Das Klavier wurde nur zu Chorälen geöffnet ...