Chapter 15 of 27 · 3909 words · ~20 min read

Part 15

Die dritte Art Versammlung, die ich besuchte, sollte eine Sitzung mit +voller Materialisation+ von Geistern sein! Sie fand abends acht Uhr statt. Wieder mögen es etwa 100 Personen gewesen sein. Fremde wurden nur auf den hinteren Reihen zugelassen! Fürchtete man vielleicht eine plötzliche Störung und Entlarvung durch Unberufene? Der Leiter der Versammlung erklärte die Maßnahme damit, daß alle rohe Selbstsucht von ungläubigen Personen, die in der ersten Reihe sitzen, dem Eintritt der Materialisation hinderlich sei(!). Damit auch hier die Komik nicht fehlte, bat er am Schluß seiner einleitenden Worte den Diener, ein Fenster zu öffnen, da frische Luft den Geistern sehr zur Verkörperlichung helfe!! Der Raum wurde alsbald verdunkelt -- merkwürdig, daß Geister immer nur im Dunkeln erscheinen! Das Medium, eine Frau in mittleren Jahren, setzte sich hinter einen roten Vorhang ... (warum immer noch hinter einen Vorhang?). Ein Klopfen ließ sich hören, der Vorhang öffnete sich ein wenig und eine weiße Gestalt huschte vorbei. So mehrere Male. Dann begann die weiße Gestalt -- die merkwürdigerweise weder Größe noch Gestalt, noch Gewand, noch Stimme, noch ihren Platz wechselte! -- +Namen+ zu nennen, undeutlich flüsternd, so daß man bald diesen, bald jenen herauslesen konnte. Der Leiter gab dann den Namen laut bekannt und fragte, ob jemand den Geist erkenne. War jemand desselben Namens im Saal, so fragte derselbe etwa den Geist: „Bist du’s, Mutter?“ Der Geist antwortete dann: „Ja, meine Tochter.“ Freudig rief die Gläubige dann: „Ich freue mich, dich zu sehen, komm bald wieder!“ Und der Geist verschwand. Das war die ganze „geistreiche“ Unterhaltung der Geister aus der anderen Welt, die sich aber nie auf eine lange Unterhaltung einließen. Wohl nicht weniger als 50 solcher Geister erschienen binnen einer Stunde an diesem Abend, hier und da auch ein Mann mit schwarzem Bart und schwarzem Rock ... aber dann dauerte es gewöhnlich etwas länger, bis er kam. (Nahm der Geist sich erst Zeit, das weiße Gewand mit dem schwarzen zu vertauschen?)

Dies war die eindrucksloseste, albernste Versammlung und der offensichtlichste und plumpste Betrug, den ich je erlebt habe. Man muß sich nur über die Leichtgläubigkeit der Menschen wundern, die in dunklem Raume eine Frau in weißem Laken für einen Geist halten. Den Alten verzeihen wir es, wenn sie körperliche Geister sahen, aber in unserer kritischen und naturwissenschaftlichen Zeit scheint es unverständlich. Ich will nicht vergessen zu sagen, daß eine Dame vor der Materialisation ein stimmungsvolles Lied sang und während der „Geistererscheinungen“ eine simple Spieldose ihre Weisen klimperte, vielleicht um „Sphärenmusik“ zu imitieren! Einige in der Versammlung konnten sich des Lachens nicht enthalten, wurden aber von einer „gläubigen“ Dame, die sich umdrehte, in barschen Worten zurechtgewiesen. Lachte man mehr, lief man Gefahr, ganz hinausgewiesen zu werden.

Endlich die vierte Art spiritistischer Versammlung, der ich beiwohnte, war eine Wochenversammlung, wo man Fragen stellen konnte und Antwort über spiritistische Lehren erhielt. Hier kam das allerkonfuseste Zeug zutage, z. B. Frage: „Was ist Gott?“ Antwort: „Natur“. -- „Wer war Jesus?“ Antwort: „Geboren in einer Vegetarierfamilie, deshalb mit so starkem und wundertätigem Körper und Geist begabt!“ -- Die Geister leben in verschiedenen Vibrationssphären und scheinen eine Art ethischer Läuterung durchzumachen. Für täglichen Spaziergang und körperliche Bewegung als gesundheitsfördernd wurde stark eingetreten! Ein Bild eines Geistes in Gips wurde vorgezeigt, das vor vielen 1000 Jahren bei einer Materialisation abgenommen sein soll! David und Saul wurden als spiritistische Rivalen(!) geschildert. Die Propheten der Bibel waren natürlich samt und sonders Spiritisten. Auch die „Hexe von Endor“ (1. Sam. 28) durfte natürlich nicht unerwähnt bleiben. Kurz, ein wahrer Hexentanz von geschichtlicher Unkenntnis und phantastischer Metaphysik, vermischt mit ethisch-asketischen Tendenzen, ja schließlich ein bißchen Vegetarianismus. Ein trüber Strom, der sich unbekannt und unbeachtet in obskurer Literatur von den Zeiten der hellenistischen Religionsmischung an durch das hexengläubige Mittelalter und die krausen Spekulationen phantastischer Philosophen herabergießt bis auf unsere Tage, neu aufgefrischt und aufgetischt mit Geistererscheinungen und spiritistischen Sitzungen.

Das waren meine Abschiedseindrücke von Chikago. Wirr und kraus wie die Stadt im ganzen, schien mir auch ihre geistige Verfassung zu sein. Was mag sich an Geldjagd, Lebensnot, Glaube, Schande und Aberglaube alles in ihr bergen! Und das alles emporgeschossen in noch nicht 100 Jahren! 1831 ja noch ein Indianerdorf am „Zwiebelfluß“, 1925 die viertgrößte Stadt der Welt! Und es wird nicht ruhen, bis es noch eines Tages Neuyork überflügelt hat!

Chikago.

Schweinemetzger der Welt, Werkzeugfabrikanten, Weizenschieber, Spieler mit Eisenbahnen, Warenhändler der Nation, Stürmisch, rauh, lärmend, Stadt der breiten Schultern.

* * * * *

Sie sagen, du seist versumpft, und ich glaube ihnen; denn ich sah Deine gemalten Frauen unter den Gaslaternen die Farmboys ködern. Und sie sagen, du seist ungerecht, und ich sage: Ja, es ist wahr, Ich sah den Apachen morden und frei herumgehn, um weiter zu morden. Und sie sagen, du seist roh, und ich antworte: Auf den Gesichtern Der Frauen und Kinder sah ich Zeichen lüsternen Hungers. Und so antwortend, wend’ ich mich ihnen zu, den Spöttern über meine Stadt Und gebe ihnen den Spott zurück und sage: Kommt und zeigt mir eine andre Stadt, singend, Erhobenen Hauptes, so stolz zu leben, grob zu sein und stark und schlau. Während der Arbeit Magnetische Flüche schleudernd, Ein großer, kühner Raufbold, der sich lebhaft auflehnt gegen die kleinen sanften Städte. Wild, wie ein Hund, mit der Zunge lechzt er nach Tat, Listig wie ein Wilder, kämpft er gegen die Wildnis, Barhaupt, Beiseiteschiebend, Zertrümmernd, Platzmachend, Bauend, niederreißend, wieder aufbauend, Unter dem Rauch, Staub um den Mund, mit weißen Zähnen lachend, Unter der schrecklichen Last des Schicksals lacht er, wie ein junger Mann lacht, Lacht, wie ein unwissender Kämpfer lacht, der nie eine Schlacht verlor, Prahlend und lachend, daß der Puls klopft unter dem Handgelenk Und unter den Rippen das Herz des Volkes. Lachend! Lachend das stürmische, heisere, lärmende Lachen der Jugend. Halbnackt, schwitzend. Stolz darauf, Schweinemetzger, Werkzeugmacher, Weizenschieber, Spieler mit Eisenbahnen und Warenhändler der Nation zu sein!

Carl Sandburg.

Aus: Neue Welt, eine Anthologie amerikanischer moderner Lyrik, S. Fischer Verlag, Berlin.

Über den Mississippi ins Felsengebirge.

Ich hatte genug von dem mystischen Spuk der Spiritisten und ebenso von dem Geschäftstrubel Chikagos; ich freute mich daher ordentlich auf die Einsamkeit im -- Eisenbahnwagen, dem ich mich nun wieder für etwa 40 Eisenbahnstunden anvertrauen wollte und ebenso auf die Einsamkeit der ungeheuren Mississippiebenen.

Dankbar verabschiedete ich mich von meinen freundlichen Gastgebern, die mir soviel gezeigt und soviel zugänglich gemacht hatten. Aber immer hätte ich um keinen Preis in Chikago wohnen und weilen mögen ebensowenig wie in Neuyork. Ich könnte weder der täglichen Ermordung der Zehntausende von Hammeln und Ochsen zusehen, wie das lebende Vieh, das frühmorgens eingeliefert, am Abend als fertige Wurst die „~Union stock Yards~“ verläßt, noch möchte ich täglich bei Marshall Field u. Co. aus- und eingehen oder als Türboy Hunderttausenden täglich die Tür öffnen. Eher noch würde ich auf den weiten Wassern des Lake Michigan herumfahren oder in den grünen Parks baseball spielen wollen. Aber so gnädig erweist sich ja das Leben den wenigsten unter den Menschen.

So verzichtete ich auch nicht allzuschweren Herzens auf den Besuch der deutschesten Stadt Amerikas, Milwaukee, in der allein auch sozialistische Stimmen sich maßgebend geltend zu machen pflegen! Wie anders in Deutschland, dem Mutterland des Marxismus! Der Amerikaner ist viel zu sehr Individualist, als daß er in Massen je dem marxistischen Sozialismus anheimfallen könnte. Er hat zu sehr auf Schritt und Tritt in seinem Lande erprobt, was persönliche ungehemmte Energie und Eigenart des einzelnen vermag, ja daß die Union der Entschlußkraft und Unabhängigkeit des wagenden Individuums alles verdankt, als daß er überzeugter Marxist werden könnte. Die Deutschen kommen im Urteil des Stockamerikaners nicht immer gut weg. Wie die Stimmung über sie ist, zeigt folgendes moderne Gedicht:

„Deutsche Nachkommen.“

Riesen von 48, O Märzwind! -- -- -- Nachgeborene Mit dem schwarzen Stigma Der Niederlage. Flucht, Angst der Träume, In der Ferne Verlorene -- Unstolze Ruhe, Schlaf und Dunkel ... Exil! -- -- -- Jenseits des Flusses Graue Wölbung des Viadukts, Tal der Fabriken. Die ganze Stadt gehört ihnen, Ihre Stadt -- Deutschland. Der glatte Boulevard Gürtelt die schmächtigen Straßen, Hügel und See. Rasenbeet -- Kohlbeet -- Kleines Glück der Mittelmäßigkeit Zwischen evangelischen Türmen Und den Kaminen der Brauereien, Ganzes Glück der Mittelmäßigkeit. In großen gotischen Lettern Über Laden und Buden Zwischen Gurken und Kraut Und den irisierenden Saucen des Herings.

Qualmende Küchen Mit ihrem Wäsche- und Backduft ... Schweigen ... Katze und Uhr ... Schwerer Griff trägt zierlichen Römer, Breiter Lehnstuhl für das Abendblatt.

Sonne und Sonntagsstaub Bespritzt die Kastanienbäume Und die gemalten Tische Mit den überschäumenden Bechern -- Starker Männerchor, Rhythmus und schwarz-rosa Schweiß Der Turnvereine ... Fahnen, Schnurrbart und Kreuz -- Hoch!

Er war Bäcker, Brauer, Gewann auf der Börse -- bescheiden, Und dann das weiße Palais auf dem Boulevard. Und Madame, eifersüchtig Auf die Künste der Köchin Strickt mit den Lappen der alten Kleider Unzählige Teppiche ... Und die Töchter nähen, kochen Und gehen in Scharen zum Kollege.

Alles solide und fest! Ein wenig Musik aus Tradition. Weniger Kunst (diese Maler sind zu modern), Nur das Alte ist gut. Alte Möbel, Alte Sitten, Alte Dichter Und alte Tugend, Das alte Land dort drüben Über alles -- -- --!

„Solides, starkes Volk, Bewahre dein reines Blut, Baue für dich! Unser Reichtum heirate unsren Reichtum. Die Kinder gehören uns Uns Dem auserwählten Volk.“ -- -- -- Unsre Stadt -- Deutschland.

Francis Treat.

Aus: Die neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag, Berlin 1921, S. 66.

Ebensowenig weinte ich den großen Pullmann-Werkstätten nahe Chikago in Pullmann eine Träne nach, daß ich sie nicht in Augenschein nahm. Nur fort aus dem Menschenameisenhaufen Chikago! Das war jetzt mein sehnlichster Wunsch.

Bald nach der Abfahrt, als die letzten Fabriken wichen, taten sich ungeheure Ebenen im Staate Illinois auf mit herrlichen Fluren, von denen viele deutschen Farmern gehören. Ein wenig hügelig war das Gelände, aber nicht lange. Die ersten Frühlingsknospen waren an den Bäumen. Das Land sah etwa so aus, daß es auch in der Provinz Sachsen in Mitteldeutschland hätte liegen können. Wir näherten uns dem Illinoisriver, demselben, in dessen Oberlauf man den Chikagofluß zurückzufließen zwang, damit er nicht länger mit seinen schädlichen Abwässern den trinkwasserspendenden Lake Michigan verunreinige. Langsam zog eben auf ihm eine Barke dahin, die ein großes Segel aufgespannt hatte. Die einzige Unterbrechung des Flußbildes. Hier und dort dehnte sich Sumpfland. Ab und zu sah man eine alleingelegene Farm, Rinder- und Pferdeherden. Alles ein ganz anderes Bild als die geschlossenen deutschen Dörfer mit ihrer engen, wohlabgezirkelten Gemarkung!

In unserem Zug -- ich fuhr wieder in der „~chaircar~“, nicht im Pullmann -- saßen allerlei Leute meist einfacheren Standes mit ihren Kindern. Sie hatten ihre Decken, ihre eigenen Eßkörbe mitgebracht, aus denen sie die üppigsten Mahlzeiten hervorzogen -- auch der Wein und das Tischtuch fehlte nicht. Für drei Tage und Nächte Fahrt nach Kalifornien hatten sie sich häuslich eingerichtet, so wie man es sich auf Deck und in der Kabine des Schiffes gemütlich macht. Sie spielten, lachten, lasen, rauchten, aßen, schliefen, wie es paßte. Die Kinder benutzten bald den langen Mittelgang als ihre Rennbahn und die langen Liege- und Drehstühle als Verstecke, spielten Hasch und Sichkriegen. Der Boden des Wagens verwandelte sich daher allmählich in ein Stilleben von Obstschalen, Orangen- und Brotresten, Papier aller Sorten, leeren Schachteln usw. Eine ästhetisch veranlagte Dame vor mir hatte sich an den Plüsch des Sitzes ihr gegenüber eine dunkelrote Rose gesteckt, um ihre Umgebung zu verschönern. Aber in der allmählich sich verschlechternden Luft -- die Fenster sind wegen des stets sehr reichlichen Ascheflugs aus der Lokomotive nicht zu öffnen -- welkte sie, und ein rotes Blatt nach dem andern fiel langsam mit einem leisen „Hsch“ zu Boden. Neben mir saß ein junger Eisenbahner von vielleicht 22 Jahren, der in Kalifornien Stellung suchte und in mir das gleiche vermutete. Er empfahl mir, in den ~Y. M. C. A.~[22] einzutreten. Das sei überall in der Welt eine gute Sache. Ihr könne man angehören. Er pries mir alle die äußeren und inneren Vorzüge derselben, aber das hinderte ihn doch nicht, nachher in einer Ecke des Wagens lustig mit zwei kecken Chikagogirls ein wenig zu flirten. Im Wagen wurden wie immer Karten, Schokolade, Handschuhe und Obst angeboten. Nur daß sich das Obst, je weiter wir uns von Chikago entfernten und je seltener wir hielten, ständig verteuerte.

So etwa je nach ein bis zwei Stunden gab es eine Haltestelle. Dazwischen war nichts. Die Bahnhöfe verdienen kaum diesen Namen! Und ein Namensschild derselben war selten deutlich zu entdecken. Die Siedlungen lagen alle immens weit auseinander. Jeder ist hier König in seinem eigenen Reich und auf seiner schier unbegrenzten Scholle. Wie anders in den Riesenstädten, wo sich die Menschheit zu Millionen zusammenballt! Wer nicht einmal durch diese endlosen Ebenen gefahren ist, kennt Amerika nicht! Neuyork und Chikago allein sind noch nicht die Union! Aber nirgends war auch etwa eine alte Dorfkirche, wie in Franken oder Schwaben, zu entdecken. Die Besiedlung ist hier ja erst vor 50 bis 70 Jahren vor sich gegangen. Es ist hier immer noch Anbau- und Gründungszeit, wie es etwa bei uns unter Karl dem Großen war. Bei einer Gruppe von etwa 20 Wohnhäusern steht schon eine kleine hölzerne, höchst primitive Farmerkirche. Sie fehlt nirgends, oft sind es gar zwei oder drei verschiedener Denominationen! Alles ist in diesem Lande ungeheuer, die Ebene, die Ströme, die Seen, die Städte, die Bodenschätze, die Fruchtbarkeit, der Reichtum. Während bei uns ein Bauer bei allem Fleiß im allgemeinen aus dem Boden -- die künstliche Düngung nicht gerechnet -- nicht viel mehr ziehen kann als sein Vater und Großvater vor 40 und 60 Jahren zog, erntet ein Ansiedler, der mit nichts nach Amerika kommt, oft schon nach sechs, sieben Jahren so viel, daß er sich ein eigenes wohlmöbliertes Landhaus bauen und ein Automobil kaufen kann! Wie müssen die Ebenen hier erst bei voller Ernte strahlen, wenn Korn und Mais übermannshoch steht und die großen Mäh-, Dresch- und Säemaschinen auf den Feldern fauchen! -- --

Je südwestlicher wir kamen, desto wärmer wurde es! Man sah schon Landleute auf den Feldern mit vereinzelten Strohhüten gehen. Sonst ist erst der 15. Mai drüben der offizielle Termin, den Strohhut auf- und nicht mehr abzusetzen bis in den indian summer hinein! Um Mittag hatten wir den Mississippi erreicht. Glitzernd wälzte er seine blauen, bis 1 ~km~ breiten Fluten träge und gemächlich -- wie etwa die Elbe unterhalb Hamburgs -- durch die ungeheuren Ebenen des mittleren Westens. Seine Länge ist dreimal die unseres Rheins. Ich war am Mississippi! War es möglich? Wovon man als Kind nur in Indianergeschichten geträumt und gelesen hatte! Es war mir in den Augenblicken, da unser Zug bei Fort Madison gravitätisch über die lange eingleisige Mississippibrücke rollte, unbeschreiblich seltsam zumute, daß ich es mir immer wieder sagen mußte: Jetzt fährst du über den Mississippi! Zwei kleine, alte, vorsintflutliche Dampfer kreuzten den von bewaldeten Inseln eingenommenen mächtigen Strom. Fort Madison lag gänzlich einsam, nur von wenigen Häusern umgeben. Welchen Feind will es hier abwehren? Stritt es einst gegen die Franzosen oder Engländer oder Mexikaner oder die Indianer? Von rechts her winkten grüne Wälder. Alles glänzte in blendendem Frühlingssonnenschein. Zur Feier der Überfahrt über den Mississippi verzehrte ich die letzte Apfelsine, die mir die liebe Cousine in Chikago mit eingepackt hatte. Dann fuhren wir wieder und fuhren und fuhren ... Von den 38 Stunden bis Neumexiko waren erst die wenigsten herum. Wie hatte doch bei Florenz einmal mir gegenüber eine deutsche Dame, als sie in vier Stunden von Bologna kam, schon ungeduldig ihren Mann gefragt: „Ach, Artur, wann sind wir denn +endlich+ da?“ Hier lernte man in Geduld sitzen und fahren.

Jenseits des Mississippi, im Staate Missouri, den wir jetzt durcheilten, liegt das alte Prärieland, da man einst mit dem Lasso die Büffel jagte und Indianer durchs übermannshohe Gras ritten. Das Flußtal begleiteten sanfte Hügelreihen, eine angenehme Unterbrechung der endlosen Ebenen, sanfte Bachtäler, Wiesenhänge, auf denen zahlreiche Kühe weideten. Wie bald werden sie nach Chikago in die ~Union stock yards~ wandern? Gefallene Bäume liegen da, um die sich niemand kümmerte. Aber nirgends waren hier umfangreichere Wälder. Einst war es romantischer, mit der Büchse durch die Wildnis zu reiten, als mit der Bahn hindurchzufahren, aber wieviel ungezählten Millionen wächst hier jetzt das Brot, während früher die Indianer wohl nur einige Hunderttausend gezählt haben. Die sanftgewellten Hügelreihen am glitzernden Mississippi hatten mit ihren Büschen, Bächen und Pferdeherden ihren eigenen Reiz. O wie hätte ich all den Schreibmaschinenfräuleins und den blassen Angestellten in dem wimmelnden und dampfenden Chikago, wo man in den Wolkenkratzerschluchten kaum den Himmel und vor all der Lichtreklame kaum noch die Sterne sieht, einmal hier auf einige Wochen herauszukommen, um sich ohne Zeitungsgeschrei und Dollarjagd in Licht, Luft und Sonne gesund zu baden, gegönnt! So wie die Pferde und Rinder heute hier weideten, weideten sie auch einst vor Jahrtausenden am Nil, am Euphrat oder am Eurotas. Aber kein Expreß dampfte an ihnen vorüber, daß sie erschreckt zur Seite sprangen, kein Auto tutete in ihre Wildnis, kein Wolkenkratzer reckte sich gen Himmel! Wie die Kulturen im Kern einander gleich bleiben und doch verschiedenes Antlitz tragen! So wie die Menschen am Ganges braun, am Nil schwarz, am Jangtsekiang gelb, am Rhein weiß und am Mississippi rot sind und doch die gleichen Bedürfnisse und Gedanken haben. Wie ist hier Macht vor Recht gegangen und hat dem roten Mann, der selbst vielleicht einst vor Jahrtausenden als ein Bruder des Gelben aus Nordasien hier hereingekommen ist, Land und Grund genommen, ihn mit Pistole und Branntwein ausgerottet und sich an seine Stelle gesetzt! Und lag nicht doch in der vorwärtsdrängenden Kulturmacht des Weißen ein höheres Recht, so daß Macht auch ein Recht in sich birgt? Ich muß im Grunde allen fremden Völkern und Rassen wohlgesinnt sein -- dazu erziehen uns Weltreisen --, aber ich muß doch auch in der Geschichte der Kriege und Kolonisationen Sinn finden. Heute haben hier die Indianer in den meisten der Staaten des mittleren und fernen Westens nur noch ihre „Reservationen“, am größten in Oklahoma. Es gibt eine Reihe Amerikaner, die mit Stolz Indianerblut in sich tragen, während Negerblut völlig verachtet ist! Es gibt genug Indianer, die als Amerikaner gekleidet fast unerkennbar in amerikanischen Diensten stehen. So lernte ich einen indianischen Studenten und Lokomotivführer kennen! Aber es gibt vielleicht auch noch eine Viertelmillion Vollblutindianer, die abgelegen in ihren Dörfern (~pueblos~) leben und sich von Töpferei oder Teppichweberei kümmerlich nähren und in ihrer Liebe zu den wilden Bergen und einsamen Felsschluchten nicht lassen können ...

Am Flußufer standen einige Fischer mit ihren Angeln und schauten stundenlang in das Blau des Himmels und in die Weite. Vor seinem Haus in der offenen Halle saß ein behäbiger Farmer in weißem Bart und schaute unserem Zug nach, dem einzigen Ereignis, das am Tag sein Einerlei unterbricht. Auf einem grünen Anger spielten barfüßige Knaben -- die man in Amerika selten sieht -- ihren ~baseball~. Bei einem kleinen Ort stand eine Holzkirche armselig wie eine Scheune. Nur die Fenster mit ihren gotischen Holzladenfenstern und einem eisernen Kreuz am First ließen sie als solche erkennen. Am Abend sah man die Landleute in Ermangelung von Wegen und Straßen einfach auf den Bahnschienen ihren Wohnungen zustreben! Das ist der ebenste und kürzeste Weg drüben. Die Lokomotive pfeift, und man tritt einen Augenblick zur Seite! Wer dabei überfahren wird, hat es sich selbst zuzuschreiben. Polizeistrafen gibt es dafür nicht!

Purpurrot begann die Sonne im Westen zu sinken. Immer weiter westwärts ging unsere Fahrt ... Zwei barmherzige Schwestern fuhren allein in einem äußerst primitiven Reisewägelchen draußen durch den Abend. Der Wagen suchte sich selbst die beste Fahrgelegenheit durch den Sand und das Gras. In einigen erleuchteten Zelten saßen Bahnarbeiter um ihr Abendbrot ... Mit Dunkelheit kamen wir nach Kansas City im Staate Kansas und überschritten hier den mit seiner gewaltigen Breite fast an den Mississippi erinnernden Missouri, der von hier nach St. Louis zum Einfluß in seinen größeren, aber bis dahin kürzeren Bruder strömt. Kansas hat etwa 200000 Einwohner und ist die größte Stadt des gleichnamigen Staates. Sie liegt am Einfluß des Kansasflusses in den Missouri. Sie ist wie alle amerikanischen Städte rasch gewachsen. 1860 hatte sie noch nicht 5000 Einwohner! Jetzt hat sie ihr stattliches „Kapitol“, ihre prächtigen Parks usw., wie es einer ordentlichen großen Stadt zukommt. Einer der Einwohner unserer Hall in Cambridge war aus Kansas, Freund R., er hatte also 38 Bahnstunden in seine Universitätsstadt zu fahren! Wer macht ihm das in Deutschland nach?

Mit einem Trinkgeld brachte ich unseren besonders trägen und lässigen Neger auf die Beine, daß er mir im Schlafwagen noch ein Bett verschaffte. Denn die ganze Nacht mit den Kleidern in der Ecke sitzen, wenn auch der „~reclining chair~“ erlaubte, ihn lang wie einen Liegestuhl auszuziehen, erschien mir doch nicht gerade das Ideal zu sein, zumal mir +noch+ ein ganzer Tag Eisenbahnfahrt bis nach Neumexiko hinein bevorstand. Der Neger, wohlbeleibt und mit breiter Nase, hatte mir grinsend und schmunzelnd zugesagt, eine „~upper berth~“, wie das meine Gewohnheit war, zu verschaffen. So geschah es auch. Ich stieg in dem mit seinen grünen Vorhängen wohlverhängten, besagten Schlafwagen als einer der letzten auf der kleinen Leiter in mein hochgelegenes Reich und kleidete mich oben aus, barg alles wohl in einer Ecke und sah noch nach, ob auch Uhr, Scheckbuch und Börse wohl in ihren Taschen waren. Dann legte ich mich ruhig aufs Ohr. Die meisten anderen im Wagen schliefen schon den süßen Schlaf des Gerechten und fuhren mit mir im Staate Kansas in die Nacht hinein ... „Rumrumrum ... rumrumrum“ rüttelte der Zug dahin. Bald war man nach dem vielen Sehen und der schon etwa 15stündigen Fahrt wohl in den Schlaf gewiegt. Kein Laut noch Kindergeschrei störte hier die Stille. Die Auswandererfamilien mit ihren Kindern waren der größeren Billigkeit halber in der „~tourist-car~“ zurückgeblieben und hatten zwischen den ausgezogenen Stühlen ihre Kissen und Decken ausgebreitet. Es war dort das reinste „Nachtlager von Granada“. Ich hoffte wohlgestärkt am Morgen in einem neuen Staate, Kolorado, von denen jeder allein etwa ein Drittel so groß ist wie das Deutsche Reich, wieder aufzuwachen ...

Plötzlich, als ich wohl ein bis zwei Stunden geschlafen hatte, hält mir mitten in der Nacht jemand eine Blendlaterne vors Gesicht, rüttelt mich am Arm und zieht mir auch schon die Bettdecke weg -- eine recht eigenartige Situation. War es ein Überfall? War der Zug von Räubern angefallen? Nein. Der Neger bedeutete mir, ich müsse schleunigst aus dem Bett heraus ... es sei noch ein Fahrgast eingestiegen, der auf das Bett Anspruch habe! Wachte oder träumte ich? Es war leider kein Zweifel an der betrübenden Wirklichkeit: Der Schlafwagenneger stand grinsend mit seinem breiten, braunen Gesicht vor mir und packte schon, ohne meine Antwort abzuwarten, meine Kleider über den Arm und schleppte sie davon in die Ecke des Wagens und warf sie dort auf ein anderes oberes Bett, das anscheinend noch frei war. Warum er mir das nicht von Anfang an gegeben hatte? Ich ergriff die letzten Utensilien hinter ihm drein, kaum daß ich Zeit hatte, wenigstens die Unaussprechlichen noch anzuziehen. Aber es schlief ja alles im Wagen und sah meinen höchst eigenartigen Umzug nicht. Nur der Neger und der neu eingestiegene Fahrgast, der schon auf mein wohlgewärmtes Bett wartete! (Übrigens pflegen echte Amerikaner nachts einen Schlafanzug anzuziehen, so daß für sie ein solch plötzlicher Umzug nicht allzu genierend ausfällt. Bei mir als echtem Deutschen war das anders.) Ich war so schlaftrunken -- der erste Schlaf ist ja wohl immer der beste -- daß ich kaum nachzusehen und nachzuzählen vermochte, ob der Neger auch alles richtig herüberbugsiert hatte. Kurz, ich schlief bald wieder ein. Und der Zug hielt ja wohl auch in der Nacht nicht mehr ... „Rumrumrum ... rumrumrum“ hörte ich es wieder wie im Traum ...