Part 16
Morgens wachte ich auf bei blendendem Sonnenschein. Ungeheure gelbe kahle Ebenen dehnten sich zu beiden Seiten! Der Schlafwagen ward lebendig; Männlein und Weiblein strebten nach den Waschtoiletten ... Man kleidete sich an. Ich zählte: Alle meine Kleidungsstücke waren vorhanden. Die Uhr knöpfte ich in die Weste -- da fühle ich zufällig in die innere Rocktasche: wo war mein Scheckbuch? Nun war das Scheckbuch weg! Das ganze Erbe der lieben Tante aus Schwaben! Und im Portemonnaie waren nur einige Halbdollarstücke und einige Cents. Das reichte vielleicht noch einen Tag! Und dann saß ich in Neumexiko, im Herzen des nordamerikanischen Kontinents -- 40 Bahnstunden von den nächsten Menschen, die mich kannten. Aber auch wenn ich sie telegraphisch um Geld zur Rückkehr anging -- sollte nun die ganze Fahrt zu Wasser werden? Wie furchtbar! Mir saß der Schreck in allen Gliedern. Wie doch der Mensch ahnungslos aus allen Himmeln stürzen kann!
Was tun? Sollte ich mich einem der mir völlig unbekannten Reisenden anvertrauen? Keiner würde mir Geld geben! „Selbst“ ist in Amerika der Mann! „Steig aus und nimm irgendeine Arbeit an!“ hätte man mir vielleicht auf amerikanisch geantwortet. Aber ich mußte ja doch auch nach Harvard zurück! Hier konnte ich keinesfalls bleiben. Und wenn nun gar jemand mein Scheckbuch gefunden und auf meinen Namen, der mit Unterschrift vorne drin stand, mein ganzes Geld abhob! Wie gewonnen, so zerronnen! Liegt auf geerbtem Geld kein Segen? „Was du ererbt von deinen Vätern hast, +erwirb+ es, um es zu besitzen.“ Darüber hatten wir einmal einen Aufsatz machen müssen. Galt das jetzt mir? So schossen mir die Gedanken hin und her durch den Kopf. Ach, wenn ich doch sonst was verloren hätte, nur nicht die Reisekasse selbst! Ich verwünschte schon den Niagara und den Mississippi, daß sie mich überhaupt zu dieser Reise verleitet hatten! Hätte ich doch nie in der Washingtonstreet in Boston das Auswandererbillett gesehen! Was nutzte mir all das jetzt? Und dabei fuhren wir immer weiter, immer weiter fort, für mich ins Verderben ... immer tiefer in die Wildnis eines Erdteils ohne Geld! Wenn der Zug doch bloß einmal zu ruhigem Überlegen gehalten hätte! „Rumrumrum ... rumrumrum“, so schien mich der Zug selbst mit seinem endlosen und monotonen Rhythmus zu verhöhnen.
[Illustration: ~CHICAGO~
~Lincoln, der Sklavenbefreier~]
[Illustration: ~CHICAGO~
~Das große Chicago-Fußballspiel (30000 Zuschauer)~]
Ich erkundigte mich, nichts verratend, nach der nächsten Station. „Um halb acht Uhr sei Frühstück in Syrakuse, an der Grenze von Kolorado“, hieß es. Also da hielt der Zug 25 Minuten, und im Wartesaal war Gelegenheit, für 75 Cents warm und reichlich zu frühstücken: Hammelkotelette, Huhn und andere schöne Sachen. Was scherte mich jetzt das Frühstück? Ich mußte mein Scheckbuch haben. Wenn nur der Zug endlich einmal halten wollte und ich Schritte tun konnte! Fuhr er bis ans Ende der Welt? Aber wenn ich ausstieg, sollte ich vielleicht dann da bleiben, in einem weltverlorenen Städtchen nur noch 200 ~km~ vom Felsengebirge entfernt? Nein, mir kam ein besserer Gedanke: Bleiben kostete Geld, was ich ja nicht hatte, Fahren kostete mich im Augenblick kein Geld, denn mein Rundreisebillett, was bis Chikago zurücklautete -- freilich über Kalifornien! -- war ja bezahlt und steckte in meiner Tasche. Also weiterfahren und sehen, was dann kommt! Mein Plan war gefaßt: In Syrakuse nur aussteigen, um in der Frühstückspause „Schritte zu tun“! Ich wußte glücklicherweise die Nummern meiner Schecks genau; die hatte ich mir vorsichtig mit Bleistift notiert. Und das Notizbuch hatte ich noch! Also auf dem Bahnhof sofort an die Bankzentrale depeschiert und die betreffenden Nummern sperren lassen! So war vielleicht doch noch mein Erbe gerettet.
Als der Zug endlich hielt, handelte ich kurz entschlossen. Denn gestohlen war das Scheckbuch auf jeden Fall! Ich depeschierte. Dann trat ich nach Aufgabe meines Banktelegramms nach Boston an den diensttuenden ~police-man~ auf dem Bahnsteig und forderte ihn energisch auf, sämtliche Reisenden sofort zu durchsuchen oder etwa den Schlafwagenschaffner einfach zu verhaften, bis heraus sei, wer mein Scheckbuch gestohlen habe. Der ~police-man~, ein Hüne von Gestalt und wohl Ire von Geburt, sah mich sehr groß an und an mir herunter -- und rührte sich nicht von der Stelle! Erwartete er erst einmal ein großes Trinkgeld? Das hatte ich ja nicht. Oder bedurfte er dazu höheren Befehls? Wie sollte ich den in der Eile erwirken? Ich mußte doch weiterfahren. Enttäuscht und niedergeschlagen wandte ich mich in den Wartesaal, gab mein Scheckbuch verloren und setzte mich verzweifelt an die „Frühstücks“tafel -- es waren noch 15 Minuten Zeit. Hunger hatte ich, mechanisch schlang ich Hammelkotelette und etwas vom Huhn hinunter. Aber was half’s? Meine Barschaft schmolz nur um so mehr. Sie würde wohl kaum noch diesen Tag überleben. Was dann? So wollte ich wenigstens noch einmal gut und vorsorgend gegessen haben. Sollte ich mich dann in Los Angeles als Kuli verdingen? Wenn wir nur erst dort wären! Bis dahin waren aber noch 48 Stunden mit der Bahn zu fahren! Reichte die letzte Mahlzeit bis dorthin?
Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte -- ich hatte mich nicht entschließen können, in dem weltverlorenen Syrakuse zu bleiben; und das war gut! -- stieg ich wieder ein, wie üblich, von dem kleinen bereitgestellten Schemel hinauf auf das sehr hohe Trittbrett und meldete jetzt dem Schlafwagenneger meinen Verlust. Grinsend hörte er mich an. Ich bedeutete ihm, ich sei der Fahrgast, den er heute Nacht aus dem Schlaf geweckt und in das andere Bett gewiesen. Er nickte. Durch seine Schuld sei also das Scheckbuch verlorengegangen. Er schüttelte. „No, Sir“ war seine Antwort, und er verschwand. Er suchte offenbar den Schlafwagen ab, klappte die Betten zusammen -- und fand natürlich nichts! Mir war längst alles gänzlich vergällt. Sah ich sonst mit begeistertem Interesse stets in die Landschaft hinaus, so interessierte mich jetzt nichts mehr. Stumm sah ich vor mich hin und brütete. Die letzte Hoffnung war dahin. Im Schlafwagen nahmen auf den Sesseln die Reisenden wieder Platz. Ich teilte jetzt auch anderen meinen Verlust mit und wurde allgemein bemitleidet. Ich erwartete bloß noch, daß sie für mich eine freiwillige mildtätige Sammlung veranstalteten, daß ich bis Los Angeles zu leben hätte. Aber selbst das geschah nicht. Sah ich dazu zu wohlgekleidet aus? Ging sie der „~German~“ nichts an? Dachten sie: „Mag er sich’s doch wieder verdienen, jung genug ist er“? Ich weiß es nicht. Und wenn wir jetzt über die romantischen Pässe des Felsengebirges gefahren wären, ich hätte keine Notiz von ihnen genommen ...
So mochten wohl wieder dreiviertel Stunden vergangen sein, da kommt der Neger grinsend wieder herein, tritt auf mich zu und hält in der Hand triumphierend -- mein Scheckbuch!! Beinahe hätte ich es ihm aus der Hand gerissen. Ich wußte nicht, sollte ich ihm um den Hals fallen oder gar als vermeintlichem heuchlerischen Dieb eins auswischen. Ich unterließ aber lieber beides. An Kraft war er mir sicher überlegen. Er hielt das Buch wohlweislich sehr fest. „Ob das meins wäre?“ -- Nun natürlich, wie konnte er nur fragen; ich nannte ihm genau die Nummern aus dem Notizbuch. Da hielt er es mir näher, immer breiter grinsend hin, aber gab es noch nicht frei! Ich griff instinktiv in die Tasche und schüttete ihm meine noch übrige Barschaft in die braune Hand. Da auf einmal wurde sein breiter Mund schmäler und -- er gab es mir! Wie ein Paradiesesstrom floß es durch meine Seele! „~Well, Sir!~“ -- „Ja, ~well, Sir~, aber wo war es denn?“ Er behauptete: Eben hätten es ihm zwei spielende Knaben aus dem Schlafwagen gebracht, die zum Versteckspielen unter die Sitze gekrochen wären! Das war möglich; dann war es also schon des Abends bei dem nächtlichen Umzug aus der Tasche gefallen oder genommen und unter die Sitze gestoßen worden....! ~Well, Sir~, alles möglich! Oder ob der gute Neger nicht alles so beabsichtigt hatte? Ob er so ein gutes Trinkgeld verdienen wollte? Oder ob er gar erst bare Dollarnoten darin vermutet hatte? Mir war’s gleich. Wie interessant war sofort draußen wieder die Landschaft! An der nächsten Station war ich der erste, der aus dem Zug sprang und wieder an die Bank in Boston telegraphierte: „Scheckbuch gefunden, Sperre aufheben!“ Sie war wohl noch nicht ergangen ...
* * * * *
Unsere Fahrt ging durch Land wie durch die Wüste Gobi. Zum zweiten Male mußte die Uhr eine Stunde, jetzt auf „Mountain-Time“ (Gebirgszeit) zurückgestellt werden, wie in Detroit auf „Zentralzeit“. Der geographische Mittelpunkt der Union war überschritten. Die Vereinigten Staaten haben nämlich wegen ihrer Ausdehnung eine vierfache Zeit: In Neuyork ist ~Atlantic time~, in Chikago ~Central time~, im Gebirge ~Mountain time~ und in Kalifornien „~Pacific time~“, denn dort geht die Sonne vier Stunden später auf und unter als an der Küste des Atlantik. Auf dem Meer hatten wir täglich die Uhr nur um 20 Minuten zurückstellen müssen und auf der Rückfahrt später wieder vor! Da der Bahnzug etwa dreimal so schnell fährt als das Schiff, so macht es zu Lande beinahe jeden Tag eine Stunde aus, wenn man ständig westwärts fährt. -- -- --
Im Wagen herrschte jetzt wüstes Kindergeschrei, die Babys brüllten, die Boys haschten einander. Alles das störte mich in meiner Paradiesesfreude nicht. Der Boden des Wagens glich jetzt schon nicht mehr einer menschlichen Wohnung, denn jeden Tag mehrten sich der Abfall und die Speisereste beträchtlich. Mir gegenüber sog ein Kindchen an der Mutterbrust ... es ahnte nicht, wo es ist und wem es entgegenfuhr. Welch Pionier wird einmal aus ihm werden? Bei mir saß ein früherer Seemann, der schon Australien, die Türkei und England befahren hatte. Neben ihm und seinen Schilderungen kam ich mir sehr klein vor ... Staub und Rauch nahmen auch ständig zu, dazu die Wärme, denn wir fuhren jetzt bereits unter dem 37. Breitengrad, auf dem in Europa -- oder vielmehr Afrika! -- die Nordküste von Tunis und Algier liegt.
Vor dem heranbrausenden Zug rasten etliche Pferdeherden in die Steppe hinein. Alles war draußen gelb und baumlos. Man sah Zelte wie ein Zigeunerlager aufgestellt. Neben der Bahn strich ein schlechter Fahrweg mit dünnen und krummen Telephonstangen hin. So fest, gerade und glatt wie bei uns sind sie drüben nur in kultivierten Gegenden. Hier und da lag ein einsames Lehmblockhaus. Wir traten allmählich in ursprünglich spanisches Kulturland und indianisches Siedlungsgebiet ein. Man sah einige strohgedeckte Holzhütten. Die Leute ritten auf Maultieren durchs Land wie die alten Trapper. Auf den weiten kahlen Steppendünen in der Ferne einige dunkle Punkte, die man durchs Glas als weidendes Vieh erkennt. Wenn nicht die Bahn die Blutader für diese Einsamkeiten wäre, wären sie alle, Mensch und Vieh, hier von aller Welt abgeschlossen. Die großen Pazifiklinien haben erst den Westen Amerikas erschlossen. Hier war zuerst die Bahn, dann kamen die Menschen der Bahn nachgezogen. Bei uns in Europa waren erst jahrhundertelang die Menschen und ihre Städte da, dann erst verband sie die Bahn miteinander ...
Wo kriegen die Leute hier nur ihr Wasser her? fragte ich mich. Die Wasserläufe schienen alle ausgetrocknet zu sein. Gelbe Wüste reiht sich an die salzhaltige Steppe. Regen fällt hier ganz selten, höre ich. Wie heiß mag es erst im Sommer sein? Wie grün und fruchtbar war es dagegen im Mississippital! Die unentgeltlichen Wasserfässer am Ende des Eisenbahnwagens finden immer stärkeren Zuspruch. Eine dünne spinnewebfeine Eisenbahnbrücke führt uns über einen sandigen Fluß. In Chikago Tausende von Kunstbauten; hier erweckt ein einziger von ihnen großes Interesse in all seiner Dürftigkeit. Unter einem dürren Baum liegen drei Rinder im Schatten. Im Fluß stehen andere, wie die Kühe im Nil zu Pharaos Zeiten. Was könnte hier alles noch werden und wachsen, wenn das Land einmal systematisch berieselt und besiedelt sein wird!
Nach Stunden wieder einmal eine weltverlorene Station. Drüben erheben sich jetzt mäßig hohe felsige Hügelreihen. Verblichene Baumstämme liegen umher und ein paar faulende Knochen. Ich schaue gespannt nach dem Felsengebirge aus, aber sehe es immer noch nicht. Die Stationsnamen werden immer spanischer. An der Bahnstrecke arbeiten Neger in hohen spitzen Strohhüten wie bei uns die Pferde im heißen Sommer. Zwischen den Schienen liegen Haufen Sand wie verwehte Dünen ...
In La Junta, einem wichtigen Bahnkreuzungspunkt, ist ~lunch~. Alles stürzt hungrig hinaus. Da mein Bargeld am Ende ist und ich hier keinen Scheck eingewechselt bekomme, nehme ich ein billiges Mittagessen in einem Arbeiter-~saloon~ dicht beim Bahnhof. Warum soll ich nicht einmal da essen, wo Arbeiter, Neger, Spanier oder Mexikaner essen? Das Besteck und Tischtuch ist freilich nicht allzu appetitlich ... aber es schmeckt auch ... Freilich sehen sie mich alle recht erstaunt an ...
Nach 25 Minuten dampfen wir weiter in nun fast genau südlicher Richtung durch den Südostzipfel des Staates Kolorado. Hügeliges Tafelland beginnt. So denke ich mir etwa Südafrika. Wilde Wasserfurchen zeichnen sich im Sand ab. Ein wenig Föhrengestrüpp ist das einzige, was hier wächst. Hier muß es, wenn es regnet, sehr heftig regnen. Man sieht es an den verhärteten Furchen. Die Bahn steigt ständig. Wir sind schon 1000 ~m~ hoch! In der Richtung aufs Gebirge ist es leider wolkig und umzogen, sonst sähe man jetzt das Felsengebirge. Man erblickt die Kette der Rockies bei klarer Sicht über 250 Meilen weit! Meine Erregung steigert sich. Wann werde ich die Berge zuerst wahrnehmen? Ich bin gespannt wie einst, als wir als Studenten das erste Mal in die Alpen fuhren ...
Mit einem Male sind wir auf eine weite hohe Ebene hinaufgeklommen, an deren hinterem Rande jetzt stattliche hohe blaue Bergketten sichtbar werden; hinter ihnen noch höhere, die aber nicht deutlich zu sehen sind. Ein paar Pferdeherden im Vordergrund bilden die einzige Staffage zu diesem grandiosen Bild. Sonst rings kein Baum und Strauch. Das müssen die Ketten des Felsengebirges sein. Sie sind es! Ziemlich links erhebt sich die Koloradokette mit etwas Schnee auf den Berghäuptern, tiefblau, bis über 4000 ~m~ hoch. Man sieht jetzt die Bahnlinie eine weite Strecke vorwärts an den langen Zeilen der Telephonstangen, die wie eine Streichholzpallisade in der Erde stecken. Stracks fahren wir auf die Berge zu. Es wird immer öder. Rechts drüben erhebt sich gigantisch der berühmte Pikes Peak bei Denver, einer der höchsten und am weitesten in die Mississippiebene vorgeschobenen Gipfel (4300 ~m~).
Wie leicht rollt der Zug über die Riesenebene! Wieder mächtige wilde Wasserrinnen! Wie mag hier der Regen hausen! Aber mitten in der einsamen Wüste auch ein -- Reklameschild an der Bahn: „Star-Tobacco!“ Die ersten Indianerpueblos[23] tauchen auf mit ihren fast fensterlosen niedrigen Lehmhütten. Braune und schwarzhaarige Kinder spielen davor. Ein Güterzug kommt uns auf der eingleisigen Strecke entgegen. Die Züge verständigen sich schon aus der Ferne durch gegenseitiges lautes Pfeifen darüber, wo man sich ausweicht. Jener hält lange an der Ausweichstelle und wartet auf uns, bis wir vorüber sind. Aber wie machen sie es im Nebel und bei Nacht? Der Güterzug rollt die Schätze Kaliforniens nach Chikago. Die „Straße“ neben der Bahnlinie ist jetzt nur noch eine einzige feine Räderfurche im Sand. Ruhig, stolz und tiefblau schauen die Berge zu uns herüber. Wir halten an Station Trinidad, 1800 ~m~ über dem Meere, einem altmexikanischen Städtchen unter einer hohen Bergspitze, fast schon an der Grenze von Neumexiko. Die kleinen Orte sind hier meist nicht viel mehr als ein Haufen Lehmhütten wie im primitivsten Italien oder im Orient. Die mexikanischen Häuser sind sehr niedrig, die Straßen breit. Alles hat einen vollkommen südlichen Charakter. Die Männer (Mexikaner) tragen einen breitrandigen Schlapphut, den Italienern ähnlich, und haben feurige schwarze Augen.
Die Bahn steigt weiter steil an wie über den Apennin. Alles ringsumher bleibt kahl und steinig. Kein grünes Hälmchen ist zu sehen. Alle Frühlingspracht Missouris ist verschwunden. Wir fahren durch ein schmales höchst malerisches Felsental, dann durch einen Tunnel auf einer Paßhöhe von fast 2400 ~m~! (Die Gotthardbahn erreicht bei Göschenen nur 1100 ~m~!) Jenseits des Tunnels senkt sich die Trasse wieder beträchtlich. In Station Ratton stehen Sattelpferde an der Bahn, ankommende Reisende abzuholen. Wir sind mitten im Gebirge. Ringsum ist der Blick durch hohe malerische Bergketten eingeschränkt. Aber alles ist noch viel weitläufiger und riesiger als in den Alpen. Inzwischen umziehen sich die Berge, Wolken hüllen uns ein. Regenschauer prasseln nieder. Aber draußen herrscht wunderbar frische, würzige Bergluft, drinnen im Wagen aber ist die Luft zum Umkommen ...
Wir fahren wieder aufs neue über mächtige Hochebenen in beinahe 2000 ~m~ Höhe, die von hohen bewaldeten Bergketten eingesäumt sind. Noch einmal taucht die Abendsonne nach dem Regen über dem Schnee der Berge empor, dann versinkt sie. Das Felsengebirge ist, wie ich jetzt schon bemerkte, kein geschlossenes Gebirge wie die Alpen, sondern eine Sammlung von hohen Randgebirgen, die in sich ungeheuerliche Hochebenen einschließen. Das Gestein leuchtet bald rötlich, bald grünlich. Wem gehört all dies Land? Auf drei Bahnstunden keine menschliche Wohnung! Neumexiko hat bei einer Größe von 317000 ~qkm~ eine Bevölkerung von nur 200000 Einwohnern, also eine Dichte von 0,6 auf 1 ~qkm~. Auf eine Entfernung Frankfurt a. M.-Karlsruhe oder Dresden-Leipzig keine nennenswerte Siedlung!
Während die Abenddämmerung einbricht, tauchen neue schneebedeckte Bergketten unter den Wolken auf. Geheimnisvoll! Sind alle diese Berge schon bestiegen? Wie lange Jahrtausende hausten hier die Indianer allein? Beinahe um zehn Uhr Sonnabend abends bei stockdunkler Nacht bin ich in Lamy Junction. Ich verlasse mit noch zwei Personen den Zug, um nach Santa Fé, Neumexikos Hauptstadt, umzusteigen. Seit Freitag früh hatte mich der Zug beherbergt. Er war einem wie zu einer Heimat geworden. Ohne Unfall hatte er mich von den großen Seen des Nordens quer durch die ganze Mississippiebene bis ins Herz des Felsengebirges gefahren. Man empfand so etwas wie Dankbarkeit ihm gegenüber, als man ihn verließ und er in die stockdunkle Nacht wieder auf- und davondampfte.
Nun saß ich nachts zehn Uhr mit zwei anderen wildfremden Menschen, einem Mann und einer Frau, auf dem kleinen Bahnhof dieses winzigen und herzlich unbedeutenden Nestes, Lamy genannt, noch 1200 ~km~ vom Stillen Ozean, beinahe 3000 ~km~ von Neuyork, über 6000 ~km~ von der Heimat oder vier Monate Fußwanderung entfernt! Es dauerte eine volle Stunde, bis der kleine Zug nach Santa Fé weiterging, der uns drei Menschen beförderte. Rings war rabenschwarze Nacht. Kein Lichtsignal, kein Anzeichen von menschlichen Wohnungen! Nach 18 Meilen Bahnfahrt waren wir etwa um Mitternacht in Santa Fé, der etwa 5000 Einwohner zählenden kleinen altmexikanischen Hauptstadt des jüngsten Staates der Union, Neumexiko, beinahe unter dem 35. Breitengrad, also in Höhe Maltas, Kretas und Zyperns gelegen. Aber von all seiner Schönheit und Altertümlichkeit war in der stockfinstern Nacht vorerst gar nichts zu sehen. Der Bahnhof lag ein wenig draußen. Ich sah mich um. Kein Mensch war weit und breit. Ich ging wie die anderen beiden eine völlig dunkle Straße stadtwärts, beziehungsweise in der Richtung, wo man sie etwa vermuten konnte. Am kleinen Bahnhof wurden die Lichter ausgelöscht. Nun war aber auch alles stockfinster. Meine Reisegenossen gingen einige Schritte vor mir. Sie kannten anscheinend ihr Ziel.
Da kam uns ein einfacher Mann entgegen, soweit man erkennen konnte. Er wechselte mit den beiden vor mir ein paar Worte. Die Frau ging weiter. Der Mitreisende aber blieb stehen, mit einer einfachen Ledertasche in der Hand. Jetzt kam der Fremde auch auf mich zu. Was wollte er? War es Freund oder Feind? „Ob ich schon Nachtquartier hätte? Ich könnte bei ihm billig schlafen.“ Da der andere schon zugesagt hatte, willigte auch ich ein. Mitgegangen, mitgehangen! Ich wundere mich noch heute, wie ich damals um Mitternacht in Santa Fé in völliger Finsternis einem mir völlig unbekannten Mexikaner mit einem anderen, der mir ebenso unbekannt war, in sein Haus folgen konnte. Wenn man mich hier etwa in der Nacht aufgehoben hätte, so hätte wohl kaum jemand je erfahren, wo und wie ich eigentlich von der Welt verschwunden wäre. Aber an diesem Buche sieht der Leser, daß ich am Leben blieb. Ich wollte auch zunächst die Schlafgelegenheit erst einmal „besichtigen“. „Es sollte nah sein,“ sagte der Fremde, „aber in die Stadt noch weit.“ So wollte ich einmal das Abenteuer probieren. Hatte ich in einem sehr feinen Haus in Neuyork unter ~bed-bugs~[24] leiden müssen, so brauchte ich mich gewiß hier im Felsengebirge nicht über sie zu beklagen; aber vielleicht ging es sogar ohne sie ab.
Wir kamen nach ein paar Minuten an einem kleinen Haus an. Alle Läden an ihm waren geschlossen. Insofern machte es einen mystischen Eindruck. Der Mexikaner öffnete und führte uns eine Treppe hinauf. Eine alte Frau steckte in Nachtkleidung den Kopf aus einer halbgeöffneten Tür. Er murmelte zu ihr ein paar mir unverständliche Worte auf spanisch; darauf verschwand sie und erschien nachher notdürftig angekleidet mit einer kleinen Wasserkanne und einem Ding, das wohl ein Handtuch vorstellen sollte. Mein Begleiter bekam rechts ein Gemach, ich links. Das meine war noch etwas vornehmer und größer, enthielt außer dem Bett sogar eine Kommode und einen kleinen Waschtisch. Ich akzeptierte, der andere auch. Was sollte ich jetzt in Santa Fé nach Mitternacht nach 39stündiger Bahnfahrt noch lange nach einem Zimmer herumlaufen? Eine Räuberhöhle oder Verbrecherfalle schien es ja nun auch nicht gerade zu sein. Schließlich sind auch die Mexikaner Menschen wie wir, dachte ich, und der andere war ja auch noch zur etwaigen Hilfeleistung und Verteidigung da. Beim Schein einer Kerze, die ich dankend angenommen hatte, schaute ich zuerst, als ich allein gelassen war, in meiner Kammer unters Bett, ob keiner etwa drunter läge, der nachher, wenn ich schlief, hervorkäme und mich vielleicht beraubte. Schließlich verrammelte ich noch zur Sicherheit die Türen mit der Kommode und dem Waschtisch. Sollte also ein nächtlicher Angriff von dorther geplant sein, so würden mich mindestens die umstürzenden Möbel noch rechtzeitig aus dem Schlaf wecken. Das Fenster schloß ich, erstens von wegen des Einsteigens -- was sich ja sogar einmal ein Bonsels geleistet hat! -- zweitens von wegen der auf 2100 ~m~ Höhe trotz des 35. Breitengrades empfindlichen Nachtkühle. Dann untersuchte ich das Bett auf kleine Schlafgenossen hin, fand aber nichts Bedenkliches und legte mich zuletzt sorglos hinein ... um nach prachtvollem Schlaf -- die 39 Bahnstunden saßen mir doch recht in den Gliedern -- am anderen Morgen, einem Sonntag, um sieben Uhr bei strahlendem Sonnenschein wohlgestärkt zu erwachen ...
Ich sah mich in dem hellen Zimmer um. Es war alles bescheiden und einfach, aber ganz ordentlich. Das Fenster war noch geschlossen, es war also niemand des Nachts eingestiegen. Die Kommode stand noch geduldig hinter der Tür, also auch von dort hatte sich kein Feind genaht. Scheckbuch und Uhr waren auch noch vorhanden! Was wollte ich mehr? Ich sah aus dem Fenster und ließ die herrliche Morgenluft hereinströmen und sagte zu mir selbst: Nun bist du wirklich in Neumexiko, und die Berge dort drüben sind ein Stück Felsengebirge. Alles war wie ein Traum! -- -- --