Chapter 18 of 27 · 3880 words · ~19 min read

Part 18

Draußen liegen einige trockene, wurzellos vom Sturm geknickte Föhren. Sie faulen und verwittern. Vor Jahrtausenden sind sie versteinert und heute zum Teil noch in allen Farben schillernd nach Form und Gestalt erhalten. Ganze Wälder von Lebensbäumen treten auf. Die Vegetation belebt sich. Ach könnte man bei den Cowboys einmal im Zelt schlafen und mit ihnen reiten oder auf die San Franzisko-Berge steigen bis an den Schnee! Im Zug preist der Hotelportier der großen Cañonhotels immer aufdringlicher ihre unvergleichliche Unterkunft an, Wagenfahrten, Reittiere, Indianertänze, Zeltreisen und wer weiß nicht was ... Wir nähern uns also unserem Ziel.

* * * * *

Wir halten! „Grand Cañon-Station!“ Nur wenige Schritte, und wie beim Niagara wird eins der größten Naturwunder der Erde sich vor mir auftun ...! Zuvor aber bestelle ich mir im Hotel „~Bright angel~“ ein Zimmer und lege mein Gepäck ab. Dann will ich in aller Muße und Ruhe das grandiose Naturschauspiel von hier oben genießen. Der Hotelportier ist zur Abwechslung -- ein Schweizer! Ein prächtiger, urwüchsiger, unverdorbener Bursche, der seinen volksechten Dialekt unter den englischen Brocken noch nicht verlernt hat. Der Wirt war leider ein etwas allzutypischer, sehr wohlbeleibter, damals oft dem Gläschen am Büfett zusprechender Deutscher, der hier schon recht treffliche Geschäfte gemacht hat. Freilich ist der „~Bright angel~“ nicht der einzige, aber älteste und verhältnismäßig preiswerteste Gasthof, was bei mir neben den Naturschönheiten immer etwas mit ins Gewicht fiel ...

Und dann trat ich an den Rand des Cañon! Er übertraf wirklich alle Erwartungen! Man stand einen Augenblick wie starr vor dieser märchenhaft-titanischen Naturszenerie, die sich da auftat. Ich war noch nie von einem Naturschauspiel so wahrhaft im buchstäblichen Sinne überwältigt wie hier. Selbst der Niagara -- unvergleichlich in seiner Art -- tauchte daneben auf eine Weile in den Schatten der Erinnerungen. Ich war in den Alpen gewesen, im Berner Oberland vor der Jungfrau, im Allgäu, in Tirol, im Stubaier, im Ortlergebiet. Aber hier übertrafen die Ausmaße und die grandiose Wucht des Ganzen alles bisher Geschaute. Das konnten gleichsam nur götterhafte Riesen der Vorzeit aufeinandergetürmt haben. So empfand man. Ich stand und schaute ... Wie klein war man dieser Urwelt gegenüber! ... Was ist der Mensch, diese Eintagsfliege auf seinem uralten und urmächtigen Planeten ...?

Eine wahrhaft ungeheuerliche mit Felstürmen, Plattformen, Nebencañons in allen Farben vom Violett und vollem Rot bis zum satten Dunkelgrün, Gelb und Weiß des Jurakalks schimmernde, unfaßlich weite, nach unten in gewaltigen Terrassen sich stark verengende Riesenschlucht tat sich auf. Mehr einem steinernen Zaubergarten, in dem sich heimlich Riesen ergehen, oder verwunschenen Riesenschlössern vorweltlicher Titanen und Götter mit Zacken, Zinnen und Türmen vergleichbar denn einem Felsental eines einzigen Stromes, das er in Jahrhunderttausenden ausgewaschen und eingefurcht hat.

Oben steht man auf einem völlig flachen und platten, etwa 2000 ~m~ über Seehöhe befindlichen Steppenplateau, nur von winddurchwehten, niedrigen, knorrigen Föhren bewachsen, die sich da und dort zu Wäldern verdichten, und dann stürzt es dicht vor einem hinunter in wahrhaft gigantischen Stockwerken von jedesmal mehreren 100 ~m~ bis zur Fußsohle, die wieder in einer besonders scharf eingeschnittenen Felsenschlucht anderthalbtausend Meter unsichtbar unter dem Beschauer in der Tiefe des Cañons liegt. Gerade weil der Urheber des Cañons, der Koloradofluß, der in den kalifornischen Golf sich ergießt, völlig unsichtbar bleibt und doch wie Hephästus ständig in der Tiefe arbeitet, rauscht und braust, schafft und weiter sich einfrißt und an der Schlucht in alle Ewigkeit bohrt; wirkt das Ganze noch mystischer und unfaßlicher ... Mitten aber in den steinernen gigantischen Felsenöden erblickt man auf einmal bei schärferem Zusehen etwa 800 ~m~ tief unten eine kleine grüne Oase mit einem menschlichen Haus -- eine zerbrechliche Menschenhütte in der Welt der Titanen! -- das sogenannte „~halfway-house~“ (Halbweg-Haus) in der Hälfte des Abstiegs zum Koloradofluß. Man kann zu Fuß und auf Maultieren auf sehr steilem steinigen Zickzackpfad in die schaurige Tiefe hinabgelangen ...

Ich konnte mich von diesem riesenhaften Anblick nicht so bald trennen. Ich liebe es immer, auf hohen Bergen, an besonders großartigen Punkten der Natur auf Erden stundenlang allein zu weilen, um die großen, erhabenen Eindrücke und das feierliche Schweigen der immer grandiosen Natur in mich recht hineinzusaugen. Das ist mir dann Lohn genug für alle Anstrengungen, Mühen und Ausgaben der Fahrt. So lag ich schon als Vierzehn- und Fünfzehnjähriger stundenlang auf den Höhen des Schwarzwaldes, etwa dem Hochfirst über dem Titisee oder dem Feldberg über dem Feldsee oder auf dem Sulzer Belchen oder Donon in den Vogesen, als noch niemand daran dachte, sie könnten je wieder französisch werden, und sog die ungeheuren Ausblicke über die Rheinebene, die Gipfelwelt des Wasgaus, den Anblick der vielen kleinen Dörfer und Städte in mich hinein. Wie in einem Tempel geweiht trat man dann den Abstieg und Heimweg an. Es war die Seele gleichsam auf Jahre hinaus geweitet. Alles menschliche Gezänke und Gejage erschien da oben so erbärmlich! Man war eigentlich grundsätzlich von ihm erlöst. Streit um Mode und Meinung, um Richtung und Partei zerfloß vor solchen Erlebnissen wie eine Lächerlichkeit. Es war etwas vom Geiste des Universums in das Individuum geströmt und hatte es frei gemacht. Wie kindisch erschienen nach solchen Eindrücken auf hohen Bergen die Menschen in den großen Städten, die den Hals so lang recken und den Kopf so hoch tragen, da einer auf den anderen herabsieht, weil der eine einen anderen Rock trägt als der andere oder dieser einen geringeren Beruf hat als jener. O über die erbärmlichen und kleinlichen Menschen!

Stunden der inneren Erlösung werden am Rande des Cañon geschenkt -- wenn nur nicht zwei Minuten hinter mir sich schon die „Kultur“ in Gestalt der Gasthöfe erhoben hätte samt den typischen Reisenden mit ihrem unnützen Geplauder und Gewäsche. Auf den Bänken am Rande des Cañon müßte etwa angeschrieben stehen: „Alles laute und oberflächliche Schwatzen und Lachen ist angesichts der großen Natur strengstens untersagt.“ Ich saß da, bis es dunkelte, und konnte mich nicht satt sehen. O das wunderbare Rot! Dieses strahlende Feuer des Gesteins um die Zeit des Sonnenuntergangs! Diese Riesenbauten, immer aufs neue großartig in ihrer schweigsamen Pracht! Letzte Sonnenstrahlen ließen jede Wand, jeden Sandfleck noch einmal rot, blau, violett, tiefgelb erstrahlen. Das Farbenspiel an den Wänden des Cañon war fast ebenso wundersam wie seine Größe. Dazu der Kontrast der obersten weißen Juraformation mit den roten und braunen Gesteinsbändern. Hier versagen alle Beschreibungen. Wie ein aufgeschlagenes lebendiges Museum hat hier die Erdoberfläche alle ihre geologischen Geheimnisse enthüllt und ihr Inneres offen und furchtlos aufgedeckt. Man sah wie die letzten Sonnenstrahlen langsam aufwärts glitten. Was für Gründe und Schlünde! Wände wie flüssiges Feuer! Jetzt wurde die rote Schlucht von der Abendsonne nicht mehr erreicht. Aber der gelblichweiße Kalk leuchtete noch lange! Langsam erstarben auch diese Lichter. Der Abend kam. Die kühnen Riesenschlösser verdunkelten ...

Aus dem nahen Föhrenwald ritt eine Gruppe Indianer heraus. Eine bessere Staffage konnte ich mir zuletzt gar nicht wünschen. Unter ihnen ein Bursche mit zwei feuerroten Pferden, als seien sie dem Cañon entstiegen. Jetzt halten sie am Rande der Riesenschlucht. Auch für sie scheint er, obwohl gewohnt, ein immer neues unfaßliches Schauspiel.

Grabgesang für den indianischen Häuptling Schwarz-Amsel

(Aufrecht begraben auf einem lebenden Pferd am Felsenufer über dem Missouri.)

Er ist tot, Unser Häuptling, Ai! Ai! Ai! Ai! Krankheit überfiel ihn, Ihn, unsren Führer, Schmerzlich starb er dahin.

Zu seinen Füßen sind wir Krieger, Seine Kinder versammelt. Zerschnitten haben wir unser Fleisch Vor seinem Leib. Unser Blut tropft auf die Weiden, Mit denen wir unsre Arme durchbohrten. Wir schlagen uns mit Weiden, Wir betrauern unsren Bruder, unsren Vater, Wir singen langsame Lieder Dem lauschenden Geist des großen Häuptlings Schwarz-Amsel.

Gestern Unterm roten Himmel, Durch den die Sonne stürzte, Riefen sie dich, Deine Vorfahren Aus der Mitte des Himmels, Aus der dich umkreisenden Wolke Riefen sie deinen Namen.

Er ist tot Unser Führer Ai! Ai! Ai! Ai! Unser Häuptling Schwarz-Amsel! Schlagt euch mit Weiden, Laßt tropfen euer Blut für ihn! Ihr habt den Todesgesang Euren Freunden gesungen, Den Gräsern der Prärie, dem Fluß, Der die Prärie Wie der Mond den Himmel schneidet.

Sieh, wir richten dich auf. Das Blut unsrer Weidenwunden Tropft auf dich. Wir kleiden dich in dein Hemd aus weißem Bocksfell, Wir knüpfen deine Gamaschen aus Bergziegenfell, Wir legen um deine Schultern Dein Kleid aus dem Fell des jungen Büffelstiers, Wir haken dein Halsband aus grauen Bärenklauen Um deinen Hals Und setzen auf dein Haupt Deinen Kriegshelm aus Adlerfedern. So hast du es befohlen. Ai! Ai! Ai! Ai! Schlagt euch mit Weidenruten! Du fährst fort von uns, Es ist Zeit für dich fortzufahren, Du trittst die lange Reise an.

Hinauf auf die hohe Klippe Tragen wir dich. Unser Blut tropft auf die Erde, Und dein Pferd, Dein weißes Pferd Geht mit dir, Es folgt dir nach, Sanft leiten wir es Deinem Körper nach, Deinem nicht mehr schweren Körper, Den der Tod zerschrumpft. Der Habicht fliegt Halbwegs zum Himmel, So wirst du halb über der Erde schweben. Auf hohem Ufer wirst du stehen, Wenn wir dich aufstellen, Zittert die Erde.

Du bist tot, Doch du hörst unsren Gesang, Du bist tot, Doch wir heben dich auf dein weißes Wieselroß. Es zittert wie die Erde, Sein Fell zuckt Bei der leisen Berührung mit deinen Knien, Unser Blut schreit zu dir, Da es über die Blätter der Weiden tropft. -- -- -- Du leuchtest wie Sonne zwischen Bäumen, Du blendest wie Sonne, Die über Präriegras rinnt. Du durchbohrst unsre Augen, Wenn die Donnerwolke sich empört gegen den Wind.

Wer sollte das sein, Wenn nicht er, unser Häuptling? -- -- -- Ai! Ai! Ai! Ai! Stolz reitet er sein weißes Pferd, Seine Hauptfedern rauschen leis’ im Wind. Großer Häuptling, Vater des Volks, Der du schaust auf den kluftigen Hügel Und den langen beweglichen Fluß.

Der du gefaßt erwartest den Saum der Nacht Und das Kommen der Sterne, Bereit zu springen Den Sternweg mit der mächtigen Kraft Deines wundervollen Pferdes, Die Wolfsspur aufzunehmen, Mit dem Schrei des Erfahrenen Aufwärts zu reiten über den großen Himmel.

Wir bewachen dich, Wir begeistern dich, Wir schreien dir Beifall mit unsrem Jagdruf, Unsrem Schlachtlied. Zum Klatschen unsrer Weiden sollst du reiten, Und dein weißes Roß Soll dich hinter die Wolken tragen Hinter die unbeweglichen Sterne.

Wenn die Wasser ruhen Und Nebel steigen, Wirst du +wieder erscheinen+? Dann werden deine Brüder, die Ottern, Aus den Wassern tauchen, Unter dem hohen Hügel Wird deiner Stimme starkes Echo tönen. Wie Metall wird deine Stimme Durch die Himmel dringen.

Deine Kriegskeule wird durch die Räume hallen Wie deine Brüder, du Adler, Wird deine Stimme zu uns niederfallen Durch die Böschungen des Winds. Du wirst rund um die Welt gehen, Du wirst über und unter die Welt gehen, Du wirst zum Geisterplatz kommen.

Ai! Ai! Ai! Ai! -- -- -- Wenn Regen kommt Auf den Schwingen der Krähen, Im Frühling Müssen wir die Stimme der Eule fürchten Allein in unsren Hütten, Nun, da du von uns gegangen.

Wie groß ist die +Zahl deiner Schlachten+! Zur Nacht, Wenn die Hunde schweigen, Gehst du leise Über die Dörfer der Feinde, sie zu zerstören. -- -- -- Tod bringe ich! Ich tanze auf denen, die ich töte! Ich skalpiere die, die ich töte, Ich lache über die, die ich töte, Heh -- heh! Rot waren deine Pfeile wie des Grashüpfers Flügel, Hoch in der Sonne. Denn Feinde schämten sich vor dir, Bis du ihnen die Köpfe abschnittst Und ihren Skalp an deinen Zügel bandest. Nun reisest du allein, Reise die Wolfsfährte entlang, Müde zu den kleinen Sternen!

Amerikanische Nachdichtung von Amy Lowell.

Die braunen Burschen mit Federn und Bogen, gestickten Mokassins und prachtvollen warmen, weichen Decken -- angenehm jetzt in der wehenden Abendkühle -- verschwanden in einigen nahen Lehmbauten, wo sie -- man sieht es durch die offene Tür -- ein Feuer entzündeten. Malerisch säumten ihre bunten Kopfbinden das langsträhnige glänzend schwarze Haar ...

Geschminkte und gepuderte reisende Damen kamen jetzt daher und richteten ihre Lorgnette auf die Söhne der Natur. Da wünschte ich mir eine Geißel ...! Drinnen aber im ~Hopi-house~, der Lehmhütte der angekommenen Hopi-Indianer, schaukelte friedlich ein Baby auf einem von der Decke an zwei Stricken hängenden Brett. Ein Älterer der Rothäute trat jetzt mit einer blitzenden Axt vor die Hütte, um Holz zu spalten und das Feuer zu entfachen. Diente nicht diese Axt wilderem Zweck? Am liebsten wäre ich zu der um das Feuer in der Hütte hockenden Gruppe gegangen und hätte mich unter sie gesetzt und mit aus ihrem Napf gegessen. Und Karl May war nie solcher Anblick vergönnt! -- --

Nach dem Abendessen im „~Bright angel~“ trat ich noch einmal an den Rand des Cañon. Der Mond übergoß jetzt mit blendendweißem Licht die grellbleichen Kalkfelsen, die da in den schauerlichen Grund abstürzten. Welch eigentümliches Licht! Aber auch hier fehlte die Komik der Kultur nicht. Elektrische Bogenlampen erhellten frech und frank rings die Nacht um das Hotel! ... Fledermäuse umschwirrten sie. Glühlämpchen am Cañon! Welche Stillosigkeit! Auf den Bänken saßen einige Hotelburschen, deren Arbeit zu Ende war, und sangen süßmelancholische Negerlieder aus Kentucky und Tennessee! Vor dem Hopi-house aber tanzte -- verhülle dein Haupt -- für ihnen auf den Boden zugeworfene Kupfermünzen die Gruppe der Hopi-Indianer indianische Volkstänze. Sieben bis acht Männer, Frauen und Kinder waren es. Es war ein merkwürdiges rhythmisches Stampfen und heiseres Schreien, das durch eine Rassel in der Hand unschön unterstützt wurde. Die Frauen tanzten barfuß mit Blumensträußchen in den Händen, bald neben-, bald hintereinander zierlich und rhythmisch sich wiegend, die Männer in ihren Mokassins. Indianertänze im bleichen Mondschein vor der Indianerhütte am Rande des Cañons waren also der letzte Eindruck dieses Tages! Den nahm ich mit in meine Träume der Nacht ... --

Für den anderen Tag hatte ich mir vorgenommen, den Abstieg auf dem schwierigen und sehr mühevollen „~bright-angel-trail~“ in den Cañon zu wagen. Aber nicht mit Maultier und Esel, Führer und Pferden, Zelten und Proviant, mit geputzten Herren und gepuderten Damen, Dienern und Troß, sondern allein zu Fuß und mit ein paar Brotscheiben in der Tasche ... Allein, Auge in Auge, wollte ich der Nacktheit der Natur und den titanenhaften Schroffen des Kolorado gegenübertreten. Hoffentlich störte mich heute kein Menschenschwarm und -geschwirr, keine schwatzenden, beschleierten und lorgnettierenden Damen oder politisierenden Männer ...

[Illustration: ~SANTA CATALINA IM STILLEN OZEAN~]

Ich nahm also einstweilen Abschied von der bewohnten Oberfläche der Erde, um mich in die Eingeweide ihrer Unterwelt zu begeben. So kam es mir vor. Oben blieb die Menschheit zurück, und ich stieg der Tiefe zu, wie der Bergmann in den Schacht fährt und der Taucher in den Ozean sinkt. Fast so war es mir zumute. Hoffentlich gab mich der Cañon heil der oberen Erde wieder. Je weiter ich stieg -- jeder Tritt war mit Vorsicht zu wählen, und jeder Schritt eine kleine Leistung -- desto ungeheuerlicher wurden die Ausmaße der Abstürze. Und so tief man auch hinabstieg, immer neue Felsenabstürze gähnten unter mir, immer ferner rückte die Randhöhe des Plateaus oben, immer weiter wurde die Spanne von Rand zu Rand der Riesenschlucht. Welche Entfernungen, welche Tiefe, welche Steilheit des Felsenpfads! Welch schauerliche Felsöden! Man kam sich vor wie in einem Riesengefängnis, das kein Schließer zu verschließen braucht. Drüben aber die in der Morgensonne leuchtenden roten Zacken, Zinnen, Türme und Wände, die noch kein menschlicher Fuß betrat.

Etwa zwei bis drei Stunden bin ich mühsam allein hinabgestiegen. Kein Laut störte die Einsamkeit. Kein Vogel kreiste über den unfruchtbaren Felsmassen. Nur da und dort rollte ein Steinchen, das unter dem Tritt sich löste, springend, hüpfend mit ein wenig Geklirr in größere Tiefen. Es hallte der eigene Schritt wieder von den nächsten Felswänden. Ein paar niedrige Kakteen wuchsen zwischen den Steinen und ein paar blühende Anemonen ...

Ich landete auf einem Plateau, halbstündig im Geviert. Eine kleine grüne Steppeninsel inmitten der Felsmassen lag vor mir, von etwas quellendem Wasser berieselt. Das „~half-way-house~“, der Rastort der Touristenkarawanen, war erreicht. Ich kletterte noch vor bis an den Rand des eigentlichen engeren Flußcañons, wo es schwarz und steil in die Tiefe geht. Aber weiter wage ich mich nicht. Ich hätte gerne dort unten meine Hand in den Kolorado gesteckt ... Aber jeder Schritt tiefer kostete zwei mühsame Schritte nachher wieder herauf. Und hinauf war es weit länger und anstrengender als hinab. Würde auch das Wetter halten? Der Himmel hatte sich dunkel umzogen ...

Ich mochte eine halbe Stunde am Rand des letzten Absturzes gelegen haben, wie Jakob das Haupt auf einen harten Stein gebettet, und hatte in die Felseinsamkeit und den Himmel gestarrt. Vom Kambrium bis zum Tertiär lagen wohlabgezeichnet alle Schichten von unten nach oben übereinander, rote Granite, dunkelbraune Gneise, mattgrüner Schiefer, dunkelroter Kalkstein, rot und weißgebänderte Sandsteinformationen und zuoberst hellgrauer Kalk. Von Rand zu Rand spannt die Riesenschlucht oben etwa 15 ~km~, bis 1½ ~km~ ist sie tief, und der Fuß auf der Sohle ist noch an 100 ~m~ breit. Bei Hochwasser kann der Kolorado bis um 70 ~m~ steigen! Wie mag der erste Weiße, der Goldsucher Garcia Lopez de Cardenas im Jahre 1542 gestaunt und gebebt haben, als er diese teuflische Schlucht, die bis 350 ~km~ (also etwa von Berlin bis über Prag hinaus) lang ist, zum ersten Male erblickte! Was besagen diesen Maßen gegenüber alle die Klamms Oberbayerns oder selbst die Elbrinne unserer sächsischen Schweiz? 1869 unternahm es zuerst der kühne Major J. W. Powell, den Koloradofluß durch den Cañon hindurch im ganzen 1600 ~km~ weit zu befahren! -- -- --

Ich hatte mich erhoben, um wieder anzusteigen. Und ich tat gut daran. Wolken und Nebel fuhren dichter über die Felszinnen. Ängstlich huschten die Eidechsen in ihre Steinritzen. Als ich eine kleine Stunde mühsam bergangeklommen war, brach um mich ein Schneesturm los! Im Nu tanzten wilde Flocken und hüllten mich ein. Kein Mensch war weit und breit. Orkanartig brauste es die Wände entlang. Verschwunden war mit einem Male der Zaubergarten samt allen seinen Farben. Im Schneesturm, in Nebel und Wind mutterseelenallein an eine Felswand gedrückt, wartete ich das Wetter ab. Der Steilpfad war zwar kaum zu verfehlen. Ein Verlorengehen war nicht gut möglich. Und ein Tornado oder eine Windhose, die mich am Ende nach dem anderen Rande des Cañons entführte, würde ja hoffentlich nicht gerade kommen.

Vorgestern noch in Santa Fé ein Sommergewitter und heute in derselben Höhe und Breite ein Schneesturm im April unter 36 Grad Breite! Welche Kontraste doch dieser Kontinent barg!

Vom anstrengenden, steinigen, steilen und eiligen Steigen klopfte mir das Herz bis zum Halse hinauf. Eine Zeitlang barg ich mich in der schützenden Nische an der Felswand. Die Hände waren mir eiskalt, aber am Rücken troff mir der Schweiß! Das Schneegestöber nahm zu. Ich war früh aufgebrochen. Die reitenden Karawanen hatten es vorgezogen, oben zu bleiben oder waren auf dem Viertel Weg wieder umgekehrt. Als ich endlich nach viel Mühe, durchnäßt und durchfroren wieder oben war, lag der Schnee auf den Hoteldächern und der Terrasse! ... Man glaubte sich in eine Winterlandschaft des Riesen- oder hohen Erzgebirgs versetzt und wärmte sich gern am behaglichen Kamin mit seinen mächtigen glimmenden Holzklötzen ...

Die Nacht erquickte die vom Ab- und Anstieg ausgereckten Glieder wunderbar. Es war die zweite Nacht am Rande des Cañons. Wie würde morgen das Wetter sein?

Fußnoten:

[Footnote 22: ~Young men’s christian association.~]

[Footnote 23: Indianerdörfer.]

[Footnote 24: Wanzen.]

Nach Kalifornien.

Am anderen Morgen war auch noch Nebel und Schnee. Die Tiefen des Cañons waren dicht verhüllt. So konnte ich also nicht einmal rechten Abschied von ihm nehmen. Wir fuhren erst wieder unsere drei Stunden bis an die Hauptlinie nach Williams: Pußta, Prärie, Heide -- immer dieselbe Großartigkeit! In Williams ging es wieder -- weniger angenehm nach der herrlichen Berg- und reinen Steppenluft -- in die seit drei Tagen nicht gelüftete „~chair-car~“ des Chikago-Los Angeles Expreß, mit dem ich vor zwei Tagen hier angelangt war. Viele Auswanderer saßen wieder drin mit Kind und Kegel. Kalifornien ist seit dem Goldfieber von 1848 noch immer das Land der Sehnsucht aller Auswanderer. Unaufhörlich geleiten die Pazifikbahnen den fremden Menschenstrom in das gelobte Land am Stillen Ozean ... Die Bahn senkt sich. Der Nebel streicht über die Föhren wie über irgendeine deutsche Heide. Weite blaue Bergländer tun sich in der durchbrechenden Mittagssonne auf. Wir halten in Ash-Fork, einer Bahnkreuzung. Aber es ist nicht mehr als ein Dorf, dessen Straßen aus Holzplanken bestehen! Die Häuser sind buchstäblich auf den Sand gebaut. Aber bald wird auch hier eine „~main-street~“ (Hauptstraße), ein paar ~lunchrooms~, eine ~general merchandise~ sein, und wohl auch ein oder zwei kleine Holzkirchen stehen. Links und rechts erheben sich mächtige Kraterhügel, wie unvermittelt auf das Plateau aufgesetzt. Schnaubend zieht die Bahn, nach der Durchschreitung des felsigen Johnsons Cañon, wieder in die Höhe. Neue Aussichten über weite, wellige Hochländer öffnen sich. In gewaltigen Kurven dampfen wir das Grasland hinan. Und weit und blau spannt sich der Himmel über dem ungeheuren Lande. Wem gehört hier dies alles? Niemand? Die Dämme sehen alle noch recht frisch und unbewachsen aus. Einige armselige „~fences~“ (Hürden) zeigen einige private Besitzer an.

In „+Seligman+“ wird die Uhr zum viertenmal seit Boston um eine volle Stunde nachgestellt: Nun ist „~Pacific time~“! (Die Union ist ja etwa 17mal so groß als das Deutsche Reich, also rund viermal so lang und so breit. Darum kommen wir in Deutschland mit ein und derselben Görlitzer Zeit aus, d. h. die Sonnenzeit in Köln und Königsberg differiert nur etwa um eine Stunde und die Görlitz-Berliner Zeit hält das Mittel inne.) Wir setzen auf wohlvollendeter Brücke über einen völlig wasserlosen Cañon. Dann dehnen sich wieder endlose gelbgraue menschenleere Steppen, blendend im Sonnenschein mit scharfabgezeichneten Schatten auf dem sandigen Boden säumender Bergreihen. Wie rein und klar ist hier die Luft und wie sonnig! Wenn ich jetzt alle die durchfahrenen Distanzen überdenke: Eine volle Nacht von Boston bis Buffalo! 15 Stunden von Buffalo nach Chikago. Und von Chikago bis zum Pazifik waren es vier Tage und drei Nächte! Bädeker hat recht mit seinem lakonischen Satz im Vorwort: „In Amerika lasse man alle engen Vorstellungen zurück.“ Wer Freude an einer wochenlangen, fortgesetzt wechselnden Bahnfahrt haben will, hat bloß zwei Möglichkeiten dazu, entweder mit der sibirischen oder einer amerikanischen Pazifikbahn zu fahren.

Was für Zukünfte schlummern noch in diesem ungeheuren Land der Rassen und Schätze an Eisen und Kohle, Weizen, Mais und Baumwolle, Vieh, Gold, Quecksilber und Petroleum! Davon ahnen die kleinen Italienerkinder noch nichts, die im Mittelgang unseres Wagens einander fröhlich haschen. Die Geschwindigkeit läßt etwas nach. Kleine Steppenkolonien tun sich auf, deren Häuser wie kleine Badehütten an einer Düne stehen. Ein paar völlig weltverlorene Stationen, wo nichts weiter als ein Stationsschild mit Aufschrift die Haltestelle bezeichnet und ein paar Schuppen für Hirten stehen. Die einzigen Tiere, die man zu Gesicht bekommt, sind hier merkwürdig kleine, dünnbeinige, aber wahrscheinlich sehr ausdauernde Steppenpferdchen ...

Weiße Wölkchen stehen sonnendurchschienen am blauen Himmel. Im Wagen spielen die Männer gelangweilt Karten, essen, schlafen, schmökern aus Zeitungen, trinken Eiswasser und träumen von der Zukunft. Wer rauchen will, muß für eine Zeit den am Ende des Zugs befindlichen allgemein zugänglichen, aber engen ~smoking-room~ aufsuchen. Recht nachahmenswert!

Ein Kolonistendörfchen mit etwa 15 Hütten zeigt sich unter ein paar grünen Bäumen. Ob nicht in zehn Jahren hier eine Stadt sein wird? Dann wird die Landschaft wieder steiniger, als es auch in der arabischen Wüste kaum sein könnte. Aber die Menschen erscheinen hier viel ruhiger und gelassener als im Osten. Es jagt sie keine „City“ mit ihren Untergrundbahnen und Autos. Die Natur ist auch zu groß hier für Hast und Hitze. Selbst die typischen kleinen Kirchen sieht man hier kaum noch. Sind die Menschen hier darum gottloser? Ich kann mir das in dieser Naturszenerie gar nicht vorstellen.