Chapter 17 of 27 · 3979 words · ~20 min read

Part 17

Ich kleidete mich rasch an, um die Stadt zu besehen und möglichst auch noch heute in die Berge zu kommen. Denn durchs Felsengebirge zweimal quer hindurchzufahren und auf keinen Berg zu kommen, dünkte mir ein Ding der Unmöglichkeit. Ich pilgerte bald in das Städtchen und fand es nicht so weit vom Bahnhof, als ich vermutet hatte. Bald stand ich auf seinem Marktplatz. Während man sonst in amerikanischen Städten durch „Wolkenkratzerkañons“ zum Zentrum kommt, war man hier wie in einer völlig anderen Welt. Eine belaubte und schattige, rechteckige nicht allzugroße stille „~plaza~“ wie in einem süditalienischen oder spanischen Landstädtchen öffnete sich als der Mittelpunkt des „Verkehrs“. Ihn bestritten einige in der Sonne sitzende kleine schwarzhaarige Mexikaner in ihren breiten Schlapphüten und hier und da ein echtsüdlicher zweirädriger Eselskarren. Die eine Längsseite der ~plaza~ säumte der alte dreihundertjährige „~governors palace~“, ein einstöckiges flachgedecktes, etwas verfallen aussehendes langgestrecktes Gebäude, das heute ein Museum birgt. Fast vornehm wie eine versunkene Pracht wirkten seine Säulenkolonnaden. Einst war es die „Residenz“ spanischer, mexikanischer und auch noch amerikanischer Gouverneure. General Lewis Wallace, der 1879-82 Gouverneur von Neumexiko war, schrieb hier seinen vielgelesenen Roman „Ben Hur“! Wahrhaftig, hier herum hatte er auch das passendste Milieu dazu, denn Neumexiko steht an Vegetation, Bergwelt, Bauweise und Klima in nichts dem heiligen Lande nach. Still und ehrwürdig klangen die Glockenschläge der nahen zweitürmigen, aber im ganzen einfachen romanischen „Kathedrale“ des heiligen Franziskus, die zur Morgenmesse riefen und auf die Mexikaner und katholische Indianer aus den umliegenden Siedlungen zustrebten. Es war Sonntag. Auf altspanischem Boden herrscht noch heute der Katholizismus. Santa Fé ist für amerikanische Zeitverhältnisse uralt. Schon 1542 fanden hier die Spanier ein großes Indianerpueblo vor, als selbst Neuengland noch kein Weißer betreten. Und noch heute wohnen zahlreiche Indianer auch in der Stadt. Die Sträßchen um die ~plaza~ lagen still und verlassen. Die schlichtesten Lehmbauten, die Läden vor der schon am frühen Morgen recht warm scheinenden Sonne herabgelassen, waren hier aneinandergereiht. Man hätte auch in Assisi oder sonst wo in Mittelitalien in einem verlorenen Bergstädtchen sein können!

Welch wohltuende Ruhe in diesem alten Städtchen! Hier einmal dem Weltverkehr mit seinem Expreß, seinen Autos, Wolkenkratzern und Millionenstädten vollständig entronnen zu sein, war ein Labsal! Hier hätte ich am liebsten gleich vier Wochen zugebracht! Aber mich zog es noch weiter in die Bergwelt, die ringsumher ihr Haupt hob ... Freilich bis auf die Schneegipfel würde ich wohl nicht kommen, das war mir klar. Aber vielleicht auf die in mittlerer Höhe vor ihnen? Santa Fé selbst liegt schon 2147 ~m~ hoch. Die Gipfel, die seine mächtige Hochebene säumen, mögen wohl 4000 ~m~ hoch sein, und das „Mittelgebirge“ vor ihnen vielleicht gegen 3000 ~m~. Das war also mein Ziel.

Ich nahm gleich den nächsten Berg aufs Korn. Hinter der Stadt stiegen einige wegähnliche Gebilde durch die Felder und Weinberge bergan. Da mußte es emporgehen. Es war mir gleich wohin. Die Richtung nach Santa Fé zurück würde ich schon immer wieder finden. Im letzten Laden der Stadt verproviantierte ich mich ein wenig mit Brot, Konserven und eingemachten Früchten. Das sollte oben mein Mittagessen sein. Dann stieg ich wacker bergan ... Die Sonne schien heiß, obwohl es noch zeitig am Morgen war. Immer noch kamen mir einzelne Mexikaner, den ausgezogenen Rock den Italienern gleich frei über eine Schulter gehängt, aus den umliegenden Orten, und auch vereinzelte Indianer in bunten Decken, einen holzbeladenen Esel vor sich hertreibend, den Hohlweg herab. Jedem von ihnen schaute ich nach und bestaunte sie: Leibhaftige Mexikaner und Indianer! So klein, braun und schwarz wie etwa bei uns die Zigeuner, mit denen sie als ursprüngliche Mongolen (?) vielleicht auch rassemäßig zusammen gehören.

Von einer roten Farbe sah ich allerdings keine Spur. Vielleicht waren die roten Indianer weiter im Norden und Osten. In schwarzen langen Strähnen hing ihnen das Haar in den Nacken; es kamen nur Männer. Frauen und Kinder blieben wohl daheim in ihren „~pueblos~“, den fast fensterlosen und nur mit Leitern zu ersteigenden flachen Lehmhäusern. Bald aber kam niemand mehr. Was sie wohl von mir dachten? Hier und da sah einer dem Fremden nach. Ob schon je einer hier heraufstieg? Wenn nun ein paar vielleicht von ihnen heimlich umkehrten und mir etwa auflauerten? Mein kleines Taschenmesser wäre meine einzige Waffe gewesen, aber auf wie lange? Mit Revolver und Büchse war ich noch nie in die Wildnis gezogen ... In solche Rolle hätte ich mich auch nicht so leicht finden können.

So stieg ich wohlgemut auf Schusters Rappen höher und höher. Den Hohlweg hatte ich verlassen, der schien mir zu weit ab und zu wenig in die Höhe zu führen. Rechts hinauf war noch eine Zeitlang so etwas wie ein Jäger- oder Wildpfad, der zwischen dem fast mannshohen stachlichten Gesträuch hinaufführte. Dann hörte auch der auf. Einige Fliegen folgten mir summend, sonst war es völlig still. Die Sonne meinte es sehr gut. Kein schattenspendender Baum war ringsum. Ein Wiesel huschte vor mir über den Weg und verschwand scheu. Im Gebüsch raschelte es manchmal wenig anheimelnd. Waren es Schlangen? Gar giftige? Ich mochte nicht erst untersuchen, sondern setzte meinen Anstieg, der immer steiler wurde, unentwegt fort. Hier lag ein gebleichter Ziegenschädel. Der Balg des Tieres war verschwunden. Und dort ein zerzauster Vogel. Hatten hier Kämpfe stattgefunden? Waren hier Raubtiere (Pumas?) in weidende Herden auf den Bergen eingebrochen? Gab es hier sonst noch Gefahren? Ich wußte es nicht und stieg bergan.

Kein Mensch war weit und breit. Santa Fé lag schon eine sehr gute Strecke unter mir. Seine wohlgeformte Kapitolskuppel leuchtete in der Sonne, sonst schrumpfte alles andere des Städtchens auf einen ziemlich engen Raum zusammen. Ein Ruf wäre nicht mehr hinabgedrungen. Gab es auch hier oben Indianer? Friedliche oder räuberische? Karl Mays Indianergeschichten, einst in der Jugend verschlungen, tauchten in meiner Erinnerung wieder auf. Ich sah rauchende warme Skalpe am Gürtel hängen. Passierte das heute noch? Ich hatte noch nichts dergleichen in den Zeitungen gelesen. Zugüberfälle und Lynchjustiz an Negern, die weiße Mädchen überfielen, pflegten vorzukommen, aber auch Pistolenschießereien und Eifersuchtsszenen in den Südstaaten, wo das alte heiße und stolze Kreolenblut noch in den Adern rollt. Sollte ich lieber umkehren, um nicht etwas zu riskieren? Aber wozu? Vielleicht war ich hier oben sicherer als mitten in Chikago oder Neuyork. Sollte ich mich nachher vor mir selber schämen? Ich stieg weiter empor ...

Nach einer Weile hielt ich eine kleine Rast und schnitt eine Büchse mit in der Hitze besonders lieblich schmeckenden Aprikosen auf und aß von meinem Brote. Dann stieg ich höher. Nur Stechpalmen und Kakteen begleiteten mich noch. Vom Weg war schon lange keine Spur mehr. Nicht einmal Tritte waren zu sehen. Jeder Schritt mußte jetzt erobert werden. Dicht und dichter wurde das stachelichte Gebüsch. Aber die Schneegipfel ringsum hoben sich auch immer höher und unersteiglicher. Ich nahm mir einen Bergabsatz als Ziel, der mir noch erreichbar schien. Die Sonne stieg auf Mittaghöhe und leuchtete unbarmherzig vom wolkenlosen strahlend blauen Himmel. Endlich unter viel Schweißtropfen nach viel Klettern und Kriechen war das Ziel erreicht. Meine Hände waren blutig gerissen. Noch immer sah man Santa Fé, aber wie in einer tiefen Ebene gelegen. Wie hoch mochte ich jetzt sein? Die Aussicht war überaus großartig. Wie stumme Helden umlagerte mich die Kette der Schneegipfel. Wie weltverloren zitterte dünn und fern der Pfiff einer Lokomotive herauf. Durch die weite Hochebene wand sich eine winzig kleine schwarze rauchende Schlange -- der Sonntagszug. Als ich die Reste meines Proviants verzehrt hatte, schlief ich, ohne es zu merken und zu wollen, hier oben müde von dem dornigen, steilen und heißen Anstieg ein. Auch lag mir wohl noch die 39stündige Bahnfahrt von Chikago her in den Gliedern ...

Als ich wieder gestärkt von der herrlichen Bergluft erwachte, schaute ich mich verwundert um. Wo war ich? Ich merkte, daß ich geschlafen haben mußte. Ach, da unten lag ja Santa Fé. Ich war in Neumexiko, und diese Berge sind ja ein Stück Felsengebirge! Das ganz unbeschreiblich Eigentümliche meiner weltverlassenen Situation wurde mir wieder klar. Schlangen waren nicht gekommen, auch keine räuberischen Indianer hatten mich angefallen. Keine Moskitos hatten mich gestochen ... Ich zog die Uhr. Mittag war vorüber! Es war Zeit, schleunigst umzukehren, wieder unter Menschen zu gehen, wenn ich noch mehr sehen wollte. Wie gerne wäre ich weiter hinaus in die Bergwelt gestiegen, bis hin zu den Indianerpueblos und -reservationen, aber ohne jede Begleitung und besondere Ausrüstung war es doch wohl zu gewagt. Dazu gehörte vor allem Reittier und Führer ...

Der Abstieg ging natürlich viel rascher vonstatten als der Anstieg. In über einer guten Stunde war ich wieder in der Nähe der Stadt auf Wegen. Ich hatte einen kleinen Bachkañon mit Maultierspuren gefunden, wirkliche echte „Indianerpfade“, denen ich folgte. Denn alle Begriffe von Wegweiser, Farbzeichen, gebauten Wegen und etwa gar Ruhebänken wären im Felsengebirge eine bare Lächerlichkeit ...!

Als ich wieder auf die „~plaza~“ kam, saß da jetzt die ganze Stadt unter den belaubten Bäumen versammelt. Wie bunt waren die Kleider der Mexikanerinnen! Bei den Weisen einer konzertierenden Kapelle saß man, plauderte, rauchte und sah in die Sonne ... ein genügsames Völkchen!

Trotz ungewöhnlicher Wärme -- es war noch Anfang April -- ging ich am Nachmittag noch in anderer Richtung hinaus vor die Stadt, eine +Indianerschule+ zu besuchen, die der Staat zur Ausbildung und Erziehung tüchtiger indianischer Bürger eingerichtet hat. Die Schule war eine Art Internat und großes Pensionat, ein umfänglicher Gebäudekomplex mit Kapelle, Wirtschaftsgebäuden, Werkstätten, Wohn-, Lehr- und Schlafräumen und großen Spielplätzen. Als ich die Schule betrat, strömten die Indianerbuben, große und kleine, gerade aus der Kapelle aus der Sonntagsschule, alle in blauen Uniformen mit blanken Knöpfen, ihrer Schulkleidung. Dann stürmte alles hinaus aufs ~camp~ zum Spiel. Ich ließ mich zunächst beim Schulleiter, dem sogenannten „Superintendent“, melden und bat um die Erlaubnis der Besichtigung, was mir auch freundlichst gewährt wurde. Freilich auf eine lange Unterhaltung mit mir ließ sich der Herr „Superintendent“ jetzt an seinem freien Sonntagnachmittag nicht ein, denn er war gerade mit seinem Freund, dem Arzt der Stadt, übrigens einem Herrn +deutscher+ Abstammung aus Michigan, beim Schachspiel. Das mochte er offenbar nicht unterbrechen. Er war zwar gemütlich und entgegenkommend, aber ein wenig unhöflich, indem er vom Schachtisch nicht einmal aufstand, um mir nur die Hand zu schütteln. Aber ich war es ja vielleicht auch, unangemeldet Sonntag nachmittag um halb vier Uhr ihm ins Haus zu fallen. Er fragte, ob ich nicht morgen wiederkommen könnte. Da wollte ich schon in die 1000 ~m~ tiefe Schlucht des Grand Cañon sehen ... Also das ging nicht.

Der Schulsuperintendent klingelte seinem Adjutanten, einem der Lehrer der Anstalt, einem Mr. G. Der erhielt den Auftrag, mich zu führen. Was er auch in der allerausführlichsten Weise tat. Mr. G. war selbst Indianer(!), freilich in europäischer Kleidung wie alle die Indianerjungen. Schade! Wieviel romantischer hätten sie in ihrer Nationaltracht ausgesehen! Aber das nennt sich ja „Kultur“, alles Bodenständige, Individuelle und Originelle möglichst auszurotten und alles grau in grau zu nivellieren. So werden auch bald die zivilisierten Indianerjünglinge ihr höchstes Ideal darin sehen, Strohhut, Kravatte, Blusenhemd, Gürtel und Hosenfalten genau nach Neuyorker Vorschrift zu tragen ... Mr. G. führte mich durch die weiten Schlafsäle, in denen die Betten ebenso sauber und ordentlich in Reih und Glied standen wie in einem deutschen Schulinternat, dann in die Baderäume mit ihren Duschen. Waschgeschirr im Schlafzimmer kennt ja der Amerikaner nicht. Hier muß es ein unterhaltendes Schauspiel sein, die 200 munteren braunen kleinen Kerle planschen und spritzen zu sehen. Dann gingen wir durch die Schulzimmer, wo sie an einzelnen Tischchen und auf Schemeln sitzen, in die Werkstätten, wo jeder irgendein Handwerk lernt, in die Anstaltsgärten mit ihren wohlgepflegten Feldern und Obstplantagen -- welche Freude, diesen südlichen Reichtum zu sehen! -- und endlich zuletzt in die katholische Kapelle, wo Franziskanerinnen die Sonntagsschule halten. Der „~disciplinarian~“ -- das war Mr. G.s offizieller Titel -- machte mich auch aufmerksam auf die Unterschiede an den Uniformen der Knaben, wer Kapitän, Adjutant, Leutnant u. dgl. sei. Die Anstalt ist also nach dem Prinzip des amerikanischen ~self governement~ der Schüler ein sich selbst regierender Schulstaat, der der Jugend viel Spaß bereitet und mit großem Ernst von ihr bis zum Schulgerichtshof gehandhabt wird. Zu allerletzt führte mich Mr. G. in seine eigene Wohnung und stellte mich seiner Frau vor -- einer geborenen Mecklenburgerin! Diese Landsmännin war in Santa Fé, Neumexiko, schon 18 Jahre mit einem Indianer verheiratet! ...

[Illustration: ~DIE SAN FRANCISCO-BERGE IN ARIZONA~]

Ich verabschiedete mich mit großem Dank von dem „~disciplinarian~“, ließ mich dem Herrn Superintendenten empfehlen und begab mich noch hinaus zu dem 20 Minuten abliegenden Spielplatz, wo die Indianerbuben jetzt ihren Sonntagnachmittagsbaseball spielten. Von fern sahen sie in ihren blanken Uniformen fast aus wie preußische Kadetten. Aber nun konnte ich sie auch recht in der Nähe betrachten. Von 10-16 Jahren waren alle Altersklassen vorhanden. Lauter braune stämmige Bürschchen und Burschen mit starken Backenknochen, langem schwarzglänzenden strähnigen Haar und einem leichten Anflug von Kupferröte auf den braunen Backen! Wie merkwürdig! Da lernen nun die Kinder von „Adlerfeder“ und „Falkenauge“ usw., einst der Schrecken der Weißen, Englisch, Geographie und Geschichte, um einmal als Normalamerikaner in Denver oder Chikago oder wo sonst eine kaufmännische oder staatliche Stelle zu bekleiden und im Amerikanismus aufzugehen. Der Stammverband löst sich, ihre Religionen sind gestorben, die Götzenbilder wandern in die Museen, und der Medizinmann findet keinen Glauben mehr. Der Sinn für Krieg und Jagd ist dahin; sie sollen „~good citizens~“ werden. Reklameindianer bieten in ihren bunten Trachten auf den Bahnhöfen der Santa Fé-Eisenbahn ihre Erzeugnisse, bunte Teppiche und Töpfe, feil oder führen Nationaltänze in den Bars der großen Hotels auf. So endet die alte Geschichte der Indianer in der Neuzeit! Freilich die alten runzligen Weiber in ihren Perlschnüren und die am Feuer kauernden Männer in ihren bunten Decken sind kein dauerndes Menschheitsideal. Aber wehmütig war mir es doch, diese Indianerjungen beim Baseball statt beim Pfeilschießen und Pferdereiten zu sehen ... Im Garten der Anstalt saßen einige ihrer Väter mit braunen runzligen Gesichtern, fransenbesetzten Lederhosen und einem turbanartigen Tuch um das glänzend schwarze, langgeschorene Haar. Ein bißchen heroischer hätte ich sie mir allerdings vorgestellt ...!

* * * * *

Am Abend zog nach dem heißen Aprilsonntag ein Gewitter auf. Stahlblau sammelten sich die Wolken an den Bergen. Über den Schneehäuptern zuckten gelbe Blitze. Sie spiegelten sich in den blendenden Fenstern des adligen Kapitols, dessen Kuppel aus seinen üppigen Gärten mich zum Abschied grüßte. Ich erreichte gerade noch vor dem Gewitterregen den Bahnhof und bestieg wieder den Zug nach Lamy, wo sich heute am Sonntag Abend am Bahnhof ganze Haufen von Indianern in voller Tracht tummelten. Es war immer derselbe Eindruck: Tiefbraune Gestalten, schwarze, langsträhnige Haare, bunte Umschlagetücher und befranste Hosen ... So erwarteten sie den Kaliforniaexpreß und boten während des Aufenthalts ihre ohne Tonscheibe geformten und mit der Hand schön bemalten Tonwaren an.

Es war schon dunkel geworden, und ich war wieder im Schlafwagen. Leider durchfuhren wir gerade jetzt in dieser Nacht eine sehr interessante Gegend am breiten und reißenden Rio Grande entlang, der fast doppelt so lang als der Rhein schließlich sich in den Golf von Mexiko ergießt. Wir passierten Albuquerque, wo sich die Eisenbahn nach dem Zentrum Mexikos abzweigt, nach El Paso, Chihuahua und Mexiko ... freilich eine Reise von hier etwa noch zwei Tage weit. Dürr, eintönig und wenig bewässert ist rings das Land. Yuccapalmen, oft vielemannshohe Kakteen und Wermutsträucher sind die einzigen Steppenpflanzen, die hier fortkommen. An den Berghängen gedeihen Föhren und Zedern ...

Als ich am Morgen erwachte, dehnten sich rechts und links der Bahn wieder ungeheure Hochwüsten, kahle Felsen warfen scharfe Schatten; die Luft war ganz trocken und rein. Sonniges Himmelblau spannte sich über einem rötlich schimmernden Lehmboden. Hier und da sah man halbwilde Rinderherden, die von Cowboys zu Pferde umstellt und umkreist, eingefangen und zur Tränke oder zum Transport getrieben wurden. Herden oft von mehreren hundert bis tausend Stück, ein wimmelndes, buntbewegtes Schauspiel ...

In Winslow -- wir sind noch immer 1470 ~m~ hoch -- war „Frühstücksstation“. Ja, wie das wohltut, einmal wieder aus dem ewigfahrenden Eisenbahnwagen auf 25 Minuten aussteigen zu dürfen, wieder nach einer durchfahrenen Nacht als Mensch auf dem Erdboden sich in freier Luft und Sonne zu ergehen und die steifen Beine wieder bewegen zu können! Alles stürmte aus dem wieder zur Heimat gewordenen Wagen in den „Speisesaal“ der Station. Zum ersten Male bedienten hier chinesische Kellner, ein Zeichen, daß wir uns Kalifornien näherten, das sein Angesicht schon gen Asien wendet. Was man also in Amerika alles antrifft! Das Bild wurde immer bunter: Neger, Indianer, Chinesen, dazu die ganze Völkerkarte Europas ...

Wohlgestärkt fahren wir wieder ab. Mit zehn Pullmanns und zwei Maschinen fauchen wir über die Hochebene. Nach etwa zweistündiger Fahrt stoppt der Zug auf ein Flaggensignal mitten in der Wüste. Was ist los? Ein Unglück? Sind wir an einer Station? Bahnwärter oder Bahnbeamte u. dgl. sind nirgends sichtbar. Ein paar braune Gestalten kauern unter einem Schuppen. Ein einziger Passagier „steigt“ tatsächlich „aus“, d. h. er springt mit einem mächtigen Satz von dem sehr hohen Trittbrett auf das freie Feld der Wüste. Sein Gepäck wirft man ihm kurzerhand nach! Er dankt und winkt. Der Zug fährt weiter. Ob die braunen Gestalten ihn erwartet haben? So sehen also zum Teil „Stationen“ des Kaliforniaexpreß auf der Grenze von Neumexiko und Arizona aus! Hier kann man sich denken, wie leicht es unter Umständen sein muß, Schienen aufzureißen und Züge zum Halten zu bringen ...

Auf über 60 ~m~ hoher Brücke setzen wir über den berüchtigten „Diablo Cañon“. Hier haben sich einst blutige Kämpfe mit den Apachen-Indianern abgespielt. Am Horizont tauchen aufs neue hohe dunkelblaue Bergketten auf. Heiß steht die Halbmittagssonne über den sandigen Hügeln. Die kupfernen Drähte längs der Bahn blinken im hellen Sonnenlicht. In der Ferne erheben sich die kraterartigen Gipfel höher und höher; es sind die sogenannten „San Franzisko Mountains“, die aber von der gleichnamigen Stadt noch über 1000 ~km~ Luftlinie entfernt sind! Welch einen malerischen Kontrast bilden die gelbe unfruchtbare Wüste und das Tiefblau der Berge! Die Wasserscheide zum Stillen Ozean haben wir überschritten. Der Rio Grande war der letzte Fluß, der noch den Atlantischen Ozean im mexikanischen Golf erreicht. Inzwischen sind wir politisch auch schon in den Staat „Arizona“ eingetreten, der halb so groß wie das Deutsche Reich, doch nur wenig mehr als 100000 Einwohner zählt. Denn gut ein Drittel von ihm ist Wüste und ein Drittel Hochgebirge. Gemütlich liege ich im ~reclining-chair~ und schaue mir unverwandt auch diese neue Welt rings um mich an. Es war schön, so gemächlich durch Wüste, Wildnis und Hochgebirge gefahren zu werden. Man kann auch einmal auf ein Halbstündchen die Augen schließen und ein Schläfchen halten -- und versäumt dabei doch nichts Wichtiges. Denn die Szenerie ändert sich sehr langsam, manchmal auf einen halben Tag nicht. Jetzt sieht man draußen eine Zeitlang nur mächtige wilde Lebensbäume als das einzige, das die großartige Monotonie der Hochsteppe unterbricht. Das Leben im Zug ist inzwischen wieder wie das einer Familie geworden. Man kennt sich allmählich gut. Kinder tollen in den Gängen. Man tauscht Leid und Freud miteinander aus. Ab und zu tut man mehr aus Langeweile als aus Bedürfnis einen Gang zu dem Eiswasserfaß am Ende des Wagens. Schließlich wird man auch dazu zu träge. Der „~trainboy~“ bietet unaufhörlich Postkarten und Obst an. Es ist alles im Zuge vorhanden. Nur neueste Zeitungen fehlen; denn die aus Los Angeles oder Denver sind schon zu alt und ausgelesen. Aber etwa, während man durch Arizona fährt -- vielleicht nie wieder im Leben! -- irgendwelche Romane, es sei denn der berühmte Indianerroman „Ramona“, oder sonst wissenbereichernde ~magazines~ zu lesen, hielte ich in solcher Umgebung für ein Reiseverbrechen.

Auf einmal setzte wieder dichterer Baumbestand ein, je mehr wir uns den majestätischen San Franzisko-Mountains nähern. Aber wie hat man auch hier mit den Baumbeständen gewüstet! Man gab sich in Amerika ja nicht immer die Mühe, regelrecht zu fällen und zu roden. Man brannte die Wälder einfach nieder, um anbaufähiges Land zu gewinnen, ein Verfahren, das vielleicht bei uns in und nach der Zeit der Völkerwanderung geübt wurde. Ganze Reihen halbverkohlter, an- und ausgebrannter Baumstümpfe bleiben einfach stehen und liegen, so daß die Wälder schauerlichen Ruinenstätten gleichen. Teilweise aber sind die Baumruinen auch furchtbare Zeugen ungeheurer Waldbrände, deren es in der Union an 300000 im Jahre geben soll. Zu ihrer Auffindung verwendet man neuerdings staatliche Forstbeamte mit Flugzeugen, die eine Beobachtung auf große Entfernungen gestatten. Nun möchte man dem völligen Untergang der riesigen Waldungen des riesigen Landes doch nach Kräften wehren ...

„Flagstaff“! Nach etwa 100 ~km~ Fahrt von Winslow halten wir wieder einmal. Es ist halb zwölf Uhr mittags. Die herrlichste kühle Bergluft strömt zu den geöffneten Fenstern herein. Wir sind jetzt dicht unter den imposanten, mit Neuschnee halb herunter bedeckten San Franzisko-Bergen. Die herrlichste Alpenlandschaft wie ein Berner Oberland breitet sich vor uns aus! Indianer hocken um ein Feuer gruppenweise in der Nähe der Station auf dem Waldboden. Einige weidende Pferde um sie herum. Auf dem Bahnsteig treffe ich auch einen deutschen Schlächter. Seine Eltern wohnen in Neuyork. Er ging „nach Westen“. Die erste Frage, die übrigens der Biedermann an mich, den Stammesgenossen, richtete, war: „Ob in Deutschland die Züge auch so schnell fahren und so fein sind?“ Ich habe gleich Ja gesagt. Da schaute er mich spöttisch und verächtlich an. Denn auch ihm ging schon nichts über Amerika. Es war gut, daß man wieder einsteigen mußte. An den hohen Bergketten selbst bauten sich reizende Holzhäuser im Stil der Schweizerhäuschen empor. Wie kühl, frisch, rein war hier alles! Von den Bergen, auf deren einem sich das Lowell-Observatorium befindet, wehte frische Schneeluft herab. Hier müßte man bleiben können! Eine idealere „Sommerfrische“ als hier, Tausende von Kilometern von aller Kultur entfernt, könnte ich mir kaum denken. Indianer als Bahnarbeiter schleppten mächtige Balken zum Verladen herbei. Der Holzhandel blüht ...

Nach weiteren 35 Meilen Fahrt sind wir am frühen Nachmittag in „Williams“, der Umsteigestation nach dem „+Großen Cañon des Colorado River+“, meinem nächsten Ziel, das an Großartigkeit noch die Niagarafälle übertreffen sollte. Williams ist ein kleiner Ort, dessen Bedeutung der Viehtransport und -handel ebenso ausmacht wie der Transport der Reisenden nach dem einzigartigen Naturschauspiel Amerikas ... Von Williams aber hatten wir nach der Grand-Cañon-Station noch einmal beinahe drei Stunden auf einer Nebenlinie zu fahren, obwohl es nur als ein „kleiner Abstecher“ von der Hauptlinie angesehen wird. Täglich geht ein Zug im Anschluß an den Kaliforniaexpreß hin und her. Die Kleinbahn fuhr langsamer als der Expreß über das weite Koloradohochplateau, aber auch sie war recht komfortabel eingerichtet. Drei Stunden lang durchfuhren wir dieselbe Gegend! Die San Franzisko-Berge, durch die man früher den Weg zum Grand Cañon nahm, blieben hinter uns. Kahle grasige Hochebene war jetzt das einzige. Echte Gebirgssteppe rechts und links, bevölkert hier und da nur von nach Tausenden zählenden Schafherden. Ein wenig war sie unserer wenn auch tiefgelegenen Lüneburger Heide vergleichbar, aber im ganzen viel öder, einsamer und unbewohnter.

Unterwegs an Station Willaha halten wir länger, damit die Reisenden in der Nähe sich die gerade statthabende Schafschur, die hier maschinell im Großbetrieb erfolgt, ansehen können. Etwa 5000 Schafe sind im Pferch. Eins nach dem anderen wird wenig sanft gepackt, zu Boden gedrückt, zwischen die Beine eines starken Mannes geklemmt und die Schermaschine rasch über seinen Pelz weggeführt. Abgezogen wie eine Rübe oder Kartoffel und oft aus vielen Schnittwunden blutend wird das Tier dann nach wenigen Sekunden entlassen, um anderen Platz zu machen. Aber mit der sprichwörtlichen Lammesgeduld, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, ließen die Tiere alles über sich ergehen ...

Ein andermal halten wir bei einem kleinen, auf einem Stab angebrachten Blechbriefkasten. „~U. S. mail~“ steht da. Sonst ist nichts weit und breit zu sehen. Alles schaut aus dem Fenster dem interessanten Schauspiel zu, das hier in der Wüste als wichtige Unterbrechung der Fahrt vor sich geht. Die kleine Postblechbüchse wird nämlich geöffnet und „geleert“! Und aus dem Zug werden einem herbeisprengenden Reiter zwei Postkarten und einige Zeitungen übergeben. Mit diesen sprengt er auf seinem dürren Gaul und in seinen schafpelzigen Hosen in die Steppe zurück und verschwindet im Busch. Post für die Cowboys! Ich denke an den Postverkehr der Millionenstädte. Welche ungeheuerlichen Gegensätze in demselben Lande!