X.
Gott, Gott! --
Ein Mensch war in Verzweiflung getrieben!
Ein junges, blütenjunges Leben hatte flüchten müssen aus der Welt, in der es Eltern gab, Geschwister, einen Mann, dem es in Liebe angehört ... in der es Mutterhoffnung gab ... aber keine Heimat ... keine Rettungshand ... nicht Luft noch Licht zum Leben ...
Was würde sich nun ereignen?
Eine Katastrophe, ein Weltuntergang ...
Aber draußen flimmerte die Sonne heiß und heiter auf dem Straßenpflaster, übergoldete die Stadt und den friedlichen Fluß, in dem ... das würde man nie vergessen können ... und nie diesen Anblick, nie diesen fahlleuchtenden, mütterlichen Mädchenleib mit nassen Blondsträhnen und den grünlichen Flecken ... nie ... nie ...
Heim! heim! ins Dunkel, in die Einsamkeit ...
Er fand in Dumpfheit seine Straße, seine Stiege, sein Sofa ... wühlte sich in eine Decke, fror und schluchzte und sann.
Da stürzte Rosalie heulend herein: »Herr Achebach, Herr Achebach! Ach, das Malheur, das Malheur!«
»Fräulein Rosalie?«
»Meine Freundin, es Lenchen Trimpop, is in de Lahn gange!« sie fiel in einen Stuhl, sie heulte, sie ächzte, stoßweise schrie sie es heraus.
»Un ich weiß auch, weshalb! E Kind hat se, un ich weiß auch von wem! Vom Scholz hat se's gehabt, von eurem Scholz --!!«
* * * * *
Ja, nun würde die Rache kommen. Die da, dies Mädchen, das gestern der Überrumpelung des Sieggewohnten fast erlegen war ... die wußte nun, wer er war ... die würde nun durch alle Straßen von Marburg heulen: der erste Chargierte der Cimbern ist schuld, daß das Lenchen Trimpop ins Wasser gegangen ist! Und dann würden die Steine Echo schreien, die Leute sich auf den Verführer, den Mörder stürzen wie auf eine gefährliche Bestie und die Rache der Menschheit an ihm vollziehen ...
Nicht, daß er wieder ein »Balg« in die Welt gesetzt -- nicht das war das Ungeheuerliche ... sondern daß er hatte die in Verzweiflung sterben lassen, die ihm ihr Alles gegeben ... das war's, das würde Rosalie als Anklägerin in alle Lüfte heulen, und die Steine würden Echo schreien ...
Mit schlotternden Knien suchte Werner um die Mittagsstunde den Kreis der Korpsbrüder auf, die er im Quentinschen Lokal beim Frühschoppen wußte. Er glaubte nicht anders, als daß er alles in wilder Verstörung antreffen würde. Aber sehr behaglich kneipend saßen die Füchse im Garten über der hohen Terrassenmauer. Die Korpsburschen, hieß es, seien auf der Kneipe im C. C.
Ah! also dort vollzog sich das Strafgericht!
Aber nein.
Bald kamen die Korpsburschen: sofort sah Werner an ihren Gesichtern, daß nichts von besonderer Bedeutung vorgefallen.
Und bald wurde den Füchsen aus dem C. C. mitgeteilt: »C. B. Scholz, gewesener Dritter Erster, Erster, Erster, Erster +ad interim+ tritt von seiner Charge ins Korps zurück und derselbe mit Farben inaktiv. Unter demselben Datum definitive Chargenwahl: Papendieck, gewesener Fuchsmajor, Erster, Krusius, gewesener Dritter, Zweiter, Dettmer Dritter. Unterm selben Datum: i. a. C. B. Scholz, gewesener Dritter, Erster, Erster, Erster in Berlin.«
Also das war das Ende? Das war alles?!
Ja, da mußte doch etwas nachkommen! So konnte das doch nicht ausgehen?!
Rosalie würde reden! Ja, die wußte ja nicht bloß, wie Werner, aus Anzeichen -- -- die wußte aus dem Munde der Toten, was geschehen war!
* * * * *
Rosalie schwieg. Ein paar Tage lang hatte sie verweinte Augen ... lief ein paar Tage im Hause herum, ohne wie sonst zu trällern und zu pfeifen -- dann pfiff und trällerte sie wieder. Und hatte geschwiegen.
Und nichts geschah ... nichts.
Ein paar Tage sprach man in Marburg davon, daß eine Tischlerstochter sich ertränkt habe; sie solle ein Verhältnis mit einem Studenten gehabt haben, das nicht ohne Folgen geblieben sei: dann war Lenchen Trimpop vergessen. Als wäre eine Mücke ertrunken.
Und niemand klagte ihren Mörder an. Niemand kannte ihn. Niemand.
Doch, einer: er -- Werner! --
Er würde die Stimme erheben müssen, er würde zeugen müssen gegen den weiland Senior Cimbrias, den gefürchteten S.-C.-Fechter, gegen seinen Leibburschen!
Was konnte alles daraus werden --?!
Eine furchtbare Katastrophe im Korps!
Vielleicht würde später Scholz ihn fordern ... gar auf schwere Waffen -- auf Säbel ... auf Pistolen!
Was konnte daraus werden?!
Und mit Schaudern malte Werner sich alle möglichen ungeheuerlichen Folgen seiner Enthüllung aus.
Vielleicht würde sich Scholz, wenn das Korps ihn exkludierte, das Leben nehmen ...
Aber das wäre dann eben die Nemesis, die Rächerfaust der Erinnyen:
»Wir heften uns an seine Sohlen, Das furchtbare Geschlecht der Nacht! -- -- Geflügelt sind wir da, die Schlingen Ihm werfend um den flüchtgen Fuß, Daß er zu Boden fallen muß!«
O ja, er kannte seinen Schiller! Er wußte, daß es eine ewige, rächende Gerechtigkeit gab ... und wie durch jener Kraniche Mund der Mord des frommen Sängers an die Sonne kam; er, Werner, war das Werkzeug der Vorsehung, des Weltenrichters, den tödlichen Frevel an dem armen Schreinerskinde zu rächen!
Mochte kommen, was da wolle! --
Und er ging zu Papendieck, seinem verflossenen Fuchsmajor, dem neugebackenen Ersten Cimbrias.
Der lange Senior saß mit der Pfeife vor einem medizinischen Buche und »strebte« fürs Physikum. Er war etwas ungnädig über die Störung. Er war meistens ungnädig, seit er Erster geworden war.
Aber bald wurde er aufmerksam. In seinem Gesichte zuckte es ganz wunderlich, als Werner stammelnd, glühend seine Anklage vorbrachte.
»Na -- büst fertig?« sagte er, als Werner schwieg und in zuckender Spannung den Gestrengen ansah.
»Ich bin fertig.«
»Na, nu will ick dir mal wat sagen, lütt Jung. Du hast 'n Vagel. Äwer 'n utgewassenen. Nu gah nah Hus, lütt Jung, un leg di up't Ohr.«
Werner sprang auf. »Habe die Güte, mir das zu erklären!« Seine Augen funkelten so bedrohlich, daß Papendieck sich zu einer Erläuterung verstand.
»Zuerst, min Sähn, mußt du dir klar machen, daß allens, wat du wissen willst, man Hirnges -- pinste sind, Hirnges--pinste -- versteihst du mir? Sonst nix! Scholz hat große Augen gemacht, wie er die Leiche von dem unglücklichen Mädchen gesehn hat, und denn is er weggegangen. Das is allens! -- Aberst nu will ich mal annehmen, es verhielt sich allens wirklich so, wie du dir das zusammenklaviert hast, was wäre denn nu denn dorbi? Wat? Sollen wir vielleicht unsen Senior von drei Semestern mit Schimpf und Schann rutsmiten, weil so'n doemliches Ding sich ihm von Rechts wegen an'n Hals hätt smeten? Wat? Scholzen, den s--trammsten Korpss--tudenten in Marburg?! Nee, nee, min Sähn, da büst du hellschen schiew gewickelt! Un nu gah, min Sähn, un wenn ick dir nen gauden Roat soll gewen: denn swig din Mul! vers--tehst du mich?! sonsten kann dich das noch hellschen slecht bekommen! Der Scholz, weißt du, der vers--teht keinen S--paß!«
Werner war draußen. Alles wirbelte um ihn her.
»Ich durchbohr den Hut und schwöre: Halten will ich stets auf Ehre, Stets ein braver Bursche sein.«
Nicht wahr? So hatten sie doch gesungen auf dem S.-C.-Antritts-Kommers beim Landesvater? Das war doch der feierliche Burschenschwur, den sie damals alle miteinander getan?!
Ja, was war denn Ehre, wenn ~der~ nicht ehrlos war?!
Aber, Werner Achenbach, schlag an deine eigene Brust! Hat nicht vor wenig Tagen dieser selbe Scholz, den du verdammst, dich davor bewahrt, zu tun, was jenes Mädchen in den Tod getrieben hat?!
Doch nein ... nicht jene trunkenen Stunden, in denen die Tote das Leben in ihren Schoß empfangen hatte -- nicht die waren's, um die Werner den Verführer verdammte.
Jene späteren, kalten, rohen, die gekommen sein mußten, in denen Scholz der Genossin glücklicher Nächte seinen Beistand versagt hatte, versagt haben mußte ... hatte nicht Scholz ihm selber gestanden, daß ein Mädel, das etwas »gefangen« habe, sich hilfeflehend an ihn gewandt habe ... er solle sie heiraten, sonst müsse sie ins Wasser gehen? Er hatte keine Hilfe für sie gefunden ... hatte sie verzweifeln und sterben lassen ... das war's ... das war für Werners Empfinden die eigentliche Ehrlosigkeit, das endgültige Verbrechen, der unsühnbare Mord.
Waren sie denn alle so, die Blau-rot-weißen, wie dieser Papendieck?
Eine andere Stimme wollte Werner hören ... alle die Jünglinge um ihn herum standen mitten drin in diesem Treiben ... waren noch beeinflußt von Scholzens Persönlichkeit, die anderthalb Jahre lang das Korps in fester Zucht gehalten hatte. Eine menschlichere Stimme klang in Werners Ohren nach, die Stimme eines jungen Mannes, der schon an der Schwelle des wirklichen Lebens stand -- Wicharts.
Er suchte ihn auf, erzählte ihm den Sachverhalt.
»Ja,« sagte der, »das sieht em ähnlich, dem Scholz. Er kann's nu mal nit lasse. Was willst mache? Laß doch die Mädche ihre siebe Sache beisamme behalte!«
»Wichart! und das könntest du ... das brächtest du fertig, den Menschen noch länger als Korpsbruder zu behandeln? So einen Ehrlosen?!«
»Ehrlose? Na, Fichsche, die hohe Töne, die wolle mer lieber unnerwegs lasse un wolle der Sach mal ruhig auf de Grund gehe. Sieh mal, wann e Mädche sich emal tut hernehme lasse, hernach muß se's doch von vornherein wisse, was das absetze kann, möglicherweis. Sieh mal, in Deutschland werde jedes Jahr hunnertunachtzigtausend uneheliche Kinner gebore. Ob da nu eins mehr oder eins weniger komme wär -- darum wär die Welt nit unnergange. Oder meinst? Na, un wenn nu das dumme Mädche ihr Kindche ruhig hätt zur Welt gebracht -- der Scholz hätte zahle misse, un es wär sicher e strammes Biebche geworde. Warum is se in de Lahn gange? Wenn alle Mädche, die Kinner kriege, in de Lahn wollte gehn -- so viel Platz is ja gar nit in der Lahn. Also: der Scholz hat nit mehr und nit weniger getan, als wir alle tun. Und wenn das Mädche dran zugrunde is gange -- Pech genug für de arme Scholz, der wird's auch nit so bald vergesse, wie se da is gelege auf ein Prosektortisch. Ja!«
»Wichart -- und das alles ist ... wirklich ... deine Ansicht?«
»Na, aber allemal! Oder hätt er se am End gar heirate solle? die Schreinerstochter? Da hätt er ja als Student schon e kleine Harem beisamme.«
»Wichart -- in mir dreht sich überhaupt alles --«
»Oder am End gar stehst auf dem Standpunkt vom Keuschheitsprinzip? Die Burscheschafte, da gibt's so was, bei einige wenigstens. Keuschheit bis zum Ehebett! Je, dann hättst zu de Armine gehe müsse -- hättst nit Korpsstudent dirfe werde.«
Werner richtete sich hoch auf. »Lieber Wichart -- ich will dir ganz offen etwas sagen. Ich bin jetzt acht Wochen in Marburg. Acht Wochen aktiv. Aber was in den acht Wochen aus mir geworden ist ... wenn ich das vorher gewußt hätte -- ob ich Armine geworden wäre, das weiß ich nicht -- aber Cimber -- Korpsstudent -- bei Gott nicht!«
Wichart schwieg einige Zeit, zündete sich eine frische Zigarre an, sann erst vor sich hin, lächelte dann still in sich hinein, richtete sich auf und sprach:
»Hernach, lieber Achebach, muß ich dir emal e Rede rede. Sieh mal, ich hab e bißche mehr von der Welt gesehn, wie du. Ich begreif das alles ganz gut. Bis vor acht Woche bist mollig un weich im Elternhaus gesesse, un von der Welt is nix an dich ran komme. Und die Magister, die habe dir nix gesagt, un so bist e ganz kleins dummes Gänsche gebliebe mit deine achtzehn Jahr un mit deine lange Knoche. Un nu auf einmal kopfüber, kopfunter mitte nein in die Welt! Un, ach du liebe Güte, wie is die so anners, als du dir's träumt hast! Un nu willst verzweifeln un denkst, das is das Korps, wo all die Mensche so schlecht macht. Ich aber sag dir: sieh dich mal erst um im Lebe! Dann wirst finde: die Korpsstudente, die alte wie die junge, sind gewiß keine weißgewaschene Engelche ... aber ~die Beste im Land~ sinn doch mit dabei! Ich will ja nit sage, daß es auf anner Weis nit geht, e richtiger Kerl zu werde, wie das Lebe sie braucht, ich weiß auch: manches bei uns is faul, könnt anners werde ... aber weißt -- worauf's ankommt im Lebe -- das habe die alte Korpsstudente im Korps alle gründlich gelernt. Denn im Lebe, weißt, da schaut's anners aus als auf der Prima! da heißt's: durchkomme! sich wehre mit Zähn un Klaue! un das lernst im Korps, verlaß dich drauf! un wenn dabei die Fetze vom Herze nur so runnerfliege wie die Schwartelappe drauße in Ockershause ... laß fliege, laß fliege! das wachst wieder nach ... von selber wachst's wieder nach!!«
»Aha -- also sieht's aus! sorgen, daß man durchkommt!! und all das Gerede von Ehre, Ehre, Ehre, das ist also nur Schein! nur Dekoration! Komödie! Schwindel!!«
»Komödie?! Schwindel?! Du, da wolle wir uns mal in zehn Jahre wieder drüber spreche! Lieber Achebach, es is noch e bißchen zu frieh für dich, so abzuurteilen über die Welt, wo du erst seit acht Woche aus deiner Kinnerstub nein bist sprungen. Denkst du, mir habe hier all nur darauf gewartet, daß du kommst, für um uns nu fix fix umzukrempeln nach deine achtzehnjährige Gedanke? Nee, Männche ... lern du erst emal, dich in die Welt schicke! Verbessern kannst se immer noch, hernach, wenn mal bist wer geworde! Lern heule zuerst mit de Wölf, sonst fresse se dich!«
»Wichart ... nur das eine sag mir ... ich will ja ... ich will ja mir Mühe geben zu lernen. Was ist sie denn, diese sogenannte korpsstudentische Ehre, die wir hochhalten sollen? Das wird uns ja gepredigt in jedem R. C. -- wie soll ich sie hochhalten können, wenn ich nicht weiß, was sie ist?«
»Ja, lieber Junge, die Ehre! die korpsstudentische Ehre! wenn mer das so könnt mit Worte sage! ... Sieh mal, ich glaub, die Ehre, da is es grad mit wie ... wie mit der Mensur. Schau, is das nit eigentlich e Bleedsinn, die ganze Fechterei?! Zwei junge Kerl, die sich im Lebe nimmer nix zuleid getan habe, die werde von dene zweite Chargierte widerenanner gestellt un misse sich nu die Nase un die Keps entzweischlage. Bleedsinn is es! aber ... ~mer wird e Kerl dabei~!! Haar kriegt mer auf die Zähne ... un das is es doch, worauf es ankommt im Leben! Un so, mein ich, so is es auch mit der korpsstudentischen Ehre. Eigentlich auch Bleedsinn. Wär's nit Bleedsinn, wenn mer sich einbildt, mer wäre was Besonners, wann mer so e blau-rot-weißes Fetzche über der Weste kann trage? Aber trag's mal so vier Semester lang, mach mal de Bleedsinn e paar Jahr lang mit! sollst sehe, was das fir e Muck gibt in de Knoche! -- -- Ich weiß ja, das alles is nur die Schal von der Nuß, un unner der glatte, harte korpsstudentische Schal, da is auch manch taube Nuß un manch faule auch. Aber der Kern, weißt, wenn der gesund is, hernach sollst sehn, wie gut's dem tut, wann die Schale so fest is un so glatt! -- -- Weißt, lieber Freund, es Lebe is nit so einfach, wie du's dir gedacht hast auf em Gymnasium; es is e verdammt schwierige Einrichtung un e komplizierte dazu! Un in manchem Bleedsinn steckt mehr Vernunft un mehr Gesundheit als in de Kepf von zwei Dutzend Professore!! Na, nu geh un denk e bißche nach über mei lange Red ... ich muß in d' Klinik!«
* * * * *
Werner schlenderte durch die breiten, uncharakteristischen Straßen der neuentstehenden Südstadt und sann über Wicharts Worte. Er fühlte die gute Meinung, die Aufrichtigkeit in den Darlegungen des Reiferen, aber das alles schloß sich nicht zu einem Ganzen zusammen ... das wollte nicht verschmelzen mit dem Ideenkomplex, mit dem Moralkodex, mit dem Schule und Elternhaus ihn ausgerüstet. Es sprach nicht zu seinem Herzen ... sie wärmte nicht, diese Weisheit, sie rief nicht zu Taten der Begeisterung ... Gab es denn keine Stelle, wo der Herzschlag seiner Sehnsucht Echo fand? War er denn wirklich allein, ganz einsam inmitten der Stadt der Jugend, wo auf zehn Einwohner ein Student kam? Tausend Altersgenossen ... tausend Kommilitonen ... und kein Herz ... kein Freund?
Und da stand das Angesicht des einen vor seiner Seele, von dem er wußte, daß er zum mindesten ein Gefühl mit ihm teilte ... aber das höchste, das wundertätigste ... Klauser ... der arme, dimittierte Klauser ...
Ob er den überhaupt besuchen durfte? Ob er sich nicht straffällig machte dadurch? Er konnte ja fragen ... aber nein ... vielleicht gab's dann ein Verbot ... und das würde er dann übertreten müssen. Denn eine Sehnsucht, ein Heimweh nach einem Herzen, das er zum wenigsten erfühlen könnte, zog ihn unwiderstehlich zu dem Jüngling, zu dem er ein Mädchen hatte sprechen hören, wie zu ihm selber in seinen Träumen Elfriede sprach. Er wollte mindestens versuchen, ob da auf die Fragen eines bangenden Menschenherzens eine Antwort zu hören sei -- -- nicht eine korpsstudentische, sondern eine menschliche Antwort.
Klauser saß lesend auf seinem Sofa, als Werner eintrat. Er sprang auf, seine Augen leuchteten in dankbarer Freude -- als er den Besucher sah.
»Gott sei Dank, endlich bekümmert sich mal einer um mich. Willkommen, Achenbach!«
Mit Rührung sah Werner in das dick verquollene, blasse Gesicht unter dem turbanartig den Kopf einhüllenden Wickelverbande. Himmel, sah der Arme verändert aus! Es war die Scham über sein Mensurunglück, die schimpfliche Strafe, die Einsamkeit von vier Tagen, angefesselt in all der jungen Sommerpracht an ein dumpfes Studentenbudchen, das man nicht verlassen durfte, ohne daß die Spießer mit Fingern auf einen zeigten ...
Vor ihm auf dem Tische stand eine Kabinettphotographie im Rahmen ... die nahm Klauser hastig und errötend weg und wollte sie verbergen.
»Laß,« sagte Werner und legte seine Hand leicht auf den Arm des Korpsbruders -- »laß nur -- ich weiß Bescheid. Das ist Marie. Deine Braut. Ich gratuliere dir tausendmal.«
»Achenbach?«
»Ich ... hab' euch im Museumsgarten zusammen gesehen ... neulich auf der Reunion. Ich habe ein paar Worte aufgeschnappt ... aber du mußt nicht denken, daß ich gehorcht hätte!«
»Das denk' ich auch nicht von dir, Achenbach. Nun, wenn du's weißt, dann ... ich danke dir. Du bist ... der erste, der ... ich danke dir.«
Die Jünglinge schüttelten sich die Hände. Beider Augen schimmerten, ihre Lider schlossen und öffneten sich rasch ein paarmal.
»Setz' dich! Was trinkst du? Einen Schnaps -- Bier?«
»Was du hast.«
»Ich brauche nur zu klingeln.«
»Na, dann natürlich ein Bierchen.«
Eine alte Wirtin erschien, nahm den Befehl entgegen und verschwand.
»Zigarre oder Zigarette?«
»Erst das letztere, dann das erstere.«
»Recht so!« Die Dunstwölkchen kräuselten um Mariens Bild, das in seiner schlanken Herbheit zwischen den Jünglingen stand.
»Und wie geht's dir, Klauser?«
»Na, wie's einem geht, wenn -- na, du weißt ja.«
»Verzeih, aber mir kommt das alles entsetzlich wunderlich vor. Was hast du denn eigentlich verbrochen, daß man dich so einfach ...«
»Ja, was hab' ich verbrochen? Meine Mensur hat eben dem C. C. nicht genügt. Und dann fliegt man raus. Das ist nun mal so.«
»Ja, ich begreife das alles wirklich nicht.«
»Warum hast du's dir nicht von deinem Leibburschen erklären lassen? Der ist doch dafür da.«
»Mein Leibbursch ist Scholz --«
»Ach so -- dann freilich --! Na, dann will ich dir helfen. Also sieh mal, bei uns Korpsstudenten ist die Mensur nicht ein einfacher Sport, ein Waffenspiel, sondern ein ... Erziehungsmittel. Es soll nämlich der Korpsstudent auf der Mensur beweisen, daß ihm körperlicher Schmerz, Entstellung, selbst schwere Wunden und Tod ... daß ihm das alles gleichgültig ist. Verstehst du? Und dazu erzieht die Mensur.«
»Das begreif' ich sehr wohl und find' es auch sehr schön. Aber ... hast du dich denn so benommen, als wenn du ... ja, du mußt mir nicht böse sein, ich frage ja nur -- als wenn du Angst hättest?«
»Angst?! Ich und Angst? Haha!«
»Ja -- warum hat man dich denn dann --«
»Ja, warum? Sieh mal, wenn du länger im Korps bist, dann wirst du das alles besser begreifen lernen. Im Korps sind seit einigen Jahren die -- Anforderungen an die Mensur ... ein bißchen überspannt worden. Man ... verlangt da Dinge, die ... die eben nicht jeder leisten kann. Und mancher kann sie heute leisten und morgen wieder nicht. Es kommt da viel auf die Stimmung an ... auf den Gesundheitszustand ... auf die Verfassung, in der die Nerven sind ...«
»Ja, mein Himmel -- dann bist du also dafür bestraft worden, daß du ... dich am Abend vorher verlobt hast --?!«
»Ja -- wenn man's deutsch nennt -- dann stimmt's.« -- -- --
»Das ist Wahnsinn. Wahnsinn ist das.«
»Ja, sieh mal ... du darfst eben nie vergessen ... das sind Menschen, die uns beurteilen ... junge Dächse, wie du und ich auch ... die sind natürlich nicht unfehlbar. Der C. C. ist der Ansicht gewesen, daß meine Mensur schlecht war, und dann ist sie eben schlecht. Das ist gerade wie vor Gericht. Da wird auch manchmal ein Unschuldiger verknackt. Das nennt man dann persönliches Pech.«
»Persönliches Pech?! Ich meine, das ist eine furchtbare Härte, eine schauderhafte Unvollkommenheit des Korps --! Ach -- Klauser ... überhaupt das Korps!! --«
»Achenbach --?!«
»Ach, Klauser -- ich bin ja einfach fast am Verzweifeln!! -- Na und du? Dir muß es doch ähnlich gehen! Du fühlst doch wahrhaftig die Segnungen dieser famosen Institution am eigenen Fleisch und Blut ... in diesem Augenblick!«
»Am eigenen Fleisch und Blut! Ja, das tu ich.«
Ernst, mit bitter zusammengezogenem Munde, lehnte sich Klauser einen Augenblick in seinem Stuhle zurück. Er ließ schwere Rauchwolken zur Decke steigen und starrte ihnen nach.
»Ja ... wenn man's noch einmal zu tun hätte --!«
Aber dann schüttelte er plötzlich energisch den Kopf.
Er setzte sich aufrecht, legte seine Hand auf die des Freundes und sagte:
»Kind, sieh mich an. Wie ich hier sitze, hat mich das Korps auf meine fünfzehnte Mensur herausgeklebt, mir meine Charge genommen, und ich weiß noch nicht, komme ich Samstag in acht Tagen wieder hinein in den Bund, oder fliege ich perpetuell raus. Also, kannst mir glauben, zum Schönfärben und Vertuschen ist mir grad' nicht zumut. Ja, vieles ist bei uns nicht schön. Vieles könnte anders sein -- milder, menschlicher, weniger nach Schema F. Aber ... wenn ich noch mal krasser Fuchs wär ... ich würde doch wieder Korpsstudent!!«
»Doch wieder? Trotz alledem?«
»Ja -- trotz alledem! Ich weiß nicht, mein Gefühl sagt mir: das muß alles so sein. Das ist alles so eingerichtet, damit wir brauchbar werden für das, was später kommt ... Damit wir lernen, die Zähne zusammenbeißen -- -- damit wir Männer werden! -- Und du -- -- halt nur zwei Semester aus ... dann sprichst du geradeso!! --«
Eben kam die Alte mit dem Bier. Sie schenkte ein, schlich hinaus.
»Prost, Achenbach!«
»Prost, Klauser!«
»Was soll's gelten? -- Ich weiß: auf ein ewiges +Vivat, crescat, floreat+ unserer lieben Cimbria! Auf daß sie grüne und gedeihe in alter Herrlichkeit! Auf daß sie Freude erlebe an uns, ihren getreuen Söhnen! Rest!!«
Leuchtenden Auges tranken sie aus und schauten einen Augenblick ins leere Glas. Dann füllte Klauser stumm aufs neue die Gläser.
»Und nun,« sagte Werner, »nun will ich auch eins ausbringen. Aber dabei müssen wir aufstehen! -- Auf ... ~die da~! Klauser! Auf die da ... und auf ... auf eure Liebe, Klauser! Auf daß sie euer Leben reich mache ... reich ... und schön ... schön ... Marie soll leben! Deine Marie!«
»Marie! -- -- Marie!«
Die Gläser stießen aneinander, Auge ruhte in Auge, feierlich tranken sie aus.
Und wie ein Goldglanz wob es durch die Stube. Heller, leuchtender noch als das Bild auf dem Tische schwebte vor den Herzen der Jünglinge strahlend ein Mädchenantlitz vorüber und grüßte die Zecher ...
»Na und nun?« Klauser schenkte zum dritten Male ein. »Wie heißt der dritte Spruch?
Es lebe die Liebste ~deine~, Herzbruder, im Vaterland!
denn -- -- du hast auch eine, Achenbach, oder ich will ein schlechter Kerl sein.«
»Ja, Klauser ... ich habe eine -- im Vaterland ... daheim!«
»Die heißt?!«
»Elfriede --«
»Also -- Elfriede soll leben!«
»Elfriede!«
Still war's im Zimmer. Zwei junge Herzen schlugen dem Glück entgegen. Dem fernen, dem unerreichbar fernen Glück ...
»Ach, Klauser,« rief Werner, »es ist ja alles Unsinn -- sich zu grämen über die Welt -- --«
»Ist auch Unsinn! Haha! Die Welt! Ist ja viel Dummes und Blödes und Scheußliches drin ... aber auch das andre ... das ist auch da!«
»Ja, das Gute, das Heilige ... das Schöne.«
»Da wollen wir uns dran halten, wenn uns bange wird ...«
Und die glücklichen Knaben erzählten einander. Jeder von seiner Liebe ... sie konnten kein Ende finden.
Und lächelnd, rätselvoll lächelnd stand Mariens Bild zwischen ihnen. Das Bild eines Weibes ... eines reifen Weibes ...
Plötzlich zog Klauser die Uhr und rief: »Menschenskind ... es ist ja die höchste Zeit, daß du auf die Kneipe gehst! Zu spät kommen zu spezieller Kneipe kost' zwei Em! Raus! raus!«
»Ich danke dir, Klauser ... es war schön.«
»Ja, es war schön, und du hast mir verdammt gut getan in meiner Einsamkeit ... mir ist so wohl, so ... und Samstag in acht Tagen ... ich hab' so'n Gefühl ... es wird gut gehn mit mir ... ich komm schon wieder hinein in den Bund ... läßt du dich mal wieder sehn inzwischen?«
»Wenn ich darf?«
»Du darfst! Brauchst nur um Dispens zu bitten!«
»Mach ich! Also ... auf Wiedersehn!«
»Auf Wiedersehn, lieber Achenbach! Und nochmals tausend Dank!«
Und als die Jünglinge sich zum Abschied in die Augen sahen, da löste sich für einen Augenblick die glatte Rinde korpsstudentischer Gemessenheit um ihre jungjungen Herzen. Sie lagen sich plötzlich in den Armen.
Halb beschämt über diese Selbstvergessenheit, halb glückselig in einem nie erlebten Gefühl des Einklangs, trennten sie sich mit einem derben Lachen. Und doch war ihnen beiden so warm und stark im Herzen.
Sie waren noch etwas Besseres als Korpsbrüder geworden in dieser Stunde.
Sie waren Brüder geworden.