Chapter 23 of 24 · 1886 words · ~9 min read

XI.

Der letzte Bestimmtag des Sommersemesters!

Die tiefe Korpstrauer hätte den Cimbern eigentlich die Verpflichtung auferlegt, sich an den Mensuren nicht zu beteiligen. Aber das ging einfach nicht, das ließ sich nicht durchführen. Und da ohnehin am Abend der S. C. Abschiedskommers sein sollte und Cimbria hier aus Rücksicht auf den S. C. nicht fehlen durfte, so wurde die Korpstrauer für diesen Tag, es war der siebente August, ganz aufgehoben. Und ohne die Abzeichen der Trauer erschien das Korps zu gewohnter früher Morgenstunde auf der Wahlstatt in Ockershausen.

Vor allem hatten jene Korpsburschen noch einmal zu fechten, die Marburg verlassen wollten, sei es, um mit Semesterschluß inaktiviert zu werden, sei es, um im nächsten Semester als Vertreter des Korps bei einem befreundeten Kartell oder befreundeten Korps aktiv zu werden.

Von den Chargierten wünschten Papendieck und Dettmer, welche beide schon vier Semester aktiv gewesen waren, inaktiviert zu werden; der Erste hatte die Inaktivierung auch ohne Mensur sicher, Dettmer, der die dritte Charge tadellos geführt hatte, sollte doch noch eine letzte Probe seiner Fechtsicherheit ablegen. Noch drei weitere Korpsburschen baten um ihre Inaktivierung; von ihnen mußte Klauser nach seiner Reinigungspartie noch eine tadellose Mensur schlagen, um Anspruch auf sofortige Inaktivität zu haben. Böhnke wollte nach Leipzig zu den Lausitzern, der Zweite, Krusius, nach Heidelberg zu den Schwaben gehen. Das gab vier Partien, die unter allen Umständen gefochten werden mußten. Aber der Zweite, Krusius, hatte den Ehrgeiz, am letzten Tage seiner Führung der zweiten Charge noch mit einem möglichst langen Bestimmzettel aufzuwarten, und hatte noch für drei weitere Korpsburschen Partien verlangt und bekommen. Wenn man eine Stunde auf die Partie rechnete, so konnte es, da der erste Hieb um sieben Uhr morgens fiel, immerhin bis zwei Uhr nachmittags dauern, dann blieb gerade noch Zeit zum Essen, Schlafen und Mensuren-C. -C., und dann mußte man zum Abschiedskommers. Also ein gut besetzter Tag.

Und programmäßig wickelte sich das »Schlachtfest« ab. Jeder setzte sein Bestes ein, das Blut floß in Strömen, und Wichart sowohl wie seine Kollegen bei Hasso-Nassovia und Guestphalia hatten viele Dutzende Nadeln einzufädeln, auch die Lieferanten von Sublimat und Verbandstoffen kamen auf ihre Rechnung.

Klauser hatte das Unglück, seinen ihm eigentlich überlegenen Gegner im dritten Gang auf eine mächtige Quart abzuführen. Da es sich um seine Inaktivierung handelte, so mußte er noch einmal ordentliche Hiebe bekommen, um dem Korps den Beweis zu liefern, daß er die gute Haltung seiner Reinigungsmensur dauernd bewähre.

Krusius fragte sofort bei den Westfalen an, ob sie eine zweite Partie für Klauser stellen könnten, und Paschke, der Senior, erklärte sich bereit. Klauser blieb gleich anbandagiert in der Flickstube sitzen und wartete geduldig auf seinen zweiten Gegner. Nach wenig Gängen hatte Paschke ihn so zugedeckt, daß den kühnsten Anforderungen an eine Inaktivierungsmensur +in puncto+ der Quantität der empfangenen Prügel Genüge geleistet war, und ein Durchzieher, der die Unterlippe bis auf die Zähne spaltete, gab den Rest.

Im Korps herrschte nur eine Stimme staunender Bewunderung über Klauser. Der war mit seinem nervösen Temperament, seinem ausgesprochenen Fechtehrgeiz -- immer ein nicht so ganz sicherer Mann gewesen, trotz seines unverkennbaren Elans. Heute hatte er die beiden Mensuren mit einer so vollkommen unerschütterlichen Gleichmütigkeit hingenommen, als sei das einzig Lebendige an ihm der Mechanismus der bei der Mensur beteiligten Muskeln. Und daß er inaktiviert werden könne, darüber war kein Zweifel mehr im C. C.

Die nächste Partie hatte der Jungbursch Ehlert gegen Bandler, den Dritten der Hessen-Nassauer, ein elegantes, fixes kleines Männchen, das leicht, doch mit großer Gewandtheit focht.

»Sag mal, Krusius -- meinst du eigentlich, daß ich mit ~dem~ Handgelenk fechten kann?« meinte Ehlert im Augenblick, als der Korpsdiener ihm das Paukhemde überstreifen wollte, zum Zweiten, der selbst seine Abschiedspartie schon hinter sich und mit einem Dutzend Nadeln hüben und drüben ausgepaukt hatte und nun schon wieder im Sekundierwichs stand, um eine Partie nach der andern zu sekundieren.

»Donnerwetter! Das ist ja die reinste Knolle! Hast du das schon länger?«

»Ja, ich schlag mich schon vierzehn Tage damit herum!«

»Ja, Menschenskind -- das ist ja ... eh, lieber Wichart, willst du dich mal einen Augenblick herbemühen? Der Ehlert scheint eine Sehnenscheidenentzündung zu haben.«

Wichart tupfte Klausers zerfetzte Visage mit einem mächtigen Wattebausch und befahl Werner, der auch dieses Mal beim Flicken des Freundes Hilfsdienste leistete, zu halten. Dann trat er zu Ehlert.

»Nanu?! Mit dem Ärmche willst du fechte, Menschenskind? Du bist ja e chloroformierte Kindsleich! Gleich machst du, daß du die Kleider widder an den Leib bekommst, und dann Prießnitz, bis die Lappe nur so runnerfalle!«

»Verdammt! Wen stell ich nun gegen den Bandler? Das hättest du mir auch eher sagen können, Ehlert!« schalt Krusius.

Da fiel sein Auge auf Werner.

»Na, Leibfuchs Achenbach, wie wär's? Hättest du Lust, noch vor Toresschluß vors lange Messer zu kommen?«

Ein siedender Schreck und zugleich ein jäher Stolz durchfuhr Werner.

»Selbstverständlich, Leibbursch.«

»Bist auch aufgelegt? Hast heut morgen nicht zu viel getrunken? Bist gestern und vorgestern nicht beim Mädchen gewesen?«

»Alles in Ordnung, Leibbursch.«

»Na, dann runter mit der Weste und rin in die Lappen.«

Werner bebte denn doch am ganzen Leibe vor Aufregung, als er nun an Ehlerts Stelle trat, Rock, Weste, Hemd ablegte und sich das Paukhemd überstreifen ließ.

Und dann wurde das Herz durch ein kreisrundes Blech in Lederfassung, die Achselhöhle durch einen seidenen gesteppten Latz geschützt, die Hand schlüpfte in den wildledernen, ungefügen Kettenhandschuh, der rechte Arm wurde vom Korpsdiener langsam und sorgfältig durch eine endlose Umwicklung mit seidenen, zerfetzten und blutgetränkten Binden, schließlich durch einen langen Zopf aus Seidengeflecht der Länge nach verwahrt. Ekelhaft war das Gefühl, als nun die Halsbinde umgelegt wurde, an der noch Klausers, Dettmers, Krusius' erkaltetes, klebriges Blut starrte. Dann kam der Schurz, schwerfällig, steif von Strömen angetrockneten Bluts. Inzwischen hatte schon ein anderer krasser Fuchs, nicht ohne Neid auf das Glück seines Konsemesters, das Amt des Schleppfuchses übernommen und stützte Werners schwer verpackten rechten Arm.

Und über all den Vorbereitungen fühlte Werner dennoch nichts anderes als das stürmische Klopfen seines Herzens, das immer munter trommelte: »Du, jetzt geht's los! Du, jetzt geht's los!«

»So, nu stehe Se mal auf, Herr Achebach!«

Und Werner stand auf. Es war inzwischen im Saale laut geworden, daß der krasse Fuchs Achenbach an Ehlerts Stelle einspringen solle, und fast alle Korpsburschen kamen neugierig in die Flickstube, um zu sehen, wie er sich halte. Es regnete Witze:

»Du, kleiner Achenbach, der Mann, der gleich auf dich zukommt, der will dir was tun, den mußt du feste hauen, sonst haut er dich!«

»Du, Füchschen, stich den Gegner ab und nicht deinen Sekundanten, das kostet fünfundzwanzig Em Korpsstrafe!«

»Macht mir meinen Leibfuchs nicht dammelig!« rief Krusius dazwischen.

»Aha! Wenn man den Herrn Zweiten zum Leibburschen hat, dann kommt man als Krasser schon auf Mensur!«

Und Papendieck kam auch heran, sah Werner stumm und herablassend an und zitierte schließlich wieder einmal seinen Landsmann Bräsig:

»Daß du die Nase ins Gesicht behältst!«

Dammer kam mit einem Spiegel, hielt ihn Werner vor und griente:

»Nu darfste Abschied nähm von dei'm glatten Gesichte -- so kriegst es nich wieder zu sähn!«

Und mit einem seltsamen Gemisch aus Grauen und Stolz erkannte Werner sein jugendrosiges Gesicht in der abschreckenden Vermummung von Halsbinde und Paukbrille, die Peter ihm eben anlegte und von hinten mit so kräftigem Ruck zusammenschnallte, daß Werner rief:

»Donnerwetter, Peter, Sie sprengen mir ja den Schädel!«

»Schad't nix, muß so sinn,« sagte Peter gleichmütig.

»Bandler schon drinnen?« fragte Krusius.

»Ja!«

»Also los -- raus! Nein, warte -- liegt dir der Speer gut in der Hand?«

Und Werner trat einen Schritt vor, führte mit dem Schläger, den der Testant ihm in die Hand gedrückt, einen kräftigen Lufthieb ... es pfiff, die Bandage saß, eng, doch elastisch.

»Vergiß nicht, daß der erste Gang nur Scheingang ist! Na, und immer feste draufschlagen, alles andre kommt von selbst!«

Wie im Traum schritt Werner hinaus. Es rauschte und flimmerte vor seinen Augen und Ohren -- durch die ungewohnte Paukbrille erkannte er kaum den bekannten Saal -- sah, wie alles sich im Kreise drängte, wie zweihundert Augen auf ihn starrten, fühlte den Stuhl an seinen Hinterbacken, packte mit der Linken fest den Riemen seiner Hose, umspannte noch einmal mit klammernden Fingern den Griff des Rappiers, und --

»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für einen Gang Schläger mit Mützen und Sekundanten auf zehn Minuten bis zur Abfuhr!«

»Silentium für einen Gang Schläger mit Mützen und Sekundanten auf zehn Minuten bis zur Abfuhr!«

»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für die Mensur!«

»Silentium für die Mensur!«

Wie aus weiter Ferne klangen diese Worte in Werners Ohr. Durch die engen Öffnungen der Paukbrille starrte er geradeaus ... da stand der andere, der Gegner, mit dem er sich nun messen sollte im blutigen Turnier ...

Und plötzlich summte ihm eine bekannte Weise, altgeliebte Dichterworte, durch den Sinn:

»Da tritt kein andrer für ihn ein, Auf sich selber steht er da ganz allein ...«

Er reckte sich.

»Herr Unparteiischer, wir bitten um Silentium für den Scheingang!«

»Silentium für den Scheingang!«

»Fertig!« rief der Gegensekundant.

Und mechanisch, wie er es oftmals in den letzten Wochen auf dem Fechtboden geübt, trat Werner zwei Schritte vor, den Arm hoch aufgereckt, den Schläger in fest umklammernder Faust emporgestreckt.

Und er fühlte, wie der rechte Fuß seines Leibburschen sich fest neben seinen linken stellte. Das machte ihn ruhig und sicher.

Zugleich fühlte er, wie der Sekundant ihm von hinten die riesige Mütze zum Scheingang aufstülpte.

Ruhig klang das Kommando aus Krusius' Munde:

»Los -- halt!«

Nun verschwand die Mütze von seinen Haaren. Wie eine Katze, sprungbereit, kauerte sich Krusius an seine Seite, und scharf und grell scholl des Gegensekundanten Kommando:

»Fertig!!«

»Los!!«

Krach -- krach -- krach!

»Halt!«

»Halt!«

Das hatte gesessen ... ein scharfer und ein dumpfer Schmerz nacheinander ...

Und über die linke Röhre der Paukbrille rann's hernieder ... sein Blut ... sein warmes, junges Herzblut ...

Und wie die ersten heißen Tropfen über sein Gesicht rannen, war alle Aufregung, alle Befangenheit dahin ...

»Silentium -- ein Blutiger auf seiten von Cimbria!«

»Fertig!«

»Los!«

Krach, krach, rack-tack-bumm-tack-rack-tack-bumm-tack, bumm, bumm --

»Halt!«

Nichts ...

»Fertig!«

»Los!«

Und wieder ein Gang, und wieder nichts ... nur flache Hiebe waren wie Knüppelschläge über die Auslage hinweg auf Werners Schädel und Nase niedergesaust ...

Er hörte die Stimme seines Leibburschen an seinem Ohr:

»Ein wenig ruhiger den Oberkörper, sonst -- ganz famos!«

Ah!! Wie das spornte!

O wilde Schwerterlust! -- O jungjunges, pochendes Herz!

Und Gang auf Gang ... und da ... da färbte sich ja auch das weiße Paukhemde drüben!

»Silentium -- ein Blutiger auf seiten von Hasso-Nassovia!«

»Bravo, Leibfuchs!«

Der Paukarzt drüben machte ein ganz merkwürdiges Gesicht ...

Kurze Beratung mit dem Gegensekundanten --

»Herr Unparteiischer, wir bitten um Pause!«

»Silentium -- Pause für Hasso-Nassovia!«

Der Paukarzt ließ den Gegner seinen Kopf beugen, fühlte mit dem Finger in den Schlitz der Kopfhaut ...

Abermals ein bedenkliches Gesicht -- kurze Beratung ...

»Herr Unparteiischer, von unserer Seite aus kann's weitergehn!«

»Silentium -- Pause ex!«

»Fertig!«

»Los!«

Krach, krach, rack-tack-bumm, tack --

»Halt!«

»Halt!«

Über Werners linke Backe war's wie ein leises Wehen hinweggegangen ...

Wichart schmunzelte:

»Rest, Füchschen! Da bringst deiner Frau Mutter aber gleich e scheene Bescheerung mit!«

Und: »Herr Unparteiischer, wir erklären Abfuhr!«

»Silentium -- Cimbria erklärt Abfuhr nach viereinhalb Minuten.«

Was? War er denn getroffen?

O ja, er war getroffen. Seine linke Wange klaffte vom Ohrläppchen bis unter die Nasenwurzel.

Werner Achenbach hatte die Bluttaufe bekommen.