Chapter 5 of 24 · 1538 words · ~8 min read

V.

Lenchen tastete sich zitternd in das halbdunkle Hinterzimmer. Dort stand im dunkelsten Winkel der fettige Ledersessel, von dem aus die alte Markus ihren Laden zu leiten pflegte. Seit ein paar Tagen war er leer gewesen; das mühselige Weibchen mit dem verknitterten Ledergesicht hatte vor Asthma die zwei Treppen nicht hinuntergekonnt und lag nun oben im Bett, keuchend und schwitzend vor Angst, immerfort rechnend und rechnend, wieviel Ausfall ihre Krankheit für ihr Krämche wohl bedeuten möchte. Sie hielt sich noch immer für die Seele des Geschäfts und ahnte nicht, daß das zerfahrene, verliebte Salche längst die Zügel in die Hand genommen hatte und strammer hielt, als Mutter Sidonie sie jemals gehalten. In ihren verlassenen Sessel verkroch sich nun Lenche Trimpop. Kaum vermochte das rumplige Gerät ihre mächtigen Hüften zu fassen; es knackte in allen Fugen, aber Lenche achtete nicht darauf ... einen Augenblick Rast, irgendwo, wo es keine Menschen gab, die sie kannten, einen Augenblick ... sie schloß die Augen und saß ganz still ... aber nun schauerte sie zusammen ... da war es wieder, dies fürchterliche Pochen in ihrem armen Leibe ...

»Na, Lenche, was bringst gut's?«

Frisch, rosig, nach allen möglichen Spezereien und Eßwaren duftend, stand Rosalie vor der Freundin.

»Ach, Salche -- ich muß ja sterbe, Salche!«

»Was mußt? Sterbe? Bist nit gescheit?!« Und Rosalie kniete neben der Freundin und umfaßte ihren Leib -- --

Was war das?!

»Lenche --!!«

»Ja, Salche -- das is es --«

»Nit möglich -- Lenche -- wie hast denn das angefange? Na, aber so e Dummheit! Bist denn erst gestern uf d' Welt komme?! Nu wer -- wer -- von wem hast es denn?«

»Kennst du de Scholz?«

»De Scholz? De lange von de Cimbre? De Erste von de Cimbre?«

Lenchen nickte und schluchzte stoßweise vor sich hin.

»De Scholz -- na, wer kennt den nit in Marburg?! Wie kann mer sich auch mit so eme einlasse? Das weiß doch jedes Kind in Marburg, daß der schon e Stücker drei hat unglücklich gemacht! Hast denn das nimmer g'wußt, Lenche?«

»Ach, Salche -- du kennst en nit, Salche! Du kennst en nit, wie ich en kenn! -- Das is einer, Salche -- wenn der dich will, da kannst de nit nein sage!!«

Salche mußte in sich hinein lachen. Nein sagen würde sie ja vielleicht nicht ... aber so wie dem dummen Lenchen würde es ihr trotzdem nicht gehen.

»Ach, Salche, sag mer nur, was fang ich jetzt an?«

»Was de anfangst? Du kriegst dei Kindchen, un der Scholz muß zahle!«

»Oh, Salche, du kennst doch mei Vadder -- der tut mich dotschlage, wenn er's merkt! Ach, un mei Mutter! Un mei Stell verlier ich, un -- oh, Salche, ne, ich muß sterbe! Ich geh in de Lahn geh ich, Salche!«

»Es is nit so schlimm, Lenche,« sagte Rosalie. »Es hann als mehr Mädche Kinner kriegt un sinn nit in de Lahn gange. Wie lang is es denn schon?«

»Es is noch aus em vorige Jahr, glaub ich.«

»Himmel, schon im sechsten Monat! Ja, dann wirst es wohl nimmer lange verberge könne, un für bei de Hebamm in Frankfurt zu gehn, is es auch schon e bißche zu spät, da könnst bös ereinfalle ... na, da geh doch zum Vadder un sag's em, fresse kann er dich nit!«

»Ne, Salche, das is ganz unmöglich, das gibt e gräßlich Unglück, dot tut er mich schlage, gewiß un wahrhaftig, das kann ich nit, da hab ich kein Kurasch for, och, Himmel, was mach ich nur, was mach ich nur?«

»Weiß denn dein Scholz davon, wie es mit dir steht?«

»Der weiß es, dem hab' ich's gesagt, nu, er hat mer gesagt, daß er selbstverständlich tät das Kind bezahle -- aber ... heirate will er mich nit!«

»Heirate? Der Scholz dich heirate? Hast de dir das am End gar in de Kopp gesetzt?«

Lenchens blonder Scheitel sank tief nach vorn. »Ach, Salche ... was redt mer sich nit alles ein, wenn mer eine mag ... un mer denkt, wenn de so viel für en tus, hernach muß er doch auch was für dich tun ...«

»Ja, wenn du so e dumm Gans gewese bis, hernach geschieht dir nit mehr wie recht ...«

E dumm Gans! -- Langsam, stockend hob Lenchen an, der Freundin alles zu erzählen. Wie ihr's zuerst aufgefallen war, daß der lange Scholz so gar viel Schlipse und Kragen brauchte -- wie er ihr das erste Veilchensträußchen brachte ... wie sie stolz war, daß der berühmteste Student in Marburg, er, von dem ihre Freundinnen und Kolleginnen so viel zu munkeln wußten, daß der ihr offenkundig huldigte, ihr, der armen Schreinerstochter, der blutjungen Ladenmamsell -- und dann der erste Ausflug, der erste Tanz am Sonntag draußen in Marbach, unmittelbar nach dem Beginn der Herbstferien ... und dann der Heimspaziergang durch die Augustvollmondnacht -- am andern Morgen wollte er in die Ferien reisen, auf zwei Monate fort ... und dieser Abschied am Waldrand -- und wie sie sich erst schon losgerissen hatte -- und dann doch zu ihm zurück mußte -- zurück in das Waldesdämmern ... und andern Morgens war er doch fort gewesen ... und dann nach zwei Monaten dieses Wiedersehen, ach, und die Dutzende von Mittag- und Abendstündchen, wenn sie auf dem Heimweg vom Geschäft in seine Bude geschlüpft war, und inmitten all der fürchterlich interessanten Dinge, der Wände voller bunter Mützen, Bänder, Schläger, Farbenschilde, Photographien als selige Beute in seinen Armen gelegen hatte ... und niemals, niemals hätte sie's fassen können, daß das einmal enden könnte -- daß das Leben sie aus diesen Armen reißen könnte -- nein, das war ja unmöglich ... war's nicht Wunder genug, daß sie sein war? Was wollte dagegen das andere sagen, was noch fehlte: daß er sie mitnahm, heraus aus ihrer armseligen Häuslichkeit, heraus aus dem Lärm und Brodem der väterlichen Werkstatt, aus Elterngekeif und Kindergebrüll, aus dem öden Einerlei ihres Berufslebens, hinaus in die höhere Welt, der er angehörte ... das mußte ja kommen, das würde kommen ... denn das wußte sie ja nicht, daß er selber doch noch am Anfang stand, am Anfang eines sozialen Kampfes, der nicht viel minder hart als der ihre sein würde, eines Kampfes um Amt und Brot -- -- für sie war er immer ein Gott gewesen, ein Gott, der leicht und kampflos auf Wolken wandelte, er, der junge Student, dessen Vater die dreihundert Mark Monatswechsel, die er dem Sohne zukommen lassen mußte, als Frauenarzt in Hannover auch nicht mit Spazierengehen verdiente ...

»So e dumm Gans!«

Oh, Gott, und nun?! Nun war es aus ... seit sie ihm ~das~ erzählt hatte, war es aus ... so fest hatte sie an ihn geglaubt, so dumm und sicher sich auf ihn verlassen, daß er sie heilig halten würde, nun doppelt heilig ...

Das alles erzählte sie Rosalie, und wenn das schöne Mädchen anfangs Lust gehabt hatte, die Freundin recht gründlich auszulachen ... das Lachen verging ihr nach und nach, und dumpf und wuchtend überkam sie das Gefühl, daß ihrer beider Geschick doch im Grunde das gleiche sei: den jungen Herren in patenten Anzügen, in blinkenden Mützen und Bändern als Spielzeug zu dienen, um dann eines Tages achtlos beiseite geworfen zu werden, abgewelkte, entblätterte Rosen, in den Staub, in den Gassenkot, in die ganze Armseligkeit ihres dürftigen Daseins ...

Und so weinten am Ende die beiden Mädchen ... und das forsche Salche mußte die Freundin ohne Trost ziehen lassen ... Nur daß Lenchen nicht in die Lahn gehen sollte, hatte Rosalie sich versprechen lassen.

Kaum war Lenchen fortgeschlüpft, da klangen und klirrten draußen Stimmen und Jugendschritte. Hundegebell erscholl dazwischen, Aufschlagen eisenbeschlagener Stockspitzen klapperten auf dem holprigen Pflaster. Das Korps Cimbria kam vom Frühschoppen und zog die Wettergasse entlang zum Mittagessen im Museum. Hell blinkten die blauen Mützen, die eleganten Sommerwesten und drüber die frischen Bänder im Mittagsglaste der Maisonne. An dreißig Jünglinge zogen vorüber, alle frisch, rosig, wohlgenährt, die feisten Wangen der Älteren von mancher roten Narbe zerrissen; laut schwatzend schritten sie dahin, die Herren, die Fürsten dieses Städtchens.

Herzklopfend stand Rosalie, haßgrinsend ihr Bruder Simon hinter den Ladenfenstern. Mancher Blick flog aus dem Schwarm suchend herüber nach der Tür, unter der sonst stets das schmucke Judenmädchen zu sehen war, wenn Cimbria vorüberzog. Aber diesmal suchten die Blicke der Cimbern umsonst -- Rosalie mochte ihr verweintes Gesicht nicht zeigen ... umsonst suchten auch Werner Achenbachs heiße Augen nach dem roten Munde, der ihn vor wenig Stunden so gebefreudig angelacht ...

Nicht nach Werners Anblick fahndete diesmal Rosalie ... sie suchte den langen Scholz, den sie sich bislang eigentlich nie so recht genau betrachtet ...

Da kam er, inmitten der Korpsbrüder, den Kopf im Nacken, die Augen halb geschlossen; durch das Gewirr der alten Schmisse auf seiner linken Wange zog sich rotleuchtend die neue Errungenschaft des ersten Bestimmtages. Inmitten der schwatzenden und lachenden Freunde ging er stumm, unnahbar, herrisch in sich geschlossen.

»Dettmer!« Eine Stimme wie Schwerterklang. Rosalie sah, wie der Angerufene, der um einige Paare vor Scholz schritt, herumfuhr, gehorsam stehen blieb und ehrerbietig, mit leichtgelüfteter Mütze, im Weiterschreiten den Worten des Seniors lauschte.

Das arme Ladenmädel drinnen hatte in seinem Leben niemals andere Angehörige der herrschenden Klasse zu Gesichte bekommen, als diese jungen Studenten. Sie bebte bei Scholzens Anblick, als sei ein Gott in Mächten und Prächten an ihr vorübergeschritten.