VI.
Marburgs Bürgerschaft gliederte sich in zwei Kasten: in die Gesellschaft und in das, was nicht zur Gesellschaft gehörte. Ob der einzelne Mensch, die einzelne Familie in die eine oder die andere Klasse zu rechnen sei, darüber entschied ein sehr einfaches Unterscheidungsmerkmal: die Mitglieder des Vereins »Museum« bildeten die Gesellschaft; wer diesem Kreise nicht angehörte, war ein unqualifiziertes Lebewesen. Die Mitglieder der Behörden, der Universität, der städtischen Verwaltungskörperschaften, das Offizierkorps des Jägerbataillons, ferner auch sämtliche private Akademiker und die wohlhabenden Kaufleute gehörten dem Verein an. Die Studenten konnten um ein Geringes die außerordentliche Mitgliedschaft erwerben, und so waren die Angehörigen der Korps, Burschenschaften, Landsmannschaften, akademischen Turnvereine ohne Ausnahme museumsberechtigt.
Aber auch innerhalb der Gesellschaft gab es noch zahlreiche engere Zirkel, die, wenn auch in Einzelheiten rivalisierend, doch im ganzen und großen noch eine innere gesellschaftliche Hierarchie in zuerst jäh, dann langsamer absteigendem Aufbau bildeten.
Daß die jungen Korpsstudenten sich nur an gewisse genau bezeichnete oberste Schichten dieser Hierarchie zu halten hätten, wurde ihnen vom Fuchsmajor an jedem Renoncenconvent eingeprägt. Werner wußte also schon ganz genau, als er zu seiner ersten Museumsreunion schritt, daß er beileibe nicht mit jedem Mädchen, das ihm etwa gefallen möchte, tanzen dürfe; daß er sich vielmehr, bevor er sich vorstellen lasse, jedesmal bei einem Korpsburschen zu erkundigen habe, ob die betreffende Dame auch dem Kreise angehörte, in dem das Korps verkehrte.
Aber er wußte noch zu wenig vom Leben, um sich durch die engen Schranken, innerhalb deren er Vergnügungen und Anregung suchen durfte, sonderlich beengt zu fühlen. Er war nach und nach schon so weit Cimber geworden, daß er es selbstverständlich fand, nur mit »Cimberndamen« zu tanzen. Für sein blau-rot-weißes Empfinden kamen die anderen so wenig in Betracht, als etwa für einen römischen Bürger der ältesten Zeit die Frauen derjenigen fremden Völkerschaften, mit denen kein +commercium et connubium+ bestand.
Und so spähte er denn, als er in den Museumsgarten trat, zunächst unwillkürlich nach den hellblauen Kleidern, in denen sich die ganz waschechten Cimberndamen bei festlichen Gelegenheiten zu präsentieren pflegten, und erschaute ihrer eine nicht geringe Zahl. Dann aber fesselte ihn doch das Gesamtbild, und er machte an der Eingangspforte des Berggartens halt; unwillkürlich zog er die Mütze, tupfte mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und ließ die Augen wandern.
In drei Terrassen baute sich der Garten auf; unter blühenden Linden, unter dem noch hellen Bronzebaum weitschattender Blutbuchen zogen da gedeckte Tische sich hin. Es war fünf Uhr nachmittags, und die Maisonne flimmerte munter durch die Wipfel, tupfte mit blinkenden Lichtbüscheln die hellen Gewänder der Damen, die in langen Reihen beim Kaffee saßen; in ihrer Mitte sah man zuweilen das bequeme Sommerjackett, den ergrauten Kopf, den Panamahut eines arbeitsfreien Familienvaters. Sonst war das männliche Geschlecht einzig und allein durch die Studenten vertreten. Weder die Offiziere des Jägerbataillons, noch die Beamten, soweit sie nicht Alte Herren einer Korporation waren, verkehrten auf den Museumsfestlichkeiten. Sie fühlten sich durch das Überwiegen der grünsten Jugend um ihr Behagen gebracht.
Aber die Studenten! Auf den ersten Blick hatte Werner natürlich seine Korpsbrüder erspäht, deren schon eine stattliche Zahl versammelt war. Daneben der Tisch der Hessen-Nassauer, deren hellgrüne Mützenreihe so lustig leuchtete, wie das junge Lindengrün darüber, und der Tisch der Westfalen, die jetzt im Sommer statt der schwarzen Mützen weiße Stürmer trugen.
In gewissem Abstande vom S. C. dann die Burschenschaften, violette Alemannen und ziegelrote Arminen, und alle die anderen Korporationen, deren Nam und Art Werner noch immer nicht ganz sicher beherrschte.
Und an allen Tischen scholl lustiges Geplauder, überall wurden von schwitzenden Kellnern Flaschenbatterien angeschleift, überall konnte man beobachten, wie in riesigen Steinguttöpfen von sachverständiger Hand über die Würzeblättlein des Waldmeisters endlose Moselfluten ausgegossen wurden, bis eine Flasche Wachenheimer Schaumwein, Kostenpunkt zwei Mark zwanzig Pfennige, dem Gebräu die letzte festliche Vollendung gab.
Und zwischen den leuchtenden Farbflecken der Damenkleider, den grellbunten der Burschenmützen konnte ein sorgfältiges Auge schon jetzt ein geheimes Hinüber und Herüber erkennen, einen Austausch von Blicken hin und her -- -- als wären da unsichtbare Drähte gespannt, fluteten feine, geheime Ströme hinüber und herüber, hin und her, im Maienhauch, unterm leise schwankenden Lindenlaub, getragen von den schaukelnden Wogen der Orchestermusik, hinüber, herüber, herüber, hinüber ...
Und Werner empfand das alles im Schauen. Eine große Freudigkeit weitete ihm die Brust. Sein erster Ball! Wenn auch nicht im kerzengeschmückten Saale, nicht im feierlichen Winterschmuck -- dafür in Sonn' und Lindenluft, bei Mückentanz und Amselschlag.
Ach, hinein in diese duftenden Wogen, diese farbigen Fluten -- Leben, Jugend, hinein in deine festliche Fülle, hinein, hinein!
Hinein, dorthin, wo lose Locken wehen und helle Augen flackern, wo weiche, schmiegsame Mädchengestalten in raschen Rhythmen sich wiegen, wo alles Verheißung ist und Sehnsucht und Erfüllung und freigebendes Auskosten der gnädigen Stunde! Hinein -- hinein!
Mit souveräner Nasenhebung schritt Werner an den Tischen der Turner und Burschenschafter vorbei, mit feierlich abgezogener Mütze an den Niederlassungen der Hessen und Westfalen, mit lächelnder, doch auch zeremonieller Verbeugung trat er an den Cimberntisch, wo man ihn willkommen hieß, nicht mit jugendlich lautem Hallo, sondern mit der gemessenen Heiterkeit, welche die Korpsstudenten überall zur Schau trugen, wo sie sich beobachtet wußten. Dann setzte er sich zu den Mitfüchsen, die ihn, den Rheinländer, als Bowlesachverständigen willkommen hießen. Und Werner, eingedenk, wie oft er dem geselligen Vater beim Bowlenbrauen hatte helfen müssen, war bald eifrig beschäftigt, das Gebräu anzusetzen und, was bei der Waldmeisterbowle so wichtig, es abzukosten, ob auch die Kräuter schon genügend »gezogen« hätten.
Inzwischen beobachtete er die Korpsbrüder und entdeckte bald die ihm schon bekannten Beziehungen. An der Spitze des Tisches saß Scholz, eisern, blasiert, gleichgültig: die Damen der Gesellschaft kamen als unnahbar für ihn nicht in Betracht ... Aber neben ihm saß Klauser ... den Ausdruck seines Gesichtes kannte Werner schon, und mit einer leichten Linkswendung des Kopfes folgte er den starren, gebannten Blicken seines Korpsbruders ... natürlich, da drüben saß ja die schöne Marie Hollerbaum, neben einer zarten, grauhaarigen Dame, umringt von einer Schar junger Mädchen, wieder in Hellgrün, der Grundfarbe Hasso-Nassovias, die dem Cimbernherzen nun einmal fatal war ... Ihr Kopf mit dem blumenwippenden Sommerhütchen hing nach vorn über einer Häkeltändelei -- aber jetzt -- jetzt hob sie den Kopf, und ein Blick blitzte aus umdunkelten Augen unter dem Hutrand hervor, daß Klauser den mächtigen Brustkasten dehnte und aufflammenden Gesichts rasch ein ganzes Glas Bowle hinunterstürzte.
Und glänzte nicht auch Dammers Bemmchengesicht wie frisch geschmiert? Drüben saß ja, in neutrales Weiß gekleidet, das ganze Vogtsche Pensionat, anderthalb Dutzend frischester Mädelgestalten, rechts und links des Tisches aufgereiht ganz wie zwei Reihen Täubchen auf der Stange, sorgsam behütet von den ruhelosen Augen einer unendlich gutmütig dreinschauenden Vorsteherin und dem Falkenblick der hageren Mademoiselle ... aber »Kätchen, das sießeste Mädichen« zu erspähen glückte Werner nicht ... die Kinder sahen alle egal aus ...
Und poussierte nicht auch der biedere Korpsbursch Dettmer heftig mit den Augen, obwohl er an der Bowle nicht teilnahm, und vor ihm noch immer Rotwein und Selterswasser verräterisch aufgebaut waren? Aber auch er, ob er schon das schmutzige Gift aus Gießen noch mit sich herumschleppte, ließ seine Blicke zum Vogtschen Pensionate hinüberschweifen, und da entdeckte Werner auch gar bald ein Madonnenköpfchen voll himmlischer Kinderunschuld, dessen friedvolle Augen halb bewußt widerstrebend, halb unbewußt hingebend die Blicke des blaubemützten Studiosen auffingen, dessen Gesicht durch die Blässe der Krankheit einen Ausdruck von Geist bekommen hatte, der ihm in gesunden Tagen fremd war.
Ach, es waren wenige unter den Cimbern, die nicht an irgendeiner Stelle des weiten Museumsgartens einen Haltepunkt für ihre Augen, ein Ziel ihrer feurigen Blicke gefunden hatten. Die wenigen Unberührbaren aber vertieften sich um so eifriger in die Bowle.
Und die Mütter, die Pensionsvorsteherinnen sahen schmunzelnd, friedvoll dem Treiben zu. Es war immer so gewesen in Marburg. In ihrer Jugendzeit hatten auch sie ganze Generationen von Studenten durchgeliebt ... das war nun einmal das Schicksal der jungen Mädchen in einem kleinen Universitätsnest, wo der Student die anderen Tänzer und Courmacher verdrängte ... schließlich blieb doch einmal einer hängen ... und wenn nicht ... dann wurde man eben alte Jungfer ... das sollte ja auch anderswo als in Universitätsstädten vorkommen ... mochten sie sich doch ihres Lebens freuen, die jungen Dinger ... und wenn auch einmal ein paar Rendezvous und Küsse dabei vorkamen ... daran sind wir Alten ja seinerzeit auch nicht gestorben ... ernstere Gefahren drohten den jungen Damen ja nicht von Studenten ... dafür gab's andere Mädchen ... bequemere, gefahrlosere Gelegenheiten.
Und der Tanz begann. Im Nu liefen all die bunten Farbflecke durcheinander, flossen hinüber und herüber und mündeten dann in einen schmalen Strom, der sich nun mitten zwischen Tischen und Menschengruppen hindurch zur obersten Terrasse emporwand, wo unter freiem Himmel das niedere bretterne Tanzgerüst aufgeschlagen war. Und das krachte nun unwillig unter der Last von Jugend, die sich darüber hin ergoß.
Werner hatte nicht engagiert. Er wollte sich's erst mal ansehen. Und etwas in ihm jauchzte und frohlockte still und gelassen im Anschauen von so viel brünstiger Jugendkraft, so viel festlich aufschäumender Lebensfülle.
Er sah dem Tanze zu, sah, wie Klauser Marie Hollerbaum fest im Arm hielt und, ein etwas stürmischer, doch sicherer Tänzer, sie durch das Gewühl der Paare steuerte; dabei kam's ihm nicht darauf an, dies Paar rechts, jenes links beiseite zu schieben oder auch zu stoßen.
Gleichzeitig bemerkte er aber auch, daß derjenige, mit dem Klauser morgen den schwersten Gang seines korpsstudentischen Lebens zu bestehen haben würde, daß der Hessen-Nassauer-Senior Seydelmann ohne zu tanzen beiseite stand und des Gegners Eifer mit unmerklichem Lächeln verfolgte.
Aber fest und hingebend lag die schlankerblühte Mädchengestalt in Klausers Arm, und Werner wußte, daß auch ihn kein Morgen, kein künftiger Kampf gehindert haben würde, das Glück eines solchen Augenblickes in sich hineinzutrinken, wenn ... wenn jene hier gewesen wäre, nach der ihn auf einmal eine süße Sehnsucht überfallen hatte ... jenes einzige weibliche Wesen, das bisher zu seiner Seele gesprochen hatte.
Elfriede! Wie ein Heimweh überkam den Zuschauenden der Gedanke. Nein, er würde keine »Sonne« haben in Marburg, er würde niemals hier draußen das bebende Jauchzen, den wunderverheißenden Ruck am Herzen spüren, den ihr Anblick ihm stets gegeben ... niemals das wilde, heilige Glück, wie er es daheim empfunden, wenn er sie im Konzert, bei einem Feste erkannt, nie den lastenden und dennoch beseligenden Schmerz, wenn er sie hatte vermissen müssen.
Elfriede! Das war ihm mehr als ein Name, als das Symbol ihrer Person: es war ihm eine Zauberformel ... bei deren Erklingen die innersten Pforten seines Herzens weit, weit aufsprangen, auf daß ein Festzug einziehe, dem alles folgte, was es Seltenes, Heilig-Herrschendes gab auf Erden und in den Himmeln aller Vergangenheiten und kommenden Tage ...
Aber der Tanz war aus, und um den schauenden Jüngling schwoll nun der Strom der Tänzer dem Ausweg zu. Und um ihn herum nichts als glühende, tief atmende Mädchenfrätzchen, scherzende, schwitzende Knabengesichter, alles hell, alles warm, alles duftend vom Hauch gepflegten, gehüteten Jugendlebens, alles brandend, brausend von Heiterkeit und sehnsüchtiger Kraft ...
Und wieder klang's in ihm: hinein!
Und als sein Fuchsmajor an ihm vorüberstrich, der hagere Papendieck, ein wuschliges Blondköpfchen an seiner Seite in einem weißen Spitzenfähnchen, da ließ er sich vorstellen und bat um den nächsten Tanz. Mit kecker Neugier musterte ihn die Kleine -- nickte dann dem Fuchsmajor den Abschied, zog ihre feuchte Hand aus seinem Arm und sagte zu Werner: »Wollen wir gleich hier oben bleiben?«
»Ei, warum denn nicht?«
»Na also! Los!«
Und schon fühlte Werner das Händchen in seinem rechten Arm, fühlte, daß sie ihn mit einem leichten Druck rechts herum zog, und da schwenkte er denn rasch herum, daß auch sie ein bißchen flog, und lachend trollten die beiden in einen von wildem Wein übersponnenen Seitengang hinein.
»Na, also zunächst mal, wie heißen Sie eigentlich?« sagte die Blonde, trat ihm gegenüber und musterte ihn nochmals recht eingehend. »Ich hab' Ihren Namen bei der sogenannten Vorstellung natürlich nicht verstanden, wie immer.«
»Also Achenbach, Werner Achenbach, Cimbriae, +studiosus juris+ aus Elberfeld ... und Sie, Fräulein?«
»Ich heiß' Ernestine Buchner, bin aus Siegen in Westfalen und bei Tante Vogt in Pension -- nun wissen Sie's!«
»Danke -- also Sie studieren auch hier -- auch erstes Semester?«
»Ne, zweites -- Brandfuchs!«
»Ich bin Krasser --«
»Das weiß ich -- sonst kennte ich Sie ja schon vom Winter her.«
»Was? Kennen Sie denn alle tausend Marburger Studenten?«
»Die Korpsstudenten kennen wir bei Tante Vogt jedenfalls alle und nun gar die Cimbern: Frau Vogt ist ja 'ne Alte Dame von Ihnen!«
»So? Das wußte ich ja noch gar nicht.«
»Doch -- ihr verstorbener Seliger, der Sanitätsrat, war Alter Herr von Ihrem Korps. Ihr Korps und unsere Pension haben doch überhaupt Kartell -- innige und alte Kartellbeziehungen -- wissen Sie das denn nicht?! Wie gefällt Ihnen denn dieser Betrieb?«
»Betrieb?« fragte Werner. »Was für ein Betrieb?«
»Na, hier die Hopserei! die Wald-, Wiesen- und Hecken-Hopserei!«
»Ach so, Sie meinen die Reunion? Nun -- seit einigen Minuten -- ganz erträglich.«
»Quasseln Sie nich! Komplimente sind bei mir nicht angebracht. Haben Sie denn einen Schimmer vom Tanzen?«
»In der Tanzstunde hat der Tanzlehrer mich immer gelobt ...«
»Und seitdem --?«
»Hab' ich bis heute keinen Schritt mehr getanzt.«
»Und wie lange ist das her?«
»Vier Jahre,« sagte Werner etwas kleinlaut.
»Oh, Sie Unglückswurm -- oder vielmehr ich Unglückswurm! -- Na, Kopf hoch, ich kriege Sie schon rum. Aber wenn Sie mir aus die Hühneraugen treten, dann schmeiß ich mit feuchtem Lehm.«
Etwas verblüfft sah Werner zu dem strammen Figürchen an seiner Seite herunter. Sie reichte ihm gerade bis über die Schultern. Ein völlig kindliches Gesicht, das Mündchen eines verzogenen Backfischchens, und --
»Sie -- schnell, kehrt, marsch, marsch!« rief die Kleine plötzlich erschrocken, »da ins Gebüsch!«
»Himmel -- was ist denn los?«
»Mademoiselle kommt! Jedenfalls hat sie beim Abzählen eines von ihren Küken vermißt, und nu kommt se und will mich bei de Hammelbeine kriegen!«
Und eh' er sich's versah, stak Werner mit seiner »Dame« mitten in einem blühenden Jasmindickicht. Draußen spürte die Mademoiselle herum.
»Hier bleiben wir, bis der Tanz losgeht! Ich find's ganz nett hier -- Sie auch?«
»Ich auch,« sagte Werner, ganz benommen.
»Raum ist in der kleinsten Hütte«, sagte Ernestine pathetisch, »für ein glücklich liebend Paar. Glücklich liebend! Hehe! Sie machen gar kein sehr glückliches Gesicht! Wollen Sie wohl mal schnell ein glückliches Gesicht machen?«
Und dabei hatte sie seine beiden Arme oberhalb der Ellenbogen gepackt und schüttelte ihn ganz derb.
Und Werner wurde warm. Das lachende Milch- und Blut-Gesicht vor seiner Nase, von lauter feinen Schweißperlchen Stirn und Näschen bedeckt, die losen Löckchen, die ihm manchmal kitzelnd ins Gesicht wehten, dies dralle Figürchen dicht vor seiner Brust und die Umklammerung der festen kleinen Fäuste um seine Arme ...
»Auch von Lieb umgeben Ist Studentenleben -- «
Schon umspannten seine Hände ihre Taille, er zog sie an sich heran, und sie hob ihr Mäulchen seinem Kuß entgegen --
Da schoben sich die Zweige des Bosketts auseinander, und dazwischen erschien das gelbe Gesicht der Mademoiselle.
* * * * *
Die Mademoiselle hatte Werner energisch anbefohlen, ihr und der trotzig leise schluchzenden kleinen Westfälingerin einen ordentlichen Vorsprung zu lassen. So stak Werner im Boskett und versuchte, sich die Folgen dieses Abenteuers auszumalen. Er nahm als gewiß an, daß Frau Vogt, die »Alte Dame«, sich beim Korps über ihn beschweren und man ihn dann mit Schimpf und Schande hinauswerfen würde.
Wie ein beim Naschen erwischter Köter kroch er tief gesenkten Hauptes aus dem Gebüsch und schlich an den Korpstisch zurück.
»Nanu?« rief der lange Papendieck. »Wo hast du denn die kleine Siegerländerin gelassen? Eben geht doch der Tanz los?«
Werner wies nur mit stummem Kopfnicken zum Tisch des Vogtschen Pensionats hinüber.
»Was? -- eingeheimst? nanu? hast du am Ende gar --?«
Werner hielt es für das beste, dem Fuchsmajor die ganze Sache offen zu erzählen. Der lachte übers ganze Gesicht und sah den jungen Fuchs mit einem Ausdruck an, dem selbst der unerfahrene Werner entnehmen mußte, daß er, Werner, statt einer Korpsstrafe entgegenzugehen, in der Achtung seines Erziehers um einige Haupteslängen gestiegen sei.
Aber sein Tatendrang war dennoch vergangen. Und statt abermals um eine Tänzerin zu werben, vertiefte Werner sich in die Bowle. Aber nicht weichen wollte von ihm ein süßes und neues Gefühl; als er die blonde Ernestine an sich gezogen, da hatte er ihre Arme umspannt ... O Gott, waren die seltsam weich und kühl gewesen! -- Und als sie Brust an Brust vor ihm gestanden, da hatte er an seinem Herzen etwas noch viel Weicheres gefühlt ... das wollte nicht fort von ihm, dies quälend-entzückende Gefühl ... ihm wurde ganz wirr davon. Und er trank unmenschlich. --
Und das Fest ging seinen Gang. Über dem Hin- und Herströmen der Tänzerpaare, über den Wirbeln und Verschlingungen ihrer Rundtänze und Kontres senkte sich die Nacht. Kühle kam. Hunderte bunter Lampions flammten auf. Und immer weiter ging's: Lanciers, Polka, Walzer, Walzer, Walzer ...
Röter flammten die Wangen der Burschen, höher atmeten die jungen Brüste der Mädchen unter leichten Batisthüllen, doch strenge Sitte, eiserne Kavalierspflicht türmte eine trennende Schranke ... und wenn auch das eine oder andere Paar sich auf ein paar Minuten in einen Laubengang verlor ... mehr als ein paar scheue Küsse forderte auch der Keckste, bewilligte die Leichtsinnigste nicht. Kavalier und Dame ... so standen sich diese jungen Kinder gegenüber. Und dabei waren fast alle diese Jünglinge schon wissend; fast alle hatten sie schon weit, weit abseits der Sphären dieser bürgerlichen Wohlanständigkeit, in dunklen, dumpfen Lasterhöhlen das Geheimnis des Lebens ergründet ...
Hier aber gaben sie sich als die korrekten, kittelsaubern Gentlemen, denn sie trugen die Farben ihrer Couleur, ihres Korps, und die jungen Mädchen an ihrem Arme waren Damen ... Damen, deren Reinheit von der Pistole bewacht wurde, für deren Unschuld das Leben von Vätern und Brüdern bürgte.
Und sie waren ahnungslos. Die Schlimmsten und Schlauesten unter ihnen, für die das Storchmärchen Kinderspott, die sich einbildeten, wunder wie aufgeklärt zu sein über die Bestimmung der Geschlechter, sie waren reine Engel gegen die Jünglinge, zu denen sie aufschauten, die aus dem Anschmiegen ihres jungen Körpers, aus dem Duft ihrer holden Wärme das süße Gift friedloser Sehnsucht sogen, das so manchen von ihnen spät nach dem Tanz in geheime Winkel trieb, wo für ein paar Silberlinge zu erkaufen war, was Sitte und Satzung hier dem Sehnenden lockend zeigte und dann hämisch aus den Armen riß ...
Auch Werner sehnte sich. Es trieb ihn von dem Zechertisch weg, wo um den immer neu aufgefüllten Bowlennapf die Köpfe der Trinkenden immer schwerer, die Augen immer stierer wurden ... höher stieg er in den Garten, und die leichten Walzermelodien, der Mondflimmer, der das Tal mit flutenden Nebeln füllte, der Nachtigallenruf aus den Uferbüschen drunten in der Ferne wühlten das Blut in ihm auf, der Wein in seinem Hirn, die Erinnerung an jenen Augenblick hastigen Erhaschens verwirrten sein Wollen ... Leib und Seele ächzten auf, ihre Sehnsucht schrie ineinander: ein Weib ... ein Weib ...
Da, als er fast taumelnd an dem Boskett vorbeischlenderte, in dem Ernestine ihm ihre Lippen geboten, vernahm er drinnen ein Geflüster:
»Es ist Zeit für dich, Liebster -- wahrhaftig, es ist Zeit -- schon dreiviertel elf ... ich will nicht, daß der greuliche Seydelmann dich mir morgen zu arg zurichtet ...«
Und dann eine Stimme, die er kannte:
»Noch einen Kuß, Liebchen -- noch einen Kuß --«
Und eine Stille, ach, eine lange Stille ...
»Willst du mir das Däumchen halten morgen?«
»Aber gewiß!«
»Tu's lieber nicht -- du meinst es nicht ehrlich -- du bist eine Hessen-Nassauer-Dame --«
»Mit dir mein' ich's ehrlich --«
»Liebste -- komm -- so -- und so -- und nun -- nun müssen wir gehn!«
»Hast du mich lieb -- Willy?!«
»Du! Marie! Du! -- -- hast du mich auch lieb, Marie?«
»Willy -- Willy ... meiner -- mein Willy!«
»Meine Braut -- meine süße, süße Braut --«
Und da traten sie aus dem Gebüsch, der Klauser und sein blonder Schatz ... und sie an seinem Arm, so schritten sie dem fernen Lärm des Tanzes zu, durch den Mondglast der Berggartenwiese ...
Und Werner war allein ...
Allein? Warum?
Wußte er nicht auch ein paar Arme, die sich ihm auftun, ein paar Lippen, die sich ihm nicht versagen würden?
Rosalie! Er sah ihren gewährenden Blick, ihr ermutigendes Lächeln ...
Er hatte eine geheime Angst vor dem wissenden, überlegenen Ausdruck ihrer Augen ... aber in dieser Stunde ... sie war ein Weib ... ein Weib --!!
Seinen Stock, den er am Bowlentische stehen gelassen -- ein schönes Stück, eine Dedikation Dammers -- ließ er im Stich ... er flog nach Hause, immer nur von dem Gedanken beseelt, daß er an Rosaliens Zimmertür pochen müsse ... mochte dann kommen, was da wolle, er mußte anklopfen, er mußte ...
Er zog die Schuhe aus, schlich die zwei Treppen hinauf ... oft knackten die trockenen, jahrhundertalten Dielen ... dann hielt er lauschend den Atem an ...
Ihn fror, seine Hände flogen, seine Kinnbacken schlotterten ...
Nun stand er oben vor der Tür ... die Hand lag auf der Klinke -- --
In diesem Augenblick faßte ihn ein solch jähes Zittern, daß er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Ein wilder Schrei -- ein Schrei, der nichts Menschliches hatte, ein Klang wie das Todesgeheul einer waidwunden Bestie -- war draußen, drunten in der Tiefe erklungen -- -- zum offenen Flurfenster hinein ...
Bebend schlich er ans Fenster und spähte hinaus. Monddurchwoben lag das breite Lahntal zu seinen Füßen; tief unten zog sich die Straße, daneben gingen die ruhigen Wasser des Flusses. Da unten -- da unten mußte es gewesen sein ... ein Schrei aus Menschenmund war das gewesen ... aber ein Schrei, wie Werner noch keinen gehört hatte.
Doch alles blieb still und ruhig drunten. Alles schlief ... niemanden schien die schreckhafte Stimme geweckt zu haben ...
Werner ging nicht zu Rosaliens Tür zurück. Er tastete sich in dumpfem Beben die Treppe hinunter ... im Zimmer riß er die Kleider vom Leibe, kroch zähneklappernd ins Bett und versank tief, tief in die unfruchtbaren Schauer seiner Knabeneinsamkeit -- --