II.
Werner lag im Bett und träumte in den Sonntagmorgen hinein. Er hatte keinen Katzenjammer, nur schien's über allen Dingen wie ein leichter Flor zu liegen, so eine mollige, duselig-dämmerige Atmosphäre, in der sich's gut faulenzen und sinnieren ließ. Er hatte zwei winzige Stuben an der Wettergasse, der winklig-engen, altertümlichen Hauptstraße von Marburg, die sich um die halbe Höhe des Schloßberges herumwand, hinter der Elisabethkirche am Steinweg in die Höhe stieg, dann eine Strecke lang horizontal hinlief und jenseits sich wieder senkte, um schließlich in die Ebene zurückzulaufen und in die Ockershausener Landstraße zu münden. Werners Wohnzimmer sah nach der Wettergasse, und zwar gerade da, wo gegenüber ein Brunnen aus der Felsmauer sprudelte, neben dem eine Straße zwischen hohen Gartenmauern links, gartenumbuschten Villen rechts, allmählich zur Sternwarte, weiter zur Cimbernkneipe und schließlich zum Schlosse führte. Sein Schlafzimmer dagegen sah in die weite, frühlingsprangende Lahnebene hinaus. Tief unten ging der Fluß, weiterhin sah man Felder und Wiesen, jenseits am Bergrande lief die Eisenbahn, und drüber hin stieg ein stattlicher Bergzug an, dessen Höhe das bescheidene Gasthaus Spiegelslust krönte. Dies alles konnte Werner vom Bette aus überschauen, wenn er nur den Kopf ein wenig wandte. Und ganz links sah er auch die Elisabethkirche, dies himmlische Kleinod der frühen Gotik. Und die Glocken der Elisabethkirche waren es auch, die nun vollchörig den Sonntag einläuteten.
Werners Herz war groß und weit vor Glück. Noch vor wenig Wochen ein geplagter Abiturient, nun ein freier Student, gebunden freilich durch die selbsterwählte Zucht des Korps, die stramm genug war, strammer in mancher Hinsicht, als die der Schule und des Elternhauses zusammengenommen ... aber dennoch frei ... frei von der Bürde des Schülertums, frei vom Zwange des formelhaften Unterrichts in tausend Dingen, deren Zweck der gesunde Menschenverstand beim besten Willen nicht einsehen wollte ... dies neunjährige Pauken des Lateinischen, das ihn doch noch nicht einmal so weit gebracht hatte, auch nur die kleinste flüssige Unterhaltung in lateinischer Sprache zu führen, geschweige denn in griechischer ... Und Französisch und Englisch? Daß Gott erbarm ... jeder Oberkellner hätte ihn beschämt ... Geschichte? Geographie? Ja, in Hellas und Rom wußte er Bescheid, aber vom Mittelalter kannte er nur den äußeren Verlauf, und die neuere Zeit endete beim Jahre 1815 ... Der Reichstag, der Bundesrat, das Abgeordnetenhaus ... was waren das alles für merkwürdige Dinge? Was hatte der Kaiser zu sagen, was der Fürst von Reuß ältere Linie? Was waren Steuern? Wie kam es, daß man dienen mußte? Was war Selbstverwaltung eigentlich für ein Ding? Was ein Bürgermeister, ein Landrat, ein Beigeordneter, ein Kreis, ein Provinziallandtag? Davon hatte er keine Ahnung, wohl aber kannte er die Steuerordnung des Servius Tullius, die Grundzüge der solonischen Gesetzgebung, den Sitz der Stämme Israels, die Namen der Leibärzte des Achilleus ...
Und nun gar die Natur? Was wußte er von der? Wie kam es, daß die Erde sich um die Sonne drehte? Woher stammten die zahllosen Arten von Lebewesen? Wo war der Himmel, wo die Hölle, von der man ihm in der Religionsstunde erzählt hatte? Was war die Seele für ein Ding? Wo kam sie her, wo ging sie hin? Was war überhaupt dies Leben, das er so selig prickelnd in allen Gliedern fühlte? Und warum gab's gar von allen Wesen zweierlei Geschlechter? Warum mußten sich immer zwei Geschöpfe von beiden vereinigen, um ein drittes zu schaffen? Wie ging das alles vor sich?
So wirblicht, so chaotisch sah es in dem Kopf des Knaben aus, den man mit dem Zeugnis der Reife ins Leben hineingestoßen hatte ...
Ja ... er haßte die Schule, haßte seine Lehrer, diese stumpfsinnigen Banausen, die jeder nur das Bestreben kannten, den von oben vorgeschriebenen Lehrplan für ihr Spezialfach abzuhaspeln und auf diesem engen Gebiete möglichst glänzende Resultate herauszudressieren ... deren jeder sein Fach für die Hauptsache angesehen und diejenigen Schüler aufs abgeschmackteste bevorzugt hatte, die hier etwas leisteten, mochten sie sonst als Menschen, als werdende Charaktere und Gesamtpersönlichkeiten sein, wer immer sie wollten ...
Und dabei war's ihm nicht einmal schlecht gegangen. In allen Fächern war er obenan gewesen und hatte seit Jahren in seiner Klasse den ersten Platz kampflos und unbestritten innegehabt. Wie mochte erst den andern zumute sein, die vor jedem Schultage und nun gar vor Zeugnis- und Versetzungsterminen hatten zittern und beben müssen?
Und sein feierlicher Vorsatz war der: nun sich »von allem Wissensqualm zu entladen«, sich dem Strom des Lebens zu überlassen, der ihn gepackt hatte und in seine Wirbel zog, planlos und ziellos den Dingen sich hinzugeben und nur dem Augenblick zu dienen.
Und dieser Augenblick hieß Marburg, hieß Cimbria!
Mit zärtlichem Blick flog sein Auge zu der hellblauen Cimbernmütze hinüber, die auf dem Tische lag, zu dem blau-roten Fuchsbande, das neben seinen Kleidern am Stuhle hing. Er nahm's und streichelte es zärtlich. Wenn doch seine Eltern ihn mal so sehen könnten, in Mütze und Band, ihren Ältesten, ihren Liebling!
Denn das war er ja, er wußte es wohl ... und in die Heimat streiften seine Gedanken voll Liebe und Zärtlichkeit ...
Er sah den Vater in seinem kleinen Bureau, meinte seine Stimme zu hören, wie er mit seinen Klienten konferierte, oft lustig plaudernd, oft erregt debattierend. Er sah die Mutter in ihrer Fensterecke, vor der ein Kastanienbaum im Sommer lieblich schattete, im Winter nackt und kahl mit seinen Ästen voll harziger Knospen in die Luft starrte ... nichts als Liebe und Vertrauen war da gewesen, bis ...
Ja, bis eines Tages etwas in ihm erwacht war, das sich der Hingabe an die Elternliebe verschloß. Bis jene unheimlichen seelischen Veränderungen in ihm begonnen hatten, zu denen Elternsorge die Brücke nicht gefunden, ja nicht einmal gesucht hatte ...
Oh, er wußte das alles ja noch so gut!
Vier Brüder waren sie daheim, und er der älteste. Auch in den befreundeten Familien gar keine Mädchen, wenigstens keine gleichaltrigen ... so hatte seine ganze Jugend sich im Verkehr mit Knaben abgespielt. Seine Mutter hatte in dem beständigen Umgang mit ihren Söhnen selbst etwas Männliches angenommen. Nichts Weiches, nichts von anschmiegsamer, hingebender Zärtlichkeit kannte sein Leben.
Mit dreizehn Jahren hatten die Eltern ihm Tanzunterricht geben lassen. Da war er zum ersten Male mit Mädchen zusammengekommen, aber auf einem Boden, der eitel Unnatur war. Als Miniaturkavaliere und Duodez-Dämchen hatte man dort die Kinder ausgebildet, so alle Vertraulichkeit und Unbefangenheit ausgeschaltet und eine Atmosphäre geschaffen, die schwül und berauschend war wie die der Salons und Tanzsäle der Großen.
Und damals war erwacht, was hinfort die geheime Folter und Seligkeit seines Lebens geworden war ... Seele und Sinne waren erwacht ... zu früh in dieser süßlich-schwülen Luft, und -- -- nicht in Einigkeit und herrlicher Harmonie, sondern jedes für sich ...
Als wär's gestern gewesen, so stand jene erste Tanzstunde vor ihm ... hüben ein Rudel ungelenker Knaben, drüben eine Reihe buntgewandeter, verlegen kichernder Mädchen, die von dem Knaben gar keine Notiz nahmen ...
Da war eine gekommen, ganz zuletzt, ein blasses, schlankes Dingelchen in einem grauen Kleidchen, dunkelblauer Schärpe, mit großen, lichten Augen und einem stets leicht geöffneten Mund, aus dem ein paar große Vorderzähne blitzten -- zwei prachtvolle Blondzöpfe hingen ihr schwer vom Scheitel. Die hatte vor den Jungens frisch und brav mit dem Köpfchen genickt, ehe sie sich unter die Mädchen gemischt ... und da hatte Werner Achenbachs Knabenherz die Herrin seiner Jugendträume gefunden ...
Hoch und heilig stand diese Liebe über seinem Leben hinfort. Alles, was Großes und Reines auf ihn zuströmte aus den Werken der Dichter, den Geschehnissen der Geschichte und der Betrachtung der Natur und Kunst, alles flocht Werner zusammen zu einem Strahlenkranz um Jung-Elfriedens blonden Scheitel.
Wohl hatten seine Eltern gemerkt, daß der Knabe anders geworden. Daß er sich sorgfältiger kleidete, daß ein Ernst und eine Bedeutsamkeit in seine Lebensführung gekommen war. Aber die heilige Größe des Geheimnisses, welches sich in der Seele vollzog, der sie das Leben gegeben, die hatten sie nicht begriffen. Sie hatten es nicht verstanden, in diesem entscheidenden Augenblick ihres Kindes Herzensfreunde zu werden und zu bleiben. Und so hatte das Kind schon gelernt, sein Tiefstes in sich zu verschließen.
Hier war ein Neues, aber ein Glück und eine Erhebung. Keine Gefahr.
Doch daneben wuchs etwas anderes in dem Knaben. Ganz unabhängig von der hohen und lichten Liebe, die das junge Herz ihm schwellte.
Daß Mädchen anders aussehen wie Knaben, das hatte ein junger Freund, der Schwestern hatte, ihm in kindlichem Geplauder ganz harmlos verraten. Und nun lasen die Knaben in der Schule den Ovid und die Bibel, und da wurden oft einzelne Stellen ausgelassen. Und jedesmal bekam dann der Lehrer einen roten Kopf, und jedesmal lasen neugierige Knabenaugen heimlich die unterdrückten Stellen. Und jedesmal mußten sie gewahr werden, daß es sich dann um geheimnisvolle Beziehungen zwischen einem Manne und einem Weibe handelte, um Umarmungen, Zärtlichkeiten, Küsse ... da löste ein Gott einer Erdentochter den jungfräulichen Gürtel, teilte mit ihr das Lager und zeugte ihr einen Sohn, oder ein Satyr verfolgte eine nackte fliehende Nymphe und bezwang sie, oder Töchter machten ihren Vater berauscht und schliefen bei ihm, daß sie Samen von ihm erhielten, und was die hundert und aberhundert rätselhaften und seltsam lockenden Dinge mehr waren. Und immer handelte es sich um einen Er und eine Sie, und das Sehnen des Mannes schien immer nach dem Weibe zu gehen, nach dem Besitz seines Körpers, nach dem Anschauen und Umfangen seiner Nacktheit ...
Und da das Leben dem Knaben den Anblick der Weibesschönheit versagte, so begann er nun auf einmal mit leuchtenden, begierigen Augen die Werke der Kunst zu betrachten. Und seltsam bestätigten ihm die, daß es etwas Süßes sein müsse um des Weibes unverhüllte Leiblichkeit ... denn sie stand ja doch im Mittelpunkt alles Kunstschaffens, sie feierten tausend Werke der Plastik, tausend farbenglühende, lebenzitternde Gemälde ...
Und zur bebenden Frage seiner Phantasie sprach Ja die Seligkeit seines schauenden Auges, das brünstige Erschauern seines zarten Leibes beim Anblick dieser hochherrlichen Gestalten ... die Kunst ward ihm der Schlüssel zum Vorhof des Lebens ...
Aber wenn ihm Aug' und Sinne tanzten in Seligkeit und Glücksüberschwang, dann rang seine Seele in Sünderbangigkeit und Verbrecherbewußtsein. Dann aber war niemand, der zu ihm gesprochen hätte: sieh hin, mein Junge, sieh dir's an; das alles, was du dir ersehnst, ist gut und recht und einfach und heilig, das alles wird einmal dein Besitz und Eigen sein, wenn du ein Mann geworden bist und reif und würdig, die Erfüllung der Lebenswonne zu erringen und zu genießen, reif, Leben zu umfangen, um Leben zu zeugen. Inzwischen genieße ruhig im Anschauen hoher und reiner Kunst einen Vorgeschmack der künftigen Wonnen ... Dann aber kehre zurück in die Wirklichkeit und sieh, daß du noch ein unfertiges Kind bist, sei enthaltsam, wahre deinen jungen Leib heilig. Rüste ihn wie deine Seele zu künftiger Mannbarkeit, und überreich wird dir das Leben einst lohnen ...
Ja, wenn einer so zu dem Knaben gesprochen hätte ...!
Aber da war keiner ... keiner ... Die Eltern?! Zu denen hatte auch niemals einer so gesprochen, und Werners Eltern waren nicht die Menschen dazu, etwas anders zu machen, als ihre Väter und Mütter es einst mit ihnen selbst gemacht ... die Mutter wußte nichts von Knabenängsten, der Vater ging auf in den Sorgen seines Berufs, in dem er tüchtig war, ohne ihn zu lieben und ihm ganz gewachsen zu sein ... eine weiche, heitere, sinnig-liebenswürdige Natur, ein Mensch voll Güte, aber ohne Festigkeit und Willensstärke ... so mußte der Knabe einsam bleiben und leiden.
Die Freunde? Vielleicht kämpften sie alle denselben einsamen Kampf ... nie im Traume war's Werner eingefallen, sich hier einem Freunde anzuvertrauen ...
Und die Lehrer? Wußten sie denn nicht, wie's aussieht in einem vierzehn-, fünfzehnjährigen Knabenherzen? Sie waren viel zu träg oder feige, an ihren Schülern irgendetwas zu tun außerhalb des vorgeschriebenen Lehrplans und der etwa angrenzenden Privatbestrebungen ... sie waren abgestumpft durch die große Zahl, die individuellen Unterschiede, den beständigen Wechsel ihrer Schüler.
Einer nur, der Religionslehrer, ein wohlmeinender, aber possierlicher Mann, hielt alljährlich einmal den Primanern eine große Rede wider die Fleischeslust ... aber erstens wirkte er komisch, und dann drohte er mit der Hölle, mit der die Primaner nichts anzufangen wußten ...
Und so hatte Werner einsam leiden, sich sehnen und suchen müssen ... und er hatte gesucht ... das Konversationslexikon, die Dichter und Romanschriftsteller in seines Vaters Bücherschrank, Bocks »Gesunden und kranken Menschen« hatte er durchwühlt, um das Geheimnis seiner Dränge zu ergründen ... sein Sehnen war nicht gestillt worden ... schließlich war er ganz von selbst, wie im Traum zu jenem unheimlichen Aushilfsmittel gekommen, auf das alle Knaben verfallen -- -- aber seine Bangigkeit, seine Sünderangst war dadurch nur gestiegen und hatte ihn mehr als einmal bis dicht an eine bange Verzweiflungstat herangebracht -- so schmutzig, so elend und verworfen war er sich vorgekommen in seiner einsamen Qual ...
~Und nun?!~
»Auch von Lieb umgeben Ist Studentenleben«
Wieder summten ihm die Renommistenverse durch den Kopf -- --
Ja, hier draußen, hier war's auf einmal ganz anders ... diese muntern Gesellen um ihn her, die sahen alles, was er in Qualen und Gewissensfoltern ersehnt, als das selbstverständliche Recht ihrer Jugend an ... denen war das Weib, der grauenvoll süße Dämon seiner Einsamkeiten, eine leichte, rascherrungene Beute ... was ihm Sünde und doch wildumgierte Seligkeit schien, das war ihnen ein Scherz und Zeitvertreib, ein munterer Sport, nichts anders, als das blutige Spiel der langen Messer und die Saufturniere der offiziellen Kneipe. Und wenn schließlich das Ziel all des Ringens erreicht war, wenn aus geheimnistiefen Gründen ein Menschenleben erwacht war, dann nahm man auch das nicht tragisch ... lästig war's nur, daß man Alimente bezahlen mußte, aber dafür stieg man dann auch mächtig in der Hochachtung seiner Kommilitonen ...
Und die so leicht hinwegtändelten über die ungeheuersten Dinge, das waren dieselben Menschen, die draußen mit der unnahbaren Würde von Hofmarschällen einherschritten im Schmuck ihrer Farben, deren Ehrgefühl durch einen scheelen Blick zum Verlangen blutiger Sühne gereizt wurde -- --
Sonderbare Welt ... sonderbare Welt ...
Und da sollte er mittun?
Ja! schrie die eine, die heischende Stimme in ihm. Das Lenchen, Scholzens Lenchen tauchte vor ihm auf, die dem sehnenstarken Senior der Cimbern angehören sollte ... solch ein Geschöpf des Himmels, solch ein blühendes, schwellendes, glühendes Gebild in seinen Armen halten dürfen, wehrlos hingegeben, aus den bergenden Hüllen schälen das ganze blendende, duftende Geheimnis ihrer Holdseligkeit ... Gott, war's denn möglich, daß so etwas ihm einmal zuteil werden könnte ... ihm, dem sehnsuchtbebenden Knaben?
Aber eine andere Stimme war in ihm -- das Bild seiner Mutter stieg vor ihm auf in ernster Mahnung: ihm war, als würde er ihr nie wieder unter die Augen treten können, wenn er das getan hätte ... und noch ein anderes Bild ... seine süße, ferne, blonde Geliebte, die Heilige seines Herzens, der er tausendmal in seiner Stille die Treue geschworen, an die er nie anders gedacht als in Reinheit und kniefälliger Anbetung ... in einem sturmgeschützten verborgenen Heiligtum seines Herzens hatte ihr Bild gestanden, angeglüht von der ewigen Lampe seiner Seelenliebe, unberührt vom Toben der Stürme, unter denen des Knaben Physis gewankt hatte wie ein junges Bäumchen im Frühlingsorkan -- -- nein -- rein bleiben, rein wie sie, rein für sie, rein und keusch!
Aber mächtiger schrie in ihm die andere Stimme: Erlösung! Erfüllung! ein Ende der einsamen Qual! einen Mund her, ihn mit wilden Küssen zu versengen, rote Flechten, sie aufzulösen und die flutenden Locken zu küssen, einen weißen Leib, die glühende Stirn hineinzugraben, ihn zu pressen mit flatternden Händen --!
Einsam lag der Knabe, noch immer einsam in seiner keuchenden Angst, und schon drängte seine Phantasie der unwürdigen Handlung entgegen, die ihm schon manchmal für eine Woche die dumpfe Ruhe gegeben hatte, die leichter zu ertragen war, als dies marternde Begehren. --
Aber nein! Er fuhr auf, und sein Blick fiel auf die Mütze an der Wand, die er neulich beim Landesvater getragen; in der Mitte zeigte sie einen kleinen Riß, die symbolische Wunde, ein Gleichnis der Bereitschaft zum Tode fürs Vaterland -- eine welke Rose war hindurchgesteckt, und Werner fielen die Verse ein:
»Halten will ich stets auf Ehre, Stets ein braver Bursche sein ...«
Ob es ehrenvoll war, ohne Ring und Segen den Kuß der Liebe zu rauben?! Er wußte es nicht, ihm kam's vor, als dürfe er das nicht glauben ... aber das stand fest: ehrlos und eines braven Burschen unwert war, was er als Knabe getrieben, um seine Qual zu lindern ... das sollte nun aus sein ...
Und er sprang aus dem Bette, wusch Gesicht, Brust, Rücken, Arme, Beine, überschwemmte die ganze, ungestrichene Diele mit dem seifengrauen Wasser, und ihm wurde wohl.
Draußen klang Gesang in die Morgenfrühe. Halb angekleidet trat er in sein Wohnzimmer und spähte durch die Vorhänge auf die Wettergasse hinaus. Da kam vom Berge her ein Trupp Bauernburschen und Mädchen im ländlichen Sonntagsstaat; sie sangen mehrstimmige Volkslieder und marschierten der Elisabethkirche zu.
Das war ihm wie ein sehnsüchtiger Gruß von Jugend zu Jugend, wie ein Weckruf des Lenzlebens da draußen drang das hinein in seine Klause. Die da marschierten munter in den Frühlingsmorgen, Burschen und Mädel Arm in Arm, nicht getrennt durch die Schranken des Herkommens, ein Geschlecht dem andern nicht fremd, beide Früchte des mütterlichen Erdreichs, gesund und gemeinsam reifend in Sturm und Sonne, bis eins dem andern zugeweht wurde, wie der Wind oder die Füße der Biene den Blütenstaub vom Staubfaden zum Stempel tragen. Ach, auch so singend wandern dürfen mit Mädeln und Buben Arm in Arm, morgens zur Kirche, nachmittags zum Tanz, abends ins Scheunenstroh oder ins Roggenfeld oder unter den nächsten Heckenbusch ... und andern Morgens zur Arbeit, auch Mann und Weib vereinigt!
Aber nie, außer in den läppischen Zieraffereien der Tanzstunde, nie hatte er ein Mädchen in der Nähe gesehen ... Geheimnis und dumpfes, drängendes Verlangen war alles, was das Weib, das ferne, das unbekannte, in ihm weckte ... so war er ein Knecht seines Begehrens geworden, so hatte in seiner reifenden Seele alles, alles eine unbewußte Richtung auf dies große, süß-grauenvolle Rätsel bekommen.
Und ohne daß seiner Seele dies klar geworden wäre, hatten seine Sinne in dieser Stunde beschlossen, in dies entnervende, zermürbende Dunkel Helle zu bringen ... sich auf das erste, das beste Wesen des anderen Geschlechts zu stürzen und aus ihm den Himmel der Erfüllung und Versöhnung zu schaffen für alles, was Unnatur und Gedankenlosigkeit an ihm, dem werdenden Geschöpf, gefrevelt ...
Werner Achenbach hatte das blau-rote Fuchsband der Cimbria über die helle Sonntagsweste gehängt und den Rock angezogen. Nun ließ er sich in sein zersessenes Plüschsofa fallen und zog den mit einer verschlissenen Glasstickerei geschmückten Klingelzug. Dabei stellte er sich die siebzehnjährige Babett vor, der Witwe Siegmund Markus, seiner Wirtin, bäuerliches Dienstmädel. Bis zu dieser Stunde hatte er in ihr nur das subalterne Geschöpf gesehen, das dem Sohne einer höheren Kaste so fern stand wie etwa ein Affenweibchen. Aber in seiner augenblicklichen Stimmung, da noch die schwermütig-lustigen Rhythmen der Volkslieder von draußen in seinen Nerven nachzitterten, war's ihm, als müsse er sich das Bauernmädel auch mal von einem anderen Standpunkt aus betrachten. Und er stellte sie sich vor in ihrer ländlichen Tracht: ein blau und weiß gemustertes, enganliegendes Jäckchen mit tiefem, umsäumtem Halsausschnitt, den aber ein nicht immer blendend weißes Halstuch neidisch ausfüllte; darunter ein grauer, vielfaltiger Rock, unter dem sie um die Hüften wohl ein wurstförmiges Kissen rings um den Leib trug -- denn so wulstig setzte der Rock hoch über den Hüften an; unten -- er reichte kaum über die Knie -- säumten ihn zwei dunkelgrüne Tuchstreifen, und drunter schauten die drallen Waden vor in weißen Strümpfen mit schön gestrickten Zwickeln über den niedrigen Lederpantoffeln -- das war die Tracht -- die derben, verarbeiteten und zerstochenen Finger hatten ihm immer abscheulich mißfallen, wenn sie ihm das Frühstückstablett hingesetzt ... aber stets hatte sie ein freundliches »Winsch aach gude Abbeditt!« dabei gesagt und ihn aus harmlos grauen Augen in sommersprossigem Gesicht scheu vertraulich, verehrungsvoll zutulich angeschaut ... so würde sie nun gleich hereintreten, ihn anschauen, still um ihn wirken einen Augenblick, und dann still und demütig verschwinden.
Die Tür ging auf, und Werner schrak zusammen, das war nicht Babett, das war ... ja, wer nur?
Werner sah nur einen wuschligen Schwarzlockenkopf, drunter ein paar Augen, die dunkel flirrten und flimmerten, ein weißes, städtisches Batistkleid, aus dessen Ausschnitt ein bronzegelber Hals kräftig aufstieg. --
»Gude Morge, Herr Achebach, ah, Sie kenne mich noch nit, ich bin die Rosalie Markus, habbe Sie mich dann noch nimmer unne im Lade g'sehn?«
»Nein, Fräulein ... Rosalie ...«
»Nu bedanke Se sich mal scheen für die große Ehr, daß ich Ihne selbscht das Frühstück bring ... 's Babett is in der Kirch.« -- Es klang fast wie eine Entweihung, die derben chattischen Akzente aus diesem blühend wundervollen Munde zu vernehmen, dessen Schnitt seine Abstammung von uralter Volksherrlichkeit verriet ...
Werner faßte sich Mut. »Also ich bedank mich, Fräulein -- hoffentlich für mehr als einmal.«
»So? meine Se?«
»Weil's mir dann jedenfalls noch mal so gut schmeckt.« Werner erschrak über seine eigene Kühnheit.
»Wann Ihne nix G'scheiteres einfallen tut --«
»Was Gescheiteres? augenblicklich nicht ... wahrscheinlich nachher, wenn Sie wieder draußen sind --«
»Was ich mir dafür kaafe tu!«
Werners Blick flog von dem lachenden Munde mit seinen festen, blitzenden Zähnen, von den flimmernden, rastlos hüpfenden Augen zu den runden, mattgelben Handgelenken, den schlanken, vollen Händen, die so behende das Geschirr dicht vor seinen Augen ordneten, und alles, was er sah, schuf ihm Rausch und Jubel. Schon war sie fertig. »Na, gude Morche, Herr Achebach -- un auf gude Freindschaft, gelle?«
Die schöne Rechte streckte sich ihm entgegen, er hatte sie gefaßt und, was er noch nie getan, einen ungelenken Kuß daraufgedrückt. Und ein neckendes Lächeln auf den Lippen stapfte der süße Fremdling zur Tür, noch ein Blick aus den flackernden Schwarzaugen, und aus war's. --
Himmel! die und mit ihm unter einem Dache!
Betäubt, schwindelnd saß Werner Achenbach und starrte nach der Tür. Sie war hinaus, aber etwas war in der Stube zurückgeblieben von ihr ... ein ganz feiner Duft umwitterte Werner, ein Duft, der ihm neu war, ganz fremd, der ihm ins Hirn stieg, daß es wie ein roter Nebel auf seine Augen sank. Und seine Sinne kannten auf einmal ihr Ziel ... nicht mehr ~ein~ Weib war's, das sie verlangten, sondern dies Weib ... Rosalie ... Rosalie ... dieweil seine Seele sich zu dem Idol seiner Jugend flüchtete, das Bild der fernen blonden Geliebten heraufbeschwor aus jenem innersten, tiefsten Heiligtum seines Herzens, war in unbekannten, unzugänglichen Regionen seiner Menschlichkeit die Entscheidung schon gefallen ... hinfort würde seine Phantasie um dies Bild gaukeln müssen, wie um das lockende Licht jene Nachtschwärmer, die der Knabe einst nächtens mit der Laterne gejagt -- und Sättigung erjagen seiner Sehnsucht, oder verzweifeln.
Unten ertönte ein Pfiff, den Werner kannte: das Signal der Cimbria ... er steckte den Kopf aus dem niedern Fenster seiner Wohnstube auf die Wettergasse: da stand ein ganzer Schwarm blaumütziger Cimbern, in ihrer Mitte der schöne Klauser, hell und sonntäglich patent, auch Dammer, Dresdens herrlicher Sohn, sehr geschniegelt und doch unelegant mit seinem glänzenden Gänsefettbemmchengesicht und den gutmütig verschlagenen Äuglein. Und Werner rettete sich aus der Einsamkeit seiner stürmenden Gefühle in den Schwarm der Korpsbrüder. Stolzer als eine Schar von Florentiner Nobili zog das Rudel Cimbern die Wettergasse entlang, laut lachend und plaudernd, durch das untertänige Städtchen, in dem jeder Philister von den Studenten lebte und von ihrer ungeheuren Wichtigkeit demnach durchdrungen war. Seit mehr als sechs Jahrzehnten war Cimbria, Marburgs älteste Couleur, mit der Geschichte der Stadt und Universität verwachsen, keine Familie, kein Haus, kein Einzelleben, das nicht zu Cimbrias Söhnen in irgendeine Beziehung getreten wäre.
Und andere Couleurstudenten kreuzten den Weg; die Vertreter der andern Korps wurden korrekt höflich und zeremoniell mit tief herabgezogener, dabei im Bogen nach außen geschwenkter Mütze begrüßt, die Angehörigen der Burschenschaften, der Turnverbindungen, des Wingolf und der »freien« Verbindungen mit eisiger Nichtachtung geschnitten, auch wenn etwa der eine oder andere einen früheren Mitschüler unter jenen Böotiern bemerkte ... höchstens ein unauffälliges Kopfnicken war erlaubt ...
Lange nach der Gründung des einigen deutschen Reiches zeigten die deutschen Hochschulen noch das trauliche Bild der weiland deutschen Kleinstaaterei in ihrer unwillkürlichen Buntscheckigkeit, ihren aufreibenden, kleinlichen Bruderkämpfen mit all ihrem Haß und ihrer kindischen Rivalität und Neidhammelei ...
Aber das alles empfand Werner nicht, so wenig als einer seiner Korpsbrüder ... er wurde sich freudig stolz bewußt, die Farben der ältesten und angesehensten Verbindung der Alma mater Philippina zu tragen, und freute sich der stattlichen Zahl von blauen Mützen, die Marburgs alte düstere Straßen mit ihrem Farbenfest belebten, das mit dem Sonnenhimmel droben und den Kornblumensträußchen wetteiferte, welche den schlendernden Cimbern von spekulativen Bauernweibern feilgeboten wurden und reißenden Absatz fanden, so daß bald jeder Cimber schier in jedem Knopfloch so ein Sträußchen trug. Auch hinüber und herüber zwischen den sich begegnenden Freunden flogen diese bunten Symbole, es war förmlich eine kleine Blumenschlacht auf der Wettergasse, und unter den Haustüren standen die feiernden Philister mit der Sonntagspfeife und sahen schmunzelnd dem Treiben ihrer Lieblinge zu.
Nun rückte der Zeiger der Elisabethkirche auf Elf, und Cimbrias Söhne teilten sich in zwei Parteien. Was für hehre Weiblichkeit schwärmte, schlenderte den Steinweg hinab, um an der Pforte von Sankt Elisabeth »Kirchenparade abzunehmen«; robuster organisierte Seelen zogen eine Morgen-Kegelpartie im Garten der Korpskneipe oder einen Vorfrühschoppen vor. --
Natürlich schloß sich Werner den »Kirchgängern« an. Auf halber Höhe des Steinwegs kam Scholzens Riesengestalt den Schlendernden entgegen. Er war bei Wichart gewesen, der ihm den Wickelverband abgenommen und ihm statt dessen je eine mächtige schwarzseidene, watteunterlegte Kompresse auf die linke Schädelseite und Wange gebunden hatte. Das sah gar martialisch und reckenmäßig aus.
Achenbach ging ihm entgegen und streckte ihm die Hand hin: »Guten Morgen, Leibbursch!«
Scholz mußte sich erst einen Augenblick besinnen. »Leibfuchs Achenbach -- Morgen! Kater?«
»Keine Spur.«
»Wohin?«
»Zur Elisabethkirche.«
»Mädels begaffen?«
»Haha! ja!«
»Kindsköpfe. Ich geh kegeln.«
»Was? Mit deinen Schmissen?«
»Macht nix. Morgen, Leibfuchs.«
»Morgen, Leibbursch.«
Scholz stieg den Steinweg hinauf, alle Cimbern zogen die Mützen vor dem gefürchteten Senior, und man stieg zur Kirche hinab.
Werner war neben Klauser geraten, und das freute ihn. Klauser war ein rechtes Gegenstück zu Scholz. Dieser war hager, unzugänglich, sarkastisch, Klauser etwas behäbig, von behaglicher Umgänglichkeit, sprach gern und mit melodischer Stimme, war ein großer Sänger und so weit Schwärmer, als sich das mit dem im Korps herrschenden Ton vertrug. Und Werner sagte sich, während er mit dem Zweitchargierten plauderte, daß dieser ihm eigentlich geistig weit näher stände als der eherne, gladiatorenhafte Scholz. Aber wenn er zum zweiten Male hätte wählen sollen, er hätte sich abermals zu Scholz bekannt ...
Nun strebten aus Blütenballen und Maiengrün die braunen Türme von Sankt Elisabeth in keuscher Herrlichkeit hoch ins Blau. Eben setzte drinnen die Orgel brausend zur Schlußfuge ein, und aus der alten Pforte ergoß sich der Strom der Besucher. Studenten waren nicht zahlreich darunter, nur die weißen Mützen des Wingolf, der evangelischen Theologenverbindung, tauchten pflichtmäßig auf. Denn das Hessenland war ja eine Vorburg des Luthertums ... droben im alten Schloßsaale hatte jenes berühmte Religionsgespräch zwischen Luther und Zwingli stattgefunden, das schon über der Geburtsstunde des neuen Bekenntnisses den Unsegensstern der Zwietracht hatte aufgehen lassen; und das Gotteshaus der heiligen Elisabeth war seit Jahrhunderten eine protestantische Predigthalle geworden.
Cimbria hatte nur Augen für die jungen Mädchen.
Die »ganz waschechten Cimberndamen« bekannten sich auch äußerlich zur Farbe des Korps, indem sie hellblau an Sommer- und Ballkleidern jeder andern Farbe vorzogen. Die Hessen-Nassauer-Damen konnte man ebenso am Hellgrün erkennen -- beides selbstverständlich, soweit der Teint es zuließ ... hier war die Grenze der weiblichen Gesinnungstüchtigkeit ...
Eine der hellgrünen jungen Damen fiel Werner auf, eine schlanke, sehr sichere Blondine mit ruhigen, festen Blauaugen; sie erwiderte einen Gruß der Cimbern, die sie von den winterlichen Museumsbällen her kannte -- selbstverständlich mit Ausnahme der krassen Füchse, die gesellschaftlich noch nicht eingeführt waren. Und Werner wollte Klauser um den Namen des Mädchens fragen; aber als er den Blick zu dem älteren wandte, blieb ihm die Frage im Munde stecken. Das Gesicht des Studenten zeigte eine Veränderung, über die Werner erschrak ... einen Ausdruck, den er noch nicht kannte, aber verstand: den der wilden, hoffnungslosen Leidenschaft, unter der diese ganze hochstämmige, schon fast männlich reife Gestalt sich zusammenzuziehen schien wie unter einem furchtbaren körperlichen Schmerz ...
Da fragte Werner nicht und ging still neben dem schweigenden Korpsbruder den Steinweg hinauf. Weit vorn flatterte ein hellgrünes Gewand, ein Gewand, das nicht Cimbrias Farben trug ... und an diesem fernen lichten Farbfleck, der mit den Maienbüschen der Berggärten zur Rechten wetteiferte, hingen die Augen von Cimbrias Subsenior. Da wurde Werner zumute wie einst, als er von Weislingens Leidenschaft zur schönen Adelheid las.
Das kannte er noch nicht ... was dieses Jünglings Mienen verzerrte, seinen Augen diesen düstern Fieberglanz weckte, das war doch noch etwas anderes als seine, Werners, fromme Anbetung vor dem Altare, den er seiner heiligen Elfriede aufgerichtet im inneren Herzenskämmerlein ... etwas anderes, als die prickelnden Schauer, die ihn durchbebt hatten, als heut morgen das schelmische Judenmädchen in seine Kammer getreten war ...
Was war es denn?
Liebe --?!
Und jene Gefühle, die er kannte, waren sie nicht Liebe?
Oder gab es am Ende nicht nur ~die~ Liebe, sondern Liebe von vielerlei Art?
Der Knabe Werner wußte keine Antwort auf all die stürmenden Fragen seines aufgewühlten Herzens.