Chapter 15 of 24 · 2052 words · ~10 min read

III.

Wenige Schritte nur hatten die Freunde in dumpfem Schweigen zurückgelegt. Da riß Klauser seinen Arm aus dem des Freundes, ballte die Fäuste und zischte zwischen den Zähnen:

»Vor die Pistole muß er mir! Vor die Pistole --«

»Wer -- der Alte Herr?!«

»Was schiert mich das?! Meinst du, ich lasse sie mir so einfach wegnehmen? Ich schieß ihn über den Haufen --!!«

»Komm, Klauser, nimm dich ein bißchen zusammen, die andern werden schon aufmerksam auf dich. Höre mich doch bitte einmal einen Augenblick lang ruhig an. Ich glaube, du bildest dir das alles nur ein.«

Klauser lachte wild auf.

»Doch, Klauser, wahrhaftig, ich glaub's! Sieh mal, der Alte Herr ist noch nicht drei Wochen in Marburg. Der alte Hollerbaum ist Dekan der Juristenfakultät, außerdem ist er doch auch Pandektist; also da ist doch das ganz erklärlich, daß Dornblüth bei ihm verkehrt! Und daß der Alte seinen Kollegen eingeladen hat, sich von seinem Garten aus den Festzug anzusehen ... na, das ist doch alles ganz natürlich, da brauchst du doch nicht gleich auf Gedanken zu kommen!«

»Haha! und sie?! Ihr Benehmen gegen mich?! Ach geh mir doch mit deinem faden Trost ... es ist aus ... oder es soll aus sein! Ach, diese Weiber! Da kommt einer in Amt und Würden, und eins, zwei, drei, wird man beiseite geschoben wie ein dummer Junge --! Na, wartet, ihr da unten, in mir sollt ihr euch geirrt haben! Ich laß mich nicht abschieben, ich habe Rechte! Rechte!«

»Komm, liebster, einziger Klauser, sei doch nur nicht so wild! Denk doch, die andern müssen ja was merken! Sieh mal, ich kann's nicht glauben, ich kann's einfach nicht, daß der Alte Herr Absichten auf Marie hat --«

»Ja, warum denn nicht? Was sollte ~den~ denn hindern?«

»Klauser, ich muß dir etwas gestehen. Neulich, auf dem Wege nach Ockershausen, am Samstag vor drei Wochen, als du dich wieder in den Bund hineinpauktest, da tauchte ja der Alte Herr Dornblüth zum ersten Male auf, erinnerst du dich? Du mußt doch gesehen haben, daß ich mit ihm vor dir marschierte, weißt du's noch --?«

»Ja -- mir fällt's ein -- nun, und --?«

»Also da bin ich mit dem Alten Herrn ganz zufällig zusammengetroffen, und da fragte er mich nach allem aus, was los sei im Korps, und dann ist uns Marie begegnet, und da fragte er auch, wer die wäre, und -- da ist's mir eben entschlüpft, daß sie und du ... daß ihr verlobt wärt.«

»So -- und --?!«

»Du mußt mir nicht böse sein, es kam so ganz von selber ... na und siehst du, nun weiß also der Alte Herr doch, daß die Marie mit einem Korpsbruder von ihm verlobt ist, und einem Korpsbruder die Braut abspenstig machen ... so eine Gemeinheit, so eine verdammte Schurkerei wirst du dem doch nicht zutrauen? So sieht der mir wahrhaftig nicht aus!«

Klauser sann einen Moment schweigend vor sich hin. Dann brach er aus:

»Und wenn du recht hast -- um so schlimmer für mich!! Dann hätte die Marie sich eben ohne sein Zutun ... denn daß sie von mir nichts mehr wissen will ... das weiß ich, das fühl ich, da kann mir keiner dawider reden!! Aber sie soll mich kennen lernen! Kämpfen will ich um sie, kämpfen bis zum letzten Blutstropfen!!!«

»Übereile doch nur nichts, Klauser, um Himmels willen! Marie kommt ja doch jedenfalls hernach auf den Dammelsberg, ihr könnt zusammen tanzen, du kannst sie ja einfach fragen, und ich bin überzeugt, sie lacht dich aus und fragt dich, ob du toll bist! Oder sie haucht dich gründlich an, daß du überhaupt so abscheulich an ihr zweifeln kannst!«

So tröstete Werner den Freund. Und der Trost wirkte. Er wirkte, weil so vieles ihm half. Das gläubige, vergötterungsbedürftige Herz des verliebten Jünglings, der Rausch der Festfreude ringsum, der lustige Anstieg zum Schloßberg, der hoffnungatmende Sommerhauch.

Und als Werner den Erfolg seiner Trostgründe beobachtete, da begann er schließlich selber an sie zu glauben ...

Und über den Einmarschierenden wölbte sich nun der Eichenwald. Noch einen letzten Blick vom Waldrand rückwärts! Da wand sich der Zug vom Schloßberg hernieder durch heckenumsäumte Wiesenpfade, eine Schlange, deren Schuppen in den Farben des Regenbogens glänzten. Und von rechts und links auf Nebenpfaden wallfahrtete nun auch Marburgs Bürgerschaft heran. Überall tauchten blinkende Gewänder auf, dazwischen die hellen Sommeranzüge, die Strohhüte, die dunkleren Seidenkleider und Sonnenschirme schwitzender Väter und Mütter. Und alles verschlang der Festwald.

Drinnen war's kühl und herrlich. Alle die geräumigen Festplätze, die für solche Tage, wie den heutigen, geschaffen waren, hatte man für den Andrang einer ganzen festfrohen Stadtgemeinde vorbereitet. Von Baum zu Baum zogen sich buntbebänderte Tannengirlanden, spannten sich Wimpelketten, lange Reihen bunter Lampions. Und unten waren Tische und Bänke aufgeschlagen -- jeder Tisch trug auf mächtigem Pappschild in schwarzen Lettern den Namen der Korporation, für welche er reserviert war. Ein ganzer Festplatz gehörte dem akademischen Senat, einer den Stadtbehörden, ein größter der Bürgerschaft, soweit sie nicht Anschluß bei den Korporationen hatte. Und inmitten all der Feststätten war der Tanzboden aufgeschlagen ... Überall aber walteten schon die Küfer ihres Amtes, stellten auf Kreuzböcken mächtige Fässer Casseler Lagerbier auf, schlugen sie an, daß der Gischt schäumte, und ließen sich's nicht nehmen, als erste zu probieren. Und über all dem Treiben bauschten sich Fahnen in den Farben der Stadt Marburg, des Reiches, Preußens, der Provinz Hessen-Nassau, endlich der sämtlichen Marburger Korporationen. Und noch höher droben rauschten und webten die Eichen- und Buchenwipfel, von flatternden, hüpfenden Sonnenlichtern durchwirrt. Und in das ganze wohlbereitete Festgefilde ergoß sich nun der Strom der feierlustigen Menge. Das rannte und schrie durcheinander, das begrüßte sich, wies einander zurecht, lachte, schalt, schnauzte mit Füchsen, Kellnern, Korpsdienern -- und zwischen den trotzigen Knabengesichtern, dem Gewimmel bunter Mützen und den Sommerhüten der farblosen Verbindungen und der Finken, die erhitzten, augenblitzenden Mädchenlarven unter wippenden Blumenhüten, die hin und her pendelnden, krampfhaft hochgehobenen Sonnenschirmchen ... ein Wirrwarr, ein Lärm, ein quirlendes Chaos ... da würde niemals Ordnung werden.

Doch nach einer Viertelstunde hatte sich alles zurechtgefunden. Alles saß an seinem Platze, ein wenig eng, doch dafür war eben Festtag -- und wer hätte gar nach mehr Platz verlangt, wenn er eine hübsche Nachbarin erwischt hatte -- man würde sich einzurichten wissen ...

Und das Fest begann. Gedruckte Liederhefte waren schnell verteilt, und bald brauste durch den ganzen weiten Festwald das alte festliche Burschenlied:

»Wo zur frohen Feierstunde Lächelnd uns die Freude winkt« --

Und ein zweites Lied -- und ein drittes --

»Du -- da oben steigt wieder eine Rede!«

»Laß sie reden! Kannst dir's denken, was da oben offiziell gequasselt wird!! Die Herren Professoren hören für uns alle mit!«

Plötzlich Orchestertusch ... und lautes Hoch da droben --

»Los, Kinder! Hoch! hoch! hoch!!«

»Auf wen geht's denn?!«

»Is ja egal! Is ja ganz schnuppe! Brüllt nur ordentlich mit!«

»Hoch! hoch! hoch!!«

»Und nun -- Umtrunk!«

»Prost!«

»Prost doppelt!«

Einer kam hinzu: »Stellt euch vor, ihr Herren, eben hat der >Tausendste< geredet!«

»Was hat er denn gesagt?«

»Das hat kein Mensch verstanden. Heimtückischerweise ist's ein Russe, der kaum drei Töne deutsch reden kann!«

»Aber schön war's doch -- was?!«

»Allemal! Kinder, gebt mir was zu saufen -- ich verdurste!«

* * * * *

»Sie sitzt auf dem Professorenplatz bei ihren Eltern,« berichtete Werner, der auf Erkundung ausgegangen war, dem harrenden Freunde am Cimberntisch.

»Und -- ist der -- auch dabei?«

»Professor Dornblüth -- ja -- der ist auch dabei.«

»Hm. Setz dich. Wann fängt der Tanz an?«

»Um halb sieben.«

»Gut. Inzwischen -- prost -- einen Halben auf dein Wohl.«

»Du, Klauser, trink nicht ... denk nur, was heut alles auf dem Spiel steht für dich.«

»Ja, ja, schon gut.«

In diesem Augenblicke entstand oben am Cimberntisch eine Bewegung. Man erhob sich, die Mützen flogen von den Köpfen. Einige der älteren Alten Herren des Korps waren herangetreten, begrüßten die Korpsbrüder und nahmen oben neben dem Ersten Platz, während die übrigen zusammenrückten. In ihrer Mitte auch Dornblüth.

Eine Weile verging. Man trank, ein allgemeines Lied wurde gesungen, von droben klang wieder der entfernte Tonfall einer Festrede; am Cimberntisch lärmte und schwatzte man munter weiter, die Alten Herren tranken den Chargierten zu, schließlich beim Tusch schrie alles munter mit: Hoch! und stieß mit den wuchtigen Henkelgläsern an.

Da trat der Korpsdiener zu Klauser heran und sagte halblaut:

»Herr Klauser, der Alte Herr Professor Dornblüth täte sich erlaube, Ihne eins zu komme, und ob er Ihne hernach gelegentlich kennt e paar Minute spreche!«

»Sagen Sie dem Herrn Professor, Peter, ich werde zu seiner Verfügung stehen und erlaube mir, nachzukommen.« Er trank, warf aber keinen Blick hinüber, obwohl Werner ihn anstieß:

»Du -- er schaut herüber.«

»Meinetwegen. Hast du verstanden, was Peter sagte?«

»Ja.« Werner legte die Hand auf des Freundes Arm und drückte ihn leise.

In diesem Augenblick entstand oben am Tisch ein wahres Hallo. Die Freunde blickten hinüber und sahen neben dem Senior Papendieck, der sich in seiner ganzen Länge erhoben hatte, eine Riesengestalt in Reiseanzug und leichtem Filzhut -- Scholz ...

Eben warf der seinen Hut dem Korpsdiener zu, nahm aus dessen Hand eine Mütze entgegen, stülpte sie sich auf den Hinterkopf, streckte beide Hände den andrängenden Korpsbrüdern hin und lächelte, soweit es seine starren Gesichtszüge, sein herber Mund gestatteten. Und die meisten der Cimbern sprangen auf, ihn zu begrüßen, aber er wehrte ab:

»Bleibt sitzen, Herrschaften, ich komme zu euch.«

Und er schritt den Tisch entlang, streckte immerfort die langen Arme über die Schultern der Nächstsitzenden nach jenseits zur Begrüßung, antwortete auf einen Schwall von Fragen, kam so näher.

Werner schauderte bei diesem Anblick. Wie ihn begrüßen ... den Entsetzlichen, der es wagte zu leben und zu lachen, dieweil ...

»Guten Tag, Leibfuchs Achenbach ... na, da wär ich wieder!«

»Guten Tag, Leibbursch.« Werner fühlte die hagere, eiserne Tatze des weiland Cimbernseniors in seiner Hand.

»Na, laß dich mal besehen -- noch alles glatt? Gut schaust du aus -- ordentlich dick geworden. Das macht die gute Luft im Korps, seit ich weg bin. Du, Leibfuchs, gratulier mir mal schnell: ich hab vorgestern in Berlin den Doktor gemacht -- +magna cum+!«

Werner gratulierte und schüttelte nochmals die Hand, von der ein Eisstrom ihm die Glieder durchlief.

»Ah, und da ist ja auch Klauser. Gratuliere zu -- na du weißt schon. Donnerwetter, du hast dir aber ein hübsches Lokal zugelegt! Wer hat denn das gekonnt?«

Aber er wartete gar nicht erst auf Antwort, begrüßte die Füchse im Ramsch mit einer winkenden Handbewegung:

»Tag, Füchse -- na, munter!« und schritt dann zurück zum oberen Ende des Tisches, wo er mitten zwischen den Alten Herren Platz nahm und bald in ein eifriges Gespräch verwickelt war, an dem er sich in seiner kalten, gemessenen, doch entschiedenen Weise beteiligte.

Scholz wieder da -- Doktor Scholz ... und nächstens müßte Rosalie wiederkommen -- --

Nun trat Professor Dornblüth, ein gefülltes Bierglas in der Hand, von hinten an Klauser heran und sprach:

»Herr Korpsbruder, ich glaube, wir haben noch nicht Gelegenheit gehabt, Bruderschaft zu trinken ... darf ich Ihnen also Schmollis anbieten?«

Steinernen Gesichts erhob sich Klauser. Leise, nur Wernern vernehmbar, erwiderte er:

»Herr Professor, ich glaube, Sie hatten mir etwas zu sagen. Wollen wir ... das ... das Schmollistrinken ... nicht bis nach der Unterredung verschieben?!«

Der Professor stutzte einen Augenblick, mehr noch über den Ton der Worte als über ihren Sinn. Dann sah er Klauser ruhig ins Auge und sagte mit einem Lächeln, das in seltsamem Kontrast zu der Schärfe seines Blickes stand:

»Aber warum denn das? Um so freundschaftlicher werden wir plaudern können.«

Es durfte kein Aufsehen geben. Klauser griff zum Glase, nahm mit der Linken die Mütze ab, der Professor tat ein gleiches -- sie stießen mit den Gläsern an, tranken, nahmen die Gläser in die Linke, schüttelten sich kurz Auge in Auge die Hände und bedeckten die Köpfe.

Dann setzte der Professor sein Glas auf die ungehobelte Tischplatte und sagte:

»Na, nun komm also, lieber Klauser, laß uns eins schwatzen.«

Und wortlos folgte Klauser, weiß bis in die Lippen.

Werner begleitete die beiden mit den Augen. Kaum konnte er das rasende Pochen des Herzens ertragen. Da ging der Freund in die schwerste Stunde seines jungen Lebens ... tausendmal schwerer als alle Mensuren, als alles zusammengenommen ... was er bisher überhaupt erlebt ... und was würde werden? Was würde werden?!

Er muß mir vor die Pistole! hatte Klauser gesagt.

Und er war der Mann, sein Wort wahrzumachen ...