III.
Drei heftige, angstvolle Schläge von draußen an Werners Tür. Bumm! bumm! bumm! »Herr Achebach!«
Tiefe Stille drinnen.
Bumm! bumm!
»Herr Achebach!«
»Hrrm -- hö -- hm.«
»Herr Achebach!« Bumm, bumm, bumm, bumm -- bumm!!
»Wa? -- was gibt's -- wer ist denn da?«
»Ich bin's!«
»Wer -- ich?«
»'s Babett! Se müsse uffstehe, Herr Achebach! Heechste Zeit zum Fechtbode! 's Friehstick hann ich scho mitg'bracht!«
»Ja, ja! Setzen Sie's nur vor die Tür!«
»Aber Se dirfe nit widder einschlafe!«
»Ne, ne, is gut!« -- --
Herrgottsakra! Der Brummschädel! Ach so, gestern abend war spezielle Kneipe, und der lange Korpsbursch Papendieck, der trunkfeste Mecklenburger, der Fuchsmajor, hatte mal wieder nach allen Regeln des Bierkomments die Füchse »erzogen«. Das merkte man am andern Morgen, und nun gar früh um halb sieben, wenn man von der Kneipe heimgekommen war -- ja, wann eigentlich? Und wie eigentlich? Keinen Schimmer! Und nun schon wieder heraus! Teufel! Aber was war zu wollen? Fechtboden schwänzen tut zehn Mark Korpsstrafe -- Zuspätkommen drei Mark -- also in Satans Namen -- raus!!
Golden stieg die Sonne über Augustenruh, durchschimmerte das Schlafzimmer, daß die brennenden Augen sich schmerzhaft schlossen -- -- so, platsch, platsch, einen Schwamm nach dem andern über den gemarterten Schädel -- ah, das tut herrlich! Und nun in die Kleider -- Donnerwetter -- da saß die Hose ja auf einmal verkehrt herum, wie hatte er die denn gestern nacht von den Beinen gezogen? So, anders rum wird 'ne Buchs' draus! Weste, so -- nun das Band umhängen, aber nicht wieder verkehrt um, das Rote nach oben! Das kostet ja ebenfalls Beifuhr, ein Em fünfzig! Also aufgepaßt, wenn's auch schwer fällt -- so, nun rasch einen Schluck Kaffee -- das Brötchen? Unmöglich, es bliebe ja im Halse stecken ... also die Treppen hinuntergestolpert und nun, trab, trab, zum Fechtboden! Und dabei dieser Dickschädel! Hol der Satan den Fuchsmajor! »Füchse, ich komm' euch den vierundzwanzigsten Halben! Füchse kommen den dreißigsten und einunddreißigsten Halben nach! Senior, Fuchsmajor und Füchse trinken einen Ganzen auf dein Wohl!« Himmel, wie war's nur möglich, so viel Bier in einen armen kleinen Menschenmagen hineinzuschütten -- --!
Und wie wohl gestern das Ende gewesen sein mochte, das sich, wie stets, in alkoholischem Nebel der Erinnerung entzog? Ob man wohl in seiner Besäuftheit auch die nötige »Direktion« bewahrt hatte? Nicht zärtlich, nicht ungemütlich und krakehlerisch geworden war -- oder gar das besoffene Elend bekommen? Nicht eingeschlafen auf der Kneipe? Oder gar den Weg zur Tür nicht rechtzeitig gefunden, um dort die alte Zechersitte zu üben, die ihm schon aus dem Cicero bekannt war, und so Platz für neue Bierfluten zu schaffen? Wehe, wenn anstatt einer freiwilligen Explosion da draußen eine unfreiwillige unterwegs erfolgt war! Na, im nächsten Renoncenkonvent würde man's ja erfahren!
Renoncen -- das war die offizielle Bezeichnung für die Füchse -- jawohl, Renoncen! Denn renonciert, verzichtet hatte man ja auf die mühsam erkämpfte akademische Freiheit, als man sich dieser heillos strammen Korpszucht unterwarf!
Doch da war der Fechtboden. Drinnen schon reges Leben. Eilig legte alles Mütze, Rock und Weste ab, den Paukwichs an: einen leinenen, wattierten, gesteppten Schurz um Brust und Leib, den steifen, nach altem Schweiß stinkenden Stulpärmel über Hand und Arm, die mächtig schwere, mit Eisenstangen und Drahtgitter geschützte Korbmaske auf den Kopf, nun den ungefügen Fechtbodenschläger in die Hand, und angetreten!
Himmel, war das ein Getöse, wenn zwölf, fünfzehn Paare gleichzeitig ihre Gänge schlugen! Bald dampfte die Luft von Schweiß und Staub.
»Leibfuchs Achenbach! hierher!« Der lange Scholz rief's, und herzklopfend folgte Werner. Die Anfangsgründe hatte der gemütliche, alte Universitätslehrer den Füchsen beigebracht, dann hatten die Korpsburschen die weitere Ausbildung in die Hand genommen -- und da gab's nichts zu lachen ...
»Also leg aus und schlage: Quart, Terz, Quart. Dazwischen immer sofort zurück in die Parade!«
Und bumm, bumm, nach jedem Hieb, den der Fuchs zaghaft geschlagen, dröhnte der Nachhieb des Lehrmeisters unparierbar auf Werners Maske.
»Oho! Du willst mucken? Nu warte, Söhnchen, das wollen wir dir mal abgewöhnen! Korb runter, Filzmaske auf!« Und statt des immerhin noch leidlich schützenden Eisenkorbes mußte nun der unglückliche Werner eine Maske aufsetzen, die zwar vor dem Gesicht mit Eisenstangen und Drahtgitter geschützt war, über Stirn und Schädel aber nur mit einer dünnen, sehr stark mitgenommenen Filzschicht. Auf die hagelten nun Scholzens Hiebe mit voller Wucht nieder, daß jeder Schlag fast den Schädel sprengen wollte und dicke, schmerzende Beulen aufquollen!
»So, mein Muttersöhnchen, das Reagieren, das wollen wir dir schon austreiben! Laß das verdammte Zucken mit den Augen! Stille gehalten den Schädel! Hör gefälligst nicht auf zu schlagen, ehe ich aus sage! So, jetzt wird's schon besser -- Donnerwetter, den Kopf nicht wegstecken, wenn die Hiebe kommen! Du bist Korpsstudent, verstehst du mich?!«
Nach einer Stunde war's überstanden; seelenvergnügt warf man den Paukwichs in die riesigen Kisten an den Wänden, kleidete sich an, und dann ging's zum -- Friseur.
Vor drei Wochen hatte Werner noch nicht gewußt, daß es überhaupt Männer gab, die sich frisieren ließen; jetzt ließ er sich allmorgendlich nach dem Fechtboden wie die andern rasieren, obgleich von einem Tage zum andern kaum ein Härchen sproßte; dann wurde der Kopf gewaschen, pomadisiert, ein Scheitel durchgezogen von der Stirn bis in den Nacken und jedes Härchen rechts und links korrekt gestriegelt und festgeklebt ...
Und dann: »Wo gehst du hin?« -- »Ich? Ins Kolleg.« -- »Was? Ins Kolleg? Du bist wohl meschugge! Du, ein Jurist? Ja, wenn du noch Mediziner wärst! Juristen brauchen in den ersten zwei Jahren überhaupt nichts zu tun. Im dritten geht man zum Repetitor und läßt sich einpauken ... Kolleg ist für die Minderbegabten ...« -- »Ich gehe aber doch ...«-- »Na gut, wenn du dir nicht zu schade bist für den Stumpfsinn, den die Professoren quasseln ... ich geh schwimmen.«
Werner strebte zum Kolleg. Er kam an seiner Wohnung vorbei. In der Haustür stand Rosalie: ihre Augen hüpften wie ein paar muntere Schmetterlinge, luden zu einem Schwätzchen in der Ladentür zwischen Konfitürengläsern und Konservenbüchsen. -- Werner blieb standhaft; wie vor einer Prinzessin zog er tief und korrekt die blaue Mütze und strebte zur Universität ...
Klosterstille und Klosterluft, wenig Studenten in den kühlen, dumpfen Gängen ... nicht nur die Korpsstudenten schwänzten ...
Im Institutionen-Kolleg vielleicht anderthalb Dutzend Hörer. Der Professor kam, von einem kurzen Trampeln begrüßt. »Meine Herren,« begann er geschäftsmäßig, entfaltete dann erst sein zerlesenes, vergilbtes Heft, nach dem er bereits seit Jahrzehnten allsommerlich denselben Lehrstoff in derselben Weise behandelte. »Der Kreis der klagbaren gegenseitigen Konsensualkontrakte war ein festgeschlossener. Klagbar waren nach klassischem Rechte nur vier Verträge mit typischem, genau bestimmtem Inhalt: nämlich Kauf, Miete, Mandat und Gesellschaft. Formlose gegenseitige Geschäfte, welche nicht unter einen dieser Typen fielen, waren nicht klagbar. Aber auch diese sogenannten Innominatrealkontrakte werden im Laufe der römischen Rechtsentwicklung ...« und so weiter in dieser Tonart. Die Hörer versanken in Stumpfsinn, lauschten kaum mit halbem Ohre den leblosen Darstellungen eines seit anderthalb Jahrtausenden versunkenen, verschollenen Rechtszustandes, mit dessen Schilderungen man sie ödete, ohne irgendwelche Anschauungen in ihnen zu erwecken, ohne anzuknüpfen an vorhandene Vorstellungen und Begriffe, ohne ihre jungen Seelen anzulocken mit irgendeinem Lebenswert. Mumien breitete man vor ihnen aus, Mumien uralter Formen, mumienhaft war der Vortrag, eine Mumie, eine redende, schien gar dieser alte Geheimrat selbst, der seit Jahren vergessen hatte, daß da vor ihm junge, sehnsüchtige Menschenleben saßen ... er aber redete wie die abschnurrende Walze eines Phonographen, seelenlos und wie zu Seelenlosen ...
Noch saß Werner täglich gewissenhaft seine drei Stunden Kolleg ab ... aber immer dümmer und alberner kam er sich dabei vor; nicht lange mehr, das fühlte er, so würde er diesem Hause den Rücken kehren, dessen Lehrmethoden noch weit sinnloser waren als die des Gymnasiums, dem er entflohen, und mit den Gefährten seiner Jugend bummeln, wandern, schwimmen, rudern, poussieren ...
Endlich waren die drei Stunden in mühsamem Kampf gegen Schlaf und Ekel überstanden, und erleichtert schlenderte der Student zum offiziellen Frühschoppen ...
Aber bitter waren seine Gedanken. Das also war die +universitas litterarum+, das war das ersehnte freie Studium!
Beim Frühschoppen herrschte große Heiterkeit. Sie ging auf Kosten eines Korpsburschen, der mit etwas blassem Gesicht am Tische saß und in seinem Bierkruge statt des gewohnten Trunkes aus München ein dünnes Gebräu aus Rotwein und Selterswasser mischte. Alles ulkte ihn an, sprach ihm ein scherzhaftes Beileid aus, ohne daß Werner sich erklären konnte, was eigentlich der Grund der allgemeinen Heiterkeit sei. Er fragte einen der Korpsburschen, was denn eigentlich mit Dettmer los sei. Antwort: »Na, siehst du's denn nich? Er ist bierkrank, hat sich's bei 'ner Sau in Gießen geholt.« Das begriff Werner nun ebensowenig. Aber der Dresdener Dammer hatte die Frage gehört und den verständnislosen Ausdruck in Werners Gesicht beobachtet. Er fragte: »Sag' mal, Achenbach, wo warscht denn du eigentlich noch uff der Penne (Gymnasium), sag' mal?«
»Nun, du weißt doch, in Elberfeld.«
»Nu, da wart ihr wohl eine sähre unschuldige Gesellschaft?«
»Wieso?«
»Nu, daß du nicht verstehst, was eben mit Dettmern los ist?«
Und mit Grauen und Ekel vernahm nun Werner das Neue und Ungeheuerliche: jener Korpsbruder dort war nach Gießen gefahren, dort zu einer Dirne gegangen (»ich sah ihn gehn in solch ein schlechtes Haus, will sagen ein Bordell«, fiel's Wernern dabei aus dem Hamlet ein), und nach einigen Tagen, just heute morgen, hatte sich die Krankheit bei ihm eingestellt. Das alles fiel in Werners Seele wie lauter dumpfe, wuchtige Keulenhiebe. Wohl hatte er aus der Lektüre der Klassiker eine schattenhafte Vorstellung davon gehabt, daß es im Altertum Buhlerinnen und Lupanare gegeben habe, wußte auch, daß damals selbst Jünglinge edlen Blutes und vornehmer Sitten zu solchen Weibern gegangen waren, ja, daß selbst in der Gegenwart leichtsinnige, heruntergekommene und verwahrloste Menschen sich mit ähnlicher Schande besudelten, davon hatte er eine dunkle Ahnung. Aber daß junge Leute aus guten Familien, brave, harmlose Jungen wie dieser gute, semmelblonde Dettmer ... Himmel, das war ja ungeheuerlich!! Und da schämte man sich nicht bis in den Tod, das gestand man ganz ruhig, und das Korps trat nicht ohne weiteres zusammen, um den Unwürdigen, den Ehrlosen auszustoßen, noch dazu, da er sich mit einer offenbar schmutzigen, widerwärtigen Krankheit besudelt hatte ... nein, man faßte die Sache als ein harmloses Mißgeschick auf, fügte zum komischen Malheur den scherzhaften Ulk ...
Himmel, dachte er, und mit denen sitze ich zusammen, mit denen trage ich die gleichen Farben ... wenn das meine Eltern wüßten, meine gütigen, liebevollen Eltern ... meine Mutter ... aber auch mein Vater ... wußte er denn nicht, daß es so etwas gab? Und wenn er's wußte, warum hatte er ihm nichts davon gesagt? ihn nicht gewarnt vor diesen gräßlichen Gefahren?!
Aber wozu ihn ~warnen~? Denn hier gab's ja für ihn, für Werner Achenbach, keine ~Gefahr~! -- Und er, der sich brennend nach Weibesliebe gesehnt, er wies den Gedanken weit von sich, zu einem käuflichen, verworfenen Weibe zu gehen ... sich mit Geld zu erhandeln, was nur süße Liebe, schwer atmender Sinnenrausch gewähren dürfte, gewähren und nehmen ...
Der gutmütige Dammer, der erst schon im Begriff gewesen war, seine erheiternde Entdeckung von Werners Kinderunschuld dem versammelten Kreise der Korpsbrüder zu verraten, sah die düstere Erregung in des jüngeren Korpsbruders Gesicht und nahm sich vor, den Ahnungslosen nun aber auch gleich gründlich und freundschaftlich aufzuklären. Und während der Frühschoppen die letzten Reste des Katers von der speziellen Kneipe aus den Köpfen der Cimbern hinwegspülte und scherzhaftes Geplauder, derbe Lieder und Trinkscherze hin und wider flogen, sank von Werners Augen die rosige und duftende Wolke -- nackt und schamlos, geschminkt und parfümiert stand vor ihm Frau Welt, die brüstestarre Dirne, Frechheit und Geldgier im erloschenen, entweihten Auge ...
Ein Fieberschauer schüttelte Werners Seele. Kaum war er imstande, den gemeinsamen Mittagstisch des Korps noch mitzumachen. Er floh in die Bergwälder und rannte lange ziellos und grauengeschüttelt umher.
Einige Stunden später stand er in Scholzens Arbeitszimmer vor seinem Leibburschen.
»Was willst du, Leibfuchs?«
»Ich bitte um meinen Austritt aus dem Korps.«
»Nanu? Ist was passiert?«
Werner verneinte stumm.
»Dann sag' mir, bitte, deine Gründe.«
»Ich passe nicht zu euch.«
»So -- -- das erklär' mir gefälligst.«
»Das kann ich nicht.«
»So, das kannst du nicht. Aber weißt du, so einfach geht das denn doch nicht. Wenn du keine Gründe angibst, dann können wir dich nicht entlassen -- in Ehren entlassen.«
»Was? Ihr könnt mich doch nicht zwingen, im Korps zu bleiben?«
»Das nicht, aber wenn du ohne Grund austreten willst, dann entlassen wir dich nicht einfach, dann geben wir dich als unbrauchbar ab, das wird nach außen gemeldet, du kannst dann nie wieder in ein anderes Korps eintreten und kannst auch im späteren Leben mancherlei Unbequemlichkeiten davon haben. Also ... rück mal raus.«
Werner schwieg noch immer, und Scholz betrachtete ihn nun genauer. Der Cimbernsenior war in seinem sechsten Studienjahr; er hatte schon manchen jungen Fuchs ins Korps eintreten und sich entwickeln sehen. Er hatte unter den jüngeren Korpsbrüdern ein halbes Dutzend Leibfüchse. Um die älteren von diesen hatte er sich noch eifrig bemüht, sie angelernt und erzogen; später hatten seine Chargensorgen und sein medizinisches Studium ihm dazu keine Muße mehr gelassen. Vollends zu diesem da hatte er gar kein inneres Verhältnis. Aber nun machte er sich doch einen leisen Vorwurf, als er den jungen Korpsbruder vor sich stehen sah, schwer atmend, in dem weichen, ungeprägten Gesicht die deutlichen Spuren inneren Wirbels.
Und er hieß Wernern sich setzen, bot Zigarren an, suchte den Schlüssel zu des Knaben Herzen in die Hand zu bekommen. Und bald wußte er, was er wissen wollte.
»Ja, lieber Leibfuchs, daß die Welt ein bißchen anders aussieht, als du dir das bei Vatern und Muttern auf deiner Schulbank vorgestellt hast, da wirst du dich dran gewöhnen müssen. Und daß wir Korpsstudenten, und daß die deutschen Studenten überhaupt gerade keine Tugendengel sind, das stimmt auch. Aber das ist nun mal so. Das ist immer so gewesen ... und du wirst das auch nicht ändern. Und gerade mit der sogenannten Liebe ... sieh, ich bin Mediziner, und unsereiner hört und sieht da noch 'ne ganze Menge mehr davon als ihr Juristen zum Beispiel. Was willst du machen? Mit dreißig oder zweiunddreißig Jahren wirst du Amtsrichter, kriegst dreiundeinhalbtausend Mark -- mit sechs- bis achtunddreißig kannst du zur Not mal eine Familie ernähren -- und inzwischen? Willst du dir wirklich alle die langen Jahre so helfen, wie du dir jedenfalls bisher geholfen hast? Denn so siehst du mir auch nicht aus, als wärst du ein Phlegmatikus, der ein Mädel für einen Laternenpfahl ansieht. Ja, wenn du ein Fabrikarbeiter wärst, dann nähmst du dir jetzt mit deinen zwanzig Jahren ein Fabrikmädel von siebzehn, machtest ihr ein Kind, gingst dann dienen, inzwischen bleibt das Mädel mit ihrem Balg einfach bei den Eltern, jeder findet das selbstverständlich; wenn du auf Urlaub kommst, machst du ihr das zweite Kind, wenn du fertig bist, heiratet ihr, mietet euch eine Stube für zehn Mark und orgelt weiter, bis ihr euer Dutzend Orgelpfeifen beisammen habt. Aber so? Ja, was denkst du dir denn? Du mußt einfach zu Weibern gehen, du mußt! Und wenn du dir's heute noch verkneifst, in ein paar Monaten tust du's doch! --«
Werner saß stumm, den Blick zu Boden gesenkt, und hatte das Gefühl, als zöge jener ihn nackt aus und sähe kalt und sicher jedes Fältchen seines Leibes und seiner Seele.
»Die Weiber,« sagte Scholz weiter, »die sind besser dran als wir. Die können warten. In denen schweigt der innere Schweinehund, bis er geweckt wird. Aber unser Corpus, der meldet sich von selber, wenn er so weit ist! Und dann ist kein Halten mehr, dann heißt's entweder zum Mädel oder -- -- pfui Deuwel! -- -- Ich weiß nicht, ob man dir auch schon erzählt hat, wie ich's gemacht hab'. Ich hab' mich auch geekelt vor dem Viehzeug, vor den Dirnen. Da hab' ich mir denn sogenannte anständige Mädels hergenommen -- Dienstmädchen, Bürgermädchen, so eine nach der andern im Laus der Zeit. Na, und was ist passiert? Drei Würmer hab' ich nach und nach in die Welt gesetzt. Daraufhin haben sich die armen Mütter mit ihren Eltern entzweit, haben ihre Stelle verloren, ich hab' mächtig berappen müssen, mein Alter hat getobt, ich darf gar nicht mehr nach Hause kommen -- und da liegt gerade noch der Brief von einem sehr netten guten Mädel, die auch was gefangen hat; ich soll sie heiraten, sonst will sie ins Wasser. Weißte, schön ist das verdammt nicht. Dann schon lieber nach Gießen.«
»Und ... der Dettmer?«
»Ja ... der hat sich ein bißchen angesengt ... das läßt sich nicht vermeiden. Aber was willst du machen? Heiraten is nich, bleibt also nur huren oder ... na, du weißt schon. Oder hast du einen andern Rat?«
»Himmel -- dann wär's doch besser noch, einfach auf alles zu verzichten ... auf alles ... bis man ... bis man heiraten kann.«
»Versuch's doch mal! Haha! Versuch's doch mal! Vielleicht hast du ja für zehn Pferde Willenskraft ... dann bringst du's vielleicht fertig. Aber wenn du nicht zugleich wie ein Mönch lebst, die Augen zukneifst, wenn ein helles Kleid von weitem blinkt, nur wissenschaftliche Bücher liest, keinen Tropfen Alkohol trinkst, kurz, auf alle Lebensfreuden verzichtest -- wenn du das nicht tust, mein Junge, und dann doch dabei enthaltsam leben willst ... dann ruinierst du dir deine Nerven in Grund und Boden und sitzest in fünf Jahren im Irrenhaus -- das garantiere ich dir. So, nu lauf und zerbrich dir den Kopf nicht über die Welt. Du hast sie ja nicht gemacht, und ändern wirst du sie auch nicht. Mach's, wie's die andern machen, laß dich belehren, wie man Ansteckung und Kinderkriegen vermeidet, oder häng' die Studien an den Nagel und werde Fabrikarbeiter. Ich weiß keinen andern Rat.« -- -- -- -- -- -- -- --
* * * * *
Gott, Gott! Da stand Werner auf der Straße.
Und wie ihn das Gefühl hilfloser Einsamkeit übermannen wollte, da kam ihm der Gedanke an seine Heimat. Seinem Vater schreiben ... ihm alles erzählen, ihn fragen, was er tun solle. Aber dann sah er ein, daß es ihm unmöglich sein würde, auch nur schriftlich mit seinem Vater ... warum hatte ihm der denn nichts von alledem gesagt? Warum ihn ins Leben hinausgestoßen, wie man einen Schuh vor die Tür stellt? Wußte der denn das alles nicht? War der denn anders gewesen, unschuldig, kampflos durchs Leben gegangen? Der hatte mit vierzig Jahren geheiratet und ihn, seinen Ältesten gezeugt ... und vorher? Hatte der vielleicht auch Dienstmädchen und Bürgermädchen verführt, und liefen vielleicht irgendwo in der Welt Menschen in der Arbeiterbluse oder im Bauernkittel herum, die seine Halbgeschwister waren? Hatte der vielleicht auch einmal Rotwein und Selterswasser getrunken, wie C. B. Dettmer Cimbriae? --
Himmel, welch fürchterliche Gedanken! Welch ein Sturz von rosigen Wolkenhöhen hinab in bodenlose Nächte! Wo ein Halt, wo eine Hilfe?
-- Werner war daheim. Er saß im Dämmern auf dem zersessenen Plüschsofa seines Wohnzimmers und hatte den Kopf in den Armen auf die Tischplatte geworfen. Alles in ihm tobte.
Da klopfte es. »Herein!« Es war die blonde Babett.
»Entschuldige Se, Herr Achebach, ich hann nit gewußt, daß Se derheem sinn.«
»Lassen Sie sich nicht stören, Babett.«
»Darf ich die Zimmern zurecht mache?«
»Nur zu.«
Einen scheuen Blick voll Güte und Verehrung warf Babett auf den Studenten.
Immer tiefer sank die Dämmerung in die Stube -- nur des Jünglings hellseidenes Band und sein fahles Gesicht leuchteten aus der Sofaecke auf.
Und Babett hantierte im Zimmer. Brachte frisches Wasser, zog die Spreite vom Bette. Ihre junge Gestalt beugte sich über des Knaben unentweihte Lagerstatt.
»Babett ...« heiser, schreckhaft fremd hatte das geklungen.
»Herr Achebach?«
Plötzlich stand Werner vor ihr, und wie sie, tödlich erschrocken, die Arme wehrlos niederhängen ließ, da fühlte sie sich umfaßt.
Wild, wahnsinnig umfaßt. Und ohne Widerstand gab sie sich den irren Küssen hin, die sie trafen, auf Haar und Stirn, auf Gesicht und Schulter.
Auf einmal war sie frei. Und der Student riß seine Mütze vom Tisch, stolperte hinaus.
Da mußte die junge Babett sich auf das Bett setzen und herzbrechend weinen.