VIII.
Professor Dornblüth hatte sich beim Einschlafen vorgenommen, sehr früh aufzuwachen, um dann sofort Klauser aufzusuchen. Ihm bangte für den jungen Korpsbruder, den er lieben mußte, trotz des grauenhaften Auftritts vom Dammelsberg. Was da geschehen war, das überstieg das Maß menschlicher Verantwortung. Es war eine Wahnsinnstat ... eine Tat, die eben nur die Leidenskraft des Herzens verriet, aus dem sie emporgelodert war. Und so fühlte Dornblüth sich für die Gemütsverfassung des Jünglings verantwortlich.
Daß es auch im Interesse von Fräulein Hollerbaum, im Interesse seiner eigenen Hoffnungen liegen müsse, den unglücklichen Studenten von unbedachten Schritten abzuhalten, war dem Professor völlig klar. Und er dünkte sich Diplomat und wortgewaltig genug, um alles zum Frieden hinauszuführen. Ja, seine Pädagogenseele empfand eine gewisse lockende Genugtuung darin, diese jungen Herzen zu lenken wie Schachfiguren und mit seinem eigenen Herzenswunsch zugleich auch das zu fördern, was er das wohlverstandene Interesse seiner Auserwählten und ihres nun zurückgedrängten Verehrers nannte.
Und doch war ihm nicht ganz wohl bei seiner Mission ... doch empfand er ein seltsames Gefühl, wenn er an Klausers Ausbruch am gestrigen Abend dachte ... so etwas konnte ja ihm, Dornblüth, längst nicht mehr passieren ... aber war es nicht doch auch schön, ach schön gewesen, als noch alles Gärung und schwellender Überschwang war da drinnen?
O ja, man war klar, man war klug, man war dem Leben gewachsen ... ach, und dennoch ...
Jugend -- Jugend ...
Wann fing denn eigentlich das Leben an -- das wahre Leben? Wenn man begann, der Meister der Dinge zu werden -- dann hatten sie auch schon den süßen Duft, die wonnevolle Dämmerhaftigkeit verloren, die sie uns so begehrenswert erscheinen ließ.
War denn nicht heute Wilhelm Dornblüths Verlobungstag? Würde nicht heute Wilhelm Dornblüth sich im Überrock und Zylinder das Jawort seiner Braut und seiner Schwiegereltern holen? Würde nicht heute der zweite Teil seines Lebens beginnen ... der erfüllen, der halten sollte, was der erste ersehnt, erstrebt, erarbeitet?
Und doch ... wo blieb die holde Osterstimmung der Seele, wo blieb das Sonntagmorgenglockenglück, das Sinn und Herz und Welt hätte zusammenklingen lassen müssen zu einer großen, hoch aufrauschenden Sinfonie des Lebens?!
War es nicht eben die Sicherheit, die Überreife, die all das zerstörte?
Wie wäre wohl dem armen Klauser zumute gewesen, wenn ihm der Morgen des Brautglücks aufgestrahlt wäre?
Ja, der wäre erwacht, wie die erlösten Seelen im Paradiese erwachen mögen ... der hätte sich die Augen gerieben und geblendet sie schnell geschlossen vor der überkühnen Herrlichkeit seines Traumes. Der hätte angebetet vor der Gnadenfülle dieser Stunde, der hätte demütig, mit abgezogenen Schuhen das heilige Land des Menschenglücks betreten ...
Freilich, das hätte ja dann nicht immer so bleiben können ... Enttäuschung, Bitterkeit wäre gekommen.
Wilhelm Dornblüth würde keine Enttäuschung erleben, weil er keine Illusionen hatte; er freite ein Mädchen, einen Menschen, und wußte aus tausend Beobachtungen, was das heißt -- daß Unvollkommenheit und Entsagung Menschenlos ist ...
Ach, und doch -- und doch ...
Oh, wenn solch ein Mädchen wüßte, wie arm, wie seelenlos diese Ruhe und Reife der Männer ist, die ihnen so imponiert, und wie heilig und reich die taprige Tumbheit der Knaben, die sie belächeln und beiseite schieben, um sich an die breite, sturmgemiedene, entgötterte Brust des abgeklärten Mannes zu bergen ...
Und Wilhelm Dornblüth sehnte sich am Morgen seines Verlobungstages nach dem Seelenreichtum des Knaben, den er aus dem Herzen seiner Erkorenen so spielend verdrängt hatte ...
Und den er doch dem Leben, dem Hoffen zurückzugeben sich vorgenommen hatte.
Und ehe der Professor den Weg zur Villa des Geheimrats Hollerbaum hinauflenkte, stieg er in der Morgenfrühe zu der schlichten Studentenbude des Jünglings hinunter, dessen Faust gestern nach seinem Haupte gezielt hatte.
Klauser hatte dumpfbrütend, mit verrückten Entschlüssen ringend, vor seinem unberührten Frühstück gesessen, als Dornblüth eintrat. Er fuhr auf, stand starr und steif.
»Komm, lieber Klauser, gib mir die Hand ... ich komme als Freund!« begann der Professor, und mechanisch legte der Student seine kalte Hand in die ausgestreckte des Besuchers.
»Darf ich mich setzen? Aber nicht, ehe du dich setzest! Nun, was hast du denn gestern abend noch angefangen nach unserer ... unserer Auseinandersetzung? Hoffentlich bist du vernünftig gewesen, gleich nach Hause und in die Falle gegangen und hast dir einen klaren, ruhigen Kopf angeschlafen? Ich hab's so gemacht ... das ist das beste, was man tun kann an solchen Wendepunkten des Schicksals. Oder ... hast du dich am Ende bekneipt, hä?«
»Ich bin bei der Lina gewesen,« sagte Klauser mit starrer Ruhe.
»Wa--?! Wo bist du gewesen?!«
»Bei der Lina -- der Sau da oben im Marbacher Tal.~Zum erstenmal.~«
»Klauser --!! Himmel ... ~so elend~ hab' ich dich gemacht?!«
Klauser zuckte mit den Achseln und sah zum Fenster hinaus.
Der Professor tupfte mit dem Taschentuch über seine Stirn, die plötzlich feucht geworden war.
»Komm, liebster, einziger Junge,« sagte er dann mühsam, nach Worten suchend -- »sieh mal, das hab' ich ... doch nicht gewußt ... daß ... daß das ~so~ bei dir war ... ich hab' eben gedacht, 's ist 'ne Jugendschwärmerei, wie wir sie eben alle mal durchmachen ...«
»Wir wollen das lassen,« sagte Klauser. »Was wollen ... was willst du von mir?«
»Vor allem mich nach dir umsehen, lieber Freund. Sind wir nicht Korpsbrüder? Heißt nicht der Wahlspruch unserer lieben Cimbria: >Einer für alle, alle für einen?< Ich sehe nicht ein, warum ich die Pflicht und das Recht, dir beizustehen in deinem Schmerz, deshalb weniger haben soll, weil ich daran schuld bin ... oder wenigstens die Veranlassung. Wir beide, du und ich, haben gestern abend eine ... einen Austritt miteinander erlebt, der ... aus dem vielleicht ein jugendliches Gemüt die Veranlassung zu ... zu bedauerlichen Schritten schöpfen könnte. Ich halte dich für viel zu vernünftig und geschmackvoll zu solchen Dummheiten ... aber ich will dir doch auch formell entgegenkommen: ich reiche dir die Freundeshand und schlage dir vor: Vergessen und Vergeben hinüber und herüber! Willst du?!«
»Alter Herr,« sagte Klauser mit gefrorenem Blick, »du kannst unbesorgt sein. Ich werde dir nicht mehr in den Weg treten. Ich werde auch keinen Skandal machen, du kannst ganz ruhig sein. Ich werde so geräuschlos aus eurem Leben verschwinden, wie ihr's nur wünschen könnt. Aber ... Freundeshand?! Nein. Ich fühle ja jetzt selber ... ich habe wohl zu hoch hinausgewollt. Ich hab' von ... Dingen geträumt ... die für mich noch nicht da sind. In Zukunft werd' ich mich besser einzurichten wissen. Die Lina ist ja soweit ein ganz liebes Mädchen. Und für einen dummen grünen Jungen gerade gut genug. Für diese Lehre ... dank ich dir. Aber ... geh jetzt ... in acht Tagen ist das Semester zu Ende ... dann wird mich das Korps hoffentlich inaktivieren ... obwohl ich im vierten Semester mal vorbeigefochten habe ... und wenn sie nicht wollen ... dann lassen sie's bleiben ... ich geh fort ... und komm nicht wieder ... das Physikum glückt mir doch nicht mehr hier. Also ... die acht Tage ... ich will dir aus dem Wege gehn ... und wenn du ... auch deinerseits ... mir nicht zu oft begegnen wolltest ... dann würde ich dir dankbar sein ... Alter Herr.«
»Und das soll also das Ende sein? Du willst mich von dir lassen in dem Bewußtsein, daß ich das, was ich dir getan habe, niemals gut machen kann?!«
»Nein, Alter Herr, das kannst du niemals.«
Der Professor sah mit schmerzlicher Ratlosigkeit zu dem Jüngling hinüber, dessen Augen die seinen mieden.
»Ja, lieber Klauser ... ich habe jetzt getan, was ich irgend vor mir selbst und ... verantworten konnte. Wenn du dich nicht überwinden kannst ... du mußt es wissen. Ich könnte mich vielleicht noch darauf berufen, daß ich dir doch auch vor kurzem einen wesentlichen Dienst -- doch nein --«
»Wieso? Was meinst du damit, Alter Herr?«
»Nein -- das gehört nicht hierher. Das magst du dir gelegentlich einmal von den Korpsbrüdern erfragen. Also ... unsere Wege sollen sich scheiden ... und werden sich nie mehr begegnen. Du willst es so ... das ist mir sehr bitter ... und wird noch jemanden tief schmerzen. Aber ... ich ehre deine Entscheidung. Leb wohl.«
Er stand auf, Klauser schnellte empor ... mit dem feierlich-finstern Gesicht, das wie eine eiserne Maske jede Gemütsbewegung verhüllte, schüttelten sie sich kurz die Hand. Und dann ging der Professor.
Klauser aber stand noch einen Augenblick in dunklem Grübeln. Dann griff er langsam zu seiner Korpsmütze.
Blau-rot-weiß! ... ja, wenn man diesen Halt nicht hätte!
Cimbria +vivat, crescat, floreat+!
Und er ging dahin, wo die andern waren. Die andern, die nicht zu wissen brauchten, daß er mit den Dämonen der Verzweiflung und Verneinung gekämpft hatte ...
Als er über den Markt kam, sah er noch, wie Dornblüth, jetzt im Besuchsanzuge, seine Schritte dem Berge zulenkte. Sein Zylinder blinkte in der Sonne.
Wo wollte er denn hin?
Ach so ...!!
Er, Willy Klauser, besaß überhaupt noch gar keinen Zylinder.