VIII.
»Du -- Salche -- hernach muß ich dich allein spreche!«
So hatte am Sonnabend früh der Studiosus Simon Markus seine Schwester im Laden angezischt.
»Hernach, wenn ich aus'm Kolleg zurückkomm!«
Seine Augen schielten flackernd an der unförmlichen Nase entlang, deren wulstige Flügel bebten.
»Hernach? Warum nit gleich und nit hier? Was du mir zu sage habe kannst, das kann e jed's heere!«
»Nein! das kann nit e jed's hören.«
Damit war er aus dem Laden gestolpert und zur Anatomie geschlendert, den Rücken gekrümmt von der Last unfaßbarer Qualen.
Rosalie hatte keine Ahnung, was ihren Bruder so erregte. Und darum, als der heimkehrende Bruder sie ins Hinterzimmer zog und anfauchte:
»Ich hab's gehört, heut nacht!«
-- da konnte sie mit unschuldigster Verwunderung antworten:
»Was hast geheert?«
»Ja, mach nur e Gesicht! Heut nacht is er aus deinem Zimmer komme und de Trepp erunter gange!«
»Aus mein Zimmer? Ja, ~wer~ denn?«
»Wirscht's schon wisse!« »Hernach bitt ich mir aus!! Wer soll in mei'm Zimmer gewese sein heut nacht?«
»Na, der Achebach -- hä? oder gar nit?!«
»Bist verrickt, Simon?!« Ihre Augen funkelten gefährlich, ihre Finger krallten sich. Sie glaubte, der Bruder wolle sie ganz grundlos beleidigen.
»Ich hab's geheert. Die Trepp is er nunter auf de Sock! Ich weiß es! Aber ich tu'n haue! Ins Gesicht schlag ich ein, dem Affe, dem Fatzke!«
»Du, Simon, mach dich nit unglücklich! Es is nit wahr, ich weiß von gar nix weiß ich!«
Simon überlegte. Eigentlich hatte er ja wirklich nichts anderes gehört als einen Schrei draußen, drunten, an der Lahnstraße ... der ihn aufgeweckt hatte ... und dann einen verstohlenen Schritt, abwärts, die knackenden Dielen hinab ... sachtes Öffnen der Tür zum Zimmer, das der junge Korpsstudent bewohnte ... sonst nichts ... vielleicht wußte Rosalie wirklich nichts -- vielleicht war wirklich nichts geschehen --
»Salche! sieh mer an!! --?«
Seine Finger krampften sich um des Mädchens stramme Oberarme.
»Au, du tust mich kneife!«
»Is wahr, daß du von nix weißt?«
»Ich hab dir's gesagt -- laß mich in Friede!! Verrickt biste, verrickt! Laß mich in Friede!! Un wenn's gewese wär, tut's dich was angehe? Hä? Bist du mei Vormund?«
Tränen standen in ihren Augen, halb des Schmerzes über den rauhen Griff des Bruders, halb der Wut über seine Anmaßung -- ja, wenn er wenigstens noch einen Grund gehabt hätte -- aber es war ja nicht mal was passiert ...
Simon ließ ihre Arme los, nachdem er sie mit einem letzten harten Ruck einen Schritt zurückgeschoben.
»Dei Vormund bin ich nit, Gott sei's gelobt! Un ob mich das was angeht, das is mer egal, verstehst? Das ein will ich dir sage: ich leid's nit, daß du eine an dich eranläßt von dene Kerle ... von dene geschwollene Korpsstudente, von dene dicknäsige Großschnauze ... und wenn du's tust, den Betreffende den schlag ich in die Fresse, un wenn's Mord un Totschlag drum tät gebe!!«
Und damit rannte er hinaus -- er schnappte nach Luft ... in seinem Herzen war eine so lichtlose, grauenhafte Finsternis, daß er nicht wußte, wie das Leben ertragen ... allein er gemieden, geschnitten von den alten Schulkameraden, ohne Möglichkeit, Freunde zu finden, dem blöden Herzen der hinsiechenden Mutter, dem lebenslüsternen der saftstrotzenden Schwester entfremdet, einsam, arm ...
Ja, wenn er nach Berlin gekonnt hätte! Da, das wußte er, gab es große Zirkel jüdischer Studenten, die in freundschaftlichem Zusammenschluß, im Genuß der Literatur und Kunst einander den Fluch ihres Blutes vergessen machen konnten ... nein, dort galt dieser Fluch überhaupt nichts ... dort war das Judentum eine Macht, beherrschte Presse, Literatur, Bühne.
Aber in Marburg ... in dem ausgewucherten Hessenlande, wo seine Glaubensgenossen, das mußte er als billig denkender Mensch zugeben, einen Teil des Fluches verdient hatten, der ihren Schritten folgte --
Und fortlaufen? sich auf eigene Faust durchschlagen?! Das hieße, den einzigen Menschen, mit dem ein menschliches Band ihn verknüpfte, das hieß die Schwester schutzlos zurücklassen, ein Spielzeug jener Bande, die er wütender als alles haßte: der blonden, vierschrötigen Söhne Teuts, die dies Nest beherrschten mit ihrer ganzen knallprotzigen, reckenhaften Arroganz, ihrer siegessicheren, gladiatorenhaften Dreistigkeit -- die über die Studentenschaft das Schreckensregiment des Schlägers, des Säbels, der Pistole führten und stark genug waren, jedem Kommilitonen, der ihre Weltanschauung nicht teilte, das Leben in Marburg unerträglich zu machen. Fühlten sich doch selbst die theologischen Verbindungen, der protestantische Wingolf genau so gut wie die katholische Verbindung Rhenania, schwer bedrückt durch die Übermacht und alte Herrlichkeit der Waffenverbindungen.
Und der arme Judenknabe floh in den dunkelnden Wald und warf sich an finsterster, einsamster Stelle ins Moos. Seine Hände krallten sich in die kühlen Polster. Tränen waren ihm versagt, aber ächzen konnte er hier ungehört und ungestört. Und er preßte den breiten Mund, die wüste Nase tief in das Grün und brüllte wie ein waidwundes Wild sein Weh in die Mooskissen hinein -- sein lebenzerfressendes Weh über den sinnlosen Fluch, der auf seinem Volke lastete, der täglich neu auf ihn und seine Blutsgenossen getürmt wurde von jenen, die längst nicht mehr an den Heiland glaubten, den seine Voreltern vor zweitausend Jahren ans Kreuz geschlagen haben sollten.
* * * * *
Rosalie aber nahm sich vor, Werner das Vorgefallene zu erzählen und irgendwie herauszubekommen, ob er wirklich in der Nacht vor ihrer Tür gewesen. Sie zweifelte kaum daran. Und das machte ihr Blut hochheiß. Sie wollte diesen keuschen Josef munter machen, sie hatte sich's in den Kopf gesetzt, seine zitternde Unschuld zu besiegen. Sie kannte sich schon genügend aus unter dieser bierfrohen und raufstolzen Jugend, um wittern zu können, daß hier ein edleres Blut kreiste, eine Seele von sonderlicher Art um ihren angeborenen Adel rang. Das war's, was sie ahnte: dieser war nicht wie die anderen. Und darum wollte sie ihn haben. Ein Raffinement, das auch weit erfahrenere Frauen als Salchen Markus gereizt hätte, würzte ihr Begehren nach dem weichen Knaben, der so mannhaft wider die Dränge seines Blutes kämpfte; daß er nicht feige war, daß seine Flucht vor ihrer Nähe nicht eine Chamade der Armseligkeit, sondern des Stolzes war, das las ihr Weibinstinkt in dem scheuen, doch lodernden Auge. Und sie dünkte sich schön und feurig genug, um würdig zu sein, diese tastende Seele in das tiefste Geheimnis des Lebens und der Schönheit einzuweihen.
Sie würde ihn fragen, ob er an ihrer Tür gewesen, sie würde zürnen und ihre Verzeihung sich abbetteln lassen ...
Aber wenn sie gehofft hatte, Werners noch am Samstag habhaft zu werden, so sah sie sich enttäuscht. Werner kam erst spät von Ockershausen zurück, fragte nur im Laden, ob Briefe gekommen seien, und war gleich wieder hinaus.
Und als Rosalie mitten in der Nacht von einem Lärm im Hause erwachte, da konnte sie hören, daß das junge Blut, nach dem es sie verlangte, sich recht gründlich ausgetobt hatte. Das war ein Gepolter auf der Stiege, ein Türenschlagen, ein Anstoßen an Möbeln und Waschgeräten in der Stube!
»Dunner, der hat gelade!«
Rosalie kicherte in ihre Kissen.
Am Sonntagmorgen schlief der Student bis halb eins, stürzte dann, ohne nach seinem Frühstück geklingelt zu haben, zum Frühschoppen. Und Rosalie wußte, daß sie ihn nun am ganzen Sonntag nicht so leicht mehr zu Gesicht bekommen würde. Denn sonntags pflegte das Korps gleich nach dem Mittagessen zum »offiziellen Exbummel« aufzubrechen, einem gemeinsamen Spaziergang zu einem der herrlichen Ausflugsorte der Umgegend. Gegen Abend kehrte man dann heim, und in der Regel ging alles sofort zur Kneipe, wo in dem prächtigen Garten des Korpshauses der Sommerabend mit Kegelschieben, Skat und Quodlibet zu Ende genossen wurde.
Aber vielleicht würde der Student nach der Rückkehr vom Spaziergange noch einen Augenblick von der Kneipe heruntergesprungen kommen, um die Sonntagsgarnitur gegen eine ältere Mütze, ein schon bierbegossenes Korpsband einzutauschen?
Darauf wollte Rosalie hoffen, denn die Gelegenheit zu einem Schäferstündchen kam so günstig nicht vor dem übernächsten Sonntag wieder. Die Mama Markus hatte sich nämlich erholt, und wenn sie munter war, verlangte sie von ihren beiden Kindern abwechselnd den Liebesdienst, daß eins sie zu ihrer gleichfalls verwitweten Schwester, der Frau Isidora Mayerstein auf der Ketzerbach, begleitete, wo man einige Stunden verplauderte. Diesmal war Simon an der Reihe, die Mutter zu geleiten, und so würde sie von nachmittags fünf bis neun allein im Hause sein, da auch Babett Ausgang hatte und in ihr Heimatdörfchen Frohnhausen gepilgert war.
Und sie mochte nicht lange warten. Er sollte, er mußte kommen! Sie wollte es, sie wollte es!
Als nach dem Nachmittagkaffee die Mama am Arme ihres Sohnes die Wettergasse hinabgehumpelt war, schloß Rosalie den Laden zu, legte die schweren Holzläden vor, verwahrte sie mit den Eisenriegeln und stieg in ihr Zimmer empor. Sie hatte noch Zeit, vor sieben würde Werner nicht kommen. Inzwischen wollte sie Toilette machen.
Sie kramte eine viereckig ausgeschnittene Batistbluse heraus, bei deren Anblick sie lächeln mußte, denn sie hatte schon einmal, im vorigen Sommersemester, ihre Wirkung erprobt. Hehe! der gute Bennert! Fritzchen! Damals war er dritter Chargierter der Cimbria gewesen. Es war sehr nett gewesen mit ihm. Simon war damals noch ein ahnungsloser Primaner gewesen mit einem unerschütterlichen Schlaf ... Bennert ein hübscher, strammer, rotbäckiger, sommersprossiger Westfale ... ein wackerer Liebeskamerad ... allerdings kein Werner Achenbach ... jetzt war er inaktiver Korpsbursch und büffelte in Berlin zum Referendarexamen. Anfangs hatte er noch geschrieben ... ungeschlachte Briefe, die stets schlossen: »Dein Dich liebender Fritz« -- dann war's eingeschlafen ...
Aber die weiße Bluse, die wußte noch von jenem ersten Abend zu erzählen ... es war Zeit, daß sie einmal etwas Neues erlebte.
Und wie Rosalie ihren Spiegel befragte, da war sie sicher, daß dieses neue Erlebnis nicht mehr fern sei. Himmel! so gab's doch in Marburg keine zweite!
Und sie wollte! sie wollte! sie wollte! --!!
Sie stieg die Treppe hinunter, setzte sich auf Werners Sofa, nahm ein Buch vom Tisch und begann zu lesen. Sie hatte schon seit ihrer Backfischzeit von der Lektüre ihrer studentischen Mieter profitiert und hatte so eine wirre Menge Bücher durcheinander verschlungen, von den Wahlverwandtschaften bis zu Casanovas Memoiren ... dies Buch kannte sie noch nicht; es trug die Zahl des laufenden Jahres, 1887, und führte den Titel: Frau Sorge. Der Verfasser hieß Hermann Sudermann.
Sie las und war rasch gefesselt.
Aber plötzlich, nach etwa einer Stunde, legte sie das Buch mit einem Ruck aus der Hand. Auf der sonntagnachmittagstillen Straße klang das Klappern der Spazierstöcke, klang Hundegezänk und der wohlbekannte Cimbernpfiff ...
Sie fuhr ans Fenster. Fünf, sechs Cimbern kamen von der Barfüßergasse her die Wettergasse entlang, offenbar vom Spaziergang zurück: sie hatten rote Köpfe, Sonnenbrand, frische Luft und Alkohol leuchteten um die Wette von ihren Gesichtern. Sie lachten laut und unaufhörlich; ihre Mützen saßen im Nacken; mancher von ihnen schlug mit dem Spazierstock einen Lufthieb nach dem andern. So trollten sie des Wegs entlang, bogen den Pfad nach dem Korpshause zu und verschwanden. Alles war wieder sonntagsstill; die ganze Wettergasse schien ausgestorben; nur ein mageres Kätzchen schlich den Rinnstein entlang; schon war die Sonne längst hinterm Schloßberg verschwunden; Dämmerung sank auf die Straße, tiefere lag in den Winkeln des schlichten Studentenstübchens.
Und Rosalie dehnte sich in ihrer einsamen, quellenden Schönheit. Sie sehnte sich bis zum Verschmachten nach dem Knaben, dessen Jugendträume diese Stube durchwitterten. Dort standen die Bilder seiner Eltern, der schöne Weißkopf des Vaters mit den leuchtenden Augen, die Rosalie so gut kannte. Dort die herberen Züge der Mutter, aus denen ein kräftiges Wollen sprach: von diesen Linien meinte Rosalie kaum scheue Spuren in dem Gesichte des Ersehnten zu finden. Und da lag ein Päckchen frisch vom Photographen gekommener Bilder. Werner selbst. Ja, das war er, seine noch verschwommenen, unausgeprägten Züge, sein suchendes Auge. Grellbunt leuchtete die grob aufgesetzte Bemalung der Mütze und des Bandes. Das mußte sie haben; kurz entschlossen mauste sie eins und schob's in ihre Schürzentasche. Sie wollte ihn schon entschädigen.
Und wieder klangen draußen Schritte und frische Stimmen, und wieder fuhr Rosalie ans Fenster. Und wieder waren es andere als der, dessen sie wartete.
Und sie stöberte ruhelos in dem Stübchen umher, drehte jeden Gegenstand, den sie bemerkte, in den Fingern; inzwischen liebäugelte sie mit dem Sofa, steckte gar den Kopf ins Nebenzimmer und warf dem Bette einen vertraulichen Nicker zu ... das alles kannte sie ja so gut ...
Und doch war ihr jungfräulich, war ihr bräutlich zumute ... als wenn sie rein wäre, wie jener, dessen unberührte Jugend sie an ihre lechzenden Brüste pressen wollte.
Da -- da -- Schritte auf der krachenden Stiege, polternd im lichtlosen Dämmer des Flurs -- -- an der Klinke eine tastende Hand -- und Werner stand im Rahmen.
»Fräulein Rosalie -- --«
»Ach -- guden Abend, Herr Achebach -- grad e bißche aufgeräumt hab ich da in der Stub --«
»Ich dank Ihnen schön --«
»Na -- sinn Se spaziere gewesen?«
»Na -- der übliche Sonntagsnachmittags-Exbummel ... wir waren in Wehrda draußen.«
Er hatte seine neue Mütze an die Wand gehängt und eine ältere aufgestülpt. Nun nahm er auch ein älteres Band herunter, knüpfte es an das neue, das er trug, und zog es durch Abziehen des alten unter den Rock. Dabei stand er von Rosalie abgewandt. Seine Finger zitterten.
»Herr Achebach!«
»Fräulein Rosalie?«
»Ich muß Ihne mal was frage --!«
»Nun?« Er fuhr herum -- der Ton der Frage hatte so seltsam geklungen ...
»Herr Achebach -- sinn Se in Freitag nacht obe vor mei'm Zimmer g'wese?«
»Fräu--lein -- -- Rosalie --«
»Sie --?« sie drohte mit dem Finger.
»Ach Gott -- ich -- ich werde wohl ... bekneipt gewesen sein -- entschuldigen Sie nur -- es soll nicht wieder vorkommen --«
»Ja -- was ich Ihne sagen wollt -- mei Bruder hat's geheert, wie Sie nunner sinn gange, un er hat mir de greeßte Skandal gemacht deshalb. De greeßte Skandal!«
»Fräulein Rosalie -- ich werde morgen ... mit Ihrem Herrn Bruder sprechen ... und ihm sagen, daß Sie gar nichts ... ich meine, daß ich allein --«
»Um Gottes wille, das mache Se nur nit, die größte Unannehmlichkeit könnt das gebe! Schon so grad schlimm genug is es gewese!«
»Ach, verzeihen Sie mir doch nur -- ich -- Himmel, ich könnt mich prügeln deshalb --«
»Ja, verzeihe, verzeihe! Sie habe gut rede! Sie sinn der große Herr, ich bin das arm Mädche, was alles muß ausbade!«
»Fräulein Rosalie!« Er tat einen Schritt auf sie zu -- endlich, endlich.
»Ach, Herr Achebach --!«
»Wollen Sie mir verzeihen?!« Er streichelte ihre Hand, ihren Arm -- endlich! Endlich!
Und fünf Minuten später hatte sie ihn auf dem Sofa.
Und Werners Fassung schwand. Die wilden Küsse des Mädchens machten ihn toll.
Da fuhr Werner plötzlich auf: draußen klang der Cimbernpfiff!
»Himmel, meine Korpsbrüder!«
»Verflucht! Laß se doch pfeife!«
Einen Augenblick lauschte Werner den Pfiffen, die sich dringender wiederholten.
Plötzlich polterten Schritte auf der Stiege.
»Die Tier! Is de Tier abgeschlossen?! Schnell! Tu se zuschließen!«
Werner fuhr auf -- verdammt! Der Schlüssel stak draußen!
Es war zu spät -- da tauchte eine blaue Mütze aus der Dämmerung -- ein gebieterisches, hageres Gesicht -- der lange Scholz -- --
»Guten Abend, Leibfuchs!«
»Leibbursch, du? Guten Abend --«
»Na, warum hast du denn auf meinen Pfiff nicht reagiert, wenn du doch zu Hause bist? --«
»Oh, ich -- -- womit kann ich dir dienen?«
»Ich wollt mir nur 'ne alte Mütze bei dir holen -- es scheint ein Gewitter zu kommen.« Und schon war Scholz in der Stube. Vom Sofa leuchtete Rosaliens helle Bluse. »Ach, so!! -- Ei, sieh doch den Duckmäuser! Wer ist denn das?«
»Fräulein Rosalie Markus -- meine +filia hospitalis+ --«
»Äh -- +filia hospitalis+ --!«
»Denn keine ist +aequalis+ Der +filia hospitalis+!«
sang Scholz mit näselndem Ulkton.
»Mach mal Licht an, Leibfuchs! Die schöne Rosalie Markus ist wert, daß man sie auch mal bei Lichte besieht!«
Verstört, fassungslos zündete Werner die Petroleumlampe an. Scholz nahm sie und leuchtete Rosalien ins Gesicht.
»Verdammt. Dich hab' ich eigentlich noch nie so recht angeschaut, Mädel! Hat keinen schlechten Geschmack, der kleine Leibfuchs.«
Rosalie sprang auf, um zu entfliehen.
»Was, weglaufen? Jetzt, wo's grad gemütlich wird?«
Und die stählernen Finger des Seniors der Cimbria umklammerten Rosaliens blühende Handgelenke, preßten das ringende Mädchen widerstandslos ins Sofa zurück.
»Au, mein Arme -- lasse Se los, Sie -- Sie ung'schliffener Mensch, Sie!«
»Wenn du brav bist!«
Rosalie war frei, sie rieb sich die Handgelenke. »Da, sehe Se nur, wie Sie mich verdruckt habe!« Sie hielt die Handgelenke unter die Lampe, Scholzen entgegen; in der Tat, die Finger des jungen Mannes hatten sich wie eiserne Handschellen in dem weißen, schwellenden Fleisch eingeprägt.
»Na ja! So geht's, wenn man mir nicht pariert!« lachte Scholz behaglich. Seine grauen Augen musterten kennerhaft die Gestalt des Mädchens und hafteten an dem Ausschnitt der Bluse.
»Donnerwetter! Ich kann nur staunen! Ich kenne mich doch sonst aus unter den Marburger Mädeln -- warum hab' ich dich eigentlich bisher übersehen? Nun hat der kleine Leibfuchs da dich mir weggeschnappt. Schade!«
»Oh -- weggeschnappt!« sagte Rosalie gedehnt.
Scholz zog, wie freudig erstaunt, die Augenbrauen hoch. Also noch nicht? Das wäre! lag in diesem Blick, der Rosalie galt. Und dann über die rechte Achsel zu dem Jüngeren, der noch immer regungslos und hilflos dastand:
»Na, Leibfuchs? Du schweigst ja in sieben Sprachen?!«
»Gehst du mit zur Kneipe, Leibbursch?« fragte Werner heiser.
»Oh -- wenn du zur Kneipe willst, ich will dich nicht abhalten. Ich ... wenn du erlaubst, daß wir noch ein Weilchen auf deiner Bude bleiben ... dann möchte ich Fräulein Rosalie gern noch ein Augenblickchen Gesellschaft leisten.«
»Das sollt mer grad fehle!« höhnte Rosalie und stand abermals auf, aber ihr Blick ruhte freundlich auf dem Unverschämten und mied das brennende, düstere Auge des Knaben, den sie vor fünf Minuten so wild geküßt.
»Schönes Kind, du zwingst mich abermals zu Gewaltmaßregeln!«
»Herr Scholz, mache Se jetzt keine Unsinn un lasse Se mich vorbei!« Sie mochte Werner so tief nicht kränken.
»Also heute nicht? Dann ein andermal, du süßer Racker!« Und während Rosalie an seinen Knien vorbeistrich, packte er sie dreist um die Hüften. Sie riß sich los, warf noch einen spöttisch-bedauernden Blick auf Werner, einen schmollenden, doch verheißungsvollen auf Scholz und war hinaus.
»Du, Leibfuchs, die Kleine spann ich dir aus, für die bist du noch zu jung,« sagte Scholz. »Wenn du der in die Finger fällst, dann bleibt für die Mensuren nichts mehr von dir übrig.«
Und gleichmütig hing er seine Mütze an die Wand, nahm die beste ältere, die da war, stülpte sie auf den Hinterkopf und sagte: »Komm, Leibfuchs, wollen zur Kneipe!«
Er blies die Lampe aus, schob seinen Arm in den Werners und zog ihn zur Tür.
Und willenlos, kampflos folgte Werner.