IV.
Dornblüth hatte seinen Arm in den Klausers geschoben, und so lange dieser fürchten mußte, vom Korps beobachtet werden zu können, ertrug er die schwere Männerhand in seiner Ellenbeuge. Kaum war man aber aus dem Bereich des Cimbernplatzes, da ließ er ruckartig den rechten Unterarm fallen und schritt stumm zur Linken des Alten Herrn weiter.
Auch Dornblüth schwieg. Schweigend drängten sich die beiden blaubemützten Männer durch den Schwall der hin und her flutenden Festteilnehmer, der dunkelgrünen, violetten, weißen, ziegelroten Mützen, der flatternden Sommerfähnchen, der keuchenden, bierschleifenden Kellner und Couleurdiener. Nun waren sie draußen, und hart neben dem Trubel des Festplatzes führte ein wohlgehaltener Fußpfad in Kühle und Schatteneinsamkeit. Die Sonne war schon verschwunden: es dämmerte durch den Bergpark.
»Ich ... es kommt mir vor, als hättest du, lieber Klauser, schon eine Ahnung, was ich mit dir zu besprechen habe.«
»Daß ich nicht wüßte,« sagte Klauser kalt gemessen.
»Lieber Freund,« sagte der Professor, »ich habe dir eben Bruderschaft angeboten. Ich hab's getan, weil ich ein gutes Recht dazu habe -- als Träger dieses Bandes. Ich hab's gerade jetzt getan, weil ich meine: das, was wir uns zu sagen haben werden, das kann nur im Sinne der Freundschaft, im Sinne der Korpsbruderschaft, meine ich, kann das zum Guten erledigt werden. Es handelt sich um Fräulein Marie Hollerbaum.«
Mit einem Ruck stand Klauser still.
»Herr Professor, ich denke, wir kürzen ab. Ich bitte Sie, morgen früh meine Zeugen zu erwarten. Haben Sie mir sonst noch etwas mitzuteilen?«
Dornblüth stand Klauser gegenüber und legte seine Hand auf des Jüngeren Schulter.
»Komm, mein Junge, laß uns als Korpsbrüder, laß uns als Menschen zueinander reden. Ich versichere dir, du hast keinen Grund, mir zu zürnen, keinen, dich von mir beleidigt zu fühlen, keinen, von mir Genugtuung mit der Waffe zu verlangen. Willst du mich ruhig anhören?«
»Bitte.« Klauser preßte die Zähne zusammen und stand, seitwärts gewandten Gesichts, die bebenden Fäuste in den Rocktaschen vergraben.
»Wir wollen dabei wandern, wenn's dir recht ist. Also hör, mein Lieber: ich hab von einem unbedachten Füchschen durch einen Zufall erfahren, daß du eine Neigung zu ... zu der Dame, die ich dir nannte ... daß du diese Dame ... liebst ... und ... daß du Grund hast, an Gegenliebe zu glauben. Damals hatte ich diese junge Dame nur einen Augenblick lang gesehen ... inzwischen hat's das Schicksal gewollt, daß ich sie kennen lernte. Sie ist die Tochter eines Kollegen von mir, wie du weißt, und ... du -- gerade du, wirst mich am besten verstehen, wenn ich dir sage, daß sie ... mir sehr wert geworden ist.«
Er hielt einen Augenblick im Schreiten inne, wie um für seine stürmenden Gefühle das rechte friedvolle Wort zu suchen.
»Sieh, lieber Freund ... wenn du nun ein xbeliebiger junger Student gewesen wärest ... dann würde mich's wenig gekümmert haben, daß Fräulein ... Marie ... ich will sagen, dann hätte ich einfach um sie geworben und hätte ihre Entscheidung zwischen mir und jenem ... andern ... abgewartet. Aber nun bist du mein Korpsbruder ... ich bin ja eigentlich seit Jahren aus all den akademischen Beziehungen heraus ... aber trotzdem ... ich fühle, dich und mich verbindet etwas ... das darf ich nicht so ohne weiteres beiseite schieben. Und ich will's auch nicht. Nicht nur will ich selber wie ein alter Korpsstudent handeln ... auch in dir möchte ich an den Korpsstudenten appellieren. --«
Er schwieg wieder einen Augenblick und suchte nach Worten.
»Also ... lieber Klauser ... du ... betrachtest dich als den Verlobten von Fräulein Hollerbaum ... und sie ... hat sich wohl bis heute ... als deine Braut betrachtet ...«
»Bis heute?!«
»Demnach hast du also ganz unzweifelhaft ... Rechte ... Rechte, die ich als Mann zu achten habe und in die ich nicht eingreifen darf, ohne zu erwarten, daß du von mir Sühne verlangst -- Genugtuung. Darum laß mich dir als Korpsbruder -- und als Mann von Ehre versichern, daß ich bis zu diesem Augenblick nicht mit einem Wort, nicht mit einem Blick in diese deine Rechte eingegriffen habe. Willst du mir das glauben? Antworte mir, ob du mir das glauben willst --!«
»Ich ... will's glauben.«
»Das ist schön, das ist gut. Nun aber hör mich an ... ich sagte dir schon ... Fräulein Marie ist mir wert geworden ... so wert, wie noch keine Frau zuvor in meinem vielerfahrenen Leben.«
»Herr Professor ... ich bitte um Verzeihung ... aber ich kann diese Unterredung nicht mehr ertragen. Lassen Sie mich gehen ... tun Sie, was Sie nicht lassen können, ich tu dann auch, was ... was ich muß ... aber das da anhören, das kann ich nicht länger ... ich geh.«
»Freund, noch ein kurzes Wort hör an, du weißt ja noch gar nicht, was ich dir eigentlich zu sagen habe! Sieh mal, es handelt sich doch wahrhaftig um heilige und wichtige Dinge ... da kann man sich schon mal ein wenig zusammennehmen ... solch schwere Stunden ... Männer müssen die ertragen lernen! Meinst du vielleicht, mir fiele das leicht, das da?«
»Also, was willst ... was ... wollen Sie von mir?«
»Du findest das korpsbrüderliche Du anscheinend noch nicht -- deshalb laß ich mir's aber nicht nehmen. Also sieh mal -- wenn zwei Männer ... wie du und ich ... zwei Ehrenmänner ... wenn die ein und dasselbe Weib ... zur Gattin begehren ... wer hat dann zu entscheiden?«
»Die Waffe!!«
»Ich glaube, dieser Standpunkt, mein Lieber, ist nicht mehr ganz zeitgemäß. Ich glaube, dann hat die Beteiligte, die umworbene Frau ... die, meine ich, hat dann zu entscheiden! -- Sieh mal, es könnte doch immerhin sein, daß Fräulein Marie ... ich ziehe ihre Gefühle für dich nicht im geringsten in Zweifel, im Gegenteil, ich bin überzeugt, sie hat dich sehr, sehr gern, es ist ja gar nicht anders möglich, denn du bist ein so lieber, prachtvoller Mensch ... aber --«
»Aber --?!«
»Du bist eben noch jung ... sehr jung ... und vielleicht hat sich Fräulein Mariens Neigung nur darum dir zugewandt, weil sie ... hier in der Universitätsstadt ... bisher wenig Gelegenheit hatte ... zu vergleichen ... denn sieh mal ... du bist ein lieber, prächtiger, herrlicher Mensch, aber doch eben ... noch ein werdender Mensch, ein Student, das ist ein Strebender, ein sich Entwickelnder ... und, glaube mir, du kennst das Leben noch nicht, ich kenn's! Eine junge Dame, wie Fräulein Marie, die ... ist reif, die ist fertig ... und zu ihrer Ergänzung ... da bedarf sie eines reifen, eines fertigen Mannes. Ich weiß nicht, ob ich mich täusche ... ich habe mich, wie gesagt, bis heute ihr nicht im geringsten genähert ... erst wollte ich das mit dir ins reine bringen ... und hätte auch ganz gewiß eine gelegenere Stunde als diese abgewartet ... wenn nicht vor zwei Stunden ... du weißt ... jene Begegnung, als ihr vorüberzogt ... deine Blicke ... und ihre ... da wußte ich, es ist keine Zeit mehr zu verlieren ... wenn nicht gar ein Unglück vorkommen soll ... ein großes, verhängnisvolles Unglück. Also, mein Freund ... wir beide stehen vor unserer Schicksalsstunde ... und die Entscheidung liegt in einer Hand, in einem Herzen, das uns beiden heilig ist ... wollen wir nicht ... in diesem bedeutungsschweren Augenblick, als Männer, als Korpsbrüder, als echte deutsche Korpsstudenten ... Arm in Arm dieser Stunde entgegensehen ... und sie als Freunde, als Brüder tragen ... wem auch immer sie das Glück ... wem sie die Trauer, die Entsagung bringt?!«
Er hatte mit beiden Händen des Jünglings Schultern ergriffen ... seine Stimme ward seltsam rauh, und die bärtigen Lippen zuckten.
»Na, deine Antwort, mein Junge?!«
Klausers Augen hafteten am Boden. Schwer, fast stöhnend, ruckweise, ging sein Atem -- und auf einmal erschütterte ihn ein kurzes, hastiges, trockenes Schluchzen.
»Lieber, lieber Freund!« sagte da der Professor erschüttert und schlang den linken Arm um Klausers Nacken.
Der suchte sich loszumachen und schrie:
»Ach, lassen Sie mich!! Es ist ja doch alles aus! Ich weiß ja, Sie haben sie mir genommen! Geraubt haben Sie sie mir! -- Es ist nichts mehr zu entscheiden -- Marie ... es ist aus! Lassen Sie mich los! Ich will zu ihr, sie selber soll mir's bestätigen, ... und dann ... dann hab ich nur noch eins zu tun ... abzurechnen mit Ihnen! Ja, mit Ihnen! Sie wußten, daß die Marie mir gehört ... mir! Und da hätten Sie überhaupt nicht wagen dürfen, an sie zu denken! ... Und darum ... und darum werden wir uns woanders weiter sprechen --!!«
Aber der Professor ließ ihn nicht. Er hielt ihn fest umschlungen und sagte:
»Lieber Freund, Sie sagen, Marie gehöre Ihnen? -- Gehöre? -- Kann ein Mensch einem andern gehören? Nichts ist freier, soll freier sein, als des Weibes Liebeswahl ... und wenn es wirklich wahr wäre ... wenn Marie sich von Ihnen ... von dir abwendete zu mir ... dann ... den Schimpf wirst du doch dem Mädchen, das du liebst, nicht antun, zu glauben, sie täte es, um schneller versorgt zu sein ... dann mußt du, wenn du sie wirklich liebst und heilig hältst ... dann mußt du ihr glauben, daß sie, die dich so innig geliebt hat, mich doch noch mehr, noch tiefer liebt ... mich, den Mann. Und dann -- dann wolltest du dem Mädchen, das du liebst ... wie tief und wahr du sie liebst, das seh' ich ja ... der wolltest du dann den Mann wegknallen, bei dem sie Glück zu finden hofft? Wäre das eines Korpsstudenten würdig ... wäre das ritterlich, männlich, menschlich?! Also du siehst, wie immer du die Sache betrachtest ... Marie wird zu entscheiden haben, und du, mein Freund, du wirst ihre Entscheidung ehren ... und wenn sie dir Trauer und Tränen bringen sollte, dann wirst du so stramm und straff, wie neulich und so oft schon deinem Gegner auf Mensur -- so wirst du auch dem Schmerz gegenüberstehen, ohne zu mucken, ohne zu reagieren, im Leben beweisen, was es heißt, ein Korpsstudent sein ... willst du mir das versprechen?!«
Es war ganz dunkel geworden in dem einsamen Laubgang. Nur von ferne klang das rhythmische Stampfen von Becken und Trommel, der quäkende Ton eines Fagotts, der Dreivierteltakt der Trompeten durch die Stille herüber; da hinten also hatte der Tanz bereits begonnen. Draußen überm Tal lag noch rote Dämmerung, und zwischen den Bäumen blinkte die breite Lahnebene, flimmerte der ferne Fluß. Und Kühle webte durch die Eichenhallen ... Kühle ... Stille ...
Und alles -- alles aus -- das Jugendglück entschwindend ... ach, schon verloren ...
Und er -- der andere? Der Räuber?!
Da stand er, mit ausgestreckter Freundeshand ... mit leuchtendem Freundesauge --
Wozu?!
Hahaha! um ihm, dem Besiegten, auch das letzte noch zu rauben -- die Wollust der Rache ... das Recht des Entscheidungskampfes auf Tod und Leben ...
Kämpften also nicht Hirsch und Stier um die allbegehrte Beute? Kämpften, bis einer auf dem Platze blieb?!
Und er sollte nicht dürfen, nicht einmal das dürfen?
Und eine tiefe, lastende, hoffnungslose Müdigkeit sank auf sein Herz. Wozu noch kämpfen? Es war ja aus -- nicht nur der Sieg, die Waffe selbst war ihm entwunden ... er war der Knabe, der dumme, grüne Junge, den noch Jahre der Arbeit und des Reifens vom Leben, von der Liebe trennten.
Und plötzlich warf er sich herum.
»Gute Nacht, Herr Professor.«
»Wohin?«
»Ich will nach Hause. Schlafen.«
Herrgott! durchfuhr's da den Professor -- hatte er's am Ende doch falsch gemacht? doch die empfindliche junge Seele zu tief geknickt?!
Schon war der andere ein paar Schritte entfernt. Dornblüth stürzte ihm nach, holte ihn ein:
»Klauser ... dein Ehrenwort, daß du mir keine Dummheiten machst --!«
»Dummheiten?«
»Du darfst jetzt nicht allein bleiben ... ich hab' Angst um dich ...«
Da erwachte der Knabentrotz.
»Ich brauche deine Angst nicht. Denkst du, ich tu mir ein Leids an? um ein Mädel, das ... äh!! Nee -- das nicht!! So armselig bin ich denn doch nicht!! -- Da kannst du ganz ruhig sein, Alter Herr!«
Und abermals riß er sich los und stürmte nun, statt zu Tal, den bergan führenden Weg hinan. Bald war er im Dunkel der Eichen verschwunden.
Dornblüth sah ihm lange nach. Oh, wie er ihn liebte! --
Der kommt durch, sagte er still. Nun zu Marie --!