IX.
Und abermals war das Geheimnis, die Erfüllung an Werner vorübergegangen. Und als er andern Morgens im Bette übersann, wie alles gekommen war, da erfüllte ihn nicht mehr die dankbare Stimmung selbstbewahrter Reinheit ... da empfand er nichts als Scham und Groll gegen sich selbst. Diesmal hatte er den Becher nicht selbst von den Lippen gedrängt, ein Stärkerer war gekommen und hatte den zagen Händen des Knaben den Trank entrissen. Und er hatte nicht einen Finger zur Abwehr geregt. Er fühlte: das konnte Rosalie ihm nicht verzeihen. Ihren Abschiedsblick vergaß er nicht; der brannte noch immer mit ätzender Schärfe in seiner Seele. Klein und feige hatte er sich die Geliebte entreißen lassen.
Die Geliebte! Hahahaha!!
Dieser Gedanke kam ihm läppisch vor.
Wer ihm noch vor wenig Monaten gesagt hätte, daß man ein Weib küssen, ihren Besitz stürmisch begehren könnte, ohne sie zu lieben?!
Wenn jetzt einer gekommen wäre und hätte ihm erzählt, Rosalie sei in der Nacht gestorben -- würde er eine einzige Träne um sie vergossen haben?!
Was war denn das nun, was ihn zu dem wundervollen Geschöpf gezogen hatte?
Werner hatte keinen Namen für dies Gefühl. Und dennoch wußte er, daß es ein Glück war, ein süßes, leuchtendes, trunken machendes Glück, das an ihm vorübergegangen war für immer.
Für immer?
Ja, für immer. Diese Stunde würde nicht wiederkommen. Diese Stunde, die ihm vergönnt hätte, seine so lange aufgestaute Sehnsucht in den Schoß eines Mädchens auszuschütten, das ihm alle seine Schönheit als freudiges Geschenk entgegengeworfen hatte, das sein gewartet, das ihn begehrt hatte in hinlechzendem Verlangen. Begehrt hatte ... und nun nie mehr begehren würde, da er sich unmännlich gezeigt hatte.
Und in seinem Herzen war eine tiefe Trauer um ein verlorenes Glück ...
Ja, um ein Glück!
Der Primaner in ihm versuchte ihn zu belehren, daß ja doch dies Glück eine Sünde gewesen wäre --
Sünde --!! Hahahaha!
Wo waren die Begriffe hingekommen? Sünde -- Schuld!
Das Leben wußte nichts von ihnen. Das Leben kannte nur zwei Empfindungen, nur zwei Seelenzustände: Glück ... und Leid ...
Narr, wer das Glück von sich stieß! Zehnfacher Narr, wer sich's rauben ließ!
Das Leid, das mußte man wegstoßen -- das zudringliche Leid, das immer wieder von selber kam -- dem mußte man mit Keulen auf den Schädel dreschen, daß es heulend entweichen mußte ...
Und haschen, haschen das flüchtige Glück ...
Er hatte es entweichen lassen --
»Du Narr! Du Esel!!« Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn.
Babett brachte ihm das Frühstück. Er hatte das liebe Kind, dessen Mund seine ersten Küsse einst empfangen, seit jenem Abend nicht mehr beachtet. Und still wie ein Schatten war das schlichte Mädel durch sein Zimmer gehuscht, nie hatte ein Blick ihn daran erinnert, was zwischen ihnen vorgefallen.
Heute zum ersten Male ließ er seine Augen auf ihr ruhen. War die vielleicht sein Schicksal? Er brauchte wohl nur den Finger auszustrecken --
Aber nein -- die da begehrte er nicht. Was war sie gegen Rosalie?
Sie hatte seinen prüfenden Blick gefühlt, und ein tiefes Rot stieg aus ihrem Brusttuch bis unter die Wurzeln der zurückgestrichenen Haare. Aber er blieb stumm.
Und stumm schlich Babett hinaus.
Nach dem Fechtboden ging Werner zur Anatomie, um von Wicharts Gefälligkeit Gebrauch zu machen und den Präparierboden zu besichtigen. Es war ohnehin Zeit. Die warmen Tage waren nahe, und da würde der Präparierboden geschlossen werden müssen.
In der Vorhalle fahndete Werner nach einem dienstbaren Geist, gab dem seine Karte für Wichart und wartete. Und wie er so stand, ging hin und wieder die Tür zum Präpariersaal auf, und Studenten gingen ab und zu. Sie trugen lange, graue Leinenkittel und hatten die Ärmel wie Schlächter aufgestreift. Die Kittel waren wie mit braunen Farbkrusten beschmutzt, die Hände dunkel gefärbt ...
Und aus dem Saale quoll ein Dunst, der sich schwer auf Werners Brust legte. Der Qualm von Zigarren- und Pfeifenrauch, gemischt mit einer andern, einer süßlich-faden Witterung ... Werner fühlte sich unaussprechlich ekel.
Der Anatomiediener kam: »Der Herr mecht schon immer in de Saal gehe.«
Und Werner trat ein. Unter der Tür meinte er fast zu ersticken an dem widerlichen Brodem, der auf ihn zuquoll. Aber das Bild arbeitender Menschen fesselte seinen Geist und half ihm den Schauder der Sinne bändigen.
An vielen kurzen Tischen saßen an hundert Studenten, fast ausnahmlos junge Semester wie Werner. Alle qualmten sie, alle saßen sie tief gebeugt, alle hatten sie irgendein seltsam formloses Etwas in der Hand, an dem sie mit scharfen Instrumenten herumschnitzelten. Neben jedem lag ein aufgeschlagenes Buch mit Illustrationen in rot und blau, oder deren mehrere ... und der Blick der Arbeitenden ging hin und her zwischen den Abbildungen ihrer Bücher und den Gegenständen in ihren Händen.
Und diese Gegenstände waren leblose Teile menschlicher Körper.
Als Werners Augen das Gesamtbild des Saales aufgenommen und nun zum Einzelnen strebten, fiel ihr erster Blick auf einen blutjungen, bartlosen Menschen von kindlichem Gesichtsausdruck, der ein langes menschliches Bein unter den Händen hatte. Er war beschäftigt, die einzelnen Muskeln von den zwischenliegenden Schichten aus Fett und Bändern zu befreien und herauszulösen. Eben hatte er einen breiten, roten Schenkelmuskel lospräpariert, schob seine Rechte darunter her, strich mit der Linken befriedigt, wie liebkosend über den gesäuberten Muskel und schmunzelte selbstzufrieden vor sich hin, im Bewußtsein sauber besorgter Arbeit. Werner mußte in all seinem Schauder lächeln.
Und er ging weiter von Tisch zu Tisch. Hier wurde ein Arm, dort ein Fuß, dort eine Hand zersäbelt. Und staunend sah Werner diese selbstverständliche Ruhe und Gelassenheit, mit der diese gleichaltrigen Jünglinge das Geheimnis des Meisterstücks der Schöpfung erschürften, geschäftsmäßig, mit dem sachlichen Ernst von Knaben, die ein Spielzeug zertrümmern, um seinen Mechanismus zu ergründen.
Schließlich stand er hinter einem Studenten, der vor sich einen menschlichen Kopf liegen hatte. Die von Haaren entblößte Schädelhaut war durch einen Schlitz von der Nasenwurzel bis zum Hinterkopf gespalten, dann die Schädeldecke flach abgesägt worden, und aus der Gehirnhöhle hatte der Arbeitende das Hirn losgetrennt und gesäubert. Eben war er fertig geworden und ließ die quabblige, schaukelnde Hirnmasse auf einen Porzellanteller gleiten. Erleichtert atmete er auf, empfand, daß jemand hinter ihm stehe, und wandte sich herum. Es war Scholz.
»Tag, Leibfuchs! Na? Was suchst du denn bei uns?«
»Tag, Leibbursch! Wichart hat mich aufgefordert, mir hier die Sache mal anzusehen.«
»So, so -- na, wie gefällt dir's denn in dem Ausschank?«
»Na -- gefallen? Jedenfalls interessiert mich's riesig.«
»Nicht wahr? Und dann riecht's auch so gut.«
»Entschuldige, Leibbursch -- was treibst du denn hier? Ich denke, du stehst schon ziemlich nahe vor'm Staatsexamen?«
»Na -- immerhin noch anderthalb Semester -- aber du hast recht -- eigentlich hab' ich hier ja nichts zu suchen ... uneigentlich aber mach' ich hier Studien für meine Doktordissertation. Schau dir das mal an! Das ist die Denkmaschine. Das muß eigentlich jeder gebildete Mensch mal gesehen haben. Das und 'ne Entbindung. Dann kommt man dahinter, daß der Mensch ein grad so armseliges Viech ist, wie alle andern. So die Romanschreiber und die Dichter und so 'ne Leute: die müßten das mal sehen, dann würden sie nicht so viel idealistischen Blödsinn quasseln.«
Diese Logik war Werner unbegreiflich. Mit tiefer Ehrfurcht betrachtete er die opalisierende Masse auf dem Teller. Ihm war, als wachse vor diesem Anblick das Geheimnis des Denkens und Schauens nur tiefer ins Unermeßliche hinab. Wenn nicht eines Gottes kommandierende Allweisheit dies millionenfach verschlungene Chaos von Gängen und Fäden und Äderchen gebildet, wenn das alles »geworden war«, so sich entwickelt hatte im Laufe der Jahrmillionen -- war das nicht tausendmal wunderbarer -- weckte es nicht tausendmal tiefere Ehrfurchtsschauer?!
Das alles zuckte nur als dumpfes Ahnen durch des Knaben Hirn ... von dem Naturerkennen der Zeit waren nur erst flüchtige Blitze in die dumpfe Geistesdämmerung der Elberfelder Oberprima gedrungen.
Und er stand vor dem Sitz des Lebens, wie er manchmal in heimischen Fabriken oder auf der großen Düsseldorfer Gewerbeausstellung vor sieben Jahren den riesigen Maschinen gegenübergestanden hatte; das eine konnte man so wenig begreifen wie das andere; nur eine Anschauung von einer tiefdurchdachten, langsam und kämpfend herangereiften Zwecktüchtigkeit und Bedeutungsfülle strömte, wie von jenen schwerfälligen eisernen Kolossen, von dem Unbegreiflichen, dem ewig Rätselhaften des Seins wie von dem Menschengeiste, der rastlos sich selber zu ergründen trachtete. Und der nüchterne, eiserne Gesell da vor ihm, der ihn vor wenig Stunden um einen süßesten Augenblick betrogen, wuchs in diesem Moment für Werners Empfinden zu einem Pionier des Geistes empor, der auf oft betretenen, nie bis zum Ende verfolgten Pfaden tiefer und tiefer in den Urwald des Unbegriffenen einzudringen trachtete ...
Da schreckte ein Ruf ihn aus seinem Sinnen:
»Achenbach!«
Wichart stand unter einer Tür, die zu einem Nebengelaß führte; auch er in Kittel und aufgekrempelten Ärmeln, wie Werner ihn schon von der Mensur her kannte.
Werner schob sich zwischen den Schemeln der arbeitenden Studenten hindurch und begrüßte Wichart, streckte ihm die Hand hin. Aber der sagte:
»Ne, Füchsche, Hand gibt's net -- ich hab schon gearbeitet!« und er hielt dem jungen Korpsbruder die besudelte Hand unter die Nase: »Kannscht es rieche?«
»Ach, Wichart,« sagte Werner, »ich bin dir ja kolossal dankbar! Es ist großartig interessant!«
»Nit wahr? Aber wart nur, jetzt sollst was zu sehe kriege, was mer auch nit alle Tag vor die Auge bekommt. Ebe ist was Neues bracht worde: 'ne Selbstmörderin, wo se gestern abend unne bei Frohnhause aus der Lahn gezoge habe!«
Und er zog Werner ins Nebenzimmer. Dort standen zwei Anatomiediener, der eine hatte eine Säge in der Hand, der andere hielt etwas fest --
»Warte Se eine Augenblick, Michel,« sagte Wichart und schob Wernern ganz heran.
O Gott -- --!!
Ein junges Weib, ein schönes, wunderschönes Mädchen ... eine Leiche ... schon bläulich angelaufen, ein wenig gedunsen vom Wasser -- aber ...
Das also war des Weibes Leiblichkeit!!
Oh, so ganz anders, als der Jüngling sie geträumt hatte ...
Das Weib und der Tod -- da lagen sie beide vor des Knaben Augen -- schleierlos -- allübermächtig ...
Tot ... und warum tot?
Eine Selbstmörderin --! Aus dem Wasser gezogen!
O Gott, o Gott!
Aus blühender Lebensfülle in die nasse, kalte Flut --
Wichart schien die Frage von Werners zuckendem Gesichte gelesen zu haben. Er wies auf den Leib, der sich stark wölbte.
»Da steckt's drin!« sagte er. »Das hat sie ins Wasser gebracht. Ja, Kerlche, so is das! Aber se könne ja die Finger nit davon lasse --! Der Vater is en Schreiner mit zehn lebendige Kinner, un in seiner Wut, daß se in de Schand komme is, hat er se uns verkauft.«
Wernern schüttelte das Grauen so unbezwinglich, daß er mit einem jähen Laut die Luft durch die klappernden Zähne zog.
In dem Augenblick trat Scholz ein. »Na, Wichart, was habt ihr denn da gut's?«
»Willst es Gehirn habe?« fragte Wichart und wandte sich zu einem Instrumentenschrank.
Plötzlich sah Werner, wie Scholzens Augenlider sich weit aufrissen, die Stirn sich hoch in Falten zog, der Unterkiefer wie haltlos herunterklappte. Und beide Hände tasteten langsam, irr am grauen Kittel herauf nach dem Kragen. So stierte er mit blicklosen Augen eine Sekunde lang auf die Leiche ... und noch eine Sekunde ... dann machte er kurz kehrt und war hinaus.
Himmel -- was war ihm?!
Einen raschen Blick voll zähneknirschend angstvollen Forschens ließ Werner in das Totenantlitz gleiten -- ja -- sie war's -- sie war's -- Lenchen Trimpop.
Wichart hatte nichts bemerkt. Er kramte unter seinen Instrumenten und holte eine große Schere heraus. Die gab er dem einen der harrenden Anatomiediener und deutete auf das lang und naß herunterhängende Blondhaar der Leiche. »Schneiden's ab! Du kannst dir den Kopf gleich mitnehme, Scholz! Nanu? Wo ist denn der Scholz?«
Werner konnte nicht antworten. Er drückte Wichart die Hand und stammelte, totenhaften Gesichts: »Adieu, Wichart, ich danke schön.« Dann taumelte er hinaus.
»Is wohl aach kee Mediziner nit, der Herr?« meinte Michel, der Anatomiediener, und setzte die Schere an.