I.
Und wieder einmal marschierte Werner Samstag morgens allein gen Ockershausen. Der Gedanke an Klauser, der heute Reinigungspartie fechten sollte, überschattete alle persönlichen Empfindungen.
Selbst die der grausamen Enttäuschung, die ihn gepackt, als er gestern morgen erfahren hatte, daß Rosalie tags zuvor auf sechs Wochen zu einer Freundin nach Frankfurt gefahren sei. -- -- --
Vor ihm auf der Landstraße marschierte ein Mann. Eine ragende, breitnackige Gestalt. Kräftig schritten die langen, wohlgebauten Beine aus. Die Linke trug den Spazierstock, einen derben Weichselzweig mit krummem Griff und eisenbeschlagener Spitze, horizontal, wie ein Offizier den Säbel. Und militärisch muteten auch die ruhigen, taktmäßigen Bewegungen an, mit denen die Arme den stattlichen Marsch des Schreitenden begleiteten. Ab und zu warf der Wind die Mähne eines rötlichen Blondbarts über die Schulter zurück.
Na, ein alter Korpsstudent ist das wohl auch nicht, dachte Werner, dazu sieht er nicht patent genug aus. Der Panamahut saß eingeknüllt im Nacken; unter dem niederen Umlegekragen wallte mit dem Bart um die Wette ein loser, dunkelblauer Lavallier, eine Lodenjoppe mit lose baumelndem Hüftgurt und kräftige Touristenstiefel ließen erkennen, daß der Fremde mehr Wert auf Bequemlichkeit, denn auf Eleganz und Korrektheit legte.
Werner, den Ungeduld und Unruhe zu einem schnelleren Tempo antrieben, überholte den Vordermann, und als er im Vorbeischreiten einen flüchtigen Blick auf seine Erscheinung warf, erkannte er etwas erstaunt, daß jener unter der Joppe über dem losen, farbigen Hemde das blau-rot-weiße Band trug. Also ein Alter Herr! Und unwillkürlich zog Werner die Mütze und hielt den Schritt an.
Da zog auch gleichzeitig der andere den Panama und streckte Wernern die Rechte hin. Der trat nun vollends näher, nahm die Mütze in die Linke, ergriff, die Arme korrekt eingewinkelt, die dargebotene Tatze des anderen, deren wuchtiger Druck ihn fast schmerzte, und nannte seinen Namen:
»Achenbach!«
»Professor Dornblüth,« sagte der andere freundlich, »Alter Herr Ihres Korps. Nun, auch unterwegs nach Ockershausen?«
»Allerdings,« sagte Werner, »großer Bestimmtag heute draußen, dreizehn Partien.«
»Also großes Schlachtfest!« meinte Dornblüth. »Da kann ich ja gleich eine ganze Menge Jugenderinnerungen auffrischen.«
»Wann sind Sie in Marburg angekommen, Herr Professor?«
»Gestern abend mit dem Elf-Uhr-Schnellzuge von Cassel.«
»Auf der Durchreise?«
»O nein -- -- na, da scheint man also im Korps noch nicht zu wissen ... ich denke dauernd hier zu bleiben, ich bin als Nachfolger von Professor Wilhelmi an unsere alte Alma mater Philippina berufen.«
»Ach? Das -- davon habe ich im Korps noch nichts gehört. In welcher Fakultät, wenn ich fragen darf?«
Der Professor schmunzelte. »In der juristischen,« sagte er. »Sie sind wohl Mediziner?«
»Nein,« sagte Werner errötend, »ich bin Jurist.«
»So,« lachte der Professor. »Aber von den internen Verhältnissen Ihrer Fakultät haben Sie, scheint's, noch nicht allzuviel Ahnung. Na, werden Sie nur nicht rot ... ich war als krasser Fuchs auch nicht besser, und doch soll ich jetzt meine jungen Korpsbrüder in die abgründigen Geheimnisse der Pandekten einführen. Also erzählen Sie mir mal was vom Korps. Ich war zehn Jahre in Berlin und habe da den Zusammenhang mit dem Korpsleben etwas verloren. Nun mich aber das Schicksal wieder ins alte Marburg gerufen hat, hoffe ich ...«
Er führte seinen Satz nicht zu Ende und sah erwartungsvoll auf Werner.
»Wir ... haben siebenunddreißig Aktive,« meldete Werner nach einigem Besinnen, wo er anfangen solle. »Neunzehn Korpsburschen, darunter acht Jungburschen aus diesem Semester, achtzehn Renoncen, darunter noch drei Brander.«
»Na ja, das ist ja ganz erfreulich. Aber auf die Zahlen kommt's mir eigentlich weniger an. Wie ist das Leben im Korps ... wie gefällt es Ihnen?«
»Oh -- selbstverständlich wundervoll -- großartig.«
»Selbstverständlich. Diese Antwort hätte ich von einem krassen Fuchsen eigentlich erwarten können. Was gibt's denn heute draußen bei Ruppersberg? Ist Cimbria stark vertreten?«
Werner wurde etwas verlegen. »Also zunächst sollen sich die drei Brander, die noch nicht das Band haben, in die Rezeption pauken.«
»Na, das wird nicht hervorragend interessant werden. Weiter.«
»Dann -- fechten von unseren neugewählten Chargierten zweie. Papendieck, unser Erster, gegen Herrn Cornelius Hasso-Nassovia gewesenen Zweiten, Zweiten, und der Dritte Dettmer gegen Herrn Bergmann Guestphaliae Dritten.«
»Wird's da was zu sehen geben?«
»Nun -- besondere Fechter sind die beiden gerade nicht. Aber dann -- dann ficht unser Klauser ... der bis vor kurzem zweiter Chargierter war ... gegen Seydelmann Hasso-Nassovia gewesenen Ersten, Ersten, Ersten Reinigungsmensur.«
»Was? Das Korps hat seinen Zweiten auf Mensur verloren?«
»Allerdings.«
Der Professor schwieg einen Augenblick. Mit gerunzelten Brauen schritt er fürbaß. Werner betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Und dieser eine, dieser erste Blick genügte, um Werners junges Herz für diesen seinen Korpsbruder und künftigen Lehrer zu begeistern.
»Also der Unsinn mit diesen aberwitzig scharfen Mensuransprüchen ... der besteht noch immer? Aber na -- darüber werd ich mich mit den Korpsburschen mal unterhalten. Was ist denn Klauser für ein Mann? Erzählen Sie mir was von ihm. Wünschen Sie ihm, daß er heute gut abschneidet?«
»Das wünsche ich von ganzem Herzen, Herr Professor. Klauser ist mein bester Freund im Korps.«
»Ach -- sieh da. Also ein guter und braver Kerl?«
»Ein ganz wundervoller Mensch, Herr Professor.«
»Nun, dann wollen wir beide ihm mal ordentlich den Daumen halten. Das wäre ja auch zu dumm, wenn ein Korpsbursch, von dem sein Freund in solchem Tone spricht, unserer lieben Cimbria auf diese Art --« Wieder schwieg der Professor.
Eben schritt man an den letzten Villen nach Ockershausen zu vorbei. Da bog aus einem Seitenwege eine Dame in die Chaussee und kam langsam und unruhig in der Richtung auf die Marschierenden zu näher. Werner fühlte eine tiefe Bewegung; unwillkürlich wandte er den Blick zurück, und richtig: dort, etwa fünfzig Schritt hinter ihm und dem Alten Herrn kam Klauser geschritten, einsam, den Strohhut tief in die Stirn gedrückt. Marie hatte dem Geliebten vor seinem schweren Gange noch einmal begegnen, ihm wenigstens einen stummen Gruß spenden wollen ...
Hochaufgerichtet, vor Erregung und Sehnsucht glühend das schöne Gesicht, schritt sie vorüber und erwiderte Werners ehrerbietigen Gruß mit einem ernsten Blick des Einverständnisses.
»Wer war das?!« klang da die Stimme des Professors in einem ganz seltsamen Tone an Werners Ohr.
»Das -- o -- das war ... das war ein Fräulein Marie Hollerbaum.«
Der Professor sah Werner von der Seite an und beobachtete das Gehen und Kommen der stürmenden Gefühle auf dem verräterisch weichen Knabenantlitz.
»Ihre Flamme wohl, wie?«
»Nein, meine nicht ...«
»Aber?«
»Ja, ich weiß nicht recht ... aber schließlich, warum soll ich Ihnen das nicht sagen, ganz Marburg weiß es doch ... das war Klausers ... Braut.«
»Ach?! Seine Braut? Offiziell?«
»Offiziell natürlich nicht --«
»Wie alt ist denn der glückliche Bräutigam?«
»Einundzwanzig.«
»Und -- sie?«
»Auch einundzwanzig -- meines Wissens.«
»Kinder, Kinder!! -- Und er -- welche Fakultät?«
»Mediziner.«
»Vor dem Staatsexamen?«
»Nein -- hat das Physikum noch vor sich.«
»Und dann -- Bräutigam! Ach, Himmel, wenn ihr jungen Leute wüßtet ... na, mich geht's ja schließlich nichts an.« Der Professor versank in Grübeln. Und Werner mußte den Blick zurückwenden; eben schwebte Marie an Klauser vorbei -- er zog den Hut tief, sie neigte das flechtenschwere, blonde Haupt, und vorbei eins am andern ...
Der Professor folgte Werners Blick und beobachtete ebenfalls die Begrüßung.
»Der da mit dem Strohhut ... das ist wohl --?«
»Ja -- das ist Klauser.«
Der Professor wiegte leise das Haupt. »Eine Braut, die ihren Bräutigam auf dem Wege zur -- Reinigungsmensur begrüßt ... ach Jugend, Jugend ... man muß sie ja so lieb haben ... deine Eseleien.« Er hatte das letzte halb zu sich selbst gesprochen.
»Herr Professor, verzeihen Sie ... aber das mit Klauser und Marie ... das ist heiliger Ernst --!«
»Na selbstverständlich ist es heiliger Ernst! Das wäre auch noch schöner, mit ~so einem~ Mädchen anders als in heiligem Ernst ... Wollen wir nicht auf Klauser warten?«
»Wenn Sie auf ihn warten wollen, Herr Professor ... ich darf nicht, verzeihen Sie ... Klauser ist doch in Demission.«
»Ach so ... richtig ... und da dürfen Sie sich mit Ihrem besten Freunde nicht ... richtig, richtig ... ja, ja ... man muß sich erst wieder eingewöhnen.«
Einen Augenblick schwiegen beide und sannen.
Dann war's, als müsse Dornblüth irgend etwas abschütteln.
»Na -- nu erzählen Sie mir mal noch mehr vom Korps. Und von Marburg ... von allem, was Ihnen grad' einfällt. Sie können sich wohl denken, daß mir heut ganz wunderlich ums Herz ist. Als ich zum letzten Male diesen Weg ging, das war vor dreizehn Jahren. Damals war ich inaktiver Korpsbursch und stand vorm Referendarexamen ... heut >hab' ich Semester und heiß altes Haus< ... aber das da, das Schloß da oben und diese wunderbaren Berge ... das ist grad' so wie damals ... erzählen Sie, Herr Korpsbruder, erzählen Sie!«
Und Werner plauderte von allerlei Erlebnissen und Zuständen im Korps ... nicht sein eigenes Empfinden ließ er laut werden ... nein, was und wie eben ein korrekter, wohlerzogener Korpsfuchs einem Alten Herrn erzählen konnte, den er vor zehn Minuten kennen gelernt hatte, und von dem er zum Überfluß wußte, daß er dem akademischen Lehrkörper angehören würde.
Und dennoch ... wider seinen Willen geschah's, daß etwas von der eigenen Stimmung Werners, von seinen Kämpfen, Qualen und Zweifeln in seinen Bericht hinüberströmte. Und gefesselt hörte der Professor zu.
Dann aber schienen seine Gedanken plötzlich abzuschweifen.
»Hollerbaum? Nannten Sie das junge Mädchen da nicht eben Hollerbaum?«
»Ja -- so heißt sie.«
»Der Dekan meiner Fakultät, dem ich hauptsächlich meine Berufung ... mit dem ich hauptsächlich wegen meiner Berufung nach Marburg verhandelt habe, heißt Geheimrat Hollerbaum.«
»Das ist der Vater der jungen Dame.«
»So ... also die Tochter eines Kollegen. Hm. Na, erzählen Sie weiter. Also das Kolleggehen haben Sie sich abgewöhnt ... wer weiß, vielleicht gewöhnen Sie sich's jetzt wieder an. Es sollte mich freuen, wenn ich meinen jungen Korpsbrüdern die sogenannte trockene Rechtswissenschaft etwas genießbar machen könnte.«
»Ach, ja, das wär wundervoll! Denn, Herr Professor, das Bummeln ist ja ganz schön -- aber ... der Moralische, den man dabei immer hat! Ich glaube, wenn man vernünftig arbeiten würde ... das Korpsleben würde einem dann viel besser schmecken.«
»Na, Sie können's ja im nächsten Semester mal probieren! Für dies Semester lohnt's ja gar nicht erst anzufangen. Ich muß allerdings die Vorlesungen des verstorbenen Kollegen Wilhelmi zu Ende führen, und es traf sich gut, daß ich, einer größeren Arbeit zuliebe, meine Berliner Vorlesungen diesen Sommer ganz ausgesetzt habe ... im nächsten Semester, hoffe ich, sollen dann die blauen Mützen immer reihenweise in meinem Auditorium hängen. Dann werden wir hoffentlich beide Freude aneinander erleben.«
»Das wäre herrlich, Herr Professor!«
»Von wegen Verschwindens des >Moralischen<, nicht wahr?«
»Nein -- überhaupt, Herr Professor, überhaupt!«
* * * * *
Mit bebender Spannung hatte Werner die Reinigungsmensur des Freundes verfolgt. Er hatte noch zu wenig Urteil, um mit Bestimmtheit vermuten zu können, ob die Mensur genügen würde oder nicht. In jeder Pause hatte er unruhig und sorgenvoll in die Gesichter der Korpsburschen gespäht, um aus deren Ausdruck zu erkennen, welchen Eindruck Klausers Haltung auf den C. C. mache. Aber eisern verschlossen blieben die Mienen der jugendlichen Richter.
Und so steigerte sich denn Werners Erwartung zum Fieber, als der Unparteiische nach einem Schlachten, das mit den Pausen über eine Stunde gedauert hatte, endlich verkündete:
»Silentium -- zehn Minuten sind geschlagen. Wünscht einer der Herren Sekundanten noch Erklärung? -- Silentium. Mensur ex --!«
Fast unkenntlich, Gesicht, Paukhemd, Lederschurz mit halbtrockenem und frischem Blut dick verklebt, verließen beide Paukanten den Schauplatz des unentschieden gebliebenen Zweikampfes. Werner folgte Klausern. Er hatte das Bedürfnis, ihm in der nächsten Viertelstunde zur Seite zu sein; der Viertelstunde, welche darüber entscheiden sollte, ob der Freund für würdig befunden würde, das schon halb verscherzte Korpsband aufs neue zu tragen, oder ob er als ungeeignet für alle Zeiten aus den Reihen der Cimbern ausgestoßen werden würde ... Er sah, wie Dammer, der Fuchsmajor, auf Papendiecks Anordnung die Korpsburschen zum außerordentlichen Korpskonvent in den Garten lud, und es war ihm wie eine geheime Beruhigung, zu sehen, daß auch Professor Dornblüth dieser Einladung Folge leistete. Und während Klauser sich unter Wicharts Pflege begab, trat Werner an das Fenster in der Flickstube und nickte und lächelte dem Freunde immerfort zu. Er fühlte, während Wicharts unfehlbare Finger dem Freunde Nadel um Nadel durch Kopf- und Gesichtsfleisch zogen, daß dieser schier unempfindlich war gegen die körperlichen Schmerzen und nur unter dem einen Gedanken erbebte: was mögen die da unten jetzt beraten? Was werden sie mit mir machen?!
In einer schattigen Laube, dicht umhangen von Pfeifenblatt- und Jelängerjelieber-Ranken hatte der C. C. der Cimbria Platz genommen. Obenan saß der Senior Papendieck, ihm zur Rechten der Alte Herr Dornblüth und einige Inaktive, die heute zur Mensur herausgekommen waren, um dem aktiven C. C. bei Beurteilung von Klausers Reinigungsmensur ihren Rat nicht vorzuenthalten. Daran schlossen sich die Korpsburschen dem Alter nach: die jüngsten hatten auf den Bänken nicht mehr Platz gefunden und drängten sich am Eingange der Laube.
»Silentium für den A. O. C. C.,« sagte Papendieck feierlich, und alle nahmen die Mützen ab und legten sie vor sich auf den Tisch, auch der Alte Herr Dornblüth, dessen mächtiger Kopf statt des durchgezogenen vorschriftsmäßigen Scheitels ein freies Gewoge leicht ergrauender Locken trug.
»Ich stelle die Reinigungsmensur unseres Korpsbruders Klauser zur Besprechung. Wer wünscht das Wort?«
»Ich bitte ums Wort.«
»Ich auch.«
»Ich auch.«
Von allen Seiten klang's.
»Silentium für Krusius,« sagte Papendieck und notierte die Namen der anderen Bewerber.
»Also meine Meinung ist folgende,« begann Klausers glücklicherer Nachfolger in der Fechtcharge. »Die merkwürdige Nervosität, die uns vor vierzehn Tagen an Klauser aufgefallen ist, hat sich heute womöglich noch in verstärktem Maße gezeigt. Ich will nicht verkennen, daß er sich die äußerste Mühe gegeben hat, dagegen anzugehen, aber ohne Erfolg. So war der äußere Eindruck seiner ganzen Haltung auf mich ein äußerst ungünstiger. Dazu kommen folgende Einzelheiten:« -- Der Sprecher schlug sein Notizbuch auf -- »er bringt bei jedem Hieb die rechte Schulter etwas vor, dabei die linke etwas zurück und holt den Hieb sozusagen aus dem Schultergelenk heraus. Das sieht einfach niederträchtig aus. Zweitens: einmal, ich weiß nicht, ob es den anderen Herren auch aufgefallen ist, hat er sich beim +a-tempo+-Hieb ganz deutlich zurückschlagen lassen. Dann hat er auf die Terz unverkennbar, zwar nicht mit dem Kopf gemuckt, das nicht, aber die Augen zugekniffen und das Gesicht verzogen. Kurz: mir hat die Mensur nicht genügt.«
»Als Reinigungsmensur nicht oder überhaupt nicht?« fragte der Erste.
»Überhaupt nicht.«
»So. Hm. Also dann Silentium für i. a. C. B. Koch.«
Koch, ein feister Mediziner im siebenten Semester, ein Mensch, den Phlegma und Gemütsruhe fast erstickten, sagte ruhig:
»Ich verlange von einer Reinigungsmensur, daß der Betreffende sich einfach hinstellt und sich verprügeln läßt. Bei Klausers Mensur habe ich immer das Gefühl gehabt, als ob eigentlich der andere die Reinigungsmensur zu schlagen hätte. Es sah ja aus, als wenn es dem Klauser nur darum zu tun wäre, den andern möglichst bald abzustechen. Und dabei kam es doch nur darauf an, daß Klauser seine Hiebe bekam und uns bewies, daß er stehen kann, auch wenn's Senge gibt. Das hat mir sehr schlecht gefallen.«
»Silentium für Dettmer!«
»Ich kann mich Krusius und Koch keineswegs anschließen. Ich finde, Klauser hat heute weit besser gestanden als neulich. Er hat zwar wieder einigemal den zweiten Hieb ausgelassen, aber sonst ist mir nichts aufgefallen. Mir hat die Mensur als Reinigungsmensur genügt.«
»Na, wenn dir weiter nichts aufgefallen ist,« sagte Papendieck, »dann hast du die Oogen würklich 'n büschen feste zugemacht. Ich kann nur sagen, daß Klauser sehr zapplig gefochten hat, sehr unsicher. Es waren ja gerade keine Einzelheiten, aber seine ganze Haltung war nicht nach meinem Gs'mack. Ich meine, wenn einer sein Korps so blamiert hat, wie Klauser uns neulich mit seine sweinmäßige Fechterei, dann is der dem Korps eine andere Reinigungsmensur schuldig, als wir sie heute zu sehen bekommen haben.«
Eine mildere Auffassung schienen die Jungburschen zu haben. Aber sie wagten sich nicht so recht mit der Sprache heraus.
Nur Dammer nahm energisch Klausers Partei.
»Liebe Korpsbrüder,« sagte er mit einem Beben der Aufregung, doch mit Festigkeit, »ich bin noch nicht sähre lange im C. C., aber ich kann nach mein' Gefiehle nur sagen, ich hab gefunden, wenn der Klauser nich gestanden hat, wie mer's am Ende kennte verlangen, dann is das nur darum gewesen, weil er sich gar zu viel Miehe hat gegä'm. Gar zu gut hat er's wollen mach'n, und darum ist er so unruhig gewesen. Un ich meine, wir kenn' doch Klausern alle, und wir wissen, daß er einer is, der den leibhaftigen Deifel aus der Helle tät rausholen, wann's mal mechte netig sein. Und das is doch schließlich die Hauptsache, meen 'ch.«
»Na, wenn's nach Dammer seiner Ansicht ging, denn brauchen wir ja schließlich überhaupt keine Mensuren mehr zu schlagen, dann kriegte einfach der das Band, der nach Ansicht seiner Korpsbrüder guten Willen hat und dat Hart up den rechten Flag!« So meinte der Senior. »Es scheinen also zwei Ansichten vertreten zu sein: Krusius und Koch, ihr findet die Mensur wohl völlig ungenügend; na, dann muß ich also bitten, Krusius, daß du einen ents--prechenden Antrag s--tellst.«
»Ich beantrage: C. B. Klauser perpetuell zu dimittieren.« Krusius hatte es hart und kalt ausgesprochen, und es ging denn doch einen Augenblick ein jähes Frösteln durch die Versammlung.
»Na, das wäre also dein Antrag, Krusius. Sollte etwa auch jemand den Antrag stellen wollen, die Dimission von Klauser aufzuheben -- so daß also seine Mensur als Reinigungsmensur zählen würde?«
»Ich stelle den Antrag,« sagte Dammer ruhig und fest.
»Ich für meine Person,« sagte der Erste, »mir hat die Mensur zwar genügt, aber nicht als Reinigungsmensur. Demnach werde ich beide Anträge ablehnen, den Antrag Krusius auf perpetuelle Dimission sowohl wie den Antrag Dammer. Wünscht jemand vor der Abstimmung noch das Wort?«
»Ich bitte ums Wort.« Professor Dornblüth hatte es mit markiger Stimme gesprochen. Alle Augen flogen zu seinem Gesichte hinüber, das, tiefgebräunt, von scharfen Furchen durchzogen, mit der hohen, schon etwas kahlen Stirn und dem wehenden, schon leicht angegrauten Rotbarte ganz seltsam mächtig und wuchtend zwischen den rosigen, flaumigen Knabengesichtern stand.
»Liebe Korpsbrüder,« sagte der Professor, »ich kenne Sie alle erst seit einer Stunde, Klauser persönlich überhaupt noch nicht. Ich stehe seit dreizehn Jahren, obwohl ich während des größten Teils dieser Zeit Hochschullehrer gewesen bin, dem studentischen, dem Korpsleben ziemlich fern. Für diejenigen unter Ihnen aber, die es noch nicht wissen sollten, teile ich hier mit, daß ich als ordentlicher Professor der Rechtswissenschaft nach Marburg berufen worden bin und hoffe, in Zukunft auch mit unserer lieben Cimbria in so angenehmem und innigem Zusammenleben zu stehen, wie es mir als Altem Herrn und in meiner Stellung als Universitätslehrer noch besonders ziemlich erscheint. Das voraus. Nun ein paar Worte über unsern Fall. Liebe Freunde, ich erwarte von Ihnen nicht, daß die Ansicht eines Alten Herrn in Mensursachen sehr starken Eindruck auf Sie machen wird. Ich war ja doch selbst aktiv, war zwei Semester Erster und entsinne mich wohl genug, mit welcher souveränen Verachtung wir als Aktive auf diese fossilen Reste längst vergangener Ansichten und Auffassungen herabsahen, welche sich in den Alten Herren verkörperten.«
Er lachte behäbig, und auf allen Gesichtern zeigte sich ein verständnisinniges Schmunzeln.
»Nur eins möchte ich zu bedenken geben: Sie wollen -- wenigstens möchte Ihr vortrefflicher Zweitchargierter, Krusius, den ich zum mindesten als glänzenden Sekundanten schon schätzen gelernt habe, der möchte Sie dazu veranlassen, unsern Klauser endgültig aus dem Korps auszuschließen. Wissen Sie, was das für Klauser bedeutet?! Da draußen weiß kein Mensch, was zweiter Hieb und was rechte Schulter vorbringen und Augen zukneifen bedeutet. Da wird man von Klauser nur so viel wissen: das ist ein herausgeschmissener Korpsstudent -- herausgeschmissen, weil er sich auf der Mensur feige benommen hat!! -- Und das wird der Mann sein Leben lang nicht ganz los! Daraus können Neider und Feinde immer bei Gelegenheit Knüppel schneiden, um sie ihm zwischen die Beine zu werfen!! -- Nun, meine Herren Korpsbrüder, ich appelliere an Ihre Freundschaft: mögen Sie den Mann, den Sie vier Semester lang Bruder genannt haben, so ins Leben hinausstoßen --? Hat er das verdient?!«
Er sah umher. Krusius wirbelte nervös sein flaumiges Schnurrbärtchen, Koch kraulte seinen kahlgeschorenen Schädel, Papendieck war verlegen, die jüngeren Korpsburschen konnten sich kaum halten, dem Alten Herrn zuzujubeln.
»Nun zur Mensur selbst. Ich bin festiglich davon überzeugt, daß Sie, meine jungen Herren, von Mensuren viel mehr verstehen, als ich alter Knabe, der heut zum erstenmal seit vierzehn Jahren wieder einmal hat Blut fließen sehen. Aber ... von Menschen verstehe ich vielleicht einiges und habe Blick dafür ... und da kann ich nur sagen: ich hab' das sichere Gefühl, als ob dieser junge Klauser aus dem Holz wäre, aus dem das Leben Männer schnitzt ... Männer ... Freunde ... Kämpfer ... aber Sie kennen ihn ja besser: täusche ich mich am Ende?«
»Nein! Nein! Klauser ist ein Prachtkerl! Ist keiner im Korps, der ihn nicht mag!« so klang's von allen Seiten in die parlamentarische Stille hinein.
»Silentium!« gebot Papendieck. »Sie hören, Alter Herr, so is dat nich, dat irgendeiner wat gegen Klauser hat, ne, so nich.«
»Nun, also! Und wenn einer, den ihr alle liebt, der euch allen würdig dünkt, euer Freund zu sein ... wenn der in der wahnsinnigen Aufregung des Kampfes um das korpsstudentische Sein oder Nichtsein ... in der Hitze seines offenbar feurigen Temperaments um ein paar Linien von dem Ideal der korpsstudentischen Fechterei abweicht ... dürft ihr ihn darum als unwürdig ausstoßen?! Ich meine, jeder Zoll seines Wesens, jede Bewegung bei seiner Mensur zeigte: ich habe nur den einen Gedanken: es dem C. C. recht zu machen, ihm zu genügen, mich würdig des Bandes zu zeigen, das ich schon halb und halb verscherzt habe ... war's nicht so?!«
Aller Augen hingen an seinem Munde, und man sah, daß es auch jenen, die Klausers Ausschließung befürwortet hatten, dabei nicht wohl gewesen war: daß sie sich lediglich verpflichtet geglaubt hatten, dem Ideal von Mensurschneid, das ihnen von Rechts wegen vorschwebte, wieder einmal ein Opfer zu schlachten, um die vermeintliche Schmach, die Klauser dem Korps als dessen Zweiter durch eine ungenügende Mensur angetan, zu sühnen.
»Nun, meine lieben Herren Korpsbrüder, ich habe als Alter Herr in Ihrem Konvent nur Sitz, aber keine Stimme. Ich schlage Ihnen vor: nehmen Sie den Antrag unseres jungen Herrn, von dem ich bisher nichts weiß, als daß er aus Dresden ist und das Herz auf dem rechten Fleck hat --«
»Ich heeße Dammer,« warf der Fuchsmajor mit einer linkischen Verbeugung, errötend, dazwischen. Alles lachte laut und befreit auf.
»Also lieber Korpsbruder Dammer, ich bitte die Herren Korpsbrüder, Ihren Antrag anzunehmen.«
»Ich ziehe meinen Antrag, Klauser perpetuell zu dimittieren, hiermit zurück,« sagte Krusius.
»Somit ist nur noch über den Antrag Dammer abzustimmen: die Dimission auf unbestimmte Zeit des C. B. Klauser aufzuheben. Ich schreite hiermit zur Abstimmung: Der Antragsteller stimmt zuerst, dann der jüngste Korpsbursch. Also bitte?«
»Dafier,« sagte Dammer im Brustton. Und: »Dafür!« »dafür!« »dafür!« ging's von Mund zu Munde.
Nur Krusius und Papendieck, die beiden ersten Chargierten, stimmten gegen den Antrag. Sie fühlten sich für den Mensurschneid Cimbrias verantwortlich und hätten es immerhin lieber gesehen, wenn Klauser noch eine zweite Reinigungspartie hätte fechten müssen. Aber im tiefsten Herzen waren doch auch sie, wie alle andern, geradezu erlöst. Mit lautem Geplauder, viele zu zweit und zu dritt Arm in Arm, verließ man die Laube und schwärmte in den Saal zurück. Und nicht wenige umgaben den Professor, der, fast alle um Haupteslänge überragend, in der Schar der Jungen heitern Herzens durch das Grün und den Glanz des Sommermittags wandelte, froh der seltsam jugendlichen Frische, die ihn durchpulste ... und vor seinem Blick stand dabei das Bild eines fest schreitenden, voll erblühten Mädchens, dessen ernstes Auge nun bald aufstrahlen würde, beglückt entgegenleuchten jenem andern, dem Knaben, ihrem »Bräutigam«, dem er, Wilhelm Dornblüth, soeben das Korpsband gerettet hatte. -- --
Oben hatte es ~allen~ dreien, dem Paukanten, dem Freunde und auch dem guten, teilnahmsvollen Herzen des wackeren Paukarztes erscheinen wollen, als nähme der Mensuren-C. C. kein Ende. Längst war Wichart fertig, längst Klausers Kopf und linke Wange im dichten Wattebausch eingewickelt und wieder mit dem bergenden Turban versehen ... die Korpsburschen kamen noch nicht ... unzählige Male hatte Werner die Hand des Freundes tröstend gedrückt ... da plötzlich rief Wichart, der am Fenster stand: »Sie komme!«
Werner schoß ans Fenster: »Hurra, Klauser, ich gratuliere! sie lachen ... alle sind sie vergnügt, alle strahlen sie ... gut hat's gegangen!«
Und schon stand Papendieck in der Tür. Am selben Fleck, wo vierzehn Tage vorher Scholz Klauser seine Strafe verkündet hatte, eröffnete nun der neue Senior ihm seine Erlösung, in gleich offizieller Haltung, mit den gleichen formelhaften Worten:
»Klauser, ich habe dir aus dem C. C. mitzuteilen, daß deine Dimission aufgehoben ist. Gratuliere!«
Und ohne jede Gefühlsäußerung, korrekt und feierlich, schüttelten die beiden Jünglinge sich die Hände, aber es zitterte doch ein Unterton von Zusammengehörigkeitsgefühl, von Kameradschaft hindurch, in dem das Menschliche ganz, ganz zaghaft durch den rasselnden Harnisch, das tief niedergeklappte Visier dieses modernen Rittertums hindurchleuchtete.
Und dann ging Papendieck hinaus, Wichart gratulierte feuchten Auges, doch lächelnden Mundes:
»Na, schaust, Klauser? Nur or'ntlich druffdresche! Hernach geht's schon!«
Und Werner? Er wäre Klauser am liebsten um den Hals gefallen. Aber das wäre unkorpsstudentisch gewesen. So begnügte er sich, Klauser behilflich zu sein, das blau-rot-weiße Band anzulegen, und flüsterte ihm dabei selig zu:
»Du ... Marie --!!«
Und nun drängten die andern Korpsburschen herein und gratulierten Klauser, und in ihrer Mitte schritt er zurück in den Saal. In seinem Herzen war auf einmal eine seltsame Bitterkeit, die er sich nicht erklären konnte. Nun auf einmal wieder Bruder, Freund, und vierzehn Tage lang verbannt, ausgestoßen, verlassen ... und warum das alles? warum?!
Er hätte glücklich und versöhnt sein müssen -- aber er war es nicht.