Chapter 18 of 24 · 1451 words · ~7 min read

VI.

Von verzehrender Ungeduld geschüttelt, hatte Werner auf des Freundes Rückkehr geharrt. Und als Viertelstunde um Viertelstunde verrann, ohne daß Klauser an den Cimberntisch zurückkehrte, hatte es ihn nicht mehr inmitten der zechenden und schwatzenden Korpsbrüder gelitten. Ruhelos hatte er den Festwald durchstreift, hatte sich durchs Gebüsch an den Professorenplatz herangeschlichen und beobachtet, wie Marie bald von diesem, bald von jenem Tänzer aufgefordert worden war; hatte schließlich Dornblüth zurückkommen und in ruhiger Haltung am Tische, dem Frau Geheimrat Hollerbaum präsidierte, Platz nehmen sehen. Dann war Marie am Arm des Hessen-Nassauer-Ersten Seydelmann zurückgekommen; Dornblüth hatte sie aufgefordert, und dann hatte Werner das dem Tanzplatze zuschreitende Paar im Getümmel der andrängenden Tänzer verloren. Er hatte sie zusammen tanzen sehen; als er dann nach Schluß des Tanzes sich bemüht hatte, das Paar weiter zu beobachten, war er wiederum abgedrängt worden und konnte erst nach geraumer Zeit zum zweiten Male sich einen Beobachterposten unweit des Professorenplatzes erobern. Marie und Dornblüth fehlten am Hollerbaumschen Tisch ... und erst nach längerem Warten sah er sie beide herankommen. Die unstete Beleuchtung der Lampions verwehrte ihm die Möglichkeit, beider Gesichtsausdruck zu beobachten. Alsbald brach das Ehepaar Hollerbaum auf; Dornblüth legte sorgsam einen Mantel um Mariens Schultern, ließ sich, wie alle Herren, von einem Kellner einen brennenden Lampion, der an einer zierlichen Stange baumelte, als Heimkehrleuchte geben, bot Marie den Arm und folgte mit ihr einer ganzen Gruppe von Universitätslehrern, die jetzt mit ihren Familien aufbrachen.

Nun kehrte Werner an den Tisch seines Korps zurück, ob der Freund sich dort etwa eingefunden. Aber auch da keine Spur von ihm. Die Stimmung war schon vorgerückt. Die Alten Herren, die Inaktiven waren verschwunden, auch Scholz war nicht mehr zu erblicken. Was noch von den Aktiven vorhanden war, hatte scharf getanzt und schärfer getrunken. Nun die meisten Familien schon aufgebrochen waren, blieb nur noch das Trinken übrig. Und das wurde denn auch gründlich betrieben. Die Nacht war schwül, die Kehlen vom Tanzen, Singen, Schwatzen ausgedörrt. Unheimlich glühte des Seniors scharfgeschnittenes Gesicht, der schöne Krusius stierte mit glanzlosen Augen vor sich hin; unten, wo die Füchse saßen, thronte Dammer auf einem geleerten Bierfaß, das man auf den Tisch gesetzt hatte, und ließ sich Glas auf Glas heraufreichen, um den Füchsen einen Halben nach dem andern vorzutrinken.

Und Werner überkam eine wilde, sinnlose Sauflust. All die Erregung der letzten Stunden, die Angst um des Freundes Schicksal würgte ihm in der Kehle, riß ihm an den Nerven und zwang ihn zu trinken. Dabei zündete er eine Zigarre nach der andern an und paffte dicke Wolken in die Nachtluft. Die grölende Bezechtheit der Füchse störte ihn; er mußte nachholen, um stumpfsinniges Vergessen zu finden.

Immer wüster ward das Ende des Festes. Von allen Tischen, wo noch die Studenten saßen, klang rauher, unsicherer Gesang von Bummelliedern, der monotone Lärm eines immer toller ausartenden Saufgelages.

Und plötzlich fühlte Werner, daß er zuviel hatte. Er hob sich schwerfällig auf, taumelte ins Gebüsch, und der plötzlich überschwemmte Magen gab die wüst hineingegossenen Bierfluten von sich.

Und sofort war Werner stark ernüchtert. Ekel und Gram, eine fürchterliche Angst um den Freund, ein unsägliches Grauen vor der ganzen Welt überkam ihn, und hastig, so schnell die unsicheren Beine

vorwärts mochten, tastete er sich weiter durchs Gebüsch, fühlte endlich den harten, knirschenden Boden eines Fußpfades unter den Sohlen und tappte weiter durch die Finsternis, an den Buchenhecken entlang, die den Weg einsäumten. Nun endete der Wald, und über seinem Haupte spannte sich plötzlich der tiefschwarze Sternhimmel aus, überflammt von den unfaßbaren Herrlichkeiten des Unendlichen.

So übergewaltig riß diese unerwartete Schau an den aufgepeitschten Nerven des einsamen Knaben, daß ein jäher Strom brennender Tränen ihm in die Augen schoß.

Ach, Leben! Leben! Unermeßliche Welt ... was ist dein Sinn? Was quälst du mit so wirrem Schrecknis deiner hilflosen Kinder verlassene Seelen? Warum von Leid zu Leid, warum von seligen Graten des Glücksjauchzens immer wieder hinunter in lichtlose Gurgelschächte?!

Ach, eine Seele wissen, in die man sie ausgießen dürfte, die fressende, rüttelnde Lebensbangigkeit! zwei Hände, die sich kühlend über die fiebernden Augen legen würden, auf das schmachtende, keuchende Herz!

Einen gnädigen Mund, sattzuküssen an ihm die ängstende, schwellende, jagende Sinnenpein -- einen Busen, die qualfiebernde Stirn dran zu bergen!

Liebe -- Liebe --!!

Nicht jene, die den armen Freund so grausam quält ... nicht jene blasse, blutlose Seelenliebe mit all den schattenhaften, phantastischen Hoffnungen in verdämmernde Lebensfernen, nein, die einzige, die Gewißheit gäbe: die Liebe der Stunde, des Augenblicks, die erfüllende, die befriedigende, die erlösende Sinnenliebe --!!

Und wieder stand das blühende, wangenrote Verheißungsbild vor seinen Augen, das Bild des Mädchens, das schon einmal ihre junge gewährungsfrohe Schönheit den verlechzenden Lippen des Knaben geboten ... wo blieb sie so lange? Wußte sie denn nicht, daß er sie ersehnte? Daß er ihr Bild an seine Seite beschwor in jeder seiner verlassenen Nächte?!

Wann würde sie kommen? Er mußte doch einmal fragen ... und wenn auch der Bruder Simon noch so haßfunkelnde Blicke schießen würde aus seiner Ecke hinter dem Ladenpult ...

Und dann, wenn sie käme ... dann schnell! schnell! schnell!!

Denn Scholz war ja wieder im Land ... Scholz, der Sieger, der verachtende Bezwinger, der mit einem Hohnlächeln seiner schmalen Lippen die Weiber zu füßeküssenden Sklavinnen machte ...

Darum schnell! schnell!

Und dann wollte er sie heiß und toll in die Arme pressen, sie so wahnsinnig küssen, so schonungslos sich hineinwühlen in all ihre Wunder, daß sie nach keinem andern mehr verlangte.

Rosalie ... Rosalie ...

Da stand er vor dem niedern Häuschen, vor der Schwelle, über die sie nun bald wieder hinüberschreiten würde ... hinüberschreiten, um ihn zu beglücken ...

Und der Schlüssel knackte im Schloß, die Stiege knackte -- und Werner stand in seinem dunkeln Stübchen. Noch einmal ans Fenster! Noch einen Abschiedsblick zu den weißen, erstarrten Sternenschäumen da oben ... und dann ins Bett ... das nun nicht lange mehr einsam sein sollte ...

Da ... ha!

Was? War denn das Nebenzimmer jetzt vermietet?

Und so dünn war die Wand? Man konnte ja die Stimmen ...

Was?! Unmöglich ...

Doch ... seine Stimme ... Scholz ...

Und nun -- eine andere Stimme ... eine -- Frauenstimme --

Barmherzigkeit --!! Rosalie!!

Abgebrochene ... flüsternde ... stammelnde Worte ... töricht-lockendes Liebesgeschwätz ...

Nun Stille ... ein Tappen von nackten Füßen -- nun eine werbende, dunkeltönige Mannesstimme ... wehrende, kichernde, schmollende Weibeslaute ...

Und wieder still ... und Rascheln wieder und ...

Und nun -- und nun -- -- Werner mußte alles hören ... alles ... mußte er hören ... alles.

Stille dann ... Stille ...

~Das also war die Liebe?! -- Gott -- -- das war die Liebe --?!~

* * * * *

Und im Verzweiflungswahnsinn fuhr Werner empor. Er riß die Kleider über die schlotternden Glieder, knöpfte zu, so gut die tatternden Finger den Dienst verrichten wollten, fand seinen alten Reisehut, seinen Stock, dann zur Tür -- --

Ach ... Geld ... er brauchte ja Geld ... Hahaha! Rundes, blinkendes, bares Geld ...

Das Portemonnaie war leer ... schnell den Schlüssel ins Schubfach ... so, da drin war ja noch was ... acht, zehn, zwanzig Mark ... so ... so ....

Und nun die Treppe hinunter ... den Steinweg hinab ... da die Ketzerbach ... die Beine flogen ... das Herz raste ... die Sinne schrien ... die Seele schrie ... schrie ... schrie ...

Da war's ... da bog der Seitenweg in die Hecke hinein ... da war das massive Gartentor ... da ragte der niedere Giebel des Fachhauses als schwarzes Dreieck in die Sternenprächte des Firmaments hinein.

Was stockst du, tastender Fuß? Hinein! Hinein! Das ist das Ende!

Da ... in der Haustür knarrt von innen ein Schlüssel ... sie öffnet sich ... es kommt wer heraus ... rasch ins schützende Gartengesträuch ...

Eine dunkle Männergestalt taumelt vorüber ... bückt sich ... greift nach irgend was unter dem Gebüsch am Boden ... nun flimmert im Sternenschein der weiße Besatz einer Cimbernmütze ... die wird mit raschem Ruck auf ein dunkles Haupt gestülpt ... und matt, gespensterhaft eine Sekunde aufleuchtend im fahlen Himmelsglanz, huscht ein stieres Antlitz vorbei, die Augen tief in schwarze Schattenlöcher versunken ... Willy Klauser ...

Ah! Hahaha! Recht so!! Der auch!

Das ist das Ende!!

Nicht Sinnenliebe, nicht Seelenliebe retten vor diesem Ende ...

Hahaha! Der auch!!

Verstoßen, verbannt aus dem Arm des Lebensglücks ... von reinem Munde, aus keuschen Armen verbannt und verstoßen ...

Das ist das Ende!!

Wozu sich noch sträuben!

Hinein, hinein in den Pfuhl --!!

Dort ist Wasser für deine Fieberdürste, betrogene, geschändete Seele, für deine lechzenden Brünste, gefolterter, gehetzter Leib ... Wasser ...

Zwar es stinkt ... es ist voll Gift ...

Aber es ist doch Wasser ... es löscht die rasenden Qualen ...

Trinken ... trinken!! ...

Und Werner klopfte an Linas Tür.