Chapter 4 of 24 · 3171 words · ~16 min read

IV.

Unter dem schmalen Türchen, das zum Delikateßwarengeschäft der Witwe Markus führte, stand die schwarze Rosalie und ihr Bruder Student. Die Geschwister zankten sich.

»Das kann ich dir sagen, Rosalie,« sagte Simon, »wenn du nit irgendwie dafür sorgst, daß die Mama mir am Wechsel zulege tut, hernach tu ich noch emal e G'schicht mache, wo ihr alle zwei dran sollt zuviel kriege.«

»Tu, was du nit kannst lasse,« sagte Rosalie mit einem unendlich gleichgültigen Achselzucken. »Du bist ebe nit als Sohn von ein Millionär auf d' Welt komme.«

»Ich weiß, daß ich der Sohn von der alte Markus bin,« knurrte Simon, und seine schmale blasse Wange glühte. »Aber ich weiß auch, daß die alte Markus Geld hat für ihrer Rosalie zehn neue batistene Sommerbluse zu kaufe, un denn tut's mer nit passe, daß ich als Student muß ins Vadders nachgelassene Kontorröckelcher erumlaufe. Wann ich soll erumlaufe wie e Fellcheshändler, hernach hätt mei Mutter nit gebraucht, mich Medizin studiere lasse.«

»Ich kann mir auch nit denke, was se sich dabei gedacht hat, die alt Markus. Du un e Student! du un e Mediziner! en Herr Doktor! Wer krank is un dein Fisionomie sieht un tut dich noch zu Rat ziehe, den kannst immer gleich obe nach Kappel in d'Irrenanstalt bringe lasse!«

»Was? Du un mein Fisionomie schlecht mache? mein Fisionomie -- die is mir wenigstens zu schad, um se von eime jede ablecke zu lasse!!«

»Simon!!« Wie eine Megäre sah das schöne Mädchen aus. »Ich kratz' dir die Auge aus auf der offene Straß!«

»Das kannst gern! Ebe kommt da euer Mieter, der Herr Korpsstudent, der Herr Cimbrefuchs Achebach -- kratz nur -- kratz! Dann weiß der auch gleich, was ihm emal von dir passieren wird, wann er dich leid is!«

Und mit Grinsen sah Simon, wie sich das Gesicht der Schwester plötzlich verwandelte, als Werner, die Kollegmappe umterm Arm, schmuck und geschniegelt, ein eben erstandenes Kornblumensträußchen im Knopfloch, von der Universität her die Wettergasse entlang geschlendert kam, seinen Arm lässig in den des guten Dammer geschoben.

Unwillkürlich strich bei diesem Anblick das Mädchen die losen Löckchen aus der Stirn, die sich, wie auch die Innenseite ihrer Hand, bei dem kurzen Wortgefecht rasch mit feinen Schweißtropfen bedeckt hatte.

Und Werner kam näher, sah Rosalie, sah ihr verheißungsvolles Lächeln und verabschiedete sich plötzlich und verlegen von dem grinsenden Dammer. Er schritt an den Geschwistern, die noch immer in der Ladentür standen, vorüber mit dem zeremoniell-respektvollen Gruß, der Rosalien immer so riesig angenehm übers Herz strich, trat in den schmalen Sondereingang, der zur Treppe führte, und stolperte in seine Bude. Rosaliens Lächeln machte seine Pulse hüpfen.

Kaum war er oben, da klopfte es, und Rosalie trat ein, unterm Arm ein wohlbekanntes Paket: den grauen Leinensack, in dem er alle drei Wochen seine Wäsche nach Hause schicken sollte ... das hatte er vor kurzem zum ersten Male, nach Mutter Achenbachs strengem und ach so zärtlich gemeintem Befehle, getan, und wunderlich war ihm zumut, wie da die Sendung der guten, vergötterten Mutter unterm Arm der +filia hospitalis+ bei ihm eintraf ...

»Da, Herr Achebach -- fünfzehn Pfennig hat's kost!« sagte Rosalie und legte das Paket auf den Tisch.

»Ah -- Sie haben's ausgelegt, Fräulein Rosalie? Tausend Dank -- hier ...« Er zog sein Portemonnaie heraus -- aber ... kein Pfennig fand sich vor -- auch nicht einer.

»Himmel -- was haben wir denn heut für'n Datum?«

»De sechsundzwanzigste -- ach so!«

Student und Mädel sahen sich an und mußten lachen, daß ihnen die Tränen die Backen herunterliefen.

»Noch vier Tag, dann kommt der Stephan!«

»Inzwischen kann ich zehnmal verhungert sein!«

»Korpsstudent, un verhungern in Marburg? -- gibt's nit -- wär auch schad um Ihne!«

»So -- finden Sie?!«

»Allemal!« Ein Blitz aus den dunklen Augen sagte: ja, ich mein's wirklich so. Werner war ganz benommen vor Glückseligkeit. »Nu? de Wasch von Haus? Soll ich Ihne helfe auspacke?«

Das meinte Werner nicht verschmähen zu dürfen, und behaglich sah er zu, wie die gewandten runden Finger die Knoten der Verschnürung lösten.

Aber die Öffnung des Sackes war mit Mutters sorgfältigen, gleichmäßig sauberen Stichen vernäht, und Werner mußte sein Taschenmesser hergeben -- daß ihn dabei die runden Finger streiften, war nicht seine Schuld, und daß diese flüchtige Berührung ihm ins tiefste Herz hineinschauerte, auch nicht. Und wieder war's ihm wunderlich, daß die Stiche alle, die seine Mutter so sauber und akkurat, so treusorglich und liebesgetrost einen neben den andern hingesetzt, nun von einem schimmernden flinken Händchen mit einem raschen Schnitt getrennt wurden ...

Als nun aber die Wäsche zum Vorschein kam, ward Werner doch rot und verlegen und wollte das Amt des Auspackens den allerliebsten Fingern entziehen. Aber das ließ Rosalie sich nicht gefallen. »Stelle Se sich nur an die Kommod -- ich geb's Ihne an!« Und ohne Scheu zählte sie ihm vor: »-- -- zwölf, dreizehn, vierzehn Hemde -- -- zehn, elf, zwölf Paar Unnerhose -- -- zehn, elf, zwölf, dreizehn Nachthemde -- uh, was habe Se für schön gestickte Nachthemde!«

Und dabei lachte sie ihn dreist an, und als sie sein Erröten sah, lachte sie noch viel stärker.

Indessen das Auspacken und Einräumen der Wäsche war ohne Zwischenfall beendigt, nur daß Werners Stimmung einen Augenblick umschlug, als Rosalie unter Lachen und Späßen zwischen den Taschentüchern und Strümpfen eine Trüffelwurst, eine Büchse Ölsardinen, ein Stück Gervais, eine Schachtel Zigaretten, ein Paket Schokolade und einen dicken Brief mit der Aufschrift »An dich!« zutage förderte. Der Brief verschwand in Werners Rocktasche, und als ob Rosalie empfunden hätte, daß sie in diesem Augenblicke auf Werner nicht mehr zu wirken vermöge, verdoppelte sie ihre Lustigkeit.

»Ah! Zigarette! un sicher gute!«

Ihre Augen funkelten begehrlich.

»Wollen Sie eine?« Werner hatte noch nie ein weibliches Wesen rauchen sehen. Doch -- einmal auf Reisen eine Russin im Eisenbahnwagen.

»Aber allemal!« Mit den Fingernägeln ritzte Rosalie die Verpackung auf, und eins, zwei, drei hatte sie die Zigarette entzündet. Nach ein paar Zügen stand sie vor Werner: »Die is fir Ihne!« Und eh' er sich's versah, hatte sie ihm die angerauchte Zigarette zwischen die Lippen geschoben. Er fühlte die Wärme, den Hauch von Feuchtigkeit auf dem Mundstück, und eine wilde Sehnsucht kam ihm nach diesen hüpfenden Lippen.

Rosalie zündete sich auch eine Zigarette an, saß auf der Sofalehne, baumelte mit den Beinen, rauchte stumm, ließ die blauen Nebelflöckchen lässig durch die Lippen steigen und sah Werner an, der, wie ein Schuljunge, der nicht mehr weiter kann, zu ihr aufschaute.

»Nu?« sagte sie nach einer Weile.

Werner schwieg und zerbiß das Mundstück seiner Zigarette. Seine Kinnbacken bebten leise.

»So e hübscher Jung -- un so langweilig!« sagte Rosalie.

»Langweilig? finden Sie mich langweilig?«

»Arg,« sagte Rosalie.

Langsam drehte sich Werner herum und ging ans Fenster, starrte durch die tief zusammengezogenen Vorhänge auf die Wettergasse hinaus.

»Gude Morge, Herr Achebach!« sagte Rosalie und ging langsam, lauernd zur Tür. Jetzt mußte er sich doch umdrehen, mußte sie in die Arme nehmen -- das war doch bei den andern auch so gewesen ...

Aber Werner drehte sich nicht um, und mit einem mißtönigen Lachen der Enttäuschung ließ Rosalie die Tür ins Schloß knallen.

Und Werner fiel in einen Sessel. Er zog den Brief der Mutter aus der Brusttasche. Die wohlbekannten, geheiligten Schriftzüge ... »An dich!!«

Und auf einmal konnte Werner weinen.

Bange, wilde Tränen ... aber doch Tränen ...

Kindertränen, Sehnsuchtstränen, wie sie vor wenig Tagen im selben Zimmer die blonde Babett geweint hatte.

»An dich!« Wie mochte sich Mutter sein Leben vorstellen -- und wie anders war das Antlitz der Wirklichkeit -- --

Ja, in seinen Briefen, da dichtete er den Eltern ein akademisches Idyll vor ... ein Gegenstück zu jenem, das des Vaters Jugenderzählungen dem Familienkreise vorgezaubert hatten ... ein Idyll aus Becher- und Schlägerklang, aus Festen der Freundschaft und Festen der Wissenschaft, aus schwärmerischen Spaziergängen im Mondenschein mit begeisterten Freunden ... und die Wirklichkeit?

Verkatertes Auffahren morgens früh bei Babetts Wecken, eilig hinuntergeschüttetes Frühstück, Galopp zum Fechtboden, eine Stunde Zitterns und Bebens unter der Behandlung der ausbildenden Korpsburschen, dann der Friseur, ein paar Stunden schläfrigen, verständnislosen Hindämmerns im Kolleg, Frühschoppen, Mittagessen in der von Mensur- und Weibergesprächen ausgefüllten Runde der Korpsbrüder -- dann ein endloser, bleierner Nachmittagsschlaf, ein Bummel auf der Wettergasse, eine Kegelpartie auf der Kneipe, und abends -- Spiel- oder offizielle Kneipe, aber hier wie dort Bier -- Bier -- Bier ... endlose Ströme Bier ... Halbe und Ganze, einfache, doppelte, dreifache Bierjungen, Bier, Bier, Bier ... und wenn der Magen rebellierte, eine Flucht nach draußen, eine Entlastung, ein Schütteln des Ekels und Grauens ... und dann wieder hinein in den dumpfen, von dichten Tabakwolken überlagerten Raum, und wieder Bier -- Bier -- Bier ...

Und dazwischen immerfort, von diesem wahnsinnigen Alkoholkonsum geschürt, die unseligen Sinnenkämpfe ...

Das war sein Leben, das war die heißersehnte akademische Freiheit ...

Ja, Werner weinte lange und heiß vor dem Briefe, aus dessen Aufschrift Mutterhoffnung, Mutterstolz, Mutterglaube so schlicht und ruhig ihm ins Auge schauten.

Dann riß er den Brief auf. Der meldete nicht viel Neues: sprach von der Eltern Befriedigung, daß der Sohn sich glücklich fühle auf der Hochschule, erzählte von kleinen Freuden und Leiden daheim, brachte die Grüße des Vaters, der Brüder, den Kuß der unversieglichen Mutterliebe.

Und wieder einmal war es Werner, als könne er's nicht mehr tragen, als müsse er dies Joch, das er freiwillig auf sich genommen, abwerfen ... aber was dann?

Dann mußte er verzichten auf dies ganze Studentenleben, nach dem er sich so gesehnt, verzichten auf den Schmuck der Korpsfarben, den Glanz des Auftretens, in dem sich seine ungefestigte Seele, ach so gerne doch! sonnte --

Denn in eine andere Verbindung eintreten, dieser Gedanke konnte ihm niemals kommen; soviel meinte er schon vom akademischen Leben begriffen zu haben, daß die anderen Korporationen doch nichts anderes seien als Korps zweiter bis siebenter Klasse. Also verschwinden, versinken in das Dunkel des Finkentums, verzichten auf die glanzvolle Zusammengehörigkeit mit allen Angehörigen des hohen Kösener Verbandes, der sämtliche Korps und ihre alten Herren zusammenschloß zu einer imposanten Masse gleich Erzogener, gleich Gesinnter, zu einem starken Rückhalt in den einstigen Kämpfen des wirklichen Lebens ... ohne den historischen Schmuck der Farben durch seine Studentenjahre gehen, wie irgendein Kommis ... angewiesen auf den Verkehr in irgendwelchen obskuren Kneipen -- die angesehenen waren der Tummelplatz der Couleuren und darum für den »Finken« fast unmöglich -- angewiesen auf den Zufall, der ihm einen Kreis von Kommilitonen zuführen möchte, mit denen er einigermaßen harmonieren könnte ... am Ende gar dem Spotte ausgesetzt, als sei es die Angst vor dem langen Messer gewesen, die ihn aus dem Korps getrieben -- --

Nein -- lieber aushalten ... die Zähne zusammenbeißen ... saufen mit der Kraft der Verzweiflung, der Eifrigste sein auf dem Fechtboden, damit wenigstens die niederdrückende Fuchsenzeit bald ihr Ende finden möchte ... und dann eine Rolle spielen im Korps -- Chargierter werden -- Senior wie Scholz ... S.-C.-Fechter ... herrschen ... Macht ausüben ... herausragen über die andern, Primus omnium auch in dieser Welt, wie er's auf dem Gymnasium gewesen ...

So kämpfte Werner Enttäuschung und Widerwillen hinunter und stülpte am Ende ein wenig beruhigter die Mütze auf den Kopf, um vor dem Frühschoppen noch einmal die Wettergasse auf und ab zu schlendern.

Und ganz vergessen hatte er über diesem Sinnen und Kämpfen, daß die erste Quelle seiner Tränen und Kümmernisse das schöne Mädel gewesen, die ihm so deutlich gemacht, daß sie nicht schmachte und platonisch trachte, nein, daß recht inwendig ...

Und er merkte auch nicht, daß seinem blonden teutonischen Wandel aus der Dämmerung des Ladens der alten Markus zwei dunkle Augenpaare folgten; in Spott und dennoch in aufsaugendem Begehren das eine, in wildem, dumpfem Neiderhaß das andere.

Simon stand ganz allein. Auf dem Gymnasium in Marburg war er in seiner Klasse der einzige Jude gewesen. Jahrelang hatte er ein paar Freunde unter seinen Mitschülern gehabt; und wenn auch der Sohn des Delikateßwarenhändlers niemals in die Häuser der Bürgerssöhne eingeladen worden war, niemals den Besuch seiner Freunde unter seines Vaters Dach empfangen hatte ... in jenen Jugendjahren hatte das Scheusal des Rassenhasses doch nicht zwischen den Bankgenossen gestanden, Simon war nicht allein gewesen inmitten seiner Kameraden. Aber dann, als er in die oberen Klassen aufrückte, war's langsam gekommen: die unbegreifliche, allmähliche Abkehr der Schulkameraden von ihm, die unbegreifliche, ungreifbare Vereinsamung. In Sekunda und Prima des Gymnasiums herrschte schon die Weltanschauung der akademischen Jugend, und diese schied den Juden aus dem Kreise der gleichberechtigten Kommilitonen aus.

Nun war Simon Student in der Heimatstadt, die zugleich eine Hochburg des Antisemitismus war, und die Herkunft aus dem Käseladen, seine armselige Börse verschloß ihm sogar die Möglichkeit, sich den wenigen semitischen Kommilitonen anzuschließen, die sich aus Unkenntnis der Verhältnisse nach Marburg verirrt hatten.

Darum hockte er tagaus, tagein in seinen kollegfreien Stunden im Laden der Mutter. Nicht einmal ein eigenes Stübchen besaß er während des Semesters, denn das winzige Haus enthielt außer den drei Schlafzimmern, die im Erdgeschoß lagen, nur noch die zwei Zimmer im Mittelstock, die Werner inne hatte, und daneben noch eine zweite Studentenwohnung, die aber nur ein Zimmer hatte. Doch das war in diesem Sommer ärgerlicherweise unvermietet geblieben. Indessen durfte man ja, vier Wochen nach Semester-Anfang, die Hoffnung noch nicht aufgeben, und das Zimmer blieb leer und wartete.

Simon nannte also im Hause seiner Mutter nichts als sein Schlafzimmer sein eigen, und so war er um die Mittag- und Abendstunden immerfort im Laden zu finden.

Hier gab es wenigstens etwas zu sehen; die Kunden kamen und machten Einkäufe, hielten auch wohl einen Schwatz mit der Mutter oder mit Rosalie, und Simon beteiligte sich manchmal daran; namentlich machte es ihm Vergnügen, die samt und sonders in die hessische Landestracht gekleideten Dienstmädchen durch gewagte Scherze derbsten Kalibers zum Kichern und Quieken zu bringen. Niemals aber war er zu bewegen, auch nur die kleinste Handreichung zu tun. Und so war denn seine Gegenwart der Mutter und Rosalien gleich verdrießlich. Die Mutter brummelte wohl mal ihren Ärger darüber halblaut vor sich hin; Rosalien war es eine besondere Genugtuung, den Bruder bei jeder Gelegenheit fühlen zu lassen, daß er im Wege sei. Ging sie aber bei ihm vorüber mit einer Schieblade voll Reis oder Sago, mit einer Trittleiter, so konnte Simon sicher sein, einen festen Puff mit der ersten besten scharfen Holzkante abzubekommen.

Und Simon ließ sich's gefallen. Er stieß nicht wieder -- schimpfte nur selten einmal. Er beneidete die schöne Schwester um ihren wundervollen Körper, um die schlenkernde Lustigkeit ihres Temperaments ... er beneidete sie, und doch war sie aller Stolz seines Lebens ...

Er hatte eine dunkle Ahnung, daß manches vorging zwischen ihr und den Studenten, die Semester für Semester die drei Zimmer im Mittelstock des elterlichen Hauses bewohnten ... eine dunkle Ahnung ... und diese Ahnung war in seinem lichtlosen Leben die schreckhafte Finsternis, in die seine nachtgewohnten Blicke nur mit Grausen hineinstierten.

Seitdem er vom Gymnasium entlassen worden war und ihm das medizinische Studium die Augen geöffnet hatte, umlauerte er jeden Schritt, jede Bewegung, jeden Blick und jedes Wort der Schwester, wenn er daheim war. Kam er vom Kolleg zurück oder vom Präparierboden, so galt sein erster, forschender Blick der Schwester: was mochte sie inzwischen getrieben haben?

Und wenn er jeden Couleurstudenten mit zähneknirschendem Pariahaß betrachtete -- eine kaum zu unterdrückende, würgende, kehlumschnürende Raserei packte ihn jedesmal, wenn er die Mieter seiner Mutter sah ... es waren seit Generationen Angehörige des Korps Cimbria ... einer von denen, das fühlte er, das fraß an ihm als ein unwiderlegliches Wissen, einer von denen hatte einmal den ersten Jugendzauber von seiner Schwester lachendem Munde geküßt, einer sie zuerst in den Armen gehalten, einer sie wissend gemacht ... und der jetzt da oben wohnte, dieser blonde, blauäugige Rheinländer, der besaß vielleicht jetzt ihren Leib ...

Und darum mußte sich Simon Markus jedesmal abwenden, wenn er Werner Achenbach im Hausflur, im Laden, auf der Treppe begegnete -- mußte sich abwenden, um den fürchterlichen Drang in sich hineinzuwürgen -- den Drang, jenem die blaue Mütze, das Band abzureißen und seine Zähne in den weißen Hals des Jünglings zu bohren ...

Heute war Rosalie, das hatte Simon wohl gemerkt, alsbald nach Werners Rückkehr zu ihm hinaufgestiegen und länger als eine Viertelstunde in seiner Stube geblieben ... was mochten die zwei in dieser Viertelstunde da oben getrieben haben? Das riß an Simons Herzen, an seiner Phantasie, seinen Sinnen ... Bilder quälten ihn, die er immer wegstieß, und die dennoch immer, immer wiederkamen ... und derweil kauerte er auf einem Schemel hinter dem Kontorpult in der Ecke des Ladens ... eine beständig schwälende Petroleumlampe hing dahinter und goß ein fahles Licht über seine ungeschlachte Nase, daß die rechte Gesichtshälfte von einem breiten Schlagschatten überschnitten wurde. Und Rosalie hantierte indessen munter und ahnungslos inmitten des Raums hinter den Verkaufstischen ... sie hatte alle Hände voll zu tun, so kurz vor Mittag.

Eben kam ein großes, blondes Mädchen in lichtgrünem Waschkleide, vor deren Eintritt die Dienstmädel, Offiziersburschen und Laufjungen ehrerbietig zur Seite wichen. Sie warf einen raschen Blick auf die Gasse zurück und lächelte unwillkürlich leise befriedigt, als draußen in diesem Augenblick die prachtvolle Gestalt des Zweiten Chargierten der Cimbria vorüberspazierte -- Klauser hatte das Mädchen, das sein ganzes Wesen beherrschte, in dem niederen Laden verschwinden sehen, und ohne sich einen Moment zu besinnen, trat er gleichfalls ein.

»Fräulein Hollerbaum?« sagte Rosalie diensteifrig, »womit kann ich Ihne diene?«

Marie Hollerbaum mußte einen Augenblick überlegen, da sie nur eingetreten war, um zu versuchen, ob Klauser ihr wohl folgen würde. Schließlich verfiel sie auf ein halbes Pfund Datteln.

Klauser trat heran und zog die Mütze.

»Guten Tag, Fräulein Hollerbaum.«

Marie nickte nur, aber daß sie rot wurde, konnte sie nicht hindern, noch verbergen.

»Darf ich fragen, ob Sie morgen abend auf der Museums-Reunion sein werden?«

»Oh, ich denke doch -- und Sie?«

»Ich bin da -- aber ich werde um halb elf nach Hause müssen.«

»Ach so --« lächelte sie, »Samstag?! Mit wem?«

»Herr Seydelmann.«

»Was?! Na, dann sollten Sie aber lieber am Freitag nicht tanzen.«

»Wenn Sie tanzen, komme ich.«

»Ich kann's Ihnen nicht verbieten. Guten Morgen, Herr Klauser!«

Sie hatte ihre Datteln in ihren Pompadour gleiten lassen, nickte kurz und schwebte hinaus. Klauser stand mit abgezogener Mütze und starrte so hingenommen hinter ihr drein, daß die Mägde und Burschen die Köpfe zusammensteckten. Kaum konnte er auf Rosaliens Frage die Bestellung einer Büchse Ölsardinen zusammenbekommen. Wie er hinausging, grinste Rosalie zu ihrem Bruder hinüber, und er grinste selig mit. Mochten diese Affen, diese Fatzken sich vergaffen, in wen sie wollten, wenn's nur nicht Rosalie war.

Aber kaum hatte Rosalie einen Teil der harrenden Kunden abgefertigt, da kam ein anderer Besuch: ein junges Bürgermädchen, etwa zwanzig Jahre alt, durch ihre einfache, schwarze Tracht als Ladnerin kenntlich.

»Tag, Lenche,« sagte Rosalie, strich die Rechte an der Schürze ab und reichte sie über die Theke hinüber der Angekommenen. »Aber -- was hast, Mädche?«

Die blauen Augen der Angekommenen standen voll Tränen.

Ein Schauer überlief ihre schlanke, feste Gestalt. »Salche, ich muß dich spreche -- allein muß ich dich spreche -- du mußt mer helfe, sonscht --«

»Na, da geh im Zimmer -- ich komm -- nur ebe die Kunde muß ich abfertige ... gleich is Middag, da wird's still.«