Chapter 7 of 24 · 4040 words · ~20 min read

VII.

Der Spuk der Nacht war verweht, die wilden Beklemmungen des Begehrens waren gelöst, der rätselvoll grauenbange Schrei der Finsternis im Ohr verhallt. Der erste Junimorgen wob überm Lahntal, und munter schritt Werner, wie jeden Samstagmorgen, dem Schlachtfeld Ockershausen zu. Er hatte den Weg über Schloß Dammelsberg gewählt und freute sich seiner Wahl.

Ach, dies altersbraune Schloß, wie ruhig und trutzig reckte es seine ungefügen Mauern und Dächer in das junge Blau. Und von den Terrassen zu seinen Füßen, welch eine Schau in die Tiefe! Gen Norden überflog Werners Blick die Häuser des Städtchens im Grunde, aus deren modriger Alltäglichkeit die unverwelkliche Zauberknospe Sankt Elisabeth sich hob. Die Stadt verlor sich nach rechts in die breite, tannenbergumsäumte Lahnebene, nach links verkroch sie sich in die lieblichen Blütenbüsche des Marbachtals ... und da grüßte auch, nur um ein geringes unter Werners Standpunkt, aus schmuckem Berggarten die altersmächtige Cimbernlinde, drunter das ehrwürdige bescheidene Korpshaus, nicht unähnlich einer schlichten Bauernhütte; aber von seinem Dache flatterte lustig die blau-rot-weiße Fahne, schon ein wenig ausgefranst vom Zerren des Frühlingswindes, ausgebleicht vom Maiensonnenblick, doch das Symbol des Bundes, dem Werner seine Jugend verschrieben, geheiligt durch seinen Willen, sie als eines Heiligen, seines Heiligsten Gleichnis gelten zu lassen. Und wie befreit von schweren wuchtenden Qualen atmete der Jüngling die sonnenduftende, taugekühlte Morgenbrise: sie kam vom Dammelsbergwald und brachte den Geruch der blühenden Eichen mit.

Und Werner schritt unterm mächtigen Torbogen durch, und vor ihm lag die südliche Lahnebene nach Gießen zu, ganz durchhellt von Morgenprächten. In weitem Bogen umschlossen von lichtgrünen Bergwäldern, vom Silberzickzack des Flusses durchflirrt, fern überragt vom düstern burgtrümmer-überzackten Frauenberg, reckte sich die schimmernde Flur. Und um den Schloßberg hatten sich, hoch herauf geklettert vom Ufersaum der Lahn, die braunen Ziegeldächer des Städtchens gelagert, wie eine rastende Pilgerschar, aus deren Mitte die Helme reisiger Begleiter aufragten -- die stumpfen Kirchturmhelme ...

Ein gelbes Band, lag drunten ein Stück der Ockershäuser Chaussee, die sich bald in jungen Blütenhalden verlor: Fliederblüten wölbten violette Sträuße über der Burschenwalstatt. Und auf der Chaussee erkannte Werners Auge die wandernden Farbtupfen: blaue, grüne, weiße Punkte, alle zu dem bekannten Ziele strebend ...

Aber Werner hatte einmal allein des Weges wandern wollen und schwang nun rüstig sein dünnes Gymnasiastenstöckchen, das ihm heute den gestern abend im Stich gelassenen Couleurstock ersetzen mußte. Bald nahm der Dammelsbergwald ihn auf, er war allein, er war glücklich, sein Herz schlug vor Jugend und Überschwang, er mußte singen:

»Wohlauf, die Luft geht frisch und rein, Wer lange sitzt, muß rosten ... Den allersonnigsten Sonnenschein Läßt uns der Himmel kosten ...«

Viktor Scheffels Verse und eines ihm unbekannten Tonsetzers Weise waren ihm nur das gleichgültige Fahrzeug seines Morgenglückes ...

Und was war im Tiefsten seines Freuens Grund? Daß er gestern nacht umgekehrt war von der Schwelle, hinter der die schöne Rosalie schlief ... daß ein unbekanntes Etwas, der grausige Widerhall eines geheimnisvollen Ereignisses ihn abgelenkt hatte vom Ziele seiner brünstigen Dränge.

Eine Reinheit wogte durch seine Seele, ein Hauch von jungfräulicher Frische, der keuschen Stille des Morgenwaldes verwandt, die sein rascher Fuß durchwallfahrtete ... und in diesem frommen Morgenfrieden jubilierte sein Herz noch lauter als sein Mund, lobpries einem unbekannten Geber solcher Gnadenfülle, streckte sich allem Guten und Großen entgegen, das heranzuwehen schien und in den wiegenden Kronen der Eichen einen Morgensang des Lebens harfte.

Reinheit! Reinheit! War es nicht doch besser, die Sehnsucht der Sinne niederzuringen und Sieger zu bleiben des Begehrens? Konnte man so selig stolz seines Weges ziehen, wenn man genossen hatte? Lag nicht doch ein tiefer Sinn in der alten Mär vom Baum der Erkenntnis?

Waren Tugend und Keuschheit nicht am Ende doch mehr als Maulkörbe für feige, geduldige Hundel?

Wernern war's, als blinke aus jedem frischen Tautropfen ein Ja auf diese Frage ihm entgegen, als wehe der Morgenhauch ihm Kraft und Kampftrotz in die Seele, in die Sinne, zu wahren die Unschuld und fromme Tumbheit seiner Kinderjahre, abzutun die buhlerischen Wünsche, Herz und Leib in priesterlichem Stande zu erhalten bis auf jenen fernen, fernen Tag, der auch ihm einst Erfüllung brächte ... jene Erfüllung, die nicht anders als -- -- Elfriede heißen konnte ...

Elfriede! Elfriede! Es war ihm eine süße Musik, diesen Namen zu denken, in seiner Seele nach den Zügen zu suchen, die ihm immer in traumhafte Fernen entflossen. Doch da: er hatte, er haschte ihr Bild, ihr Profil, wie er's noch vor wenig Wochen daheim beim letzten Konzert im Kasino lange hatte betrachten dürfen ... und dazu hatten sie droben Beethovens Zweite gespielt, und als der zweite Satz erklungen war, da hatte er diese Weise mit dem Bilde der Geliebten vermählt und Elfriede getauft ... und nun umschwebte, umrauschte, umschattete ihn wieder diese kühlend, heilend, heiligende Weise, umhegte das Bild des fernen, kaum gekannten Mädchens sein schauerndes Herz und weckte ihm Räusche von Hoffnungen und Gewißheiten künftiger Glücksüberschwänge, daß ihm die Gegenwart versank, daß er sich enthoben fühlte dem Sinn der Stunde in eine flutende Fülle sinnlos heiligen Glücksgenießens.

Aber -- der Wald war zu Ende, steil senkte sich der Fußpfad, Ockershausen war erreicht -- da zogen die blau-rot-weißen, grün-weiß-blauen Völkerschaften heran, und im Winde verflatterten Träume und Beseligungen ... die Gegenwart, die Wirklichkeit war da.

Karboldunst und Zigarrenqualm, Blutbrodem und Bierhauch umfing den waldgeschmeichelten Sinn und weckte ihn vollends zum Tage. Und schon klangen die Kommandos der Sekundanten, schmetterten krachend die Körbe zusammen, knallten die flachen Hiebe auf die Stulpen und Köpfe der Paukanten ...

Der kleine Dammer focht seine Rezeptionspartie: es war seine vierte Mensur, die entscheiden sollte, ob er nun zum Blau-rot der Füchse das blutumworbene Weiß der Korpsburschen und damit die vollen Rechte eines Angehörigen des Cimbernbundes erhalten solle. Darum hatte er eine überlegene Partie bekommen, einen Gegner, dem er eigentlich nicht gewachsen war, den dicken Zweiten der Westfalen. Herr Bracken schonte seinen Gegner gutmütig eine Weile, denn Cimbria und Guestphalia standen augenblicklich gut miteinander, und Bracken gönnte dem andern Korps den neuen Korpsburschen, dem allgemein beliebten gutmütigen Dresdener das Band. Er schonte ihn, damit die Mensur lange genug dauere, um als Rezeptionspartie vor dem sehr strengen Korpskonvent der Cimbria angerechnet werden zu können. Aber schließlich war er wohl allzu sorglos gewesen: plötzlich schlug der Cimbernfuchs eine kecke Tiefquart und spaltete dem Subsenior der Westfalen beide Lippen und die Nasenspitze. Fast schien's, als wollte der Westfalenpaukarzt die Verantwortung für ein längeres Stehenlassen des Zweitchargierten nicht mehr übernehmen; aber Herr Bracken, der nicht imstande war, zu sprechen, stampfte mit dem Fuß auf und schüttelte so energisch den Kopf, daß der Paukarzt achselzuckend zurücktrat.

»Herr Unparteiischer, von unserer Seite aus kann's weitergehen!«

»Silentium -- Pause ex!«

»Fertig!«

»Los!!«

Krach, krach, krach --

»Halt!«

»Halt!!«

Die Sekundanten hatten's beide fast in derselben Sekunde gerufen, aber auch aus der Korona waren unwillkürlich Haltrufe ertönt. Donnerwetter! Da hatte es ihn aber gehascht, den kleinen Cimbernfuchs!

»Herr Unparteiischer -- wir erklären die Abfuhr!«

»Silentium! Cimbria erklärt Abfuhr nach sechs Minuten!«

»Herr Unparteiischer, bitte zuvor noch drei Blutige auf seiten von Cimbria zu erklären!«

»Silentium! Drei weitere Blutige auf seiten von Cimbria! Wünscht einer der Herren noch Erklärungen? -- Silentium, Mensur ex!«

Dammer war schauderhaft zugerichtet. Jeder Hieb hatte gesessen. Anhieb auf Außenquart ins linke Ohr, zweiter Hieb auf Quart, linke Schädelseite der Länge nach gespalten bis auf die Knochen, dritter Hieb auf Terz, Lappen bis tief in die Kopfschwarte hinein, Knochensplitter in allen drei Schmissen ... aber Dammer fragte nichts nach seinen Abfuhren ... während wahre Güsse Bluts über seine Stirn und Wangen rannen, suchten seine Augen nur den Blick seines Leibburschen, der ihm sekundiert hatte, um aus seinen Mienen zu lesen, ob er auch gut gestanden ... aber Krusius, der Leibbursch, hatte nur auf seine Sekundantenaufgabe geachtet und war seiner Sache nicht ganz sicher -- -- er mußte sich selbst erst informieren. Doch alles schien befriedigt, und so klopfte er dem Blessierten beruhigend mit der vom Sekundierstulp befreiten schweißdampfenden Rechten auf die Schulter ...

»Brav, Leibfuchs!«

Da lachte Dammer glückselig unter der Paukbrille, unter den rinnenden Quellen seines Blutes hervor:

»Nu, denn --! Ich dank der ooch scheen, Leibbursch! Na, Wichart, nu kucke du zu, wie du mich wieder wirscht zusammenbringen!«

»Maul halten!« brüllte der gutmütige Paukarzt; »du hast grad' genug!«

Werner hatte Dammern zur Flickstubentür begleitet und das kurze Gespräch zwischen Krusius und dem Abgeführten aufgefangen. Er freute sich unendlich für Dammern, daß dieser nun Korpsbursch sei und das Ziel erreicht haben würde, für das er nun viermal Stirn und Wange dem Schläger des Gegners geboten. Und das Herz schlug ihm höher in dem Wunsche, auch ihm möchte es bald vergönnt sein, vor einem hohen S. C. zu Marburg die Blutprobe des Muts und der Standhaftigkeit abzulegen. Aber noch eine andere Probe hatte Dammer zu bestehen. Werner drängte sich in die Flickstube, wo eine ganze Schar von Korpsburschen der Cimbria sich um den Paukarzt und seinen Patienten gruppiert hatte und die Hälse streckte, um die mordsmäßigen Abfuhren des Brandfuchsen etwas näher zu betrachten. Es gelang Wernern, an der Seite durchzuschlüpfen, und nun erst sah er, wie grauenhaft der wackere Freund zersäbelt war. Rechts hing ihm die halbe Kopfschwarte als großer mit Haaren besetzter Lappen nach außen; links war die Schläfe von vorn bis hinten gespalten, und darunter hing das linke Ohr von vorne nach hinten mitten durch halbiert, in zwei trübseligen Fetzen herunter. Wichart war offenbar eine Sekunde in Verlegenheit, wo er eigentlich anfangen solle. Aber er entschied sich für den Schläfenschmiß, weil dort die Schlagaderäste zu toll spritzten; rasch und gewandt fuhr er mit Pinzetten in die Zuflußkanäle der durchschlagenen Arterien hinein und klemmte die dünnen Schläuche, aus denen das Herzblut spritzte, zusammen; bald baumelten vier solche Arterienfänger aus der Stirnwunde heraus. Dann kamen die Arterien vor dem Ohre dran, und nun begann, da der ärgste Blutstrom gestillt war, die Desinfektion. Aus einem Irrigator ergossen sich Ströme kalten Wassers mit Karbollösung in die Wunden und spülten sie rein, damit der Arzt zunächst den Zustand des Knochens untersuchen könne. Und da runzelte der sonst immer ruhige und gemütliche Wichart einen Augenblick die Stirn, so daß die zuschauenden Korpsburschen näher herandrängten. Das ärgerte wieder den Arzt, und er schrie: »Donnerwetter, schert euch raus, alle zusammen raus! Scholz, sorg mal, daß ich hier Luft kriege!« Werner wollte sich drücken, wie alle andern, aber Wichart rief: »Das Füchschen kann bleiben und dem Dammer die Waschschüssel halten, sonst fällt mir der am Ende noch ab!« So durfte Werner weiter zuschauen, und freute sich, seine Nerven bereits so weit gestählt zu fühlen, daß er dem blutigen Schauspiel mit Interesse folgen konnte. Aber dennoch krampfte sich sein Herz in die Höhe, als nun der Paukarzt mit einer scharfen Zange in die Wunden fuhr und erst die losen Knochensplitter herausholte, dann aber die noch halb festsitzenden mit kräftiger Drehung losbrach. Bei dieser Prozedur stieß Dammer, der bisher keine Miene verzogen hatte, einen nicht unterdrückbaren rauhen Kehlton aus.

Dann wurde abermals mit dem Irrigator nachgespült, und nun begann das Rasieren. Mit scharfem Messer barbierte Wichart kunstgerecht einen Finger breit neben den Kopfnarben die Haare weg, um freie Hand für das Nähen zu haben. Dabei strömte aus den Wundrändern von neuem das Blut, und auf Wicharts Befehl mußte Werner das Waschbecken, das Dammer vor sich auf der Stuhllehne hielt, ausgießen, da es völlig mit dunklem Blut gefüllt war, und mit frischem Karbolwasser füllen, das aber auch in zwei Sekunden tief dunkel gerötet war. Dabei schaute er zufällig auf und sah, daß am andern Ende des kleinen Zimmers der Korpsdiener Peter bereits den nächsten Paukanten -- Klauser -- anbandagierte. Mit Entzücken haftete Werners Auge eine Sekunde lang an dem entblößten Oberkörper des wunderschönen Jünglings; dabei fiel ihm aber auf, wie matt und unstet sein Gesichtsausdruck war. Doch ein »Aufpassen!« Wicharts rief ihn zu seiner Pflicht zurück, und indem er den Fortgang der Flickarbeit verfolgte, blieb ihm keine Zeit, dem zweiten Chargierten weiterhin Aufmerksamkeit zu schenken.

Er beobachtete sorgfältig, wie Wichart nun zunächst mit Fäden aus Katzendarm ganz innen die knorpligen Häute der Ohrmuschel zusammennähte, wobei Dammer wiederum verhalten aufstöhnte; dann wurde in gleicher Weise die Knochenhaut zusammengeheftet, und immer spülte dazwischen der Irrigator. Dann ging's an die Außennähte. Stich für Stich drangen die krummen Nadeln, von der Pinzette in unfehlbar sicherer Hand geführt, in das Fleisch seitlich der Wunde, durch deren Grund hindurch und an der anderen Seite wieder heraus. Dann wurden die Fäden abgeschnitten und ihre Enden sorgsam zusammengeknotet.

Mitten in der Arbeit bemerkte Werner plötzlich, daß Dammer ganz grün an Gesicht und Händen wurde, und seine Finger, welche die Flickschüssel umklammert hielten, nachließen. Er machte Wichart aufmerksam, der nahm schnell die Schüssel weg, reichte sie Wernern, damit der sie auf den Tisch setze, und unterstützte Dammers Schultern, die eben zurücksinken wollten. »Schnell! einen Kognak und eine Flasche Selterswasser!«

Werner sprang. Als er zurückkam, war Dammer schon wieder bei Besinnung, nur der Blick seiner Augen war glasig und matt. Gierig trank er seinen Sodaschnaps.

Eben trat Scholz im Sekundierwichs herein: »Na, Klauser, wo bleibst du?«

»Wichart ist noch nicht fertig mit Dammer.«

»Ach, nur noch ein paar Nadle -- macht schon immer los, so fix wird der Klauser sich doch nit haue lasse!«

»Na, dann raus!«

Und wenig Sekunden später klirrten draußen im Saale die messerscharfen Kommandoworte, krachten die Körbe der Schläger blechern zusammen.

Gar zu gern wäre Werner entwischt, um die Mensur des Zweiten anzusehen. Aber Wichart konnte seine Hilfe noch nicht entbehren.

»Du hast dich ganz gut gehalte, Füchsche,« sagte er. »Bist eigentlich Mediziner?«

Dabei zog er Nadel um Nadel mit maschinenmäßiger Sicherheit durch Dammers feiste Schädelschwarte.

»Nein -- Jurist,« sagte Werner.

»Warst schon mal auf'm Präparierbode?«

»Was ist das, Präparierboden?«

»Nun, die Anatomie, wo die Medizinfüchs das Mensche-Tranchiere lerne!«

»Nein, da war ich noch nicht -- möcht' aber gern mal hin -- wenn du mir dazu verhelfen könntest, Wichart, ich wäre dir sehr dankbar.«

»Nu, das is e einfache Geschicht -- komm Montag 'mal runner um zehn, ich bin ja Prosektor.«

Das gedachte Werner sich nicht zweimal sagen zu lassen. Dabei fiel ihm eine Anekdote aus seines Vaters Jugendzeit ein. Sein Vater hatte ursprünglich Medizin studieren wollen. Als gar junges Bürschchen war er zur Hochschule gekommen, und der erste Besuch auf dem Präparierboden hatte ihn so entsetzt, daß er an der Tür des Saales umgekehrt und schleunigst zur Universitätskanzlei gestürzt war, um sich von der medizinischen zur juristischen Fakultät überschreiben zu lassen. Werner erzählte das Wichart, der herzlich lachte; auch Dammer wurde jetzt, am Ende der Schinderei, munter und lachte etwas jämmerlich mit.

»Na, ich denk, du wirst nit weglaufe,« meinte Wichart, »du bist nit so zärtlich.«

»Ich hoffe nein.«

»Für alle Fäll kannst du dir ja vorher en Eimer gebe lasse, damit du wenigstens nit de Vorsaal verunreinigst.«

Und wieder lachten alle drei. Und draußen schmetterte dazwischen Gang auf Gang, Kommandos, krachende, dumpfdröhnende Hiebe, das Halt der Sekundanten und ihr Gekläff um Inkommentmäßigkeiten, dann schwüle Pausen -- neue Kommandos, neue Hiebe. Wie mochte es draußen stehen?

Eben hatte Wichart eine feste Watteverpackung um Dammers Schädel und linke Kopfseite verstaut und so gründlich mit Stärkebinden umwickelt, daß nur Augen, Nase und Mund aus dem weißen Paket hervorschauten -- da entstand, unmittelbar nach Beendigung eines Ganges, draußen jene allgemeine Bewegung, die das Ende der Mensur verriet, und gleich darauf trat Klauser, den bandagierten Arm noch auf den Händen des Schleppfuchses ruhend, blutüberströmt herein. Hinter ihm Scholz und ein paar andere Korpsburschen, alle ganz merkwürdig still und blaß.

»Nu?« fragte Wichart.

»Quartabfuhr nach achteinhalb Minuten,« sagte Scholz in unheilverkündendem Ton. Dann riß er den Sekundierstulp ab und schleuderte ihn auf den Boden, Mütze und Schurz hinterher.

»Hm?« machte Wichart.

Scholz schlug zweimal mit der Rechten durch die Luft, eine Geste, die deutlich erkennen ließ, daß irgend etwas Schlimmes passiert sei.

»Na, kommt raus!« sagte Scholz. Und alle Korpsburschen gingen. Hastig vollendete Wichart Dammers Verband, hieß ihn Hemd, Weste, Band und Rock anlegen, schickte ihn und Werner hinaus. -- Drinnen blieben nur der blessierte Klauser und der Paukarzt.

Werner begriff nicht, was vorgefallen sein mochte. Er sah, daß draußen der Fuchsmajor alle Korpsburschen zusammenberief und sie alle sich aus dem Saale entfernten. In dem dumpfen Gefühl, daß etwas Böses sich ereignet haben müsse, fragte er Dammer: »Hast du eine Ahnung, was die Korpsburschen eigentlich haben?«

»Nu ja, nu ne -- Klauser hat, scheint's, iebel gefocht'n.«

»Wieso?«

»Schlecht gestanden scheint er äbens zu haben.«

»Nun, und --?«

»Na -- du siehst doch, daß de Korpsburschen zum A. O. C. C. (außerordentlichen Korpskonvent) sein abgetreten -- da werden sie wohl beschließen, Klausern auf unbestimmte Zeit hinauszutun.«

»Und -- was wird dann weiter mit ihm?«

»Dann muß er Reinigungspartie fechten.«

»Und ... dann kommt er wieder ins Korps hinein?«

»Wenn seine Mensur als Reinigungsmensur genügt, dann wird die Dimission aufgehoben.«

»Und wenn sie ... nicht genügt?«

»Ja -- dann tun sie'n äbens ganz rausschmeißen tun sie'n dann.« -- --

Dammer hatte richtig vermutet.

Nach wenigen Minuten kamen die Korpsburschen zurück, alle tief ernst und gedrückt; der Fuchsmajor ging zuerst zu den Senioren der beiden anderen Korps und machte diesen mit feierlich abgezogener Mütze eine kurze Meldung, dann rief er die Füchse in einen Winkel des Saales zusammen und befahl:

»Silentium für den A. O. R. C. (außerordentlichen Renoncenkonvent).«

Er und alle Füchse nahmen die Mützen ab.

»Es wird den Renoncen aus dem C. C. mitgeteilt: C. B. Klauser Zweiter seiner Charge entsetzt und derselbe auf unbestimmte Zeit dimittiert. -- Hat jemand sonst noch etwas vorzubringen? Silentium -- so ist der A. O. R. C. geschlossen.«

Schweigend setzten die Füchse die Mützen auf und gingen beklommen zu ihren Plätzen.

Über den Tischen der Cimbern lag ein dumpfes Schweigen. Aber auch bei den beiden andern Korps ging es minder lebhaft zu als sonst. Man ehrte Cimbrias Muttertrauer über die Strafe, die sie an einem ihrer Söhne hatte vollziehen müssen, den sie vor andern wert gehalten hatte.

Leise tauschten auch die Füchse ihre Ansichten über das schmerzliche Ereignis aus. Die Brandfüchse behaupteten fast alle, sie hätten während der Mensur ganz genau gemerkt, daß Klauser schlecht stände.

»Er hat mehrfach den zweiten Hieb ausgelassen.« behauptete einer.

»Als er die Temporalisabfuhr bekam, hat er ganz merklich reagiert,« wußte ein anderer zu melden.

»Mir hat seine ganze Haltung von Anfang an nicht gefallen. Es war, als ob er gar nicht recht bei der Sache gewesen wäre.«

»Ja, als ob ihm eigentlich alles wurst wäre. Als ob er immerfort an was anderes dächte.«

»Hat er ja vielleicht auch getan.« Zwischen den ernsten Betrachtungen ein heimliches, verstohlenes Schmunzeln auf allen Lippen.

»Einmal hat er mitten im Gange aufgehört zu schlagen.«

»Das hab' ich auch gemerkt -- als er die Terz weghatte: er machte ein ganz verdutztes Gesicht.«

Was der eigentliche Grund von Klausers Dimission sei, vermochte Werner sich aus all dem Wirrwarr der Ansichten nicht recht klar zu machen. Er beschloß, seinen Leibburschen zu befragen.

Aber da kam er schön an. »Das sind deine Sachen nicht!« schnauzte Scholz den Leibfuchs an. »Sorg, daß du selber anständig fechten lernst, und überlaß das übrige den Korpsburschen! Wenn du mal selber das Band hast, dann magst du mitreden.«

Mit hängenden Ohren schlich Werner zu seinem Platze.

Es war ein trüber Tag für die Cimbern. Noch eine ganze Reihe von Mensuren folgte, und bei fast allen war Cimbria als weitaus stärkstes Korps beteiligt, aber die frisch-fröhliche Raufstimmung der andern Tage fehlte. Die Entgleisung des zweiten Chargierten war so rasch nicht zu verschmerzen. Geschäftsmäßig wickelte sich der Tag ab.

Am Spätnachmittage kehrte man heim. Dammer fuhr seines Wickelverbandes halber in der Mensurdroschke. Der starke Blutverlust hatte ihn müde gemacht, er schlief, tief in die Wagenecke gedrückt, und als die Kalesche am Vogtschen Pensionat vorüberrollte, verfehlte er die Gelegenheit, das Herz des »sießesten Mädichens« durch den Anblick seines Zustandes zu rühren und mit noch tieferer Bewunderung für seinen Mannesmut zu erfüllen.

Vergebens hatte Werner sich nach dem unglücklichen Klauser umgesehen. Der hatte, nachdem Wichart ihn geflickt und verbunden hatte, von Scholz die offizielle Mitteilung bekommen, daß er seine Charge verloren habe und dimittiert sei. Das hatte er schon vorher gewußt. Er hatte eine ihm sonst ganz fremde Unsicherheit und Apathie während der Mensur selbst deutlich genug empfunden, aber er war ihrer nicht Herr geworden. Das Benehmen seiner Korpsbrüder aber unmittelbar nach der Mensur hatte ihm, dem Erfahrenen, genug gesagt. Und dennoch schnitt es ihm ins Herz, wie Scholz so kalt und gemessen vor ihm stand und ohne ein Freundeswort, ohne ein Beben in der Stimme ihm eröffnete: »Klauser, ich habe dir aus dem C. C. mitzuteilen, daß du deiner Charge entsetzt und auf unbestimmte Zeit dimittiert bist.« Dann hatte Scholz sich umgewandt und ihn stehen lassen wie einen Geächteten.

Da nahm er das Band vom Riegel, und statt es über die Weste zu hängen, wie sonst beim Ankleiden, ließ er's stumm in die Tasche gleiten. Und die Korpsmütze versteckte er unter der Weste ... Über seinen Wickelverband zog er eine schwarze, seidene Mensurmütze bis tief in die Stirn, griff zum Stock und wollte gehen.

Der gute Wichart hatte ihm schweigend zugesehen. Klauser fühlte seinen Blick und wandte sich zu ihm.

»Wann bin ich wieder so weit, Wichart?«

»In vierzehn Tagen, Klauser!«

»Was ... erst in vierzehn Tagen --?!«

»Ja -- Temporalisabfuhr -- Knochensplitter -- so lange wirst du wohl aushalte misse.«

»Himmel!«

»Na, so vierzehn Tag -- die sinn doch fix herum!«

»Vierzehn Tage in Dimission --«

»Kopf hoch, Klauser! Bist ja so e strammer Kerle --«

Ein Händedruck, und Klauser ging einsam hinaus. Er stieg dumpf brütend die Treppe hinunter und ging allein nach Marburg zurück -- den Weg, den er heute morgen in Träumen voll wilder, jung-junger Seligkeit hergekommen war.

Denn das hatte er ja seinen Korpsbrüdern nicht sagen können, daß er die ganze Nacht kein Auge zugetan hatte -- daß er nichts anderes hatte denken und träumen können, als daß sie nun sein sei -- seit gestern abend ... seine Verlobte, seine Braut -- seit jenem Spaziergang im Museumsgarten, abseits vom Fiedeln der Walzergeigen, seit jenem kurzen Augenblick im Jasminboskett, der ihm den ersten Kuß seines Lebens gebracht hatte -- den Kuß einer Liebe, die, so wähnte er, nur mit dem Schlagen dieses stürmischen Herzens enden könne ...

Und nun?!

Langsam tropften schwere Tränen aus dem Auge des Jünglings, der inmitten der Jugendspiele Mannesrechte und Mannespflichten auf sich genommen und darüber den Schmuck der Jugend eingebüßt hatte.

Schwere Tränen tropften auf die Brust, an der gestern Mariens gelber Flechtenbau geruht hatte, auf der heute das Band Cimbrias fehlte.

Schwere Tränen, Kindertränen ...

Am Spätnachmittage hielten die Korpsburschen der Cimbria nochmals außerordentlichen Korpskonvent ab, und zwar auf der Kneipe. An Klausers Stelle wurde der dritte Chargierte, Krusius, Dammers Leibbursch, beauftragt, interimistisch die zweite Charge zu versehen, und ferner beschlossen, die Brander Böhnke, Dammer und Ehlert, deren Rezeptionsmensuren am Vormittage den Anforderungen eines wohllöblichen C. C. genügt hatten, ins engere Korps zu rezipieren. Das wurde diesen Glücklichen, die man schon ohne Angabe des Zweckes auf die Kneipe bestellt hatte, in feierlichster Form eröffnet, indem der Außerordentliche Korpskonvent sich sofort als »Feierlicher Korpskonvent« konstituierte, die rezipierten Brander vorlud, ihnen ihre Aufnahme eröffnete, ihnen den Burscheneid auf die Konstitution des Korps abnahm und sie feierlich mit dem blau-rot-weißen Bande schmückte.

Hernach war's noch eine Stunde Zeit bis zum Beginn der speziellen Kneipe. Das benutzten die Jungburschen selbstverständlich, um sich dem staunenden Marburg alsbald im neuen Schmucke der drei Farben zu zeigen. Auch Dammer hatte sich soweit erholt, daß er, trotz seines bis zur Unkenntlichkeit vermummten Kopfes, die Wettergasse herunterschlenderte bis zum Pensionat Vogt. Aber seine Sehnsucht erfüllte sich nicht: die Vogtei saß jedenfalls beim Abendessen.

Auf der Kneipe sah er sich allerdings zum Genusse eines Gebräues aus Ei, Kognak und Rotwein verurteilt, das er durch ein Röhrchen trinken mußte, da der angeschlagene Kaumuskel Trinken im eigentlichen Sinne und Essen verbot. Trotzdem war er selig.

Und auch das Korps überwand in der Freude über seine drei Jungburschen allmählich die Mißstimmung über den Verlust des Subseniors. Ach ja, der Lebende hat recht, und was ist ein einzelner unter einer Schar von mehr denn vierzig!

Vielleicht am aufrichtigsten und dauerhaftesten trauerte Werner um Klauser. Er sah immer noch den Freund am Arm des schönen Mädchens aus dem Boskett in den Mondflimmer hineintauchen und meinte noch den unerhört süßen Nachhall der gestammelten Worte zu hören:

»Willy -- meiner -- mein Willy ...«

Nun lag der Arme gewiß einsam und schlaflos daheim und fühlte das Brennen seiner Wunden und seiner Scham ...

Und warum?!

Grausam -- grausam ...

Und Werner betrank sich.